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  4. Ausblick Deutschland
4. Juni 2014
Angesichts des exzellenten Starts der deutschen Wirtschaft ins Jahr 2014 haben wir unsere BIP-Prognose auf 1,8% angehoben (von zuvor 1,5%). Für 2015 bleiben wir bei unserer BIP-Prognose von 2%, da wir erwarten, dass der nur temporäre Anstieg der Bruttolöhne in Folge der Einführung des Mindestlohns durch geringere Investitionsausgaben kompensiert wird. [mehr]
Ausblick Deutschland: Robuste Binnenwirtschaft durch gute Absichten gefährdet Aktuelle Themen Konjunktur Deutsches BIP-Wachstum 2014 auf 1,8% nach oben revidiert. Obwohl 0,3 %- Punkte des Anstiegs von 0,8% gg. Vq. in Q1 auf die günstigen Witterungsbe- dingungen zurückzuführen sind, hat die zugrundeliegende Dynamik weiter zu- genommen (BIP Q4: 0,4% gg. Vq). Im zweiten Quartal erwarten wir eine Gegenbewegung. Angesichts des exzellenten Starts der deutschen Wirtschaft ins Jahr 2014 haben wir unsere BIP-Prognose auf 1,8% angehoben (von zuvor 1,5%). Für 2015 bleiben wir bei unserer BIP-Prognose von 2%, obwohl wirt- schaftspolitisch induzierte Risiken zugenommen haben. Mindestlohn von EUR 8,50 je Stunde: Große Koalition auf dem Holzweg . Der allgemeine gesetzliche Mindestlohn von EUR 8,50 je Stunde dürfte ab dem 1. Januar 2015 mit nur wenigen Ausnahmen eingeführt werden. Die Ziele der gleicheren Verteilung der Einkommen und der Entlastung der öffentlichen Haushalte dürften jedoch klar verfehlt werden. Der Mindestlohn dürfte zu erheb- lichen negativen Beschäftigungseffekten vor allem bei den Problemgruppen sorgen, den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt erheblich erschweren und die strukturelle Arbeitslosigkeit mit deutlichen negativen fiskalischen Effekten erhö- hen. Die Reduktion der Ungleichheit der Bruttolohnverteilung wird durch das Rausdrängen der Arbeitnehmer mit der geringsten Produktivität erkauft. Deutschlands Exportüberschüsse im Fokus: Wer ist der „böse Bube“ in Euro- land? Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den EWU-Staaten hat sich auf 2% des BIP reduziert und damit mehr als halbiert. Wenn man schon einer Seite die „Schuld“ für das Ergebnis bilateraler Außenhandelsbeziehungen geben möchte, wäre China der bessere Adressat. So erwirtschaftet China be- reits seit 2010 im bilateralen Handel mit den südlichen Peripherieländern der Eurozone höhere Überschüsse als Deutschland, die seither nur leicht gesunken sind. Überdies verdrängt China aufgrund der Ähnlichkeit des Produktsortiments zunehmend auch lokale Produktion. Europawahlen: Implikationen und Trends. Bei den Europawahlen konnten kon- servative Kräfte trotz deutlicher Verluste die meisten Stimmen auf sich vereini- gen. Zusammen mit den Sozialdemokraten werden sie künftig eine große Koali- tion bilden. Der Einfluss populistischer Kräfte dürfte trotz größeren Stimmenzu- wachses begrenzt bleiben: Politische Fragmentierung und mangelnde Gemein- samkeiten dürften deren Einfluss begrenzen – selbst wenn es gelänge, eine rechtspopulistische Fraktion zu bilden. Die relativen Stimmverluste konservati- ver und marktliberaler Kräfte dürften die bislang marktfreundliche Orientierung in einigen Politikbereichen unter Druck setzen. Angesichts dreier anstehender Landtagswahlen in diesem Jahr in Deutschland zeichnet sich eine Debatte über den zukünftigen politischen Einfluss der AfD ab. Autor en Bernhard Gräf +49 69 910-31738 bernhard.graef@db.com Nicolaus Heinen +49 69 910-31713 nicolaus.heinen@db.com Heiko Peters +49 69 910-21548 heiko.peters@db.com Oliver Rakau +49 69 910-31875 oliver.rakau@db.com Stefan Schneider +49 69 910-31790 stefan-b.schneider@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Ralf Hoffmann Inhaltsverzeichnis Seite Prognosetabellen ............................................2 Deutsches BIP-Wachstum 2014 auf 1,8% nach oben revidiert .........................................3 Mindestlohn von EUR 8,50 je Stunde: Große Koalition auf dem Holzweg ...................7 Deutschlands Exportüberschüsse im Fokus: Wer ist der „böse Bube“ in Euroland? ........... 21 Europawahlen: Implikationen und Trends ..... 27 Grafik des Monats ......................................... 31 Chartbook ..................................................... 32 Eventkalender ............................................... 39 Datenkalender .............................................. 40 Finanzmarktprognosen ................................. 41 Datenmonitor ................................................ 42 4. Juni 2014 Ausblick Deutschland Robuste Binnenwirtschaft durch gute Absichten gefährdet Ausblick Deutschland 2 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Wachstum, Inflation, Leistungsbilanz, Budgetsaldo DX BIP - Wachstum Inflation* Leistungsbilanzsaldo Budgetsaldo in % gg. Vj. in % gg. Vj. in % des BIP in % des BIP 2013P 2014P 2015P 2013P 2014P 2015P 2013P 2014P 2015P 2013P 2014P 2015P Euroland - 0,4 1,1 1,5 1,3 0,8 1,3 2,4 2,4 2,1 - 3,1 - 2,5 - 2,1 Deutschland 0,4 1,8 2,0 1,5 1,2 1,7 7,5 7,1 6,8 0,0 0,2 0,1 Frankreich 0,4 1,0 1,4 1,0 1,0 1,1 - 1,7 - 1,5 - 1,3 - 4,3 - 3,6 - 3,1 Italien - 1,8 0,3 1,1 1,3 0,7 1,2 1,0 1,2 1,2 - 3,0 - 2,9 - 2,6 Spanien - 1,2 0,7 1,5 1,5 0,5 1,1 0,8 2,1 2,5 - 7,1 - 5,8 - 4,5 Niederlande - 0,8 0,9 1,4 2,6 0,5 1,2 10,4 10,5 11,0 - 2,5 - 3,1 - 2,9 Belgien 0,2 1,4 1,6 1,2 1,1 1,5 - 1,6 - 2,0 - 1,0 - 2,6 - 2,5 - 2,6 Österreich 0,3 1,4 1,8 2,1 1,5 1,7 2,7 3,6 3,7 - 1,5 - 2,8 - 1,5 Finnland - 1,4 0,3 1,4 2,2 1,6 1,8 - 1 ,1 0,0 0,3 - 2,1 - 2,1 - 1,6 Griechenland - 3,9 1,0 2,2 - 0,9 - 0,8 0,1 0,8 1,0 1,5 - 12,7 - 1,6 - 0,9 Portugal - 1,4 1,4 1,1 0,4 0,3 0,9 0,5 1,0 2,0 - 4,9 - 4,2 - 3,0 Irland - 0,3 1,8 2,2 0,5 0,5 1,2 6,6 7,0 7,0 - 7,2 - 4,7 - 2,6 Großbritannien 1,7 2,9 2,2 2,6 1,6 1,8 - 4,4 - 2,7 - 2,6 - 5,8 - 4,7 - 3,8 Dänemark 0,4 1,4 1,5 0,8 1,4 1,8 7,3 6,5 6,5 0,0 - 1,5 - 2,0 Norwegen 2,1 2,5 2,6 2,1 1,9 2,1 10,6 11,5 11,5 7,6 9,5 10,5 Schweden 