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7. Juli 2020
Im Jahr 2019 betrug die Nettozuwanderung nach Deutschland +327.100, ein deutlicher Rückgang gegenüber den Vorjahren. Auffallend ist vor allem der starke Rückgang der Zuwanderung aus Polen und der starke Anstieg der Zahl indischer Zuwanderer. Im Jahr 2020 dürfte die Zuwanderung Corona-bedingt einbrechen. Anschließend erwarten wir wegen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes und womöglich auch aufgrund der sehr guten epidemiologischen Lage in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern wieder eine höhere Zuwanderung. Liegt der Nettozuwachs dann bei mehr als 300.000 Personen pro Jahr, dürfte die Bevölkerung Deutschlands bis Anfang der 2030er Jahre auf über 84 Mio. Einwohner steigen. [mehr]
Deutschland-Monitor Im Jahr 2019 betrug die Nettozuwanderung nach Deutschland +327.100. Ein deutlicher Rückgang gegenüber den Vorjahren, in denen jeweils rund 400.000 oder mehr zuwanderten. Auffallend ist vor allem der starke Rückgang polnischer Zuwanderer, von über 20.000 auf unter 2.000 innerhalb eines Jahres. Überraschend kräftig stieg dage gen die Zuwanderung aus Indien. Von dort kamen netto 21.700 Einwanderer im Jahr 2019 nach 16.875 im Jahr 2018. Damit lag es nach Rumänien und Syrien auf Rang 3 der wichtigsten Herkunftsländer. Im Jahr 2020 dürfte die Zuwanderung Corona-bedingt einbrechen. Vermutlich werden deutlich weniger als 200.000 Zuwanderer nach Deutschland kommen. Die Entwicklung im Jahr 2021 hängt sowohl von der wirtschaftlichen als auch epidemiologischen Erholung ab. Perspektivisch könnte unser leistungsfähiges Gesundheitssystem Deutschlands Attraktivität für Zuwanderer verbessern. Ins besondere die außereuropäische Zuwanderung könnte sowohl wegen des effi zienten Umgangs mit der Pandemie als auch aufgrund des jüngst verabschiede ten Fachkräfteeinwanderungsgesetzes an Dynamik gewinnen. Orientiert man sich an den Projektionen mit hohen Zuwanderungsraten des Sta tistischen Bundesamts von mehr als 300.000 Personen pro Jahr, dann steigt die Bevölkerung bis Anfang der 2030er Jahre auf über 84 Mio. Einwohner an und sinkt erst anschließend langsam ab. Im Hinblick auf die negativen Wachstums effekte einer alternden Gesellschaft wäre dies hochwillkommen. Autor Jochen Möbert +49 69 910-31727 jochen.moebert@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider 7. Juli 2020 Zuwanderung bis zum Jahr 2030 Indien auf dem Weg zum Hauptherkunftsland? Zuwanderung bis zum Jahr 2030 2 | 7. Juli 2020 Deutschland-Monitor Im letzten Jahrzehnt war Deutschland außerordentlich attraktiv Die Zuwanderung ist ein wichtiger Baustein für das Arbeitskräftepotenzial und damit das Wirtschaftswachstum in Deutschland. Perspektivisch nimmt ihre Be deutung weiter zu, da viele heutige Arbeitnehmer bis zum Jahr 2030 das Ren tenalter erreichen und der Nachwuchs fehlt. Gleichzeitig ist die Zuwanderung ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung infrastrukturschwacher Regionen, da sich aufgrund der Engpässe insbesondere im Wohnungsmarkt die Zuwanderung zunehmend auch auf den Randbereich von Metropolregionen und darüber hinaus verteilt hat. Ebenso ist sie ein bedeutender Treiber für die Woh nungsnachfrage. Kumuliert über das abgelaufene Jahrzehnt sind netto 4,5 Mio. Personen nach Deutschland eingewandert und das Erwerbspersonenpotenzial erhöhte sich um rund 2 Mio. auf 47 Mio. Personen. Wie sehr die altersbedingten Effekte bereits in diesem Jahrzehnt waren, lässt sich an dem deutlich geringe ren Anstieg der Einwohnerzahl ablesen. Diese erhöhte sich lediglich um 2,8 Mio. Einwohner auf 83,1 Mio. Deutschlands künftige wirtschaftliche Entwicklung könnte also stark von der Zuwanderung abhängen. Dabei gab es in den letzten Jahren einige interessante länderspezifische Tendenzen, die sich künftig noch verstärken könnten. Zuwanderung im Jahr 2019 rückläufig Im Jahr 2019 betrug laut offiziellen Zahlen die Nettozuwanderung nach Deutschland +327.100. Ein deutlicher Rückgang gegenüber den Vorjahren, in