1. Research
  2. Produkte & Themen
  3. Publikationsreihen
  4. Aktueller Kommentar
28. September 2020
Das Auswärtige Amt hat in den letzten Wochen immer mehr Reisewarnungen für EU-Staaten ausgesprochen, weil dort die Zahl der Covid-19-Neuinfektionen gestiegen ist. Sollte es bei tendenziell steigenden bzw. hohen Infektionszahlen in der kalten Jahreszeit bleiben, dürften im Winterhalbjahr 2020/21 immer mehr Länder und Regionen in der EU mit einer Reisewarnung belegt werden. Der Tourismusbranche, konkret den Reiseveranstaltern und -büros in Deutschland sowie den Betrieben im Ausland, droht ohne begleitende Maßnahmen damit in den kommenden Wochen und Monaten eine Entwicklung, die einem Lockdown ähnelt. Ein schneller und unkomplizierter Zugang zu verlässlichen Corona-Tests wäre eine Möglichkeit, Reisen auch in Zeiten von Corona zu ermöglichen. Die Kosten für die Tests sollten die Reisenden selbst tragen. Letztlich ist eine Abwägung der Gesundheitsrisiken durch Corona mit den Beeinträchtigungen im Reiseverkehr sowie den negativen wirtschaftlichen Folgen notwendig. [mehr]
PROD0000000000512382 1   |    28. September 2020 Aktueller Kommentar 28. September 2020 Vermehrte Reisewarnungen ähneln einem erneuten Lockdown für die Reisebranche Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Eric Heymann +49(69)910-31730 eric.heymann@db.com Das Auswärtige Amt hat in den letzten Wochen immer mehr Reisewarnungen für EU-Staaten ausgesprochen, weil dort die Zahl der Covid-19-Neuinfektio nen gestiegen ist. Sollte es bei tendenziell steigenden bzw. hohen Infektions zahlen in der kalten Jahreszeit bleiben, dürften im Winterhalbjahr 2020/21 immer mehr Länder und Regionen in der EU mit einer Reisewarnung belegt werden. Der Tourismusbranche, konkret den Reiseveran-staltern und -büros in Deutschland sowie den Betrieben im Ausland, droht ohne begleitende Maßnahmen damit in den kommenden Wochen und Monaten eine Entwick lung, die einem Lockdown ähnelt. Ein schneller und unkomplizierter Zugang zu verlässlichen Corona-Tests wäre eine Möglichkeit, Reisen auch in Zeiten von Corona zu ermöglichen. Die Kosten für die Tests sollten die Reisenden selbst tragen. Letztlich ist eine Abwä-gung der Gesundheitsrisiken durch Co rona mit den Beeinträchtigungen im Reisverkehr sowie den negativen wirt schaftlichen Folgen notwendig. In vielen EU-Ländern ist die Zahl der Covid-19-Neuinfektionen gestiegen. Da her hat das Auswärtige Amt (AA) zuletzt vermehrt Reisewarnungen ausge sprochen. Zum Teil gelten diese für ganze Länder (aktuell Spanien, Tschechi en, Luxemburg). Zum Teil sind nur einzelne Regionen der jeweiligen EU-Staa ten mit Reisewarnungen belegt (z.B. große Teile von Frankreich, der Nieder lande oder von Österreich). Auslöser für diese Warnungen ist grundsätzlich das Überschreiten der „Corona-Obergrenze". Das AA führt dazu aus: „Über schreitet ein Land oder eine Region die Neuinfiziertenzahl im Verhältnis zur Bevölkerung von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner kumulativ in den letzten sieben Tagen, können Reisewarnungen wieder ausgesprochen werden." Wer aus einem solchen Risikogebiet (im Ausland) zurückkehrt, muss ver pflichtend einen Corona-Test durchführen lassen und sich in häusliche Qua rantäne begeben, bis ein negatives Testergebnis vorliegt. Ab dem 1. Oktober ändert sich die Regelung insofern, dass der verbindliche Test bei Rückkehr aus einem Risikogebiet entfällt und stattdessen eine verpflichtende Quaran täne einsetzt, die erst ab dem fünften Tag nach Rückkehr durch einen negati ven Test beendet werden kann. Beides ist für Reisende nicht wirklich verlo ckend. Für Reiserückkehrer aus Landkreisen und kreisfreien Städte in Deutschland, die über der Corona-Obergrenze liegen, gibt es eine derartige automatische Regelung übrigens nicht. Vermehrte Reisewarnungen ähneln einem erneuten Lockdown für die Reisebranche 2   |    28. September 2020 Aktueller Kommentar Die Politik betont stets, dass eine Reisewarnung kein Reiseverbot ist. Diese Beruhigungspille schmeckt jedoch