1,6 2,7 3,0 0,0 0,5 1,8 6,2 5,6 5,5 - 3,6 - 1,6 - 0,8 Schweiz 2,0 1,8 2, 0 - 0,2 0,4 0,8 12,5 12,5 12,5 0,4 0,0 0,0 Tschech. Rep. - 0,9 2,0 2,5 1,4 1,0 2,0 - 1,4 - 1,5 - 1,4 - 1,4 - 2,6 - 2,5 Ungarn 1,1 2,1 2,2 1,7 0,7 2,9 2,9 1,5 1,1 - 2,2 - 2,9 - 2,7 Polen 1,6 3,0 3,7 0,9 1,2 2,1 - 1,3 - 2,0 - 1,8 - 4,4 4,3 - 3,1 USA 1,9 2,3 3,8 1,5 2,0 2,3 - 2,3 - 2,5 - 2,6 - 4,0 - 2,9 - 2,6 Japan 1,6 1,3 1,5 0,4 2,7 1,7 0,7 0,3 1,5 - 9,2 - 6,9 - 5,8 Welt 2,8 3,3 3,9 3,2 3,5 3,6 *Inflationsdaten für EU - Länder basieren auf harmonisierten Verbraucherpreisindizes außer bei Deutschlan d. Dies kann zu Diskrepanzen zu anderen DB Publikationen führen. Quellen: Nationale Behörden, Nationale Zentralbanken, Deutsche Bank Prognosen Deutschland: BIP-Wachstum nach Komponenten, % gg.Vq., Jahresdaten % gg.Vj. DX 2013 2014 2011 2012 2013 2014P 2015P Q1 Q2 Q3 Q4 Q1P Q2P Q3P Q4P BIP 3,3 0,7 0,4 1,8 2,0 0,0 0,7 0,3 0,4 0,8 0,2 0,5 0,4 Privater Konsum 2,3 0,8 0,9 1,3 1,6 0,3 0,7 0,3 - 0,3 0,7 0,4 0,4 0,4 Staatsausgaben 1,0 1,0 0,4 0,8 0,5 0,0 - 0,2 0,7 - 0,3 0,4 0,2 0,2 0,2 Anlageinvestitionen 6,9 - 2,1 - 0,8 5,5 3,8 - 1,4 1,2 1,3 0,7 3,2 0,4 1,0 0,9 Ausrüstungen 5,8 - 4, 0 - 2,4 7,0 5,1 - 1,4 0,5 0,1 1,4 3,3 1,5 1,5 1,5 Bau 7,8 - 1,4 - 0,2 5,4 3,2 - 1,5 1,7 2,1 0,2 3,6 - 0,5 0,5 0,5 Lager, % - Punkte - 0,1 - 0,5 0,1 0,5 0,0 0,5 - 0,4 0,2 - 0,2 0,7 - 0,2 0,1 0,0 Exporte 8,0 3,2 0,9 4,7 6,8 - 0,7 2,5 - 0,1 2,5 0,2 1, 4 1,2 1,5 Importe 7,4 1,4 1,5 6,5 7,2 0,2 1,5 0,8 1,3 2,2 1,5 1,5 1,8 Nettoexport, % - Punkte 0,7 0,9 - 0,2 - 0,5 0,3 - 0,5 0,6 - 0,5 0,7 - 0,9 0,0 - 0,1 - 0,1 Konsumentenpreise* 2,1 2,0 1,5 1,2 1,7 1,5 1,5 1,6 1,3 1,3 1,2 1,1 1,2 Arbeitslosenquote, % 7,1 6,8 6,9 6,6 6,6 6,9 6,9 6,8 6,9 6,8 6,7 6,6 6,5 Industrieproduktion 7,3 - 0,4 0,0 4,2 3,0 Budgetsaldo, % BIP - 0,8 0,1 0,0 0,2 0,1 Öffentlicher Schuldenstand, % BIP 80,0 81,0 78,4 75,2 7 2,0 Leistungsbilanzsaldo, % BIP 6,8 7,4 7,5 7,1 6,8 Leistungsbilanzsaldo, EUR Mrd. 178 199 206 201 198 *Inflationsdaten für Deutschland basieren auf nationaler Abgrenzung. Dies kann zu Diskrepanzen zu a nderen DB Publikationen führen. Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbank, Arbeitsagentur, Deutsche Bank Research Ausblick Deutschland 3 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Deutsches BIP-Wachstum 2014 auf 1,8% nach oben revidiert — Die Aufwärtsrisiken unserer BIP-Prognose für das erste Quartal haben sich – wie erwartet – materialisiert. Da 0,3 %-Punkte des Anstiegs von 0,8% gg. Vq. auf die günstigen Witterungsbedingungen zurückzuführen sind, hat die zugrundeliegende Dynamik weiter zugenommen (BIP Q4: 0,4% gg. Vq). — Im zweiten Quartal erwarten wir eine Gegenbewegung. Diese dürfte aller- dings begrenzt ausfallen, da der Auslastungsgrad im Bausektor, der am stärksten von den Wettereffekten beeinflusst wurde, relativ hoch ist. Unter- nehmensbefragungen zufolge dürfte sich die zugrundeliegende Konjunktur- dynamik zumindest nicht weiter beschleunigen. — Angesichts des exzellenten Starts der deutschen Wirtschaft ins Jahr 2014 haben wir unsere BIP-Prognose auf 1,8% angehoben (von zuvor 1,5%). Für 2015 bleiben wir bei unserer BIP-Prognose von 2%, da wir erwarten, dass der nur temporäre Anstieg der Bruttolöhne in Folge der Einführung des Min- destlohns durch geringere Investitionsausgaben kompensiert wird. Extrem milde Witterung sorgt für kräftiges Q1 BIP-Wachstum Die Wachstumsrate von 0,8% gg. Vq. (2,5% gg. Vj.) – die höchste seit dem ersten Quartal 2011 – zeigt, dass sich die deutsche Wirtschaft auf einem robus- ten und von der Binnenwirtschaft getragenen Wachstumspfad befindet. Das Wachstum im ersten Quartal wurde jedoch durch saisonale Faktoren (Bauinves- titionen 3,6% gg. Vq.) überzeichnet, was im zweiten Quartal zu einer Gegenbe- wegung führen dürfte. Aber auch ohne den Witterungseffekt, der bei 0,3% des BIP liegen dürfte, stieg die zugrundeliegende Dynamik im ersten Quartal weiter an. Das Wachstum im ersten Quartal ging auf eine breit angelegte Expansion aller Komponenten der Binnenwirtschaft zurück. Nur der Außenbeitrag dämpfte das Wachstum (-0,9%-Punkte) und macht damit den ungewöhnlich hohen positiven Wachstumsbeitrag im Quartal (+0,7%-Punkte) mehr als wett. Stärkster Wachs- tumstreiber war die Bauindustrie. Mit +0,4%-Punkten ging die Hälfte des Wachstums im ersten Quartal auf den Bausektor zurück. Die extrem milde Witterung machte es möglich, Bauprojekte früher als üblich zu realisieren. Eine Abschwächung auf das noch immer hohe Niveau des zweiten Halbjahres 2013 würde bedeuten, dass die Bauinvestitionen in Q2 um 3,6% fallen und damit das Wachstum um etwa 0,3%-Punkte dämpfen würden. Eine positive Überraschung war der kräftige Anstieg der Ausrüstungsinvestitio- nen. Nach einer Expansion um 1,4% im vierten Quartal stiegen diese um 3,3% gg. Vq., nachdem sie in den acht Quartalen zuvor fielen oder nur marginal ex- pandierten. Dies zeigt, dass – trotz der internationalen Unsicherheiten – die steigende Kapazitätsauslastung die Unternehmen allmählich dazu veranlasst, wenigstens einige Ersatzinvestitionen vorzunehmen. Der private Verbrauch entwickelt sich weiterhin positiv, was auf das hohe Be- schäftigungs- und Lohnwachstum zurückzuführen ist. Mit einem Anstieg von 0,7% gg. Vq. ging etwa die Hälfte des BIP-Wachstums im ersten Quartal auf den privaten Konsum zurück. Die ungewöhnliche Schwäche des privaten Kon- sums im vierten Quartal wurde damit ausgeglichen (-0,3% gg. Vq.). Aus Ein- kommenssicht speist sich das Wachstum weiterhin überwiegend aus Lohnein- kommen. Die Bruttolohnsumme ist im ersten Quartal aufgrund des Beschäfti- gungsanstiegs um 3,6% gestiegen (netto: 3,1%). Die Löhne pro Beschäftigten sind um nur 2,5% gg. Vj. gestiegen, was unsere Erwartung eines soliden Wachstums der Stundenlöhne im Bereich von 2 ½% bis 3% im Jahr 2014 stützt. - 2,0 - 1,0 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 6,0 - 1,0 - 0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 