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28. April 2020
Da die finanziellen Mittel des Staates zur Bekämpfung der Corona-Krise begrenzt sind, sollten sie dort eingesetzt werden, wo sie den höchsten Nutzen stiften oder möglichst große Teile der Schäden kompensieren, die durch den staatlich verordneten Lockdown entstehen. Anders als andere Sektoren wie die Gastronomie war und ist die Automobilproduktion in Deutschland nicht vom staatlichen Lockdown betroffen. Auch die Autohäuser haben inzwischen wieder geöffnet. Eine Abwrackprämie für Autos führt zudem zu Vorzieheffekten mit entsprechenden Rückgängen im nächsten Jahr sowie zu Mitnahmeeffekten, von denen vor allem Besserverdiener profitieren. Das wirtschaftliche Wohlergehen der deutschen Autohersteller hängt nur noch bedingt vom Autoabsatz in Deutschland ab. Und schließlich gibt es mit den Subventionen für Elektroautos bereits eine ökologisch ausgerichtete Kaufprämie. [mehr]
PROD0000000000507442 1   |    28. April 2020Aktueller Kommentar 28. April 2020 Warum eine Abwrackprämie für Autos keine gute Idee ist Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Eric Heymann +49(69)910-31730 eric.heymann@db.com Da die finanziellen Mittel des Staates zur Bekämpfung der Corona-Krise be- grenzt sind, sollten sie dort eingesetzt werden, wo sie den höchsten Nutzen stiften oder möglichst große Teile der Schäden kompensieren, die durch den staatlich verordneten Lockdown entstehen. Anders als andere Sektoren wie die Gastronomie war und ist die Automobilproduktion in Deutschland nicht vom staatlichen Lockdown betroffen. Auch die Autohäuser haben inzwischen wieder geöffnet. Eine Abwrackprämie für Autos führt zudem zu Vorzieheffek- ten mit entsprechenden Rückgängen im nächsten Jahr sowie zu Mitnahmeef- fekten, von denen vor allem Besserverdiener profitieren. Das wirtschaftliche Wohlergehen der deutschen Autohersteller hängt nur noch bedingt vom Au- toabsatz in Deutschland ab. Und schließlich gibt es mit den Subventionen für Elektroautos bereits eine ökologisch ausgerichtete Kaufprämie. Die Automobilindustrie ist die umsatzstärkste Industriebranche in Deutsch- land und wichtiger Auftraggeber für viele andere Sektoren. Sie zahlt ihren Mitarbeitern überdurchschnittlich hohe Löhne und vereint allein mehr als 50% aller internen und externen F&E-Aufwendungen in Deutschland auf sich. Die Branche ist damit ein wesentlicher Impulsgeber für den technischen Fort- schritt. Es ist also durchaus verständlich, dass die Politik nervös wird, wenn die Automobilindustrie in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät. Dies ist auch in der Corona-Krise der Fall. Forderungen nach einer „ökologischen Abwrack- prämie“ für Autos werden lauter. Hierüber wollen die Ministerpräsidenten der „Autoländer“ Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen in dieser Wo- che beraten. Als Blaupause dient die Abwrackprämie aus dem Jahr 2009, die in der Wirtschafts- und Finanzkrise die inländische Autonachfrage angekur- belt und damit die Konjunktur gestützt hatte.   