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24. Juni 2015
Anleger mit Migrationshintergrund werden im Privatkundengeschäft von Banken immer wichtiger. In Zusammenarbeit mit der Universität Bayreuth haben wir die Risikoeinstellungen dieser Kundengruppe mit Hilfe von Daten des Sozio-Ökonomischen Panels untersucht. Aus den Ergebnissen lassen sich Implikationen für die passgenaue Beratung von Kunden mit Migrationshintergrund ableiten. Banken können so die Qualität der Beratung zum Vorteil des Kunden erhöhen - und zugleich einen wichtigen Wachstumsmarkt erschließen. [mehr]
Zielgruppe Zuwanderer: Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? Aktuelle Themen Demografie Deutschland ist Einwanderungsland. Über 16,5 Millionen Bürger Deutschlands haben einen Migrationshintergrund. Für Banken sind sie eine wichtige Ziel- gruppe. Dauerhaft erfolgreich im Privatkundengeschäft sind nur solche Kreditinstitute, die ihren Kunden maßgeschneiderte Finanzprodukte und eine passgenaue Be- ratung anbieten. Finanzprodukte und Beratung sind dann besonders stimmig, wenn sie die Risikopräferenzen von Anlegern in Finanzgeschäften berücksichti- gen. Das gilt auch und insbesondere für Anleger mit Migrationshintergrund. Im Kundengeschäft werden unterschiedliche Risikopräferenzen, die sich mögli- cherweise aus persönlichem Migrationshintergrund ergeben, bislang unter- schätzt. Diese Studie soll das ändern. Hierzu führen wir in Kooperation mit der Universität Bayreuth eine empirische Analyse mit Daten des Sozio- Ökonomischen Panels durch. Die Ergebnisse unserer Regressionsanalyse zeigen, dass Migranten erster Ge- neration bei der Bewertung allgemeiner Risiken risikoscheuer sind. Bürger ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die im Ausland geboren wurden, haben eine niedrigere Risikobereitschaft mit Blick auf allgemeine Risiken als Einwanderer zweiter Generation und die einheimische Vergleichsgruppe. Ein deutlich anderes Bild ergibt sich bei der Risikopräferenz ausländischer Staatsbürger bei Geldanlagen. Unabhängig von ihrem Geburtsort sind Anleger mit ausländischer Staatsbürgerschaft in der Regel risikofreudiger als deutsche Staatsbürger. Unsere Gespräche mit Kundenbetreuern für die türkischstämmige Kundengrup- pe der Deutschen Bank in Deutschland können diesen Eindruck zum Teil bestä- tigen. Türkische Anleger erster Generation gelten in der Regel als risikoscheuer – ihr Produktnutzungsverhalten gleicht sich erst im Lauf der Zeit an die deutsche Vergleichsgruppe an. Aus unseren Beobachtungen leiten sich Implikationen für den direkten Kunden- kontakt ab. Vor allem die türkische Zielgruppe zeigt, dass Risikoprofile sich im Zeitverlauf verändern können. Der zentrale Erfolgsfaktor der Finanzberatung für Kunden mit Migrationshintergrund ist, diese Transformation der Risikoprofile im Zeitverlauf zu verstehen, zu begleiten und in die passende Anlagestrategie zu überführen. Darüber hinaus ergeben sich strategische Implikationen für das Privatkunden- geschäft. Zielgruppenspezifische Kundenbetreuung zahlt sich für Finanzinstitute aus. Dies gilt insbesondere für die Zielgruppe mit Migrationshintergrund, die in den kommenden Jahrzehnten zahlenmäßig wachsen dürfte und zudem Zu- wächse im Durchschnittseinkommen verzeichnen könnte. Finanzdienstleistun- gen für Bürger mit Migrationshintergrund bleiben ein Wachstumsmarkt. Autor en Nicolaus Heinen +49 69 910-31713 nicolaus.heinen@db.com Timo Alberts Universität Bayreuth Lea Bitter Editor Jan Schildbach Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Ralf Hoffmann 24. Juni 2015 Zielgruppe Zuwanderer Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Ris ik o- verhalten in der Geldanlage ? Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 2 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Deutschland ist Einwanderungsland . Allein im Jahr 2013 zogen insgesamt mehr als 1,2 Millionen Menschen in die Bundesrepublik – ein neues 20-Jahreshoch und mehr als jedes andere Mitgliedsland der EU empfängt. Im OECD-Vergleich nehmen nur die USA mehr Menschen auf. Der hohe Zuzug schlägt sich auch in der Nettozuwanderung nieder: 2014 zogen insgesamt 522.090 Menschen mehr nach Deutschland als auswanderten. Fast zwei Drittel (61,2%) von ihnen kom- men aus der EU, drei von vier Einwanderern aus Europa. 15% kommen aus Asien, 5,2% aus Amerika, Australien und Ozeanien und 5% aus Afrika. 4 Die Nettomigration für das Jahr 2014 hat die Zahlen von 2013 übertroffen. Der Wanderungssaldo stieg im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um etwa 20%. 5 Die Motive für Migration sind unterschiedlich . Im Gegensatz zur weitverbreiteten Annahme kommen nicht alle Migranten nach Deutschland, weil sie von attrakti- ven Möglichkeiten angezogen werden (Pull-Faktoren). Viele kommen auch als Flüchtlinge aus politischer oder ökonomischer Notwendigkeit (Push-Faktoren). Die aktuelle öffentliche Debatte über Zuwanderung verstellt oft den Blick auf jene Menschen, die in den letzten Jahrzehnten bereits nach Deutschland ein- gewandert sind. Dabei sind sie ein elementarer Bestandteil der Gesellschaft. Mittlerweile haben über 16,5 Millionen Bürger Deutschlands einen Migrations- hintergrund. Das bedeutet, dass ein Fünftel der Bevölkerung entweder selbst nach Deutschland zugewandert ist oder zumindest einer der Elternteile Migrant ist. 6 Von den Menschen mit Migrationshintergrund sind zwei Drittel selbst nach Deutschland eingewandert. Ein Drittel ist in Zuwandererfamilien in zweiter Ge- neration geboren. 7 Diese Zahlen zeigen, dass Mitbürger mit Migrationshinter- grund ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind. Banken wissen das. Zahlreiche Kreditinstitute haben Bürger mit Migrations- hintergrund als besondere Kundenzielgruppe entdeckt. Mit Sprachschnittstellen in der Kundenbetreuung und Ethno-Marketing versuchen sie, das besondere Potenzial dieser Kundengruppe zu heben. Dauerhaft erfolgreich im Privatkun- dengeschäft sind jedoch nur solche Finanzdienstleister, die ihren Kunden maß- geschneiderte Finanzprodukte und eine passgenaue Beratung anbieten. Fi- nanzprodukte und Beratung sind dann besonders stimmig, wenn sie die Risiko- präferenzen von Anlegern in Finanzgeschäften berücksichtigen. Doch eben diese Diversity-Aspekte werden im Kundengeschäft mit Bürgern, die Wurzeln im Ausland haben, oft unterschätzt. So ist bislang noch nicht systematisch unter- sucht worden, inwiefern sich die Risikobereitschaft von Bürgern mit Migrations- hintergrund bei Finanzgeschäften von jener der einheimischen Bevölkerung unterscheidet. Im Tagesgeschäft dominieren Vermutungen – nicht jedoch empi- rische Erkenntnisse. Diese Studie soll das ändern. Sie soll das Geschäftspotenzial von Kunden mit Migrationshintergrund erschließen und dabei folgende Fragen untersuchen. — Welche wirtschaftliche Rolle spielen Kunden mit Migrationshintergrund? — Gibt es Unterschiede in Risikopräferenz und Geldanlageverhalten? Hierzu führen wir eine empirische Analyse mit Daten des Sozio-Ökonomischen Panels in Zusammenarbeit mit der Universität Bayreuth durch. — Was bedeutet das für das Privatkundengeschäft von Banken? 1 Vgl. Weiß und Diefenbach (2006). 2 Vgl. Weiß und Diefenbach (2006). 3 Vgl. Statistisches Bundesamt (2014b). 4 Vgl. BAMF (2015). 5 Vgl. Statistisches Bundesamt (2015a). 6 Vgl. Statistisches Bundesamt (2014b). 7 Vgl. BAMF (2015). 8 Vgl. Aygün (2015). Wer zu wem? 1 Die folgenden Begrifflichkeiten sind für die Analyse von Konsumenten mit Migration s- hintergrund wichtig. Quelle: Deutsche Bank Research — Ausländer: Juristischer Begriff für Bürger , die keine deutsche Staa tsangehörigkeit haben . 1 — Migranten: Menschen, die aus einem anderen Land nach Deutschland zug e- wandert sind – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit und unabhängig vom Grund der Zuwanderung . 2 — Menschen mit Migrationshintergrund: Zur Bevölkerung mit Migratio nshintergrund im engeren Sinn gehören nach Definition des Statistischen Bundesamts alle nach 1950 nach Deutschland Zugewanderten sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer - innen und Ausländer. 3 Von den Deut - schen mit Migrationshintergrund, die ihre deut sche Staatsangehörigkeit seit Geburt besitzen, haben nur jene einen Migra ti - ons hintergrund im engeren Sinn, die mit ihren Eltern oder einem Elternteil im se l- ben Haushalt leben. Zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund im weiteren Sinn gehören zusätzlich jene Deutschen mit Migrationshintergrund, die nicht (mehr) mit den Eltern im selben Haushalt leben. Ethno - Marketing 2 Ethno - Marketing richtet sich an Volksgruppen (Ethnien), die nicht die Mehrheit der Bevölk e- rung im Land darstellen. K ulturelle Aspekte, Normen und die unterschiedlichen Bedürfnisse dieser Zielgruppen spielen eine zentrale Rolle . Ein bekanntes Beispiel fü r Ethno - M arketing in Deutschland ist die Mobilfunkmarke Ay Yildiz von E - Plus , mit der türkischstämmige Einwo h- ner angesprochen werden. Der Name Ay Yildiz lässt sich mit „Stern und Halbmond“ überse t- zen und ist eine Ansp ielung auf die türkische Flagge . 