10 11 12 13 14 % gg. Vq. (links) % gg. Vj. (rechts) Q1 2014 – deutliche Wachstums - beschleunigung 1 % gg. Vq., sb. (links); % gg. Vj., nsb. (rechts) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank - 1,5 - 1,0 - 0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 11 12 13 14 Privater Konsum Ausrüstungsinvestitionen Bau Außenbeitrag Rest (Staatskonsum, Lager) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Beitrag zum realen BIP - Wachstum, gg. Vq., %. - P. Bau & Konsum Haupttreiber in Q1 2014 2 80 90 100 110 120 130 140 12 13 14 Bauproduktion Durchschnitt – H2 2013 Durchschnitt – Q4 2013 Durchschnitt – Q1 2014 Quelle: Statistisches Bundesamt Bautätigkeit (Bestandteil der Industrieproduktion, 2010=100, sb. Rückfall auf H2 - Durchschnitt würde geringes BIP - Wachstum in Q2 2014 bedeuten 3 Ausblick Deutschland 4 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Das Einkommenswachstum aus Vermögens- und Unternehmenseinkommen belief sich auf 5,8% gg.Vj.. Die Sparquote (Q1: 9,9%) bewegte sich in den letz- ten vier Quartalen nur geringfügig. Der Außenbeitrag enttäuschte im ersten Quartal. Dies war jedoch keine große Überraschung. Die Exporte stiegen mit 0,2% nur äußerst moderat (Q4: 2,5%; Güterexporte sanken im ersten Quartal sogar), während die Importe stark an- stiegen (2,2% gg. Vq.; zuvor 1,3% gg. Vq.). Damit lag der Wachstumsbeitrag der Nettoexporte bei -0,9%-Punkte. Dies ist mehr als die vollständige Umkehr von +0,7%-Punkten im vierten Quartal und entspricht dem allgemein schwachen internationalen Umfeld im ersten Quartal. Gegenüber dem Vorjahr sind die Ex- porte (5,5%) und Importe (6,2%) jedoch weiter gestiegen. Weder die PMI- Exportaufträge noch die ifo-Exporterwartungen deuten darauf hin, dass sich das Exportwachstum in den nächsten Monaten deutlich beschleunigt. Insbesondere die PMI-Exportaufträge sind im Vergleich zu ihrem Q4/Q1-Niveau stark gefallen, was kurzfristig für uneinheitliche Aussichten spricht. Die Revisionen der Wachstumskomponenten der vorherigen Quartale unterstüt- zen unsere zurückhaltende Prognose für den privaten Verbrauch und den Ex- port. Von Bedeutung sind insbesondere die Revisionen des vierten Quartals, wonach der private Konsum noch stärker zurückging als zunächst angenommen (-0,3% gg. Vq. ggü. -0,1% gg. Vq.). Die Bauinvestitionen wurden ebenfalls nach unten revidiert (0,2% ggü. 1,2%). Schließlich wurde der zunächst als hoch ein- geschätzte Wachstumsbeitrag der Nettoexporte (was ohnehin ungewöhnlich schien) nach unten revidiert (0,7%-Punkte ggü. 1,1%-Punkte), während die Lagerhaltung das Wachstum weniger stark dämpfte (-0,2%-Punkte ggü. -0,8%- Punkte). Insgesamt war die (finale) inländische Nachfrage Ende des Jahres 2013 schwächer als zuvor berichtet, was – zusammengenommen mit dem star- ken ersten Quartal – auf eine angemessene, aber nicht spektakuläre zugrunde- liegende Dynamik hinausläuft. In den letzten fünf Quartalen trug die Inlands- nachfrage etwa 0,5%-Punkte zum Quartalswachstum bei, während der Außen- beitrag eine leicht dämpfte Wirkung hatte (-0,1%-Punkte). Stimmungsindikatoren zeigen ein eher gemischtes Bild für Q2 Der ifo-Index für Mai fiel von 111,2 auf 110,4 – das niedrigste Niveau seit vier Monaten. Der Rückgang war auf geringere Erwartungen (106,2 ggü. zuvor 107,3) in Kombination mit einem leichten Rückgang der Einschätzung der ak- tuellen Situation zurückzuführen (114,8 ggü. zuvor 115,3). Mit Ausnahme der Situation im verarbeitenden Gewerbe gingen beide Komponenten in allen Sek- toren in unterschiedlichem Maße zurück. Dies hat nicht nur den unerwarteten Anstieg vom April ins Gegenteil verkehrt, sondern die Stimmungslage unter ihre relativ schwachen Stände vom März geführt. Die Korrektur des PMI des verar- beitenden Gewerbes (52,9 nach 54,1 im April) war sogar noch ausgeprägter. Der PMI des Dienstleistungssektors stieg jedoch wieder um 1,7 Punkte auf 56,4, so dass der PMI-Gesamtindex unverändert bei 56,1 blieb (0,6 Indexpunkte über dem Durchschnitt des ersten Quartals). Auf den aktuellen Niveaus deuten der Ifo- und der PMI-Index auf Quartalswachstumsraten zwischen ½% und 1% für das zweite Quartal hin. Angesichts der Gegenbewegung nach der extrem mil- den Witterung im ersten Quartal erwarten wir jedoch ein Wachstum von ¼% gg. Vq. Mit vierteljährlichen Wachstumsraten von knapp ½% in H2 dürfte 2014 eine jährliche Wachstumsrate von 1,8% möglich sein. - 2,0 - 1,5 - 1,0 - 0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2010 2011 2012 2013 Privater Konsum Staatskonsum Real, sb., % gg. Vq. Konsum in Q1 glich schwaches Q4 aus 4 Quelle: Statistisches Bundesamt - 15 - 10 - 5 0 5 10 08 09 10 11 12 13 14 Verfügbare Einkommen Arbeitnehmerentgelt Betriebsüberschuss/Selbstständigen - ei nkommen, Vermögenseinkommen Einkommenswachstum blieb in den letzten Quartalen in etwa stabil 5 % gg. Vj., nominal Quelle: Statistisches Bundesamt 70 80 90 100 110 120 130 08 09 10 11 12 13 14 Geschäftsklima Geschäftslage Geschäftserwartungen ifo - Index: Lage und Erwartungen fielen im Mai 6 Index, 2005=100 Quelle: ifo Ausblick Deutschland 5 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Inlandsnachfrage 2014 alleiniger Wachstumstreiber Die Frühindikatoren zeigen, dass sich die Nachfrage nach Arbeitskräften über die Sektoren hinweg beschleunigen dürfte. Die Arbeitslosenquote dürfte im Jahr 2014 um 0,3%-Punkte auf 6,6% zurückgehen. Obwohl die Gewinne und Ver- mögenseinkommen voraussichtlich gedämpft bleiben, dürften die nominalen verfügbaren Einkommen 2014 um etwa 2 ½% steigen, was auf das solide Be- schäftigungs- und Lohnwachstum zurückzuführen ist. Der reale private Konsum dürfte damit um 1,3% steigen. Dies ist eine der höchsten Zuwachsraten der letzten zehn Jahre und zum Teil auf das gedämpfte Inflationsumfeld zurückzu- führen. Der Anstieg der Investitionsausgaben dürfte sich in den kommenden Quartalen leicht abschwächen, da die Impulse durch