1. Research
28. September 2022
Der hohe Preisdruck steht weiterhin im Fokus der Finanzmärkte, der Unternehmer und der Wirtschaftspolitik. Diese Woche werden die Inflationsdaten für den Monat September veröffentlicht. Die Inflation in Deutschland dürfte kräftig angestiegen sein. Angesichts fallender Rohstoffpreise und der bevorstehenden Rezession dürfte - zumindest, wenn weitere Angebotschocks ausbleiben - der Preisdruck im Laufe des Jahres 2023 aber abebben. Aufgrund der hohen Inflationsraten und des schwachen wirtschaftlichen Umfeldes wird aktuell ein weiteres Entlastungspaket diskutiert. [mehr]
Deutsche Bank Research 1 Jochen Möbert, jochen.moebert@db.com, +49 69 910-31727 Eric Heymann, eric.heymann@db.com, +49 69 910-31730 Stefan Schneider, stefan-b.schneider@db.com, +49 69 910-31790 28. September 2022 Deutschland: Konjunktur kurzgefasst Schlüsselthema der Woche:  Konsumentenpreise in Deutschland dürften stark zulegen. Diese Woche steht die Veröffentli chung der Inflationsrate für den Monat September im Fokus. Sie wird am Donnerstag publiziert. Über die Sommermonate lag die Inflationsrate noch zwischen 7% und 8%. Hier dämpften Entlas tungsmaßnahmen der Regierung, wie das 9-Euro-Ticket, der Kraftstoffrabatt und die Abschaffung der EEG-Umlage, die die Jahresrate wohl um rund 1,6 Prozentpunkte reduzierten. Mit dem Auslau fen des 9-Euro-Tickets und des Kraftstoffrabatts dürfte die Inflationsrate nun auf 9,7% zulegen.  Importpreise folgen am Freitag. Dann werden die Importpreise für den Monat August bekanntge geben. Auch hier war über das Gesamtjahr ein hoher Preisdruck zu verzeichnen, die Wachstums rate lag von Januar bis Juli zwischen 26% und 32% ggü. den jeweiligen Vorjahresmonaten. Für den August wird eine ähnlich hohe Rate erwartet. Gegen Jahresende dürften die Importpreise aufgrund von Basiseffekten allmählich nachgeben. Insbesondere der starke Rückgang der Rohölpreise und der Preise für Basismetalle dürfte sich bemerkbar machen. Bleiben weitere Preisschocks aus, dann dürften sich die Importpreise im Jahr 2023 wieder normalisieren. Die Jahreswachstumsrate könnte dann gegen Jahresende sogar in den negativen Bereich rutschen.  Inflationsdaten der Eurozone. Von größerer Bedeutung für die Geldpolitik als die nationalen Preis anstiege ist die Inflationsrate der Eurozone, die am Freitag veröffentlicht wird. Laut Konsensus wird sie von 9,1% im August auf 9,7% im September anziehen. Auch die Kerninflationsrate (ohne die volatilen Komponenten Energie und Nahrungsmittel) dürfte steigen. Laut Konsensus dürfte sie sich auf 4,7% erhöhen, nach 4,1% im August. Daher überrascht es nicht, dass die EZB die Geldpolitik im Laufe der nächsten Monate weiter straffen wird. Gemäß unserer Prognose werden Leitzinserhöhun gen im Oktober um 75 Basispunkte und im Dezember um 50 Basispunkte bekanntgegeben. Die nächsten EZB-Sitzungen sind am 27. Oktober und am 15. Dezember. Wirtschaftliches Update Deutschland:  ifo Geschäftsklima und Einkaufsmanagerindizes brachen im September kräftig ein. In den letzten Tagen gaben wichtige Konjunkturindikatoren deutlich nach. Der ifo Geschäftsklimaindex fiel am Montag auf 84,3 Indexpunkte von 88,6 im August (langfristiger Median: 98,4). Der „Composite" Einkaufsmanagerindex fiel Ende letzter Woche auf 45,9 von 46,9 im August (Wachstumsschwelle: 50 Indexpunkte). Eine Rezession über das Winterhalbjahr scheint nun unausweichlich, auch wenn weitere fiskalische Entlastungspakete verabschiedet würden.  Arbeitsmarkt bleibt voraussichtlich robust. Laut den Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wird die drohende Rezession zwar dämpfende Effekte auf die Arbeitsnachfrage haben, aber es wird nicht zu einem Einbruch kommen. Aufgrund des strukturellen Arbeits- und Fach kräftemangels - der Arbeitskräfteknappheits-Index des IAB deutet ein Allzeithoch an - dürften die meisten Unternehmen an ihren Mitarbeitern festhalten. Wir erwarten im Jahr 2023 im Jahresdurch schnitt eine Arbeitslosenrate von 5,7% (August 2022: 5,5%), was nahezu komplett auf das zusätzli che Arbeitsangebot der Flüchtlinge zurückzuführen ist.  Einwohnerzahl erreicht neues Rekordhoch. Erstmals leben mehr als 84 Mio. Menschen in Deutschland, ein Plus von 0,84 Mio. Personen oder rund 1% gegenüber dem Jahresende 2021. Aus der Ukraine wanderten in etwa 0,75 Mio. Personen zu, wobei rund 0,5 Mio. Personen weiblich und rund 0,25 Mio. männlich sind. Zudem wanderten netto rund 0,33 Mio. Personen aus anderen Län dern im Jahr 2021 zu, dem steht der natürliche Bevölkerungsrückgang von rund 0,24 Mio. Personen gegenüber. Die aktuelle Zuwanderung ist damit ähnlich hoch wie im Jahr 1992 und im Jahr 2015. Perspektivisch erwarten wir bis zum Jahr 2030 fast 86 Mio. Einwohner . Wirtschaftliches Update international:  PMI-Daten im Fokus. Viele Vorlaufindikatoren deuteten jüngst eine wirtschaftliche Schwächephase an. So liegen die „Composite" Einkaufsmanagerindizes in der Eurozone, in UK und in den USA unter 50 Indexpunkten. Für das Jahr 2023 erwarten wir für die Eurozone einen BIP-Rückgang um 2,2%, für UK eine Stagnation und für die USA lediglich ein Wachstum von 0,6%, während für das globale Wachstum unserer Prognose nach lediglich ein BIP-Wachstum von 2,2% realisiert werden wird. Deutsche Bank DB Research 2 © Copyright 2022. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Ver fassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen kön nen ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis zur Erbringung von Bankge schäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleis tungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Inc. genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen.  Das britische Pfund im Achterbahnmodus. Die neue Regierung verkündete vor wenigen Tagen das größte Steuerentlastungpaket seit den 1970er Jahren, worauf das Pfund stark abwertete. Trotz zügiger Gegenbewegung hat das Pfund aktuell relativ zu Ende August fast 4% gegenüber dem Euro und rund 7,5% gegenüber dem US-Dollar verloren. Angesichts des sehr hohen Leistungsbilanzdefizits von mehr als 7% des BIP aufgrund des schwachen Wirtschaftsumfeldes fallen die Rohölpreise - sowohl Brent als auch WTI - jüngst unter USD 80 pro Barrel (Durchschnittspreis Brent 2017 bis 2019: USD 57,6 pro Bar rel). Auch die Gaspreise sind in den letzten Tagen deutlich rückläufig. So fiel der Gaspreis (Dutch TTF Gas Futures) von EUR 347 pro MWh Ende August auf zuletzt unter EUR 174 pro MWh (Jahresdurch schnitt 2019 EUR 14,6 MWh). Ebenso notieren die Preise für Basismetalle wieder deutlich niedriger. Relativ zu den Jahreshöchstständen sind die Stahlpreise lediglich um -25% gefallen, am kräftigsten fiel Zinn mit -59%. Der Preisdruck von den globalen Rohstoffmärkten ebbt aktuell also ab. Potenziell dürfte das in den nächsten Monaten den massiven Anstieg bei Import-, Erzeuger- und auch Konsumentenprei sen begrenzen.  2023 einen partiellen Strom- und Gaspreisdeckel. So soll jeder Haushalt bis zu 1.200 Kubikmeter Gas und 2.400 KWh Elektrizität deutlich unter dem Marktpreis einkaufen können. Erst bei einem höhe ren Verbrauch wird der Marktpreis fällig. Dies impliziert milliardenschwere Entlastungen und setzt gleichzeitig große Anreize Strom und Gas einzusparen. Investitionen in energie- und CO 2 -arme Techno logien bleiben damit attraktiv. Zudem sollen Geringverdiener zusätzlich entlastet werden. Wirtschafts- und ordnungspolitische Maßnahmen:  Klimakonsultationen am 4. Oktober. Laut Medienberichten (FAZ vom 24.9.) finden am 4. Oktober Kli makonsultationen zwischen der deutschen und niederländischen Regierung statt. Dies könnte auch im Hinblick auf die aktuelle Energieversorgung von Bedeutung sein. So verfügen die Niederlände über das größte Gasfeld Europas. Im letzten Jahrzehnt wurden noch bis zu 50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr (etwas mehr als 1% der globalen Produktion) gefördert. Dies führte jedoch zunehmend zu stärkeren Erdbeben, wodurch mehrere 10.000 Häuser beschädigt wurden. In der Folge wurde die Produktion all mählich heruntergefahren. Aktuell werden weniger als 5 Milliarden Kubikmeter gefördert. Laut Medien berichten soll die deutsche Regierung im Sommer angefragt haben, ob die Produktion im Notfall wieder hochgefahren werden könnte. Hierauf antwortete die niederländische Regierung mit der Gegenfrage, ob deutsche Kernkraftwerke über das Jahresende hinaus laufen. Angesichts der großen aktuellen Unsi cherheit könnten die Ergebnisse der Konsultationen von besonderer Bedeutung sein.  Viertes Entlastungspaket? Laut Medienberichten denkt die Bundesregierung über ein viertes Entlas tungspaket nach. Mehrere Ministerpräsidenten fordern weitere Entlastungen, insbesondere die Imple mentierung niedriger Strom- und Gaspreise wird gefordert. Zudem streben mehrere Ministerpräsidenten eine neue Aufteilung der Kostenverteilung des dritten Entlastungpakets zwischen Bund und Ländern an. Corona-Update:  In den letzten Tagen Berichte über neuen Omikron-Subtyp BA.2.75.2 . Erste Studien deuten auf beson ders hohe Resistenz gegen Antikörper (Immunflucht). Mehr Infektionen möglich, aber nicht unbedingt schwerere Krankheitsverläufe. Variante in Deutschland noch nicht verbreitet. Die offizielle Zahl der To desfälle im Zusammenhang mit Corona sinkt global weiter. Auch nachlassende Erfassung von Infektio nen. Derweil steigt in Deutschland die 7-Tage-Inzidenz wieder deutlich schneller (heute 379,6). Aber weniger offizielle Corona-Todesfälle (letzte Woche 545).
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