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6. Juli 2011
Die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie durchlebte in den letzten Jahrzehnten einen dramatischen Strukturwandel. Der Wettbewerbsdruck führte auf der einen Seite zu Fertigungsrückgängen im Inland und Produktionsverlagerungen ins Ausland gerade bei arbeitsintensiven Erzeugnissen. Auf der anderen Seite konzentrierten sich die Unternehmen stärker auf technisch anspruchsvolle Textilien, innovative Produkte und starke Marken und richteten sich internationaler aus. Im Bereich der technischen Textilien sind deutsche Unternehmen weltweit führend. Eine weitere Liberalisierung des Welthandels mit Textilien und Bekleidung würde die Absatzchancen deutscher Unternehmen in den globalen Wachstumsmärkten erhöhen. [mehr]
Textil-/Bekleidungsindustrie: Innovationen und Internationalisierung als Erfolgsfaktoren Themen international Aktuelle Themen 519 Autor Eric Heymann +49 69 910-31730 eric.heymann@db.com Editor Tobias Just Publikationsassistenz Sabine Berger Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland Internet: www.dbresearch.de E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 DB Research Management Thomas Mayer In den letzten Jahrzehnten durchlebte die deutsche Textil - und Bekleidungsindustrie einen anhaltenden Strukturwandel. Er war durch Produktionsrückgänge im Inland und Offshoring geprägt. Gleichzeitig konzentrie r- ten sich die Unternehmen stärker auf technisch anspruchsvolle Textilien, innovat i- ve Produkte und starke Marken und richteten sich internationa ler au s. Deutsche Unternehmen sind im Segment der technischen Textilien weltweit führend. Ihr globaler Marktanteil liegt bei rd. 45% . Die Nachfrage nach technischen Textilien wird durch langfristig intakt e und global wirksame Trends stimuliert. Dazu zählen die s teigende Bevölkerungs zahl, höhere verfügbare Ei n- kommen sowie die zuneh mende Industrialisierung gerade in den aufstrebenden Ländern der Erde , wach sende Mobilitätsbedürfnisse , der Trend zu mehr Umwel t- schutz und Energieeffizienz oder steigende Gesundheitsausg aben. Die Produktion technischer Textilien in Deutschland ist seit Mitte der 1990er Jahre real um 40% gewachsen. Die enge Verzahnung mit Textilfo r- schungsinstituten ist dabei ein Vorteil. Die hiesige Fertigung wird ferner dadurch begünstigt, dass viele Abnehmerbranchen ebenfalls in Deutschland produzieren und dass die deutsche Industrie besonders gut industrielle Sparten für komplexe Produktlösungen integrieren kann . Die Liberalisierung des Handels mit Textilien und Bekleid ung schreitet voran, aber nur langsam. Für die d eutsche n Textil - und Bekle i- dungsunternehmen ist mehr Freihandel von essentieller Bedeu tung , damit sie sowohl mit ihren starken Marken aus den konsumnahen Sparten als auch mit den innovativen technischen Texti lien neue Wachstumsmärkte erobern kann. Der problematische Zugang zu Textilrohstoffen sowie deren steigende Preise sind aktuell eine Herausforderung für die Branche. Mittel - bis längerfristig müssen die Unternehmen noch aktiver um Fachkräfte werben , um im Segment der technischen Textilien auch künftig die gute Markposition behaupten zu können . 6. Juli 2011 Textil - /Bekleidungsindustrie: Innovationen und Internationalisierung als Erfolgsfaktoren 70 80 90 100 110 120 130 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 Technische Textilien Vliesstoff u. Erzeugnisse daraus Textilindustrie ges. Technische Textilien* wachsen gegen den Trend Produktionsindex Deutschland, saisonbereinigt und geglättet, 2005=100 * Nach Abgrenzung des Gesamtverbandes der deutschen Textil - und Modeindustrie zählt Vliesstoff ebenfalls zu den technischen Textilien. Quelle: Statistisches Bundesamt Aktuelle Themen 519 2 6. Juli 2011 1. Einleitung Die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie durchlebte in den vergangenen Jahrzehnten einen heftigen Strukturwandel, der ge- prägt war durch Produktionsrückgänge im Inland, Produktionsverla- gerungen in das lohnkostengünstigere Ausland (Offshoring), anhal- tend intensiven Wettbewerb sowie durch eine Schwerpunktver- schiebung zu höherwertigen, technisch anspruchsvollen Textilien in der heimischen Produktion. Die Unternehmen haben den Struktur- wandel offensiv als Herausforderung angenommen und sind ihm u.a. durch eine Internationalisierung sowie eine Fokussierung auf innovative Produkte und starke Marken begegnet; dadurch haben sie sich neue Kundengruppen und Absatzmärkte erschlossen. Die Branche bewegt sich noch immer im Spannungsfeld der traditi- onellen Sparten, die durch harten internationalen Wettbewerb ge- prägt sind, und der Innovationsführerschaft in den jungen und deut- lich wachsenden Sparten der technischen Textilien. In diesem Bericht skizzieren wir im anschließenden 2. Kapitel den Strukturwandel in der Branche sowie dessen Bedeutung für den Standort Deutschland. Im 3. Kapitel stehen die innovativen, techni- schen Textilien im Mittelpunkt, bei denen deutsche Unternehmen international führend sind. Dabei untersuchen wir die Treiber für eine steigende Nachfrage nach technischen Textilien und geben anschauliche Anwendungsbeispiele. Da es für deutsche Textil- und Bekleidungsunternehmen von essentieller Bedeutung ist, sowohl mit ihren starken Marken aus den konsumnahen Sparten als auch mit den innovativen technischen Textilien neue Wachstumsmärkte er- obern zu können, analysieren wir im 4. Kapitel die wichtigsten ge- genwärtigen handelspolitischen Aspekte. Abschließend gehen wir auf weitere aktuelle Herausforderungen der Branche ein. 2. Textil- und Bekleidungsindustrie im Strukturwandel Der Strukturwandel der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie wurde durch die globalen Realitäten in der Branche angetrieben, die u.a. durch einen scharfen Wettbewerb sowie durch die hohe Bedeu- tung der Lohnkosten vor allem in der Bekleidungsindustrie geprägt ist. Im Zuge dieses Strukturwandels hat sich die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie internationaler und flexibler aufgestellt und sich auf qualitativ hochwertige und innovative Erzeugnisse ausge- richtet. Vor allem im Bereich der so genannten technischen Textilien, die mit einer hohen Forschungsintensität verbunden sind, hat die Branche international die Führungsrolle eingenommen. Der Strukturwandel lässt sich mit Zahlen verdeutlichen: So ist die Produktion der Textil- und Bekleidungsindustrie in Deutschland zwi- schen 1991 und 2010 preisbereinigt um annähernd 70% gesunken. Dabei schnitt das Bekleidungsgewerbe mit einem Minus von 85% deutlich schlechter ab als die Textilindustrie (-50%). Für diesen Pro- duktionsrückgang sind in erster Linie strukturelle Gründe maßgeb- lich: Die Branche hatte schon sehr früh – lange vor der Wiederver- einigung – damit begonnen, Produktionsstätten ins Ausland zu ver- lagern; dies gilt insbesondere für das Bekleidungsgewerbe, in dem die Lohnkosten ein entscheidender Erfolgsfaktor sind. Im Laufe der Jahre folgten immer größere Teile der vorgelagerten Textilprodukti- on. Für viele Unternehmen war es eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens, die Fertigung in Deutschland zurückzufahren und statt- dessen Produktionsstätten im Ausland zu errichten oder ausländi- sche Unternehmen direkt zu beauftragen (passive Lohnveredelung). 