die Inlands- und Auslandsnachfrage noch nicht stark genug sind, um einen deutlichen Auftrieb zu geben. Außerdem dürften die Unternehmen aufgrund der geopolitischen Unsicherheit und der an- haltenden Unsicherheit über die weitere Entwicklung des Welthandels vorsichtig bleiben. Inzwischen scheint die Politik (Einführung des Mindestlohns 2015 und Rentenreformen) die Stimmung der Unternehmen zu beeinflussen. Eine kürzlich von der DIHK durchgeführte Investitionsumfrage stellte fest, dass 45% der deut- schen Industrieunternehmen im Jahr 2014 im Ausland investieren, wobei der Saldo (höherer oder geringerer Investitionen) von 16 auf 20 gestiegen ist. Außerdem nannten zum ersten Mal seit 2008 mehr Unternehmen Kostener- sparnisse als Grund für Investitionen im Ausland, obwohl der Anstieg nur 1%- Punkt betrug (vergleichen mit 36% im Jahr 2008). In einer ähnlichen, von Ernst&Young durchgeführten Umfrage sagten 20% der befragten Unternehmen, dass sie die Produktion ins Ausland verlagern wollten und brachen damit einen 8-jährigen Abwärtstrend (2013: 11%). Die Ausrüstungsinvestitionen dürften nach unserer Prognose im Jahr 2014 um 7% ansteigen (2013: -2,4%), was auf das starke Q1 und den positiven Überhang Ende 2013 zurückzuführen ist. In H2 dürften die Bauinvestitionen weiterhin starke Unterstützung durch die steigende Wohnungsnachfrage (Einwanderung, Urbanisierung) erhalten. Die Baugenehmigungen sind im ersten Quartal um 15% gg. Vj. gestiegen. Deshalb dürften die Bauinvestitionen – trotz eines leichten Rückgangs im zweiten Quar- tal – um 5,4% ansteigen (2013: -0,2%) und damit ein wichtiger Wachstumspfei- ler sein. Die Exportaussichten sind – zumindest im Vergleich zu einigen Monaten zuvor – weniger günstig. Seit November befindet sich der Welthandel im Abwärtstrend; im März wies er einen geringfügigen Anstieg von 1,8% gg. Vj. auf. Angesichts - 15 - 10 - 5 0 5 10 15 20 - 6 - 4 - 2 0 2 4 6 8 10 11 12 13 14 % gg. Vq. (links) % gg. Vj. (rechts) % gg. Vq. (links), % gg. Vj. (rechts) Quelle: Statistisches Bundesamt Ausrüstungsinvestitionen: Zweiter solider Anstieg in Q1 7 - 40 - 30 - 20 - 10 0 10 20 30 07 08 09 10 11 12 13 14 Investment Dom. Invest. goods orders, 1Q lag Real, % gg. Vj. Quelle: Statistisches Bundesamt Auftragseingang deutet auf 4 - 5% Investitionswachstum hin 8 60 65 70 75 80 85 90 95 100 93 97 01 05 09 13 Quellen: ifo, Deutsche Bank Research Kapazitätsauslastung leicht über Durchschnitt 9 Ausblick Deutschland 6 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen der enttäuschenden BIP-Zahlen im ersten Quartal in den USA, China und der EWU haben wir unsere globale BIP-Prognose für 2014 auf 3,3% gesenkt. Folg- lich haben wir unsere Exportprognose für 2014 von 5,8% auf 4,7% reduziert. Die Importe dürften jedoch um 6,5% ansteigen. Die Nettoexporte dürften daher das Wachstum dämpfen (-0,5 %-Punkte). Zuvor erwarteten wir noch einen leicht positiven Wachstumsbeitrag. 2015 stärkerer Gegenwind von politischer Seite Wir erwarten, dass sich die konjunkturelle Stimmungslage im Laufe des Jahres 2015 abschwächen wird und die zugrundeliegende Dynamik abkühlen wird. Der geringfügige Anstieg der Jahreswachstumsrate gegenüber 2014 auf 2% ist aus- schließlich auf einen positiven Kalendereffekt zurückzuführen. Auch dürfte sich die Einwanderung in 2015 abschwächen, da der durch die Absenkung gesetzli- chen Hürden für Einwanderer aus Osteuropa ausgelöste Impuls ausläuft und sich die Migrationsströme aus den Peripherieländern dank wirtschaftlicher Erho- lung in den Heimatländern normalisieren. Beunruhigender ist allerdings, dass die Unternehmen beginnen, auf die wirtschaftspolitischen Maßnahmen zu rea- gieren, die gerade finalisiert werden oder bereits beschlossen wurden. Insbe- sondere der hohe landesweite Mindestlohn mit nur wenigen Ausnahmen, die Absenkung des Renteneintrittsalters unter bestimmten Voraussetzungen und das höhere Rentenniveau für Frauen, die vor 1991 geboren haben, werden die Arbeitskosten erhöhen und die mittelfristigen Beschäftigungsaussichten und die Haushaltsaussichten belasten. Zudem hat die neue Regierung bei der Energie- politik geringere Fortschritte gemacht als zunächst erhofft, was die Investitions- pläne für energieintensive Unternehmen weiterhin belastet. Aufgrund der Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 wird der Beschäfti- gungsanstieg unserer Einschätzung nach im Laufe des Jahres zum Stillstand kommen. Mit EUR 8,50 pro Stunde wird Deutschland einen der höchsten Min- destlöhne in Europa haben und bezogen auf den Durchschnitt nicht weit ent- fernt von Frankreich liegen. Besonders in strukturschwachen Gebieten in Ost- deutschland dürfte der Mindestlohn die Arbeitsmarktlage deutlich eintrüben. Allerdings könnte die weiterhin hohe Arbeitskräftenachfrage die Anpassungs- prozesse verzögern. Außerdem werden die Unternehmen wahrscheinlich zu- nächst versuchen, ihre höheren Arbeitskosten weiterzugeben. Unserer Ein- schätzung nach wird sich das Beschäftigungswachstum im Jahr 2015 um etwa 300.000 verringern (etwa 0,7% der Gesamtbeschäftigung). Trotzdem könnten der Mindestlohn die Bruttolohnsumme in 2015 um ½% erhöhen, da die steigen- den Löhne für diejenigen, die ihre Arbeitsplätze behalten, den negativen Ein- kommenseffekt der Arbeitsplatzverluste überkompensieren werden. Deshalb wird das Wachstum des privaten Konsums im Jahr 2015 mit etwa 1 ¾% seinen Höhepunkt erreichen. Längerfristig werden jedoch die negativen Beschäfti- gungseffekte überwiegen. Bereits 2015 dürfte die Arbeitslosenquote um 0,2%- Punkte höher ausfallen (6,6% anstelle von 6,4%) als in einem Szenario ohne Mindestlohn, wobei sich die Arbeitsplatzverluste später erhöhen. Wir befürchten, dass auf mittlere Sicht kumulativ 800.000 Arbeitsplätze verlorengehen bzw. nicht geschaffen werden können. Eine Gesamteinschätzung der Auswirkungen des Mindestlohns auf die wichtigsten ökonomischen Variablen folgt im nächsten Artikel. Oliver