1. Research

Fachkräftemangel in der Industrie hemmt Wachstum

Autoren
Analyst
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Constantin Pracht
Deutsche Bank Research Management
Stefan Schneider
Das BIP-Wachstum in Deutschland fiel im 1. Quartal 2018 mit einem Plus von 0,3% gg. Vq. deutlich geringer aus als 2017, als das BIP im Durchschnitt um 0,7% pro Quartal zulegte. Dies lag zum Teil an temporären Einflüssen, aber die hohe Zahl nicht besetzter Stellen entwickelt sich zunehmend zu einem Hemmschuh für das Wirtschaftswachstum. Im Verarbeitenden Gewerbe hat sich die Situation zuletzt besonders verschärft. Hier lag die Zahl der offenen Stellen im 1. Quartal 2018 um 38% über Vorjahresniveau.
Im 1. Quartal 2018 lag die Zahl der offenen Stellen in Deutschland insgesamt um 12% über dem Wert des Vorjahres. Knapp 1,2 Mio. Stellen in Deutschland waren laut IAB nicht besetzt, so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Im Verarbeitenden Gewerbe fiel der Zuwachs bei den offenen Stellen (+38% gg. Vj.) besonders kräftig aus (gut 160.000 offene Stellen).
Die Indizien mehren sich, dass sich der Fachkräftemangel in Deutschland immer mehr zu einem Engpass für das Wirtschaftswachstum entwickelt. Dafür spricht u.a. die jüngste IAB-Stellenerhebung: Danach gab es 2017 bei knapp 43% aller Neueinstellungen Schwierigkeiten, die Stellen zu besetzen – ein neuer Höchstwert. Die geringe Zahl an Bewerbern gaben die Unternehmen als wichtigsten Grund für die Besetzungsschwierigkeiten an (31%). 2010 war das für nur 14% der Grund. Auf Platz 2 (23%) folgt die unzureichende Qualifikation der Bewerber. Weniger wichtig (15%) sind dagegen die Lohn- und Gehaltsforderungen.
Ein weiteres Argument: Laut DIHK-Konjunkturumfrage von Anfang 2018 liegt im Fachkräftemangel das mit Abstand größte Geschäftsrisiko. 60% der befragten Unternehmen sahen sich hier betroffen. Anfang 2010 lag der Wert noch bei 16%. Im Bericht des DIHK heißt es sehr eindeutig: „Der Fachkräftemangel wird zum echten Hemmnis für das Wachstum der Zukunft.“
Tatsächlich dürfte der Fachkräftemangel das Wachstum in Deutschland bereits bremsen. So wuchs das BIP in Deutschland im 1. Quartal 2018 saisonbereinigt nur um 0,3% gg. Vq. 2017 legte es noch durchschnittlich um 0,7% pro Quartal zu. Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe nahm im 1. Quartal sogar nur um 0,1% gg. Vq. zu. 2017 konnte die Industrie im Mittel dagegen ein Plus von 1,3% pro Quartal verzeichnen.
Das geringere Wachstum hat zwar viele Gründe (u.a. Sondereffekte wie Streiks und Grippewelle). Unsere Erwartung, dass der Höhepunkt im aktuellen Konjunkturzyklus überschritten ist, hängt allerdings auch mit dem Engpass beim Arbeitsangebot zusammen. Bei gut gefüllten Auftragsbüchern (nicht nur) in der Industrie ist es jedenfalls nicht förderlich, wenn offene Stellen mangels geeigneter Bewerber unbesetzt bleiben. So müssen laut jüngstem DIHK-Arbeitsmarktreport 39% der Industrieunternehmen als Folge eines längeren Fachkräftemangels ihr Angebot einschränken oder Aufträge ablehnen. 53% können ihr Wachstumspotenzial nicht ausschöpfen. Schließlich dürfte auch die Bereitschaft der Unternehmen sinken, in neue Maschinen oder Ausrüstungen zu investieren, wenn die notwendigen Mitarbeiter nicht eingestellt werden können.

Kurzfristige Lösungen für Fachkräftemangel nicht in Sicht

Was können die Unternehmen tun, um die steigende Zahl offener Stellen zu kompensieren? Kurzfristig könnten die Mitarbeiter ihr Arbeitsvolumen erhöhen. Dies wird in vielen Unternehmen jedoch schon praktiziert und lässt sich nicht beliebig ausweiten. Der Mehrarbeit durch die aktuelle Belegschaft sind also enge (auch rechtliche) Grenzen gesetzt. Ohnehin ist festzuhalten, dass die durchschnittliche Zahl der Arbeitsstunden je Erwerbstätigen in den letzten Jahrzehnten tendenziell sinkt. Diese erreichte 2017 einen neuen Tiefstand von 1.356 Stunden, was einem Rückgang um 11% gegenüber 1995 entspricht. Es ist plausibel anzunehmen, dass der Trend der sinkenden Arbeitsstunden im Durchschnitt dem Wunsch der Arbeitnehmer entspricht. Die jüngsten Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie haben gezeigt, dass die Beschäftigten durchaus ein geringeres Arbeitsvolumen präferieren.
Durch längere Betreuungszeiten von Kindern könnten Eltern, die derzeit in Teilzeit arbeiten, ihre Arbeitszeit erhöhen. Fachkräfte aus der „stillen Reserve“ könnten ebenso wieder für den Arbeitsmarkt gewonnen werden. Solche Maßnahmen erfordern jedoch einen zeitlichen Vorlauf, bis sie positiv wirken. Daher dürften die kurz- und mittelfristigen Effekte begrenzt sein. Dies gilt auch für die generell gültige Forderung nach mehr und besserer Bildung sowie lebenslangem Lernen. Die Zuwanderung nach Deutschland hat in den letzten Jahren dazu beigetragen, den Fachkräftemangel abzumildern. Dies gilt vor allem für Fachkräfte aus Europa, die vom boomenden deutschen Arbeitsmarkt angezogen wurden. Mit der wirtschaftlichen Erholung in vielen EU-Länder dürfte der Impuls jedoch nachlassen. Um Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, ist in den meisten Fällen zunächst Zeit und Geld notwendig: Ihre Sprachkenntnisse und beruflichen Qualifikationen müssen an die Bedürfnisse der Unternehmen angepasst werden.
Abgesehen von eher langfristig wirksamen Maßnahmen für eine bessere Qualifizierung (künftiger) Arbeitskräfte, adressiert die Bundesregierung das grundsätzliche Problem nur unzureichend. Stattdessen sieht ihr arbeitsmarktpolitisches Programm mit den geplanten Einschränkungen bei befristeten Arbeitsverträgen und dem Rückkehrrecht von Teilzeit- in Vollzeitbeschäftigung zusätzliche Regulierungen vor, die dem Erfordernis unternehmerischer Flexibilität zuwiderlaufen und die bürokratischen Kosten vieler betroffener Unternehmen weiter steigern. Hingegen verwehrt die Regierung der Wirtschaft die geforderten flexibleren Gestaltungsmöglichkeiten der täglichen Arbeitszeiten.
 
Englische Übersetzung vom 23. Mai 2018: ˮGrowth dampened by lack of skilled labour in industryˮ
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