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19. Dezember 2012
Die politische Stimmung hat in Europa in den letzten Monaten gegen Universal-banken gedreht. Diese Entwicklung ist gefährlich, denn sie bedroht die wichtige Funktion, die solche Banken in modernen Volkswirtschaften ausfüllen, und ris-kiert eine Benachteiligung europäischer Banken gegenüber ihren Wettbewer-bern aus den USA und Asien. [mehr]
Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität Aktuelle Themen Globale Finanzmärkte Die politische Stimmung hat in Europa in den letzten Monaten gegen Universal- banken gedreht. Diese Entwicklung ist gefährlich, denn sie bedroht die wichtige Funktion, die solche Banken in modernen Volkswirtschaften ausfüllen, und ris- kiert eine Benachteiligung europäischer Banken gegenüber ihren Wettbewer- bern aus den USA und Asien. Das Universalbankenmodell besitzt drei wesentliche Vorteile: — Eine große Bandbreite an Dienstleistungen für Kunden: Universalbanken sind über die letzten 200 Jahre im Einklang mit der Industrialisierung der westlichen Länder entstanden. Sie bieten ihren Kunden ein auf deren Be- dürfnisse zugeschnittenes, umfassendes Spektrum an Finanzdienstleistun- gen aus einer Hand an, sowie ein höheres Kreditvolumen und geringere Fi- nanzierungskosten als „Spezialbanken“. Am stärksten kommen diese Vor- teile bei größeren, international tätigen Unternehmen wie den erfolgreichen deutschen Exporteuren zum Tragen. — Geringere Kosten für Kunden und die Realwirtschaft: Universalbanken sind in der Lage, durch Skalen- und Verbundeffekte Ertrags- und Kostensyner- gien zu erzielen, die sie zum Teil an ihre Kunden und Investoren weiterge- ben. Unter dem Strich sinken dadurch die Finanzierungskosten der Volks- wirtschaft insgesamt. — Größere Finanzstabilität: Universalbanken sind dank ihres diversifizierten Geschäfts grundsätzlich stabiler als spezialisierte Institute. So haben etwa die Nachsteuer-Eigenkapitalrenditen seit dem Jahr 2000 und über den gan- zen Zyklus hinweg bei großen Universalbanken weniger stark geschwankt. Aufgrund ihrer breiten Aufstellung sind Universalbanken außerdem in einer besseren Position, um die Finanzlage bestimmter Kunden einzuschätzen und den Aufbau nicht tragbarer Risiken über verschiedene Finanzmärkte hinweg zu erkennen. Die Debatte über Bankenstrukturfragen – wenngleich politisch populär – droht die Entscheidungsträger von viel wichtigeren Themen abzulenken, insbesonde- re der Einführung von Basel III, wirksamen Restrukturierungs- und Abwicklungs- regelungen für Banken und einer effektiven makro-prudenziellen Aufsicht. Sol- che Maßnahmen würden die Stabilität der Finanzbranche tatsächlich stärken und gleichzeitig sicherstellen, dass die europäischen Universalbanken den Unternehmen der Region weiterhin die ganze benötigte Bandbreite an Dienst- leistungen anbieten können. Autor Jan Schildbach +49 69 910-31717 jan.schildbach@db.com Editor Bernhard Speyer Deutsche Bank AG DB Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Ralf Hoffmann | Bernhard Speyer 19. Dezember 2012 Universalbanken: g ut für Kunden und Finanzstabilität Warum eine Aufspaltung falsch wäre Video zur Studie : Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 2 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen 1. Einführung Die Finanzkrise hat die Notwendigkeit umfassender Reformen auf den globalen Finanzmärkten und insbesondere in der Bankenbranche klar und deutlich ge- macht. Reformbedarf bestand in vielen Bereichen, von der Regulierung der Eigenkapital- und Liquiditätsniveaus über Verbesserungen in der Marktinfra- struktur bis hin zur Art und Weise, wie Banken ihre Geschäfte führen, und der systemweiten, sogenannten makro-prudenziellen Finanzaufsicht, um nur einige Punkte zu nennen. Bei diesen einerseits regulatorischen und andererseits von den Banken selbst vorangetriebenen Initiativen, die praktisch sämtliche Aspekte des Bankgeschäfts und das Finanzsystem insgesamt betreffen, sind mittlerweile erhebliche Fortschritte erzielt worden. Trotzdem braucht ein derart umfassender Reformprozess natürlich einige Zeit, gerade bei einem solch großen und komp- lexen System wie dem Bankensektor. In den vergangenen Monaten hat sich allerdings die Reformdebatte vor allem in Europa zunehmend auf die Frage konzentriert, ob über die vielfältigen bereits verabschiedeten (oder zumindest verhandelten) Maßnahmen hinaus ein radika- ler „großer Wurf“ nötig sei mit Blick auf die traditionelle Struktur des kontinental- europäischen Universalbankenmodells. Konkret gibt es Forderungen nach einer Abtrennung (vage definierter) Investmentbank-Aktivitäten vom Einlagengeschäft – entweder in Form einer vollständigen Aufspaltung oder durch die Verpflich- tung zu einer Holdingstruktur mit getrennter Eigenkapitalausstattung, Refinan- zierung und Unternehmensorganen sowohl für den Geschäfts- als auch den Investmentbankenteil. Die meisten Kritiker setzen sich jedoch nicht unvoreinge- nommen mit dem Universalbankenmodell auseinander, sondern konzentrieren sich stattdessen einseitig auf angebliche Risiken, die von ihm ausgehen. Die vorliegende Studie will diese Lücke wenigstens zum Teil schließen, indem sie auf die verschiedenen Vorteile eingeht, die ein Universalbankensystem allen Beteiligten bietet: a) Privatkunden b) Firmen- und institutionellen Kunden c) Eigentümern der Banken d) dem Finanzsystem insgesamt e) Staaten und Steuerzahlern Die Studie beginnt mit einer Erläuterung der konkreten Vorteile integrierter Uni- versalbanken für ihre Kunden, gefolgt von einer Analyse der positiven Wirkun- gen auf die Finanzstabilität und damit für die Bürger und Steuerzahler in einem Land. Vorbemerkungen In dieser Studie ist unter einer „Universalbank“ ein Finanzinstitut zu verstehen, das eine breite Palette an Bankdienstleistungen anbieten darf (und es oft auch tut), einschließlich der meisten – wenn auch nicht notwendigerweise aller – der folgenden Aktivitäten: Privat- und Firmenkundengeschäft, Dienstleistungen für institutionelle Kunden (aus der Finanzbranche), Vermögensverwaltung, Abwick- lung des Zahlungsverkehrs und Investmentbanking. Im Gegensatz dazu bezie- hen sich die Begriffe „Spezialbank“ und „Trennbankensystem“ auf Banken, die nur wenige dieser Dienste anbieten. Eine weitere wichtige Feststellung: In einem Universalbankensystem ist es Ban- ken erlaubt, eine große Bandbreite an Geschäften unter einem Dach zu verei- nen. Sie sind dazu aber keineswegs verpflichtet. Universalbanken gibt es daher Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 3 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen in sehr verschiedenen Formen. Bestimmte Dienstleistungen wie der Zahlungs- verkehr werden von fast allen Universalbanken angeboten; andere, wie die Vermögensverwaltung, dagegen deutlich seltener. Ebenso beschränken sich die meisten Universalbanken auf einige Segmente des Investmentbankings. Aus der großen Vielfalt der Universalbanken ergibt sich, dass eine grobe Verall- gemeinerung bei der Analyse einzelner Banken oder von Gruppen von Banken (wie auch bei der Analyse bestimmter Handlungen der Regulierer und Finanz- aufseher) kaum zielführend sein kann. Universalbanken sind die dominierenden Finanzinstitute sowohl in den meisten europäischen Ländern als auch in einigen asiatischen Volkswirtschaften. In den USA war die Bankenbranche seit den 1930er Jahren durch Spezialbanken ge- prägt gewesen – durch Geschäftsbanken und Investmentbanken, mit getrenn- ten Vermögensverwaltern (siehe Textbox 1). Doch ab den 1990er Jahren ver- wischte diese Unterscheidung immer mehr und heute können die meisten gro- ßen US-Finanzinstitute tatsächlich wieder als Universalbanken bezeichnet wer- den. Universalbanken entstanden oft, wenn ursprünglich eher auf bestimmte Kun- dengruppen spezialisierte Institute i) ihr Geschäft ausweiteten, um auch andere Kunden zu bedienen, oder ii) neue Kompetenzen auf anderen Finanzgebieten aufbauen mussten, da die Ansprüche wichtiger Kunden vielfältiger und im Vo- lumen größer wurden. Um einige Beispiele zu nennen: Ursprünglich nur im Ge- schäft mit Kunden aus der Landwirtschaft tätige Banken in Frankreich oder den Niederlanden bauten Kapitalmarkt-Expertise auf, als sich ihre Kunden immer stärker den schwankenden globalen Rohstoffmärkten ausgesetzt sahen. Deutsche Geschäftsbanken, die als Außenhandels- und Unternehmens- finanzierer begonnen hatten, öffneten sich später auch für private Retailkunden. Und traditionell auf Privat- und Firmenkunden spezialisierte Banken in aufstre- benden asiatischen Ländern expandierten ins Investmentbanking, richteten Auslandsfilialen ein und wurden zu neuen Wettbewerbern in der privaten Ver- mögensverwaltung, als der Aufholprozess ihrer Volkswirtschaften gegenüber den westlichen Ländern einsetzte, der Außenhandel praktisch explodierte und Privathaushalte zunehmend Vermögen bildeten. In den Fällen, in denen Spezialbanken eine dominierende Rolle spiel(t)en, er- hielten sie diese vor allem aus regulatorischen Gründen, d.h. von Gesetzes wegen, wohingegen sich Universalbanken üblicherweise von sich aus entwickelten und das unabhängig voneinander in zahlreichen Ländern – was darauf hindeutet, dass sie verglichen mit anderen Arten von Finanzinstituten eine Reihe „natürlicher“ Vorteile besitzen, die in dieser Studie betrachtet werden sollen. Sowohl analytisch als auch aus regulatorischer Sicht muss zudem zwischen „Universalbanken“ und „großen Banken“ (im Sinne systemischer Relevanz) unterschieden werden, obwohl die beiden Begriffe oft – fälschlicherweise – sy- nonym gebraucht werden. Es gibt jedoch keine 1:1-Beziehung zwischen großen und Universalbanken: Letztere können, je nach Geschäftsmodell und der Breite ihrer Geschäftsfelder, groß oder klein sein. Hat eine Bank mehrere verschiede- ne Geschäftssparten, die zudem groß genug sind, um effizient arbeiten zu kön- nen, setzt dies für die Bank insgesamt natürlich eine gewisse Mindestgröße voraus. Gleichzeitig heißt das nicht unbedingt, dass eine solche Bank automa- tisch eine erhebliche Bedeutung für das Finanzsystem insgesamt besäße. Um- gekehrt kann es Finanzinstitute geben, die keine Universalbanken sind, aber sehr wohl große und systemisch wichtige Banken. Ein treffendes Beispiel wäre etwa eine Spezialbank, die in einem Land das gesamte Zahlungsverkehrs- system und die zentrale Abwicklung betreibt. Universalbanken in den USA 1 Traditionell wird ein Trennbankensystem am stärksten mit den USA in Verbindung gebracht. Dort wurde es im Zuge der Weltwirtschaftskrise eingeführt, nachdem politische Untersuchungen zu den Grün- den des Aktiencrashs und der folgenden tiefen Rezession eine Reihe von Belegen für fragwürdige Verkaufspraktiken bei Finanzprodukten, für das Ausnutzen von Wissensvorsprüngen durch Banken und andere Verhaltensweisen zu Tage geför- dert hatten, durch die Kunden geschädigt worden waren. Der Glass-Steagall Act von 1933 legte als Reaktion auf diese Miss- stände eine strikte Trennung zwischen dem klassischen Bankgeschäft und dem Investmentbanking fest. Mit der Weiterentwicklung und Liberalisie- rung der Finanzmärkte wurde diese Tren- nung in den folgenden Jahrzehnten durch regulatorische Arbitrage immer weiter aufgeweicht. Nachdem das Gesetz des- wegen zwischenzeitlich mehrfach ange- passt worden war, wurde Glass-Steagall schließlich 1999 durch den Gramm-Leach- Bliley Act (GLBA) endgültig abgeschafft. Obwohl der GLBA heute oft als das Er- gebnis erfolgreichen Lobbyings durch Teile der Finanzbranche gilt, war Glass- Steagall doch in Wirklichkeit am Ende durch zahlreiche Schlupflöcher so ausge- höhlt worden, dass das Gesetz weder effektiv war, noch die entstandenen Struk- turen im Bankenmarkt sich effizient und leicht beaufsichtigen ließen. Der GLBA war der recht erfolgreiche Versuch, eine neue, konsistente Sicht auf erstrebenswer- te Bankenstrukturen in Einklang mit den Realitäten moderner Finanzmärkte zu bringen. Zweifellos wiesen die Aufsichts- strukturen in den USA auch nach dem GLBA erhebliche Mängel auf und versag- ten dabei, entstehende Probleme frühzei- tig zu erkennen. Wenn überhaupt, dann haben allerdings die Ereignisse während der Finanzkrise 2007-09 unter Beweis gestellt, wie richtig die Entscheidung war, Glass-Steagall aufzuheben: Ohne die Reformen des GLBA wäre einer der wichtigsten und wirksamsten Bestandteile der Strategie der US-Behörden zur Ein- dämmung der Krise – das Aufgehen ge- scheiterter Investmentbanken in stabilen Universalbanken und die Umwandlung der verbliebenen Investmentbanken in Bank- Holdinggesellschaften (mit Zugang zur Notfallliquidität der Fed) – schlicht nicht möglich gewesen. Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 4 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen 2. Warum Universalbanken von Vorteil sind für Kunden (und damit die Volkswirtschaft insgesamt) I) Vorteile für alle Kundengruppen Universalbanken bieten eine Reihe von Vorteilen für alle Kundengruppen. Das liegt zum einen direkt am Geschäftsmodell, zum anderen an der Organisations- struktur von Universalbanken. Je nach konkreter Ausgestaltung des Geschäfts- modells verändert sich daher auch die relative Bedeutung der nachfolgend auf- geführten Vorteile. a) Komfort Universalbanken ermöglichen es Kunden, eine Vielzahl unterschiedlicher Finanzdienstleistungen bequem aus einer Hand zu beziehen. In modernen Volkswirtschaften ist der Bedarf von Privathaushalten und noch mehr von Unternehmen an ganz verschiedenen Finanzdienstleistungen groß – sie suchen Lösungen für ein breites Spektrum von Problemen, von Zahlungsmöglichkeiten über einen Kredit bis hin zur Bildung von Ersparnissen für die unterschiedlichs- ten Zwecke (Altersvorsorge, Ausbildung, Immobilienkauf, Konsum usw.) und der Verringerung von Unsicherheit und Risiken. Diese Bedürfnisse hängen oft zu- sammen – etwa bei einer mittelständischen Firma, die i) eine neue Anlage fi- nanzieren muss, ii) ein verlässliches Zahlungssystem mit ausländischen Liefe- ranten einrichten will, von denen sie Teile für die Anlage bezieht, und iii) sich gegen das Risiko von Wechselkursschwankungen absichern möchte, welche die Teile verteuern könnten. Ein solches Unternehmen kann durch den Bezug von sämtlichen Dienstleistungen aus einer Hand die Such- und damit Transakti- onskosten senken. Außerdem dürften Beziehungen zwischen Bank und Kunde stabiler sein, wenn in ihnen das gesamte Produktspektrum des Bankgeschäfts abgedeckt wird. Bei Spezialbanken bestünde hingegen das Risiko, aus treuen Kunden „Laufkundschaft“ zu machen, was auch negative Folgen für die Fähig- keit der Banken hätte, die besten Lösungen anzubieten (aufgrund teilweise feh- lender Kenntnis über die finanziellen Bedürfnisse der Kunden), und zu höheren Kosten für die Kunden führen könnte (da die Möglichkeiten der Quersubventio- nierung zwischen verschiedenen Produktkategorien geringer wären). 1 b) Besser auf individuelle Erfordernisse abgestimmte Finanzdienstleistungen Dank ihrer umfassenden Kenntnis der finanziellen Situation und Bedürfnisse ihrer Kunden dürften Universalbanken besser beraten und geeignetere Finanz- produkte anbieten können als eine Spezialbank, die nur auf ein wesentlich be- schränkteres Produktangebot zurückgreifen kann. Dies dürfte vor allem für Kun- den wichtig sein, die eine große Palette relativ komplexer Kapitalmarktfinanzie- rungen benötigen. c) Geringere Finanzierungskosten aufgrund niedrigerer Profil-Erstellungskosten der Bank Universalbanken müssen ein Kundenprofil nur einmal erstellen und Informatio- nen zur Kreditgeschichte, GuV- sowie Bilanzdaten (für Unternehmen) und An- gaben zur Einkommens- und Vermögenslage (für Privatpersonen) oder persön- liche Informationen nur einmal sammeln. In einem System von Spezialbanken müssen Daten und andere Informationen demgegenüber von jeder einzelnen Bank jeweils erneut gesammelt werden, wobei die Kosten des Mehraufwands am Ende die Kunden zu tragen haben. Darüber hinaus gilt das oben erwähnte Argument der (un)vollständigen Informiertheit über den Bedarf eines Kunden an Finanzdienstleistungen natürlich auch hinsichtlich der Risikoeinschätzung: Je 1 Die Vizepräsidentin der Bundesbank, Sabine Lautenschläger, hat „Zweifel am Trennbankensy- stem“, berichtet die Börsen-Zeitung (2012). Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 5 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen intensiver und breiter der Austausch zwischen Bank und Kunde, desto besser weiß eine Bank auch über das Risikoprofil ihres Kunden Bescheid. d) Geringere Finanzierungskosten aufgrund niedrigerer Refinanzierungskosten der Bank selbst Dank ihres ausgewogeneren (und damit stabileren – siehe Kapitel 3a) unten) Geschäftsmodells dürften Universalbanken auch vom Kapitalmarkt als weniger riskant eingestuft werden als Spezialbanken (egal, ob Geschäfts- oder Invest- mentbanken). Fremd- und Eigenkapitalinvestoren sollten von Universalbanken geringere Risikoprämien verlangen als von spezialisierten Instituten und es Uni- versalbanken dadurch ermöglichen, zumindest einen Teil davon in Gestalt nied- rigerer Preise oder besserer Zinskonditionen an ihre Kunden weiterzugeben. Wichtig hierbei: Dies gilt unabhängig von irgendeiner eventuellen indirekten Subvention, die sich aus der Überzeugung der Investoren ergeben könnte, dass im Notfall der Staat bei einer systemisch relevanten Bank stabilisierend eingrei- fen werde (das „Too-big-to-fail“-Argument). 2 e) Geringere Finanzierungskosten dank geringerer operative Kosten der Bank Ähnlich dem vorigen Argument dürften ihre Kunden davon profitieren, dass Uni- versalbanken dank Synergien auf Ertrags- wie Kostenseite (siehe Kapitel 3b) unten) strukturell profitabler sein können und dies auch in Form besserer Preise weitergeben. f) Bessere Verfügbarkeit von Krediten, höhere Verzinsung für Sparer Universalbanken sind eher in der Lage als Spezialbanken, Kapital effektiv ein- zusetzen, d.h. überschüssige Mittel von einer Seite zur Nachfrage nach Kredi- ten auf der anderen Seite zu transferieren. Universalbanken unterliegen (abge- sehen von den üblichen Kapital- und Liquiditätsvorschriften) keinen Beschrän- kungen, wo sie investieren und an welche Kunden sie Kredit vergeben können – im Gegensatz zu Spezialbanken, die nur an bestimmte Kundengruppen und zu bestimmten Zwecken Kredit vergeben dürfen. Im letzteren Fall kann überschüs- sige Liquidität innerhalb der Bank „gefangen“ sein, anstatt zur Finanzierung von wirtschaftlichem Wachstum verwendet zu werden. 3 Eine Universalbank darf dagegen z.B. Einlagen von Privatkunden für Kredite an Unternehmen einsetzen, oder für Investitionen im Ausland. Gleichzeitig bedeutet dies auch, dass ein effizienter Mittelfluss zwischen Über- schuss- und Defizitländern und damit grenzüberschreitende Anpassungspro- zesse behindert würden, sollte eine Reihe von Ländern Trennbankensysteme einführen. Defizitländer könnten von internationalen Finanzierungsquellen ab- geschnitten werden und wären nicht mehr in der Lage, ihre Kreditnachfrage zu stillen. Es ist offensichtlich, dass dies für beide Seiten nachteilig wäre: Kreditge- ber (d.h. Sparer) würden geringere Renditen auf ihr eingesetztes Kapital erzie- len, während Schuldner keine weiteren Kredite bekämen und unnötig hohe Zin- sen zahlen müssten. Ein entlang nationaler Grenzen zersplitterter Kapitalmarkt wäre für Privatpersonen, die Volkswirtschaft und den Wohlstand insgesamt ebenso schädlich wie herkömmliche Hemmnisse im Außenhandel mit Waren und Dienstleistungen – die aus gutem Grund in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter abgebaut worden sind. Zudem ist dies kein theoretisches, sondern ein sehr reales Problem: Es gibt nahezu kein Land auf der Welt, in dem inländisches Angebot und inländische 2 Darüber hinaus zielen die gegenwärtig unternommenen regulatorischen Anstrengungen genau darauf ab, diese Möglichkeit in Zukunft auszuschließen. Dazu werden i) ein Kapitalzuschlag für systemisch bedeutende Finanzinstitute eingeführt und ii) im Voraus Regeln für eine geordnete Restrukturierung und eventuelle Abwicklung gestrauchelter Banken festgelegt. Siehe Kapital 4). 3 Deutsche-Bank-Analysten schätzen, dass bei einer EU-weiten Umsetzung der Vickers- Vorschläge zur Schaffung abgeschirmter, rechtlich getrennter Einheiten rund EUR 2 Bill. derart „gefangen“ wären. Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 6 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen Nachfrage übereinstimmen – sowohl bei Gütern als auch bei Kapital, da sich die nationalen Präferenzen bei weitgehend ähnlichen Zinsniveaus (die sich in einer integrierten Weltwirtschaft praktisch von allein ergeben) unterscheiden. Per Definition weisen Länder mit einem Handelsbilanzüberschuss oder -defizit (bzw. einem Leistungsbilanzüberschuss oder -defizit) ein entsprechendes Defizit oder einen Überschuss in der Kapitalbilanz auf, denn Länder mit einem Exportüber- schuss bauen Forderungen gegenüber ausländischen Gegenparteien auf, d.h. sie erwerben ausländische Aktiva (und umgekehrt). Deutsche Privathaushalte z.B. sind überwiegend sehr „sparfreudig“, was zu einem permanenten Mittel- überschuss führt, der nicht vollständig durch Investitionen im Inland aufge- braucht, sondern über den internationalen Kapitalmarkt anderen Ländern zur Verfügung gestellt wird, in denen es attraktive Investitionsgelegenheiten gibt, aber eine zu geringe entsprechende Ersparnis. In einem Trennbankensystem wären diese Gelder voraussichtlich im deutschen Bankensektor „gefangen“, und weniger produktiv (d.h. der Kapitalertrag für deutsche Haushalte geringer). Gleichzeitig würden anderswo, beispielsweise in einem jungen und schnell wachsenden Schwellenland, nützliche Investitionen aus Mangel an Mitteln unterbleiben, die zudem Nachfrage nach deutschen Exporten geschaffen hätten – ein Nachteil für beide Seiten. 