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13. September 2022
Steigende Kosten und hohe Unsicherheit haben im zweiten Quartal zu einem rekordhohen Anstieg des Kreditvolumens mit Unternehmen und Selbstständigen geführt (EUR +35,4 Mrd.; +7,6% ggü. Vj.). Treiber waren kurzfristige Kredite an die Industrie. Alle Bankengruppen profitierten. Beispiellos auch das Plus der Kreditzinsen von 0,7-0,8 %-Punkten. Das Einlagenwachstum blieb klar zurück. Zum Ende der EZB-Käufe schnitten Anleiheemissionen (anders als Aktien-) nochmals gut ab. Die deutsche Konjunktur hat sich im zweiten Quartal spürbar verlangsamt (BIP +0,1% ggü. Vq.). Zwar kamen v.a. vom privaten und staatlichen Konsum positive Wachstumsbeiträge, diese wurden jedoch von Bau und Außenhandel großteils aufgezehrt. Ab H2 ist eine Rezession wahrscheinlich, da die Privathaushalte unter dem inflationsbedingt starken Kaufkraftverlust leiden und die Nettoexporte negativ bleiben dürften. Wir haben unsere BIP-Prognose für 2023 deutlich nach unten angepasst. [mehr]
Deutschland-Monitor Unternehmensfinanzierung Unternehmensfinanzierung Historisches Kreditplus & Zinsanstieg. Höhere Kosten und große wirtschaftliche Unsicherheit haben im zweiten Quartal zum absolut gesehen größten Kreditan stieg mit Unternehmen und Selbstständigen geführt, der in Deutschland je ver zeichnet wurde (EUR +35 Mrd., +2,3%). Das Kreditvolumen liegt damit 7,6% über dem (allerdings vergleichsweise niedrigen) Vorjahresniveau. Wesentlicher Treiber war der wachsende Bedarf in der Industrie nach kurzfristigen Darlehen. Alle Bankengruppen profitierten. Gleichzeitig schnellten auch die Kreditzinsen aufgrund der Zinswende so kräftig in die Höhe wie noch nie seit Beginn der Sta tistik vor 20 Jahren, um rund 0,7 - 0,8 %-Punkte. Sie liegen mittlerweile durch die Bank weg wieder über 2%, wie zuletzt 2014. Da die Einlagenzinsen wesent lich weniger stark zulegten, konnten die Banken ihre Zinsmarge ausweiten. Das Volumen der Einlagen (+3,8% ggü. Vj.) wuchs gleichzeitig deutlich schwächer als das der Kredite. Noch dynamisches Anleihegeschäft, übrige Finanzierungsalternativen eher ver halten. Im letzten Quartal der Anleihekäufe durch die EZB wurden in Deutsch land netto nochmals EUR 4,8 Mrd. an Unternehmenstiteln emittiert. Eine Abküh lung zeichnet sich jedoch ab. Angesichts sinkender Kurse trocknete der Markt für Aktienemissionen weiter aus. Bei Commercial Paper und dem Leasing lief es relativ unspektakulär. Konjunktur BIP-Wachstum stagniert nahezu in Q2, Revision für Q1. Wachstumsimpulse ka men zu Beginn des Sommerhalbjahres vom privaten Verbrauch, von den staatli chen Konsumausgaben sowie in geringem Maße von den Ausrüstungsinvestiti onen und Vorratsveränderungen. Allerdings bremsten die Bauinvestitionen und der Außenbeitrag das BIP-Wachstum in Q2 auf nur 0,1% ggü. Vq. herunter. Die Wachstumsrate für Q1 wurde auf 0,8% ggü. Vq. nach oben revidiert, von zuvor 0,2%. Rezession ab H2 wahrscheinlich, BIP-Prognose für 2023 deutlich nach unten angepasst. In der zweiten Jahreshälfte dürften die konjunkturellen Gegenwinde die Oberhand gewinnen, und die Wirtschaft in eine Rezession rutschen. Die pri vaten Haushalte werden einen massiven Kaufkraftverlust schultern müssen und auch die Nettoexporte dürften weiter bremsen. In 2022 könnte das deutsche BIP noch 1% wachsen. In 2023 erwarten wir nun einen Rückgang von -3 ½%. Autoren Jan Schildbach +49 69 910-31717 jan.schildbach@db.com Marc Schattenberg +49 69 910-31875 marc.schattenberg@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider 13. September 2022 Kreditboom in Q2 2022, Konjunk tur vor schweren Zeiten Kreditboom in Q2 2022, Konjunktur vor schweren Zeiten 2 | 13. September 2022 Deutschland-Monitor Unternehmensfinanzierung in Deutschland Kreditvolumen Im Kreditgeschäft mit Unternehmen und Selbstständigen hat es in den letzten Jahren schon einige Aufs und Abs gegeben. Dennoch sticht das zweite Quartal 2022 heraus. Noch nie war - absolut betrachtet - der Anstieg des Kreditvolu mens in einem Vierteljahr in Deutschland so stark (EUR +35,4 Mrd.), prozentual lag er zuletzt im Jahr 1999 gleichauf (+2,3%). Es unterstreicht den großen Schock, den der Ukraine-Krieg, die Energiekrise, die ausufernde Inflation, die plötzliche und kräftige Zinswende sowie die allgemeine Furcht vor einer Rezes sion bei den Unternehmen ausgelöst haben (zu den Details des aktuellen Kon junkturverlaufs und -ausblicks siehe