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28. September 2021
Noch nie seit der Wiedervereinigung haben Industrieunternehmen in Deutschland so sehr über Materialengpässe geklagt wie aktuell. Neben den physischen Knappheiten von Vorprodukten sind für die Unternehmen aktuell auch steigende Preise problematisch. Dies spiegelt sich in den Erzeugerpreisen wider, die im August 2021 um etwa 12% über dem Vorjahreswert lagen – der kräftigste Anstieg seit Dezember 1974. Die jüngste Entwicklung ist kein deutsches Phänomen. In vielen Ländern der Welt wird die aktuelle Konjunkturerholung durch Lieferengpässe und höhere Preise gedämpft. Lieferengpässe und steigende Preise für Vorleistungsgüter beeinträchtigen die konjunkturelle Erholung im Verarbeitenden Gewerbe. Hier übertraf der Auftragseingang im Juli 2021 das Produktionsniveau um 24%. Insgesamt erwarten wir, dass uns die Störungen der Lieferkette noch ins Jahr 2022 beschäftigen werden, auch wenn der Tiefpunkt in der Lieferkrise hinter uns liegen könnte. [mehr]
Deutschland-Monitor Noch nie seit der Wiedervereinigung haben Industrieunternehmen in Deutsch land so sehr über Materialengpässe geklagt wie aktuell. Laut ifo Institut melde ten zu Beginn des 3. Quartals knapp 64% der Firmen, dass Engpässe bei der Lieferung von Vorprodukten die eigene Produktion behindern. Im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020 lag der Wert bei 5,4%. Neben den physischen Knappheiten von Vorprodukten sind für die Unterneh men aktuell auch steigende Preise problematisch. Das ist zum einen auf höhere Notierungen für Rohstoffe zurückzuführen. Zum anderen greifen die Lieferanten verstärkt auf ihr Fertigwarenlager zurück, um die Nachfrage ihrer Kunden zu be dienen. Wegen der aktuellen Engpässe können dabei deutliche Preiserhöhun gen für Fertigprodukte durchgesetzt werden. Dies spiegelt sich in den Erzeugerpreisen wider. Sie lagen im August 2021 um etwa 12% über dem Vorjahreswert - der kräftigste Anstieg seit Dezember 1974. Bei Metallen wurde das Vorjahresniveau um gut 35% übertroffen, bei bearbeite tem Holz um knapp 100% und bei Eisen- und Stahlschrott um 105%. Die Erzeu gerpreise für Erdöl und Erdgas übertrafen den Wert aus 2020 um 142%. Die jüngste Entwicklung ist kein deutsches Phänomen. In vielen Ländern der Welt wird die aktuelle Konjunkturerholung durch Lieferengpässe und höhere Preise gedämpft. Deutschland als offene Volkswirtschaft bekommt dies über die Importpreise zu spüren. Diese lagen im Juli 2021 um 15% über dem entspre chenden Vorjahresniveau. Es war der höchste Anstieg seit September 1981. In der Folge zieht seit einiger Zeit die Inflationsrate in Deutschland an. Sie lag im August 2021 bei 3,9%. Dies war der höchste Wert seit 1993. Für das Ge samtjahr 2021 rechnen wir mit einer Inflationsrate von etwa 3%, nach +0,4% im Jahr 2020. Einige strukturelle Faktoren sprechen dafür, dass wir uns in den kommenden Jahren eher auf höhere Inflationsraten einstellen müssen. Lieferengpässe und steigende Preise für Vorleistungsgüter beeinträchtigen die konjunkturelle Erholung im Verarbeitenden Gewerbe. Hier übertraf der Auftrags eingang im Juli 2021 das Produktionsniveau um 24%. Noch nie seit der Wieder vereinigung gab es einen derart großen Unterschied zwischen Produktion und Aufträgen. Die Nachfrageseite ist also kein limitierender Faktor für eine stärkere Erholung der Industrie. Wir haben unsere Produktionsprognose für das Verar beitende Gewerbe im Jahr 2021 auf +6% nach unten