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Ehrgeizige Klimaziele geraten außer Sicht

Autor
Analyst
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Deutsche Bank Research Management
Stefan Schneider
Deutschland hat seine Emissionen von Treibhausgasen (THG) zwischen 1990 und 2016 um 27,6% reduziert. Lässt man die Effekte der ersten Jahre nach der Wiedervereinigung außer Acht, ergibt sich zwischen 1995 und 2016 immerhin eine Reduktion um gut 19%. Das ist beachtlich, gerade im internationalen Vergleich. Denn auf globaler Ebene sind im gleichen Zeitraum die energiebedingten CO₂-Emissionen um mehr als 50% gestiegen.
Ehrgeizige Klimaziele geraten außer Sicht
AG_Heymann_ 2017_Klimaziele.xlsx  Tabelle1 Diagramm 10004
Quellen: Umweltbundesamt, BmWi, Deutsche Bank
Bekanntermaßen hat sich Deutschland dazu bekannt, seine THG-Emissionen bis 2020 um 40% gegenüber 1990 zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten die Emissionen bis 2020 um etwa 17% sinken. Im Klartext: Von 2016 bis 2020 (also in vier Jahren) müssten die Emissionen fast genauso stark zurückgehen wie in den gut 20 Jahren zuvor. Angesichts dieses ambitionierten Ziels ist es verwunderlich, dass sich bislang (fast) alle politischen Parteien stoisch zu dem Ziel bekennen und zumindest nicht öffentlich infrage stellen, ob man sich nicht vielleicht zu viel vorgenommen hat. Offensichtlich ist dies ein großes politisches Tabu, wohl auch, weil das Thema Klimaschutz von bestimmten Teilen der Öffentlichkeit sehr emotional behandelt wird.

Die deutschen Klimaziele haben auch in den (letztlich gescheiterten) Sondierungsgesprächen für eine Jamaika-Koalition eine wichtige Rolle gespielt. Das Thema wurde in der medialen Berichtserstattung primär auf die Frage zugespitzt, wie viele (ältere) Kohlekraftwerke vorzeitig abgeschaltet werden sollen, um einen Beitrag dazu zu leisten, die Klimaziele doch noch zu erreichen. An dieser Diskussion wollen wir uns nicht beteiligen. Es sei lediglich der Hinweis erlaubt, dass die Emissionen aus dem Stromsektor dem EU-Emissionshandel (EU ETS) unterliegen und damit eigentlich nur theoretisch dem nationalen deutschen Klimaziel zugerechnet werden sollten. Wenn in Deutschland also Kohlekraftwerke (durch Ordnungsrecht oder auch aus marktwirtschaftlichen Gründen) abgeschaltet werden, reduziert dies im Rahmen des EU ETS die Nachfrage nach Emissionszertifikaten, weshalb der Preis der Zertifikate bei sonst gleichen Bedingungen sinkt. Die frei werdenden billigeren Zertifikate können dann von anderen Kraftwerksbetreibern in der EU erworben werden. An der Obergrenze der Emissionen im Rahmen des EU ETS ändert sich – zumindest im aktuell noch gültigen Regime – dagegen nichts.
Zurück zu den deutschen Klimazielen: Auch die langfristig angestrebten Reduktionsziele für den deutschen THG-Ausstoß bleiben ambitioniert. Unterstellt man einen linear verlaufenden Reduktionspfad, müssten die Emissionen innerhalb der 2020er Jahre um 25% und in den beiden Jahrzehnten danach jeweils um 33% sinken. Dann lägen die THG-Emissionen 2050 um 80% unter dem Niveau von 1990; es wäre also „nur“ das Minimalziel erreicht, denn offiziell wird sogar eine Reduktion um bis zu 95% angestrebt. Letztlich müssten die notwendigen prozentualen Rückgänge von Dekade zu Dekade jeweils stärker ausfallen als in allen Jahrzehnten zuvor.
Zwar sind langfristige Prognosen mit besonderen Unsicherheiten verbunden, aber eine solche Entwicklung, bei der Rückgänge im Zeitablauf immer schneller erfolgen, widerspricht der Intuition und der Erfahrung aus anderen Bereichen, wo die leichtesten Erfolge (ohne revolutionäre Technologiebrüche) früh erzielt werden. Es wird deutlich, dass es eines erheblichen technischen Fortschritts in allen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft (und in weniger als 35 Jahren) bedarf, um die langfristigen Klimaziele zu erreichen. Wenn die Politik sich solche anspruchsvollen Klimaziele setzt, sollte sie mehr als nur eine ungefähre Vorstellung davon haben, mit welchen Technologien und Instrumenten sie diese Ziele erreichen will. Zudem sollte sie Unternehmen und Bürgern die dabei anfallenden (erheblichen) Kosten sowie die vermutlich notwendigen Eingriffe in Wahlfreiheiten skizzieren. Eine Klimapolitik, die lediglich auf (überzogenen) Wunschvorstellungen basiert, wird ansonsten unglaubwürdig.
 
Englische Fassung vom 23. November 2017: ˮAmbitious climate goals are moving out of reachˮ

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