8 Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 3 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Wirtschaftsfaktor Migrationshintergrund Migrationshintergrund ist immer ein Ergebnis individueller Pläne und Schicksale. Unabhängig davon lohnt sich zum besseren Verständnis der Zielgruppe ein Vergleich von Durchschnittswerten zwischen Bürgern mit Migrationshintergrund und einheimischen Bürgern in Deutschland. Das Durchschnittsalter der deut- schen Bevölkerung ohne Migrationshintergrund liegt bei knapp 47 Jahren. Die Gruppe der Mitbürger mit Migrationshintergrund hat mit einem Durchschnittsal- ter von 35 Jahren eine jüngere Altersstruktur. 9 17% der Zuwanderer haben sich mehrmals in ihrem Leben für Migration entschieden. Bei Zuwanderern aus den EU-15 Ländern 10 haben sogar 45% schon mehrfach Migrationserfahrung ge- sammelt. 11 Daten des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts 12 verdeutlichen noch- mals die Unterschiede zwischen Migranten aus verschiedenen Regionen. Wir betrachten im Folgenden wieder sowohl Migranten – also jene Menschen, die selbst gewandert sind – als auch Personen mit Migrationshintergrund – und damit Migranten und ihre Nachfahren in Deutschland. 13 — EU-28: Bei Einreise nach Deutschland sind Migranten aus den anderen EU- Staaten durchschnittlich noch nicht einmal 24 Jahre alt. Von dieser Beob- achtung zu unterscheiden sind Menschen mit Migrationshintergrund aus der EU-28, die bereits hierzulande leben. Sie sind im Schnitt 39 Jahre alt. 23% von ihnen können keinen berufsqualifizierenden Abschluss vorweisen. Bei Personen ohne Migrationshintergrund sind dies lediglich 12%. Dem gegen- über stehen 13% mit einem Abschluss an der Universität oder Fachhoch- schule; dieser Anteil ist so hoch wie bei gebürtigen Deutschen. Auf Grund der jüngeren Altersstruktur befindet sich jedoch ein Viertel der Bürger mit Wurzeln in EU-Ländern noch in der schulischen oder beruflichen Ausbil- dung. Die Arbeitsmarktsituation gestaltet sich wesentlich positiver. Nur 6% meldeten sich 2013 arbeitslos – weniger als der gesamtdeutsche Durch- schnitt von 7,7%. 14 Aufgrund der guten Arbeitsmarktsituation haben die Haushalte mit Wurzeln in Ländern der EU-28 verglichen mit den anderen Gruppen mit Migrationshintergrund auch oft die höheren Nettoeinkommen. Nur knapp 13% der Haushalte müssen mit einem Nettoeinkommen von we- niger als 900 EUR im Monat auskommen. Hingegen haben 22% der Haus- halte monatlich mehr als 3.200 EUR netto zur Verfügung. 15 — Sonstiges Europa: Bei Migranten, die aus europäischen Ländern außerhalb der EU kommen, sind die Türkei und Russland die häufigsten Herkunftsna- tionen. Diese Gruppe ist bei Einwanderung im Schnitt etwa 23 Jahre alt – und damit ebenfalls weitaus jünger als jene Menschen mit Migrationshinter- grund, die bereits in Deutschland leben. Sie sind im Schnitt 11 Jahre älter. Auch im Vergleich zu Einheimischen und Menschen mit Migrationshinter- grund aus der EU-28 ist diese Gruppe sehr jung. Daher befindet sich auch mehr als jeder Dritte (34%) noch in schulischer oder beruflicher Ausbildung. Fast genauso viele haben es aber auch nicht geschafft, einen berufsqualifi- zierenden Abschluss zu erlangen – Grafik 8 zeigt, dass der Anteil von Per- sonen ohne berufsqualifizierenden Abschluss höher ist als bei anderen 9 Vgl. Statistisches Bundesamt (2014a). 10 Staaten, die schon vor 2004 der EU angehörten. 11 Vgl. Brücker et al. (2014). 12 Vgl. Statistisches Bundesamt (2014b). 13 Der Mikrozensus schließt Migranten mit temporärem Bleibemotiv nicht aus. So kann die Statistik auch Personen umfassen, die beispielsweise nicht vorhaben, dauerhaft in Deutschland zu leben – wie etwa Austauschstudenten. 14 Vgl. Statistisches Bundesamt (2015b). 15 Der Mikrozensus setzt diese Grenzen. Dabei umfassen Einkommen bis zu 900 EUR monatlich die zwei untersten Einkommensschwellen. Die beiden obersten Einkommenskategorien beginnen ab einem Haushalts-Nettoeinkommen von EUR 3.200. -100 0 100 200 300 400 500 600 2006 2008 2010 2012 2014 Gesamt Nicht - Deutsche Deutschland : Wanderungssaldo 3 Wanderungssaldo für Deutschland, in tsd. Personen Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Statistisches Bundesamt - 300 - 200 - 100 0 100 200 300 400 500 DE UK SE AT FR NL LU PL PT GR ES Quelle: Eurostat Nettomigration 2013, in tsd. Personen Nettomigration: Deutschland ist in Europa Spitzenreiter 4 6 7 5 2 1 Deutsch mit Migrationserfahrung Ausländer mit Migrationserfahrung Deutsch ohne Migrationserfahrung Ausländer ohne Migrationserfahrung Migrationshintergrund unklar Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2013 Jeder Fünfte in Deutschland mit Migrationshintergrund 5 Deutsche Bevölkerung nach Migrationsstatus, 2013 Mit Migra - tionshinter - grund: 21 Ohne Migrations - hintergrund: 79 % % % % % % % Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 4 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Gruppen mit Migrationshintergrund. Einen Universitäts- oder Fachhoch- schulabschluss können nur 8% vorweisen. Da das Qualifikationsniveau ausschlaggebend für den Beruf ist, ergibt die Situation auf dem Arbeits- markt ein ähnliches Bild. Jeder Zehnte der Bürger mit Migrationshintergrund aus europäischen Ländern außerhalb der EU ist arbeitslos. Daher müssen 15% der Haushalte mit einem Einkommen von unter 900 EUR pro Monat auskommen. 17% haben ein Nettoeinkommen von mehr als 3.200 EUR. — Rest der Welt: 16 Bei Einreise sind Migranten aus dem Rest der Welt mit knapp 25 Jahren die älteste Gruppe. Bürger mit Migrationshintergrund außerhalb Europas, die bereits in Deutschland wohnen, sind jedoch mit ih- ren durchschnittlich 32,6 Jahren die jüngste Gruppe. Deshalb befinden sich 36% noch in schulischer oder beruflicher Ausbildung. Das weitere Qualifika- tionsniveau gestaltet sich sehr unterschiedlich. Bei Personen, die aus Afrika stammen, kommt ein Hochqualifizierter auf drei Personen ohne berufsquali- fizierenden Abschluss. Eine fast spiegelbildliche Situation ergibt sich bei Menschen mit amerikanischen Wurzeln, also Menschen aus den USA, Ka- nada und Lateinamerika. Hier haben 27% einen Universitäts- oder Fach- hochschulabschluss und nur 15% stehen ohne Abschluss da. Dementspre- chend ist auch die Anschlussfähigkeit dieser Gruppen auf dem Arbeitsmarkt recht unterschiedlich. 15% der Personen mit Wurzeln in Afrika sind arbeits- los. Dagegen finden nur 8% der Bürger, die vom amerikanischen Kontinent stammen, keine Arbeit. Menschen mit Migrationshintergrund in Asien, Aus- tralien und Ozeanien belegen in diesem Vergleich im Schnitt die mittlere Position. 10% von ihnen sind arbeitslos. Insgesamt müssen aber 20% der Haushalte, die Wurzeln außerhalb Europas haben, mit einem Nettoein- kommen von weniger als 900 EUR im Monat auskommen. Demgegenüber verfügen nur knapp 15% von ihnen über ein Nettohaushaltseinkommen von über 3.200 EUR pro Monat. Bei allen Unterschieden zwischen den Gruppen kann festgehalten werden, dass Migranten die Alters- und Bevölkerungsstruktur des Landes zukunftsfester ma- chen. Sie mildern die Auswirkungen des demografischen Wandels sowie des Mangels an Fachkräften ab, der spätestens ab 2030 über ein gemindertes Er- werbspersonenpotenzial zum Wachstumshemmschuh für Deutschland wird. Die Qualifikation vieler Migranten ist hoch. Sie kann jedoch nicht vollständig mit dem deutschen Qualifikationsniveau verglichen werden. Zwar weist ein Drittel der 20-65 jährigen Migranten, die im letzten Jahrzehnt (2001-2011) nach Deutschland gekommen sind, einen Hochschulabschluss auf, während in dieser Altersklasse nur jeder fünfte Einheimische einen Hochschulabschluss besitzt. Abschlüsse in Naturwissenschaften, IT, Mathematik oder Ingenieurswesen sind bei Migranten sogar noch stärker vertreten 17 . Bei diesen Betrachtungen sollte jedoch beachtet werden, dass sich das tatsächliche Niveau gleichwertig lauten- der Qualifikationen stark unterscheiden kann. Dies zeigt sich auch in der Aner- kennung ausländischer Bildungsabschlüsse. Nur bei etwa jedem Zweiten wird eine ausländische Qualifikation als vollwertig anerkannt. Insgesamt besitzt mehr als die Hälfte der Personen mit Migrationshintergrund (54%) eine abgeschlos- sene Berufs- oder Hochschulausbildung, ein Zehntel befindet sich gerade in der Ausbildung und 35% verfügen über keinerlei Berufsausbildung. 