1. Research

Entfernung zur lokalen Bankfiliale spielt für die Deutschen eine wichtige Rolle

Autor
Deutsche Bank Research Management
Stefan Schneider
Angesichts der zunehmenden Nutzung von Online- und Mobile-Banking steht die Zukunft der Bankfilialen seit einiger Zeit auf dem Prüfstand. Neben dem allgemeinen Trend können regionale Unterschiede bei der Nachfrage nach Filialdienstleistungen einen wichtigen Einfluss auf das künftige Filialnetz haben. Strukturell weniger Kundenbesuche in bestimmten Regionen könnten den Druck erhöhen, Filialen zu schließen. In Deutschland ist die Zahl der Bankfilialen deutlich gesunken – von ungefähr 40.000 im Jahr 2007 auf etwa 28.000 im Jahr 2018.
Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, Kundenbesuche in Filialen und regionale Unterschiede näher zu betrachten. Wir greifen dazu auf einen eigenen Datensatz zurück, der auch den Anteil der Kunden beinhaltet, die ihre lokale Bankfiliale mindestens einmal jährlich besuchen. Wichtig ist, dass wir einen Besuch nur zählen, wenn der Kunde einen Termin vereinbart hat und mit einem Bankmitarbeiter sprechen will. Reine SB-Aktivitäten wie Abhebungen am Geldautomaten werden nicht berücksichtigt. Zur Lokalisierung der Kunden verwenden wir die ersten zwei Ziffern der Postleitzahl. Damit werden die Daten erheblich aggregiert und die Aussagekraft auf der Mikroebene ist begrenzt.
Besuche in Bankfilialen in Deutschland
Quelle: Deutsche Bank Research
 
Auf den ersten Blick sind deutliche regionale Unterschiede zu erkennen. In Regionen mit geringerer Bevölkerungsdichte ist die Anzahl der Filialbesuche tendenziell niedriger. In Teilen Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs beispielsweise, wo die Einwohnerzahl pro km2 im deutschland­weiten Vergleich am niedrigsten ist, gibt es im Durchschnitt weniger Filialbesuche (ungefähr 25% der Kunden besuchen eine Filiale). Im Gegensatz dazu liegt die Zahl der Besucher in den dicht besiedelten Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Hessen deutlich höher (bis zu 40% der Kunden). In den größten Städten wie Berlin, Hamburg, München oder Frankfurt besuchen Kunden interessanterweise seltener eine Filiale. Das könnte darauf hinweisen, dass der positive Zusammenhang zwischen Besuchen und Bevölkerungsdichte nicht linear verläuft. Es scheint ein Muster in Form eines umgekehrten U zu geben: Die Anzahl der Besuche steigt mit höherer Bevölkerungsdichte bis zu einem bestimmten Punkt und sinkt danach in Ballungszentren wieder – vermutlich aufgrund der jüngeren und damit eher technologie­affinen Stadtbevölkerung.
Die Entfernung zur nächsten Filiale könnte ein Grund dafür sein, warum weniger Deutsche in abgelegenen, d.h. dünner besiedelten Gegenden eine Bankfiliale aufsuchen.[1] Dabei kommen zwei Faktoren zusammen: erstens die allgemein niedrigere Bevölkerungsdichte in Ostdeutschland und zweitens eine niedrigere Filial­dichte im Verhältnis zur Bevölkerung. Es gibt im Osten nur 30 Filialen pro 100.000 Einwohner; in West­deutschland sind es 45 (die aktuellsten Zahlen stammen allerdings aus dem Jahr 2013). Das bedeutet, dass die Anzahl der Filialen pro km2 im Osten (0,07) deutlich niedriger ist als im Westen (0,2). Folglich müssen Kunden in Ostdeutschland im Durchschnitt 13 km zur nächsten Bankfiliale fahren, während es in West­deutschland nur 9 km sind. Weniger Filialbesuche wiederum können einen Nebeneffekt verursachen: die stärkere Nutzung von Online-Banking. Und tatsächlich erledigt in Sachsen, Thüringen oder Schleswig-Holstein ein größerer Anteil der Kunden Bankgeschäfte online als in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen.[2] Während eine größere Entfernung also eher dazu beiträgt, dass die Anzahl der Filialbesuche sinkt, dürfte sie gleichzeitig die verstärkte Nutzung von Online-Alternativen in Deutschland befördern. Daraus könnte ein Teufelskreis entstehen: Filialschließungen führen zu weniger Filialbesuchen und diese wiederum zu mehr Filialschließungen.

Vgl. auch: „Wer geht noch in die Bankfiliale?“

[1] KfW Research (2015), 25 Jahre freier Bankenmarkt in Ostdeutschland – Deutlicher Rückbau seit Wiedervereinigung, Fokus Volkswirtschaft, Nr. 99.
[2] Postbank Studie (2016), Deutsche wollen Online-Banking und Filiale.
 
 
 
Englische Fassung vom 30. September 2019: ˮDistance to local bank branch does matter for Germansˮ

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