1. Research
  2. Produkte & Themen
  3. Publikationsreihen
  4. Aktueller Kommentar
23. Februar 2018
Der aktuelle Tarifabschluss der Metall- und Elektroindustrie stellt vor allem den Kern des Maschinenbaus, die vielen Mittelstandsunternehmen, vor große Herausforderungen und birgt Risiken. Da die seit Jahren günstige Entwicklung des sehr zyklischen Maschinenbaus keineswegs ad infinitum fortgeschrieben werden kann, sollten im Zuge künftiger Tarifverhandlungen die Spezifika der Mittelständler stärker als zuletzt gewichtet werden. [mehr]
PROD0000000000463305 1   |    23. Februar 2018Aktueller Kommentar 23. Februar 2018 Tarifvertrag belastet mittel­ ständischen Maschinenbau Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Josef Auer +49(69)910-31878 josef.auer@db.com Der aktuelle Tarifabschluss der Metall- und Elektroindustrie stellt vor allem den Kern des Maschinenbaus, die vielen Mittelstandsunternehmen, vor große Her­ ausforderungen und birgt Risiken. Da die seit Jahren günstige Entwicklung des sehr zyklischen Maschinenbaus keineswegs ad infinitum fortgeschrieben wer­ den kann, sollten im Zuge künftiger Tarifverhandlungen die Spezifika der Mittel­ ständler stärker als zuletzt gewichtet werden. Der Tarifabschluss 2018[1] wurde für die 27 Monate vom 1. Januar 2018 bis 31. März 2020 beschlossen und besteht im Kern aus einer Entgelt­ und einer Ar­ beitszeitkomponente: Konkret steigen die Entgelte – jeweils auf das Gesamtjahr gerechnet – 2018 um 3,9% und 2019 um weitere 3½%. Zudem wurde die tarifli­ che Wochenarbeitszeit flexibilisiert, indem künftig sowohl nach oben als auch nach unten abgewichen werden kann. Die vereinbarten Entgeltsteigerungen sind für die Mittelstandsbranche relativ teuer. Sie übersteigen den Verteilungsspielraum, der sich aus der derzeit niedri­ gen Inflation und dem Produktivitätsfortschritt im Maschinenbau ergibt. Auch sollte nicht übersehen werden, dass die Industriebranche aus mehr als 30 Fachzweigen besteht, die 2018 keineswegs alle das für die Gesamtbranche er­ wartete Produktionswachstum von preisbereinigten 3% erreichen. Überdurch­ schnittlich dürften 2018 zwar Maschinenbauzweige wie die Thermoprozess- und Verfahrenstechnik, die Bergbau-, Holzbearbeitungs- und Textilmaschinen sowie Robotik und Automation abschneiden. Aber hinter dem Durchschnitt zu­ rückbleiben werden voraussichtlich Gießereimaschinen, Gebäude­ und Indus­ triearmaturen sowie die Hersteller von Mess­, Prüf­, Land­, Druck­ und Papier­ technik. Diesen allenfalls mäßig wachsenden Fachzweigen wird es wohl beson­ ders schwerfallen, die steigenden Kosten weiterzugeben. Gut deshalb, dass das tarifliche Zusatzentgelt von 400 Euro 2019 und in den Folgejahren notfalls reduziert, verschoben oder gestrichen werden kann. Metall­ und Elektro­Industrie: Käfti­ ger Lohnanstieg Quelle: iwd Tarifvertrag belastet mittelständischen Maschinenbau 2   |    23. Februar 2018Aktueller Kommentar Überdies drohen Belastungen seitens wichtiger Makrogrößen: So ist im Tarif­ zeitraum mit wieder höheren Zinsen zu rechnen, die Maschinenbauinvestitionen verteuern und die Nachfrage dämpfen dürften. Hinzu kommt, dass die exportin­ tensiven Maschinenbauer sich außerhalb der Eurozone mittlerweile in wichtigen Absatzländern wie den USA wieder ungünstigerer Wechselkurse erwehren müssen, die ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit mindern. Kleinere Maschinen­ bauer haben den Nachteil, dass sie sich mangels breitem Produktspektrum und zumeist lokal fokussierter Fertigung weniger elastisch ­ z.B. mittels Fertigungs­ verlagerung – als größere Unternehmen an sich eintrübende Umfeldkonstella­ tionen anpassen können. Und überhaupt; es ist noch keineswegs sicher, dass 2019 für die Maschinenbauer ein Wachstumsjahr wird. Sollte die Weltkonjunktur - wider Erwarten - 2019 spürbar ins Stottern geraten, würde die Verwundbarkeit der besonders zyklischen Industriebranche spürbar. Die üppige Tarifsteigerung wäre dann wohl für viele Maschinenbauer eine nur schwer zu bewältigende Alt­ last aus konjunkturell besseren Tagen. Überdies trifft das zweite Tarifelement, die größere Arbeitszeitflexibilität, gerade Mittelständler stärker, als auf den ersten Blick erkennbar ist: Die neue Arbeitszeitflexibilität nach unten soll insbesondere den Beschäftig­ ten mit einer Regelarbeitszeit zwischen 28 und 40 Stunden pro Woche für ei­ ne bestimmte Zeit (6 bis 24 Monate) eingeräumt werden, in der sie ihre Ar­ beitszeit auf bis zu 28 Stunden pro Woche verkürzen können (verkürzte Voll­ zeit). Die Grenze von 10% der Belegschaft, der eine solche Teilzeit gewährt wird, ist reichlich bemessen. Deshalb ist die eingeräumte Möglichkeit der Ab­ lehnung aus betrieblichen Gründen aus unserer Sicht unverzichtbar. Grundsätzlich positiv zu bewerten ist die neue Flexibilität nach oben. Diese ermöglicht künftig allen Betrieben mit guter Auftragslage den Wechsel vom bisherigen Quotensystem, das relativ starr ist, auf ein kollektives betriebli­ ches Arbeitszeitvolumenmodell. Das neue Modell gestattet – besser als bis­ her – beliebig viele 40­Stunden­Verträge, sofern der Durchschnitt im gesam­ ten Betrieb nicht über 35,9 Stunden steigt. Eine größere Inanspruchnahme der Arbeitszeitreduktion würde diesen Durchschnitt natürlich reduzieren. Der Flexibilisierungsvorteil für die Betriebe ist offensichtlich: Bisher durfte nur mit bis zu 18% der Belegschaft eine individuelle Wochenarbeitszeit von bis zu 40 Stunden vereinbart werden. Gleichwohl birgt auch dieser Teil der Tarifvereinbarung für die zumeist kleinen und mittleren Maschinenbauer Herausforderungen, für die es keine einfache Lösung gibt: Die Mittelständler können zwar ihre Fertigungskapazitäten besser auslasten und die derzeit hohen Auftragspolster schneller abtragen. Je kleiner aber der Maschinenbaubetrieb, desto größer der mit der steigenden Arbeitszeitflexibi­ lität verbundene Bürokratieaufwand. Keineswegs sicher ist deshalb, dass vor allem kleinere Mittelständler künftig die neuen Arbeitszeitchancen überhaupt nutzen (können). Insgesamt führt die steigende Arbeitszeitkomplexität und Bürokratie im be­ trieblichen Alltag zu mehr Rechtsunsicherheit. Zudem muss sich die Praktika­ Tarifvertrag belastet mittelständischen Maschinenbau 3   |    23. Februar 2018Aktueller Kommentar bilität bzw. Vereinbarung von verkürzter Vollzeit mit moderner Maschinenferti­ gung erst zeigen. Kleinere Betriebe kann die konkrete Handhabe von Umor­ ganisationen überfordern. Der neue Tarifvertrag steht und war angesichts der dank des Konjunkturzyklus exzellenten Verhandlungsposition der IGM für die Arbeitgeber eine Gratwande­ rung. Bei künftigen Tarifverhandlungen sollte die besondere Zyklik des Maschi­ nenbaus und dessen Mittelstandstruktur stärker gewichtet werden. Abschlüsse über sehr lange Zeiträume haben den Nachteil, dass die Mittelständler auf über­ raschende Konjunktureintrübungen nicht zeitnah reagieren können. Eine Alter­ native, das Instrument der Einmalzahlungen, findet sich (ansatzweise) im aktu­ ellen Tarifvertrag. Das Instrument der Einmalzahlungen lässt sich systematisch ausbauen und brächte viele Vorteile: So können Einmalzahlungen relativ flexi­ bel an die konjunkturelle Situation angepasst werden, minderten also das Kos­ tenrisiko in ohnehin angespannter Zeit. Überdies könnten die Mittelständler eine stärkere Differenzierung betreiben und Sonderleistungen honorieren. Die viel zi­ tierte Gefahr einer Verstetigung der Einmalzahlungen besteht bei Mittelständ­ lern weniger. Typischerweise arbeiten sie eng und längerfristig mit ihren Mitar­ beitern zusammen. Und auch der typische Mittelstandsmitarbeiter hat ein be­ sonders ausgeprägtes Gespür dafür, wie sein Betrieb gerade läuft. Eine zeitge­ mäße Modernisierung könnte so gesehen durchaus im Konsens erfolgen. 1.) Zu Details vgl. Gesamtmetall/Kommunikation und Presse. Tarifabschluss 2018. 6.2.2018. Tarifvertrag belastet mittelständischen Maschinenbau 4   |    23. Februar 2018Aktueller Kommentar © Copyright 2018. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vor­ behalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage­, Rechts­ oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die ak­ tuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer as­ soziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließ­ lich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informationszwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessen­ heit der vorstehenden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaub­ nis zur Erbringung von Bankgeschäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zen­ tralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird die­ ser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Inc. genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure State­ ment oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen.
1.0.10