4 g) Verbreitung von Finanzinnovationen Universalbanken sind besonders geeignet, um Finanzinnovationen einem brei- ten Kundenkreis zugänglich zu machen, so dass die Gesellschaft insgesamt von den Vorteilen einer Innovation profitieren kann. Konkret ergeben sich die Vorzüge des Universalbankenmodells dabei aus zwei Wirkungskanälen: Zum einen können Produkte, die ursprünglich für eine bestimmte (üblicherweise in komplexen Finanzdingen erfahrene) Kundengruppe wie multinationale Unter- nehmen oder institutionelle Investoren entwickelt wurden, mit geringem zusätzli- chem Aufwand an die Anforderungen anderer, breiterer Kundengruppen ange- passt werden. Beispiele sind Wechselkursabsicherungsprodukte und Zahlungs- verkehrsdienstleistungen, die zunächst auf große, in vielen Ländern tätige Unternehmen abzielten, mittlerweile jedoch weit verbreitet sind. Zum anderen fällt es Universalbanken leichter, Innovationen zum Durchbruch auf den Fi- nanzmärkten zu verhelfen, denn sie können den guten Ruf, den sie sich mit anderen Produkten erworben haben, auf ein neues Produkt übertragen. Ein Beispiel: Kunden wären mit Blick auf die Verlässlichkeit und Sicherheit von On- line-Zahlungen sicher skeptisch gewesen, wenn eine unbekannte Internet- Startup-Firma sie angeboten hätte. Sie nutzten Online-Zahlungen jedoch be- reitwillig, sobald solche Produkte aus der Hand von Banken kamen, die ihre Kompetenz bereits bei konventionellen Offline-Zahlungen unter Beweis gestellt hatten. Es gibt zudem einen zweiten Grund, warum Universalbanken in der Lage sein dürften, mehr – und insbesondere gleichmäßiger – Kredite zu vergeben: Uni- versalbanken sind mit Blick auf ihre Geschäftsaktivitäten grundsätzlich stärker diversifiziert als spezialisierte Wettbewerber. Und da sich die Zyklen für unter- schiedliche Produkte nie vollständig überschneiden (siehe Kapitel 3a) unten), erzielen Universalbanken meist stabilere Ergebnisse und sehen sich demzufol- ge auch seltener Einschränkungen durch Refinanzierungs- oder Eigenkapital- engpässe ausgesetzt, besonders in schwierigen Zeiten. Das ermöglicht eine insgesamt stabilere Kreditvergabe an die Realwirtschaft. Die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen bekräftigen – trotz Lücken aufgrund teilweise stark eingeschränkter Datenverfügbarkeit – eine Reihe der eben genannten Argumente. Einigen Studien zufolge erlaubt zum Beispiel die interne Allokation von Risiken und Kapital in einer Universalbank eine „natürli- 4 Siehe Kapitel 3f) unten für eine genauere Analyse der Folgen, die eine Beschränkung der grenz- überschreitenden Verwendung überschüssiger Mittel für die Finanzstabilität hätte. Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 7 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen che Absicherung“ durch in entgegengesetzte Richtungen wirkende Geschäfte, was die Kosten des Risikomanagements verringert und damit wiederum mögli- cherweise die Refinanzierungskosten der Unternehmen. 5 Die meisten empirischen Studien konzentrieren sich jedoch auf die Vor- oder Nachteile von Universalbanken gegenüber reinen Investmentbanken bei Eigen- oder Fremdkapitalemissionen für Kunden am Kapitalmarkt. Dabei zeigte sich, dass vor Glass-Steagall in den USA Unternehmensanleihen, die von Universal- banken platziert wurden, im Anschluss geringere Ausfallraten aufwiesen als solche, die von Investmentbanken an Investoren verkauft worden waren. Das galt insbesondere für Hochzinsanleihen. Darüber hinaus waren die Finan- zierungskosten (d.h. die Anleiherenditen) niedriger, wenn die Emittenten auf Universalbanken als Intermediäre zurückgriffen und nicht auf Investmentban- ken, wobei der Unterschied am deutlichsten war, wenn große Informations- asymmetrien vorlagen – was bei neuen Emittenten wahrscheinlicher ist als bei häufigen Nutzern des Kapitalmarkts (und bei kleinen Firmen, die den Investoren noch unbekannt sind, eher als bei großen Unternehmen). Beide Ergebnisse wurden auch nach der teilweisen Rücknahme von Glass-Steagall 1987 weitge- hend bestätigt. 6 Das deutet darauf hin, dass Universalbanken nicht etwa schlechte Risiken an den Kapitalmarkt abgeben (und bessere Risiken auf ihrer Bilanz behalten), son- dern stattdessen eine Art Gütesiegel ausstellen. Die Führungsrolle einer Univer- salbank bei der Emission von Unternehmensanleihen ist für den Markt ein posi- tives Zeichen im Hinblick auf die Qualität des Emittenten. Die Gründe dafür sind klar: Zum einen können Investoren diesem Signal der Universalbank hinsichtlich der Kreditwürdigkeit des Emittenten vertrauen, denn sie wissen, dass die Bank selbst im Rahmen ihrer bestehenden Kundenbeziehung mit dem Unternehmen Risiken eingeht. Zum anderen sind Universalbanken verglichen mit Investment- banken offenbar besser darin, Schuldner zu beurteilen, so dass Investoren bei von ihnen durchgeführten Emissionen geringere Verluste erleiden. Auch bei Aktienemissionen ist es für Unternehmen meistens sinnvoll, auf die Unterstützung durch eine Universalbank zu setzen. Bei Börsengängen sind die erzielten Aktienpreise in diesem Fall tendenziell höher als bei Transaktionen, bei denen Investmentbanken federführend sind. Darüber hinaus nützt eine bestehende Kundenbeziehung im Kreditgeschäft dem Emittenten empirisch gesehen mehr als eine frühere Zusammenarbeit bei der Emission von Wertpa- pieren. Bei Folgeplatzierungen sinken für den Kunden oft die Kosten des Underwriting (sowie übrigens auch die Zinsen für parallel vergebene Kredite), wenn eine Universalbank und keine Investmentbank die Verantwortung trägt. Ein Grund dürfte sein, dass Universalbanken zusätzliches Geschäft mit diesem Kunden anstreben – und Vorteile aus der Generierung von informationellen Verbundeffekten weitergeben können (z.B. geringere Profilerstellungskosten). 7 Die empirische Evidenz spricht somit insgesamt stark dafür, dass die Vorzüge von Universalbanken gegenüber reinen Investmentbanken bei der Emission von Fremd- und Eigenkapital alle denkbaren Nachteile (wie etwa Interessenkonflikte, wenn Banken Unternehmen helfen, Anleihen an den Markt zu bringen, damit mit den Einnahmen Kredite beglichen werden können; oder wenn Banken bei ei- nem Börsengang überteuerte Aktien an schlecht informierte Privatkunden ver- kaufen) bei Weitem übersteigen – sowohl für Investoren als auch für Emittenten. 5 Vgl. z.B. Cumming und Hirtle (2001). 6 Vgl. etwa Ang und Richardson (1994), Kroszner und Rajan (1994), Puri (1994) und Puri (1996) sowie Gande et al. (1997). 7 Vgl. z.B. Drucker und Puri (2005) oder Schenone (2004). Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 8 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen II) Vorteile für bestimmte Kundengruppen Abgesehen von den Vorteilen, die Universalbanken allen Kundengruppen bie- ten, zeigt sich ihr Nutzen bei einer Reihe bestimmter Kundengruppen noch deutlicher. Dazu zählen vor allem große, multinationale Firmen und institutionel- le Investoren. a) Vorteile für große Unternehmen Jahrzehntelange Konsolidierung aufgrund einer zunehmenden Bedeutung von Fixkosten und der Globalisierung haben zum Aufstieg von großen Unternehmen geführt, die weltweit agieren, in sehr unterschiedlichen Geschäftsfeldern tätig sind und dementsprechend auch Bedarf an vielfältigen Finanzierungslösungen haben. Um ihre Bilanz und dabei insbesondere die Struktur ihrer Verbindlichkei- ten ausgewogen zu gestalten, benötigen diese Unternehmen Finanzpartner, die ihnen eine breite Palette an Möglichkeiten bieten können, um neue Projekte zu finanzieren und sich gegen Risiken abzusichern (zur Bedeutung großer und internationaler Unternehmen siehe Textbox 2). Zu diesen Lösungen zählen na- türlich längst nicht nur traditionelle Kredite, Schuldverschreibungen oder Eigen- kapital, sondern auch eine Vielzahl an Derivaten. Und während eine Spezial- bank in der Lage ist, entweder klassische Kreditprodukte anzubieten oder er- folgreich Wertpapiere bei Investoren zu platzieren, kann nur eine integrierte Universalbank das gesamte mögliche Produktspektrum an Finanzdienst- leistungen zur Verfügung stellen und zuverlässig beraten, welches Instrument in einer gegebenen Situation am besten geeignet sein dürfte. Spezialbanken mit ihrem begrenzten Angebot dagegen zwingen Firmen, sich zunächst selbst für eine bestimmte Finanzierungsform zu entscheiden, ehe sie eine Bank für die Umsetzung ihrer Vorstellungen suchen. Zwar besitzen viele Unternehmen meh- rere Bankbeziehungen, doch bei den meisten ist eine (einzige) „Hausbank“ der hauptsächliche Ansprechpartner in Finanzdingen, der jederzeit eine umfangrei- che Palette von Produkten und Dienstleistungen zur Verfügung stellt. Nur bei Bedarf, und um den Wettbewerb aufrecht zu erhalten, kommen andere Banken zu diesem zentralen Anbieter hinzu. Ohne eine solche Hausbankverbindung gäbe es dagegen parallele (und miteinander im Wettstreit stehende) Beziehun- gen zu Geschäfts- wie Investmentbanken und in der Folge mehr Komplexität und eine weniger effiziente Verwendung von Finanzprodukten. Zum Zweiten sind große Unternehmen oft auf großvolumige Finanzierungen angewiesen, deren Risiko die wenigsten Banken allein tragen können oder wol- len. Als Konsequenz existiert der Markt für Konsortialkredite, der sich mittlerwei- le wieder von der Finanzkrise erholt und ein eindrucksvolles Neugeschäfts- Volumen von global rund USD 3 Bill. pro Jahr erreicht hat (siehe Abb. 4). Im Prinzip steht eine solche Form der Risikoteilung natürlich jeder Bank offen, von einer kleinen regionalen Sparkasse bis hin zu einer großen Investment- bank. Tatsächlich sind es jedoch große Universalbanken, die den Markt domi- nieren. Das gilt naheliegenderweise erst recht für größere Transaktionen (> USD 1 Mrd.), die knapp die Hälfte aller Konsortialkredite ausmachen (siehe Abb. 5). Dieser Markt ist stark konzentriert: Die 10 wichtigsten Konsortialführer kommen zusammen auf einen Marktanteil von rund 80%. Und unter diesen Top Ten befinden sich – mit einer einzigen Ausnahme auf Platz 10 – ausschließlich große Universalbanken sowohl mit einem umfangreichen Firmenkundenge- schäft als auch einem nennenswerten Investmentbanking. Weder reine Ge- schäftsbanken (denen umfassende Kompetenz im Kapitalmarktgeschäft fehlt) 8 Quelle: Eurostat. 9 Quellen: UNCTAD (2012) und EIM (2010). 10 Quellen: IfM Bonn, DB Research. 11 Ausfuhren machten 2011 laut Eurostat-Angaben 50% des deutschen BIP aus, verglichen mit nur 27% in Frankreich, 29% in Italien und 32% in Großbritannien. 12 Quellen: Eurostat, DB Research. Die Bedeutung großer und internati o- naler Unternehmen 2 Allein im Verarbeitenden Gewerbe gibt es in der EU rund 16.000 Unternehmen, die jeweils mehr als 250 Mitarbeiter beschäfti- gen. Zusammen geben sie nicht weniger als 12 Millionen Menschen Arbeit, was 40% aller Erwerbstätigen in der Industrie entspricht. Der Anteil dieser größeren Firmen am Gesamtumsatz des Verarbei- tenden Gewerbes in der EU ist mit 60% sogar noch beeindruckender – in absolut- en Größen erzielen sie jährliche Erlöse von insgesamt fast EUR 3,9 Bill. 8 Aber große Unternehmen spielen nicht nur ihrer schieren Größe wegen eine wichtige Rolle; sie sind im Durchschnitt auch a) interna- tionaler und b) innovativer als kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) und damit in einer besseren Ausgangsposition, um in der Zukunft für wirtschaftliches Wachstum zu sorgen. — Bei den 100 größten nichtfinanziellen internationalen Unternehmen der Welt liegt der Auslandsanteil am Gesamt- umsatz bereits bei 65%. Demgegenü- ber exportieren z.B. überhaupt nur 25% der europäischen KMUs (Firmen mit < 250 Beschäftigten). 9 — Selbst in Deutschland – mit seinem weltweit so erfolgreichen Mittelstand – ist der Anteil ausländischer Erlöse bei größeren Unternehmen (Jahresumsatz > EUR 50 Mio.) mit 24% viel höher als bei kleineren Firmen, wo er nur 9% be- trägt. 10 Dabei steigt der Exportanteil mit zunehmender Unternehmensgröße kontinuierlich an. Da deutsche Firmen gleichzeitig im Durchschnitt export- orientierter sind als ihre Konkurrenz in anderen (großen) EU-Ländern 11 , sind sie auch stärker auf entsprechende In- vestmentbanking-Dienstleistungen an- gewiesen, wie beispielsweise Wech- selkursabsicherungen. Demzufolge wäre Deutschland von einer Beschädi- gung des integrierten Universalban- kenmodells wahrscheinlich auch un- gleich mehr betroffen als andere Volkswirtschaften. — Ebenso konzentriert sich die For- schung und Entwicklung (FuE) im Pri- vatsektor in Europa überwiegend auf größere Unternehmen. Auf Firmen mit über 500 Mitarbeitern entfallen drei Viertel der gesamten FuE-Ausgaben und 60% der FuE-Beschäftigung. 