0 100 200 300 400 500 600 05 06 07 08 09 10 11 Textilindustrie Bekleidungsindustrie Weniger Betriebe Anzahl der Betriebe in Deutschland Quelle: Statistisches Bundesamt 3 - 20 - 15 - 10 - 5 0 5 10 92 94 96 98 00 02 04 06 08 10 Erster Produktionsanstieg seit Wiedervereinigung Produktionsindex Textil - u. Bekleidungs - gewerbe in Deutschland, % gg. Vj. Quelle: Statistisches Bundesamt 1 0 20 40 60 80 05 06 07 08 09 10 11 Tausende Textilindustrie Bekleidungsindustrie Beschäftigung sinkt Quelle: Statistisches Bundesamt Beschäftigte in Deutschland, '000 2 Textil-/Bekleidungsindustrie 6. Juli 2011 3 Im Zuge des strukturellen Wandels ist auch die Zahl der Betriebe und Beschäftigten gesunken. Zwischen 1995 und 2005 lag der Rückgang jeweils bei knapp 50%. Von 2005 bis 2010 nahm die Zahl der Betriebe und der Beschäftigten um knapp ein Viertel weiter ab. 1 Auffällig ist dabei, dass die Insolvenzquote in der Branche nicht weit vom Durchschnitt der gesamten Industrie abweicht und in der Textil- industrie im Mittel der letzten Jahre sogar niedriger war. Daran er- kennt man, dass der Rückgang der Betriebsstätten in Deutschland nicht zwangsläufig gleichbedeutend ist mit einem wirtschaftlichen Ausscheiden von Unternehmen. Sie ist letztlich ein – für den Stand- ort Deutschland zwar schmerzliches, aber wohl unvermeidbares – Resultat der internationalen Ausrichtung. Ein Festhalten allein am Heimatstandort wäre für die meisten Unternehmen die weniger er- folgreiche Strategie gewesen. 2010 wurde zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung ein Produk- tionsplus (in Kombination beider Branchen) in Deutschland erzielt, als die Einbrüche von 2009 teilweise wieder ausgeglichen wurden; für 2011 halten wir ein leichtes Wachstum der Fertigung für möglich. Auslandsaktivitäten statistisch schlecht erfasst Der Prozess der Produktionsverlagerung ins Ausland ist weit voran- geschritten – gerade im Bekleidungssektor. Heute stammen weniger als 5% der im Inland verkauften Bekleidung aus heimischen Produk- tionsstätten. Im Inland werden vor allem noch qualitativ hochwertige Erzeugnisse oder Kleinserien produziert. Zudem sind übergeordnete Funktionen (Forschung und Entwicklung, Design, Marketing usw.) in stärkerem Maße hierzulande angesiedelt. Im kapitalintensiveren Textilsektor spielt die inländische Produktion eine größere Rolle. Wichtig sind dabei die forschungsintensiven technischen Textilien, auf die wir noch zu sprechen kommen. In dieser Sparte ist die inlän- dische Produktion seit Mitte der 1990er Jahre real um rd. 40% ge- stiegen – obwohl auch technische Textilien von der jüngsten Rezes- sion getroffen wurden (z.B. Lieferanten an die Automobilindustrie). Aufgrund der strukturellen Verlagerung von Fertigungsstätten ins Ausland ist die inländische Produktion als Konjunkturindikator für die Branche nicht geeignet. Etwas besser spiegeln die realen Umsätze den Konjunkturverlauf der Branche wider, da hier teilweise auch Re- Exporte von zuvor importierten Waren (teilweise aus eigener Pro- duktion im Ausland) berücksichtigt werden. Dabei fällt in der Beklei- dungsindustrie der Rückgang im langfristigen Vergleich (1991 bis 2010) mit einem Minus von „nur― 64% relativ zur Produktionsent- wicklung weniger schlecht aus. Ein Indikator für die große Bedeutung der Auslandsproduktion unter deutscher Federführung ist nicht verfügbar. Dabei beschäftigt die deutsche Textil- und Bekleidungsbranche im Ausland mehr als dop- pelt so viele Menschen wie im Inland; darin sind nicht die Arbeits- kräfte von jenen Betrieben enthalten, die lediglich im Auftrag deut- scher Unternehmen produzieren. Unter dem Strich dürfte die Aus- landsproduktion deutscher Unternehmen in den letzten Jahren ge- stiegen sein, wenngleich dies statistisch nicht eindeutig belegbar ist. Faktisch haben alle deutschen Bekleidungshersteller auch Produkti- onsstätten im Ausland. Sie nutzen dadurch die niedrigen Standort- kosten vor Ort und sind zudem näher an den Wachstumsmärkten. Denn in den Entwicklungs- und Schwellenländern, die als Produkti- 1 Eine Umstellung der amtlichen Statistik zum Jahreswechsel 2005/06 erschwert eine Aussage zur Entwicklung der Zahl der Betriebe und Beschäftigten über den gesamten Zeitraum 1995 bis 2010; daher haben wir die Zeitspanne aufgeteilt. - 40 - 30 - 20 - 10 0 10 20 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 Textilindustrie Bekleidungsindustrie Rezession trifft Branche hart – 2010 Erholung Realer Umsatz, Deutschland, % gg. Vj. Quelle: Statistisches Bundesamt 6 0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0 1,2 1,4 1,6 03 04 05 06 07 08 Textilindustrie Bekleidungsindustrie Verarbeitendes Gewerbe Insolvenzquote in etwa im Durchschnitt Insolvenzquote* Deutschland, % * Verhältnis von eröffneten Insolvenzverfahren zu umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen. Quellen: Statistisches Bundesamt, DB Research 4 30 40 50 60 70 80 90 100 110 03 04 05 06 07 08 09 10 Textilindustrie Bekleidungsindustrie Verarbeitendes Gewerbe Rezession von 2009 treibt Insolvenzzahl Eröffnete Insolvenzverfahren in Deutschland, 2003=100 Quelle: Statistisches Bundesamt 5 Aktuelle Themen 519 4 6. Juli 2011 onsstandorte genutzt werden, ist der Nachholbedarf in der Bevölke- rung bei konsumnahen Produkten groß. Die Internationalisierungs- strategie ist also ein wirtschaftliches Gebot. Mittelfristige Perspektiven zweigeteilt – Wettbewerb intensiv Mittelfristig dürfte die Bekleidungsproduktion in Deutschland auf niedrigem Niveau weiter sinken. Auch die Zahl der Betriebe und Beschäftigten wird weiter zurückgehen; wegen des erreichten nied- rigen Niveaus sind dies freilich keine aussagekräftigen Indikatoren für die betriebswirtschaftliche Lage der Branche. In der Textilindust- rie könnte der in der Vergangenheit ebenfalls nach unten geneigte Trend gestoppt oder gar umgekehrt werden, weil der Anteil der technischen Textilien zulegen wird – vor allem, wenn wichtige Ab- nehmerbranchen von technischen Textilien ihre Standorte in Deutschland erhalten. In beiden Segmenten zeichnet sich die Bran- che zudem durch ausgesprochene Firmenkonjunkturen aus. Die Produktion deutscher Textil- und Bekleidungsunternehmen im Aus- land dürfte weiter steigen. Der Wettbewerb bleibt vor allem im Volumensegment sehr scharf, z.B. bei einfachen Bekleidungsstücken. So haben in Deutschland die Discounter in den letzten Jahren erhebliche Marktanteile am Bekleidungseinzelhandel gewonnen. Auch im Ausland sieht sich die Branche mit einem schärferen Wettbewerb konfrontiert, der mit der allmählichen Liberalisierung des Welthandels (siehe Kapitel 4) ein- hergeht. Durch besondere Produktqualitäten, innovative Nischen – gerade im Bereich der technischen Textilien – oder starke Marken kann der Preis- und Wettbewerbsdruck abgemildert werden. 