18 16 Diese Kategorie setzt sich zusammen aus den Herkunftsregionen Afrika, Amerika, Asien, Austra- lien und Ozeanien. 17 Vgl. Bräuninger (2014). 18 Vgl. Liebau und Romiti (2014). EU - 28 35 Sonsti - ges Europa 36 Afrika 3 Amerika 2 Asien, Austra - lien & Ozea - nien 16 Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2013 Personen ohne Angaben sind nicht berücksichtigt Europäer in der Mehrheit 6 Personen mit Migrationshintergrund im engeren Sinne (Def. Destatis) nach Herkunft, 2013 % % % % % 47 39 34 33 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Ohne Migrations - hintergrund EU - 28 Sonstiges Europa Rest der Welt Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2013 Durchschnitt Menschen mit Migrations - hintergrund Durchschnittsalter, Menschen mit Migrations - hintergrund im engeren Sinne (Def. Destatis) Personen ohne Angaben sind nicht berücksichtigt Verjüngungskur für Deutschland 7 0 10 20 30 EU - 28 Sonstiges Europa Rest der Welt… ...davon Afrika …davon Amerika …davon Asien, Australien, Ohne berufsqualifizierenden Abschluss Universität / Fachhochschule Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2013 Bürger mit Migrationshintergrund im engeren Sinne (Def. Destatis) Personen ohne Angaben sind nicht berücksichtigt. Große Unterschiede bei Qualifikationen 8 Ozeanien Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 5 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Migranten als Gründer Besonders ausgeprägt unter Migranten ist der Wille zur unternehmerischen Selbstständigkeit. Evidenz hierfür liefert der Global Entrepreneurship Monitor (GEM). Im folgenden Absatz über Gründung umfasst der Begriff „Migrant“ alle Bürger Deutschlands, die im Ausland geboren wurden, sowie die Kinder der Zuwanderer, die zwar im Inland geboren wurden, sich aber dem ausländischen Kulturkreis näher fühlen. 19 Wir verwenden diese Definition, um Konsistenz mit der Quelle 20 zu wahren. 23,1% der Personen, die in den letzten dreieinhalb Jahren ein Unternehmen gegründet haben, sind Migranten. Damit gründen Migranten prozentual häufiger eine Unternehmung als Deutsche. Bei Produktinnovation, Alter der Produktions- technologie sowie dem Produktionsverfahren sind ausländische Gründer auf dem gleichen Stand wie Deutsche. 21 Allerdings sind Neuunternehmen von Mig- ranten durchschnittlicher größer als deutsche Gründungen. Mehr als 70% der unternehmerisch tätigen Migranten beschäftigen bei Eintritt in die Selbststän- digkeit bereits Mitarbeiter oder haben dies vor. Bei Einheimischen fällt dieser Anteil mit knapp über 50% deutlich geringer aus. Migranten sind bei der Exis- tenzgründung zudem jünger: Knapp die Hälfte (48%) der ausländischen Grün- der ist unter dreißig Jahre alt, bei Deutschen sind dies nur 37%. Frauen sind in der Gruppe der Migranten als Gründer mit einem Anteil von nur 32% klar unter- repräsentiert. Der Anteil einheimischer Gründerinnen liegt hingegen immerhin bei 43%. 22 Darüber hinaus besitzen Migranten kulturspezifische Alleinstel- lungsmerkmale und Kontakte zu ihrem Heimatland, die sie unternehmerisch nutzen können. Dies könnte erklären, wieso die Unternehmen ausländischer Gründer häufiger einen hohen Exportanteil aufweisen. Zudem bestehen Unter- schiede in der Qualifikation. Der Anteil der hochqualifizierten deutschen Grün- der liegt bei 37%. Im Gegensatz dazu gilt nur jeder vierte Gründer mit Migrati- onshintergrund als hochqualifiziert. 23 Es mag vielerlei Gründe geben, die die höhere Selbstständigenquote bei Mig- ranten erklären. Ein Grund könnte sein, dass die Unternehmensgründung ihnen eine Möglichkeit zum sozialen Aufstieg bietet. Da Migranten meist über gute Netzwerke, aber tendenziell über eine geringere Qualifikation als Einheimische verfügen, ist die Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs durch Selbstständigkeit attraktiver als die Alternative, sich in einem Unternehmen hochzuarbeiten. Zah- len des Global Enterpreneurship Monitors (GEM) legen zudem nahe, dass die höhere Selbstständigenquote bei Migranten teilweise auf schlechtere Arbeits- marktbedingungen zurückzuführen sein könnte. 24 Auch ist die Abbruchquote bei zugewanderten Selbstständigen höher als bei Deutschen. So haben bereits ein Fünftel (21%) aller Migranten ihre Unternehmung ein Jahr nach Gründung wie- der aufgegeben. Nach drei Jahren sind nur noch etwa Sechs von Zehn dabei. Im gesamtdeutschen Durchschnitt haben 15% ihre Unternehmung nach 12 Mo- naten wieder aufgegeben. Nach 3 Jahren liegt die Abbruchquote bei 30%. Stu- dien verweisen auf tendenziell schlechtere Ausgangsbedingungen, wie etwa das niedrigere Alter ausländischer Gründer zum Gründungszeitpunkt (Lebenser- fahrung) oder eine schlechtere Qualifikation. 25 19 Dies wird durch Selbsteinschätzung der Befragten ermittelt. 20 Vgl. Brixy et al. (2011). 21 Vgl. Brixy et al. (2011). 22 Vgl. Metzger (2014). 23 Vgl. Brixy et al. (2011). 24 Vgl. Brixy et al. (2011). 25 Vgl. Metzger (2014). 0 5 10 15 EU - 28 Sonstiges Europa Rest der Welt… …davon Afrika …davon Amerika …davon Asien, Australien, Ozeanien Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2013 Arbeitslosenquote Menschen mit Migrationshinter - grund im engeren Sinne (Def. Destatis) 2013, % Arbeitslosigkeit bei Bürgern aus anderen EU - 28 - Staaten am geringsten 9 0 50 100 Ohne Migrationshintergrund EU - 28 Sonstiges Europa Afrika Amerika Asien, Australien & Ozeanien Unter 500 500 - 1500 1500 - 2000 2000 - 3200 3200 - 4500 Mehr als 4500 Einkommensstrukur 10 Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2013 Personen ohne Angaben sind nicht berücksichtigt Haushaltseinkommen Personen mit Migrations - hintergrund im engeren Sinne (Def. Destatis), EUR % % 100 % Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 6 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Wanderung und Wachstum Mit ihrer Arbeitskraft sind Migranten ein entscheidender Wachstumsfaktor. Be- reits im letzten Jahr zeigte Deutsche Bank Research, 26 dass der kräftige Be- schäftigungsanstieg durch Zuwanderung seit 2010 eine signifikante Auswirkung auf das deutsche Wirtschaftswachstum hatte. Obwohl Migranten zum Zeitpunkt der Einwanderung nach Deutschland mangels länderspezifischen Wissens eine etwas geringere Produktivität als Einheimische aufweisen, konnten sie zwischen 2010 und 2013 etwa ein Fünftel zum durchschnittlichen Wachstum von 2% bei- tragen. Zudem steigern Migranten bei erfolgreicher Integration in den Arbeits- markt ihre Produktivität mit jedem zusätzlichen Aufenthaltsjahr und verringern so die Produktivitätslücke zu Einheimischen. Tatsächlich wäre das BIP 2013 ohne Zuwanderung leicht geschrumpft, anstatt um 0,4% zu wachsen. Diese Berechnungen ergeben sich aus einer Zerlegung der Veränderung des Bruttoin- landsprodukts in die Veränderung der Erwerbstätigkeit, Arbeitszeit und Stun- denproduktivität der Erwerbstätigen. Daneben dürfte die gestiegene Zahl an Migranten das deutsche Potentialwachstum in den kommenden Jahren eben- falls um 0,4 Prozentpunkte erhöhen. Neben den positiven Wachstumseffekten dämpft das gestiegene Arbeitsange- bot jedoch auch das Lohnwachstum um 0,2 Prozentpunkte. 27 Allerdings ist be- sonders die Zuwanderung von jüngeren und höher qualifizierten Arbeitskräften, die seit 2010 anhält, positiv für den deutschen Arbeitsmarkt zu bewerten. Denn zum einen ist die Flexibilität in diesem Arbeitsmarktsegment relativ hoch. Zum anderen verhalten sich das ausländische und einheimische Arbeitskräfteange- bot eher komplementär zueinander, wovon einheimische Arbeitskräfte mittelfris- tig profitieren können. Der negative Effekt auf die bereits in Deutschland arbei- tende Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist bei höher qualifizierten Zuwan- derern zudem relativ gering. Die Vorteile der Zuwanderung für den Wirtschaftsstandort Deutschland über- wiegen. Dieses Nutzenverhältnis ist jedoch keine Einbahnstraße: Auch Migran- ten sind mit ihrem Leben in Deutschland sehr zufrieden. Drei Viertel der Zuwan- derer, die seit 1995 nach Deutschland gezogen sind, haben vor, hier zu bleiben. Allerdings hält es gerade Hochqualifizierte am wenigsten in Deutschland. Von ihnen sind 45% unentschlossen, ob sie in Deutschland bleiben möchten. 28 Migranten als Sparer Im direkten Vergleich zwischen Einheimischen und Migranten stellen Studien unterschiedliche Sparneigungen fest. Bauer und Sinning (2010) schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass Migrantenhaushalte 29 überhaupt etwas sparen, zu etwa 25% geringer als bei einheimischen Haushalten ein. Bauer und Sinning verweisen auf zwei Faktoren, die diese geringere Sparleistung erklären. — Rücküberweisungen: Viele Migranten, insbesondere jene mit temporärem Bleibemotiv, senden Teile ihrer Ersparnis zurück in ihr Heimatland (sog. Remittances). Werden Überweisungen in die Heimat nicht berücksichtigt, ist die Sparleistung von Haushalten, in denen Migranten leben, durchschnittlich 2,3 Prozentpunkte geringer als die Sparleistung einheimischer Haushalte. 