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31. Januar 2018
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Die wirtschaftspolitische Unsicherheit (WPU) in Europa ist seit 2016 stark gestiegen. Eine erhöhte WPU kann sich negativ auf die Kapitalmärkte und die Vergabe von Bankkrediten an Unternehmen und Haushalte auswirken. Sie wird außerdem grenzüberschreitend auf andere Länder übertragen. Dies kann eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung in Europa beeinträchtigen. [mehr]
PROD0000000000460813 1   |    31. Januar 2018Aktueller Kommentar 31. Januar 2018 Wirtschaftspolitische Unsicherheit in Europa Schädlich für Kapitalmärkte und die Kreditvergabe Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Orçun Kaya +49(69)910-31732 orcun.kaya@db.com Die wirtschaftspolitische Unsicherheit (WPU) in Europa ist seit 2016 stark ge­ stiegen. Eine erhöhte WPU kann sich negativ auf die Kapitalmärkte und die Ver­ gabe von Bankkrediten an Unternehmen und Haushalte auswirken. Sie wird au­ ßerdem grenzüberschreitend auf andere Länder übertragen. Dies kann eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung in Europa beeinträchtigen. Aussagen und Maßnahmen von Entscheidungsträgern mit Blick auf die Fiskal­ politik, Strukturreformen oder neue Regulierung beeinflussen die Finanzmärkte immer stärker. Zusätzlich zu den Nachwirkungen der Finanz- und Schuldenkrise sorgten einige jüngste Entwicklungen für erhöhte Aufmerksamkeit. Zum Beispiel wurde der breite Konsens der europäischen Einigung durch das Brexit­Referen­ dum beschädigt. Darüber hinaus erhöhten die Wahlen in den größten europäi­ schen Ländern die politischen Risiken. Angesichts möglicher negativer Effekte für die Volkswirtschaft und die Finanzmärkte ist die wirtschaftspolitische Unsi­ cherheit (WPU) in Europa in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus ge­ rückt. Trotz erhöhtem Interesse war es lange Zeit nicht einfach, dem Verlauf der WPU zu folgen, da sie nicht direkt beobachtbar ist. Mit den Fortschritten in der empiri­ schen Textanalyse ist es jetzt jedoch möglich, die WPU zu messen und Trends zu quantifizieren.[1] Grafik 1 zeigt die Entwicklung des geglätteten europäi­ schen WPU-Index seit 2001. Auffallend ist, dass die WPU seit 2016 sehr stark gestiegen ist. Zum Beispiel war der WPU-Index nach dem Brexit-Referendum 5-mal so hoch wie im Jahr 2007. Ungeachtet einer minimalen Korrektur in den letzten Monaten bleibt der WPU-Index noch sehr erhöht. Um eine potenzielle Übertragung von WPU auf die Kapitalmärkte festzustellen, ist auch der Zusam­ menhang von WPU und Unsicherheit an den Finanzmärkten (gemessen am VSTOXX) in der Grafik dargestellt. Im Gegensatz zur WPU ist diese in letzter Zeit auf einem Allzeittief. Interessant zu beobachten ist, dass sich die wirt­ schaftspolitische und die Unsicherheit an den Finanzmärkten mit dem starken WPU-Anstieg 2016 voneinander entkoppelt haben. WPU steigt und und koppelt sich von der Finanzmarkt-Unsicherheit ab Quellen: PolicyUncertainty.com, Bloomberg, Deutsche Bank Research Wirtschaftspolitische Unsicherheit in Europa 2   |    31. Januar 2018Aktueller Kommentar Damit ist die Korrelation von rund 60% auf etwa 40% zurückgegangen. Es mag auf den ersten Blick scheinen, dass die WPU eine geringere Wirkung als früher auf die Finanzmärkte hat. Die beiden Indikatoren sind jedoch auf lange Sicht miteinander verbunden, und werden wahrscheinlich auch wieder konvergieren – entweder durch eine Zunahme der Unsicherheit an den Finanzmärkten oder ei­ nen Rückgang der WPU in den kommenden Quartalen. Zusätzlich zum Aktien­ markt wird eine hohe WPU tendenziell auch auf die Anleihemärkte übertragen, indem sie zu höheren Spreads von Unternehmensanleihen führt. Um diese ne­ gativen Auswirkungen der WPU auf die Kapitalmärkte zu reduzieren, sollten deshalb die Entscheidungsträger während der Brexit­Verhandlungen entschlos­ sen vorgehen und vermeiden, dass weitere wirtschaftspolitisch induzierte Unsi­ cherheiten entstehen.   