Teil 2 im Anschluss). Der Vorjahresver gleich legte sprunghaft von 4,9% im ersten Quartal auf jetzt 7,6% zu. Das ist der höchste Wert seit dem Wiedervereinigungsboom. Zum einen steigen die Input Kosten - v.a. durch höhere Energie- und Rohstoffpreise. Zum anderen ist die Unsicherheit enorm, was die Versorgung mit Gas im kommenden Winter und allgemein die Konjunkturaussichten angeht, angesichts einer sich abkühlenden Weltwirtschaft, einer krisenbedingt höheren Sparneigung der Privathaushalte und fortbestehender Lieferengpässe. Das erhöht den Liquiditätsbedarf. Zudem nehmen seit einigen Monaten die Finanzierungskosten zu, sind aber im histori schen Vergleich immer noch gering, sodass es sich lohnen kann, sich die relativ niedrigen Zinsen zu sichern. In Euroland als Ganzes verlief die Entwicklung ähnlich, auch aufgrund der ver gleichbaren Gesamtsituation. Hier kletterte der Kreditbestand mit nichtfinanziel len Unternehmen zwischen März und Juni kräftig um EUR 107 Mrd. (+2,2%) und der Zuwachs gegenüber Vorjahr sprang in die Höhe (auf +6,1%). Das über trifft ebenfalls die Dynamik während der Corona-Pandemie und ist der höchste Wert seit der Finanzkrise. Vor einem Jahr hatte das Kreditvolumen praktisch noch stagniert. Mit Blick auf einzelne Branchen in Deutschland ist insbesondere die beschleu nigte Kreditvergabe an das Verarbeitende Gewerbe markant. Hier schnellte der 12-Monats-Vergleich auf +12,5% empor. Das ist jedoch ein recht volatiles Seg ment, in dem es über einen längeren Zeitraum kaum Wachstum gegeben hat: Die nominalen Höchststände des Kreditvolumens zu Beginn des Jahrtausends, während der Finanzkrise und während der Corona-Pandemie sind bislang je weils unerreicht. Wesentlich stetiger schneidet das Kreditgeschäft mit dem Dienstleistungssektor und Selbstständigen ab (+6,6% ggü. Vj. bzw. +4,5% - in beiden Fällen de facto stabil auf hohem Niveau). Übrigens ist damit aus Sicht der Banken auch ein langfristiger Bedeutungsverlust der Industrie verbunden: Lag deren Anteil am gesamten Kreditbuch mit Unternehmen und Selbstständi gen 1999 noch bei fast 15%, waren es zuletzt sogar weniger als 10%. Unter den einzelnen Industriebranchen kam die Chemie auf das stärkste Kredit plus (+42% ggü. Vj., wobei das ein schwankungsanfälliger Wirtschaftszweig ist), gefolgt von Gummi/Kunststoffen (+19%) und der Elektrotechnik (+15%). Auch die Kernbranche Maschinenbau/Auto lag im zweistelligen Bereich. Hinsichtlich der Kredite an Dienstleister lagen die Beteiligungsgesellschaften vorn (+13%), aber am meisten ins Gewicht fiel der dynamische, 9%-ige Anstieg bei Wohnungsunternehmen, der absolut gesehen wichtigsten Einzelbranche überhaupt. Höher war die Zunahme zuletzt während der Finanzkrise. Bei Ge werbeimmobilien ließ der Schwung etwas nach (+4%), genauso wie bei Touris mus/Gastronomie (+1%, nach hohen Steigerungen während der Corona-Krise nun der schwächste Wert seit 2015). Unverändert robust läuft es bei Telekom/ Beratung/Werbung, den unternehmensnahen Dienstleistungen (+6%). Bei den sonstigen Branchen entwickelt sich das Kreditvolumen mit dem Handel (+13% ggü. Vj.) und dem Bau (+12%) besonders schwungvoll, aber auch Ver- -2 0 2 4 6 8 17 18 19 20 21 22 ggü. Vorjahr ggü. Vorquartal Kredite an inländische Unternehmen und Selbstständige* 1 % * ohne sonstige Finanzinstitute Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research -15 -10 -5 0 5 10 15 17 18 19 20 21 22 Verarbeitendes Gewerbe Dienstleistungssektor Selbstständige ... nach Branche 2 % ggü. Vorjahr Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research -15 -10 -5 0 5 10 15 20 25 17 18 19 20 21 22 Kurzfristige Kredite Mittelfristige Kredite Langfristige Kredite ... nach Fristigkeit* 3 % ggü. Vorjahr * ohne sonstige Finanzinstitute Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research -15 -10 -5 0 5 10 15 20 17 18 19 20 21 22 Kreditbanken darunter Großbanken darunter Auslandsbanken Landesbanken Sparkassen Kreditgenossenschaften ... nach Bankengruppe* 4 * ohne sonstige Finanzinstitute % ggü. Vorjahr Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research Kreditboom in Q2 2022, Konjunktur vor schweren Zeiten 3 | 13. September 2022 Deutschland-Monitor sorger/Bergbau liegen deutlich im Plus (+9%), während der Verkehr (-3%) das Schlusslicht unter allen Wirtschaftszweigen bildet (allerdings nach einem eben falls deutlichen Anstieg während der Pandemie). Mit Blick auf die Fristigkeiten schlug sich