30 Berücksichtigt man jedoch diesen Effekt, so verringert sich der Unterschied in der Ersparnishöhe deutlich. 26 Vgl. Folkerts-Landau (2014). 27 Vgl. Folkerts-Landau (2014). 28 Vgl. Tucci et al. (2014). 29 Bei Bauer und Sinning (2010) umfasst der Migrantenbegriff all jene Personen, deren Geburtsort nicht in Deutschland liegt und die im Laufe ihres Lebens nach Deutschland eingewandert sind. 30 Die Sparleistung bezieht sich auf die monatliche Ersparnis im Verhältnis zum Monatseinkommen. 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 10 11 12 13 14 15 Löhne Löhne ohne Zuwanderung % gg. Vj. Quellen: Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research Nettozuwanderung dämpft Lohnwachstum etwas 12 Etwa die Hälfte des erwarteten Lohnanstiegs 2015 geht auf die Einführung des Mindestlohns von EUR 8,50 zurück. - 1,0 - 0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 10 11 12 13 14 15 BIP ohne Zuwanderung Effekt Zuwanderung BIP Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research % gg. Vj. Signifikanter Wachstumseffekt durch Zuwanderung 11 Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 7 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen — Einkommensunterschiede: Migranten können teilweise weniger sparen, weil ihr durchschnittliches Haushaltseinkommen geringer ist und sie daher einen größeren Teil ihres Einkommens für Konsum verwenden müssen. Dabei führen Bauer und Sinning 55% der Unterschiede in der Sparquote zwi- schen Migranten und Einheimischen auf beobachtbare Charakteristiken zurück. Die anderen 45% deuten auf Unterschiede in der Sparneigung, die sich unter anderem auch aus der Risikobereitschaft von Migranten ableitet. Dies soll im weiteren Verlauf der Studie untersucht werden. Nach einer kurzen Literatur- übersicht besprechen wir die Ergebnisse unserer Regressionsanalyse und lei- ten daraus Empfehlungen für das Privatkundengeschäft ab. Risikobereitschaft von Migranten Nicht jeder ist bereit, sein Heimatland zu verlassen und sich in einem fremden Land mit unbekannter Kultur und Sprache eine neue Existenz aufzubauen. Es ist diese Selbstselektion, die – zusammen mit einer zusätzlich möglichen Aus- wahl durch die Einwanderungsbehörden des Gastlandes – dazu führt, dass Migranten oft weder als typisch für ihr Gastland, noch für ihr Heimatland wahr- genommen werden. So werden ihnen oft spezifische Eigenschaften wie etwa höherer Ehrgeiz, unternehmerisches Geschick oder größere Anpassungsfähig- keit beigemessen. 32 Ein weiteres Merkmal, das Migranten in der öffentlichen Debatte zugeschrieben wird, ist höhere Risikofreude. Menschen, die sich für die Wanderung in ein an- deres Land entscheiden, haben nicht nur beschränkte Gewissheit über zukünf- tige Lebensumstände. Sie betreten auch ein meist fremdes Umfeld mit unbe- kannter Kultur. Migration – so die gängige Argumentation – impliziert daher den Willen zur Übernahme von Risiko. Ob diese Vermutung auch empirisch bestätigt werden kann, wurde bisher nicht hinreichend überprüft. Und so gibt es nur ein enges Spektrum wissenschaftlicher Untersuchungen, die sich mit der Risikonei- gung von Migranten befassen. Der folgende Literaturüberblick stellt die relevan- testen Beiträge vor. Literaturüberblick Ob risikofreudige Menschen eine hohe Mobilität besitzen, erforschen Jaeger et al. (2010). Sie betrachten hierfür jedoch nur innerdeutsche Wanderungsbewe- gungen. Mithilfe des Sozioökonomischen Panels (SOEP) analysieren Jaeger et al. den Zusammenhang zwischen individueller Risikoeinstellung und Umzügen zwischen deutschen Regionen. Das Ergebnis: Menschen, die eher bereit sind, Risiken einzugehen, haben auch eine höhere Bereitschaft zum Wohnortwech- sel. Sie besitzen eine 1,5 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, die Region und somit auch den Arbeitsmarkt 33 zu wechseln – angesichts einer durchschnitt- lichen Migrationswahrscheinlichkeit von 5,8% ein bemerkenswerter Zuwachs 34 . Die Risikobereitschaft derer, die mehrmals umgezogen sind, ist dabei sogar noch ausgeprägter als die Risikobereitschaft von Personen, die nur einmal ihren Wohnort gewechselt haben. Die Kausalkette knüpfen Jaeger et al. dabei wie folgt: Der Migrationswille setzt Risikofreude voraus – und nicht anders herum. Jaeger et al. führen weiterhin an, dass sich ähnliche Ergebnisse bei einer Studie aus den USA finden lassen. Der Unterschied bestünde lediglich darin, dass US- 31 Vgl. Liebau und Romiti (2014). 32 Vgl. Brixy et al. (2011). 33 Jaeger et al argumentieren, dass die Wirtschaftsaktivität einer Region als eigenständiger Ar- beitsmarkt angesehen werden kann. 34 Die Wahrscheinlichkeiten beziehen sich auf den gesamten Studienzeitraum zwischen 2000 und 2006. Migranten investieren in Sprache und Bildung 13 Migranten zeigen sich häufig bildungshungrig und haben oft ein großes Interesse daran, weitere Qualifikationen in Deutschland zu erwerben. Dies ist teilweise auf ein geringes Anfangsqualifikationsniveau zurück zu führen . 28% der Eingewanderten befinden sich in einer Ausbildung oder haben eine (weite re) berufliche Qualifikation nach ihrem Zuzug erworben. Bei Migranten, die zuvor keinen qualifizierenden Berufsabschluss besaßen, liegt dieser Anteil sogar bei 35%. Das liegt unter anderem daran, dass viele Migranten bei ihrem Zuzug noch sehr jung sind und ihre Bildungslaufbahn noch nicht beendet haben. Z u Investitionen in Bildung gehört ebenfalls der Erwerb von Sprachkompetenzen. Sprachqual i- fikationen verbessern die Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt erheblich. Daher haben 61% der Migranten aus dem IA B - SOEP Migrationspanel von 2013 angegeben , einen Sprachkurs besucht zu haben, die Hälfte d a- von bereits in Deutschland. Der Besuch eines Sprachkurses ist augenscheinlich ein gewicht i- ger Grund, dass 58% der Migranten ihre a k- tuellen Deutschkenntnisse als „g ut“ oder „sehr gut“ bezeichnen. Bei ihrem Zuzug nach Deutschland konnten dies nur 12% dieser Personen von sich behaupten . 31 Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 8 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Amerikaner eine deutlich höhere Risikobereitschaft und somit eine viel höhere Arbeitsmarktmobilität als Deutsche aufweisen. Balaz und Williams (2010) bestätigen diese Resultate in verhaltensökonomi- schen Experimenten. Die Autoren überprüfen die Einstellung zu Risiko und Un- sicherheit von slowakischen Studenten, von denen ein Teil bereits temporäre Migrationserfahrungen gesammelt hat. 35 Bei den Experimenten zeigen Frauen, die eine Zeit im Ausland gelebt haben, eine größere Risikofreude als jene, die ihr Heimatland nicht verlassen haben. Frauen mit Migrationserfahrung waren in drei der vier Experimente zu signifikant höheren Wetteinsätzen bereit. 36 Bei Männern ließen sich im Zuge der Experimente keine Unterschiede in der Risi- koeinstellung zwischen Migranten und Nicht-Migranten feststellen. Die Selbst- einschätzung der Studenten über ihre Risikoeinstellung ergibt ein ähnliches Bild. Im Hinblick auf die Kausalität stimmen Balaz und Williams mit den Befun- den von Jaeger et al. überein, dass der Migrationswille durch die Risikoeinstel- lung bedingt wird. Auch die weiteren Ergebnisse decken sich mit dem wissen- schaftlichen Konsens. 37 Die Schlüsse von Balaz und Williams stehen jedoch im Widerspruch zu den Erkenntnissen von Bonin et al. (2009). Das Paper vergleicht die Risikoeinstel- lung von Migranten und Einheimischen auf Basis von Daten des SOEP aus dem Jahr 2004. Nach Bonin et al. handeln Migranten der ersten Generation nicht nur allgemein risikoaverser, sondern verhalten sich bei Finanzentscheidungen, Sport, Freizeit und Karriere ebenfalls risikoscheuer. Bemerkenswert ist, dass die Risikoeinstellung von Migranten der zweiten Generation der der Einheimischen gleicht. Die Autoren vermuten, dass sich die Risikoeinstellung durch die Teil- nahme am deutschen Bildungssystem und die allgemeinen Lebensumstände in der zweiten Generation anpasst. Dass die Studien von Bonin et al. und Balaz und Williams zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen, kann auch mit der unterschiedlichen Abgrenzung des Migrantenbegriffs zusammenhängen. Bonin et al. definieren Migranten als Bürger mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Zusätzlich kategorisieren sie Migranten, die im Ausland geboren und selbst nach Deutschland eingewandert sind, als Migranten erster Generation. Migranten, die einen ausländischen Pass besitzen, aber in Deutschland gebo- ren sind, werden als Migranten zweiter Generation bezeichnet. Diese Definition unterscheidet sich von der Abgrenzung von Balaz und Williams, die auch tem- poräre Auslandsaufenthalte als Migrationsverhalten werten. Eine weitere Studie von Bonin et al. (2012), die auf den Ergebnissen der ersten Studie aufbaut, analysiert, wie Integrationsgrad und Risikoeinstellung der Mig- ranten zusammenhängen. Es zeigt sich, dass Migranten, die große Bemühun- gen bei der Integration zeigen, ebenfalls weniger risikoavers eingestellt sind als ihre Peers in der Vergleichsgruppe. Dementsprechend ist bei Migranten, die stärker an ihrer Heimatkultur festhalten, auch eine durchschnittlich höhere Risi- koaversion erkennbar. Zudem lassen sich zwischen verschiedenen Ethnien Unterschiede in der Integration und somit auch in der Risikoeinstellung feststel- len. So kommen Bonin et al. (2012) zu dem Ergebnis, dass Migranten aus Westeuropa eine tendenziell höhere Risikobereitschaft als Menschen aus der Türkei haben. 