3. Technische Textilien als Wachstumstreiber Die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie hat schon frühzeitig erkannt, dass Innovationen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten können, neue Wachstumspotenziale zu erschließen, den Kos- tendruck in der Branche abzumildern und Produktionsstätten auch in Deutschland langfristig erfolgreich zu betreiben. So liegt die Tex- til- und Bekleidungsindustrie in Deutschland gemessen am Umsatz- anteil durch Produktneuheiten mit gut 25% weit über dem Industrie- durchschnitt (siehe Grafik 9). Von besonderer Bedeutung sind dabei die technischen Textilien. Ihr Anteil am Umsatz der deutschen Tex- tilindustrie liegt nach Verbandsangaben bei über 50%; vor zehn Jahren war es laut Industrieverband Veredelung, Garne, Gewebe, Technische Textilien (IVGT) erst etwa ein Drittel. Im Ausland entfällt mit rd. 30 bis 35% derzeit ein geringerer Umsatzanteil auf techni- sche Textilien; in Entwicklungs- und Schwellenländern ist der Anteil noch deutlich niedriger. Technische Textilien sind eine klassische Querschnittstechnologie. Die Erzeugnisse kommen in vielen – zum Teil stark wachsenden – Wirtschaftszweigen zum Einsatz und opti- mieren dort die jeweiligen Produkteigenschaften. Produktion in Deutschland wettbewerbsfähig Die Fertigung technischer Textilien in Deutschland wird dadurch begünstigt, dass viele Abnehmerbranchen vor Ort produzieren und dass die deutsche Industrie besonders gut verschiedene industrielle Sparten für komplexe Produktlösungen integrieren kann; dieser branchenübergreifende Produktionsverbund ist ein strategischer Vorteil Deutschlands gegenüber anderen Standorten. Wie bereits erwähnt, nahm die inländische Fertigung von technischen Textilien in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre real um rd. 40% zu; bei Vliesstoffen, die nach Verbandsabgrenzung ebenfalls zu den tech- nischen Textilien zählen, lag der Zuwachs im gleichen Zeitraum gar - 25 - 20 - 15 - 10 - 5 0 5 10 15 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 Textilindustrie Bekleidungsindustrie Textilindustrie schneidet besser ab als Bekleidung Produktionsindex, Deutschland, % gg. Vj. Quellen: Statistisches Bundesamt, DB Research 7 - 20 - 10 0 10 20 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 Technische Textilien Vliesstoff und Erzeugnisse daraus Technische Textilien* sind Wachstumstreiber Produktionsindex technische Textilien in Deutschland, % gg. Vj. * Nach Abgrenzung des Gesamtverbandes der deutschen Textil - und Modeindustrie zählt Vliesstoff ebenfalls zu den technischen Textilien. Quelle: Statistisches Bundesamt 8 Textil-/Bekleidungsindustrie 6. Juli 2011 5 Schutz - und Arbeitsbekleidung b a- siert auf technischen Textilien Treiber für technische Textilien: Demografie, Mobilität, Umweltschutz, Energieeffizienz, Industrialisierung, Infrastruktur, Gesundheit bei 67%. Die Gefahr von „wirtschaftlich unvermeidbaren― Produkti- onsverlagerungen ins Ausland ist geringer als in anderen Sparten der Textil- und Bekleidungsindustrie. Gleichwohl ist die Branche mit eigenen Produktionskapazitäten im Ausland präsent. Der höhere Personalkostenanteil bei technischen Textilien liegt vor allem am überdurchschnittlichen Ingenieursanteil. Megatrends treiben Nachfrage nach technischen Textilien Eine Reihe von langfristig intakten und global wirksamen Trends hat bereits in der Vergangenheit die Nachfrage nach technischen Texti- lien stimuliert. Sie werden auch in den kommenden Jahren bestim- mende Treiber sein. Zu nennen sind die steigende Bevölkerungs- zahl sowie höhere verfügbare Einkommen gerade in den aufstrebenden Volkswirtschaften der Erde. Dies wird es den Men- schen ermöglichen, höherwertige Produkte zu kaufen, die auch faserbasierte Werkstoffe enthalten. Davon profitieren z.B. Hersteller von Sport- und Outdoorbekleidung, aber auch Markenhersteller außerhalb der technischen Textilien. Ferner führen die global wach- senden Mobilitätsbedürfnisse zu einer Mehrnachfrage nach techni- schen Textilien. Denn die Produkteigenschaften vieler Fahrzeuge werden durch technische Textilien hinsichtlich Effizienz, Gewicht, Sicherheit und Komfort verbessert; technische Textilien können etwa in der Automobilindustrie einen Beitrag leisten, die EU- Vorgaben zur Reduktion der spezifischen CO 2 -Emissionen zu erfül- len. Da technische Textilien auch in der Bauwirtschaft zum Einsatz kommen, kann die Sparte vom global steigenden Bedarf an Infra- struktur profitieren. Die Industrie als wichtiger Nachfrager techni- scher Textilien (z.B. Transportbänder, Filter, Planen) steckt in vielen Ländern noch in den Kinderschuhen; mit zunehmender Industriali- sierung legt dort die Nachfrage nach technischen Textilien zu. Der globale Trend zu mehr Umweltschutz und Energieeffizienz wirkt sich ebenfalls positiv auf die Nachfrage nach technischen Textilien aus, denn sie sind in diesen Bereichen vielseitig einsetzbar. Die EU möchte die Energieeffizienz der Volkswirtschaft bis 2020 um 20% erhöhen; Materialien auf textiler Basis können hierzu einen Teil bei- tragen. Global wachsen schließlich die Ausgaben des Gesundheits- sektors durch technischen Fortschritt, höhere Einkommen und den steigenden Anteil älterer Menschen um rd. 3% bis 4% pro Jahr. Hiervon werden technische Textilien wegen vielfältiger Einsatzge- biete im Medizinbereich profitieren. Vielfältige Einsatzmöglichkeiten Die Bandbreite möglicher Anwendungsgebiete für technische Texti- lien ist immens und wächst stetig. 2 Im Folgenden stellen wir einige Beispiele für den Einsatz technischer Textilien vor: — Bekleidung: Recht naheliegend ist der Einsatz von technischen Textilien in der Bekleidungsindustrie. Die auf technischen Textili- en basierenden Bekleidungsstücke schützen deren Träger vor äußeren Einflüssen (Temperaturschwankungen, giftigen Medien, mechanischen Einwirkungen, Strahlen usw.) oder helfen, die Körperfunktionen zu regulieren. Schutz- und Arbeitskleidung so- wie Sportbekleidung zählen zu den bekanntesten Anwendungs- gebieten. Hinzu kommen innovative Nischen wie Bekleidung mit integrierten elektronischen Bauteilen etwa zur Abgabe von Wär- me an den Körper, zur Nutzung von elektronischen Kleingeräten 2 Vgl. Forschungskuratorium Textil (2010). Textile Revolution. Im Abendkleid unterm Autohimmel. Berlin. Zudem: Forschungskuratorium Textil (2008). Textile Revoluti- on. Vom Nylonstrumpf zum Flugzeugrumpf. Berlin. 