revidiert (2020: -9,6%). Insgesamt erwarten wir, dass uns die Störungen der Lieferkette noch ins Jahr 2022 beschäftigen werden, auch wenn der Tiefpunkt in der Lieferkrise hinter uns liegen könnte. Produktionskapazitäten können kurzfristig nur schwer erwei tert werden. Manche Unternehmen werden sich bei Erweiterungsinvestitionen zurückhalten, wenn sie erwarten, dass der Nachfrageüberhang temporär ist. Bei einzelnen Produkten (z.B. Halbleiter) dürften die Produktionskapazitäten zwar hochgefahren werden, zugleich steigt aber auch die Nachfrage strukturell an. Autoren Eric Heymann +49 69 910-31730 eric.heymann@db.com Jochen Möbert +49 69 910-31727 jochen.moebert@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider 28. September 2021 Störungen der Lieferketten Auch 2022 noch Konjunktur- und Inflationsrisiko Störungen der Lieferketten: Auch 2022 noch Konjunktur- und Inflationsrisiko 2 | 28. September 2021 Deutschland-Monitor Klagen über Materialengpässe auf Rekordniveau Noch nie seit der Wiedervereinigung haben Industrieunternehmen in Deutsch land so sehr über Materialengpässe geklagt wie aktuell. Zu Beginn des 3. Quar tals meldeten 63,8% der Firmen, dass Engpässe bei der Lieferung von Vorpro dukten die eigene Produktion behindern. Im August lag der Wert sogar bei 69,2%. Der bisherige Rekordwert für einen Quartalswert datiert auf das 3. Quar tal 2018. Damals berichteten gut 20% von negativen Auswirkungen auf die Fer tigung aufgrund von Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten. 1 Im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020 lag der Wert bei 5,4%. Der Unterschied zum jüngsten Umfragewert verdeutlicht die historische Dimension der aktuellen Lieferkrise. Fast alle Branchen betroffen Auffällig ist zudem, dass fast alle Industriesektoren stark unter Materialengpäs sen leiden. Prominentestes Beispiel ist die Automobilindustrie. Hier läuft die Pro duktion seit Anfang des Jahres auf Sparflamme, weil die Versorgung mit Halb leitern und sonstigen elektronischen Bauteilen unzureichend ist. Die Unterneh men konzentrieren sich auf die Produktion von besonders margenträchtigen Fahrzeugen. Darunter leidet das Produktionsvolumen. Im August berichteten 91% aller Unternehmen aus der Automobilindustrie (inklusive Zulieferer) über Knappheiten bei Vorprodukten - der höchste Wert aller Industriebranchen. Auch in der Elektrotechnik, dem Maschinenbau, der Gummi- und Kunststoffin dustrie oder in der Möbelindustrie liegt der Anteil der Unternehmen, bei denen Materialengpässe die Produktion hemmen, jeweils über 80%. In der Chemiein dustrie sind es knapp 58%. In der Metallindustrie zeigt sich ein gemischtes Bild: Während in der Metallerzeugung und -bearbeitung, also die Sparten am Beginn der Wertschöpfungskette, „nur" ein knappes Drittel der Unternehmen Liefereng pässe beklagt, sind es bei der Herstellung von Materialerzeugnissen etwa 74%. Lediglich im Ernährungsgewerbe (inklusive Getränkeherstellung) sowie in der Bekleidungsindustrie fällt der Anteil der Unternehmen mit etwa einem Drittel re lativ klein aus, bei denen die Materialengpässe zu Produktionsstörungen führen. Allerdings sind dies im historischen Vergleich ebenfalls außerordentlich hohe Werte in diesen Sektoren. Preise ziehen auf breiter Front an Der zitierte ifo-Umfrage von Anfang September zeigt, dass nicht nur physische Knappheiten von Vorprodukten für die Unternehmen problematisch sind, son dern auch steigende Preise. Das ist zum einen auf höhere