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3. Juli 2017
In vielen entwickelten Industrienationen hat sich das Trendwachstum seit Mitte der 70er Jahre deutlich abgeschwächt – so auch in Deutschland. Gegenwärtig überstahlt die dynamische Konjunktur diese schleichende Wachstumsschwäche. In diesem Zusammenhang ist der demografische Wandel für die deutsche Volkswirtschaft von besonderer Bedeutung. Er wird die Entwicklung des Erwerbspersonenpotentials, des Kapitalstocks und des technischen Wissens dämpfen. Bis 2025 dürfte sich das deutsche Trendwachstum somit nochmals halbieren auf dann nur noch 3/4 %. Daher sind die politischen Entscheidungsträger mehr denn je gefordert, dieser tiefgreifenden Entwicklung Rechnung zu tragen. Die Wahlprogramme und das bisherige Handeln der etablierten Parteien zeigen zu diesem zentralen Thema erwartungsgemäß unterschiedliche Positionen. [mehr]
Deutschland-Monitor Bundestagswahl 2017 Seit Mitte der 70er Jahre ist das Trendwachstum in den entwickelten Industrie- nationen kontinuierlich gesunken – auch in Deutschland . Bis 2025 dürfte es sich nochmals halbieren auf dann nur noch ¾ %. Die aktuelle dynamische Konjunktur überstrahlt diese schleichende Wachs- tumsschwäche. Zudem waren wachstumsfreundliche Maßnahmen in der zu Ende gehenden Legislaturperiode Mangelware, richtungsweisende Reformen wurden sogar zum Teil zurückgedreht. Arbeit, Kapital und technisches Wissen bestimmen die ökonomische Leistungs- fähigkeit der deutschen Volkswirtschaft. Das Wachstum der Arbeitsproduktivität wird bestimmt durch die Entwicklung der Kapitalausstattung je Arbeitseinheit, das Qualifikationsniveau und die Rate des technischen Fortschritts. Alterung und Schrumpfung belasten den Faktor Arbeit. Der demografische Wandel verringert das Erwerbspersonenpotenzial. Das Wachstum des Kapitalstocks ist derzeit gering , die Investitionstätigkeit ver- halten. Der Stand des technischen Wissens findet seine Entsprechung in der Totalen Faktorproduktivität . Deren Wachstumsbeitrag hat sich in der jüngeren Vergan- genheit abgeschwächt. Zu den möglichen Ursachen zählen beispielsweise nachlassende Spezialisierungsvorteile und eine geringere Effizienz in der Real- lokation der Produktionsfaktoren. Eine Steigerung der Erwerbsquote ist eine condito sine qua non. Bei beschleu- nigtem Strukturwandel setzt dies bessere Qualifikationen, aber auch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf voraus, v.a. für Frauen. Schulbildung sowie Aus- und Weiterbildung stützen zudem den qualitativen Wachstumsbeitrag des Faktors Arbeit. Mit dem Ausbau der Ganztagsschulen ist ein Schritt in die richtige Richtung getan. Gerade die fortschreitende Digitalisie- rung verlangt aber auch nach stetiger berufsbegleitender Weiterbildung. Produktivitätspotenziale können in einer arbeitsteiligen Wirtschaft besser reali- siert werden. Daher muss sich die Politik für offenen Welthandel einsetzen. Zu- sammen mit verbesserten Standortbedingungen dürfte dies auch das Wachs- tum des Kapitalstocks stützen und damit Deutschland auch in Zukunft Wettbe- werbsvorteile sichern. Autor Marc Schattenberg +49 69 910-31875 marc.schattenberg@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider 3. Juli 2017 Sinkendes deutsches Trendwachstum zu wenig im Fokus der Parteien Sinkendes deutsches Trendwachstum zu wenig im Fokus der Parteien 