die angespannte Gesamtlage am sicht barsten in einem weiter sehr kräftigen Wachstum der kurzfristigen Ausleihungen (Laufzeit < 1 Jahr) nieder. Dieses hält seit Herbst an, sodass sich der Vorjahres vergleich mittlerweile auf beeindruckende +24% erhöht hat. Zugegebenerma ßen weist diese Kreditkategorie traditionell die größten Schwankungen auf und umfasst heute absolut betrachtet ein geringeres Volumen als vor 20 Jahren. Gut lief es ebenso in den anderen Laufzeitbändern von 1 - 5 Jahren (+8,1% ggü. Vj.) und darüber (+5,2%). Vom Kreditboom profitieren sämtliche Bankengruppen . Die ohnehin etwas vola tileren Auslandsbanken und Förderbanken (einschließlich DZ Bank) setzten sich an die Spitze (+16,9% bzw. +14,6% ggü. Vj.), gefolgt von den Großbanken (+8,7%). Diese drei sind auch im Verarbeitenden Gewerbe besonders präsent oder stehen in der aktuellen Situation im Fokus. Die eher stetig wachsenden Genossenschaftsbanken und Sparkassen (+8% bzw. +6,3%) sowie die Landes banken (+7,1%) lagen aber nicht weit dahinter. Für die beiden Erstgenannten ist es sogar jeweils das kräftigste Plus seit der Euro-Einführung 1999, für Landes banken und das Aggregat der Kreditbanken immerhin der beste Wert seit der Fi nanzkrise. Im zweiten Quartal legten die Auslandsbanken in der Chemie und dem Handel am deutlichsten zu, die Förderbanken im Handel und dem Verkehr. Kreditge nossenschaften und Sparkassen schnitten am besten bei den Wohnungsunter nehmen ab, Erstere darüber hinaus am Bau und bei den unternehmensnahen Dienstleistungen, Letztere im Gewerbeimmobiliensegment. Großbanken und Landesbanken verzeichneten keine eindeutigen Branchenschwerpunkte. Andere Finanzierungsquellen Nichtbanken emittierten in Q2 netto EUR 550 Mio. an Commercial Paper , ein recht unspektakuläres Ergebnis. Im letzten Quartal der breit angelegten Anleihekäufe durch die EZB („Quantita tive Easing") kamen in Deutschland Unternehmensanleihen in Höhe von netto EUR 4,8 Mrd. neu auf den Markt. Das belegt die hierzulande bis dato gute Marktdynamik, wobei aufgrund des Wegfalls des „ultimativen Käufers" dem nächst eine Abkühlung zu erwarten ist. In Euroland als Ganzes war es in den letzten Monaten schon soweit, angesichts einer Nettoemission von gerade ein mal EUR 3,5 Mrd. von April bis Juni (d.h. einem Minus außerhalb von Deutsch land). Gleichzeitig erwarb die EZB nochmals EUR 14,7 Mrd. an Unternehmens titeln, rechnerisch also ein Mehrfaches. Damit kommt die Notenbank auf insge samt EUR 345 Mrd. an gehaltenen Unternehmensanleihen, ein beträchtlicher Anteil verglichen mit einem ausstehenden Volumen von rund EUR 1,6 Bill. Das Leasinggeschäft verbuchte in Q2 Neuabschlüsse im Umfang von EUR 11 Mrd. bei Mobilien und EUR 366 Mio. bei Immobilien, mithin Werte im Durch schnitt der Vorjahre. Gegenüber Q2 2021 gab es unter dem Strich einen Rück gang um 10%, der aber praktisch ausschließlich auf eine Normalisierung bei Pkw zurückzuführen war; die übrigen Bereiche blieben weitgehend stabil. Der Markt für Aktienemissionen ist im vergangenen Quartal angesichts unter Druck stehender Kurse weiter ausgetrocknet. Wie schon zum Jahresauftakt fand kein nennenswerter Börsengang oder eine größere Kapitalerhöhung statt, das Gesamtvolumen fiel auf nur EUR 460 Mio. Einlagenvolumen Die Einlagen von Unternehmen und Selbstständigen sind zwischen März und Juni insgesamt gesunken, aber weniger stark als im Vorjahreszeitraum, sodass -5 0 5 10 15 20 25 17 18 19 20 21 22 Anleihen inländischer nichtfinanzieller Unternehmen, Nettoemission 6 Mrd. EUR Quellen: EZB, Deutsche Bank Research -8 -6 -4 -2 0 2 4 6 17 18 19 20 21 22 Commercial Paper inländischer Nichtbanken, Nettoemission 5 Mrd. EUR Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research 0 2 4 6 8 10 12 14 16 17 18 19 20 21 22 Mobilien Immobilien Mrd. EUR Leasinggeschäft, Neuvolumen* 7 * statistischer Bruch in Q1 2018. Entspricht nicht dem Gesamtmarkt. Quelle: BDL 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 17 18 19 20 21 22 Aktienemissionen inländischer Unternehmen (einschl. Finanzinstitute) 8 Mrd. EUR Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research Kreditboom in Q2 2022, Konjunktur vor schweren Zeiten 4 | 13. September 2022 Deutschland-Monitor sich auf 12-Monats-Sicht ein etwas höherer Anstieg um 3,8% ergibt. Dabei stag nierten die Sichteinlagen zuletzt mehr oder weniger (EUR +0,6 Mrd.) und die Termingelder waren, wie seit Jahren der Regelfall, rückläufig (EUR -8,6 Mrd.). Die verhältnismäßig gedämpfte Einlagenentwicklung bei äußerst dynamischer Kreditvergabe deutet auf zunehmenden Kostendruck hin, etwa durch galoppie rende Energiepreise. Ergebnisse des Bank lending surveys der EZB An den generellen Kreditstandards änderte sich auch im abgelaufenen Quartal sehr wenig. Bei den konkreten Bedingungen für tatsächlich ausgereichte Darle hen meldeten netto immerhin 10% der Banken eine Verschärfung verglichen mit dem Vorquartal, was im Wesentlichen an den erhöhten Margen sowohl für durchschnittliche als auch für riskantere Kredite lag (ebenfalls berichtet von 10% der Institute). Im Euroraum insgesamt verschärften 16% der Banken ihre Kredit standards - zwar nur eine Minderheit, aber der höchste Anteil seit der Euro Staatsschuldenkrise 2011. Im Einklang mit dem starken Volumenwachstum registrierten 23% der Banken erneut eine gestiegene Kreditnachfrage in Deutschland, wobei das Plus bei langfristigen Krediten merklich schwächer ausfiel (nur 3%). Entscheidender Fak tor war der aufgrund der allgemeinen Inflationsentwicklung zunehmende Mittel bedarf zur Finanzierung laufender Ausgaben (39%), während geringere Investi tionsaufwendungen mildernd wirkten (10%). Im Euroraum vermeldeten lediglich 12% der Institute eine höhere Nachfrage. Für das laufende Quartal gehen die Banken von einer moderaten Verschärfung der Kreditstandards aus (13%), wobei sie eine ähnliche Erwartung im Vorquartal nicht in die Tat umsetzten. Bemerkenswert: Auch wenn es netto nur 3% der Banken betrifft, so rechnet die Branche unter dem Strich nun mit einem Nachfra gerückgang, dem ersten seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Dabei soll die Nachfrage nach kurzfristigen Krediten und solchen an KMU noch steigen, die nach langfristigen Krediten und solchen an große Unternehmen dagegen kräftig schrumpfen. Die Einschätzungen der Euroland-Banken insgesamt mit Blick auf Kreditstandards ebenso wie -nachfrage unterscheiden sich davon kaum. Insge samt dürften die aktuellen Vorzieheffekte jedoch eine Abschwächung der Kredit nachfrage in den kommenden Quartalen nach sich ziehen. Zinssätze War die Entwicklung der Zinsen im Kredit-Neugeschäft in Q1 schon ungewöhn lich, so war sie in Q2 beispiellos. Seit Beginn der Statistik 2000 bzw. 2003 hat es in fast allen Kategorien noch nie einen derart steilen Anstieg gegeben, aller dings auch von einem nie dagewesenen niedrigen Niveau. Einzige Ausnahme waren kleinere Kreditvolumina < EUR 1 Mio. an Kapitalgesellschaften, wo die Zinsen um relativ überschaubare 0,2 %-Punkte auf 2,1% kletterten. In den meis ten anderen Bereichen betrug das Plus 0,7-0,8 %-Punkte, womit die Zinsen schlagartig überall über der 2%-Schwelle liegen, zwischen 2,1% und 2,5%. Das entspricht ungefähr dem Stand von Ende 2014. Ebenso interessant: Trotz des höheren Niveaus hat die Spreizung der Zinssätze zwischen den verschiedenen Größenklassen und Zinsbindungsfristen verglichen mit den Vorjahren nicht zu-, sondern abgenommen. Weiteres Novum: Zum ersten Mal überhaupt muss für große Kredite > EUR 1 Mio. mehr bezahlt werden als für kleinere. Die Zinsen für Sichteinlagen haben auf die Zinswende bisher nicht reagiert und verharrten im Juni bei -15 Bp. Allerdings galt da auch noch der alte Einlagen satz der EZB von -50 Bp. Termineinlagenzinsen legten erneut moderat zu, wie schon in Q1, auf -29 Bp. Hier stehen größere Veränderungen also noch bevor. Insgesamt unterstreicht das die schon im Bank lending survey berichtete Aus weitung der Zinsmarge der Banken. Jan Schildbach (+49 69 910-31717, jan.schildbach@db.com) 1.000 1.050 1.100 1.150 1.200 1.250 1.300 1.350 1.400 1.450 1.500 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 70 17 18 19 20 21 22 Termineinlagen, ggü. Vorquartal (links) Sichteinlagen, ggü. Vorquartal (links) Volumen insgesamt** (rechts) Mrd. EUR Sicht-und Termineinlagen von inländi schen Unternehmen &Selbstständigen* 9 * einschließlich sonstiger Finanzinstitute ** Enthält Anstieg um EUR 1,1 Mrd. in Q3 20 aufgrund statistischer Umklassifizierungen. Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research -10 -5 0 5 10 15 20 Q3 19 Q1 20 Q3 20 Q1 21 Q3 21 Q1 22 Q3 22 Deutschland Euroraum * Q3 22 erwarteter Wert ... verschärft ... gelockert Bank lending survey: Kreditstandards für Unternehmen* 10 Quellen: Bundesbank, EZB -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 70 Q3 19 Q1 20 Q3 20 Q1 21 Q3 21 Q1 22 Q3 22 Deutschland Euroraum ... gestiegen Bank lending survey: Nachfrage nach Unternehmenskrediten* 11 * Q3 22 erwarteter Wert Quellen: Bundesbank, EZB ... gesunken Kreditboom in Q2 2022, Konjunktur vor schweren Zeiten 5 | 13. September 2022 Deutschland-Monitor -15 -10 -5 0 5 10 15 20 Q2 19 Q4 19 Q2 20 Q4 20 Q2 21 Q4 21 Q2 22 Deutschland Euroraum ... verschärft ... gelockert Bank lending survey: Kreditkonditionen für Unternehmen insgesamt 12 Quellen: Bundesbank, EZB -15 -10 -5 0 5 10 15 20 Q2 19 Q4 19 Q2 20 Q4 20 Q2 21 Q4 21 Q2 22 Deutschland Euroraum ... gesunken ... darunter Margen für durchschnittliche Unternehmenskredite 13 Quellen: Bundesbank, EZB ... gestiegen 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 17 18 19 20 21 22 Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften, ≤ EUR 1 Mio. Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften, > EUR 1 Mio. Kredite an Selbstständige und Personengesellschaften % Ø-Zins im Kredit-Neugeschäft, nach Kredithöhe 15 Quelle: EZB 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 17 18 19 20 21 22 Kredite mit Zinsbindung ≤ 1 Jahr Kredite mit Zinsbindung von 1-5 Jahren Kredite mit Zinsbindung > 5 Jahre ... nach Zinsbindungsfrist 16 %, Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften Quelle: EZB -0,6 -0,5 -0,4 -0,3 -0,2 -0,1 0,0 0,1 17 18 19 20 21 22 Sichteinlagen Termineinlagen % Ø-Zins auf Einlagen von nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften (Neugeschäft) 17 Quelle: EZB -10 -5 0 5 10 15 20 25 30 Q2 19 Q4 19 Q2 20 Q4 20 Q2 21 Q4 21 Q2 22 Deutschland Euroraum ... gesunken ... darunter Margen für riskantere Unternehmenskredite 14 Quellen: Bundesbank, EZB ... gestiegen Kreditboom in Q2 2022, Konjunktur vor schweren Zeiten 6 | 13. September 2022 Deutschland-Monitor Deutsches BIP-Wachstum stagniert nahezu in Q2, Revision für Q1 - Wachstumsimpulse kamen zu Beginn des Sommerhalbja hres vom privaten Verbrauch, von den staatlichen Konsumausgaben sowie in geringem Maße von den Ausrüstungsinvestitionen und Vorratsveränderungen. Allerdings bremsten die Bauinvestitionen und der Außenbeitrag das BIP-Wachstum in Q2 auf nur 0,1% ggü. Vq. herunter. Die Wachstumsrate für Q1 wurde auf 0,8% ggü. Vq. nach oben revidiert, von zuvor 0,2%. - In H2 dürften die konjunkturellen Gegenwinde die Oberhand gewinnen, und die deutsche Wirtschaft in eine Rezession rutschen. Die privaten Haushalte werden einen massiven Kaufkraftverlust schultern müssen und auch die Nettoexporte dürften weiter bremsen. In 2022 könnte das deutsche BIP noch 1% wachsen. In 2023 erwarten wir nun einen Rückgang von -3 ½%. Ab H2 2022 Rezession wahrscheinlich, BIP-Prognose für 2023 deutlich nach unten angepasst In der zweiten Jahreshälfte dürfte die deutsche Wirtschaft in eine Rezession rut schen. Trotz staatlicher Stützungsmaßnahem werden die privaten Haushalte weiterhin einen spürbaren realen Kaufkraftverlust schultern müssen, der sich zum Jahresende hin noch verstärken könnte. Nach Wegfall der jüngsten staatli chen Dämpfungsmaßnahmen dürfte die Inflationsrate im September deutlich in Richtung 9% ggü. Vj nach oben schießen. Im Jahresdurchschnitt von 2022 dürf ten die Verbraucherpreise um 8% zulegen. Vom Außenbeitrag sind zunächst auch nur negative Impulse für das deutsche BIP zu erwarten. Turnusgemäß wurden die bisher veröffentlichten BIP-Daten in Q2 überarbeitet. Danach expandierte die deutsche Wirtschaft zu Jahresbeginn doch kräftiger (Q1: 0,8% ggü. Vq.) als zuvor gemeldet (0,2%). Alle Unterkomponenten waren von Revisionen betroffen, wobei der private Verbrauch (+0,9%-Punkte) hervor zuheben ist. Auch die Jahresraten für 2020 (rev. -3,7%, +0,8 %-Punkte) und 2021 (rev. 2,6%, -0,3%-Punkte) wurden nennenswert angepasst. Gestützt durch den robusten Jahresauftakt könnte das BIP im laufenden Jahr gerade noch 1% expandieren. Die nun auf unabsehbare Zeit ausgesetzten rus sischen Gaslieferungen durch Nord Stream 1 (zuletzt 350 GWh pro Tag) stellen für die deutsche Wirtschaft ein bedeutendes Abwärtsrisiko dar, insbesondere mit Blick auf das kommende Jahr. Ein positiver Faktor sind die kräftigen Gaszu flüsse aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden. Sie belaufen sich zur Zeit auf etwa 2.400 GWh pro Tag (11. Sep). Je nach gesamtwirtschaftlichem Ver brauchsverhalten könnten Ende Q1 2023 durchaus physische Gasknappheiten auftreten. In Kombination mit Zweitrundeneffekten könnte die deutsche Inflati onsrate im Jahresdurchschnitt von 2023 erneut bei mindestens 8% liegen. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Wachstumsprognose für das deutsche BIP im kommenden Jahr auf -3 ½% nach unten angepasst (zuvor -1%). Konjunktur in Q2 bereits deutlich verlangsamt Mit einem Wachstum von nur 0,1% ggü. Vq. stagnierte die deutsche Wirtschaft in Q2 nahezu. Dabei entwickelten sich die einzelnen Verwendungskomponen ten sehr unterschiedlich. Spürbare Wachstumsimpulse kamen vom staatlichen Konsum (0,5 %-Punkte) und vom privaten Verbrauch (0,4 %-Punkte), sowie in geringem Maße (je 0,1 %-Punkte) von den Ausrüstungsinvestitionen und Vor ratsveränderungen. Ein kräftiger Rückprall der Bauinvestitionen und der deutlich -15 -10 -5 0 5 10 15 -10 -6 -2 2 6 10 19 20 21 22 23 % ggü. Vq. (links) % ggü. Vj. (rechts) Prognose Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Deutsches BIP: Ab H2 2022 Rezession wahrscheinlich 18 -5 0 5 10 15 20 18 19 20 21 22 Produzentenpreise Importpreise Konsumentenpreise (VPI) Konsumentenpreise ohne Energie % ggü.Vj. Quelle: Statistisches Bundesamt Deutsche Inflation auf verschd. Ebenen, Q2VPIvon staatl. Maßnahmen gedämpft 19 Kreditboom in Q2 2022, Konjunktur vor schweren Zeiten 7 | 13. September 2022 Deutschland-Monitor negative Außenbeitrag reduzierten das BIP-Wachstum in Q2 um 0,4 bzw. 0,6 %-Punkte. Die Importe legten 1,6% ggü. Vq. zu, während die Exporte aufgrund der schwachen Industrieproduktion (Q2: -0.9% ggü. Vq.) lediglich 0,3% ggü. Vq. expandieren konnten. Bauinvestitionen in Q2 rückläufig, Ausrüstungen halten sich Die Bruttoanlageinvestitionen schrumpften in Q2 um -1,3% ggü. Vq. (Q1: 2,1%). Ausschlaggebend war die im Vorquartalsvergleich kräftige Gegenbewegung der Bauinvestitionen (-3,4% ggü. Vq.), nachdem diese in Q1 dank milder Witterung um 3,1% zugelegt hatten. Laut ifo-Umfragen erreichte der Material- und Fach kräftemangel am Bau in Q2 neue Höchststände und dürfte die Bautätigkeit emp findlich gebremst haben. Die Knappheiten ließen die Materialpreise kräftig stei gen. Zudem sind Zinsen für Baufinanzierungen zuletzt deutlich gestiegen. In der Konsequenz gaben im Juli laut ifo-Umfrage 11,5 % der Wohnungsbauunterneh men an, Projekte zu streichen. Nach einer positiven Gegenbewegung in Q3 (1% ggü. Vq.) dürfte das Wachstum der Bauinvestitionen infolge der zahlreichen Ge genwinde eher verhalten bleiben. Die Ausrüstungsinvestitionen blieben in Q2 (1,1 % ggü. Vq.) weiterhin (rev. Q1: 1,7%) aufwärtsgerichtet. Die inländischen Investitionsgüterumsätze zogen in Q2 wieder spürbar an. Nur aufgrund eines statistischen Unterhangs lagen sie im Vorquartalsvergleich bei -3,2%. Im Gegenzug profitieren sie in Q3 von einem Überhang. Selbst wenn die inländischen Investitionsgüterumsätze auf ihrem Juli-Niveau verharren, würden sie in Q3 um 4,7% ggü. Vq. zulegen. So könnten auch die Ausrüstungsinvestitionen ihre Aufwärtsdynamik in Q3 (DBR: 0,5% ggü. Vq.) noch beibehalten. Im Verlauf von H2 dürfte dann aber das negative Kon junkturumfeld zunehmend durschlagen. Schon jetzt ist das Stimmungsbild in der Industrie mit Blick auf die Auftragsentwicklung (Aug: PMI Neuaufträge: 40,9 Punkte, Exportneuaufträge: 41,5) äußerst trübe. Privater Verbrauch expandiert noch in Q2, Inflation steigt deutlich Der private Verbrauch hielt sich in Q2 mit 0,8% ggü. Vq. überraschend robust. Zudem wurde auch die Wachstumsrate für Q1 auf 0,8% ggü. Vq. revidiert, von zuvor -0,1%. Die positive Dynamik nach dem Wegfall der pandemiebedingten Einschränkungen wirkte sich zu Beginn des Sommerhalbjahres kräftig auf die Dienstleistungsnachfrage aus. Währenddessen schrumpften die realen Einzel handelsumsätze (Q2: -3,6% ggü. Vq., Q1: -0,6% ggü. Vq.) spürbar. Der Krieg in der Ukraine und die zunehmend spürbaren wirtschaftlichen Folgen ließen das Verbrauchervertrauen zuletzt auf immer neue Tiefststände (Sep: -36,5) stürzen. Vor allem die massiv gestiegenen Verbraucherpreise (Q2: 7,6% ggü. Vj.) und die Unsicherheiten hinsichtlich der Gasversorgung belasten stark. Nach dem Auslaufen der ersten staatlichen Dämpfungsmaßnahmen (9-Euro-Ticket, „Tankrabatt") dürfte die deutsche Inflationsrate im September auf über 9% ggü. Vj. hochschießen. Die angekündigten Hilfen aus dem Dritten Entlastungspaket werden den immensen Kaufkraftverlust lediglich abmildern können. Daran dürfte auch die Mindestlohnanhebung auf EUR 12 ab Oktober nur wenig ändern. In realer Rechnung dürfte der private Verbrauch ab H2 