Notierungen für Roh stoffe zurückzuführen. Zum anderen greifen die Lieferanten verstärkt auf ihr Fer tigwarenlager zurück, um die Nachfrage ihrer Kunden zu bedienen. Wegen der aktuellen Engpässe können dabei deutliche Preiserhöhungen für Fertigprodukte durchgesetzt werden. Die jüngste Konjunkturumfrage des DIHK bestätigt, dass Energie- und Rohstoff preise zunehmend zu einer Belastung für die Unternehmen werden. Während im Frühsommer 2020 lediglich 15% der befragten Unternehmen aus der Export wirtschaft angaben, dass höhere Energie- und Rohstoffpreise für sie ein Ge schäftsrisiko in den kommenden zwölf Monaten darstellen, waren es ein Jahr später 42%. 1 Vgl. Wohlrabe, Klaus (2021). Materialengpässe in der Industrie: Wer ist betroffen, und wie reagie ren die Unternehmen? ifo Schnelldienst 9/2021. Vorabdruck. München. 0 10 20 30 40 50 60 70 91 95 99 03 07 11 15 19 Materialknappheit auf Rekordniveau 1 Index für Knappheit von Vorprodukten im Verarb. Gewerbe, DE, Anteil der Nennungen, % Quelle: ifo 0 20 40 60 80 100 Automobilindustrie Elektrische Ausrüstungen Maschinenbau Gummi- und Kunststoffindustrie DV-Geräte, elektr. Erzeugnisse Metallerzeugnisse C hemieindustrie Baustoffe Ernährungsgewerbe Metallerzeugung August 2021 Maximum vor 2020 Quelle: ifo Index für Knappheit von Vorprodukten im Verarb. Gewerbe, DE, Anteil der Nennungen, % Hersteller von Investitionsgütern besonders betroffen 2 Störungen der Lieferketten: Auch 2022 noch Konjunktur- und Inflationsrisiko 3 | 28. September 2021 Deutschland-Monitor Weltmarktpreise für Rohstoffe auf hohem Niveau Am Beginn der industriellen Wertschöpfungskette stehen Rohstoffe. Hier gab es in den letzten Monaten spürbare Preiserhöhungen. Der gesamte HWWI Rohstoffpreisindex lag zuletzt auf dem höchsten Niveau seit Sommer 2014 (auf Euro-Basis). Im August übertraf der Index den Wert des Vorjahres um 73,5%. Bei den Industrierohstoffen (z.B. NE-Metalle, Eisenerz, Schrott) wurde im Mai 2021 ein historisches Allzeithoch erreicht. Seither kam es zu einer gewissen Be ruhigung, aber der Preisindex für Industrierohstoffe lag im August um 45% über dem durchschnittlichen Niveau von 2019, dem Jahr vor Corona. Besonders starke Anstiege verzeichnete im Verlauf der letzten Monate der HWWI Rohstoffpreisindex für Energie. Hier übertraf der Index im August 2021 den Wert des Vorjahres um 82%. Erzeugerpreise steigen so stark wie seit 1974 nicht mehr Die Entwicklung bei den Rohstoffen spiegelt sich in den Erzeugerpreisen wider. Diese lagen im August 2021 um etwa 12% über dem Vorjahreswert. Nach An gaben des Statistischen Bundesamts war dies der kräftigste Anstieg in einem Monat seit Dezember 1974. Damals waren die Erzeugerpreise im Rahmen der ersten Ölkrise stark angezogen. Auch hier wird die historische Dimension bei der Entwicklung der Erzeugerpreise deutlich. Bei einzelnen Produktgruppen fallen die Preisanstiege noch deutlich höher aus. So waren Kunststoffe in Primärform im August 2021 um knapp 22% teurer als im Vorjahr, bei Metallen wurde das Vorjahresniveau um gut 35% übertroffen, bei bearbeitetem Holz (gesägt und gehobelt) um knapp 100% und bei Sekundärroh stoffen aus Eisen- und Stahlschrott um 105%. Der Erzeugerpreisindex für Ener gie (insgesamt) lag im August um 24% über dem Vorjahresniveau. Dabei über trafen die Erzeugerpreise für Erdöl und Erdgas den Wert aus 2020 um 142%. Gerade die Gaspreise zogen in den letzten Wochen kräftig an. Ein Grund dafür liegt darin, dass die Gasspeicher in Deutschland