Durch die wirtschaftliche und monetäre Integration zwischen den EU­Mitglied­ staaten sind die einzelnen EU­Länder miteinander stark verbunden. Grafik 2 be­ leuchtet die WPU-Trends in den größeren Ländern separat. In Deutschland, Frankreich und Großbritannien gibt es deutliche Parallelen in der Entwicklung. So war der Index vor der Finanzkrise in allen drei Ländern weitgehend niedrig, stieg danach exponentiell an und erreichte 2017 nach dem Brexit-Referendum sein Allzeithoch. Der WPU­Anstieg rund um das Brexit­Referendum war dage­ gen in den von der Staatsschuldenkrise betroffenen südlichen Ländern wie Itali­ en und Spanien eher moderat, was ziemlich überrascht. Einige Schwächen in der Messung der WPU – z.B. wird bei den Nachrichten, die Unsicherheit anzei­ gen, nicht zwischen lokalen und internationalen Ursachen unterschieden – kön­ nen in einigen Fällen, wie etwa dem Brexit, zu einer Überzeichnung der WPU führen. Die stärksten Anstiege der Unsicherheit werden von Ereignissen mit un­ vorhersehbarem Ausgang ausgelöst. Gleichzeitig wird die WPU insbesondere von den größten EU­Ländern auf andere Länder übertragen. In der Tat zeigt ei­ ne dynamisch-bedingte Korrelationsanalyse, dass die dem Brexit geschuldete hohe wirtschaftspolitische Unsicherheit in Großbritannien vor allem zu einer hö­ heren WPU in Deutschland und Frankreich führt, und in geringerem Maße auch auf Spanien und am wenigsten auf Italien übertragen wird. Im Großen und Ganzen fallen Phasen der erhöhten Unsicherheit mit einem er­ höhten Gegenparteirisiko für Banken zusammen. Da die Kreditvergabe ein mit­ tel- bis langfristiges Engagement bedeutet, kann es sein, dass sich die Banken in Phasen erhöhter WPU bei der Kreditvergabe an nichtfinanzielle Firmen oder an Haushalte zurückhalten. Und tatsächlich zeigt unsere empirische Analyse, dass sogar ein nur moderater Anstieg der Unsicherheit die Bankkreditvergabe an nichtfinanzielle Unternehmen erheblich reduziert. Dieser Effekt wird beson­ ders in Spanien und Italien und bis zu einem gewissen Grad in Frankreich be­ obachtet. Die Wirkung ist nur in Deutschland insignifikant. Darüber hinaus gibt es eine gewisse Asymmetrie der Auswirkungen steigender WPU auf die Kredit­ vergabe mit Blick auf die Unternehmensgröße. So neigen Banken bei erhöhter WPU gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen, die eine zentrale Rolle bei der Beschäftigung und Wertschöpfung spielen, zu einer Drosselung der Kredit­ vergabe – mehr als bei größeren Firmen. Zusammengenommen können die Banken ein zentraler Kanal sein, über den sich WPU auf die Realwirtschaft überträgt.   WPU­Übertragung von Großbritanni­ en nach Deutschland und Frankreich Quellen: PolicyUncertainty.com, Deutsche Bank Research Wirtschaftspolitische Unsicherheit in Europa 3   |    31. Januar 2018Aktueller Kommentar     Alles in allem hat eine erhöhte WPU negative Auswirkungen auf die Realwirt­ schaft sowohl über die Kapitalmärkte als auch über eine geringere Bankkredit­ vergabe an Unternehmen und Privatpersonen. Dabei wird die wirtschaftspoliti­ sche Unsicherheit auch grenzüberschreitend zwischen verschiedenen Ländern übertragen. Dies kann eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung beeinträchti­ gen. Daher sind eine Koordinierung der Wirtschaftspolitik und Konvergenz zwi­ schen den verbleibenden EU­Staaten nach dem Brexit wichtig, um die WPU ef­ fektiv zu reduzieren und dadurch auch Risiken für die Finanzstabilität zu mini­ mieren.   Siehe auch Economic policy uncertainty in Europe: Detrimental to capital mar­ kets and bank lending   [1] Dabei misst der WPU­Index von Baker, Bloom und Davis (2016, „Measuring economic policy uncertainty“, The Quarterly Journal of Economics, 131, 1593­ 1636), wie häufig Zeitungsartikel erscheinen, die gleichzeitig Wörter mit Bezug zur Wirtschaft, Politik und Unsicherheit beinhalten.     Wirtschaftspolitische Unsicherheit in Europa 4   |    31. Januar 2018Aktueller Kommentar © Copyright 2018. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vor­ behalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. 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