12 Dank ihrer höheren FuE-Intensität sind größere Unternehmen daher tendenzi- ell auch innovativer als kleinere (siehe Abb. 3 unten für Deutschland). Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 9 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen noch reine Investmentbanken (die oft keine hinreichend starke Bilanz besitzen, um über längere Zeit einen beträchtlichen Teil dieser „Risikolast“ tragen zu kön- nen) sind unter den führenden Banken für Konsortialkredite groß vertreten. b) Vorteile für internationale Unternehmen Noch mehr spricht für Universalbanken, wenn es um Firmen geht, die grenz- überschreitend aktiv sind (und oft auch ziemlich groß, siehe Textbox 2 oben). Diese müssen in ihrem Geschäft eine weitere Dimension berücksichtigen, die Themen umfasst wie i) die Außenhandelsfinanzierung, ii) den grenzüberschrei- tenden Mittelfluss, um das Liquiditätsmanagement zentralisieren zu können, und iii) die Absicherung von Währungsrisiken, zusätzlich zu vielen anderen Din- gen, die den finanziellen Erfolg einer internationalen Firma beeinflussen kön- nen, wie rechtliche und politische Risiken oder kulturelle Unterschiede. Banken mit einer vernünftigen Präsenz vor Ort und/oder ausreichenden Fachkenntnis- sen sowie den nötigen Kapazitäten, um Lösungen für diese Fragen anzubieten, können zu Recht behaupten, ihren Geschäftskunden die Arbeit zu erleichtern und wertvolle Unterstützung zu leisten. Es liegt in ihrer Natur, dass diversifizierte (und grenzüberschreitend tätige) Universalbanken am besten aufgestellt sind, um die vielfältigen finanziellen Ansprüche solcher international aktiver Unter- nehmen zu erfüllen. Devisengeschäfte sind dabei ein anschauliches Beispiel. Derartige Transaktio- nen, auch mithilfe von Derivaten, können natürlich ebenso von reinen Invest- mentbanken abgewickelt werden, die kein Standbein im Firmenkundengeschäft haben. Tatsächlich ist es jedoch so, dass im Devisenhandel ganz überwiegend große Universalbanken mit starkem, internationalem Firmenkundengeschäft eine führende Rolle innehaben (siehe Tab. 6 unten). Auch dies ist ein relativ konzentrierter Markt, in dem die 15 größten Teilnehmer zusammen einen Anteil von fast 90% ausmachen. Im Jahr 2012 waren 10 dieser 15 Top-Institute Uni- versalbanken, die nahezu zwei Drittel aller Devisentransaktionen weltweit auf sich vereinten. Die fünf Investmentbanken ohne ein bedeutendes Firmenkun- dengeschäft kamen dagegen nur auf einen Anteil von 23%. Auch ist der Markt- anteil der Universalbanken in den letzten Jahren in Summe gestiegen, während der der Investmentbanken rückläufig war. Für diese Struktur des Devisenmarkts dürfte es im Wesentlichen drei Gründe geben: i) Es handelt sich um ein niedrigmargiges Geschäft mit hohen Volumina – eine Kombination also, die große Banken tendenziell begünstigt und norma- lerweise unter den Anbietern zu Zusammenschlüssen führt. ii) Auch der Bedarf großer, international ausgerichteter Unternehmen an Banken, die viele ver- schiedene Währungspaare anbieten, spricht für eine Konsolidierung des Mark- tes. iii) Für Anbieter von Devisengeschäften ist es zudem vorteilhaft, ihrer Kon- kurrenz mit Blick auf die Kenntnis und das Verständnis für die Entwicklung ein- zelner Volkswirtschaften voraus zu sein, denn damit lassen sich Wechselkurs- bewegungen besser vorhersagen. Dank ihrer sehr breiten Kundenbasis dürften Universalbanken wiederum besser informiert sein als spezialisierte Wettbewer- ber und daher auch mehr Erfolg haben bei der Bereitstellung von Devisen- dienstleistungen. Neben dem Devisengeschäft verfügen große, grenzüberschreitend aktive Uni- versalbanken auch im internationalen Cash-Management und bei der Abwick- lung des Zahlungsverkehrs für global tätige Unternehmen über eine starke Posi- tion. Indem sie die Barmittel ihrer verschiedenen lokalen Tochtergesellschaften in mehreren Ländern mittels zentraler Abwicklungs- und Verrechnungskonten zusammenlegen, können Firmen beträchtliche Einsparungen erreichen, doch nur wenige Banken (meist Universalbanken) besitzen die erforderlichen Res- sourcen, um Liquidität sofort über internationale Grenzen zu transferieren und Mittel dort bereitzustellen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 5 - 49 Mitarbeiter 50 - 249 Mitarbeiter 250 - 999 Mitarbeiter ≥ 1.000 Mitarbeiter Anteil der Unternehmen mit kontinuierlicher FuE (links) Anteil neuer Produkte am Gesamtumsatz (rechts) Deutschland: große Industrie - unternehmen sind innovativer 3 %, 2010 Quelle: ZEW 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 2005 06 07 08 09 10 11 H1 12 Konsortialkredite, weltweit 4 Neugeschäft, in Bill. USD Quelle: Thomson 40 50 60 70 80 90 100 30 35 40 45 50 55 60 2005 06 07 08 09 10 11 H1 12 Anteil großer Transaktionen (> USD 1 Mrd.) an allen Konsortialkrediten (links) Marktanteil der top - 10 Konsortialführer (rechts) Zentrale Rolle großer Banken bei großen Konsortialkrediten 5 % Quellen: Thomson, DB Research Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 10 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen c) Vorteile für institutionelle Investoren Versicherungen, Pensionsfonds, Staatsfonds, Zentralbanken und Hedgefonds sowie andere institutionelle Investoren sind eine „natürliche“ Kundengruppe für Universalbanken, denn Universalbanken bieten den Investoren aus einer Hand viele der für ihren Erfolg maßgeblichen Finanzdienstleistungen. Dazu zählen u.a. der Handel, die Leihe und Verwahrung von Wertpapieren, die Kreditverga- be, Repos, Absicherungsgeschäfte und das Erstellen von Research. Für institu- tionelle Investoren ist es ein handfester Vorteil, sich bei all diesen Diensten ei- nes einzigen Instituts bedienen zu können, denn das erleichtert die Umsetzung eines integrierten Liquiditäts- und Risikomanagements. Dieses wiederum wird vor dem Hintergrund regulatorischer Änderungen immer wichtiger, zu denen in der EU etwa Solvency II oder die AIFM gehören, die größeren Wert auf die Risi- komanagement-Fähigkeiten institutioneller Investoren legen. Außerdem profitieren institutionelle Investoren von der einzigartigen Breite der Vertriebskanäle von Universalbanken. Nur zwei Bespiele: Investmentfonds kön- nen, neben dem Rückgriff auf die Wertpapierdienstleistungen einer Universal- bank, auch ihre Anteile über das Filialnetz an die Privat- und Vermögensverwal- tungskunden der Bank absetzen. Versicherungen können über eine Universal- bank zahlreiche andere institutionelle Investoren erreichen, um Katastrophenan- leihen („cat bonds“) zu platzieren und damit Versicherungsrisiken an den Kapi- talmarkt abzugeben. Schließlich stellen viele Banken auf ganz verschiedenen Finanzmärkten – u.a. Devisen-, Rohstoff- und Derivatemärkten – jederzeit Liquidität bereit, indem sie sich ihren Kunden, die investieren wollen, als Gegenpartei zur Verfügung stellen und die gewünschten Papiere verkaufen oder kaufen. Der Nutzen dieses soge- nannten Market-Makings für den Endkunden ergibt sich aus den geringeren Transaktions- und damit auch Finanzierungskosten. Natürlich ist nicht jede Uni- versalbank notwendigerweise ein Market-Maker, aber es bringt den Kunden Vorteile, wenn ihre Bank ein aktiver Market-Maker ist. Das Market-Making stellt zum einen sicher, dass Aufträge mit einer geringeren Zeitverzögerung ausge- führt werden können; aber vor allem, dass die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreisen (der Bid-ask-Spread) möglichst klein ist. Aus Sicht der Emitten- ten, die Kapital benötigen (d.h. von Firmen und der öffentlichen Hand), ist das zu begrüßen: i) Market-Making erhöht üblicherweise den Ausgabekurs, denn mögliche Käufer würden einen höheren Spread zum Anlass nehmen, ihr Kauf- preis-Gebot entsprechend nach unten anzupassen, um die gestiegenen Trans- aktionskosten zu berücksichtigen; ii) die Nachfrage nach diesen Vermögenswer- ten dürfte steigen, denn potenzielle Käufer wüssten, dass das Kursrisiko in ei- nem solchen liquiden Sekundärmarkt niedriger wäre, sollten sie später wieder aussteigen wollen. Aus Sicht der institutionellen Investoren verringern geringere Spreads die Transaktionskosten, steigern damit die Portfolio-Rendite und er- möglichen ein besseres Risikomanagement, denn die bei einer Änderung der Portfolio-Zusammensetzung anfallenden Kosten sinken. 3. Warum Universalbanken von Vorteil sind für die Finanzstabilität (und damit die Steuerzahler) Neben den genannten Vorteilen für ihre Kunden tragen Universalbanken auch auf verschiedene Art und Weise zur Stärkung der Finanzstabilität bei. a) Diversifizierung der Erträge, Aktiva und Passiva erhöht die Widerstands- fähigkeit einer Bank Es liegt in ihrer Natur, dass Universalbanken eine ausgewogenere Ertrags- und Bilanzstruktur aufweisen als Spezialbanken, weswegen sie besser in der Lage sein dürften, einen Abschwung in einem bestimmten Marktsegment abzufedern. Z.B. dürfte die Qualität der Vermögenswerte weniger stark schwanken, wenn Globaler Devisenmarkt, 2012 6 Rang Bank Marktanteil (%) 1 Deutsche Bank 14, 6 2 Citigroup 12,3 3 Barclays 11,0 4 UBS* 10,5 5 HSBC 6,7 6 JPMorgan 6,6 7 RBS 5 ,9 8 Credit Suisse* 4,7 9 Morgan Stanley* 3,5 10 Goldman Sachs* 3,1 11 BNP 2,6 12 Bank of America 2,4 13 Soc Gen 1,8 14 Nomura* 1,3 15 Commerzbank 1,3 * Investmentbank ohne nennenswertes internationales Firme n- kundengeschäft Quelle: Euromoney Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 11 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen eine Bank in relativ unterschiedliche Kredite, Anleihen und Aktien investiert hat. Darüber hinaus erzielen Universalbanken üblicherweise einen höheren Anteil ihrer Erträge im Provisionsgeschäft, welches zum Teil einer anderen Dynamik unterliegt als das Zinsgeschäft. Auch die Passivseite dürfte stabiler sein, wenn eine Bank auf eine Mischung aus verschiedenen Refinanzierungsquellen zurückgreifen kann, die Einlagen von Privatkunden ebenso umfasst wie (un)besicherte Schuldverschreibungen und Repo-Märkte. Insgesamt senkt eine solche Diversifizierung das Risiko extremer Verluste bzw. einer Illiquidität auf der Ebene der Gesamtbank – und damit auch das Extremrisiko einer Bankinsol- venz trotz aller vorbeugenden Maßnahmen. 13 Es war kein Zufall, dass in der Finanzkrise 2007-09 – neben den Staaten – nur große Universalbanken positiv und nicht negativ zur Finanzstabilität beitragen konnten, indem sie gescheiterte Wettbewerber übernahmen (meistens Spezial- banken). Beispiele finden sich vor allem in den USA, wo Spezialbanken vor der Krise eine größere Rolle spielten als in Europa: Die Investmentbanken Bear Stearns und Merrill Lynch wurden ebenso von JPMorgan und der Bank of Ame- rica übernommen wie die reinen Privatkundeninstitute Washington Mutual und Countrywide Financial. Natürlich gerieten auch Universalbanken in Schwierig- keiten: z.B. die Citigroup in den USA; RBS, Fortis und die Dresdner Bank in Europa. Doch dazu kam es trotz und nicht wegen der stabilisierenden Wirkung ihrer breit gefächerten und diversifizierten Geschäftsaktivitäten. Im Großen und Ganzen waren es hauptsächlich Management-Fehler (einschließlich eines schlechten Risikomanagements), die für den Zusammenbruch von Banken in der Krise verantwortlich waren, und kein Geschäftsmodell erwies sich als voll- kommen resistent. Dank seiner besser austarierten Geschäfts- und Refinanzie- rungsstruktur und damit größeren Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Schocks und internen Fehlern erreicht das Universalbankmodell jedoch in der Regel in einem gegebenen Umfeld stabilere und weniger volatile Ergebnisse – sowohl nach oben als auch nach unten (siehe die nachfolgenden empirischen Belege). Das bedeutet auch, dass in der Krise sicherlich deutlich mehr Banken untergegangen wären, wenn es in Europa mehr Spezialinstitute gegeben hätte. Das in der EU vorherrschende Universalbankenmodell verhinderte einen noch schwereren Schaden am hiesigen Finanzsystem – und reduzierte die Kosten der Bankenrettung für die Steuerzahler, indem es die Verlustabsorptionsmög- lichkeiten der Branche vergrößerte. 