Rakau (+49 69 910-31875, oliver.rakau@db.com) Stefan Schneider (+49 69 910-31790, stefan-b.schneider@db.com) - 1 - 0,5 0 0,5 1 1,5 2 - 4 - 2 0 2 4 6 8 10 11 12 13 14 Außenbeitrag (% - Punkte, rechts) Exporte (links) Importe (links) Real, sb., % gg. Vq. Quelle: Statistisches Bundesamt Außenbeitrag: Zuletzt sehr volatil 10 - 2,0 - 1,5 - 1,0 - 0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 - 30 - 20 - 10 0 10 20 30 10 11 12 13 14 Warenexporte (links) PMI - Exportaufträge (um 3 Monate verz., rechts) ifo - Exporterwartungen (um 3 Monate verz., rechts) % gg. Vj. (links), Standardisierte Werte (rechts) Quellen: Deutsche Bundesbank, ifo, Markit Umfragen deuten auf anhaltenden Seitwärtstrend bei Exporten hin 11 0 10 20 30 40 50 60 2000 2003 2005 2007 2009 2011 2013 Auslandsproduktion zur Kostenersparnis Auslandsproduktion zur Markterschließung Vertrieb und Kundendienst Industrie 2014 Funktionsschwerpunkte der Auslandsinvestitionen deutscher Industrieunternehmen 12 %, 2002 keine Befragung zu den Auslandsinvestitionsplänen Quelle: DIHK - Umfrage: Auslandsinvestitionen in der Ausblick Deutschland 7 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Mindestlohn von EUR 8,50 je Stunde: Große Koalition auf dem Holzweg — Grundlegende Änderungen am Gesetzesentwurf zur Regelung eines allge- meinen Mindestlohns dürften wahrscheinlich nicht mehr vorgenommen wer- den. Der allgemeine gesetzliche Mindestlohn von EUR 8,50 je Stunde dürfte ab dem 1. Januar 2015 mit nur wenigen Ausnahmen eingeführt werden. — Dies ist die komplette Kehrtwende nach den Mitte der 2000er Jahren durch- geführten Arbeitsmarktreformen. Über die Schaffung eines Niedriglohnsek- tors wurden die Integrationschancen der Problemgruppen deutlich verbes- sert. Deren Einstiegshürden werden nun wieder deutlich erhöht. — Die Ziele der gleicheren Verteilung der Einkommen und der Entlastung der öffentlichen Haushalte dürften jedoch klar verfehlt werden. Der Mindestlohn dürfte zu erheblichen negativen Beschäftigungseffekten vor allem bei den Problemgruppen sorgen, den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt erheb- lich erschweren und die strukturelle Arbeitslosigkeit mit deutlichen negativen fiskalischen Effekten erhöhen. Die Reduktion der Ungleichheit der Brutto- lohnverteilung wird durch das Rausdrängen der Arbeitnehmer mit der geringsten Produktivität erkauft. — Unsere Analyse ergibt, dass die Mindestlohneinführung im Jahr 2015 einen negativen Beschäftigungseffekt – vor allem im Dienstleistungssektor, in der Landwirtschaft und im Handel – von etwa 300.000 Personen haben dürfte und damit der Beschäftigungsaufbau gestoppt werden dürfte. — Mittel- bis langfristig dürften etwa 800.000 Arbeitnehmer durch die Mindest- lohneinführung ihren Arbeitsplatz verlieren bzw. keinen Arbeitsplatz finden und das Potenzialwachstum vorübergehend um einige Zehntel-Prozent- punkte gesenkt werden. — Wenn die Mindestlohneinführung wohl nicht mehr gestoppt werden kann, so könnte sie zumindest so geändert werden, um zu verhindern, dass gerade Personen mit geringen Integrationschancen der Zugang zum Arbeitsmarkt dauerhaft versperrt wird. Die Chancen dafür dürften leider gering sein. Im Standpunkt „Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung“ warnten wir bereits im November 2013 vor den erheblichen negativen Effekten der Einführung eines bundesweit einheitlichen, gesetzlichen Mindestlohns von EUR 8,50 je Stunde. Mittlerweile wurde vom Arbeitsministerium ein Gesetzes- entwurf erstellt und dieser Anfang April 2014 vom Bundeskabinett beschlossen. Es ist unwahrscheinlich, dass bis zur endgültigen Gesetzesverabschiedung im Herbst 2014 grundlegende Änderungen vorgenommen werden. Auf Basis des Gesetzesentwurfs und aktueller Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) vertiefen wir unsere Analyse der Mindestlohneinführung. Mittel- bis langfristig dürften 800.000 Arbeitnehmer durch die Mindestlohneinführung ihren Arbeitsplatz verlieren bzw. keinen Arbeitsplatz finden. Die intendierten Ziele der Reduktion der Ungleichheit und die Entlastung der öffentlichen Haus- halte dürften klar verfehlt werden. Anstatt durch den relativ hoch gesetzten Min- destlohn die positive Arbeitsmarktentwicklung seit Mitte der 2000er Jahre zu gefährden, sollten Maßnahmen ergriffen werden, mit denen die strukturelle Ar- beitslosigkeit reduziert und die Qualität der Arbeit weiter verbessert wird. Wenn denn schon der politische Wille besteht, einen Mindestlohn einzuführen, sollte dieser differenziert – bspw. nach Qualifikation, Alter und Region – und mit relativ niedriger Eingriffsintensität in die Lohnstruktur eingeführt werden. Ausblick Deutschland 8 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Massiver Eingriff ins Lohngefüge durch den Mindestlohn wahr- scheinlich nicht mehr zu stoppen Das Bundeskabinett beschloss Anfang April den Gesetzesentwurf zur Regelung eines allgemeinen Mindestlohns (MiLoG) als Teil des Tarifautonomieverstär- kungsgesetzes, das auch die Reform des Tarifvertragsgesetzes und des Arbeit- nehmer-Entsendegesetzes regelt. 1 Im Bundestag werden die Beratungen wahr- scheinlich vor der Sommerpause abgeschlossen. Die Beschlussfassung dürfte im September in den Bundesrat eingebracht werden und das Gesetz dann zum 1. Januar 2015 in Kraft treten. Trotz verbreiteter Kritik – nicht nur aus dem Ar- beitgeberlager – ist es unwahrscheinlich, dass die große Koalition noch größere Änderungen am Gesetzesentwurf vornehmen wird. Ab 1. Januar 2015 soll dann ein allgemeiner, gesetzlicher Mindestlohn in Höhe von EUR 8,50 je Stunde für nahezu alle Arbeitnehmer 2 gelten (§ 1 (2) MiLoG). Für Branchenmindestlöhne nach dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz und dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz gilt eine Übergangsregelung bis 31. Dezem- ber 2016 (§ 23 MiLoG). Momentan gilt ein – meistens nach West- und Ost- deutschland differenzierter – Branchenmindestlohn für 3,8 Millionen Beschäftig- te in 13 Wirtschaftszweigen. Ab dem 1. Januar 2017 gilt der Mindestlohn auch für diese Arbeitnehmer. Die erste Veränderung des Mindestlohns wird am 1. Januar 2018 stattfinden. Fest- gelegt werden soll diese bis zum 10. Juni 2017 durch eine Mindestlohnkommis- sion (§ 9 (1) MiLoG). 