2 | 3. Juli 2017 Deutschland-Monitor Bundestagswahl 2017 Die Wahlen der letzten zwölf Monate brachten vielfach deutliche Überraschun- gen. Außenseiter wurden quasi an ihrer Partei vorbei Präsident oder gründeten gleich eine ganz neue Partei. In anderen Abstimmungen haben sich die Wähler von über Jahrzehnte etablierten Grundausrichtungen ihrer Landespolitik verab- schiedet. Dagegen stellt sich die deutsche Politik als Hort der Stabilität dar. Lediglich das Überraschungsmoment um die Nominierung von SPD-Kanzlerkandidat Schulz schien zumindest vorübergehend etwas Spannung zu verbreiten. Zwar ist die ökonomische Situation in Deutschland derzeit so gut wie lange nicht mehr. Aber der Umgang mit der Globalisierung, die Zukunft Europas, die veränderte globale Sicherheitslage, der Klimawandel und nicht zuletzt die sich immer deutlicher abzeichnenden demografischen Herausforderungen müssen von der kommen- den Regierung adressiert werden. Der Ihnen vorliegende Bericht ist der erste einer Reihe, in der Deutsche Bank Research untersucht, inwieweit die politi- schen Wettbewerber mit diesen und anderen wichtigen Themen umgehen und adäquate Lösungsvorschläge anbieten. Dabei erheben die Beiträge keinen An- spruch auf lückenlose Analyse der Wahlprogramme selbst. Sinkend es deutsches Trendwachstum zu wenig im Fokus der Parteien 3 | 3. Ju li 20 17 D euts c h l and- M on it or Sei t Mi tte der 70er Jahr e i st die W achstum srat e des real en B rutt oi nlandspro- dukt s (B I P) i n vi elen ent wick elt en Industr i enat i onen k onti nuierli ch gesunken. W ährend si ch Deutschl and gegenwärt i g i n ei ner Hoc hphase de s Konj unkt urz yk - l us befi ndet , ist di e Di skussi on über di ese – auch Deut sc hl and bet reff ende – struk t urel l e W achstum ssch wäche i n den Hi nt ergr und gerückt . Daher v erwundert es nic ht , dass sowohl der S achv erständi genrat als auch di e OECD, der l et zt en Legi sl at urper i ode ei ne mager e Ref orm bil anz att esti eren. Über di e Ursachen der W achstum sv erl angsam ung exi sti ert ei ne lebhaf t e wisse nschaf t li che Diskussion. Ei nige Ver t reter sprechen gar v on ei ner „ säkul aren Stagnati on“, der sich di e I ndustri el änder nic ht entzi ehen können. 1 Mit Bli ck auf Deut schl and i st zumi ndest der dem ografi sche W andel ei n unum stößli cher F akt . Um ei ne deutli che V er- l angsam ung des Tr endwach stum s auf unter 1% zu verhi ndern, m üssen i n der Ar bei t smark t -, der Bil dungs-, der S t euer- und der S t andort poli ti k sowie i n der Z uwanderu ng spol i ti k ber eit s heut e deutl i che Anpassun gen erf olgen. Überdi es m üsste di e Politi k mit Bli ck auf mit t elf ri sti g deut li ch begrenzt e Ei nkomm enszu- wäch se und Ver t ei l ungsspi el räum e ent sprec hendes Er wart ung sm anagem ent bet rei ben, anstat t wei t er (Um )V erteil ungshof f nungen zu nähren. Ei n k urzes Bei spi el z ur Ent wickl ung des m at eri ell en W ohl stands v erdeutli cht di ese Not wen di gkei t. W ächst das real e BI P pro Kopf mit ei ner j ährli chen Rat e v on 4%, wie si e bis zu den si ebzi ger J ahren nic ht ungewöh nl i ch war, dauer t es gut 17 Jahr e, bis sich der m ateri ell e Lebensstandar d v erdoppel t hat . Si nkt si e dauerhaf t auf den ak t uell en Wert v on 1, 4% (OECD) , so wären f ür eine v er- gl ei chbar e Zunahm e rund 50 Jahr e not