1. Research

Auftragsbestand in der deutschen Industrie: Höhepunkt in Sicht

Autor
Analyst
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Deutsche Bank Research Management
Stefan Schneider
Trotz der insgesamt schwachen konjunkturellen Entwicklung der letzten Monate ist der Auftragsbestand im deutschen Verarbeitenden Gewerbe bis zuletzt gestiegen. Hierfür sind u.a. der Fachkräftemangel sowie Sondereffekte in der Automobilindustrie (WLTP, Diesel) maßgeblich. Der hohe Auftragsbestand dürfte die Entwicklung der Industrieproduktion im laufenden Jahr stabilisieren. Die jüngsten Ergebnisse des ifo Konjunkturtests deuten aber darauf hin, dass der Höhepunkt beim Auftragsbestand bald erreicht sein dürfte. Insgesamt dürfte die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland 2019 in etwa stagnieren.
Auftragsbestand in der deutschen Industrie: Höhepunkt in Sicht
AG_Heymann_2019_Auftragsbestand_Industrie.xlsx  Auftragsbestand Chart 2
Quellen: ifo, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research
Die jüngsten Konjunkturdaten für Deutschland fielen bescheiden aus. Das BIP hat im 4. Quartal 2018 gegenüber Vorquartal real lediglich stagniert. Damit umging Deutschland nur knapp eine technische Rezession, denn im 3. Quartal 2018 war bereits ein leichtes Minus zu verzeichnen.
Gerade das Verarbeitende Gewerbe verlor in den letzten Monaten merklich an Schwung. Nach einem recht guten Start ins Jahr 2018 tendierte die Industrieproduktion in der 2. Jahreshälfte nach unten; dabei spielte der WLTP-Effekt in der Automobilindustrie eine wichtige Rolle. Die Auftragseingänge gaben im Verlauf von 2018 ebenfalls nach und lagen im Durchschnitt von 2018 leicht unter dem Niveau von 2017. Ferner nahm die Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe im 1. Quartal 2019 zum vierten Mal in Folge ab. Schließlich lagen die Geschäftserwartungen der Industrie zu Jahresbeginn im Minus.
Angesichts dieser insgesamt schwachen Daten ist positiv zu erwähnen, dass der vom Statistischen Bundesamt erhobene Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe (Summe der Auftragseingänge am Monatsende, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Umsätzen geführt haben und die nicht storniert wurden) bis zuletzt kontinuierlich gewachsen ist. Dieser hohe Auftragsbestand mag wegen der schwachen Konjunkturzahlen auf den ersten Blick überraschen. Es lassen sich jedoch Gründe für diese Entwicklung finden: 
  • Der Fachkräftemangel trägt maßgeblich dazu bei, dass verbuchte Aufträge häufig nicht zeitnah abgearbeitet werden können (z.B. im Maschinenbau und der Elektrotechnik). So lag die Zahl der offenen Stellen im deutschen Verarbeitenden Gewerbe 2018 auf einem Rekordniveau, und das, obwohl die Industrie die Zahl ihrer Beschäftigten im letzten Jahr sogar um 2,7% steigern konnte.
  • Darüber hinaus dürfte der WLTP-Effekt zu den gestiegenen Auftragsbeständen in der Automobilindustrie beigetragen haben. So konnten Modelle, für die noch keine WLTP-Zulassung vorlag, nicht bestellt werden. Nach der WLTP-Zulassung dürften sich dann Aufträge häufen. Ferner sind die Wartezeiten bei manchen Fahrzeugen mit Benzinmotor wegen der höheren Nachfrage (zu Lasten von Diesel-Pkw) gestiegen.
  • Schließlich haben Großaufträge im Bereich des sonstigen Fahrzeugbaus (Schiffe, Flugzeuge) zum höheren Auftragsbestand beigetragen. Hier vergeht zwischen Bestellung und Umsatz typischerweise eine relativ lange Zeitspanne.
Die Reichweite der Aufträge liegt aktuell auf einem im langfristigen Vergleich hohen Niveau. Dies dürfte den Produktionsverlauf zumindest für die nächsten Monate stabilisieren. Gleichwohl ist eine schnelle und spürbare Erholung der Industrieproduktion unwahrscheinlich. Denn die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes haben die Entwicklung ihres Auftragsbestandes gegenüber Vormonat in den letzten beiden Monaten laut ifo Konjunkturtest jeweils schlechter beurteilt. Das deutet darauf hin, dass der Auftragsbestand des Verarbeitenden Gewerbes seinen Höhepunkt erreicht haben könnte. Insgesamt rechnen wir derzeit damit, dass die Industrieproduktion in Deutschland 2019 real in etwa stagnieren wird.
Englische Übersetzung vom 19. Februar 2019: ˮUnfilled orders in German industry: Near their peakˮ
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