3 Bei der Festsetzung des Mindestlohns soll sich die Kom- mission nachlaufend an der Tarifentwicklung orientieren (§ 9 (3) MiLoG). Nach Aussagen von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles soll der Mindest- lohn für mehr Gerechtigkeit sorgen und dazu beitragen, dass rund vier Millionen Menschen „für ihre anständige Arbeit endlich auch ihren verdienten Lohn be- kommen“. 4 Die Ziele sind nicht nur eine gleichere Verteilung der Primäreinkom- men, sondern auch und die Entlastung der öffentlichen Haushalte. Mit Blick auf mögliche negative Beschäftigungseffekte heißt es im Gesetzesentwurf: „die Höhe des Mindestlohns ist im Hinblick auf seine Beschäftigungswirkung ange- messen. Auch vor dem Hintergrund, dass in Deutschland schon Erfahrungen zu den Beschäftigungseffekten von Branchenmindestlöhnen gesammelt werden konnten, sind keine signifikanten Beschäftigungseffekte zu erwarten.“ Ausgangsniveau von EUR 8,50 je Stunde politisch motiviert Eine detaillierte Begründung, warum gerade ein Mindestlohn von EUR 8,50 je Stunde das optimale Niveau zur Erreichung der Ziele sein sollte, wird nicht an- gebracht. Nach unserer Einschätzung dürften die mit der Mindestlohneinführung ange- strebten Ziele verfehlt, ja sogar die gegenteiligen Effekte erreicht werden. 1 Gesetzentwurf der Bundesregierung (2014) Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Tarifauto- nomie (Tarifautomiestärkungsgesetz). 2 Ausgenommen sind Auszubildende, Jugendliche unter 18 Jahren ohne abgeschlossene Berufs- ausbildung, Pflichtpraktika, ehrenamtliche Tätigkeiten und Langzeitarbeitslose mit Eingliede- rungszuschuss in den ersten 6 Monaten (§ 22 MiLoG). 3 Die Kommission wird für fünf Jahre berufen und bestimmt dann jährlich über die Anpassungen. Sie setzt sich aus einem Vorsitzendem, sechs weiteren stimmberechtigten ständigen Mitgliedern und zwei Mitgliedern aus der Wissenschaft ohne Stimmrecht zusammen (§ 4 MiLoG). Entschei- dungen werden mit einfacher Mehrheit getroffen. Sollte diese nicht zustande kommen, übt der Vorsitzende sein Stimmrecht aus (§ 10 (2) MiLoG). Je drei Mitglieder werden auf Vorschlag der Spitzenorganisationen aus Kreisen der Einzelgewerkschaften und Vereinigungen von Arbeitge- bern durch die Bundesregierung berufen (MiLoG, S. 42). 4 BMAS (2014). Pressemitteilung „Der Mindestlohn kommt“. 2. April 2014. Ausblick Deutschland 9 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Die von der Regierung beabsichtigten Ziele dürfte vielmehr durch die bewährte Aushandlung der kompletten Lohnstruktur durch Arbeitgeber- und Arbeitneh- mervertreter erreicht werden. Die Autonomie der Tarifvertragsparteien, Löhne auszuhandeln, und die Dezentralisierung auf die Betriebsebene dürften ein Hauptgrund für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen seit Mitte der 1990er-Jahre sein. 5 Zudem nutzten die deutschen Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten intensiv die sich durch die Öff- nung der Schwellenländer – insb. Osteuropas und Asiens – ergebende Chance, ihre durchschnittlichen Lohnkosten durch den Aufbau globaler Wertschöpfungs- ketten zu senken. Als Ausweichreaktion auf das relativ hohe deutsche Lohn- niveau und die starke Arbeitsmarktregulierung wurden insbesondere die Teile der Produktionskette mit einem relativ hohen Einsatz von Arbeitskräften mit niedrigem Qualifikationsniveau verlagert. 6 Gegen alle Bedenken hat sich die große Koalition dazu entschieden, einen Min- destlohn in Höhe von EUR 8,50 je Stunde einzuführen. Dabei steht allerdings der verbesserten Situation derjenigen, die nach Einführung des Mindestlohns weiterbeschäftigt werden, die Verschlechterung der Situation für diejenigen gegenüber, die ihren Arbeitsplatz verlieren bzw. aufgrund des Mindestlohns keinen bekommen. Dieser Trade-off sollte von der Politik klar kommuniziert werden. Wie im Folgenden gezeigt wird, dürfte der erhebliche staatliche Eingriff ins deutsche Lohngefüge deutlich negative Beschäftigungseffekte zur Folge haben und damit zu einem negativen Gesamteffekt führen. Internationale Erfahrungen mit Mindestlöhnen Die Beschäftigungswirkung eines bindenden Mindestlohns lässt sich theoretisch nicht eindeutig bestimmen. Nach dem neo-klassischen Arbeitsmarktmodell (kei- ne Friktionen, vollkommener Wettbewerb, Entlohnung zur Grenzproduktivität) hat ein bindender Mindestlohn eindeutig negative Beschäftigungseffekte, da alle Arbeitsplätze mit einer Wertschöpfung unter dem Mindestlohn wegfallen. Positi- ve Beschäftigungseffekte könnte es bei einem monopsonistischen Arbeits- marktmodell geben. Bei Marktmacht des Arbeitgebers bei der Lohnsetzung dürf- te der Lohn aus gesamtwirtschaftlicher Sicht zu niedrig sein. Die Einführung eines bindenden Mindestlohns mit moderatem Eingriffsniveau bewirkte dann ein höheres Einkommen und eine höhere Beschäftigung. Zudem könnte es in Su- charbeitsmärkten ebenfalls zu positiven Beschäftigungseffekten kommen, da Unternehmen unbesetzte Stellen schneller besetzen können und der Verbleib im Unternehmen höher sein dürfte. Ob und unter welchen Umständen es einen negativen Beschäftigungseffekt von Mindestlöhnen gibt, muss daher empirisch bestimmt werden. Einen umfangrei- chen internationalen Literaturüberblick über 102 Studien seit Anfang der 1990er Jahre liefern Neumark und Wascher (2007) 7 . Die Spannbreite der geschätzten Elastizitäten reicht vom deutlich negativen bis in den positiven Bereich. Eine überwältigende Mehrzahl der Studien – etwa 2/3 und bei der Beschränkung auf die am saubersten durchgeführten Studien sogar 85% – deutet allerdings auf negative Beschäftigungseffekte hin. In weniger als 10% der Studien werden positive Beschäftigungseffekte gefunden. Bei den neueren Studien für die USA wurde der Studie von Dube et al. (2010) in der öffentlichen Diskussion relativ große Beachtung geschenkt, die bei der Be- achtung von regionaler Heterogenität keine negativen Beschäftigungseffekte 5 Dustmann, C. et al. (2014). From Sick Man of Europe to Economic Superstar: Germany’s Resurgent Economy. Journal of Economic Perspectives. 