14 Zudem waren Universalbanken angesichts der unterschiedlichen Zeitpunkte der Finanz- und der Wirtschaftskrise (bei struk- turierten Kreditprodukten und anderen problematischen Wertpapieren fielen die Verluste vor allem 2007 und 2008 an, als das klassische Privat- und Firmen- kundengeschäft noch gut lief; die Kreditverluste aufgrund der globalen Rezessi- on stiegen dagegen Ende 2008 und 2009 rasant an, während die Investment- bank-Erträge 2009 bereits wieder sprudelten) in einer viel besseren Position, um die Abschwünge in den verschiedenen Marktsegmenten zu überstehen und Rückgänge in einem Bereich durch ein stärkeres Abschneiden in einem ande- ren auszugleichen. Empirische Belege für die Vorteile eines diversifizierten, aber integrierten Ge- schäftsmodells zeigen die Abb. 7 und 8. Ein Blick auf die Nachsteuer-Eigen- kapitalrendite einer repräsentativen Auswahl an großen Banken sowohl aus Europa als auch den USA macht zweierlei ziemlich deutlich: 15 i) Die Durch- schnittsrenditen aller drei Bankengruppen waren in den Boomjahren ebenso wie in der Krise seit 2007 insgesamt weitgehend ähnlich. In der neuen Welt nach den Finanzblasen und mit geringem Wachstum scheinen allerdings diversifizier- te Universalbanken am besten abzuschneiden. ii) Gemessen an der Standard- 13 Vgl. auch Templeton und Severiens (1992). 14 Vgl. auch Altunbas et al. (2011). 15 Diese Aussage wird auch durch eine Analyse der risikoadjustierten Rendite auf alle Vermögens- werte („return on assets“, ROA) unterstützt. Diese umgeht mögliche Verzerrungen durch einen größeren (Bilanz-)Hebel bei manchen Banken und kommt zu sehr ähnlichen Ergebnissen. -15 -10 -5 0 5 10 15 20 25 30 2000 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 H1 12 Investmentbanken Universalbanken Geschäftsbanken Stabilere Eigenkapitalrendite bei Universalbanken 7 Quellen: Unternehmensberichte, DB Research Durchschnittliche EK-Rendite nach Steuern in %, Auswahl großer europäischer & US-Banken Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 12 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen abweichung der jährlichen Renditen schwanken die Ergebnisse der Universal- banken am wenigsten, gefolgt von den Geschäfts- und den Investmentbanken. Es zeigt sich also, dass Universalbanken tatsächlich besser als spezialisierte Institute darin sind, unterschiedliche Zyklen im Bankgeschäft und auf den Fi- nanzmärkten auszugleichen. Des Weiteren dürfte sich aufgrund der anhalten- den Krise in einigen südeuropäischen Ländern, die mit mehreren großen Ge- schäftsbanken in unserer Auswahl vertreten sind, der Abstand zwischen den Universalbanken und anderen Geschäftsmodellen in den nächsten Jahren eher noch ausweiten als verringern. Abb. 8 demonstriert diesen gegenläufigen Effekt für einige der wichtigsten glo- balen Universalbanken – zwei aus den USA, zwei aus Europa. Zwischen 2008 und 2009 verbesserte sich das Ergebnis des Investmentbankings bei allen vier Instituten dramatisch und meistens wurde aus einem Verlust ein hoher Gewinn. Gleichzeitig ging das Ergebnis der übrigen Geschäftsbereiche zusammenge- nommen (im Wesentlichen das Privat- und Firmenkundengeschäft sowie die Vermögensverwaltung) überall erheblich zurück; manchmal fielen sogar rote Zahlen an. Die Kombination einer breiten Palette an Bankdienstleistungen unter einem Dach wirkte also stabilisierend, glättete die Gewinne und verringerte die Volatilität. Anders gesagt: Universalbanken verfügen in Krisenzeiten automatisch über eine „erste Verteidigungslinie“ – die Gewinne (und das überschüssige Kapital) anderer Konzernbereiche. Eine Abtrennung der Handelsbereiche innerhalb ei- ner Holdingstruktur, wie jüngst von der Expertengruppe der Europäischen Kommission unter Erkki Liikanen vorgeschlagen 16 , dürfte daher kontraproduktiv wirken, da eine Unterstützung durch andere Geschäftseinheiten der Bank damit unmöglich würde. Zudem scheinen die meisten Vorschläge für eine Aufspaltung des Bankge- schäfts auf der grundlegenden Annahme zu beruhen, dass der Wertpapierhan- del zwangsläufig riskanter sei als das klassische Kreditgeschäft. Das wäre eine kurzsichtige Schlussfolgerung und hätte möglicherweise gefährliche Konse- 16 Vgl. auch HLEG (2012). - 10 - 5 0 5 10 15 JPM 08 JPM 09 BoA** 08 BoA 09 BNP 08 BNP** 09 HSBC 08 HSBC 09 Investmentbank Übrige Geschäftsbereiche Nettogewinn* pro Geschäftsbereich, Auswahl an U niversalbanken 8 Jeweilige Währung, Mrd. Quellen: Unternehmensberichte, DB Research * BNP und HSBC: Vorsteuergewinn ** BoA einschließlich Merrill Lynch; BNP ohne Fortis - 28 Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 13 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen quenzen: Die Geschichte lehrt vielmehr, dass Finanzkrisen in der großen Mehr- zahl durch traditionelle Kreditbooms am Immobilienmarkt ausgelöst wurden. Es mag zwar stimmen, dass die Bewertung von Wertpapieren stärker schwankt als die von Krediten, die auf der Bilanz behalten werden. Das legt aber wenigstens die mit Investitionen in Wertpapieren verbundenen Risiken offen, wohingegen Risiken aus dem Kreditgeschäft in der Regel durch Rechnungslegungs- standards verschleiert werden. Diese schaffen eine „Illusion der Stabilität“, die erst dann zusammenfällt, wenn eine Kreditblase plötzlich platzt. Die Vorteile von Universalbanken dürften noch größer sein, wenn die Banken nicht nur sehr verschiedene Geschäftsaktivitäten bündeln, sondern auch in geografisch unterschiedlichen Märkten aktiv sind. Denn obwohl sich die Kon- junkturzyklen weltweit in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge der Globalisie- rung immer stärker aneinander angeglichen haben, gibt es doch noch erhebli- che Unterschiede. Diese dürften außerdem in den Jahren nach der Krise eher wieder größer werden, weil einige (westliche) Länder ihre zu hohe Gesamtver- schuldung reduzieren müssen, während die Schwellenländer im Durchschnitt weiter schnell wachsen werden (siehe Abb. 9). Global aufgestellte Universal- banken dürften folglich am meisten von den unterschiedlichen Stärken in unter- schiedlichen Finanzmärkten und Ländern profitieren. 17 Abgesehen von diesen eher allgemeinen Feststellungen, die praktisch auf alle Wirtschaftszweige zutreffen, spielen die positiven Effekte der Diversifizierung in der Bankenbranche eine besonders wichtige Rolle. Das liegt vor allem an der konkreten Natur des Geschäftsmodells einer Bank und ihrem Umgang mit Risi- ken. Risiken sind ein integraler Bestandteil der Finanzmärkte, bzw. genauer: Die zentrale Aufgabe von Finanzmärkten ist es ja gerade, Risiken zu schaffen und zu verteilen. Es ist also per Definition unmöglich, das Risiko im Finanzsystem zu beseitigen; Politiker, Regulierer und Aufsichtsbehörden können lediglich die Form des Systems gestalten und Anreize für die Höhe und Verteilung des Risi- kos darin setzen. 18 Was die Verteilung des Risikos innerhalb des Finanzsystems angeht, spricht einiges dafür, dass es der Finanzstabilität nützt, wenn Risiken in Universalban- ken und nicht in Spezialinstituten liegen: Erstens sind die Verlustabsorptionsfä- higkeiten von Universalbanken wie oben gezeigt höher, dank ihrer diversifizier- ten und damit sich selbst stabilisierenden Ertragsstruktur. Zweitens sind Univer- salbanken ein streng (von der Aufsicht) überwachter und (von Investoren) beo- bachteter Sektor, der dadurch wesentlich transparenter ist als andere Teile des Finanzsystems. Und drittens sollten Universalbanken über bessere Möglichkei- ten des Risikomanagements verfügen dank ihrer Einblicke aus erster Hand in eine Reihe von oder sogar alle Bereiche des Finanzmarkts: In dem Maß, in dem Universalbanken ein integriertes Risikomanagement besitzen, können Erkennt- nisse aus der Beobachtung des Marktrisikos genutzt werden, um Risiken im Bankbuch zu identifizieren und zu kontrollieren (und umgekehrt). Insgesamt können damit die Risikokosten gesenkt werden. Ein Beispiel: Wenn eine Uni- versalbank im Rahmen ihrer Tätigkeit als Market-Maker und Wertpapierhändler eine zunehmende Risikoscheu seitens der Investoren wahrnimmt, könnte das ein Zeichen für eine bevorstehende Abkühlung der Konjunktur sein, die wieder- um eine Straffung der Kreditkonditionen im klassischen Bankgeschäft notwen- dig machen würde. 17 Wie bereits erwähnt bedeutet eine niedrigere Volatilität auch ein geringeres Aufwärtspotenzial während des Booms. Diversifizierte Institute können dann nicht dieselben Renditen erzielen wie (geografisch eingeschränkte) Spezialbanken, die ausschließlich in einem Markt tätig sind, der ge- rade eine Kreditblase erlebt. 18 Vgl. auch Weistroffer (2011). -6 -4 -2 0 2 4 6 8 10 12 1990 95 00 05 10 15 17 Industrieländer EMs: Asien EMs: MOE EMs: LatAm EMs: MENA Reales BIP-Wachstum 9 % ggü. Vorjahr Quelle: IWF Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 14 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen b) Höhere Profitabilität und damit höhere Widerstandsfähigkeit einer Bank Universalbanken können – zum Teil durch Skalen- und Verbundeffekte (ein- schließlich eines konzernweiten Austauschs über mögliche Verbesserungen der Geschäftsabläufe) – Ertrags- und Kostensynergien erzielen, die Spezialbanken so nicht möglich sind. Ertragssynergien ergeben sich z.B. aus dem Verkauf zusätzlicher Produkte und dem Weiterempfehlen von Kunden zwischen ver- schiedenen Geschäftsbereichen: Relativ ausgefeilte Produkte wie Derivate zur Risikoabsicherung, die ursprünglich für große Firmenkunden entwickelt worden waren, können später auch KMUs angeboten werden, ohne dass zusätzliche Kosten anfallen. Spezialbanken (hier Geschäftsbanken) müssten stattdessen den Aufwand der Investmentbank noch ein zweites Mal betreiben. Des Weiteren können Geschäftsbereiche Kunden mit einem wachsenden Bedarf an unter- schiedlichen Beratungsdienstleistungen und Finanzprodukten leicht an Experten in anderen Bereichen der Bank weiterempfehlen und dadurch das Ertragspo- tenzial des Instituts steigern. Z.B. könnte ein erfolgreicher Unternehmer, dessen Firma bereits Kredite und Cash-Management-Dienste einer Bank in Anspruch genommen hat, früher oder später nach Wegen suchen, um sein privates Ver- mögen effektiv zu verwalten und zu vermehren. In diesem Fall dürften die Chancen für die Privatbanksparte der Universalbank nicht schlecht stehen, ei- nen neuen Kunden zu gewinnen. 