0 25 50 Fahrzeugbau Elektroindustrie Textil/Bekleidung Maschinenbau EDV/IT Chemie/Pharma Möbel/Spielw. u.a. Gummi/Kunststoff Baustoffe Metalle Holz/Papier Ernährung Innovationen wichtig Umsatzanteil von Branchen* mit Produkt - neuheiten**, Deutschland, %, 2009 * Branchenbezeichnung in der Grafik weicht teilweise von der Originalquelle ab. ** Produkte, die jünger als drei Jahre sind. Quelle: ZEW 9 Aktuelle Themen 519 6 6. Juli 2011 Technische Textilien machen Fah r- zeuge leichter, effizienter, sicherer und erhöhen den Komfort Vielfältige Einsatzmöglichkeiten für technische Textilien in der Bauwir t- schaft (z.B. MP3-Player, Handy) oder zur Überwachung von Körper- funktionen durch in die Kleidung eingearbeitete Sensoren. — Haus- und Heimtextilien: Beispiele für technische Funktionen sind etwa Stoffe für Markisen oder Vorhänge, die aufgrund spe- zieller Beschichtungen (z.B. mit Nanopartikeln) schmutz- oder wasserabweisend sind, über einen hohen Lichtschutzfaktor ver- fügen oder Wärmestrahlung reflektieren. Durch wärmeleitfähige und antibakterielle Textilfasern kann die Hygiene von Matratzen erhöht werden (z.B. Vermeidung von Hausmilben). Abstandsge- wirke – doppelflächige Textilien – erhöhen den Komfort von Mat- ratzen. Teppichböden können so bearbeitet werden, dass Schadstoffe in der Umgebungsluft (z.B. Nikotin) in gesundheitlich unbedenkliche Stoffe umgewandelt werden. Neueste Arbeiten befassen sich mit der Integration von aktiven Leuchteffekten. — Fahrzeugbau: Im Fahrzeugbau werden technische Textilien bei- spielsweise eingesetzt, um die Sicherheit und den Komfort der Fahrgäste zu erhöhen oder um den Energieverbrauch der Fahr- zeuge zu reduzieren. Bekannte Beispiele für technische Textilien in der Automobilindustrie sind der Airbag, Sicherheitsgurte, Sitz- bezüge oder Cabrio-Dächer; auch in Autoreifen werden Textilien verarbeitet. Zudem können leitfähige Textilien (statt Metalldräh- ten) bei Sitzheizungen im Auto verwendet werden; Abstandsge- wirke können bei Sitzbezügen zum Einsatz kommen und den thermoregulatorischen Komfort erhöhen. Kohlenstofffaserver- stärkte Kunststoffe (CFK) kommen aufgrund des geringen Ge- wichts bei gleichzeitig hoher Festigkeit und niedriger Anfälligkeit für Temperaturschwankungen im Flugzeugbau zum Einsatz. Sie tragen in dieser Branche entscheidend dazu bei, den Kraftstoff- verbrauch der Flugzeuge zu senken. So konnte das Gewicht des Airbus A 380 durch den Einsatz von CFK um rd. 25% gegenüber der herkömmlichen Bauweise gesenkt werden, was den niedri- gen Kerosinverbrauch des Flugzeugs ermöglicht. Im Automobil- bau gibt es ebenfalls Pläne, Karosserien auf CFK-Basis wegen dieser positiven Produkteigenschaften (vor allem geringeres Ge- wicht) auch im Volumensegment vermehrt einzusetzen. So redu- ziert eine Gewichtsreduktion eines Mittelklasseautos um 100 kg dessen Kraftstoffverbrauch um bis zu 0,3 Liter pro 100 km Fahr- leistung. Bei Fahrrädern ist CFK als Werkstoff ebenfalls im Kommen. Auch in der Schifffahrt können technische Textilien auf einen größeren Einsatz hoffen. So sollen künftig Zugsegel für zusätzlichen Antrieb bei Frachtschiffen sorgen. Ein in diesem Segment führendes deutsches Unternehmen stellt eine durch- schnittliche Kraftstoffersparnis von 10% bis 35% in Aussicht. — Bauwirtschaft: In der Bauwirtschaft sind sowohl funktionelle als auch optische Gründe für einen Einsatz von technischen Textili- en maßgeblich. So können durch textilbewehrten Beton (statt Stahl als Bewehrungsmaterial) größere Spannweiten etwa bei Brückenbauten bei gleichzeitiger geringerem Volumen und ge- ringer Anfälligkeit gegenüber Korrosion erreicht werden. Mittels nahtloser Textilschläuche können baufällige Kanäle renoviert werden. Geo-Textilien auf Basis natürlicher Materialien (z.B. Ju- te) sind sehr gut geeignet, um Böschungen oder Uferzonen zu befestigen. Membranen auf Textilbasis ermöglichen lichtdurch- lässige Bedachungen. Textile Fassadensysteme gewähren Ge- bäuden Sichtschutz von außen, ohne den Blick nach draußen oder den Lichteinfall zu beeinträchtigen. Dämmstoffe auf textiler Basis reduzieren den Energieverbrauch von Gebäuden. Textil-/Bekleidungsindustrie 6. Juli 2011 7 Enge Verzahnung von Wissenschaft und Industrie für deutschen Standort vorteilhaft Technische Textilien verbessern die Luft - und Wasserqualität und erh ö- hen die Effizienz der Wassernutzung Moderne Medizintechnik nutzt tec h- nische Textilien — Umweltwirtschaft: In der Umweltwirtschaft zählen verschiedene Filter auf textiler Basis zu den klassischen Anwendungen techni- scher Textilien. Weniger bekannt sind Unterflurbewässerungs- systeme, bei denen Vliesstoffe als Wasserspeicher und Wasser- verteiler dienen. So kann die Effizienz von Bewässerungssyste- men gegenüber herkömmlichen Verfahren (Beregnung) gestei- gert werden, was für Länder in trockenen Gebieten der Erde sehr interessant ist. Durch Netze aus Textilien kann zudem in trocke- nen, aber nebelreichen Regionen Wasser aus der Luft gewonnen werden. Textile Membranen werden für die Meerwasserentsal- zung eingesetzt. Die bereits angesprochenen Geo-Textilien sind für die Befestigung von Deponien sehr gut geeignet. — Energiewirtschaft: CFK oder glasfaserverstärkte Kunststoffe werden für den Bau von Rotorblättern für Windkraftanlagen ein- gesetzt (niedriges Gewicht und hohe Festigkeit). — Medizintechnik: In der Medizintechnik reicht das Einsatzgebiet technischer Textilien von antimikrobakteriellen OP-Textilien über Wundverbände, die nicht mehr gewechselt werden müssen und den Heilungsprozess bei bestimmten Verletzungen beschleuni- gen können, resorbierbare Garne zum Vernähen innerer Wun- den bis hin zu künstlichen Implantaten auf textiler Basis (z.B. Ge- fäßstützen für Blutgefäße oder Netze zur Behandlung von Leis- tenbrüchen). Bekleidung auf Basis antimikrobakterieller Textilien kann auch zur Linderung von Neurodermitis verwendet werden. Produktpipeline ist gut gefüllt – Kosten müssen sinken Die Beispiele spiegeln nur einen Ausschnitt der Anwendungsgebiete für technische Textilien wider. Stetig kommen innovative Erzeugnis- se auf den Markt. In Deutschland gibt es insgesamt 16 Textilfor- schungsinstitute, die zu einem großen Teil an Universitäten ange- schlossen sind oder mit diesen kooperieren. Die im Verbandsnetz- werk organisierten Forschungsinstitute sind eng mit der Industrie verzahnt. Durch diese Form von Public Private Partnership soll ge- währleistet werden, dass die Produktpipeline auch künftig gut gefüllt bleibt und dass der Vorsprung deutscher Unternehmen vor der aus- ländischen Konkurrenz bei den technischen Textilien erhalten bleibt. Die oben genannten langfristigen Trends dürften dazu führen, dass die globale Nachfrage nach technischen Textilien in den kommen- den Jahren um rd. 5% pro Jahr wächst. Enorme Chancen auf in- ternationaler Ebene resultieren daraus, dass die industriellen An- wendungsgebiete in vielen Schwellenländern künftig stark wachsen; so ist China bereits der größte Automarkt der Welt und verspricht auch in den nächsten Jahren weiteres Wachstum. Deutsche Unter- nehmen werden am globalen Wachstum der Nachfrage nach tech- nischen Textilien dank ihres Weltmarktanteils von derzeit rd. 45% merklich partizipieren. Gleichwohl werden technische Textilien auch in anderen Ländern mittelfristig weiter an Bedeutung gewinnen. Um also den Vorsprung vor der ausländischen Konkurrenz zu halten, ist es wichtig, dass