28 (1), 167-188. 6 Peters, H. (2013). Globale Wertschöpfungsketten sichern deutschen Unternehmen Wettbewerbs- vorteile. Deutsche Bank Research. Ausblick Deutschland. 1. Juli 2013. 7 Neumark, D. und Wascher, W. L. (2007). Minimum Wages and Employment. Foundations and Trends in Microeconomics. 3 (1-2), 1-182. FR GB US - 2,0 - 1,5 - 1,0 - 0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 20 40 60 80 100 x - Achse: Kaitz - Index*, y - Achse: jährliche Veränderung seit Jahr der Einführung (% - Punkte) * Jahr der Mindestlohneinführung oder am weitesten zurückliegender Wert Quellen: OECD, Eurostat, Nationale Statistiken, Deutsche Bank Research Mindestlöhne stiegen unterproportional an, wenn das Niveau bei Einführung relativ hoch war 1 Ausblick Deutschland 10 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen finden. Neumark et al. (2013) stellten das empirische Vorgehen allerdings in Frage und fanden negative Beschäftigungseffekte. 8 Insgesamt deutet die Literatur zu Mindestlöhnen deutlich auf negative Beschäf- tigungseffekte hin. Entscheidend ist bei der Einführung eines Mindestlohns die Eingriffsintensität in die Lohnverteilung, die bei den Problemgruppen des Ar- beitsmarktes oftmals – auch bei relativ niedrigem Mindestlohn – ein hohes Ni- veau aufweist. Häufig werden daher für diese Gruppen Ausnahmeregelungen getroffen oder ein niedrigerer Mindestlohn angesetzt. Das übliche Maß zur Messung der Eingriffsintensität eines Mindestlohns ist der Abstand des Mindestlohns vom Durchschnitts- oder Median-Lohn eines Voll- zeitbeschäftigten (Kaitz-Index). Im internationalen Vergleich gibt es gravierende Unterschiede der Eingriffsintensität der Mindestlöhne. 9 Wenn allerdings anfäng- lich ein relativ hohes Niveau gewählt wurde, blieben die Mindestlohnerhöhun- gen in der Regel hinter den Medianlohnerhöhungen zurück. Der Kaitz-Index ist für diese Länder folglich heute niedriger als im Jahr der Mindestlohneinführung. 8 Dube, A. et al. (2010). Minimum Wage Effects across State Borders: Estimates using Contiguous Counties. The Review of Economics and Statistics. 92 (4), 945-964. Neumark, D. et al. (2013). Revisitng the Minimum Wage-Employment debate: Throwing Out the Baby with the Bathwater? NBER Working Paper Nr. 18681. 9 Weltweit gibt es in etwa der Hälfte der Länder einen Mindestlohn. Siehe ILO (2013). World of Work Report 2013: Repairing the economic and social fabric. Genf. S. 50. Mindestlöhne in % des Lohns Vollzeitbeschäftigter 2012 2 Mittelwert Median Mindestlohn Median 2012 vs. ... % Rang % Rang EUR pro Stunde Zuletzt geändert Einführung % Rang % - Pkt. Türkei 38,4 13 72,5 1 2,17 1. Jan. 2014 1936 (Daten: 1970) 96,4 1 - 23,9 Frankreich 49,8 2 61,5 2 9,53 1. Jan. 2014 1970 38,2 20 23,3 Neuseeland 51,3 1 59,9 3 8,48 1. Apr. 2013 1983 34,8 23 25,1 Slowenien 48,3 3 59,5 4 4,56 1. Jan. 2014 1995 (Daten: 2005) 51,2 11 8,3 Portugal 39,6 9 57,7 5 2 ,92 1. Jan. 2011 1974 (Daten: 1975) 70,0 2 - 12,3 Ungarn 39,6 9 53,9 6 1,97 1. Jan. 2014 1988 37,4 21 16,5 Australien 44,0 5 52,7 7 11,88 1. Jul. 2013 1966 (Daten: 1985) 65,2 5 - 12,5 Lettland 38,0 14 50,9 8 1,93 1. Jan. 2014 1991 (Daten: 1997) 39,6 19 11 ,3 Deutschland 45,6 4 50,2 10 8,50 1. Jan. 2015 2015 50,2 13 Belgien 43,0 7 50,7 9 9,10 1. Dez. 2012 1975 54,8 9 - 4,1 Lithauen 35,7 17 47,8 11 1,76 1. Jan. 2013 1991 (Daten: 1997) 54,4 10 - 6,6 Irland 43,7 6 47,6 12 8,65 1. Jul. 2011 2000 67,5 3 - 19,9 Großbritannien 38,8 12 47,2 13 7,43 1. Okt. 2013 1999 42,4 17 4,8 Slowakei 36,8 16 47,0 14 2,02 1. Jan. 2014 1991 58,8 6 - 11,8 Niederlande 41,2 8 46,9 15 9,11 1. Jan. 2014 1969 65,5 4 - 18,6 Polen 37,9 15 46,5 16 2,31 1. Jan. 2014 1990 (Daten: 1991) 40, 0 18 6,5 Rumänien 31,2 22 45,2 17 1,14 1. Jan. 2014 1990 49,3 14 - 4,1 Kanada 39,6 9 45,1 18 7,44 1. Jan. 2014 1918 (Daten: 1965) 47,4 15 - 2,3 Spanien 34,9 18 44,2 19 3,91 1. Jan. 2013 1980 56,1 7 - 11,9 Griechenland 29,5 25 43,4 20 3,35 1. Mrz. 2012 199 1 55,1 8 - 11,7 Republik Korea 34,5 19 42,4 21 3,58 1. Jan. 2014 1988 29,3 25 13,1 Luxemburg 34,5 19 42,0 22 11,10 1. Okt. 2013 1973 35,8 22 6,2 Japan 33,3 21 38,3 23 5,89 1. Jan. 2014 1959 (Daten: 1975) 27,6 26 10,7 USA 27,2 26 37,8 24 5,46 24. Jul. 20 09 1938 (Daten: 1960) 46,9 16 - 9,1 Tschechische Republik 30,6 23 36,0 25 1,95 1. Aug. 2013 1991 51,0 12 - 15,0 Estland 30,0 24 35,7 26 2,13 1. Jan. 2014 1991 (Daten: 1999) 32,0 24 3,7 Quellen: OECD, Eurostat, WSI, Nationale Statist iken, SOEP, Deutsche Bank Research 30 35 40 45 50 55 60 65 70 74 78 82 86 90 94 98 02 06 10 FR GB US Quellen: OECD, Deutsche Bank Research Kaitz-Index (Median) Mindestlohnerhöhungen in Frankreich deutlich stärker als in den USA und UK 3 Ausblick Deutschland 11 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Umgekehrt wurde der Mindestlohn in den Ländern mit einem anfänglich relativ niedrigen Niveau stärker angehoben als der Medianlohn. Der internationale Vergleich liefert eine Orientierungsgröße für eine Höhe des Mindestlohns in Deutschland, die wahrscheinlich nur geringe negative Beschäf- tigungseffekte zur Folge hätte. Für die USA und Großbritannien gibt es Studien, die keine statistisch signifikanten negativen Beschäftigungseffekte finden. 10 In beiden Ländern ist die Eingriffsintensität des Mindestlohns allerdings relativ gering. In Großbritannien gibt es Ausnahmen für Arbeitnehmer, die sich am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn befinden. 