aktuell für die Jahreszeit recht leer sind und vor der Wintersaison gefüllt werden müssen. Dies treibt die Nach frage. Ferner steigt in Asien die Nachfrage nach verflüssigtem Erdgas (LNG) stark an. Weil dort höhere Preise gezahlt werden als in Europa, kommt gegen wärtig weniger LNG z.B. aus den USA in Europa an. Hinzu kamen einige Stö rungen auf der Angebotsseite, die z.B. zu Betriebsunterbrechungen bei Gasfel dern oder Pipelines geführt haben. Unter dem Strich sind die Energiepreise ein wesentlicher Treiber für den aktuellen Anstieg der Erzeugerpreise, aber bei Wei tem nicht der einzige Faktor. Preisanstieg kein deutsches Phänomen: Importpreise ziehen an Die jüngste Entwicklung ist kein deutsches Phänomen. In vielen Ländern der Welt wird die aktuelle Konjunkturerholung durch Lieferengpässe und höhere Preise gedämpft. Deutschland als offene Volkswirtschaft bekommt dies über die Importpreise zu spüren. Diese lagen im Juli 2021 um 15% über dem entspre chenden Vorjahresniveau. Es war der höchste Anstieg seit September 1981 (zweite Ölkrise). Auch bei den Einfuhrpreisen verzeichnen Energieerzeugnisse besonders hohe Zuwächse. Im Durchschnitt legten diese im Juli um 89,6% gg. Vorjahr zu. Bei Erdöl und Erdgas waren es knapp über 100%. Gleichwohl sind die Importpreise für viele andere Waren - nicht zuletzt Vorleistungsgüter - ebenfalls spürbar ge stiegen. Zu nennen sind die Preise für chemische Erzeugnisse (+22,8%), Nicht eisenmetallschrott (+35,2%), Metalle (+36,8%), Kunststoffe in Primärform (+42%) oder gesägtes und gehobeltes Holz (+57,4%). 0 50 100 150 200 250 00 04 08 12 16 20 Agrarrohstoffe Energierohstoffe Industrierohstoffe Gesamtindex Quelle: HWWI Rohstoffpreisindizes für Deutschland, Euro-Basis, 2010=100 Industrierohstoffe besonders teuer 3 -10 -5 0 5 10 15 05 07 09 11 13 15 17 19 21 Quelle: Statistisches Bundesamt Hohe Dynamik bei Erzeugerpreisen 4 Erzeugerpreise für gewerbliche Produkte in Deutschland, % gg. Vj. 50 100 150 200 250 15 16 17 18 19 20 21 Metalle Eisen- und Stahlschrott Kunststoffe, in Primärform Holz, gesägt und gehobelt Energie Erzeugerpeise für ausgewählte Produkte in Deutschland, 2015=100 Quelle: Statistisches Bundesamt Stahlschrott, Holz und Metalle deutlich teurer 5 Störungen der Lieferketten: Auch 2022 noch Konjunktur- und Inflationsrisiko 4 | 28. September 2021 Deutschland-Monitor Inflationsrate zieht 2021 deutlich an und bleibt auch 2022 hoch Es ist wenig überraschend, dass die höheren Erzeuger- und Einfuhrpreise inzwi schen auch bei der allgemeinen Teuerung durchschlagen. So lag die Inflations rate im August 2021 bei 3,9%. Dies war der höchste Wert auf Monatsbasis seit 1993. Für das Gesamtjahr 2021 rechnen wir mit einer Inflationsrate von etwa 3%, nach +0,4% im Jahr 2020. Zwar spielen dabei verschiedene Basiseffekte eine Rolle. So waren die globalen Energiepreise zu Beginn der Corona-Krise 2020 wegen der weggebrochenen Nachfrage zurückgegangen. Zudem wurde im 2. Halbjahr 2020 als Bestandteil der Corona-Maßnahmen der Mehrwertsteu ersatz um 3%-Punkte abgesenkt. Schließlich kam es Anfang des Jahres zur Einführung einer CO 2 -Abgabe auf fossile Kraftstoffe wie Benzin, Diesel, Heizöl oder Erdgas. Dennoch ist eine derart hohe Inflationsrate nach vielen Jahren mit nur geringen allgemeinen Preissteigerungen bemerkenswert. Die höhere Inflationsrate birgt zudem das Risiko, dass kräftigere Lohnsteigerun gen folgen und Zweitrundeneffekte auslösen. Dann könnte die Inflationsrate dauerhaft erhöht bleiben, zumal