wendi g. Diese Z ahl en v erdeut li chen, i nsbesonder e m it Bli ck auf den dem ografi schen W andel , dass die Z ei t wei t erer pol it i scher Li ppenbekennt ni sse l ängst v orbei i st. Di e bi sher v eröff entl i chten W ahlprogr amm e der etabli erten P art eien ent halt en zu di esem z ent ral en T hem a erwartungsgem äß unt erschi edli che P osi ti onen. Man or i enti ert sic h zu star k am erfreuli chen Stat us quo und beschäf t i gt sich i nt ensiv mit Verteil ungsf ragen. E i ne Ausnahm e bil den die Liberal en. Der F akt or Ar beit – Dem ograf i e und Bil dung Mi t Bli ck auf di e im A nhang det ailli ert erl äut erten Z usamm enhänge wird deutl i ch, dass si ch der W achstum sbei t rag des Ei nsat zf aktors „Arbei t “ aus der E nt wick - l ung der gel eistet en Ar beit sstunden und der en Q ual i t ät zusamm enset zt . Die Z ahl der mögli chen A rbei t sstunden i st grundsätz l i ch durch di e dem ografi sche Ent wick l ung beschränk t . Si e kann j edoch mit der Erwer bsbet ei l i gung der er- werb sf ähi gen Per sonen v ari i eren. Di e Kom ponent e „Qual it ät “ l ässt si ch hi nge- gen dur ch Aus- und W eit erbil dung posi t iv beei nfl ussen. Das angebot ene Ar bei t sv olum en i st durc h di e Er werbs bet ei li gung der P ersonen im erwerbsf ähi gen Al t er gegeben. F ür diese Zahl i st die dem ografi sche E nt wick - l ung m aß gebli ch. I n der j üngeren Ver gangenhei t war i n Deut schl and ei ne posi ti - v e Nett ozuwanderung zu v erz eichnen. Mi ttel - und l angfri sti g sind j edoch die Al t erung und der Bev ölker ungsrüc kgang f ür den Ar beitsm ark t v on entschei den- der B edeut ung. O hne wei t ere star ke Zuwanderun g wi rd di e deut sche E rwerbs- bev ölker ung daher z unächst al t ern und si ch im wei t eren Z eitv erl auf zunehm end v erri ngern. 2 Nach ei ner A nalyse der Bundesbank würde di e Bev ölker ung im erwerb sf ähi gen Alt er um rund 2, 5 Mi o. Per sonen schru m pf en. 3 Ei nen ersten Ei ndruc k di eser E nt wickl ung v ermi t t elt der der zei ti g spürbare r egi onal e Fach- kr äf t em angel. 1 Vgl . L . S u mm ers , S ec ul ar s t ag n ati on an d m on et ar y p olic y, F ed er al R es er ve B ank of St. L ou is R evi ew , S ec on d Q u art er 20 16 , 98( 2), pp . 9 3- 11 0. 2 Vgl . St at is tis c h es Bu nd es am t: B evöl k er un g D euts c h l ands bis 20 16, 13. K oor din i ert e B ev öl k e- run gs vor aus b er ech nu ng , 20 15. 3 B asi er end auf d er 1 3. K o ord ini ert en B ev öl k er un gs vor aus b er ec hn un g d es S t atis tis c h en Bu nd es am- tes, bei einem W anderungss aldo von Null. -1 0 1 2 3 4 5 6 71 76 81 86 91 96 01 06 11 14 Deuts c hland Fr ank r eich Italien Spanien UK J apan USA Ent wicklung des T rendw achs t ums 1 Veränder ung r eales BIP pro Erwer bs tätigenstunde gg. Vj. in %, HP-F ilter ***** * **** ****** ** ************** **** * ******* *** *** *** *** *** *** ****** **** ****** **** ****** **** ****** **** ****** **** ****** **** ********** *** ****** ******* *********** *** ******* * ****** ****** ****** ** ******** ***** ** *** *** ***** * ****** * * ** * * * * ** * * ** * * * * ** * * * ****** * * **** ********* ********* **** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** **** **** **** **** **** ******************** * ******************** * ******************* * * **** * ***** ***** * ** ** * ** ** * * **** *** **** *** **** *** ******** **** *** * **** **** ***** *** * ************ **** ** ****** ********* ********* *** ****** ******************** ***** *** *** ****** * ********** ****** ******** Sinkendes deutsches Trendwachstum zu wenig im Fokus der Parteien 4 | 3. Juli 2017 Deutschland-Monitor Die Deutsche Bundesbank kommt zu dem Ergebnis, dass die demografische Entwicklung das trendmäßige Wachstum mittelfristig deutlich reduzieren wird. Den Berechnungen zufolge wird das Potenzialwachstum zwischen 2021 und 2025 bei durchschnittlich 0,75% liegen. 4 Eine höhere Erwerbsbeteiligung und eine positive Außenwanderung könnten den Rückgang dämpfen. Die OECD empfiehlt an dieser Stelle vor allem, die Erwerbsbeteiligung von Frauen zu stärken. Dafür ist eine weitere Verbesserung der Ganztagskinderbe- treuung notwendig. Zusätzlich sollten Einkommenssteueranreize die Beschäfti- gungsaufnahme anregen. Notwendig ist auch eine erfolgreiche Arbeitsmarktin- tegration der zugewanderten Flüchtlinge. Weitere Reformpotenziale sieht der Sachverständigenrat bei der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, insbesondere mit Blick auf die Langzeitarbeitslosigkeit. Hinsichtlich der älter werdenden Erwerbsbevölkerung können flexible Arbeits- zeitmodelle einen Anreiz schaffen, länger in einer Erwerbstätigkeit zu verblei- ben. Davon kann auch der Wissenstransfer an jüngere Mitarbeiter profitieren. Gerade in Bezug auf die letztgenannten Punkte unterscheiden sich die parteipo- litischen Positionen. Während das eher linke Spektrum weitere Anreize für eine frühere Verrentung schaffen will und insbesondere eine weitere Anhebung des Rentenalters kategorisch ablehnt, zielt die konservative Seite, einschließlich der Liberalen, auf mehr Flexibilität, für längere Lebensarbeitszeiten. Mit Blick auf die Schrumpfung des Erwerbspersonenpotenzials ist der konservative Standpunkt wachstumsfreundlicher. Hier war allerdings die Politik der abgelaufenen Legisla- turperiode (Rente mit 63, Anhebung der Mütterrente) kontraproduktiv. Das lebenslange Lernen beginnt früh – Bildung, Bildung, Bildung Um den Wachstumsbeitrag des Faktors Arbeit weiter zu stärken, ist jedoch auch eine stetige Verbesserung der qualitativen Merkmale notwendig. Hier stellt die fortschreitende Digitalisierung besondere Herausforderungen dar, bietet aber auch Chancen. Dafür muss das Bildungssystem weiter flexibilisiert und ange- passt werden, denn das lebenslange Lernen beginnt früh. Das betrifft insbesondere die Förderung von kindlicher Bildung und Betreuung. Eine Verbesserung der Ganztagsbetreuung würde auch die Vollzeiterwerbsbe- teiligung von Frauen erleichtern. In Bezug auf das deutsche Schulsystem verweist die OECD auf den starken Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Herkunft und Bildungsabschluss. Daher sollte hier noch mehr Chancengleichheit verwirklicht werden. Aber auch im akademischen Bereich liegt noch Potenzial, insbesondere infolge der Verlagerung der Bildungsnachfrage, von der beruflichen Bildung zur Hoch- schule. 