35 Dies sind größtenteils ausländische Studienaufenthalte oder Praktika. 36 In den drei Experimenten mit signifikantem Unterschied waren Frauen mit Migrationserfahrung bereit, einen im Schnitt 5 Euro höheren Betrag zu wetten, als Frauen ohne Migrationserfahrung. 37 Balaz und Williams attestieren den Teilnehmern eine generell risikoaverse Einstellung, wie sie bereits aus einer Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten bekannt ist. Dass Frauen dabei eine noch ausgeprägtere Risikoaversion als Männer aufweisen, ist ebenfalls konsistent mit existierender empirischer Literatur. Für einen umfassenden Literaturüberblick siehe Balaz und Williams (2010, S.584ff). 38 Vgl. Verband der Auslandsbanken in Deutschland e.V. (2015). 39 Vgl. Dohms und Schreiber (2015). Wie Banken Kunden mit Migrationshinte r- grund umwerben 14 Banken erkennen zu nehmend den Bedarf an individuelle r Finanzberatung für Kunden mit Migrationshintergrund. Drei Ausprägungen lassen sich unterscheiden. — Angebote ausländischer Banken in Deutschland: Der Verband der Ausland s- banken in Deutschland zählt 211 Mitgli e- der. Die Bank en unterscheiden sich deu t- lich in ihrem Geschäftsmodell, Leistung s- spektrum und ihrer Rechtsform. 38 Was viele ausländische Banken jedoch verbi n- det ist, dass sie Anlaufstelle für Priva t- kunden und Unternehmen ihres He r- kunftslandes sind. Daher existieren oft sp ezielle Angebote für Landsleute. — Spezieller Service und Angebote heim i- scher Banken: Das Potential von Kunden mit Migrationshintergrund haben auch schon viele deutsche Banken er kannt. Besonders der Markt für türkischstämm i- ge Kunden ist stark umkämpft. So h at die D e utsche Bank beispielsweise da s Ang e- bot der Bankamız e ingeführt ( vgl . Kasten 20 ). — Finanzdienstleistungen, die auf reli giöse Bedürfnisse eingehen: Im März 2015 e r- hielt die erste islamische Bank die Vol l- banklizenz der Bafin und plant nun me h- rere Fil ialen in deutschen Großstädten. Sie ist damit eine der ersten Banken, die das Konzept von Islamic Banking nach Deutschland bringen. Islamic Banking gibt der muslimischen Minderheit die Möglic h- keit, Finanzgeschäfte nach den Grun d- sätzen und Regeln der Schari a zu tätigen. Dazu gehört die Befolgung des Zinsve r- b o tes. Zudem untersagt die Scharia be i- spielsweise Investitionen, die sich auf Genussmittel beziehen. 39 Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 9 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Risikobereitschaft in der Geldanlage: Gang der Untersuchung Der Literaturüberblick zeigt, dass eine Diskussion der Risikoeinstellung von Menschen mit Migrationshintergrund auf Basis von empirischer Evidenz erfol- gen sollte. Aufbauend auf den zuvor besprochenen Studien haben wir daher eine bevölkerungsrepräsentative Untersuchung zu diesem Thema erstellt. Mit Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) analysieren wir die Unterschiede zwischen der Risikoeinstellung von Mitbürgern mit ausländischer Staatsbürger- schaft im Vergleich zu Einheimischen. Hierzu betrachten wir sowohl die allge- meine Risikoeinstellung als auch die Risikoeinstellung hinsichtlich einer Geldan- lage. Im weiteren Gang der Untersuchung orientieren wir uns eng an der Methodik von Bonin et al. (2009). Um Konsistenz mit dem Ausgangspapier zu gewähr- leisten und zugleich Anschlussfähigkeit zum SOEP zu erreichen, definieren wir für unsere Regression als Migranten all jene, die eine ausländische Staatsan- gehörigkeit besitzen. Innerhalb dieser Gruppe nehmen wir eine weitere Untertei- lung vor. — Migranten erster Generation: Migranten mit ausländischer Staatsbürger- schaft, welche in Deutschland leben, jedoch im Ausland geboren wurden und somit selbst Migrationserfahrung gesammelt haben. — Migranten zweiter Generation : Migranten, die bereits in Deutschland gebo- ren wurden, aber dennoch eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzen. Seit 2004 fragt das Sozioökonomische Panel in einzelnen Jahren die generelle Risikoeinstellung sowie die Risikobereitschaft zu spezifischen Bereichen des Lebens (z.B. Geldanlage, Vertrauen in fremde Menschen) ab. Die Befragten bewerten ihre Risikoeinstellung auf einer 11-Punkte-Skala zwischen 0 (gar kei- ne Risikobereitschaft) und 10 (höchste Risikobereitschaft). Die aktuellste ver- fügbare Befragung hierzu stammt aus dem Jahr 2009. Um die Risikobereitschaft von Anlegern mit Migrationshintergrund einzuschät- zen, haben wir aus der Befragung von 2009 die folgenden drei Variablen unter- sucht: — Die allgemeine Risikoeinschätzung — Die Risikobereitschaft bei Geldanlagen — Die Risikoeinstellung bei Geldanlagen von Personen, die eine generell hohe Risikobereitschaft haben. 42 Eine Gefahr durch Verzerrungen, die sich aus der Subjektivität individueller Selbstauskünfte zur Risikoaffinität ergeben, schließen wir mit Blick auf Implika- tionen für das Privatkundengeschäft aus. Denn ebenso wie bei den Umfragen des Sozio-ökonomischen Panels geben Kunden auch im Kundengespräch in der Filiale ihrem Finanzberater ihre Risikoeinstellung auf einer ordinalen Skala in Form einer Selbsteinstufung zur Kenntnis. Wie bereits im Literaturüberblick skizziert, haben Bonin et al. (2009) bereits eine vergleichbare Untersuchung durchgeführt, die ebenfalls Daten des SOEP ver- wendet. Diese datieren jedoch aus dem Jahr 2004, als die spezifischen Risiko- fragen erstmalig erhoben wurden. Im Gegensatz zu Bonin et al. (2009), die ein breiteres Themenspektrum untersuchen, fokussieren wir uns auf Risikoeinstel- lungen, die relevant für Finanzdienstleistungen sind. So überprüfen wir eben- falls, ob und inwiefern soziodemografische Faktoren wie Alter oder Geschlecht die Risikoeinstellung beeinflussen. Ausgehend von Bonin et al. (2009) wurden 40 Vgl. DIW (2015). 41 Vgl. Haisken-DeNew und Frick (2005). 42 Eine hohe Risikobereitschaft haben wir definiert ab einer Bewertung von ≥ 7 von 10 Punkten. Das Sozio - ökonomische Panel (SOEP) im Profil 15 — Das SOEP ist eine repräsentative Läng s- schnittstudie der deutschen Bevölkerung, die seit 1984 in jährlicher Wiederholung in deutschen Haushalten durchgeführt wird. — Die B efragung umfasst mittlerweile 30 . 000 freiwillige Teilnehmer in 11 .000 Haushalten . 40 — Die Fragen umfassen Themengebiete wie Bildung, Haushalts zusammensetzung, Einkommen, Gesundheit, Wohnsituation sowie individuelle Einstellungen wie z.B. die Risikobereitschaft. — Die jährlichen Befragungen (Wellen) werden regelmäßig durch zusätzliche Fragen bezüglich bestimmter Schwe r- punktthemen ergänzt. So kamen Fragen bezüglich der individuellen Risikoei n- schätzung erstmalig mit der „Welle U“ im Jahre 2004 dazu. 41 Die jüngste Befragung zur individuellen Risikoeinstellung datiert aus dem Jahr 2009. Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 10 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Regressionen mit der Methode der kleinsten Quadrate 43 mit den Risikoeinstel- lungen als abhängigen Variablen durchgeführt. 