bitter. Denn in der Praxis storniert ein gro ßer Teil der Urlauber die Reise, sobald eine Reisewarnung vorliegt. Für man che dürfte dabei das Infektionsgeschehen vor Ort tatsächlich der wesentliche Grund sein. Andere wollen die anschließende Quarantäne vermeiden, selbst wenn diese durch einen negativen Test verkürzt werden kann. Zudem ist es in der Praxis vielerorts gar nicht so einfach, ohne Symptome zeitnah einen Coro na-Test zu erhalten. Gerade in der touristischen Nebensaison führen Reisewarnungen übrigens auch zu Stornierungen von Seiten des Anbieters. Dies gilt etwa für Hotels in den betroffenen Gebieten, wenn diese eine geringe Auslastung befürchten, bei der sich der Weiterbetrieb oft nicht rechnet. Reisewarnungen schränken im Ergebnis die Reisefreiheit ein Sollte es bei der aktuellen Grenzwert-Regelung und tendenziell steigenden bzw. hohen Infektionszahlen in der kalten Jahreszeit bleiben, dürften im Win terhalbjahr 2020/21 immer mehr Länder und Regionen in der EU mit einer Reisewarnung belegt werden. Denn der Schwellenwert von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen ist durchaus schnell erreicht. In manchen deutschen Landkreisen hat in den letzten Wochen hierfür schon eine große Familienfeier ausgereicht. Der Tourismusbranche, konkret den Reiseveranstaltern und -büros in Deutschland sowie den Betrieben im Ausland, droht ohne begleitende Maß nahmen damit in den kommenden Wochen und Monaten eine Entwicklung, die einem Lockdown ähnelt. Die Politik dürfte wohl keine formalen Reisever bote erlassen oder Beherbergungsbetriebe schließen. Gleichwohl ist zu er warten, dass die Buchungszahlen in den betroffenen Gebieten in den Keller rauschen. In der Wintersaison wäre hiervon der Skitourismus natürlich beson ders betroffen, der in vielen Regionen im Alpenraum ein bedeutender Wirt schaftszweig ist. Neben den immensen wirtschaftlichen Einbußen schränken die Reisewarnungen im Ergebnis zudem die Reisefreiheit der Menschen ein. Im offiziellen Wortlaut des AA wird „vor nicht notwendigen, touristischen Rei sen ins Ausland" gewarnt. Und es gibt nicht wenige, die die Notwendigkeit von touristischen Reisen in Zeiten von Corona gänzlich infrage stellen. Darauf könne man, so das Argument, zum Wohle der Gesundheit aller doch für einige Zeit mal verzichten. Das kann man so sehen, man muss diese Meinung aber nicht teilen. Letztlich liegt hier ein typischer Fall von Güterabwägung vor. Da bei stehen auf der einen Seite die gesundheitlichen Risiken. Für den Staat ist im Falle von Corona weniger das individuelle Infektionsrisiko des Einzelnen relevant, sondern mehr das Risiko einer unkontrollierten Ausbreitung in der Bevölkerung. Dabei haben uns die sprunghaften Entwicklungen in vielen un serer Nachbarländer vor Augen geführt, dass es sich hier eigentlich nicht um eine Frage von (kalkulierbarem) Risiko handelt, sondern dass wir es mit Knightscher Unsicherheit zu tun haben, bei der wir die Wahrscheinlichkeits verteilung nicht kennen. Diesen gesundheitlichen Risiken/Unsicherheiten ste hen auf der anderen Seite die faktischen Einschnitte in die Reisefreiheit sowie die erheblichen wirtschaftlichen Einbußen in der Reisebranche gegenüber. Beispielsweise sanken in Spanien die Ankünfte ausländischer Touristen im Vermehrte Reisewarnungen ähneln einem erneuten Lockdown für die Reisebranche 3   |    28. September 2020 Aktueller Kommentar Juli, also vor der Reisewarnung, um 75% gg. Vorjahr. Übrigens wird Corona die Geschäftstätigkeit auch in anderen Sektoren vorerst noch weiter lähmen (z.B. Messen, Veranstaltungen, Kulturbetriebe), wo ebenfalls eine fortlaufen de Güterabwägung erfolgt. Für manche Ohren mag die Abwägung der Gesundheitsrisiken durch Corona auf der einen Seite mit den Beeinträchtigungen im Reiseverkehr sowie den negativen wirtschaftlichen Folgen auf der anderen Seite zynisch klingen. Sie ist aber notwendig, zumal wirtschaftliche Schäden bei den Betroffenen eben falls negative gesundheitliche Folgen auslösen können. Hinzu kommt, dass die Reisewarnungen