auch in Zukunft ausreichend viele Nachwuchskräfte für diese forschungsintensive Sparte gewonnen werden können (vgl. Kapitel 5). Zudem dürfte künftig ein Teil der globalen Nachfrage auch aus Produktionsstätten vor Ort bedient werden. Es fällt schwer, die unterschiedlichen Wachstumspotenziale und absoluten Absatzmöglichkeiten einzelner Teilsegmente der techni- schen Textilien abzuschätzen. Mengenmäßig dürften Anwendungen im Bereich Mobilität/Verkehr, Industrie und Geotextilien zu den füh- renden Sparten zählen. Gemessen an den Wachstumsaussichten 0 10 20 30 NL FR DE GB IT ES CZ HU PL RO Große Differenz zwischen West - und Osteuropa Quelle: Gesamtverband der deutschen Textil - und Modeindustrie Arbeitskosten in der Textilindustrie, EUR pro Stunde, 2008 10 34 30,7 3,7 3,6 3,4 24,6 CN EU* TR IN BD Sonstige China und EU vorne * Inklusive Intra - EU - Exporte. Der Anteil der Extra - EU - Exporte der EU beträgt nur 6,9%. Quelle: WTO Anteile an globalen wertmäßigen Bekleidungsexporten, %, 2009 11 Aktuelle Themen 519 8 6. Juli 2011 Ende des Quotensystems begünstigt Produktionsstandort China Kern des Multifaserabkommens und des Welttextilabkommens war ein Quotensystem, das die Importe einzelner Länder von Textilien und Bekleidung aus anderen Staaten (und damit deren Exporte) mengenmäßig begren z- te. Es zielte vor allem darauf ab, die Textil - und Bekleidu ngsproduktion in Hochlohnlä n- dern (EU und USA) vor der günstigeren Ko n- kurrenz aus Entwicklungs - und Schwellenlä n- dern (vornehmlich aus China) zu schützen. Der Schutzeffekt blieb allerdings begrenzt, denn durch die Importquoten gegenüber großen Erzeugerländer n (z.B. China) entw i- ckelte sich „im Schutz der Quote― in vielen kleineren Staaten eine Textil - und Bekle i- dungsindustrie, die von der Quotenregelung nicht betroffen war oder ihre Quote nicht ausschöpfte. Zudem haben einige Textil - und Bekleidungsunternehmen gerade aus süde u- ropäischen Ländern aufgrund der künstlichen Importbeschränkungen die notwendigen Maßnahmen zur Steigerung der internation a- len Wettbewerbsfähigkeit nur unzureichend umgesetzt, obwohl das WTA als Übergang s- frist mit definiertem Ende auf dem W eg zu einem quotenfreien System konzipiert war. Nach Auslaufen des Welttextilabkommens Ende 2004 (im Handel zwischen der EU und China gab es für einige Produktbereiche noch eine Verlängerung der Quotenregelung bis 2009) konnte China seine Vormachtstellung im Handel mit Textilien und Bekleidung erwa r- tungsgemäß ausbauen, da das Land zuvor in seinen Exportaktivitäten am stärksten durch die Quoten beschränkt war. Nach Angaben der WTO hat China seinen Anteil an den globalen Exporten von Textilien von 17,2% im Ja hr 2004 auf 28,3% im Jahr 2009 gesteigert. Bei den Bekleidungsausfuhren gab es im gleichen Zeitraum einen Zuwachs von 24% auf 34%. Die EU - Importe von Textilien und Bekleidung aus China stiegen zwischen 2004 und 2009 jahresdurchschnittlich um nominal rd. 19 %. Marktanteile haben dagegen z.B. die EU (inklusive der osteuropäischen EU - Länder), die USA, Mexiko , die Türkei sowie einige sehr kleine Erzeugerländer verloren. Der große Vorteil Chinas liegt unter anderem darin, dass vor Ort die gesamte textile Wer t- schö pfungskette verfügbar ist , und dass die Unternehmen in der Lage sind, auch große Stückzahlen zu definierten Qualitäten zu produzieren. Zudem wird das Land durch das große Arbeitskräftepotenzial begünstigt. Alle r- dings hat sich bei den Lohnkosten die Wet t- bew erbsfähigkeit gegenüber Ländern wie Indien, Bangladesch oder Vietnam ve r- schlechtert, weil dort noch niedrigere Löhne gezahlt werden , und weil die industriellen Löhne in China aufgrund des anhaltenden Wirtschaftsbooms zwischen 2000 und 2010 um nominal gut 1 3% pro Jahr gestiegen sind. belegen die Bereiche Medizin/Gesundheit, Umwelt und Energieeffi- zienz sowie Architektur wohl die vorderen Plätze. Damit technische Textilien in ihren Anwendungsgebieten einen hö- heren Marktanteil erzielen, müssen der Bekanntheitsgrad faserba- sierter Werkstoffe und deren Zusatznutzen steigen. Eine noch enge- re und frühzeitige Zusammenarbeit zwischen Herstellern techni- scher Textilien und industriellen Kunden könnte dazu beitragen, dass bereits bei der Konzeption neuer Produkte textile Werkstoffe stärker berücksichtigt werden. Zudem müssen die Kosten techni- scher Textilien weiter sinken. Bislang sind technische Textilien häu- fig teurer als die Materialien, die sie ersetzen sollen (z.B. CFK im Vergleich zu Stahl oder Aluminium) oder der Aufpreis wird von vie- len Kunden als zu hoch im Verhältnis zum erkennbaren zusätzlichen Nutzen angesehen (z.B. Bekleidung auf Basis technischer Textilien verglichen mit traditionellen Materialien). Durch technischen Fort- schritt und Größenvorteile in der Produktion können die Stückkosten gesenkt werden. Zudem dürften die Preise vieler Konkurrenzmateri- alien in den nächsten Jahren weiter steigen oder hoch bleiben (z.B. Metallrohstoffe, Kunststoffe); dies würde dann die relativen Preise zu Gunsten der technischen Textilien verschieben. 4. Liberalisierung des Welthandels schreitet voran, aber nur langsam Die Textil- und Bekleidungsbranche ist stark globalisiert. Schon in den 1960er Jahren begannen Unternehmen aus Industrieländern damit, Fabriken in Ländern mit niedrigeren Lohnkosten aufzubauen oder Waren dort fertigen zu lassen (passive Lohnveredelung). Dies galt vor allem für die Bekleidungsindustrie. Im Laufe der Jahre folg- ten (arbeitsintensive) Teile der Textilproduktion. Später wurde die Notwendigkeit, den Abnehmerbranchen ins Ausland zu folgen, ein wichtiger Treiber für die Internationalisierung. In Europa waren es vor allem Unternehmen aus Deutschland, die u.a. aufgrund der ho- hen heimischen Löhne früh auf die Vorteile internationaler Arbeitstei- lung setzten, während Unternehmen aus Südeuropa inklusive der Türkei bis heute stärker heimische Produktionsstätten nutzen; letzt- lich führt diese unterschiedliche Strategie einzelner EU-Länder zu divergierenden Interessen in der EU-Handelspolitik (siehe unten). Quotensystem aufgehoben – EU-Zollniveau niedrig Trotz des frühzeitig einsetzenden Trends zur Globalisierung in der globalen Textil- und Bekleidungsindustrie war und ist der internatio- nale Handel in der Branche stark reglementiert. So galt bis Ende 2004 das Welttextilabkommen (WTA), welches das Multifaserab- kommen ablöste (siehe Textbox). 3 Beide begrenzten den globalen Handel mit Textilien und Bekleidung durch Quoten. Diese sind in- zwischen zwar abgeschafft. Dagegen gibt es bis heute eine Vielzahl von produkt- und länderspezifischen Einfuhrzöllen. Auf WTO-Ebene waren Verhandlungen im Rahmen der Doha-Runde, eine allgemei- ne Absenkung des Zollniveaus zu erreichen, bislang nicht von Erfolg gekrönt. Ein erfolgreicher Abschluss der Doha-Runde bis Ende 2011 gilt derzeit als unwahrscheinlich. 4 Auf bilateraler Ebene (z.B. in Freihandelsverhandlungen der EU mit Indien oder Südkorea) waren und sind niedrigere Zölle dagegen 3 Vgl. Heymann, Eric (2005). Nach Ende des Welttextilabkommens: China reift zur Schneiderei der Welt. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 310. Frankfurt am Main. 4 Vgl. Deutsch, Klaus (2011). Doha oder Dada: Die Welthandelsordnung am Schei- deweg. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 515. Frankfurt am Main. Textil-/Bekleidungsindustrie 6. Juli 2011 9 Bilaterale Handelsabkommen Ein aktuelles Beispiel für solche bilateralen Verhandlungen ist das bereits abgeschloss e- ne Freihandelsabkommen zwischen der EU und Südkorea, das nicht nur den T extil - und Bekleidungssektor um fasst. Es erleichtert durch den Wegfall fast aller Einfuhrzölle den Zugang zum südkoreanischen Markt und ist für die hiesige Branche von Bedeutung, da Südkorea ein wichtiger Beschaffungsmarkt z.B. für Chemiefasern ist. Das A bkommen enthält eine Regelung zur Zollrückerstattung beim Weiterexport von Produkten in Drittsta a- ten (duty drawback): Es ermöglicht beiden Handelspartnern, sich die beim Import von Vorprodukten gezahlten Einfuhrzölle von der Regierung erstatten zu lassen, wenn die fertigen Erzeugnisse in Drittstaaten weiterve r- kauft werden. Davon profitiert Südkorea eher als die EU - Staaten, da letztere viele Vorpr o- dukte aus dem eigenen Wirtschaftsraum ohnehin zollfrei beziehen können. Südkorea zählt aber in vielen Sparten de r Textil - un d Bekleidungsindustrie nicht zu den führenden Anbietern. Die Regelung trifft andere Bra n- chen und Unternehmen in der EU härter (z.B. die Automobilindustrie). Die laufenden bilateralen Verhand lungen zwischen der EU und Indi en, für die ein A b- schlu ss im Jahr 2012 erwartet wird, sind für Unternehmen aus der EU von großer Bede u- tung. Denn bei einem erfolgreichen Abschluss (mit einem Abbau von Zöllen und nicht - tarifären Handelshemmnissen) würde der Zugang zu einem stark wachsenden Ma s- senmarkt erleichter t. stets zentraler Gegenstand der Debatten. Für die preisliche Wett- bewerbsfähigkeit vieler EU-Unternehmen ist grundsätzlich proble- matisch, dass die EU gegenüber quasi allen Handelspartnern ein- seitig Einfuhrzollermäßigungen (Zollpräferenzen) gewährt, die in der Branche in der Regel zwischen 0% und 12% liegen. Dies hat auch entwicklungspolitische Gründe. Denn die EU möchte nicht den ei- genen Markt durch hohe Zölle vor Importen aus Entwicklungslän- dern abschotten. Durch dieses autonome Allgemeine Präferenzsys- tem der EU (APS) soll die wirtschaftliche Entwicklung der begünstig- ten Länder gestärkt werden. Ein Vorteil des APS liegt natürlich darin, dass europäische Unternehmen ihren Bedarf an Vorprodukten aus den betreffenden Ländern günstig decken können. Gleichwohl wer- den die Zollpräferenzen auch solchen Ländern gewährt, deren Tex- til- und Bekleidungsindustrie international wettbewerbsfähig ist, die aber gleichzeitig ihren Heimatmarkt durch hohe Zölle oder nicht- tarifäre Handelshemmnisse schützen (z.B. China, Indien, Pakistan). Ein problematischer Nebeneffekt ist dabei, dass die EU in etwaigen Verhandlungen mit jenen Staaten über eine Absenkung des Zollni- veaus nur wenig in die Waagschale werfen kann, da die eigenen Einfuhrzölle ja bereits niedrig sind; aktuelles Beispiel ist Indien. Ak- tuell wird in der EU daher über eine Reduktion der begünstigten Entwicklungsländer von 170 auf rd. 80 diskutiert. Weitere Liberalisierung würde deutsche Anbieter begünstigen Neben Zöllen erschweren nicht-tarifäre Handelshemmnisse den Handel mit Textilien und Bekleidung und vor allem deutschen und europäischen Unternehmen den Zutritt zu Drittmärkten. Ein grund- sätzliches Problem ist, dass nicht-tarifäre Handelshemmnisse weni- ger transparent und messbar sind als Zölle. Für deutsche Unter- nehmen wäre eine weitere Liberalisierung des globalen Textil- und Bekleidungshandels vorteilhaft, denn sie könnten ihre grenzüber- schreitenden Wertschöpfungsketten effizienter nutzen und vom bes- seren Marktzugang in den aufstrebenden Ländern profitieren. Die Nachfrage dürfte zum einen in den konsumnahen Sparten zulegen, da sich europäische Bekleidungsmarken weltweit großer Beliebtheit erfreuen und die Zahl der Menschen in Entwicklungs- und Schwel- lenländern wächst, die sich diese Bekleidung auch leisten können. Zum anderen wird auch der Bedarf an technischen Textilien steigen, denn in vielen Schwellenländern bilden neu entstehende Industrien die Basis für den Aufschwung. Von einer stärkeren Liberalisierung würden auch die Kunden vor Ort in Form niedrigerer Preise profitie- ren, denn die Zölle werden auf den Endproduktpreis umgelegt. Da auf WTO-Ebene die Fortschritte zur Liberalisierung des Welt- handels vorerst begrenzt bleiben, kommt den bilateralen Verhand- lungen zwischen der EU auch künftig eine große Bedeutung zu (siehe Textbox). Für deutsche und europäische Unternehmen ist dabei wichtig, dass Zölle und nicht-tarifäre Handelshemmnisse auf beiden Seiten und im gleichen Tempo abgebaut werden. 5 Neuordnung der präferentiellen Ursprungsregeln in Pan-Euro- Med-Zone steht an Von großer Bedeutung für deutsche Textil- und Bekleidungsunter- nehmen ist die Revision der Ursprungsregeln in der so genannten Pan-Euro-Med-Präferenzzone, die seit den 1960/70er Jahren nicht mehr überarbeitet worden sind und derzeit verhandelt werden (siehe Textbox). In dieser Frage gibt es innerhalb der europäischen Textil- 5 Vgl. Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie (2010). Textil + Modewelt 2010+11. Berlin. 29,5 28,3 4,7 4,3 4,3 28,9 EU* CN US KR IN Sonstige EU noch knapp vor China Anteile an globalen wertmäßigen Textil - exporten, %, 2009 * Inklusive Intra - EU - Exporte. Der Anteil der Extra - EU - Exporte der EU beträgt nur 8,9%. Quelle: WTO 12 Aktuelle Themen 519 10 6. Juli 2011 Neuordnung der Pan - Euro - Med - Zone und der präferen tiellen Ursprungsr e- geln Die Pan - Euro - Med - Zone umfasst die Länder der EU und der EFTA, die Türkei sowie die meisten Mittel meer anrainer im Nahen Osten und Nordafrika. Innerhalb dieser Zone gibt es ein Geflecht von bilateralen Präferenza b- kommen, d.h. es werden ni edrige Einfuhrzölle gewährt oder auf Zölle verzichtet. Das übe r- geordnete Ziel ist es, die Wettbewerbsfähi g- keit der Zone gegenüber Drittstaaten zu stä r- ken, indem diese Zollvergünstigungen (Präf e- renzen) untereiander gewährt werden. Die Zollve r günstigungen si nd an die Bedingung g e knüpft, dass bestimmte Ursprungsregeln eingehalten werden: So müssen definierte Be - und Verarbeitungsschritte (Listenregeln) innerhalb der Pan - Euro - Med - Zone erbracht werden (also dort ihren Ursprung haben), damit die Zollvergünstigung en gelten; man spricht dann auch davon, dass Präferenzu r- sprung ausgestellt wird. Derzeit müssen mindestens zwei Be - und Verarbeitungsschri t- te (z.B. Spinnen und Weben) innerhalb der Pan - Euro - Med - Zone erfolgen, damit der Präferenzursprung ausgestellt werden kann. Ein Beispiel verdeutlicht diese Wirkungsweise und die Vorteile für die beteiligten Partner: Deutschland und Ägypten