denen jeweils 400.000 oder mehr Zuwanderer zu verzeichnen waren. Im Jahr 2019 blieben, wie in den Vorjahren, die osteuropäischen EU-Staaten die Haupt herkunftsländer. Jedoch wanderten im Jahr 2018 noch mehr als 150.000 Perso nen aus dieser Region ein, während es im Jahr 2019 weniger als 92.000 waren. Auffallend ist vor allem der starke Rückgang aus Polen. Von dort ging die Netto zuwanderung von über 20.000 auf unter 2.000 innerhalb eines Jahres zurück. Das Statistische Bundesamt nennt als einen Grund einen Meldeeffekt im Rah men der Europäischen Parlamentswahl. Die lahmende Konjunktur dürfte aber auch eine Rolle gespielt haben. So sank die Zahl der Beschäftigten in Zeitarbeit von über 800.000 Ende des Jahres 2018 auf unter 700.000 Ende des Jahres 2019. Dies hat Deutschland als Zuwanderungsland weniger attraktiv gemacht. Die Zuwanderung aus dem arabischen und persischen Raum ist wohl unabhän gig von der wirtschaftlichen Lage gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig gewe sen. Dagegen erhöhte sich die Zahl der Nettozuwanderer aus den europäischen Nicht-EU-Staaten auf fast 100.000 und damit um rund 20% gegenüber Vorjahr. Zu diesen Ländern zählen Länder mit großer Einwohnerzahl wie Russland, die Türkei und die Ukraine. Die kleinen Balkanstaaten sind in Summe mit mehr als 60.000 Zuwanderern aber von größerer Bedeutung. Auch aus den asiatischen Ländern erhöhte sich die Nettozuwanderung leicht um rund 10% auf 34.100 Personen. Allein aus Indien kamen netto 21.700 Einwanderer. Damit lag es nach Rumänien und Syrien auf Rang 3 der wichtigsten Herkunftsländer und für die Hauptstadt Berlin mit seinem dynamischen IT- und Startup-Sektor war In dien bereits im Jahr 2018 das Herkunftsland Nummer eins. Zudem war bundes weit über das gesamte letzte Jahrzehnt ein stetiger Anstieg der Zuwanderung aus Indien zu verzeichnen. Top 20 Länder im Jahr 2019: Aggregate 1 Nettoeinwanderung in '000 2019 2018 EU-Osteuropa 85,3 123,8 Arabien/Persien 56,5 65,5 Non-EU-Balkan 60,2 48,1 Große Europäische Länder 33,4 30,2 Asiatische Länder ex Arab./Pers. 34,1 30,0 Sonstige 13,5 23,3 Summe 283,0 320,9 Anteil der Top 20 an allen in % 86,5 80,3 Quelle: Deutsche Bank Research Zuwanderung bis zum Jahr 2030 3 | 7. Juli 2020 Deutschland-Monitor Im Jahr 2020: Zuwanderung dürfte auf tiefsten Stand seit zehn Jahren fallen Im Jahr 2020 ist die Zuwanderung während des Kontaktverbots und des Wie derhochfahrens der EU-Binnengrenzen kräftig eingebrochen. Mit einer Zuwan derung von 7.600 Personen im März 2020 war die niedrigste Zuwanderung im Monat März seit dem Jahr 2010 zu verzeichnen. Auch in den Folgemonaten war die Nettozuwanderung vermutlich sehr niedrig, bisweilen möglicherweise sogar negativ. Trotz der erwarteten graduellen Erholung im zweiten Halbjahr dürfte der jährliche Zuwanderungssaldo wohl deutlich unter 200.000 liegen und damit auf den niedrigsten Wert seit dem Jahr 2010 zurückfallen. In den Folgejahren: Außereuropäische Zuwanderung könnte an Bedeutung gewinnen Die Entwicklung im Jahr 2021 dürfte sowohl von der epidemiologischen Situa tion in Deutschland relativ zu den Herkunftsländern als auch der Wirtschaftsdy namik abhängen. Je schneller die globale Wirtschaft wieder Fuß fasst, desto schneller laufen auch die Exportindustrie und die Nachfrage nach Arbeitskräften wieder rund. Im Hinblick darauf ist die wirtschaftliche Entwicklung in China er mutigend, während sie in unserem Hauptabsatzmarkt USA je nach Bundesstaat sehr heterogen ist. Wird die globale Wirtschaftskrise schnell überwunden und suchen deutsche Unternehmer wieder vermehrt Arbeitskräfte (im Jahr 2020 ist die Zahl der offenen Stellen von über 700.000 auf unter 600.000 eingebrochen), dann dürfte auch die Zuwanderung wieder kräftig anziehen. Dies gilt umso mehr, je besser die epidemiologische Lage und die Funktionsfähigkeit des Ge sundheitssektors in Deutschland im Vergleich zu den Herkunftsländern ist. Wirtschaftskrisen erhöhen regelmäßig bilaterale Zuwanderung Viele epidemiologische Daten deuten darauf hin, dass Deutschland die Corona Krise besser überwindet als viele andere Länder. 