1. Research

Deutschland – Politische Unsicherheit wirkt sich nicht auf Investitionszyklus aus

Autor
Chefvolkswirt Deutschland
+49(69)910-31790
Deutsche Bank Research Management
Stefan Schneider
Wir haben unsere BIP-Wachstumsprognosen für 2017 bzw. 2018 um etwa einen halben Prozentpunkt auf 2,3% angehoben, da die Investitionstätigkeit durch die günstigen Aussichten für die Exportwirtschaft angekurbelt wird. Letztere sind ihrerseits auf den globalen Investitionszyklus zurückzuführen. Dass sich die Regierungsbildung als schwierig erweist, ist zwar mit Blick auf die längerfristigen Herausforderungen für Deutschland nicht gerade ermutigend, dürfte aber kurzfristig nur begrenzte Auswirkungen haben.
Positiver Investitionsausblick
AG_Schneider_2017_12_FoEUR Q4 outlook Germany.xlsx  1. capex Chart 10003
Quellen: Deutsche Bundesbank, ifo, Deutsche Bank Research
Im dritten Quartal fiel das BIP-Wachstum mit 0,8% unerwartet kräftig aus, und die Stimmungsindikatoren deuten auf keine merkliche Konjunkturverlangsamung hin. Da das BIP im vierten Quartal wahrscheinlich um über 0,5% gg. Vq. expandieren wird, ist zum Jahresbeginn 2018 mit einem Überhang von rund 1% zu rechnen. Im Jahr 2018 sollten die Ausrüstungsinvestitionen weiter ansteigen. Die Exportaussichten haben sich verbessert, die Kapazitätsauslastung hat sich deutlich erhöht, und in der Wirtschaft herrscht wieder Optimismus vor. Dies deutet auf einen Anstieg der Beschäftigung um mindestens 1% im Jahr 2018 hin (2017: knapp 1 ½%), sodass eine solide Grundlage für das Wachstum des privaten Konsums vorhanden sein sollte. 2018 stehen Tarifverhandlungen für 9,7 Millionen Arbeitnehmer (von insgesamt 32,5 Millionen) an, unter anderem im Maschinenbau und der Elektroindustrie (3,9 Millionen), im Bausektor (0,7 Millionen) und im öffentlichen Dienst (auf Bundes- und kommunaler Ebene; 2,5 Millionen). Trotz voller Auftragsbücher und eines spürbaren Mangels an Fachkräften fordert die Gewerkschaft IG Metall die Möglichkeit, die Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden zu reduzieren (derzeit: 35 Stunden im Westen, 38 Stunden im Osten). Dies sollte den Spielraum für Gehaltsanhebungen deutlich schmälern (derzeit verlangt die IG Metall 6%). Unseres Erachtens werden die Arbeitgeber versuchen, die Gespräche über kürzere Arbeitszeiten zu vertagen und stattdessen relativ hohe Lohnsteigerungen von deutlich über 3% akzeptieren (wobei allerdings die Autoindustrie, wo die Elektromobilität Arbeitsplätze gefährden könnte, eher dazu geneigt sein könnte, auf die Vorstellungen der IG Metall einzugehen). Lohnerhöhungen von 3% und mehr werden als Messlatte für die Tarifverhandlungen im Jahr 2018 dienen. Allerdings werden die Löhne und Gehälter in denjenigen Sektoren, in denen keine Tarifverhandlungen anstehen, moderater zulegen, sodass insgesamt mit einem Anstieg der Stundenlöhne um rund 2 ¾% zu rechnen ist. Bei einer Gesamtinflationsrate von durchschnittlich 1 ¾% sollte daher ein Konsumwachstum von knapp 2% möglich sein.
Nach dem unerwarteten Scheitern der Jamaika-Sondierungsgespräche und dem intensiven Appell von Bundespräsident Steinmeier erscheint eine neuerliche Große Koalition als wahrscheinlichste Option. Vorgezogene Neuwahlen wären jedoch ebenfalls möglich, falls die SPD zu hohe Forderungen stellt. Wir gehen nicht davon aus, dass bei einer Regierungsbeteiligung der SPD die fiskalischen Schleusen geöffnet werden. Trotz kräftig sprudelnder Steuereinnahmen ist der Spielraum im Bundeshaushalt in den kommenden vier Jahren wohl auf rund EUR 40 Mrd. (1,2% des BIP) begrenzt. Da sich die Verabschiedung des Haushalts für 2018 wohl verschieben wird, könnten die fiskalischen Impulse zum Teil erst 2019 wirksam werden (ca. 1/4%-Punkt). Die zeitraubende Regierungsbildung dürfte die boomende Konjunktur nicht merklich dämpfen. Allerdings ist mit zusätzlichen sozialen Wohltaten und weiteren bürokratischen Hindernissen, z.B. an den Arbeits- und Immobilienmärkten, zu rechnen.
Originalversion in Englisch vom 5. Dezember 2017: ˮGermany – Capex cycle unfazed by political uncertaintyˮ
Online Document PROD0000000000446944 not found.
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