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Verschiebung der Beschäftigungsstruktur bringt das Gastgewerbe in eine schwierige Personallage

Autor
Deutsche Bank Research Management
Stefan Schneider

Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich während der Pandemie gut gehalten und ab 2021 sogar noch weiter an Schwung gewonnen. Währenddessen vollzog sich eine Verschiebung in der Beschäftigungsstruktur, die den Fachkräftemangel wieder verstärkt in den Blickpunkt rückt.

Strukturverschiebung in der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung während der Pandemie
Quelle: Bundesagentur für Arbeit
Obwohl das Problem in vielen Branchen schon lange ein Thema ist, gewinnt es gerade in der anbrechenden Feriensaison zusätzliche mediale Aufmerksamkeit. Lange Schlangen vor Sicherheitskontrollen oder gar gestrichene Flüge, Klagen über Personalmangel in Tourismus- und Gastronomiebetrieben, die Aufzählung ließe sich weiter fortführen. Vor allem in den letztgenannten Bereichen ging die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten während der Pandemie deutlich zurück. Seit dem Wegfall der pandemiebedingten Einschränkungen wird nun händeringend Personal gesucht. Der währenddessen beeindruckende Beschäftigungsaufbau in den meisten Wirtschaftsbereichen dürfte die Suche erschweren. Zumal es sich dabei um eher saisonunabhängige und gut bezahlte Stellen handeln dürfte, die insbesondere auch überschaubare Arbeitszeiten versprechen. Zudem dürfte das mobile Arbeiten ebenfalls neue Berufsperspektiven eröffnet haben. Im Gastgewerbe könnte die Erholung der Zahl der geringfügig Beschäftigten für etwas Entlastung sorgen (Apr. 2022: 896.900, +190.474 gg. Vj.).
Unsere aktuelle Grafik bildet die branchenspezifische Entwicklung zwischen Februar 2020 und April 2022 ab. Gerade im Gastgewerbe (Gaststätten, Beherbergung) haben die pandemiebedingten Einschränkungen ihre Spuren hinterlassen. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ging im Beobachtungszeitraum um knapp 90.000 Personen zurück. Ein Indiz für die aktuellen Personalengpässe in der Branche ist die Zahl der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten offenen sozialversicherungspflichtigen Stellen. Im Juni lag sie mit knapp 43.000 etwa 52% über dem Vorjahresmonat. Die Zahl der Kündigungen war in den zurückliegenden Pandemiemonaten nicht ungewöhnlich hoch, aber der Sektor schnitt bei den Neueinstellungen sehr schlecht ab. Offenbar wurden selbst während der Konjunkturerholung im Sommer 2021 nur vergleichsweise zögerlich Stellen ausgeschrieben und in der Folge weniger passende Arbeitskräfte gefunden und eingestellt. Eine Studie des IAB (Bauer und Weber, 2021) findet ähnliche Hinweise.
Gleichzeitig wurden und werden in den meisten anderen Wirtschaftsbereichen Arbeitskräfte gesucht, sodass an Alternativen zur beruflichen Neuorientierung kein Mangel besteht. So dürfte sich ein Teil des allgemeinen sektoralen Beschäftigungsaufbaus (Apr 2022: +737.000 gg. Feb. 2020) auch aus Berufsumsteigern gespeist haben. Dazu geben Daten der Bundesagentur für Arbeit zur beruflichen Mobilität Auskunft, sie liegen allerdings nur bis zum Jahr 2020 vor. Es erscheint jedoch plausibel, dass sich die grundlegenden Tendenzen erhalten haben. Im ersten Pandemiejahr wechselten Arbeitnehmer aus dem Gastgewerbe, die diesen Tätigkeitsbereich verließen (216.000), hauptsächlich in Verkaufsberufe (16%), die Lebensmittelherstellung (9,5%) sowie Reinigungsberufe (7,8%). Zudem waren die Logistikbrache und das Rechnungswesen/Steuerberatung Ziele vieler Umsteiger (je 12,6%).
Für die rückläufige Beschäftigungsentwicklung in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie liefern die Daten zur beruflichen Mobilität während der Pandemie weniger deutliche Hinweise. Da sich dieser Wirtschaftsbereich aber schon länger in einer Strukturveränderung befindet (Elektromobilität, umweltpolitische Auflagen, Digitalisierung), kann dies auch kaum verwundern. Lediglich der Verkehrs- und Logistikbereich sticht im Jahr 2020 als Wechselziel eines größeren Anteils von Arbeitnehmern hervor.
Unter dem Strich zeigt sich der deutsche Arbeitsmarkt bislang sehr robust – nicht zuletzt auch dank temporär massiver Kurzarbeit – und gleichzeitig flexibler als oft vermutet. Die Beschäftigungsverschiebung zwischen den Wirtschaftsbereichen ist ein Indiz dafür. Der Fachkräftemangel wird sich aufgrund der demografischen Entwicklung mittelfristig kaum verringern und dürfte den Lohndruck in den betroffenen Wirtschaftsbereichen zusätzlich erhöhen.

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