5 Dies führt gegenwärtig aber auch zu einer teilweise hohen Zahl von Studienabbrechen. Daher sollte die Personal- und die Finanzierungssituation der Hochschulen dieser höheren Anforderung angepasst werden. Dann kann auch das Ziel einer besseren Verzahnung von wissenschaftsbasierter berufli- cher Qualifizierung und Forschung von den Hochschulen realisiert werden. Der „Hochschulpakt 2020“ war hier schon ein Schritt in die richtige Richtung. Auch der sich in verschiedenen Bereichen abzeichnende Mangel an im dualen Beruf- sausbildungssystem qualifizierten Personen bedarf einer Antwort. So sollte die Zahl junger Menschen ohne Schulabschluss weiter vermindert werden. Infolge der Arbeitsmarktreformen zu Beginn der 2000er Jahre wurden viele Ar- beitskräfte mit geringerer Qualifikation in den Arbeitsmarkt integriert. Sie fanden 4 Vgl. Deutsche Bundesbank, Demografischer Wandel, Zuwanderung und das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft, Monatsbericht, April 2017, S. 42. 5 Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland 2016, 2016, S. 141f. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 Alter in Jahren Männer 2000 Frauen 2000 Männer 2015 Frauen 2015 Erwerbstätigenquote nach Alter und Geschlecht, 2000 und 2015 4 Quellen: Statistisches Bundesamt, BiB 19% 9% 4% 34% 35% 35% 39% 12% 4% 10% 0% 10% 20% 30% 40% 50% Vollzeittätigkeit nicht zu finden Aus- und Weiterbildung Krankheit oder Unfallfolgen persönl. od. famil. Verpflichtungen keine Vollzeittätigkeit aus anderen Gründen Frauen Männer Gründe für Teilzeiterwerbstätigkeit* 2013 5 Quellen: Statistisches Bundesamt, BiB *ohne Teilzeitbeschäftigte, die keinen Grund angaben 50% 58% 53% 53% 39% 18 bis 24 Jahre 25 bis 34 Jahre 35 bis 44 Jahre 45 bis 54 Jahre 55 bis 64 Jahre Teilnahmequote nach Alter Teilnahme von 18- bis 64-jährigen an Weiterbildungen, 2014 6 Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung Sinkendes deutsches Trendwachstum zu wenig im Fokus der Parteien 5 | 3. Juli 2017 Deutschland-Monitor ihre Beschäftigung hauptsächlich im Dienstleistungssektor. Dies hatte einen tendenziell dämpfenden Einfluss auf das durchschnittliche Qualifikationsniveau und damit auf die Arbeitsproduktivität. Daher kann hier durch Weiterbildungs- maßnahmen eine große Verbesserung erzielt werden, denn die fortschreitende Digitalisierung, Stichwort Industrie 4.0, wird vor allem auch den Dienstleistungs- sektor betreffen. Mit dem Ausscheiden der „Babyboomer“, tritt eine große Zahl sehr erfahrener Arbeitskräfte aus dem Erwerbsleben. Neben dem reinen Zahleneffekt, müssen die Unternehmen auch den Wissenstransfer bewältigen. Eine weitere Herausforderung stellen die zahlreichen Flüchtlinge dar, deren bisherige Qualifikationen stark variieren. Um sich gut in den Arbeitsmarkt integ- rieren zu können, ist vor allem das Erlernen der deutschen Sprache notwendig. Auch hier stimmen wir mit der OECD für eine Intensivierung der Maßnahmen. Somit sind über die gesamte Breite des Bildungsbereichs noch lange nicht alle Potenziale gehoben, um der Wachstumsschwäche entgegen zu wirken. In na- hezu allen Wahlprogrammen nimmt die Bildung also zu Recht eine herausra- gende Position ein. Es bleibt abzuwarten, welche Vorhaben schließlich umgesetzt werden. Das Hausaufgabenheft ist jedenfalls gut gefüllt. Der Faktor Kapital Der Wachstumsbeitrag des Faktors Kapital geht mit einem Gewicht von etwa einem Drittel 6 in die Gesamtbetrachtung ein. 7 Daran lässt sich bereits erkennen, dass der Wachstumsbeitrag des Faktors Kapital ein geringeres Gewicht hat als der des Faktors Arbeit. Für die Entwicklung des Einsatzfaktors Kapital sind die Investitionstätigkeit und die Abschreibungen maßgeblich. Der Faktor Kapital wird im Allgemeinen in Aus- rüstungen, Bauten und sonstige Anlagen unterschieden. In Deutschland ist die Investitionstätigkeit der Unternehmen auf einem niedrigen Niveau. Dies führte in der jüngeren Vergangenheit zu der Diskussion über eine deutsche Investitionslücke. 