1. Research

Wo stehen die europäischen Banken 10 Jahre nach Beginn der Finanzkrise?

Autor
Analyst, Teamleiter
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Deutsche Bank Research Management
Stefan Schneider
Es ist bemerkenswert, was und wie viel sich im europäischen Bankensektor geändert hat seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise vor fast genau zehn Jahren. Der Vergleich des ersten Halbjahres 2017 mit dem Höhepunkt des Booms im ersten Halbjahr 2007 zeigt, wie sich die Zusammensetzung der Erträge hin zu stabileren Komponenten verschoben hat. Der Anteil des Zinsüberschusses ist auf mehr als die Hälfte der gesamten Erträge gestiegen, während das Handelsergebnis deutlich an Bedeutung eingebüßt hat. Der Verwaltungsaufwand ist gesunken, aber nur moderat, sodass sich der Nettogewinn auf lediglich die Hälfte des Vorkrisenergebnisses verringert hat. Sowohl die absolute Höhe des Eigenkapitals als auch die Kapitalquoten sind enorm gestiegen. Andererseits ist die Bilanzsumme über das letzte Jahrzehnt erheblich gesunken, was zu einem massiven Abbau von Risiken in der Branche beigetragen hat.
Seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise am 9. August 2007 mit dem Austrocknen der Liquidität am Interbankenmarkt und der koordinierten Intervention der wichtigsten Notenbanken hat sich in der europäischen Bankenbranche ein fundamentaler Wandel vollzogen. Dazu hat neben der Finanzkrise von 2007-09 die europäische Schuldenkrise 2010-12 und die beiden dadurch ausgelösten Rezessionen ebenso beigetragen wie die grundlegende Überarbeitung und Verschärfung des Regelwerks und Aufsichtsrahmens durch den Gesetzgeber. Wie sehr hat sich dies in den Jahresabschlüssen der Banken niedergeschlagen? Als Näherungswert dienen die Ergebnisse der 20 führenden Banken Europas, die den Gesamtmarkt recht gut repräsentieren. 
Auf der Ertragsseite liegt der Zinsüberschuss heute absolut höher als vor zehn Jahren (+14%) und der Anteil an den Erträgen insgesamt ist von 35% auf 52% gestiegen. Dies ist im Wesentlichen auf das starke Plus während und unmittelbar nach der Finanzkrise zurückzuführen, als die niedrigeren Zinsen die Refinanzierung der Banken deutlich verbilligt hatten. Seit 2010 befindet der Zinsüberschuss allerdings in einem leichten Abwärtstrend. 
Erheblich gelitten hat der Provisionsüberschuss, der heute 22% unter dem Vorkrisenniveau liegt. Dafür sind vielerlei Faktoren verantwortlich, z.B. der Rückgang des Geschäfts in lukrativen Märkten wie der Verbriefung, strukturierter Finanzierung und mit Derivaten, die verschärfte Regulierung mit dem Verbot bestimmter Gebühren oder auch der Trend weg von klassischen Investmentfonds hin zu Indexfonds (ETFs) mit niedrigeren Verwaltungsgebühren. Noch stärker eingebrochen ist das Handelsergebnis, das weniger als die Hälfte des Wertes von H1 2007 beträgt (-54%). 
Insgesamt kommen die Banken auf Erträge in Höhe von EUR 231 Mrd., ein deutliches Minus von 23%. Auf der Kostenseite ist es ihnen nur gelungen, die Ausgaben um 9% auf EUR 134 Mrd. zu drücken. Die Risikovorsorge für Kreditausfälle (unter EUR 20 Mrd.) hat sich gegenüber 2007 kaum verändert, nach einem starken Anstieg im Zuge der Finanzkrise und einem kräftigen Rückgang in den letzten Jahren. Unter dem Strich hat sich deswegen der Nettogewinn auf EUR 44 Mrd. etwa halbiert, die um Sondereffekte bereinigte Eigenkapitalrendite nach Steuern ist von 21% auf 9% gefallen. Die bereinigte Cost-income ratio ist von 55% auf immer noch solide 62% geklettert. 
Einer der wichtigsten Gründe für den Rückgang von Erträgen und Ausgaben, d.h. für das insgesamt geringere Geschäftsvolumen ist die größere Zurückhaltung der Banken, die sich mehr auf langfristige Kundenbeziehungen konzentriert und riskante, kurzfristige Geschäfte erheblich zurückgefahren haben. Ausdruck dessen ist eine Verringerung der Risikoaktiva („risk-weighted assets“, RWA) um über 20% seit H1 2007. Das ist ein umso erstaunlicheres Ergebnis, als durch verschärfte Regulierung, insbesondere höhere Risikogewichte, der RWA-Wert für den gleichen Geschäftsumfang mittlerweile signifikant höher liegt als vor der Krise. Man denke nur an die regulatorische Behandlung von Verbriefungen oder Derivaten. Insofern ist das kräftige Minus bei den ausgewiesenen risikogewichteten Aktiva umso beeindruckender. 
Eine Ursache für den drastischen Abbau von Risiken sind die massiv verschärften Kapitalstandards, d.h. der Übergang von Basel II zu Basel III, welchen die Banken und ihre Investoren vorweggenommen haben, auch wenn die neuen Regeln vollumfänglich erst ab Januar 2019 gelten. Die Banken waren bei der Anpassung an die strengeren Definitionen und höheren geforderten Kapitalquoten sehr erfolgreich: Während die alte (risikogewichtete) Kernkapitalquote unter Basel II (Tier 1) im Juni 2007 noch bei 8,2% lag, ist sie in Form der härteren Common Equity Tier 1-Quote (CET1) mittlerweile auf 13,8% gestiegen. Das ist ein gutes Stück mehr, als von Basel III gefordert, aber auch Ausdruck anhaltender Unsicherheit über eine mögliche weitere Verschärfung der Kapitalanforderungen im Zuge eines diskutierten „Basel IV“.
Der Risikoabbau und die höheren Kapitalquoten haben natürlich auch in der Bilanz ihren Ausdruck gefunden. Die Bilanzsumme ist mit EUR 20,8 Bill. heute 12% niedriger als vor einem Jahrzehnt. Das bilanzielle Eigenkapital hat gleichzeitig um mehr als 40% auf EUR 1,2 Bill. zugenommen. 
Das europäische Bankensystem ist angesichts zahlreicher Krisen, Rezessionen und strengerer Regulierung seit 2007 durch eine grundlegende Transformation gegangen. Es ist heute kleiner, stärker auf seine Kernfunktionen ausgerichtet, weniger profitabel, aber robuster und widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Krisen. Vom jahrzehntelangen Wachstum hat sich die Branche verabschieden müssen, und neue, technologiegetriebene Wettbewerber haben den Konkurrenzdruck verstärkt – der Bankensektor wird also auch in den nächsten Jahren in Bewegung bleiben. 


 

 
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