gehören der Pan - Euro - Med - Zone an. Wenn ein deutsches Textilunternehmen Gewebe (mit Präferenzu r- sprung EU) an einen Bekleidungsherstelle r in Ägypten liefert, dann fallen weder bei der Einfuhr des Stoffes in Ägypten noch beim anschließenden Export der fertigen Bekle i- dung zurück in die EU Zölle an. Sowohl für das deutsche Textilunternehmen als auch für den ägyptischen Konfektionär lohnt sich dieses Vorgehen. Denn hätte der Konfektionär das Gewebe in den USA gekauft, wären Drittlandszölle angefallen, auch beim Weite r- export in die EU. Dadurch, dass im Handel zwischen beiden Ländern Präferenzen in Anspruch genommen werden können, steigt die prei sliche Wettbewerbsfähigkeit des deu t- schen Textilanbieters gegenüber der Konku r- renz aus Drittstaaten (keine Zölle) sowie die gesamte Wertschöpfung innerhalb der Pan - Euro - Med - Zone. Diese Präferenzabkommen sind vom Allg e- meinen Präferenzsystem der EU (APS) übr i- gens abzugrenzen. Zollvergünstigungen werden hier seitens der EU autonom gege n- über Entwicklungsländern gewährt, sofern der Präferenzursprung der Einfuhrwaren gegeben ist. Seit Anfang 2011 reichen die Begünst i- gungen gegenüber den am wenigsten entw i- ckelten Ländern (LDC) noch weiter. Hier reicht lediglich eine Herstellungsstufe in den LDC aus, um Zollpräferenzen in Anspruch nehmen zu können. Das führt dazu, dass etwa in Bangladesch konfektionierte Bekleidung zollfrei in die EU gelangt, selbst wenn das Gewebe aus China stammt. Im Zuge der Neuordnung sollen auch die Länder des Westbalkans vollständig in die Pan - Euro - Med - Zone integriert werden. und Bekleidungsindustrie unterschiedliche Positionen. So sind vor- wiegend südeuropäische Länder (inklusive Türkei) bestrebt, das bisherige System in seinen Grundprinzipien beizubehalten. Sie wol- len, dass weiterhin mindestens zwei (traditionelle) Be- und Verarbei- tungsschritte innerhalb der EU stattfinden müssen, damit Präferenz- ursprung ausgestellt werden kann. Deutschland und andere mittel- und nordeuropäische Länder plädieren dagegen dafür, dass das Regelwerk flexibler und moderner ausgestaltet wird und im Bedarfs- fall nur eine Stufe ausreichen soll, etwa wenn diese eine hohe Wert- schöpfung beinhaltet (z.B. Veredelung). Die unterschiedliche Positi- on ist u.a. darin begründet, dass die südeuropäischen Länder noch einen größeren Teil der textilen Wertschöpfungskette im Land haben (und diese schützen wollen), während etwa die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie mit ihren Produktionsstätten und Lieferketten regional schon sehr viel mehr diversifiziert ist. Ein weiterer Streitpunkt bezieht sich darauf, welche Be- und Verar- beitungsschritte für die Ursprungsregeln anerkannt werden sollten. Viele südeuropäische Länder sind hier abermals daran interessiert, den Status quo beizubehalten, in dem vor allem die klassischen Teile der Wertschöpfungskette berücksichtigt werden (z.B. das Spinnen und Weben). Deutschland dagegen ist aufgrund der höhe- ren Bedeutung der technischen Textilien daran interessiert, dass moderne Technologien (z.B. im Veredelungs- und Vliesstoffbereich) stärker berücksichtigt werden; als das aktuelle Ursprungsregelwerk in den 1960/70er geschaffen wurde, spielten diese Herstellungspro- zesse noch eine deutlich kleinere Rolle als heute. Daher plädiert die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie für eine Flexibilisierung dieser Regelung. 6 Die Branche beklagt zudem, dass bei der Anwen- dung der Ursprungsregeln sowie deren Kontrolle wettbewerbsver- zerrende Unterschiede zwischen Deutschland und vielen südeuro- päischen Ländern bestünden. Unter dem Strich wäre es für deutsche Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie von Vorteil, wenn die Neuordnung der präfe- rentiellen Ursprungsregeln in der Pan-Euro-Med-Zone zu einem liberaleren und flexibleren System führen würde. Das würde für die Branche die Freiheitsgrade im Einkauf erhöhen und die Wettbe- werbsfähigkeit beim Export hochwertiger Erzeugnisse steigern. Aus ordnungspolitischer Sicht und um Transaktionskosten zu verringern, wäre ein System, das auf Zölle und Präferenzregeln komplett ver- zichtet, dem bisherigen System natürlich weit überlegen. Weitere offene handelspolitische Baustellen Weitere handelspolitische Aspekte sind für die deutsche und euro- päische Textil- und Bekleidungsindustrie von Bedeutung: — Der Anteil von Chemiefasern an der mengenmäßigen Produktion von Textilrohstoffen lag 2009 bei 66%. In den letzten Jahren ist die Chemiefaserproduktion in der EU – vor allem aus Kosten- gründen – stetig gesunken; so nahmen die Polyester- und die Polyamid-Produktion in Europa zwischen 2000 und 2009 um 46% bzw. 44% ab. In der gleichen Zeit weitete China seine Pro- duktion und Exporte massiv aus. Die Abhängigkeit von Importen von Chemiefasern, die gerade für technische Textilien mit einem 6 Hier verdeutlicht ein Beispiel die für deutsche Hersteller potenziell negative Wir- kung: Importiert ein deutsches Unternehmen ein Gewebe aus den USA (kein Mit- glied der Pan-Euro-Med-Zone) und veredelt es hierzulande (hoher Wertschöp- fungsanteil), dann kann es beim Export des veredelten Gewebes in Staaten der Pan-Euro-Med-Zone trotz des hohen Wettschöpfungsanteils keinen Präferenzur- sprung ausstellen; dies beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit des Produkts. Textil-/Bekleidungsindustrie 6. Juli 2011 11 Anteil von 90% das wichtigste Vormaterial sind, hat für die deut- sche Textil- und Bekleidungsindustrie also massiv zugenommen. Gleichzeitig versuchte die europäische Chemiefaserindustrie den eigenen Markt gegenüber Importen aus Drittstaaten durch Anti- Dumpingmaßnahmen zu schützen. Dabei wäre sie bei vielen Fa- sertypen wohl nicht mehr in der Lage, den Bedarf in Europa hin- sichtlich Quantität und Qualität zu decken bzw. wettbewerbsfähi- ge Preise anzubieten. Insofern ist für die Textil- und Bekleidungs- industrie der Zugang zu Chemiefasern in der gewünschten Quali- tät und Menge eine strategische Herausforderung. — Auch der Zugang zu Baumwolle als weiterem wichtigem Rohstoff kann durch handelspolitische Restriktionen bzw. staatliche Ein- griffe in den Baumwollmarkt erschwert werden. Da die weltweit steigende Nachfrage nach Baumwolle auf eine in den letzten Jahren tendenziell eher gesunkene Baumwollproduktion trifft, hatten bzw. haben einige wichtige Erzeugerländer (z.B. Indien, Pakistan), die über eine vertikal integrierte Textil- und Beklei- dungsindustrie verfügen, ihre Exporte von Baumwolle verteuert (z.B. temporär durch Exportsteuern) oder begrenzt (durch Kon- tingente), um so die heimische Versorgung zu gewährleisten. In China erhalten Textil- und Bekleidungsunternehmen vergünstig- ten Zugang zu Baumwolle. — Der unzureichende Schutz von geistigem Eigentum ist in der Textil- und Bekleidungsbranche – wie auch in anderen Wirt- schaftszweigen – ein Problem. Betroffen sind u.a. Produktions- verfahren und Produkteigenschaften. Bei modischer Bekleidung und/oder Markenwaren (gerade im Bereich Luxus-Labels) sind Kopien der Originale gerade im asiatischen Raum weit verbreitet. Der Appell der Branche richtet sich vor allem an die Politik, sich gegenüber den wichtigen Handelspartnern stärker für den Schutz des geistigen Eigentums einzusetzen. 