8 Dazu bildete das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die Expertenkommission zur „Stärkung von Investitionen in Deutschland“. Sie kam zu dem Schluss, dass im öffentlichen und im privaten Sektor eine signifikante Investitionsschwäche vorliegt. 9 Gerade mit Blick auf die privaten Investitionen blieb diese Aussage nicht ohne Widerspruch, denn es ist nicht ohne Weiteres möglich, die privaten Investitionen nach politischen Vorstel- lung zu steuern. Die Deutsche Bundesbank gibt hier auch zu bedenken, dass die verhaltenen Investitionen ein vorausschauendes Handeln der Unternehmen hinsichtlich des demografischen Wandels sein könnten. Andererseits kann die zurückhaltende Investitionstätigkeit auch auf weniger Abnutzung beziehungsweise geringere Überalterung des Produktionskapitals zurückzuführen sein. 10 Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Kausalität zwischen einer vermeintlichen Investitionsschwäche und einem geringen Pro- duktivitätswachstum keineswegs eindeutig. 11 6 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgut- achten – Mehr Vertrauen in Marktprozesse, 2014, S. 114. 7 Vgl. Anhang, Gleichung (1) und (2). 8 Vgl. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Wirtschaftliche Impulse für Europa, DIW Wochen- bericht 27, 2014. 9 Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Wesentliche Fakten zur „Investitionsschwäche“ in Deutschland, Monatsbericht 11, 2014. 10 Vgl. Deutsche Bundesbank, Demografischer Wandel, Zuwanderung und das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft, Monatsbericht, April 2017, S. 45. 11 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgut- achten – Zukunftsfähigkeit in den Mittelpunkt, 2015, S. 304. 39% 47% 66% 67% kein Berufs- abschluss Lehre/ Berufsfach- schule Meister/ Fach- schule (Fach-) Hoch- schule Teilnahmequote nach höchstem beruflichen Abschluss Teilnahme von 18- bis 64-jährigen an Weiterbildungen, nach Berufsabschluss, 2014 7 Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 91 94 97 00 03 06 09 12 15 18 21 Arbeitsvolumen Kapitalstock Totale Faktorproduktivität Potenzialwachstum in % Produktionspotenzial 8 Prozentpunkte Quellen: Sachverständigenrat, Statistisches Bundesamt Prognose 60 70 80 90 100 110 120 130 140 91 94 97 '00 03 06 09 12 15 % in Relation zum Nettobetriebsüberschuss in Relation zu Unternehmensgewinnen Investitionen in Relation zum Nettobetriebsüberschuss und zu den Unternehmensgewinnen 9 Quelle: Sachverständigenrat Sinkendes deutsches Trendwachstum zu wenig im Fokus der Parteien 6 | 3. Juli 2017 Deutschland-Monitor Daher sollten sich die politischen Entscheidungsträger eher auf die Stärkung der ökonomischen Rahmenbedingungen konzentrieren, als eine politisch be- stimmte gesamtwirtschaftliche Investitionsquote anzustreben. Diesem Ansatz widmen sich vor allem die Liberalen und die konservativen Parteien, während das eher linke Spektrum auf verstärkte Regulierung setzt. Die Totale Faktorproduktivität – der Stand des technischen Wissens Der Stand des technischen Wissens findet