1 Sowohl während der Euro krise oder auch des Brexit erhöhte sich die Zuwanderung nach Deutschland re gelmäßig. Gleichzeitig war über das gesamte letzte Jahrzehnt die jährliche Zu wanderung von Großbritannien und Italien nach Deutschland positiv und kumu liert wanderten aus Großbritannien 27.000 und aus Italien sogar mehr als 150.000 Personen ein. Gemäß dieser Beobachtung könnte die Corona-Krise zu weiteren Zuwanderungsimpulsen führen. Dies gilt womöglich auch für einige osteuropäische EU-Länder, welche bisher relativ gut durch die Corona-Krise ka men, nun aber trotz relativ kleiner Testquoten steigende Infektionszahlen ver melden. Auch von außerhalb der EU könnte die Zuwanderung in den kommen den Jahren zulegen. In den letzten Wochen steuern einige bevölkerungsreiche Länder auf eine immer tiefere Gesundheitskrise zu. Dazu kann man Russland und Indien zählen, die wie beschrieben schon bisher bedeutende Zuwande rungsländer waren. Darunter befinden sich aber auch Brasilien und die USA, die im Jahr 2019 nur zu den 30 wichtigsten Herkunftsländern gehörten und eine Nettozuwanderung in Höhe von jeweils rund 4.000 Personen aufwiesen. Das seit 1. März 2020 gültige Fachkräfteeinwanderungsgesetz könnte dabei die glo bale Nachfrage nach Arbeitsplätzen steuern. Sobald der Arbeitsmarkt wieder Vollbeschäftigung erreicht, könnte der Wegfall der Vorrangprüfung einen kräfti gen Zuwanderungsschub auslösen. Wächst beispielsweise die Nettozuwande rung aus Indien wie bisher weiterhin nichtlinear, dann wäre Indien bereits Mitte 1 Schneider, Stefan et al. (2020). Krisenresilienz made in Germany. Deutschland-Monitor. Deut sche Bank Research. 6. Juli. 0 10 20 30 40 00 04 08 12 16 20 24 Indien Nichtlineares Modell Deutschland: Nettozuwanderung aus Herkunftsland Indien 2 in '000 Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt Zuwanderung bis zum Jahr 2030 4 | 7. Juli 2020 Deutschland-Monitor des kommenden Jahrzehntes das Hauptherkunftsland. Insbesondere der deut sche IT-Sektor, der händeringend Spezialisten sucht, könnte von dem Zuzug in discher Fachkräften profitieren. Aber auch insgesamt könnte diese Zuwande rung das strukturelle Wachstum stärken. Im abgelaufenen Jahrzehnt erfolgte die Zuwanderung oftmals aufgrund der EU-Freizügigkeit oder aus humanitären Gründen. Deswegen wirkte die Zuwanderung - beispielsweise wegen der ge steigerten Wohnungsnachfrage oder den höheren Staatsausgaben - oftmals nur zyklisch wachstumsfördernd. Im Zuwanderungs-Szenario wächst die Bevölkerung über das Jahr 2030 hinaus Angesichts dieser Überlegungen tendieren wir dazu, die Nettozuwanderung über das gesamte kommende Jahrzehnt relativ hoch anzusetzen. Orientiert man sich an den Berechnungen des Statistischen Bundesamts und den Varianten mit hohen Zuwanderungsraten von mehr als 300.000 Personen pro Jahr, dann wächst die Bevölkerung auf über 84 Mio. Einwohner bis Anfang der 2030er Jahre und sinkt im Anschluss bis zum Jahr 2060 auf wieder 83 Mio. Einwohner. Für die Wohnungs- und Immobilienmärkte implizieren diese Vorausberechnun gen weitere Nachfrageimpulse. Diese verstärken folglich den aktuellen Zyklus im Wohnungsmarkt bzw. federn für die Gewerbeimmobilienmärkte die negativen Folgen der Pandemie ab. Im Hinblick auf die negativen Wachstumseffekte einer alternden Gesellschaft ist die Zuwanderung hochwillkommen und könnte die Sozialsysteme sogar entlasten. Womöglich ist die soziale Integration dieser Zu wanderungsbewegungen dann auch deutlich einfacher zu realisieren als in den vergangenen Jahrzehnten. Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) © Copyright 2020. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Ver fassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen kön nen ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. 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Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Ree
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