19 Kostensynergien können sich vor allem aus zusätzlichen Skaleneffekten erge- ben, zu denen Universalbanken im Gegensatz zu spezialisierten Instituten in der Lage sind. 20 Die Kosten für die IT, Teile der Produktentwicklung und des Risikomanagements (z.B. die Erstellung interner Ratings) sowie der Finanzab- teilung, ebenso wie manche Kosten für die Einhaltung regulatorischer Bestim- mungen und das Markt- und volkswirtschaftliche Research sind überwiegend fixe Kosten, die innerhalb einer Universalbank nur einmal anfallen und auf eine breitere Ertragsbasis verteilt werden können, so dass die relative (wenn auch wahrscheinlich nicht absolute) Belastung abnimmt. Alles in allem werden diese Synergien ceteris paribus die Profitabilität einer Universalbank stärken – und damit ihre Fähigkeit, widrigen Markt- und konjunk- turellen Umständen zu trotzen. Das sollte auch der Finanzstabilität zugute kommen und mögliche Risiken für die Steuerzahler reduzieren. Selbst die Unabhängige Bankenkommission („Independent Commission on Banking“, ICB) in Großbritannien, die sich (u.a.) für eine Abschirmung des inländischen Privat- kundengeschäfts der Banken aussprach, gab zu, dass ihre Vorschläge die Ban- kenbranche pro Jahr rund GBP 4-7 Mrd. kosten würden, und die Volkswirtschaft als Ganzes weitere GBP 1-3 Mrd. 21 Andererseits gibt es unseres Wissens nach immer noch so gut wie keine detaillierten, umfassenden Untersuchungen zur nachhaltigen Profitabilität von Universalbanken im langfristigen internationalen Vergleich, sondern lediglich einige Studien zu einzelnen Aspekten des Univer- salbank-Geschäftsmodells wie den Vorteilen der Diversifizierung und zu Skalen- sowie Verbundeffekten (siehe obige Literaturhinweise). 22 19 Aktuelle Forschungsergebnisse zu Skalenerträgen finden sich u.a. bei Wheelock und Wilson (2009). 20 Natürlich können auch Spezialbanken Skaleneffekte realisieren, schlicht indem sie größer wer- den. Hier soll es jedoch um die Möglichkeit weiterer Einsparungen gehen, da sich vor allem man- che Ausgaben für die Infrastruktur innerhalb einer integrierten Organisation senken lassen, wäh- rend sie sonst sowohl bei reinen Geschäfts- als auch bei Großkunden-/Investmentbanken ange- fallen wären. Es ist klar, dass solche Effizienzverbesserungen in einer Holdingstruktur – wie etwa von der britischen ICB vorgesehen – mit verschiedenen unabhängig voneinander operierenden Tochtergesellschaften und wenigen auf der Konzernebene gebündelten Zentralfunktionen nicht zu erreichen wären. 21 Vgl. auch ICB (2011). 22 Busch und Kick (2009) belegen für deutsche Banken, dass eine Diversifizierung der Ertragsquel- len die risikobereinigte Eigenkapitalrendite und die Rendite auf alle Vermögenswerte erhöht. Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 15 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen c) Geringeres Gegenpartei-Risiko, mehr Transparenz Die Entwicklung der Finanzmärkte zu einem großen und komplexen System hat für den Aufstieg einer ganzen Reihe von Spezialisten für bestimmte Teile der Wertschöpfungskette gesorgt. Dies betrifft zwei Dimensionen – i) das operative Geschäft und ii) die Infrastruktur- und unterstützenden Bereiche. Die erste Di- mension ist insbesondere in den USA von Bedeutung, wo z.B. das traditionelle, bilanzbasierte Kreditgeschäft der Geschäftsbanken heute nicht einmal mehr 30% des gesamten Kreditmarkts ausmacht. 23 Bei der Infrastruktur und den sonstigen unterstützenden Funktionen sind Outsourcing und Offshoring (Verla- gerung ins Ausland) in der gesamten Branche gang und gäbe, von der IT bis zu Hilfstätigkeiten im Research. Doch während sich hieraus offenbar (bislang je- denfalls) keine größeren zusätzlichen Risiken für das Finanzsystem insgesamt ergeben haben, würde eine „scheibchenweise“ Zerlegung der eigentlichen Bankaktivitäten in eine Vielzahl unterschiedlicher Marktakteure auf jeden Fall die gegenseitigen Abhängigkeiten erhöhen – und auch die Zahl möglicher Bruchstellen in der Wertschöpfungskette. Man nehme nur die komplexen Ver- briefungstransaktionen vor der Krise: An ihnen waren problemlos bis zu zehn verschiedene, voneinander unabhängige Parteien beteiligt – vom ursprüngli- chen Kreditnehmer, dem Hypothekenvermittler, der Bank, dem für die laufende Abwicklung von Zins- und Tilgungszahlungen zuständigen Unternehmen und dem Strukturierer der MBS- oder CDO-Transaktion bis hin zum Händler der Investmentbank, dem Anlagefonds für strukturierte Kreditprodukte und am Ende dem Privatinvestor – und jede von ihnen stellte für ihre Gegenparteien ein Aus- fallrisiko dar (von den auflaufenden hohen Transaktionskosten einmal ganz abgesehen). Die Finanzkrise hat die Bedeutung von Kontrahenten-Risiken in dramatischer Weise unterstrichen, weswegen die regulatorischen Risikogewich- te nun erheblich ansteigen. Dabei gibt es auch eine relativ einfache, direkte Möglichkeit, einen großen Teil dieser Risiken zu beseitigen und gleichzeitig die Voraussetzungen für einfachere und transparentere Strukturen zu schaffen, die im Sinne jeder Finanzaufsicht sind: Größere rechtliche Einheiten, vor allem Uni- versalbanken, können verschiedene Stufen der Wertschöpfungskette unter ei- nem Dach vereinen und damit die Wahrscheinlichkeit verringern, dass es zu Brüchen in dieser Kette kommt, die wichtige Funktionen des gesamten Finanz- systems gefährden könnten. Anders gesagt ersetzt eine Universalbank genau- genommen eine Vielzahl externer Markttransaktionen und daraus resultierende gegenseitige Abhängigkeiten durch einen internen Kapitalmarkt mit einem ein- heitlichen Risikomanagement. Dadurch verringern sich sowohl die Zahl der Ge- genpartei-Beziehungen als auch die Komplexität und somit insgesamt das Risi- ko auf den Finanzmärkten. d) Vielfalt der Geschäftsmodelle und damit größere Widerstandsfähigkeit der Branche Natürlich gibt es neben der Universalbank noch weitere Geschäftsmodelle von Banken. Sparkassen und Genossenschaftsbanken agieren oft als reine Retail- institute, die sich ausschließlich um Privatkunden und kleine Unternehmen kümmern und größere (Firmen- sowie institutionelle) Kunden an „Dachorganisa- tionen“ weiterverweisen. Manche Finanzinstitute bieten nur Vermögensverwal- tungsdienstleistungen an, andere wiederum konzentrieren sich auf die Unter- nehmensfinanzierung über den Kapitalmarkt und das M&A-Beratungsgeschäft. Zudem gibt es starke Unterschiede von Land zu Land, wobei die Ursachen di- verser nationaler Besonderheiten oftmals weit in die Geschichte zurückrei- chen. 24 Unter dem Strich hat diese Vielfalt den Finanzmärkten gut getan. Die 23 Vgl. auch Deutsche Bank (2012a). 24 Nicht zuletzt aufgrund dieser unterschiedlichen Entwicklungshistorie, die ihrerseits auf deutlich verschiedenen Wirtschaftsstrukturen in einzelnen Ländern beruht, wären einheitliche Vorgaben zur Struktur des Bankensektors wenig sinnvoll. (Zu Recht) allgemein anerkannt sind dagegen et- wa Regeln zur Risikomessung oder wie hoch das Kapitalniveau zukünftig liegen soll – der Basel III-Prozess. Es spricht Bände, dass ausgerechnet die USA nicht zum Trennbankensystem zu- Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 16 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen jüngste Krise hat eindeutig gezeigt, dass kein bestimmtes Geschäftsmodell im- mun ist gegen den Aufbau hoher Risiken. Doch in den seltensten Fällen werden aus Risiken auch zur selben Zeit tatsächliche Verluste. Daher funktionieren einige Geschäftsmodelle in einem gegebenen Umfeld besser als andere. Regu- lierungsmaßnahmen mit dem Ziel, die Geschäftsmodelle der Banken stärker zu vereinheitlichen – z.B. durch die verpflichtende Trennung des klassischen Bankgeschäfts und des Investmentbankings (oder zumindest der Handelsaktivi- täten davon) oder die übermäßige Verschärfung der Risikogewichte für be- stimmte Geschäfte – würden zu einem homogeneren Bankensektor führen, in dem sich die einzelnen Institute sehr ähnlich verhielten. Beim Platzen einer Fi- nanzblase hätten sie dann alle unter einem solchen Herdenverhalten zu leiden. Nicht anders als in der Natur bringt die (organisatorische) Artenvielfalt schließ- lich auch im Bankgewerbe eindeutige Vorteile mit sich. 25 Hinzu kommt, dass es im etablierten Universalbankensystem erheblichen Wett- bewerb in den meisten Bereichen des Investmentbankings gibt, was sich bei einer Abspaltung ändern könnte: Als Folge höherer Refinanzierungskosten wür- den sich wahrscheinlich viele kleinere Anbieter aus dem Markt zurückziehen. Übrig blieben nur eine Handvoll sehr großer reiner Investmentbanken und die Marktkonzentration würde zunehmen, mit all den bekannten negativen Auswir- kungen auf die Wettbewerbsintensität, das Preisniveau – und die Möglichkeit des geordneten Ausscheidens eines in Schwierigkeiten steckenden Instituts, ohne gleich den gesamten Markt in Turbulenzen zu stürzen. Die Abhängigkeit der Unternehmens- und institutionellen Kunden von den wenigen verbleibenden Investmentbanken/Market-Makern würde steigen, ebenso wie das Risiko für die Steuerzahler. 26 Besondere Bedeutung dürfte dieses Thema in den nächsten Jahren erlangen, wenn die Kapitalmärkte verstärkt Mittel für den Unternehmenssektor bereitstel- len werden (müssen). Angesichts des Übergangs zu wesentlich höheren Kapi- talquoten (Basel III) und anderer strengerer Regulierungsvorschriften wird die traditionelle Bankenbranche dagegen schrumpfen (oder jedenfalls viel schwä- cher wachsen als bisher). e) Bessere Erkennung des Aufbaus nicht nachhaltiger (systemischer) Risiken Das Scheitern großer, systemisch relevanter Institute kann, neben anderen Ursachen, eine Gefahr für die Finanzstabilität darstellen. Die mikro-prudenzielle Aufsicht befasst sich darum mit einzelnen Banken und verpflichtet sie, Vorga- ben einzuhalten, um ihre Überlebensfähigkeit selbst unter widrigen Umständen sicherzustellen. Allerdings haben die jüngste Krise und ihre Vorgeschichte klar gezeigt, dass die Beaufsichtigung einzelner Institute nicht genug ist. Auch Ent- wicklungen im System insgesamt müssen beobachtet werden, und makro- prudenzielle Aufseher müssen handeln, wenn im Finanzsektor in Summe nicht mehr hinnehmbare Risiken eingegangen werden. 27 Es bleibt jedoch vorerst rückkehren, d.h. das Land, das dafür jahrzehntelang das berühmteste Beispiel war. Es ist daher fast unerklärlich, warum sich auf der anderen Seite die kontinentaleuropäische Debatte zuletzt darauf konzentriert hat, wie sich ein System grundlegend umbauen ließe, das zum Aufbau von Wohlstand in Europa sehr lange Zeit beigetragen hat. Am Ende könnte es zu der merkwürdigen Konstellation kommen, dass US-amerikanische Universal- oder Investmentbanken ihrer europä- ischen Konkurrenz den Großteil des Investmentbanking-Geschäfts in Europa abnehmen. Da- durch könnten sich sogar weitere Risiken ergeben, denn wie die jüngsten Krisen gezeigt haben, sind ausländische Finanzinstitute besonders in schwierigen Zeiten im Geschäft mit inländischen Kunden weniger beständig als einheimische Banken (vgl. z.B. Schildbach (2011) und Fitch (2011)). 25 Vgl. auch CEPS (2009) und CEPS (2010). 26 Sollte in der Regulierung allerdings eine Höchstgrenze festgelegt werden (wie beispielsweise von der HLEG vorgeschlagen), unterhalb derer das Handelsgeschäft auch weiterhin in einem integ- rierten Modell erlaubt wäre, könnte eine andere unerwünschte Reaktion eintreten: Dank wahr- scheinlicher Refinanzierungsvorteile hätten die „Einlagenbanken“ einen Anreiz, ihr Investment- banking bis an diese Grenze auszubauen – würden also als vermeintlich „sichere“ Institute zu- sätzliche Risiken eingehen. 27 Vgl. auch Weistroffer (2012). Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 17 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen offen, wie effektiv die hierfür neu eingerichteten Aufsichtsbehörden am Ende sein werden – das ESRB in Europa (und weitere Gremien in den Mitgliedstaa- ten), der FSOC in den USA. Eine gewisse Skepsis ist angebracht, nicht zuletzt i) weil es kaum Möglichkeiten gibt, Veränderungen durchzusetzen, sobald uner- wünschte Entwicklungen festgestellt worden sind, und ii) weil es eine politisch schwierige Aufgabe ist, die „Party“ zu beenden, solange sie noch voll im Gange ist. So würden sich nicht nur Haushalte und Unternehmen, die weiter Kredite aufnehmen wollen, gegen eine zwangsweise gebremste Kreditvergabe stem- men, sondern auch Politiker, die die nächste Wahl gewinnen möchten. Ebenso würde die Finanzbranche Widerstand leisten, denn ihr dürften dadurch – zumin- dest kurzfristig – zusätzliche Gewinne entgehen. Dabei können auch große Finanzinstitute den Aufbau von Risiken und am Ende nicht tragfähigen Blasen über die gesamte Bandbreite der Finanzmärkte hinweg erkennen – besonders gilt dies für Universalbanken mit ihren weitreichenden Einblicken sowohl ins klassische Privat- und Firmenkundengeschäft (vor allem auf der Kreditseite) als auch in die Kapitalmärkte mit ihrer enormen Vielfalt an innovativen Finanzprodukten. Dank ihres integrierten Risikomanagements und eines flüssigeren Informationsaustauschs zwischen unterschiedlichen Ge- schäftseinheiten können solche Universalbanken entstehende systemische Risiken manchmal früher erkennen als die staatlichen makro-prudenziellen Fi- nanzaufseher. Das ermöglicht es ihnen, bewusst eigene Risiken herunterzufah- ren und gleichzeitig diese Information an den Markt weiterzugeben – an Kun- den, die Aufsicht und auch Konkurrenten. Nochmals höher ist die Wahrschein- lichkeit, insgesamt bessere Entscheidungen über das Eingehen von Risiken zu fällen, bei international tätigen Banken. Diese bauen per Definition nicht nur Wissen auf über das Risikoniveau in einer bestimmten Region, sondern auch über grenzüberschreitende Verflechtungen bis hin zu weltweiten Risiken. Die Finanzinstitute, die am besten in der Lage sind (wenn auch in der Praxis nicht zwangsläufig erfolgreich darin), entstehende systemische Risiken frühzeitig zu erkennen und dadurch möglicherweise zur Bewahrung der Finanzstabilität bei- zutragen, sind somit große, international aktive Universalbanken. f) Effizienter Umgang mit Kredit-Einlagen-Ungleichgewichten Es hilft der Finanzstabilität schließlich auch, dass Universalbanken besser mit einem unterschiedlich hohen Kredit- und Einlagenvolumen umgehen können und damit weniger Probleme haben als Spezialbanken bzw. ein Trennbanken- system als Ganzes. Abgesehen davon, dass eine Abschirmung der Einlagen eine Kreditvergabe an „Außenstehende“ unmöglich machen würde, ließe sie auch Banken mit einem Einlagenüberschuss (siehe Abb. 10) de facto nur zwei Optionen: entweder mehr Kredite an Kunden „innerhalb des Zauns“ auszurei- chen oder den Zufluss von Einlagen abzublocken, aus Mangel an gewinnbrin- genden Investitionsgelegenheiten (eine dritte Möglichkeit wäre der Kauf liquider, „wenig riskanter“ Aktiva – die allerdings momentan nahezu keinerlei Rendite abwerfen). In beiden Fällen würde ein Verbot, Einlagen für praktisch irgendei- nen anderen Zweck als die Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen zu verwenden, einen wichtigen Vorteil des Universalbankensystems zunichtema- chen und könnte erheblichen Schaden anrichten: Zum einen sind Kunden sehr daran interessiert, über eine sichere und liquide Anlageform wie die Einlage bei einer Bank zu verfügen. Zum anderen braucht eine gesunde Volkswirtschaft ein Finanzsystem, das weder plötzlich die Kreditkonditionen lockert und damit einen (üblicherweise nicht nachhaltigen) Kreditboom auslöst, noch sich selbst um eine Verringerung seiner wahrscheinlich stabilsten Refinanzierungsart – d.h. der Kundeneinlagen – bemüht. Ähnlich lässt sich natürlich auch bei Banken mit einem Einlagendefizit argumen- tieren (und das ist die gängigere Konstellation in Europa). Solche Institute hät- ten einen Anreiz, die Kreditvergabe zu reduzieren oder – und das wäre aus Sicht der Finanzstabilität der gefährlichere Fall – ihre Kapitalmarktrefinanzierung 0 50 100 150 200 250 HSBC Deutsche Bank** Crédit Agricole UBS** Standard Chartered Credit Suisse** KBC Einlagenüberschuss* ausgewählter europäischer Banken 10 Mrd. EUR, 30. Juni 2012 Quellen: Unternehmensberichte, DB Research * Kundeneinlagen - Kredite an Kunden ** UBS & CS: Kredite insgesamt; DB: Einlagen insgesamt - Kredite insgesamt Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 18 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen auszuweiten. Es wäre nach den Vorstellungen der HLEG z.B. erlaubt, Mittelstandskredite und private Hypotheken mittels Interbankenkrediten zu refi- nanzieren, obwohl die Finanzkrise doch eindrucksvoll bewiesen hat, wie gefähr- lich ein auf kurzfristigen Kapitalmarktgeldern beruhendes Geschäftsmodell sein kann (die britische Retailbank Northern Rock war eines der drastischsten Bei- spiele). 4. Wahrscheinlichkeit von Staatshilfen für gescheiterte Banken Bislang hat sich unsere Analyse auf die zahlreichen Vorteile konzentriert, die Universalbanken sowohl im normalen operativen Geschäft als auch in Krisen- zeiten gegenüber Spezialbanken haben. Wir haben viele Gründe aufgeführt, warum (integrierte) Universalbanken unter dem Strich gleichermaßen vorteilhaft für ihre Kunden wie für die Finanzstabilität sein dürften. Was passiert jedoch, wenn eine Bank trotz aller präventiven Maßnahmen in eine schwere Krise stürzt, die ihre Existenz bedroht? Wäre es für eine Regierung nicht einfacher, eine reine Investmentbank fallen zu lassen als eine Universalbank mit einer großen Zahl kleiner Privat- und Firmenkunden? Würde folglich nicht ein Ban- kensystem mit voneinander getrennten Geschäftsbanken auf der einen und Investmentbanken auf der anderen Seite ein geringeres Risiko für die Steuer- zahler darstellen? Staatliche Hilfe ließe sich für Investmentbanken ausdrücklich und im Voraus ausschließen, ebenso wie für separat organisierte Investment- bankaktivitäten innerhalb einer Universalbank-Holdingstruktur, mit einer Ab- schirmung derjenigen Teile, die „der Realwirtschaft dienen“. Auf den ersten Blick sieht dies nach einer überzeugenden Argumentation aus. Wenn überhaupt, müssten die Steuerzahler dann nur noch Hilfen für diejenigen Bereiche des Finanzsystems aufbringen, die angeblich tatsächlich der Wirt- schaft nützen, den kleinen und mittleren Unternehmen sowie Haushalten. Fi- nanzinstitute, die in einer „Parallelwelt“ und nur von „spekulativen Geschäften“ leben, könnten im Fall der Fälle abgewickelt werden, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten. Diese vereinfachte Sicht hat jedoch mit der Wirklichkeit wenig zu tun: 1. Die moderne Finanzwelt unterscheidet nicht streng zwischen traditionellem, bilanzbasiertem Bankgeschäft und dem Investmentbanking. Die beiden Be- reiche sind über die letzten Jahrzehnte bemerkenswert zusammengewach- sen, und es gibt heute praktisch keine einzige Geschäftsbank mehr, die ih- ren Kunden nicht wenigstens einige kapitalmarktbezogene Dienstleistungen anbieten würde. Für die Unternehmen ist beispielsweise die Finanzierung über den Kapitalmarkt in den letzten Jahren immer wichtiger geworden – und dieser Trend dürfte sich in Zukunft fortsetzen, da die Wachstumsaus- sichten bei klassischen Bankkrediten aufgrund der neuen Regulierung dürf- tig sind. Gleichzeitig hängt ein gewichtiger Teil der traditionellen Kreditver- gabe durch Banken heutzutage von einem entsprechenden Zugang zu den Kapitalmärkten ab: Selbst Banken, die ausschließlich im Privatkundenge- schäft aktiv sind, sind mittlerweile auf Möglichkeiten angewiesen, um sich z.B. mittels Swaps gegen Zinsänderungsrisiken abzusichern. Ebenso müs- sen sie sich wenigstens teilweise gegen Verluste absichern und Portfolio- Konzentrationen abbauen können – durch Kreditverbriefungen oder den Kauf von Kreditausfallversicherungen – sowie hinterlegte Sicherheiten für die eigene Refinanzierung am Kapitalmarkt oder über die Notenbank ver- wenden. Ein Wegfall dieser engen Verbindung zwischen der Bilanz einer Bank und offenen, leicht zugänglichen Finanzmärkten würde die Kreditver- gabekapazität der Bankenbranche massiv einschränken. 2. Eine erzwungene Aufspaltung von Universalbanken würde nicht nur die verfügbaren Kreditmittel für Unternehmen verringern (und verteuern). Die Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 19 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen Unterscheidung zwischen den „guten“ und den „schlechten“ Teilen des Bankensystems wäre auch enorm schwierig – und die Ergebnisse angreif- bar. Das Ausmaß des Problems zeigt sich in den zwei Fällen, in denen sich die Gesetzgeber bereits mehr oder weniger für einen derartigen Schritt ent- schieden haben: bei der Umsetzung der Empfehlungen der Vickers- Kommission in Großbritannien und der Volcker-Regel in den USA. 28 Die US-Behörden, die damit beauftragt sind, konkrete Vorgaben zu entwickeln, wie sich Finanzinstitute an Volcker zu halten haben, erhielten aus der Bran- che ganze 17.000 Rückmeldungen zu ihrem 300-seitigen Vorschlag (der mehr als 1.400 Fragen umfasst). Darin wurden sehr viele verschiedene Themen und Probleme aufgeführt, die noch geklärt werden müssen. In Großbritannien wird sehr wenigen Geschäftsfeldern ein fester Platz inner- bzw. außerhalb des Zauns zugewiesen, so dass bei der Mehrzahl der Akti- vitäten jede Bank entsprechend ihrer angestrebten Struktur für sich ent- scheidet, wo sie sie ansiedelt. 29 3. Es ist offensichtlich, dass eine solche Beliebigkeit viel Spielraum schafft und bei manchen Bankdienstleistungen, die außerhalb des Zauns bleiben, mög- licherweise zu deutlich anderen Kosten und damit Preisen führt. Grundsätz- lich würde eine Aufspaltung angesichts der vielfältigen Vorteile des Univer- salbankmodells für alle Geschäftsbereiche wahrscheinlich die Effizienz und Profitabilität sowohl der klassischen Bankgeschäfte als auch des Invest- mentbankings vermindern. Allerdings haben die Entscheidungsträger stets betont, dass sie die Bereiche innerhalb des Zauns als unerlässlich für eine funktionierende Volkswirtschaft insgesamt ansehen, man sich bei den Akti- vitäten außerhalb aber nicht einmischen und sie notfalls abwickeln werde. Ein solches Vorgehen hätte einerseits mit Sicherheit weit schlechtere Kre- ditratings für die „ungeschützte“ Einheit zur Folge. Andererseits könnte durchaus der Eindruck entstehen, die Geschäfte innerhalb des Zauns ge- nössen de facto eine explizite Staatsgarantie – was den Verlust der Vorteile aus dem integrierten Universalbankmodell vermutlich mehr als aufwiegen würde: Die Konsequenz wären künstlich niedrige Refinanzierungskosten (womit es möglich würde, in diesem Bereich übermäßige Risiken einzuge- hen). 4. Darüber hinaus ist es allen öffentlichen Beteuerungen zum Trotz längst nicht sicher, dass die öffentliche Hand einer taumelnden reinen Investment- bank im Ernstfall wirklich jede Hilfe verweigern würde. Das gilt insbesondere in einer systemischen Finanzkrise wie der von 2008/09. Politisch en vogue oder nicht, ist das Investmentbanking – vor allem solche Geschäfte, die wie der Wertpapierhandel (im Kundenauftrag), das Market-Making, das Einge- hen von Risiken im Derivategeschäft und die Durchführung von Kapital- emissionen auf einer starken Bilanz beruhen – ein unverzichtbarer, integra- ler Bestandteil eines funktionierenden, diversifizierten Finanzsystems in modernen Volkswirtschaften. 