1. Research

Identitätskrise der Europäer?

Autor
Analyst, Teamleiter
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Deutsche Bank Research Management
Stefan Schneider
In der aktuellen Debatte um die Zukunft der EU warnen Politiker ebenso wie Medien vor dem Rückfall der Mitgliedstaaten in „Nationalstaaterei“ und einem damit verbundenen Bedeutungsverlust der EU.1 Reagiert die Politik damit auf tatsächlich veränderte Einstellungen der EU-Bürger oder gibt es hier eher ein Wahrnehmungsproblem?
Laut den aktuellen Umfragen des Eurobarometers von November 2016 fühlen sich die meisten EU-Bürger zunehmend national und europäisch zugleich. Gleichzeitig geht der Anteil derer, die sich vornehmlich als Bürger ihres Nationalstaates definieren, seit 10 Jahren kontinuierlich zurück. Besonders in den Kernstaaten der EU wie Deutschland oder den Niederlanden ist dieser Trend deutlich. Fühlten sich in Deutschland 1996 noch fast die Hälfte der Befragten ausschließlich als Deutsche, hat sich dieser Anteil bis heute fast halbiert. In Frankreich lag der Anteil derer, die sich nur als Franzosen definieren, bereits 1996 deutlich unter dem entsprechenden Wert in Deutschland und hat sich seitdem, trotz der zunehmenden Probleme der EU, kaum verändert. Die Verankerung einer europäischen Identität bei Deutschen und Franzosen bildet damit weiterhin die Grundlage für verstärkte deutsch-französischen Initiativen in der EU. Nur als Europäer fühlen sich allerdings weiterhin nur wenige Bürger in der EU, was angesichts der Tatsache, dass der Nationalstaat der entscheidende Garant für Bürgerrechte ist, nicht wirklich überrascht.
Ausgenommen von diesem Trend ist Griechenland, dessen Bürger sich mehrheitlich nicht europäisch fühlen. Die schwache Identifikation mit Europa ist nicht neu; die Griechen fühlten sich bereits vor der Eurokrise deutlich mehr als Griechen denn als Europäer. Jedoch dürften die Staatsschuldenkrise und die resultierenden Spannungen zwischen Brüssel und Athen hauptverantwortlich für das wieder zunehmende Nationalgefühl der Griechen seit Beginn der Krise sein. In Italien hat die Identifikation mit Europa im Zuge der Krise ebenfalls abgenommen. Auch dort werden der EU und ihrer vermeintlichen Fokussierung auf fiskalische Austerität die wirtschaftlichen Probleme des eignen Landes angelastet. Gleichzeitig gewinnen euroskeptische, populistische Kräfte an Zustimmung - die euroskeptischen Movimento 5 Stelle-Partei erreicht in aktuellen Umfragen rund 30% der Stimmen und wäre damit die stärkste politische Kraft bei Neuwahlen.
Überraschenderweise blieb eine ähnliche „Identitätskrise“ in den anderen beiden südeuropäischen Krisenstaaten Spanien und Portugal aus, der allgemein zu beobachtende Trend zu einer stärkeren Vermischung von nationaler und europäische Identität setzte sich hier auch nach der Krise fort. Eine deutlichere Entspannung der wirtschaftlichen Lage in beiden Ländern könnte ein Grund sein, vermutlich aber mehr noch die (positive) Rolle der EU im Demokratisierungsprozess. Europafeindliche politische Kräfte konnten sich in keinem der beiden Länder nennenswert etablieren.
Interessant sind zudem die Ergebnisse zur Identitätsfrage in Großbritannien nach dem Brexit-Referendum. Zeichneten sich die Briten durch ein konstant starkes Nationalgefühl aus – 60% der Briten fühlten sich ausschließlich als Briten und nicht als Europäer – brach dieser Wert nach dem Brexit um 14pp. ein. Die Zahl derer, die sich plötzlich ausschließlich als Europäer fühlen, verdoppelte sich.
Entsprechend des Titels eines bekannten Buches – Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?2 – lautet die Antwort für die meisten Bürger in Europa zumeist: National und zugleich europäisch. Die Diskussion über eine vermeintliche Abwendung der Bürger von Europa muss vielmehr darauf abzielen, die EU und ihre Politik wieder mehr den Bedürfnissen und Erwartungen der Bürger anzupassen. Dieser offensichtliche Reformbedarf liegt auch dem gerade veröffentlichten Weißbuch der EU-Kommission anlässlich des 60. Jubiläums der Römischen Verträge zugrunde, das verschiedene Szenarien für die Zukunft der EU vorstellt.
  1. https://www.welt.de/politik/deutschland/article129533888/Gauck-warnt-vor-Rueckkehr-zu-Nationalstaaterei.html / http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlingskrise-angela-merkel-draengt-europa-zu-mehr-solidaritaet-a-1068093.html
  2. Precht, Richard David (2007): „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise.
Englische Übersetzung vom 4. April 2017: ˮAre Europeans facing an identity crisis?ˮ
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