der konjunkturelle Nachholeffekt nach der Corona-Krise noch bis in das Jahr 2022 anhalten dürfte. Auf die bislang noch relativ gelassene Haltung der EZB könnte dann eine restriktivere Geldpolitik fol gen. Aktuell rechnen wir für 2022 mit einer Inflationsrate von etwa 2,5%. Ein we sentlicher Grund ist, dass die oben genannten Basiseffekte im nächsten Jahr gänzlich wegfallen (Mehrwertsteuereffekt), nicht mehr in dieser Dimension auf treten werden (z.B. geringere Anhebung des CO 2 -Preises im Jahr 2022 im Ver gleich zur erstmaligen Einführung 2021) oder gar preisdämpfend wirken (z.B. wenn der Ölpreis 2022 niedriger sein sollte als 2021, was wir aktuell erwarten). Strukturelle Faktoren sprechen für höhere Inflation Gleichwohl existiert eine Reihe von strukturellen Faktoren, die dafürsprechen, dass wir uns in den kommenden Jahren eher auf höhere Inflationsraten einstel len müssen. 2 Dazu zählen nachlassende preisdämpfende Effekte von Seiten der Globalisierung. So sinken das Erwerbspersonenpotenzial in vielen Industrie staaten sowie der Anteil der Erwerbsbevölkerung in den Schwellenländern. Dies macht höhere Lohnabschlüsse in den Industriestaaten wahrscheinlicher. Die Fortschritte beim Freihandel dürften limitiert bleiben. Dadurch fallen die deflatio nären Wirkungen der internationalen Arbeitsteilung geringer aus als noch in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts. Damals wirkte z.B. die stärkere Integration der Arbeitskräfte in China (WTO-Beitritt Ende 2001) und anderen asiatischen Staaten in die industrielle Wertschöpfungskette dämpfend auf die Lohnab schlüsse in den Industriestaaten. Eine ambitioniertere Klima- und Energiepolitik wird auf der einen Seite zu höhe ren Preisen für fossile Energieträger beim Endkunden führen (CO 2 -Bepreisung). Auf der anderen Seite erfordert der angestrebte Weg in eine klimaverträgliche oder gar klimaneutrale Gesellschaft enorme Investitionen in neue Infrastruktu ren. Diesem Investitionsbedarf stehen häufig begrenzte Kapazitäten z.B. im Bausektor gegenüber. Sollen ferner traditionelle CO 2 -intensive Produktionsver fahren durch klimafreundlichere Produktionsverfahren ersetzt werden (z.B. Her stellung von Stahl auf Basis von grünem Wasserstoff), führt dies an verschiede nen Stellen der Wertschöpfungskette zu höheren Kosten. Darüber hinaus dürfte die Nachfrage nach einigen Rohstoffen (z.B. Kupfer, Seltene Erden) durch die angestrebte Elektrifizierung größerer Teile der Volkswirtschaft dauerhaft auf ein höheres Niveau gehievt werden, was ceteris paribus preissteigernd wirkt. 2 Siehe hierzu Schneider, Stefan (2021). Nehmen die Inflationsrisiken in Deutschland tatsächlich zu? Oder machen wir uns wieder einmal unnötig verrückt? Deutsche Bank Research. Deutsch land-Monitor. Frankfurt am Main. -15 -10 -5 0 5 10 15 20 05 07 09 11 13 15 17 19 21 Quelle: Statistisches Bundesamt Historisch hoher Anstieg der Einfuhrpreise 6 Einfuhrpreise in Deutschland, % gg. Vj. -1 0 1 2 3 4 5 16 17 18 19 20 21 22 Inflationsrate Kernrate Beruhigung im Verlauf von 2022 erwartet 7 Inflationsrate in Deutschland, % gg. Vj Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Störungen der Lieferketten: Auch 2022 noch Konjunktur- und Inflationsrisiko 5 | 28. September 2021 Deutschland-Monitor Zudem können sich ordnungsrechtliche Maßnahmen (Verbote, Gebote, Grenz werte, Quoten) auf der Angebotsseite preissteigernd auswirken. So führen Vor gaben zur Energieeffizienz von Gebäuden kurz- bis mittelfristig