seine Entsprechung in der soge- nannten Totalen Faktorproduktivität (TFP). Sie ist nicht direkt beobachtbar, son- dern ergibt sich als Differenz zwischen der Wachstumsrate der Gesamtproduk- tion sowie der Summe der Wachstumsbeiträge der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Die TFP umfasst damit alle Produkt- und Prozessinnovationen. Ihre Wachstumsrate hat sich in den vergangenen 20 Jahren auf rund 0,5% abge- schwächt. In diesem Zusammenhang werden ganz verschiedene Ursachen diskutiert. Nach der rasanten Entwicklung der Informationstechnik in den 90er Jahren, könnte sich nun eine Beruhigung der Entwicklungsgeschwindigkeit eingestellt haben. Sehr pessimistische Stimmen meinen sogar, dass die Zeit des bahnbre- chenden technischen Fortschritts vorbei ist. Diese Position ist natürlich nicht ohne Widerspruch. In Bezug auf die deutsche Volkswirtschaft ist eine differen- zierte Betrachtung des Verarbeitenden Gewerbes und des Dienstleistungssek- tors interessant. Es zeigt sich, dass der größte Rückgang der TFP im Dienstleis- tungsbereich zu verzeichnen ist. Die überproportionale Ausweitung dieses Sek- tors kann daher einen großen Teil des Effekts in Deutschland erklären. Dane- ben hat sich auch die Steigerung der Fertigungstiefe im Verarbeitenden Gewer- be verlangsamt. Eine weitere Hypothese nimmt Bezug auf die Finanzierungsbedingungen. Im Niedrigzinsumfeld der letzten Jahre wurden möglicherweise viele wenig innova- tive Unternehmen am Leben erhalten. Damit wurden junge und innovative Un- ternehmen vom Markteintritt abgehalten. Die Interventionen am Kapitalmarkt hätten dann die Neuzuordnung der Produktionsfaktoren behindert. Produktionspotenziale können in einer international arbeitsteiligen Wirtschaft besser realisiert werden. Das betrifft sowohl die intra- als auch die interindustri- elle Reallokation von Produktionsfaktoren. Daher muss sich die Politik für einen offenen Welthandel einsetzen. Um den Wachstumsbeitrag des technischen Wissens weiter zu fördern, bedarf es eines forschungsfreundlichen Umfeldes. Einen Effekt auf die gesamtwirt- schaftliche Wachstumsrate hat dieser Faktor, wenn innovativen Unternehmen der Marktzutritt gelingt. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn es sich dabei um Firmen des Verarbeitenden Sektors handelt. Im Allgemeinen haben alle etablierten Parteien das Thema Forschung und Ent- wicklung mit unterschiedlichen Schwerpunkten in ihre Wahlprogramme aufge- nommen. Die Parteien der Regierungskoalition sowie die Liberalen sprechen sich allgemein für eine Förderung von Bildung und Forschung aus. Die Grünen sehen ihre Verantwortung zudem eher im Bereich der Regulierung. Vielleicht kann das Durchschnittsalter in den beiden großen Parteien von 60 Jahren und von rund 50 Jahren bei den Abgeordneten im Bundestag die man- gelnde Zukunftsorientierung der Politik in diesem Bereich mit erklären. Zudem dürfte auch eine Rolle spielen, dass die Verlangsamung des Trendwachstums ein schleichender Makroprozess ist, der für den Einzelnen kaum wahrnehmbar ist. Allerdings dürften die kurzfristigen Kosten der notwendigen Politikanpassung umso höher ausfallen, je länger die Politik untätig bleibt. Es dürfte also durchaus -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 92 95 98 01 04 07 10 13 Totale Faktorproduktivität Kapitalintensität Bauten Kapitalintensität