auch Geschäftsreisende betreffen, was für exportorien tierte deutsche Unternehmen problematisch ist. Mehr verlässliche Schnelltests - Urlauber oder Reisebranche sollten die Kos ten tragen Es ist offen, wie schnell die Corona-Krise etwa durch die flächendeckende Verfügbarkeit eines Impfstoffs eingedämmt werden kann. Insofern ist eine Rückkehr zur Normalität für die Tourismusbranche bislang vor allem eine Hoffnung, die sich jedenfalls für die kommende Wintersaison noch nicht erfül len wird. Um die negativen wirtschaftlichen Folgen der aktuell gültigen Bedin gungen für Reisewarnungen zu verringern, sollten diese daher von Maßnah men flankiert werden, die sicheres Reisen - unter den gegebenen Umständen - auch dann gewähren können, wenn Reisewarnungen ausgesprochen sind. Die Tourismusbetriebe selbst haben schon seit längerer Zeit die Hygienemaß nahmen umgesetzt. Die wichtigste zusätzliche Maßnahme wäre der schnelle und unkomplizierte Zugang zu verlässlichen Corona-Tests für Reisende. Die Installation von Testzentren an Flughäfen, Autobahnraststätten und Bahnhö fen über die Sommermonate war daher eine gute Idee. Dass es teilweise zu Verzögerungen bei der Übermittlung der Testergebnisse kam, ist bedauerlich. Aber aus Fehlern der Vergangenheit lässt sich ja lernen. Bei der Entwicklung von Schnelltests dürfte es in den kommenden Wochen weiter erhebliche Fort schritte geben. Auch in den jeweiligen Reisezielen könnten mehr Testmög lichkeiten geschaffen werden. Wenn sich Urlauber am Ende oder zeitnah nach ihrer Reise testen lassen können und das Ergebnis innerhalb kurzer Zeit mitgeteilt bekommen, dürften viele auch im Falle von Reisewarnungen und Quarantänebestimmungen ihren Urlaub antreten. Das Infektionsrisiko selbst hängt nämlich mehr vom eigenen Verhalten und weniger vom Ort ab, an dem man sich aufhält. Die Testkapazitäten sind begrenzt. Zudem bleiben regelmäßige Tests in Se nioren- und Pflegeheimen oder Krankenhäusern künftig notwendig. Zusätzli che Tests für Reisende stehen also in Konkurrenz zu den Tests in den zuvor genannten Einrichtungen. Aus ordnungspolitischer Sicht spricht daher viel dafür, dass die Reisenden die Kosten für den jeweiligen Test selbst tragen oder sich die Kosten mit dem Reiseveranstalter, der Unterkunft oder der Ge bietskörperschaft des Reiseziels teilen. Wie auch immer: Diejenigen sollten die Kosten tragen, die von der Reise immateriell oder materiell profitieren. Wenn sich ein solches Regime etabliert, dürften die Prüflabore ihre Testkapa zitäten weiter hochfahren. Vermehrte Reisewarnungen ähneln einem erneuten Lockdown für die Reisebranche 4   |    28. September 2020 Aktueller Kommentar Reisen in Zeiten von Corona: Letztlich eine weitere Risikoabwägung Ja, ein negativer Test bietet keine absolute Sicherheit. Wir lernen aber gera de, mit dem Virus zu leben. Daher muss man wohl oder übel akzeptieren, dass Risiken gegeneinander abgewogen werden. Letztlich wägen Menschen bei ihren täglichen Entscheidungen stets den Nutzen ihres Handelns gegenüber den Kosten und Risiken ab - zumeist vollkommen unbewusst. Bei Reisen in Zeiten von Corona werden wir künftig schlicht mehr darüber nachdenken. Vermehrte Reisewarnungen ähneln einem erneuten Lockdown für die Reisebranche 5   |    28. September 2020 Aktueller Kommentar © Copyright 2020. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ih rer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumen ten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informa tionszwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollstän digkeit oder Angemessenheit der vorstehenden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Er laubnis zur Erbringung von Bankgeschäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäi schen Zentralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten König reich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securi ties Inc. genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinfor mation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen.
7.6.3