zu höheren Kos ten für Hauseigentümer und für Mieter, wenn diese Vorgaben nur durch um fangreiche Renovierungs- und Sanierungsmaßnahmen erreicht werden können. Ferner verknappen Verbote bestimmter Technologien das Angebot. Wenn alter native Technologien zunächst teurer sind, wird die Inflation dadurch nach oben getrieben. Schließlich können auch Einschränkungen des internationalen Wa renhandels, die z.B. zum Schutz energieintensiver Industrie in der EU eingeführt werden (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM), bei den betreffenden Produkten preissteigernd wirken, weil sie den Handel verteuern. In Summe wirkt Klimapolitik über viele Kanäle direkt und indirekt auf die Preise. Der Effekt lässt sich wegen der Unsicherheiten über die konkrete Ausgestaltung jedoch kaum quantifizieren. Industrie: Große Diskrepanz zwischen Aufträgen und Produktion Zurück zu den physischen Lieferengpässen und gestiegenen Preisen für Vor leistungsgüter: Beide Effekte haben bereits die konjunkturelle Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland beeinträchtigt. Hier zeigt sich am aktu ellen Rand eine außerordentliche, große Diskrepanz zwischen den Aufträgen und der inländischen Produktion. Der Auftragseingang übertraf im Juli 2021 das Produktionsniveau des gleichen Monats um 24%. Noch nie seit der Wiederver einigung gab es einen derart großen Unterschied zwischen Produktion und Auf trägen. Der Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe erreichte im Juli sogar ein neues Rekordniveau. Die Nachfrageseite ist also kein limitierender Faktor für eine stärkere Erholung der Industrie im Jahr 2021. Aufgrund der Liefereng pässe haben wir unsere Prognose für die Industrieproduktion im laufenden Jahr jedoch auf 6% (von zuvor 8%) abgesenkt; 2020 sank die Fertigung um 9,6%. Gerade in der Automobilindustrie wirkt die erwähnte Chip-Knappheit dämpfend. Gegenüber dem niedrigen Niveau des Corona-Jahres 2020 dürfte die Fertigung 2021 allenfalls mit einer Rate von weniger als 5% wachsen (2020: -23,5%). Die Branche ist weit von früheren Höchstständen entfernt und dürfte diese am Standort Deutschland wohl auch mittelfristig nicht wieder erreichen. Tiefpunkt könnte erreicht sein, aber keine Entwarnung für 2022 Die Produktions- und Exporterwartungen im Verarbeitenden Gewerbe liegen am aktuellen Rand im positiven Bereich. Das ist zunächst mal ein positives Signal. Die Entwicklung der beiden Indikatoren verlief in den letzten Monaten jedoch uneinheitlich. Es ist also noch nicht ausgemacht, dass der Tiefpunkt in der aktu ellen Lieferkrise bereits hinter uns liegt. Einige Gründe sprechen dafür, dass die Versorgungsengpässe nicht in kurzer Zeit beseitigt werden können. So ist der Aufbau zusätzlicher Produktionskapazitäten schon in normalen Zeiten nicht kurzfristig möglich. Aktuell wird er natürlich ebenfalls durch die Lieferengpässe und andere Kapazitätsrestriktionen etwa im Bausektor erschwert. Manche Un ternehmen werden sich bei Erweiterungsinvestitionen zurückhalten, wenn sie erwarten, dass der aktuelle Nachfrageüberhang nur temporär ist. Bei einzelnen Produkten (z.B. Halbleiter) dürften zwar die Produktionskapazitäten hochgefah ren werden, zugleich steigt aber auch die Nachfrage strukturell an. Für Roh stoffe gilt wiederum, dass sich neue Vorkommen häufig nicht kurzfristig erschlie ßen lassen. Insgesamt erwarten wir, dass uns die Störungen der Lieferkette noch (weit) bis ins Jahr 2022 beschäftigen werden. Der erneute Dämpfer bei