Ausrüstungen und sonst. Anlagen Arbeitsproduktivität in % Wachstumsbeiträge zur Trendarbeits - produktivität im Verarbeitenden Gewerbe 10 Quelle: Sachverständigenrat Prozentpunkte 0 0,5 1 1,5 2 2,5 92 95 98 01 04 07 10 13 Totale Faktorproduktivität Kapitalintensität Bauten Kapitalintensität Ausrüstungen & sonstige Anlagen Arbeitsproduktivität in % Wachstumsbeiträge zur Trendarbeits- produktivität im Dienstleistungsbereich 11 Quelle: Sachverständigenrat Prozentpunkte Sinkendes deutsches Trendwachstum zu wenig im Fokus der Parteien 7 | 3. Juli 2017 Deutschland-Monitor einen Point of no return geben, ab dem es fast unmöglich wird, für diese Maß- nahmen noch Mehrheiten bei Parteien und Wählern zu finden. Marc Schattenberg (+49 69 910-31875, marc.schattenberg@db.com) Anhang Der folgende Abschnitt soll kurz veranschaulichen, wie sich die Einflussfaktoren auf das Produktionswachstum abgrenzen lassen. Dies lässt sich am besten mit der volkswirtschaftlichen Produktionsfunktion dar- stellen. Hierzu unterstellen wir, dass sich die volkswirtschaftliche Produktion durch folgende Cobb-Douglas-Produktionsfunktion abbilden lässt: (1) Y * * ** ** * * * * * * ** * * * *** * Die Produktion in der Periode t, also Y * , ist das Produkt der Einsatzfaktoren Arbeitsstunden und durchschnittliches Qualifikationsniveau, N * ** * , Kapital K * sowie dem Stand des technischen Wissens A * . Das technische Wissen wird durch die Totale Faktorproduktivität erfasst. Der Exponent * ist die Produktions- elastizität des Faktors Kapital. Dieses Vorgehen bedingt die Annahme vollstän- diger Konkurrenz auf den Faktormärkten und linearer Homogenität bzw. kon- stanter Skalenerträge in der Produktionsfunktion. 12 Durch Logarithmieren und die Bildung des totalen Differenzials kann die obige Niveaugleichung in einen Zusammenhang von Veränderungsraten überführt werden: (2) * *** * * * *** * * * * * *** * * * *** * * **** * * * *** * * **** * (3) * *** * * * *** * ******* * * * *** * * **** * Gleichung (3) zeigt, dass sich die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität * * aus der gewichteten Summe der Wachstumsraten des technischen Fortschritts, der Kapitalausstattung pro Arbeitseinheit * * * und der Zunahme des durchschnittli- chen Qualifikationsniveaus zusammensetzt. 12 Vgl. B. Gräf, Deutsche Bank Research, Deutsches Wachstumspotential: Vor demografischer Herausforderung, Aktuelle Themen - Demografie Spezial, 2003, S. 5f. 0 0,5 1 1,5 2 2,5 92 95 98 01 04 07 10 13 15 Total Faktorproduktivität Kapitalintensität Bauten Kapitalintensität Ausrüstung & sonst. Anlagen Arbeitsproduktivität % Prozentpunkte Wachstumsbeiträge der Komponenten zur Trendarbeitsproduktivität 12 Quelle: Sachverständigenrat In der Reihe „Deutschland-Monitor“ greifen wir politische und strukturelle Themen mit großer Bedeutung für Deutschland auf. Darunter fallen die Kommentierung von Wahlen und politischen Weichenstellungen sowie Technologie- und Branchenthemen, aber auch makroökonomische Themen, die über konjunkturelle Fragstellungen – die im Ausblick Deutschland behandelt werden – hinausgehen. Deutschland-Monitor © Copyright 2017. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations- zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste- henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. 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