spürbar zurückgehen, vor allem da die Konsumenten zunehmend hohe Energierechnungen verkraften müssen. Die Sparquote könnte dann sogar unter den Stand von 10,8% in Q2 fallen, zumindest temporär. Zwar markierte die Sparneigung laut Gfk im August (3,5 Punkte) ein 11-Jahreshoch, dennoch dürfte es den privaten Haushalten schwerfallen dies auch tatsächlich umzusetzen. Einhergehend mit einer zum Herbst hin nachlassenden Dienstleistungsnachfrage könnte der private Ver brauch in H2 um etwa 4% schrumpfen. -16 -12 -8 -4 0 4 8 12 16 16 17 18 19 20 21 22 Investitionen, insgesamt Ausrüstungsinvestitionen Bauinvestitionen Bauinvestitionen in Q2 im Rückwärtsgang, Ausrüstungen legen weiterhin leicht zu 20 % ggü. Vq., sb. Quelle: Statistisches Bundesamt 70 74 78 82 86 90 -16 -11 -6 -1 4 9 14 16171819202122 Investitionen in Maschinen & Ausrüstungen (links) Kapazitätsauslastung ifo (rechts) Kapazitätsauslastung stabilisiert sich zu Beginn von H2 2022 21 Quellen: Statistisches Bundesamt, ifo %, ggü.Vq., sb. %, sb. -5 -1 3 7 11 -38 -28 -18 -8 2 12 22 19 20 21 GfK Konsumklima, Vorlauf 2M (links) Einzelhandelsumsatz (rechts) Deutsches Konsumklima abgestürzt 22 Index gleit. 3M-Durchschn., % ggü. Vj. Quellen: GfK, Statistisches Bundesamt Kreditboom in Q2 2022, Konjunktur vor schweren Zeiten 8 | 13. September 2022 Deutschland-Monitor Arbeitsmarkt vom Sonderfaktor ukrainischer Flüchtlinge geprägt Seit 1. Juni können erwerbsfähige Flüchtlinge aus der Ukraine über die Jobcen ter Sozialleistungen beziehen (zuvor nach Asylbewerberleistungsgesetz) und werden damit auch in der Arbeitsmarktstatistik erfasst. Dies führte vor allem im Juni zu einem sprunghaften Anstieg (+133.000) der saisonbereinigten Arbeitslo senzahl. Nach +45.000 im Juli kletterte sie im August um weitere 28.000 auf knapp 2,5 Mio. bzw. eine Quote von 5,5%. Im Gesamtjahr dürfte die deutsche Arbeitslosenquote auf 5,3% (2021: 5,7%) zurückgehen und im Jahr 2023 wieder leicht auf 5,5% ansteigen. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und die Erwerbstätigkeit insge samt entwickelten sich in Q2 weiter positiv und erreichten in saisonbereinigter Rechnung neue Höchststände. Die Erwerbstätigenzahl legte um 133.000 (0,3% ggü. Vq.) zu, auf knapp 45,5 Mio. Die sozialversicherungspflichtige Beschäfti gung kletterte auf knapp 34,5 Mio. (+122.000, 0,4% ggü. Vq.). Sonderfaktor ukrainische Kriegsflüchtlinge Bis August wurden rund 393.000 erwerbsfähige ukrainische Staatsangehörige erfasst, die nach SGB II unterstützt werden. Davon waren knapp 199.000 (inkl. SGB III: 201.000) als arbeitslos registriert. Wird dieser Sonderfaktor herausge rechnet, ergibt sich für die saisonbereinigte Arbeitslosenzahl im August ein An stieg von 8.000, nach -3.000 im Juli und +21.000 im Juni. Wachsende Konjunktursorgen vor Lohnrunde im Herbst Angesichts der inflationsbedingt hohen Kaufkraftverluste haben die Arbeitneh mervertreter in den anstehenden Tarifverhandlungen kräftige Lohnforderungen auf den Tisch gelegt. Die IG Metall hat ihre Forderungen für die etwa 3,8 Mio. Tarifbeschäftigten der Metall- und Elektroindustrie (bisheriger Vertrag bis 30. Sep.) sowie für rund 125.000 Arbeitnehmer der Volkswagenwerke (Nov.) auf 8% hochgeschraubt. Für die im Dezember beginnenden Verhandlungen im Öffentli chen Dienst von Bund und Gemeinden deutet sich eine Forderungshöhe von etwa 10% an. Vor allem in den Industrieunternehmen pocht die Arbeitnehmerseite vorwiegend auf eine Beteiligung an den bereits erwirtschafteten Gewinnen. Die spürbare Eintrübung der Geschäftsaussichten dürfte aber für die Arbeitgeberseite Anlass genug sein, erst einmal mit zurückhaltenden Angeboten in die Verhandlungen zu gehen. Die von der Bundesregierung angekündigte Freistellung inflationsbe zogener Sonderzahlungen (max. EUR 3.000) von Steuer und Sozialversiche rungsabgaben könnte die Tarifeinigung unterstützen. Dennoch wird die Arbeit nehmerseite nicht ohne nennenswerte Tabellenanhebungen zufrieden sein, da das schon erreichte Verbraucherpreisniveau nicht zurückgehen dürfte. Im Jahr 2022 dürften die Tariflöhne um 3% ansteigen und in 2023 um mindestens 4 ½% zulegen. Unter Berücksichtigung möglicher Sonderzahlungen könnten die Effek tivlöhne im kommenden mit gut 6% spürbar kräftiger zulegen. Die Lohndrift würde dann etwa bei knapp 2 %-Punkten liegen. Deutsche Industrie in der Gas-Krise Die wirtschaftliche Entwicklung des Verarbeitenden Gewerbes ist momentan von Extremen