44 Die erklärenden Variablen sind das Besitzen einer nicht-deutschen Staatsbür- gerschaft (Migr) sowie der Geburtsort der Migranten (Migr*Geburtsort nicht in Dland). Zusätzlich wird die Regression mit weiteren sozio-demografischen Kont- rollvariablen unterfüttert. Wir kontrollieren für diese Variablen, obwohl sie keine direkte Relevanz für unser Thema haben, weil sie dennoch einen maßgeblichen Einfluss auf die abhängige Variable ausüben können. Bei der Konzipierung der Regression haben wir auf eine Replikation von Bonin et al (2009) zurückgegrif- fen. Unsere Kontrollvariablen umfassen die Bildung in Jahren (Bildung), das Netto-Haushaltseinkommen 45 (Eink/Haushalt), das Geschlecht (Weibl), ob der Befragte verheiratet ist (verh), ob er Kinder unter 16 Jahren hat (KinderU16) sowie das Alter in Jahren (Alter). Aus Platzgründen haben wir auf eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Nationalitäten verzichtet und die Regressionstabellen, bei denen wir Männer und Frauen separat analysiert haben, nicht abgebildet. Risiko = β ₀ + β₁ Bildung + β ₂ Eink/Haushalt + β 3 Verh + β 4 Weibl + β 5 KinderU16 + β 6 Alter + β 7 (Alter) 2 + β 8 (Alter) 3 + β 9 Migr + β 10 Migr Geburtsort nicht in Dland. + Ɛ t Ergebnisse Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich jegliche Pauschalisierung der ausländi- schen Kundengruppe im Bankgeschäft verbietet. Betrachtet man die persönli- che Einschätzung der allgemeinen Risikoeinstellung , so ergibt sich folgendes Bild: — Migranten, die im Ausland geboren sind (erste Generation), haben eine signifikant höhere Risikoaversion als Einheimische. — Zudem sind Migranten erster Generation auch deutlich risikoaverser als jene Migranten, die bereits in Deutschland geboren wurden (zweite Genera- tion). Diese wiederum lassen sich in ihrer Einstellung mit Blick auf allgemei- ne Risiken nicht von den Deutschen unterscheiden. Die Tatsache, dass Migranten zweiter Generation in ihrer allgemeinen Risikoeinstellung nah an der deutschen Vergleichsgruppe sind, deutet darauf hin, dass sich die Risi- kopräferenzen von Migranten im Zeitverlauf an die deutsche Gruppe anglei- chen. — Dieser Unterschied zwischen Migranten erster Generation einerseits und Migranten zweiter Generation sowie Einheimischen andererseits wird noch einmal deutlich, wenn man Frauen separat betrachtet. Migrantinnen mit Ge- burtsort außerhalb Deutschlands haben eine erheblich größere Risikoscheu als weibliche Migranten, die in Deutschland geboren wurden, und einheimi- sche Frauen. Bei Männern ist dieser Unterschied nicht so stark ausgeprägt. 43 Die Methode der kleinsten Quadrate (auch: Ordinary Least Square, OLS) sorgt dafür, dass die Abweichungen zwischen den beobachteten Werten und den zugehörigen Prognosewerten mög- lichst klein sind. Die entsprechenden Schätzer werden Kleinste-Quadrate Schätzer genannt. 44 Die folgende Regressionsfunktion fasst die drei Risikovariablen unter dem Begriff „Risiko“ zu- sammen. 45 Das Netto-Haushaltseinkommen wird in der Einheit von zehntausend EUR gemessen. Interpretationshilfe 16 Die Ergebnistabelle 1 8 (S. 1 2 ) l ässt sich fo l- gendermaßen interpretieren: Positive Koeff i- zient en weisen auf eine höhere Risikofreude hin, während negative Koeffizienten eine geringere Risikofreude ausdrücken. Ob eine erklärende Variable einen relevanten Einfluss auf die Risikobereitschaft hat, wird mithilfe der Irrtumswahrscheinlichkeit (Signifikan zniveau) gemessen. Je niedriger das Signifikanzniveau, desto höher ist die Aussagekraft der Variable n . — Hohe Signifikanz: Bei einem Signifikanzniveau von unter 1% kann von einem hochsignifikanten Einfluss gespr o- chen werden. — Signifikanz: Werte von unter 5% w erden von gemeinhin als signifikant angesehen . — Leichte Signifikanz: Bei einem Signifikanzniveau von unter 10% kann noch von einer leichten Signifikanz g e- sprochen werden. Die verschiedenen Stufen der Signifikanz sind in der Ergebnistabelle 1 8 mit Asterisken (Sternchen) gekennzeichnet. Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 11 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Wendet man den Blick von der allgemeinen Risikoeinstellung zur Risikobereit- schaft bei Geldanlagen , so ändert sich das Bild. In der Geldanlage sind Migran- ten tendenziell risikofreudiger als bei der allgemeinen Risikoeinstellung. — Bei Geldanlagen ist die gesamte Gruppe der Migranten (sowohl erste als auch zweite Generation) deutlich risikofreudiger als die einheimische Ver- gleichsgruppe. Zudem lassen sich hinsichtlich der Risikoeinstellung bei Geldanlagen keine Unterschiede zwischen Migranten erster und zweiter Generation feststellen. — Dieses Bild bestätigt sich bei Anlegerinnen. Bei der Geldanlage sind Mig- rantinnen (erster und zweiter Generation) risikofreudiger als einheimische Frauen. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frauen – unabhängig von Nationalität und Risikokategorie – im vorliegenden Daten- satz im Durchschnitt risikoscheuer sind als Männer. Ein scheinbarer Widerspruch bleibt. Migranten erster Generation sind vorsichti- ger als Deutsche, wenn es um die Beurteilung allgemeiner Risiken geht. Zu- gleich ist die Gruppe aller Migranten jedoch risikofreudiger in der Geldanlage als Einheimische. Dies muss nicht zwingend an den Migranten liegen, sondern könnte unter anderem auf eine besonders stark ausgeprägte Risikoscheu der deutschen Vergleichsgruppe nur in Finanzdingen zurückzuführen sein – die sprichwörtliche Inflationsangst und das im internationalen Vergleich besonders konservative Finanzanlageverhalten (Stichwort geringe Aktienquote) deuten in diese Richtung. Ein zweiter Grund könnte die große Heterogenität der betrach- teten Migranten-Gruppe sein. Zu der großen Gruppe aller Bürger mit einer aus- ländischen Staatsangehörigkeit zählen schließlich Flüchtlinge und Angehörige ehemaliger Gastarbeiterfamilien ebenso wie Migranten aus anderen EU- Ländern oder Drittstaaten. Das zeigt: Auch wenn die Regression statistisch keine Unterscheidung bezüg- lich der Risikobereitschaft bei Geldanlagen zwischen Migranten erster und zwei- ter Generation zulässt, sollte man sich bewusst sein, dass in der Praxis zwi- schen den Generationen und zwischen einzelnen Nationalitäten durchaus Un- terschiede bestehen können. Dies mahnt noch einmal zur Vorsicht, dass im Tagesgeschäft am Kunden Zuwanderer nicht pauschal behandelt werden soll- ten. Es kommt auf den Einzelfall an. Bleibt ein Blick auf die Risikoeinstellung in der Geldanlage derer, die sich selbst im Allgemeinen als besonders risikofreudig beschreiben. Als besonders risiko- freudig haben wir all jene Befragten eingestuft, die ihre persönliche Risikoein- stellung mit mehr als 6 von 10 Punkten bewertet haben. Sie gehören zu den risikobereitesten 5% der Grundgesamtheit. — Hier zeigt sich, dass Migranten, die sich mit Blick auf ihre allgemeine Risi- kobereitschaft als besonders risikofreudig sehen, bereit sind, in der Geldan- lage wesentlich mehr Risiken einzugehen als risikofreudige Einheimische. Dieser Effekt ist hochsignifikant. — Zudem sind hier selbst Migranten, die im Ausland geboren sind und eine relativ hohe Risikofreude haben, bereit, ein höheres Risiko bei der Geldan- lage einzugehen als risikofreudige Einheimische. Dabei sind risikofreudig eingestellte Migranten erster Generation aber immer noch risikoaverser als risikofreudige Migranten zweiter Generation. — Bei separater Betrachtung der Geschlechter lässt sich dies auch bei Män- nern erkennen. Sowohl (grundsätzlich risikofreudige) männliche Migranten zweiter Generation wie auch erster Generation sind in der Geldanlage deut- lich risikofreudiger als (grundsätzlich risikofreudige) Einheimische. Sonstige Ergebnisse 17 Neben dem Migrationsstatus haben noch weitere Faktoren einen signifikanten Einfluss auf die allgemeine Risikoeinstellung sowie das Risikoniveau bei einer Geldanlageentsche i- dung. Im Rahmen der Untersuchung wurden hier Migranten und Deutsche zusammeng e- fasst. — Anzahl der Bildungsjahre: Gebildete Menschen sind risikofreudige Menschen – zumin dest relativ zum repräsentativen Querschnitt. Denn je länger die Schul - und Ausbildungszeit, desto risikofreudiger schätzen sich die Befragen allgemein aber auch bei Anlageentscheidungen ein. — Einkommen: Ein höheres monatliches Netto - Haushaltseinkommen ist bei den Befragten meist mit einer g rößeren Ris i- kofreude verbunden. — Familienstand: Verheiratete Personen scheuen tendenziell Risik en . Statistisch signifikant ist, dass verheiratete Personen eine größere Risikoaversion haben als nicht verheiratete Personen. Dies gilt s o- wohl mit Blick auf die allgemeine Risik o- bereitschaft als auch in Bezug auf die Geldanlage. — Geschlecht: Die hochsignifikanten Erge b- nisse , die zeigen, dass Frauen deutlich risikoaverser eingestellt sind als Männer , bestätigen den wissenschaftli chen Ko n- sens. — Alter: Jüngere Personen sind zunächst risikofreudiger. Sie werden mit zune h- mendem Alter jedoch risikoaverser . Dies könnte an einem höheren Interesse li e- gen, den erreichten Besitzstand zu wa h- ren. Dieser Unterschied zwischen den A l- tersgruppen relativiert sich i n höherem A l- ter wieder. Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 12 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Anmerkungen zur Methodik 19 — Bei der Methodenauswahl haben wir uns an der existierenden Literatur orientiert. Für ordinale Variablen wird in der Literatur in der Regel die Ord ered - Probit - Methode verwendet – eine Methode, die ni cht - lineare Modelle (wie es bei ordinalen Skalen d er Fall sein kann) mithilfe von Erge b- niswahrscheinlichkeiten modelliert. Allerdings ist die Interpretatio n der Koeffizienten von Ordered - Probit - Mode llen intuitiv nicht einfach . Wir haben neben der KQ - Method e auch die Ordered - Probit - Methode durchgeführt. Allerdings zeigen wir in der Regressionstabelle die leichter interpretierb a- ren Kleinste - Quadrate - Koeffizienten (KQ). Denn diese Ergebnisse verhalten sich verhältnismäßig robust zu den Resultaten der Ordered - P robit - Methode. — Wie zuvor orientieren wir uns auch bei den Standardfehlern an der Methodik von Bonin et al. (2009) und verwenden normale Stan dardfehler zur Berechnung der t - Statistik. Regressionen 18 Abhängige Variablen: Einstellung zu Risiko allgemein Risikobereitschaft bei Risikoeinstellung Geldanlage bei Modell Geldanlagen hoher genereller Risikobereitschaft Koeffizienten: *** signifikant zum 1% - Niveau,** signifikant zum 5% - Niveau, *signifi kant zum 10% - Niveau - t - Werte in Klammern Anzahl Bildungsjahre 0,0429257*** 0,0873409*** 0,1065107*** (6,71) (13,96) (4,46) Nettoeinkommen Haushalt 0,6011594*** 1,110088*** 1,685163*** (6,36) (12,01) (5,00) Verheiratet - 0,2076363*** - 0,0959918** - 0,2108029 ( - 4,87) ( - 2,3) ( - 1,35) Weiblich - 0,7776882*** - 0,7391863*** - 0,9068285*** ( - 24,47) ( - 23,75) ( - 7,11) Kinder unter 16 Jahre - 0,0274311 0,0151162 0,1157992 ( - 0,61) (0,34) (0,73) Alter - 0,1242777*** - 0,0614741** - 0,0269429 ( - 4,42) ( - 2,23) ( - 0,25) Alter² 0,2010842*** 0,1010181* 0,0523876 (3,71) (1,9) (0,24) Alter³ - 0,0128954*** - 0,0066287** 0,0035451 ( - 3,91) ( - 2,05) ( - 0,26) Migrant 0,1734136 0,390727** 1,742562*** (1,01) (2,33) (3,09) Migrant* i m Ausland geboren - 0,4101313** - 0,2620122 - 1,335593** ( - 2,20) ( - 1,44) ( - 2,13) Konstante 5,78562*** 2,050542*** 2,491321** (17.98) (6,5) (2,15) Gesam tstichprobe N 17.225 17.106 1.867 R² 0,0956 0,0859 0,0725 adjuste d R² 0,095 0,0853 0,0675 Quelle: DB Research Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 13 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Fallstudie und Interpretation des Ergebnisses Die Ergebnisse unserer Regressionsanalyse zeigen, dass zwischen Mitbürgern mit Migrationshintergrund und Einheimischen Unterschiede in der Risikoaffinität bestehen. Dies gilt auch und insbesondere für persönliche Entscheidungen in der Geldanlage. Eine Fallstudie des Produktnutzungsverhaltens der türkischstämmigen Kunden- gruppe der Deutschen Bank kann diese Ergebnisse mit qualitativen Informatio- nen ergänzen. Sie bestätigt die empirischen Ergebnisse allerdings nur in Teilen und zeichnet speziell für die Kundengruppe als Ganzes ein etwas anderes Bild. Fallstudie: Kunden türkischer Abstammung in Deutschland Das Produktnutzungsverhalten der türkischstämmigen Kundengruppe der Deut- schen Bank ist besonders gut dokumentiert, da die Deutsche Bank seit 2006 diese Kundenzielgruppe über eine spezielle Schnittstelle betreut – die Bankamız (vgl. Box 20). Auch andere Finanzinstitute bieten derartige Dienstleistungen an – wir betrachten Bankamız jedoch als Fallstudie. Die Er- gebnisse unserer (nationalitätenübergreifenden) Regression lassen sich gut mit den Daten der B ankamız und qualitativen Interviews mit einzelnen Kundenbe- treuern ergänzen. Türkischstämmige Kunden sind bei Geldanlagen tendenziell risikoaverser eingestellt, als es die Ergebnisse unserer Regression vermuten lassen. So liegt die Produktnutzungsquote der Bankamız-Kunden im Bereich des Vor- sorgesparens – einschließlich Versicherungen – weit über der der einheimi- schen Privatkunden. Insbesondere die Zuwanderer der ersten Generation be- vorzugen konservative Finanzgeschäfte (z.B. Girokonto) und favorisieren im Kundengespräch risikoarme Anlagemöglichkeiten. Wertpapierdepots werden von der türkischen Zielgruppe hingegen nur selten genutzt. Bei anderen Privat- kunden ist diese Quote um fast das Vierfache höher. 46 Dies könnte auch auf Einkommensunterschiede zurückzuführen sein. Nicht nur im Anlagegeschäft, sondern auch im Kreditgeschäft gibt es Unter- schiede. So ist die höhere Kreditnutzungsrate unter Mitbürgern türkischer Her- kunft oft ein Ausdruck spezifischer Kundenwünsche. Es werden beispielsweise gerne Konsumentenkredite aufgenommen, um große Hochzeitsfeste vorzufi- nanzieren. Beliebt unter den Eltern junger Männer ist auch, einen Kredit im hö- heren vierstelligen Bereich aufzunehmen, um den Sohn von der Wehrpflicht in der Türkei zu entbinden. Ein Grund für ältere Arbeitnehmer, einen Kredit aufzu- nehmen, ist die vom türkischen Staat offerierte Möglichkeit, sich über eine hohe Einmalzahlung in das türkische Rentensystem einzukaufen. Nicht zuletzt ist Bausparen sehr beliebt: Von denen, die planen, zusätzlich Geld für die Alters- vorsorge zu sparen, wollen 25% in eine Immobilie in der Türkei investieren und 21% planen, eine Immobilie in Deutschland zu erwerben. 47 Trotz einer höheren Neigung zur Kreditaufnahme türkischstämmiger Kunden unterstreichen die von uns befragten Kundenberater, dass die Kreditausfallraten von Konsumenten- krediten türkischstämmiger Haushalte in der Regel unter den Kreditausfallraten deutscher Haushalte liegen. Dies dürfte nicht zuletzt an der Tatsache liegen, 46 Neben einer fehlenden Affinität zu Finanzprodukten machen Beobachter einen Vertrauensbruch nach einem größeren Finanzskandal in der türkischen Gemeinde Ende der 1990er Jahre für die geringe Risikobereitschaft in Finanzgeschäften verantwortlich. Anlageberater betrogen damals über intransparente Holding-Strukturen 200.000 türkische Privatanleger in Deutschland um in- sgesamt über fünf Milliarden Euro. Den Anlegern wurden hohe Renditen versprochen. Ihr Geld sollte zudem in der Türkei islamkonform und für „gute Zwecke“ angelegt werden. Siehe hierzu auch Deutscher Bundestag (2007). 47 Vgl. Sauer und Halm (2010) Bankamız im Profil 20 Die Bankamız („Unsere Bank“) ist eine Ku n- denschnittstelle der Deutschen Bank für Bü r- ger türkischer Abstammung in Deutschland. S ie tritt in Regionen und Stad t teilen mit hoher Dichte türkischstämmiger Mitbürger mit tü r- kischstämmigen Beratern im Rahmen eines Shop in Shop Systems auf. Seit Gründung der Bankamız im Jahr 2006 konnte die Deutsche Bank ihren Marktanteil in der Zielgruppe sign i- fikant steigern . Ziel bis Ende des Jahres ist es, 60 Filialen mit insgesamt 70 Bankamız - Beratern in Deutschland vorweisen zu können. Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 14 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen dass enge Familienbande in der türkischstämmigen Zielgruppe auch ohne ex- plizite Bürgschaften oft einen impliziten Haftungsverbund bilden. Implikationen Die meisten Kundenberater, die von uns zum Umgang mit Kunden mit Migrati- onshintergrund interviewt wurden, bestätigen unsere Ergebnisse zur Risikohal- tung zugewanderter Mitbürger in Teilen. Sie ergänzen, dass Migranten sich mit längerer Verweildauer in Deutschland in ihrer Risikoeinstellung an die einheimi- sche Bevölkerung anpassen. Hieraus ergeben sich verschiedene Implikationen – und zwar sowohl für die Beratung des Kunden im Tagesgeschäft als auch für die langfristige strategi- sche Ausrichtung des Privatkundengeschäfts einer Bank. Drei Implikationen für die Kundenberatung … Grundsätzlich lassen sich drei Implikationen für eine erfolgreiche Kundenbera- tung festhalten. — Erstens: Das Wissen um kulturelle Unterschiede ist Trumpf. Das Bewusst- sein, dass Kunden mit Migrationshintergrund möglicherweise ein anderes Risikoprofil haben, ermöglicht es, Privatkunden künftig noch passgenauer zu beraten und Missverständnisse zu vermeiden. — Zweitens: Wer die Risikoeinstellung abfragt, kann passgenauer beraten. Unsere Ergebnisse zeigen weiterhin, dass Bürger mit Migrationshinter- grund, die sich als generell risikofreudig betrachten, in weit höherem Maße dazu bereit sind, risikofreudige Anlageentscheidungen zu treffen, als die einheimische Vergleichsgruppe. Daher lohnt sich eine Abfrage der indivi- duellen Risikobereitschaft bei Kunden mit Migrationshintergrund in beson- derem Maße. — Drittens: Wer die Transformation von Risikoprofilen versteht, kann Kunden besser mit der passenden Anlagestrategie begleiten. Nicht nur die risikopro- filspezifische Beratung im Hier und Jetzt, sondern auch die konstante Wei- terentwicklung des Kundenverhältnisses ist ein langfristiger Erfolgsfaktor im Privatkundengeschäft. Der Wandel der Risikopräferenzen von Kunden mit Migrationshintergrund bietet Finanzberatern eine Chance, ihre Kunden beim Ergründen risikoreicherer Anlageklassen zu begleiten, Aufklärungsarbeit zu 48 Die