5. Vielfältige Herausforderungen für die Branche Der Zugang zu textilen Rohstoffen (Chemie- und Naturfasern) ist nicht nur aus handelspolitischer Sicht problematisch. Kurzfristig ist für die wirtschaftliche Performance der Branche die Preisentwick- lung dieser Rohstoffe wichtiger. Die Baumwollpreise (in USD) waren im Jahresdurchschnitt 2010 um knapp 70% gestiegen. Und in den ersten Monaten des Jahres 2011 liegen sie um rd. 130% über dem entsprechenden Vorjahresniveau. Hier spiegelt sich das aktuelle Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage wider. Der starke Preisanstieg ist auch eine Folge davon, dass vor der Krise die An- bauflächen von Baumwolle aufgrund niedriger Preise zu Gunsten anderer landwirtschaftlicher Erzeugnisse reduziert wurden; eine Anpassung der Produktion ist kurzfristig daher kaum möglich. Zu- letzt bewegten sich die Preise jedoch nach unten. Auch die Preise für Chemiefasern legten 2010 parallel zum Ölpreisanstieg stark zu. Die Erzeugerpreise in China, dem größten Hersteller von Chemiefa- sern, stiegen im letzten Jahr um mehr als ein Viertel. Neben den Rohstoffkosten ist auch die Entwicklung der Energie- preise für die Branche von großer Bedeutung. Denn gerade die Tex- tilindustrie, die in Deutschland noch nennenswert mit eigenen Pro- duktionsstätten vertreten ist, zählt im Vergleich zum Industriedurch- schnitt zu den energieintensiven Branchen. Der Anteil des Energie- verbrauchs am Bruttoproduktionswert liegt in der Textilindustrie um mehr als 75% über dem Mittel des Verarbeitenden Gewerbes. Stei 0,0 0,3 0,6 0,9 1,2 1,5 1,8 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 Polyester Polyamid Produktion rückläufig Mengenmäßige Produktion in Europa, Mio. Tonnen Quelle: CIRFS 14 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 00 02 04 06 08 10 Hohe Baumwollpreise USD pro Pfund Baumwolle Quelle: United States Department of Agriculture 15 80 90 100 110 120 130 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 Chemiefasern teurer Erzeugerpreisindex Chemiefasern, China, Index Quelle: China Statistical Infor. and Service Center 16 0 50 100 Westeuropa USA Japan Rest der Welt* 1975 2009 Triade ist zurückgefallen Anteile an globaler mengenmäßiger Chemiefaserproduktion, % * China nimmt unter den übrigen Ländern mit rd. 60% den größten Marktanteil ein. Quelle: Industrievereinigung Chemiefaser e.V. 13 Aktuelle Themen 519 12 6. Juli 2011 gende Energiepreise – als Resultat von Marktergebnissen oder durch staatliche Regulierung ausgelöst – stellen für Textilunterneh- men daher eine spürbare Belastung dar. Die Bekleidungsindustrie weist dagegen einen sehr niedrigen Energieverbrauch auf. Schließlich sei als Herausforderung für die Textil- und Bekleidungs- industrie der drohende Fachkräftemangel erwähnt. Die demografi- sche Entwicklung führt mittelfristig dazu, dass die Anzahl der Absol- venten in naturwissenschaftlichen Fächern (und nicht nur dort) sin- ken wird. Der Wettbewerb um diese Fachkräfte (auch um Techniker und Facharbeiter) wird also härter. Ein Nachteil der Textil- und Be- kleidungsindustrie könnte darin liegen, dass ihr Image aufgrund des Strukturwandels gelitten hat, die Fokussierung der Branche auf in- novative Erzeugnisse noch wenig bekannt ist und dass sie daher in den Augen von potenziellen Angestellten weniger attraktiv ist als etwa die Automobilindustrie oder der Maschinenbau; eine Rolle spielt dabei auch die durchschnittlich geringere Entlohnung vergli- chen mit anderen Wirtschaftszweigen. Ohne entsprechende Fach- kräfte wird es schwer, die notwendigen innovativen textilen Produkte zu entwickeln. Dem drohenden Fachkräftemangel könnte dadurch begegnet werden, dass auch die Forschungs- und Entwicklungsak- tivitäten der Branche stärker internationalisiert werden; dies dürfte zum langfristigen Unternehmenserfolg beitragen. 6. Fazit und Ausblick Die Internationalisierungsstrategie trägt auch künftig zum Erfolg der deutschen Hersteller von Textilien und Bekleidung bei, denn der Nachholbedarf in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Lateinamerikas ist enorm, die dortige Bevölkerung wächst, und deutsche (und europäische) Marken erfreuen sich großer Beliebt- heit. Zudem wird auch im Ausland die Nachfrage nach technischen Textilien zunehmen. Für deutsche Hersteller ist es daher wichtig, dass die Politik die Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches En- gagement im Ausland verbessert. Eine weitere Liberalisierung der Märkte ist angezeigt. Die inländische Produktion dürfte sich künftig unterschiedlich entwi- ckeln. Während im Bekleidungsbereich aufgrund der unvermeidba- ren Strukturprobleme die Fertigung – auf niedrigem Niveau – weiter sinken wird, könnte in der Textilbranche mit einem weiter steigen- dem Anteil der technischen Textilien der langjährige Rückgang der hiesigen Produktion gestoppt und sogar umgekehrt werden. Ohne- hin bleiben die technischen Textilien die dynamischste Sparte. Der problematische Zugang zu textilen Rohstoffen sowie deren stei- gende Preise stellen aktuell eine Herausforderung für die Branche dar. Mittel- bis längerfristig müssen die Anstrengungen erhöht wer- den, genügend Fachkräfte zu gewinnen, um im Segment der inno- vativen technischen Textilien die gute Markposition zu behaupten. Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com) 0 10 20 30 40 50 05 06 07 08 09 10 Textilindustrie Bekleidungsindustrie Verarbeitendes Gewerbe Löhne und Gehälter unter - durchschnittlich Quellen: Statistisches Bundesamt, DB Research Jährliche Bruttolohn - und Gehaltssume pro Beschäftigtem, '000 EUR 17 0 10 20 30 40 50 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 Rohbaumwolle Chemiefasern Chemiefasern deutlich vor Baumwolle Weltproduktion, Mio. Tonnen Quelle: CIRFS 18 © Copyright 2011 . Deutsche Bank AG, DB Research, D - 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research― gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage - , Rechts - oder Steuerb eratung dar. Alle Mein ungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Mein ungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research - Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informationszwecken und ohne vertragliche oder sonst ige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorstehenden Angaben o der Einschätzunge n wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/o der verbreitet, die über eine Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht verfügt. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die in Bezu g auf Anlagegeschäfte im Vereinigten Königreich der Aufsicht der Financial Services Authority unterliegt. 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