geprägt. Einerseits liegt der Auftragsbestand nach jüngsten Da ten (Juni) auf Rekordniveau, anderseits entspannen sich die Engpässe bei Vor leistungsgütern nur langsam. Laut ifo-Institut meldeten im August noch 62% (Juli: 73,3%) der befragten Industrieunternehmen Materialknappheiten. Der 4,5 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 400 450 500 550 600 650 700 750 800 850 900 16 17 18 19 20 21 22 Offene Stellen (links) Arbeitslosenquote (rechts) '000 % Deutscher Arbeitsmarktweiter robust, Sonderfaktor ukrainische Kriegsflüchtlinge 23 Quelle: Bundesagentur für Arbeit 0 15 30 45 60 75 90 Quelle: ifo LeichteEntspannung bei Lieferen pässen, aber noch keine Entwarnung 24 Index* für Knappheit von Vorprodukten im Verarb. Gew., DE, Anteil der Nennungen, % Kreditboom in Q2 2022, Konjunktur vor schweren Zeiten 9 | 13. September 2022 Deutschland-Monitor massive Preisanstieg bei Erdgas und Strom dämpft die (internationale) Wettbe werbsfähigkeit und dürfte den Abbau der Auftragsbestände zusätzlich behin dern. Für den von uns bislang erwarteten Rückgang der Industrieproduktion um 1% in 2022 haben sich die Abwärtsrisiken zuletzt deutlich ausgeweitet. Die aktuelle Gas-Krise und der Wechsel von relativ günstigem (russischem) Pipelinegas zu teurerem LNG könnte einen Strukturwandel für den Industrie standort und das exportorientierte Geschäftsmodell Deutschlands bedeuten. Die energieintensiven Sektoren am Anfang der industriellen Wertschöpfungskette werden weiter unter Druck geraten. Wir erwarten, dass der Anteil des Verarbei tenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung in den nächsten Jahren sinken wird. Im Jahr 2016 lag er noch bei 22,9% und ist inzwischen bereits auf 20,2% (2021) zurückgegangen. Inflation setzt EZB unter Zugzwang, 75 Bp. im Oktober erwartet Wie von uns erwartet hat die EZB im September die Leitzinsen um 75 Basis punkte (Bp.) angehoben. Mit dem größten einzelnen Zinsschritt, den die EZB bislang vollzogen hat, liegt der Einlagensatz nun bei 0,75% (Refi-Satz: 1,25%). Die jüngsten Inflationsdaten für die Eurozone (vorl. Aug: 9,1% gg. Vj.) und die drohende Entankerung der Inflationserwartungen dürften dazu beigetragen ha ben, dass sich der EZB-Rat offenbar entschieden hat, den Ausstieg aus der ak kommodierenden Politik schneller voranzutreiben. Mit dem Aussetzen der russi schen Gaslieferungen durch Nord Stream 1 und trotz des Gegenwindes für das Wirtschaftswachstum ist die Inflation „"viel zu hoch " und (wird) voraussicht lich für längere Zeit über dem Zielwert bleiben"", so EZB-Präsidentin Lagarde während der Pressekonferenz am 8. September. Da sich die EZB-internen Prognosen unseren eigenen Erwartungen weitgehend angenähert haben - vor allem bei der Kerninflation - halten wir nun im Oktober eine Anhebung um weitere 75 Bp, für wahrscheinlich. Grundsätzlich will die EZB ihre Entscheidungen datengetrieben von Sitzung zu Sitzung treffen. Die Äuße rungen von Präsidentin Lagarde deuten auf einen noch schnelleren Zinserhö hungszyklus, als wir es vor der September-Sitzung erwartet hatten. Marc Schattenberg (+49 69 910-31875, marc.schattenberg@db.com) © Copyright 2022. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Ver fassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen kön nen ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis zur Erbringung von Bankge schäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleis tungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Si ngapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Inc. genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen. 60 70 80 90 100 110 120 17 18 19 20 21 22 Produktion Aufträge Quelle: StatistischesBundesamt Verarbeitendes Gewerbe in DE, 2015=100 Industrieproduktion stockend inQ2, Auftragseingänge schwächensich ab 25 -1 1 3 5 7 9 17 18 19 20 21 22 EWU HVPI EWU Kernrate Inflation in der EWU setzt die EZB unter Zuzwang 26 % ggü. Vj. Quelle: Eurostat Wir halten an unserer Prognose für den Zielwert des Einlagensatzes von 2,5% fest. Er dürfte nun mit insgesamt vier weiteren Zinsschritten erreicht werden, und zwar 75 Bp. im Oktober, 50 Bp. im Dezember und je 25 Bp. bei den ersten beiden Sitzungen im Jahr 2023 (Februar und März). Damit wäre der Zielwert Ende Q1 2023 erreicht. Wir sehen dies im Einklang mit den jüngsten Äußerun gen von Präsidentin Lagarde, die fast einer Forward guidance gleichkamen.
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