Warum eine Abwrackprämie für Autos keine gute Idee ist 2   |    28. April 2020Aktueller Kommentar Wir halten eine Abwrackprämie in der Corona-Krise für keine gute Idee. Meh- rere Gründe sprechen dagegen: Es mag in der aktuellen Flut an Hilfsprogrammen und Schutzschirmen et- was untergehen, aber die finanziellen Mittel des Staates zu Bekämpfung der Corona-Krise sind begrenzt. Sie sollten daher dort eingesetzt werden, wo sie den höchsten Nutzen stiften oder möglichst große Teile der Schä- den kompensieren, die durch den staatlich verordneten Lockdown entste- hen. Die Automobilproduktion in Deutschland war und ist von diesem Lockdown nicht betroffen. Zwar hat sich die Branche für Produktionsunter- brechungen und die Einführung von Kurzarbeit entschieden, und zwar aus guten Gründen (z.B. sinkende Nachfrage, Schutz der Mitarbeiter, Umrüs- tung der Fabriken). Diese Schließungen wurden jedoch nicht staatlich an- geordnet, sondern waren unternehmerische Entscheidungen. Inzwischen sind auch die Autohäuser in Deutschland wieder für den Publikumsverkehr geöffnet; wer möchte, kann also ein Auto kaufen. Umfragen zeigen, dass ein Großteil der Kunden den geplanten Autokauf lediglich verschieben und nicht aufheben will. Dagegen sehen Teile der Politik jede Öffnungsper- spektive in anderen Sektoren nach wie vor kritisch. Dazu zählt die Gastro- nomie, die mit dem Verweis auf Infektionsherde beim „Après Ski in Ischgl“ oder bei Starkbierfesten in Bayern pauschal über einen Kamm geschoren wird und vorerst geschlossen bleiben muss. In solchen Sektoren richtet der staatliche Lockdown immense wirtschaftliche Schäden an, ein Nachholen von verlorenen Umsätzen ist hier kaum möglich. Oftmals verfügen die Be- triebe nicht über große Rücklagen und können ihren Mitarbeitern nicht das Kurzarbeitergeld aufstocken oder Löhne ohne eigene Einnahmen fortzah- len. Hier ist daher mehr staatliche Unterstützung sehr viel besser zu vertre- ten als in Sektoren, die nie geschlossen wurden. Eine Abwrackprämie würde zu vorgezogenen Autokäufen führen. 2019 war in Deutschland aber bereits ein gutes Autojahr. 3,6 Mio. Pkw wurden neu zugelassen. Das war der beste Wert seit 2009, dem Jahr der (ersten) Ab- wrackprämie. Wenn also in diesem Jahr die Neuzulassungen durch eine Prämie zusätzlich angeheizt würden, wäre der Einbruch 2021 umso gravie- render. Eine Abwrackprämie führt zu Mitnahmeeffekten. Viele Kunden würden sich auch ohne Prämie ein Auto kaufen. Auch aus sozialpolitischer Sicht ist die Prämie daher problematisch, denn Neuwagenkäufer gehören in der Regel zu den Besserverdienern. Das wirtschaftliche Wohlergehen der deutschen Automobilindustrie hängt nur bedingt vom Pkw-Absatz in Deutschland ab. 2019 produzierten deut- sche Unternehmen weltweit mehr als 16 Mio. Pkw. Nur 2,5 Mio. davon setzten sie in Deutschland ab. Warum eine Abwrackprämie für Autos keine gute Idee ist 3   |    28. April 2020Aktueller Kommentar In den kommenden Tagen dürfte über die ökologische Ausgestaltung der Abwrackprämie diskutiert werden. Hier muss man festhalten: Es gibt be- reits eine solche ökologische Kaufprämie in Deutschland. Der Kauf von Elektroautos und Plug-in-Hybriden wird in Deutschland subventioniert. Die Subvention wurde zum Jahr 2020 sogar erhöht. Staat und Autohersteller gewähren den Käufern von Elektroautos mit einem Listenpreis bis EUR 40.000 eine Förderung von EUR 6.000. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ralph Brinkhaus, mahnte in der letzten Woche im Bundestag, man dürfe bei allen Hilfsprogrammen nicht Maß und Mitte aus den Augen verlieren. Bei einer ökologischen Ab- wrackprämie für Autos sollte diese Forderung umgesetzt werden.             Warum eine Abwrackprämie für Autos keine gute Idee ist 4   |    28. April 2020Aktueller Kommentar © Copyright 2020. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ih- rer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. 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