Kategorie Sparreserve umfasst Produkte wie das Sparbuch oder spezielle Sparplan- Angebote. Produktnutzungsverhalten: Deutsche Bank Privatkunden und Bankamız-Kunden im Vergleich 21 Produktnutzungsquoten Bankamız Privatkunden Girokonten/ Z ahlungsverkehr 73,6% 50,4% Sparreserve 48 36,8% 46,6 % Vorsorge (inkl. Versicherung) 22,2% 15,4% Bausparen 11,3% 7,4% Privatkredit 10,9% 5,9% Wertpapierd epot 3,1% 11,1% Eigenheimfinanzierung 1,8% 2,7% Quelle: Deutsche Bank Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 15 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen betreiben, risikospezifisches Wissen zu vermitteln und damit das Vertrauen im Kundenverhältnis zu festigen. … und drei Implikationen für die strategische Ausrichtung des Privatkundengeschäfts Aus den Ergebnissen unserer Studie leiten sich nicht nur Implikationen für das Tagesgeschäft ab. Vielmehr sind diese auch besonders relevant für die langfris- tige strategische Ausrichtung des Privatkundengeschäfts. Auch hier lassen sich drei Implikationen ableiten. — Erstens: Zielgruppenspezifische Kundenbetreuung zahlt sich aus. Wer – wie oben geschildert – Kunden mit Migrationshintergrund zielgruppengenau be- treut, kann von positiven Netzwerkeffekten profitieren. Mitglieder von Mi- grantennetzwerken neigen besonders stark dazu, Finanzdienstleister weiterzuempfehlen. So zeigen etwa Statistiken der Bankamız , dass tür- kischstämmige Kunden eine Bank bis zu 60% öfter einem Freund oder Be- kannten empfehlen als die einheimische Vergleichsgruppe. 49 Diese Weiter- empfehlungsrendite ist ein Grund mehr, die Beziehung zu Kunden mit Mig- rationshintergrund besonders verantwortungsvoll zu pflegen. — Zweitens: Weitere Zielgruppen zu erschließen lohnt sich. Insbesondere Personen mit türkischem Migrationshintergrund werden in Deutschland stark umworben. Auf Grund des breiten Angebots türkischer Medien ist es verhältnismäßig einfach, diese Zielgruppe werblich mit passgenauen Kam- pagnen zu erschließen. Weitere aussichtsreiche Zielgruppen sind Russen, Polen sowie Migranten aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Eine Herausforderung bleibt jedoch, dass diese Zielgruppen oft ethnisch oder re- ligiös äußerst heterogen sind. Eine gemeinsame Medienöffentlichkeit wie in der türkischen Zielgruppe besteht in der Regel nicht. Die systematische Er- schließung anderer Zielgruppen mit Migrationshintergrund dürfte daher mit höheren Durchschnittskosten verbunden sein. Gleichwohl bieten moderne Mechanismen des Internetmarketing interessante Möglichkeiten, auch zer- splitterte Zielgruppen passgenau anzusprechen. — Drittens: Finanzdienstleistungen für Bürger mit Migrationshintergrund blei- ben ein Wachstumsmarkt. Wie eingangs erwähnt, nimmt der Anteil von Konsumenten mit Migrationshintergrund auf Grund starker Zuwanderung zu. Auch innerhalb dieser Gruppe verbessert sich in der Regel die Vermö- genslage mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Wanderungszeitpunkt. Die Konsumentenzielgruppe mit Migrationshintergrund hat zudem eine gün- stigere Demografie. All dies spricht dafür, dass die Nachfrage nach maßge- schneiderten Finanzprodukten für Bürger mit Migrationshintergrund in der Zukunft stärker zunehmen dürfte als in der deutschen Vergleichsgruppe. Die vorangegangene Analyse zeigt: Die individuelle Risikopräferenz ist ein gewichtiger Einflussfaktor für das Anlageverhalten. Dies zu berücksichtigen lohnt sich vor allem mit Blick auf Kunden mit Migrationshintergrund. Denn sollte diese Zielgruppe keine passenden Spar- und Anlagemöglichkeiten im Inland finden, ist es für sie eine naheliegende Alternative, Ersparnisse ins Heimatland zu senden und dort zu investieren. Diese Option wird in Zeiten niedriger Zinsen in Europa immer attraktiver. So schätzt die Weltbank, dass allein im Jahr 2014 Rücküberweisungen in Höhe von USD 436 Mrd. in Entwicklungsländer geflos- sen sind. Dass Migranten teils hohe Transaktionskosten 50 für Rücküberweisun- gen in die Heimatländer in Kauf nehmen, kann – neben persönlichen Motiven 49 Deutsche Bank (2015), S.18. 50 Die Transaktionskosten für Überweisungen von Deutschland nach Moldawien lagen beispiels- weise in der ersten Jahreshälfte 2014 bei fast 16%. Vgl. Weltbank (2014). Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 16 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen wie dem Willen zur Verwandtschaftshilfe – auch auf einen Mangel an attraktiven Renditen und Anlagemöglichkeiten im Inland zurückzuführen sein. Ausblick: Firmenkunden mit Migrationshintergrund werden immer wichtiger Sollten Finanzdienstleister diese Implikationen beherzigen, dürften individuelle Finanzdienstleistungen für Kunden mit Migrationshintergrund künftig genauso zum alltäglichen Bankgeschäft gehören wie die Studiumsfinanzierung, Bauspar- verträge oder Landmaschinenkredite. Das enorme Potenzial von Kunden mit Migrationshintergrund ist einfach zu erkennen – und mit der passenden Strate- gie einfach zu heben. Noch weitestgehend unerforscht ist hingegen die Rolle von Geschäftskunden mit Migrationshintergrund. Die hohe Selbstständigenquote unter Migranten, ihr internationales Wirkfeld und der hohe Grad an wechselseitiger Vernetzung bie- ten gute Anknüpfungspunkte, auch im Firmenkundengeschäft mit kundengrup- penspezifischen Angeboten erfolgreich zu sein. Gründer und Unternehmer mit Migrationshintergrund als dauerhafte Kunden zu gewinnen, zu begleiten und aufzubauen, wird die nächste interkulturelle Heraus- forderung für Banken sein. Sie als Kunden zu verstehen, wird ein weiteres Feld angewandter Forschung sein, zu der diese Studie anregen möchte. Nicolaus Heinen (+49 69 910-31713, nicolaus.heinen@db.com) Timo Alberts (timo.alberts@uni-bayreuth.de) Lea Bitter (lea.bitter@gmx.net) Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage? 17 | 24. Juni 2015 Aktuelle Themen Quellen Aygün, Tanju (2015). Ethno-Marketing. Springer Gabler Verlag, Gabler Wirt- schaftslexikon (http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/ethno- marketing.html). Balaz, Vladimir und Allan M. 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(https://www.ziraatbank.de/) Fokusthema D eutschland Unsere Publikationen finden Sie unentgeltlich auf unserer Internetseite www.dbresearch.de Dort können Sie sich auch als regelmäßiger Empfänger unserer Publikationen per E - Mail eintragen. Für die Print - Version wenden Sie sich bitte an: Deutsche Bank Research Marketing 60262 Frankfurt am Main Fax: +49 69 910 - 31877 E - Mail: marketing.dbr@db.com Schneller via E - Mail: marketing.dbr@db.com  Unternehmensfinanzierung & Konjunktur in Deutschland 1. Quartal 2015 ( Monitor Unternehmensfinanzierung ) ................................ . 5 . Juni 2015  Ausblick Deutschland: Reduzierte BIP - Prognose – Binnenkonjunktur aber intakt (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ ......... 1. Juni 2015  Falsche Wohnungspolitik erhöht Blasengefahr (Standpunkt Deutschland) ................................ .................. 28. Mai 2015  Deutscher Stahl mit Zukunftschancen in einer global wachsen den Welt (Aktuelle Themen – Branchen) ................................ ............ 6. Mai 2015  Euroschwäche und Branchen: Wer profitiert, wer verliert? (Aktuelle Themen – Branchen) ................................ ............ 5. Mai 2015  Ausblick Deutschland: Deutsches Sparverhalten vor QE - Herausforderungen (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ ....... 30. April 2015  Ausblick Deutschland: Kräftiger Gegenwind für deutsche Exportwirtschaft trotz Euroabwertung (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ ...... 30. März 2015  Einheit in Vielfalt? Trends & Treiber von Immobilienbesteuerung in Europa und Deutschland (Research Brie fing – Deutschland ) ................................ .. 26 . März 2015  Unternehmensfinanzierung & Konjunktur in Deutschland (Monitor Unternehmensfinanzierung) ................................ 4. März 2015  Ausblick Deutschland: Höheres Wachstum und Löhne, Sparer weiter vorsichtig (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ ........ 2. März 2015  Ausblick Deutschland: Höheres Wachstum und Löhne, Sparer weiter vorsichtig (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ ........ 2. März 2015  Biotechnologie: Finanzierungslücke gefährdet Wettbewerbsfähigkeit (Aktuelle Themen – Branchen) ................................ ... 11. Februar 2015  Ausblick Deutschland: Deutsches BIP nach Öl, EUR und EZB (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ ... 2. Februar 2015  Ausblick Deutschland – 2015: Konjunkturerholung mit Risiken © Copyright 2015. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. 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