den Geschäftser wartungen verdeutlicht die Skepsis. Dabei dürfte es branchenspezifische Unter schiede geben. So kommen aus der Automobilindustrie sogar Meldungen, dass 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 91 95 99 03 07 11 15 19 Produktion Aufträge Quelle: Statistisches Bundesamt Große Lücke zwischen Produktion und Aufträgen 8 Produktion und Aufträge im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland, 2015=100 -60 -40 -20 0 20 40 15 16 17 18 19 20 21 … zur Entwicklung der Geschäftstätigkeit … zur Entwicklung der Beschäftigung … zur Entwicklung der Produktionstätigkeit … zur Entwicklung der Exporttätigkeit Erwartungen der Unternehmen in DE, Saldo aus positiven und negativen Firmenmeldungen Quelle: ifo Institut Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe zuletzt überwiegend positiv 9 Störungen der Lieferketten: Auch 2022 noch Konjunktur- und Inflationsrisiko 6 | 28. September 2021 Deutschland-Monitor die Chip-Knappheit auch 2023 noch die Produktion beeinträchtigen könnte. Selbst wenn die schlimmsten Versorgungsengpässe bereits hinter uns lägen, hieße das nicht automatisch, dass die Industrieproduktion im Anschluss beson ders dynamisch anziehen würde. Wir erwarten, dass die Produktion im Verar beitenden Gewerbe 2022 um weitere 6% wachsen wird. Damit läge der Wert aber immer noch unter dem bisherigen Rekordniveau von 2018. BIP-Prognose durch Störungen der Lieferkette erschwert Die Engpässe sind nicht nur auf Vorprodukte und die Industrie beschränkt. Auch einige Dienstleistungssektoren klagen über Knappheiten. Dies betrifft vor allem das Personal. So fehlen in der Gastronomie Arbeitskräfte, weil angestammte Mitarbeiter während der Corona-Krise in anderen Sektoren eine Anstellung ge funden haben. Die Güterverkehrsbranche beklagt schon seit vielen Jahren den Mangel an qualifizierten Lkw-Fahrern. Dass das Handwerk oder der Gesund heits- und Pflegesektor unter Nachwuchsmangel leiden, ist ebenfalls keine neue Nachricht. Eine Entlastung am Arbeitsmarkt über mehr Zuwanderung könnte weiterhin dadurch erschwert werden, dass die Corona-Krise die Zuwanderung nach Deutschland vorerst noch bremst. 2020 wanderten netto so wenige Men schen nach Deutschland zu wie seit 2010 nicht mehr. Der Fachkräftemangel ist jedenfalls in vielen Sektoren (wieder) ein limitierender Faktor. Letztlich würde auch das BIP-Wachstum in Deutschland 2021 und 2022 höher ausfallen als von uns bislang prognostiziert (+3,1% bzw. +4,3%). Sollten sich die Engpässe früher auflösen als bislang angenommen, wäre im nächsten Jahr eine noch kräftigere Erholung möglich. Bei weiter anhaltenden Störungen der Lieferkette oder Knappheiten bei Fachkräften wäre unsere Prognose für das nächste Jahr jedoch zu optimistisch. Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com) Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) © Copyright 2021. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Ver fassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen kön nen ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis zur Erbringung von Bankge schäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleis tungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Inc. genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen . -15 -10 -5 0 5 10 17 18 19 20 21 22 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Reales BIP in Deutschland, % gg. Vorquartal Corona-Effekte verblassen 10
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