1. Research

Ist „Europa” eine Frage des Alters?

Autor
Patricia Wruuck
Deutsche Bank Research Management
Stefan Schneider
Die demografische Verteilung der Wählerstimmen im britischen Referendum über den EU-Austritt ist bereits vielfach diskutiert worden. Ältere Briten haben eher für einen EU-Austritt gestimmt, laut einigen Analysen war die Wahrscheinlichkeit hierfür in der Altersgruppe über 65 mehr als doppelt so hoch wie bei den unter 25-Jährigen.* Dass Europa in unterschiedlichen Altersgruppen anders wahrgenommen wird, ist allerdings nicht nur in Großbritannien zu beobachten.
Eine neuere Umfrage, die insgesamt 10 europäische Länder umfasst, legt ebenfalls nahe, dass jüngere Menschen einen positiveren Blick auf die EU haben als ältere Befragte (hier bereits ab 50 Jahre). In sechs Ländern beträgt dieser „Generationenunterschied” sogar mehr als 10 Prozentpunkte. Italien ist in doppelter Hinsicht ein Sonderfall: Erstens zeigt die Umfrage hier kaum einen Unterschied zwischen jüngeren und älteren Befragten (55% bzw. 56% mit positiven Einstellungen zur EU). Zweitens ist es in diesem Fall das mittlere Alterssegment (35 bis 49 Jahre), das die europafreundlichsten Einstellungen zu Protokoll gibt (63%). Dies ist insofern bemerkenswert, als dass andernorts der Anteil der Befragten mit einer positiven Sicht auf die EU - unabhängig vom Gesamtniveau - typischerweise mit dem Alter abnimmt.**
Eurobarometer-Umfragen zeigen durchaus ähnliche Muster: Beispielsweise geben 59% der (sehr) jungen Befragten zwischen15-24 Jahren an, die EU auf persönlicher Ebene vor allem mit „der Freiheit zu reisen, studieren und arbeiten” zu assoziieren. Hier liegen die Angaben 10 Prozentpunkte über dem Gesamtdurchschnitt über alle Altersgruppen hinweg (49%, EU28) und deutlich über dem Anteil in der Altersgruppe 55+ (42%).***
Was beeinflusst die Unterschiede in Wahrnehmung und Bewertung der EU in den unterschiedlichen Altersgruppen? Mehrere Punkte sind hierbei zu beachten. Erstens scheint die Wahrnehmung einiger Vorzüge der EU altersabhängig zu sein. Dies betrifft auch die Freiheit, innerhalb der Union zu reisen, zu studieren und zu arbeiten; eine Möglichkeit, die insbesondere Jüngeren intuitiv reizvoll erscheinen dürfte, nicht zuletzt weil sie hiervon aktuell Gebrauch machen oder dies in näherer Zukunft vorhaben, etwa im Rahmen von Auslandsaufenthalten im Studium. Dies ist erstmal nicht neu und der Blick auf Umfragen, die inzwischen fast eine Dekade zurückliegen, zeigt ähnliche Muster für die beiden Altersgruppen.**** Zweitens ist die Frage nach der „Sicht auf die EU” natürlich eine sehr allgemeine. Für sich genommen, sagt sie noch nicht viel darüber aus, wo die Gründe für (weniger) positive Bewertungen herkommen. Allerdings erscheint es plausibel, die Gesamtbewertung der EU im Zusammenhang mit einigen Punkten zu sehen, die Menschen mit Europa assoziieren. Hier wiederum zeigt der parallele Blick auf das Eurobarometer, dass ältere Befragte (55+) häufiger einige Negativpunkte mit der EU in Zusammenhang bringen, etwa „Geldverschwendung” (29% ggü. 15% der 15-24-Jährigen), „Bürokratie” (27% ggü. 13%) oder „zu wenig Kontrolle an Außengrenzen” (28% ggü. 16%). Auch dieses Muster ist für sich genommen nicht neu, aber manches deutet darauf hin, dass „Altersunterschiede” in und bezüglich Europa inzwischen deutlicher geworden sind.
  1. * Siehe beispielsweise Analysen von YouGov oder Lord Ashcroft. Für das Referendum in Großbritannien gab es keine offiziellen „exit polls“, daher basieren Angaben zur Abstimmung nach Alter auf Analysen von Umfrageinstituten am Tag der Abstimmung. Auch im Vorfeld waren bereits Unterschiede in Abstimmungsabsichten in Abhängigkeit vom Alter zu beobachten.
  2. ** Siehe Pew Research Center / Bruce Stokes (7. Juni 2016): Euroskepticism Beyond Brexit.
  3. *** Siehe Eurobarometer Nr. 84 (Nov. 2015).
  4. **** Im Jahr 2007 gaben 59% der Befragten in der jüngsten Altersgruppe (15-24 Jahre) an, mit der EU persönlich die Freiheit zu leben, reisen und arbeiten zu verbinden. In der Altersgruppe 55+ betrug der Wert 43%. (Eurobarometer Nr. 67)
Originalversion in Englisch vom 7. Juli 2016: ˮA European 'generation gap'?ˮ
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