30 In einer Systemkrise, die definitionsgemäß weite Bereiche des Finanzsystems zur selben Zeit erfasst, wird es daher immer eine Ermessensentscheidung bleiben, ob eine „Wertpapierbank“ wie von der HLEG vorgesehen tatsächlich abgewickelt wird, selbst wenn wirk- same Restrukturierungsverfahren existieren. Zudem ist auch eine Einbezie- hung der Gläubiger, ein sogenannter Bail-in, in einer solchen Krise wesent- lich problematischer als in „normalen“ Zeiten. 28 Ähnliche Probleme würden sich aus den Empfehlungen der HLEG ergeben, etwa bei der Definiti- on der „Absicherungsdienstleistungen für Nicht-Bank-Kunden“, die von der generellen Vorschrift ausgenommen sein sollen, dass keine Derivatetransaktionen in der Einlagenbank stattfinden dür- fen. 29 Deutsche-Bank-Analysten schätzen z.B., dass die RBS zwischen 27% und 82% ihres Kredit- buchs innerhalb des Zauns stellen könnte (vgl. auch Deutsche Bank (2012b)). 30 Vgl. auch ZEW (2012). Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 20 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen 5. Des Weiteren können die von einer insolventen Investmentbank ausgehen- den Ansteckungseffekte größer als bei anderen Banken sein, denn Invest- mentbanken sind üblicherweise stärker mit anderen Finanzinstituten ver- netzt (obwohl neue Regulierungen darauf abzielen, das Ausmaß der Ver- flechtung zu reduzieren). 31 Es ist deswegen nicht unwahrscheinlich, dass ein in einer Existenzkrise steckendes systemisch relevantes Institut trotz- dem staatliche Unterstützung der einen oder anderen Art erhielte – selbst wenn diese Bank kein Privat- und Firmenkundengeschäft hätte. Hier wirkt u.a. die Erfahrung mit Lehman Brothers 2008 nach, wo die Verweigerung jeglicher Hilfe katastrophale Folgen hatte. Aus Sicht der einheimischen Steuerzahler würde eine Abtrennung der Handelsbereiche von der Einla- genbank – und das Verbot, sich gegenseitig zu unterstützen – die Risiken höchstwahrscheinlich eher erhöhen als verringern. Unter dem Strich ist es mehr als alles andere eine politische Entscheidung – und eine, die von der konkreten Situation abhängt – ob einer in Schwie- rigkeiten steckenden Bank geholfen wird. Bei einer Universalbank dürfte die Wahrscheinlichkeit größer sein als bei einer reinen Investmentbank, und bei einer reinen Geschäftsbank nochmals größer. Doch das Ergebnis hängt ganz sicher nicht nur vom Geschäftsmodell der Bank ab, sondern auch von ihrer Größe und Bedeutung, dem Zustand der Finanzmärkte und der Volks- wirtschaft insgesamt, sowie von der politischen Stimmung zu jenem Zeit- punkt. Die Behauptung, man werde alle kriselnden Investmentbanken einfach untergehen lassen, dürfte sich daher in der Praxis als (Selbst-) Täuschung erweisen. 6. Vor diesem Hintergrund wird zweifellos klar, wie wichtig es ist, durchdachte Restrukturierungs- und Abwicklungsmechanismen festzulegen. Das heißt allerdings nicht, dass eine Finanzkrise niemanden schädigen würde – die Investoren müssten immer noch die Verluste tragen, nur sollten es eine viel größere Gruppe von Anlegern und viel kleinere individuelle Schäden sein. Ein funktionierendes, effizientes Abwicklungsregime würde viel von dem Druck von einer Regierung nehmen, möglicherweise wieder in letzter Not als Investor einspringen zu müssen. Vernünftig konzipierte Abwicklungsre- geln sollten dann auch gleichermaßen für Geschäfts-, Universal- und In- vestmentbanken gelten, mitsamt denselben vorher festgelegten Mechanis- men und Regeln für die Verlustverteilung. Ein solcher Rechtsrahmen würde mit Sicherheit erheblich mehr dazu beitragen, die Finanzstabilität zu ver- bessern und die Kosten für die Allgemeinheit zu senken, als jeder willkürli- che Versuch, „wertvolle“ von „gefährlichen“ Finanzaktivitäten abzugrenzen. Die in Deutschland und Großbritannien bereits verabschiedeten Restruktu- rierungsgesetze für Banken sind in diesem Zusammenhang ebenso wie der vorgelegte Entwurf einer entsprechenden EU-Richtlinie sinnvolle Schritte in die richtige Richtung. 7. Wie in der Medizin ist jedoch Vorbeugen normalerweise besser (und billiger) als eine spätere Behandlung. Statt wankende Banken abwickeln zu müs- sen, sollte von vornherein höheren Kapitalanforderungen der Vorzug gege- ben werden. Und für den Fall, dass die von großen Banken möglicherweise ausgehenden Risiken höher als die von kleineren Instituten eingeschätzt werden, dürfte ein zusätzlicher Puffer für „systemisch bedeutende Banken“ die richtige Antwort sein. Die Verlustabsorptionskapazität der Banken – unabhängig von der Art der Bank – zu vergrößern und die Wahrscheinlich- keit eines Scheiterns überhaupt zu verringern würde tatsächlich helfen, ein potenzielles Problem für die Finanzstabilität zu beheben – ganz im Gegen- satz zu einer erzwungenen Aufspaltung von Universalbanken aufgrund von 31 Es ließe sich sogar argumentieren, dass der Grad der Verflechtung der verbleibenden Invest- mentbanken mit dem übrigen Finanzsystem durch eine von der Regulierung ausgelöste Konsoli- dierung wahrscheinlich eher noch zu- statt abnehmen würde. Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 21 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen fehlerhaften Annahmen über die mit ihnen verbundenen Risiken. Im Ver- gleich dazu ist der SIFI-Puffer von Basel III (obwohl sicherlich nicht perfekt) eine zielgerichtete und vernünftige Maßnahme. 5. Fazit Ein Universalbankensystem dürfte im Wesentlichen aus zweierlei Gründen ei- nem Trennbankensystem vorzuziehen sein: i) es erhöht die Finanzstabilität und ii) es bringt für seine Kunden bessere Dienstleistungen hervor. Zur Finanzstabilität: Bei der Abwägung, ob das Trenn- oder das Universalban- kensystem überlegen ist, sollten sich die Entscheidungsträger zwei einfache, aber entscheidende Fragen stellen: 1. Hätte ein Trennbankensystem die jüngste Finanzkrise (oder auch die immer noch andauernde Schuldenkrise) verhindert? 2. Würde ein Trennbankensystem zukünftige Finanzkrisen verhindern? Angesichts der obigen Analyse lautet die Antwort auf beide Fragen ziemlich eindeutig „höchstwahrscheinlich nicht“. Finanzkrisen hat es von Zeit zu Zeit immer wieder gegeben und meistens betrafen sie klassische Geschäftsbanken, die in die Krise gerieten, nachdem sie während einer vorangegangenen Kredit- blase zu schnell und zu stark gewachsen waren. Die allen Finanzkrisen zugrundeliegende Ursache – Vermögenspreisblasen, die früher oder später platzen – haben mit der Struktur des Bankensystems rein gar nichts zu tun. Die Finanz- und Schuldenkrise beweist das klar und deutlich: Sie begann sowohl in Ländern mit reinen Investmentbanken (wie den USA, wo der Zusammenbruch einer großen Spezialbank – Lehman Brothers – den globalen Absturz auslöste) als auch in Ländern mit großen Universalbanken (wie Großbritannien) und in solchen, in denen es praktisch nur Geschäftsbanken gab (wie Spanien). Für das Abschneiden eines einzelnen Instituts war die Qualität seines Managements viel wichtiger als die Art der Bank. Dennoch ist es bezeichnend, dass das Aufgehen schwächerer Investmentbanken in stärkeren Universalbanken einer der wichtig- sten Schritte zur Bewältigung der Krise 2008/09 in den USA war. Denn auch wenn die Existenz von Universalbanken allein noch keine Finanzstabilität garan- tieren kann, so ist sie doch ein bedeutender, nützlicher Bestandteil eines wider- standsfähigen Bankensystems, das den Bedürfnissen seiner Kunden und der Volkswirtschaft insgesamt effizient dienen kann. Zu den Vorteilen für die Kunden: Universalbanken machen es ihnen nicht nur einfacher und können Finanzierungslösungen effektiver als Spezialbanken ge- nau auf die Bedürfnisse ihrer Kunden zuschneiden. Sie sind auch in der Lage, mehr Kredit zu vergeben, indem sie überschüssige Einlagen direkt an Kredit- nehmer weiterleiten, und das zu geringeren Kosten. Es lässt sich quantitativ belegen, dass das Verhalten von Universalbanken im Geschäft mit Kapital- emissionen ein glaubwürdigeres Signal für andere Investoren darstellt und da- durch gleichzeitig die Finanzierungskosten für ihre Kunden sinken. Am stärksten dürften sich die Vorteile von Universalbanken für größere und international orientierte Unternehmen sowie für institutionelle Investoren bemerkbar machen. Sofern sie sich vor allem um Fragen der Bankenstruktur kümmern, besteht nicht zuletzt die Gefahr, dass sich Politiker, Regulierer und Aufseher von den wirklich wichtigen Veränderungen ablenken lassen, die ganz erheblich zu einem besse- ren und stabileren Finanzsystem beitragen würden, das trotzdem seiner Aufga- be nachkommen kann, die Realwirtschaft zu unterstützen. Dabei spielen drei Maßnahmen eine zentrale Rolle, bei deren Umsetzung es einige Fortschritte gegeben hat, aber eindeutig noch weiterer Handlungsbedarf besteht: i) die Er- höhung der Verlustabsorptionskapazität des Bankensektors, ii) die Einführung funktionierender Restrukturierungs- und Abwicklungsregime und iii) die Einrich- Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 22 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen tung einer effektiven makro-prudenziellen (d.h. systemweiten) Finanzaufsicht, in Ergänzung zur mikro-prudenziellen Aufsicht. Dass im Finanzsystem immer wieder Verluste anfallen, liegt in seiner Natur. Es ist jedoch Aufgabe der Entscheidungsträger, zu verhindern, dass sie die übrige Volkswirtschaft möglicherweise mitbelasten. Umfangreiche staatliche Rettungsmaßnahmen wie in der Finanzkrise 2007-09 müssen selbstverständlich vermieden werden. Dafür sollten erstens die Banken verpflichtet werden, we- sentlich größere Eigenkapital- und Liquiditätspuffer als vor der Krise vorzuhal- ten. Basel III ist daher ein wichtiger Schritt. Um allerdings wirklich wirksam zu sein, ist eine zügige Umsetzung und Anwendung auf breiter Basis nötig – über alle Arten von Banken und internationale Grenzen hinweg. Zum Zweiten muss für den Fall, dass Banken ins Straucheln geraten, entschlossen an der Einfüh- rung glaubwürdiger und vernünftiger Mechanismen für eine Gläubigerbeteili- gung („Bail-in“) gearbeitet werden. Auf diesem Gebiet sind die Vorschläge für neue Regulierungen jedoch noch längst nicht so weit gediehen („Bankentesta- mente“ sind für sich genommen nicht ausreichend). Drittens muss die Finanz- aufsicht zukünftig genauer auf langfristige Entwicklungen auf den Finanzmärk- ten insgesamt achten, um das eventuell riskante Entstehen von Vermögens- preisblasen zu erkennen (und in aller gebotenen Sorgfalt darauf zu reagieren). Oft scheinen diese Blasen aus Sicht einzelner Finanzinstitute sogar Vorteile mit sich zu bringen; in der Regel erweisen sie sich jedoch als nicht nachhaltig und verursachen heftige Verwerfungen, wenn sie sich plötzlich wieder zurückbilden. In all diesen Punkten, die in der Tat von entscheidender Bedeutung für die Zu- kunft des europäischen (und globalen) Bankensystems sind, gibt es noch viel zu tun. Umso gefährlicher wäre es daher, weitere Schritte in die falsche Richtung einer Aufspaltung von Universalbanken zu unternehmen. Universalbanken brin- gen eine ganze Reihe von Vorteilen für ihre Kunden, die Finanzstabilität und damit die Gesellschaft insgesamt, und es sollte ihnen auf jeden Fall erlaubt sein, dies auch weiterhin zu tun. Jan Schildbach (+49 69 910-31717, jan.schildbach@db.com) Universalbanken: gut für Kunden und Finanzstabilität 23 | 19. Dezember 2012 Aktuelle Themen Literatur Altunbas, Yener, Simone Manganelli und David Marques-Ibanez (2011). Bank risk during the financial crisis: Do business models matter? EZB Working Paper 1394. Ang, James S. und Terry Richardson (1994). 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