11 In den USA gibt es neben dem nationalen Mindestlohn abweichende Regelungen auf Ebene der Bundesstaa- ten. In Washington wurde der höchste bundesstaatliche Mindestlohn festgelegt (26% über dem nationalen Mindestlohn). Im Gegensatz dazu wäre ein Mindestlohn mit einer ähnlichen Eingriffsintensität wie derzeit in Frankreich vor allem für Problemgruppen äußerst problematisch. Während der Mindestlohn zum Zeitpunkt der Einführung mit einem Kaitz-Index von unter 40% auf einem relativ niedrigen Niveau lag, führten die überproportio- nalen Erhöhungen seitdem dazu, dass die Eingriffsintensität in Frankreich mit einem Kaitz-Index von über 60% im Jahr 2012 die höchste unter den Industrie- ländern ist. Dabei wurden Problemgruppen zunehmend aus dem Arbeitsmarkt gedrängt. Besonders hinderlich ist der Mindestlohn für Berufseinsteiger, denen dadurch häufig der Zugang zum Arbeitsmarkt versperrt wird und daher die Ju- gendarbeitslosigkeit in die Höhe getrieben hat. 12 Der negative Effekt des Min- destlohns wird allerdings in Frankreich durch die umfangreiche Lohnsubventio- nierung verdeckt. 13 Wenn ein Unternehmen eine Arbeitskraft zum Mindestlohn einstellt, liegt der Zuschuss bei 26%. Die Lohnsubventionierung von Löhnen bis zum 1,6-fachen des Mindestlohns wird mit der Höhe des Lohnes abgeschmol- zen. Fast die Hälfte aller Arbeitsplätze wird damit unter enormen fiskalischen Belastungen für den französischen Staatshaushalt subventioniert. Branchenmindestlöhne lassen keine Rückschlüsse auf Wirkung eines allgemeinen Mindestlohns zu Aus den bisherigen Erfahrungen mit Branchenmindestlöhnen – Studien zu Branchenmindestlöhnen in Deutschland finden häufig nur einen geringen nega- tiven Beschäftigungseffekt und eine kräftige Kompression der Lohnstruktur – lassen sich keine Rückschlüsse auf die Effekte eines flächendeckenden Min- destlohns ziehen. Ausweichreaktionen in andere Sektoren, die die negativen Effekte von Branchenmindestlöhnen tendenziell dämpfen, sind bei einem flä- chendeckenden Mindestlohn nicht mehr möglich. 14 Momentan gelten in Deutschland für 13 Branchen mit 3,8 Millionen Beschäftigten Mindestlöhne. In 85% der Fälle wurde allerdings für Ostdeutschland ein geringerer Mindestlohn ausgehandelt. Der Mindestlohn liegt in 40% der Fälle in Ostdeutschland unter EUR 8,50 je Stunde. Die Spannbreite der Mindestlöhne betrug zwischen 10 Knabe, A.; Schöb, R. und Thum, M. (2014). Der flächendeckende Mindestlohn. Freie Universität Berlin. Diskussionsbeitrag 2014/4. 11 Der reduzierte Mindestlohn beträgt für Auszubildende rund 40%, bei unter 18-Jährigen nur 60% und bei 18 bis 20-Jährigen bei 80% des allgemeinen Mindestlohns. 12 Cahuc, P. et al. (2013). Youth unemployment in old Europe: the polar cases of France and Ger- many. IZA Journal of European Labor Studies. 2-18. 13 Die Kombination aus Mindestlohn und Lohnsubventionierung führt dazu, dass sich die Arbeits- kosten bei einer Erhöhung des Mindestlohns nur bei den Löhnen erhöht, die etwa dem alten Min- destlohn entsprachen. Für Löhne darüber reduzieren sich sogar die Arbeitskosten durch die ge- stiegene Lohnsubventionierung. Beispielsweise hatte im Jahr 1997 die Mindestlohnerhöhung um 10% zur Folge, dass der negative Beschäftigungseffekt durch die Mindestlohnerhöhung von 290.000 Personen durch den positiven Effekt der Lohnsubventionierung in Höhe von 500.000 Personen mehr als überkompensiert wurde. Siehe Laroque, G. und Salanié, B. (2000). Une décomposition du non-emploi en France. Économie et Statistique 331 (1). 47-66. 14 Sachverständigenrat (2013). Jahresgutachten 2013/2014. Wiesbaden. 5 10 15 20 25 83 87 91 95 99 03 07 11 FRA DEU GBR USA %, Arbeitslosenquote von unter 25-Jährigen Quellen: Eurostat, Deutsche Bank Research Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich auf hohem Niveau 4 6,50 7,00 7,50 8,00 8,50 9,00 10 11 12 13 14 15 16 17 Gebäudereinigung (Lohngruppe 1), Ost Pflegebranche, Ost Wäschereidienstleistungen, Ost mit Berlin Arbeitnehmerüberlassung, Ost mit Berlin Friseurhandwerk, West Friseurhandwerk, Ost EUR je Stunde Quellen: BMAS, Deutsche Bank Research Branchenmindestlöhne unter EUR 8,50 nach 2015 5 Ausblick Deutschland 12 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen EUR 6,50 je Stunde im Friseurhandwerk in Ostdeutschland und EUR 13,95 je Stunde im Baugewerbe in Westdeutschland. Da bei den Branchenmindestlöh- nen die Ausnahmeregelung vom Mindestlohngesetz bis Ende 2016 greift, wer- den die Mindestlöhne in 5 Branchen auch nach dem 1. Januar 2015 weiter unter EUR 8,50 liegen. Aus internationaler Erfahrung abgeleitetes anfängliches Mindest- lohnniveau Der Überblick über die internationale Erfahrung mit Mindestlöhnen zeigte, dass die anfängliche Höhe des Mindestlohns mit Bedacht gewählt werden sollte. Wird er zu hoch gesetzt, drohen deutliche Beschäftigungsverluste. Ein Mindestlohn mit einer vergleichbaren Eingriffsintensität – gemessen am Kaitz-Index – wie in den USA und Großbritannien würde für Deutschland zwi- schen EUR 5,10 je Stunde und EUR 8,00 je Stunde liegen. Aufgrund der nach wie vor bestehenden deutlich unterschiedlichen wirtschaftlichen Stärke zwi- schen West- und Ostdeutschland wäre zumindest eine regionale Differenzie- rung des Mindestlohns unbedingt erforderlich. Für Ostdeutschland liegt die Spannbreite eines sich an den USA und Großbritannien orientierenden Mindest- lohns mit EUR 4,20 bis EUR 6,50 je Stunde deutlich unter der für Westdeutsch- land (EUR 5,30 bis EUR 8,40 je Stunde). Zudem wäre es ratsam, für Personen- gruppen mit geringeren Chancen am Arbeitsmarkt – vor allem gering Qualifizier- ten – weitere Ausnahmen zu schaffen. Da die genauen Wirkungen einer Mindestlohneinführung auf Grund institutionel- ler Besonderheiten des deutschen Steuer-Transfer-Systems vorab schwer ab- zuschätzen sind, wäre es ratsam, den anfänglichen Mindestlohn am unteren Ende festzulegen. Dies wären dann etwas über EUR 5 je Stunde für Deutsch- land (Westdeutschland: EUR 5,30 und Ostdeutschland: EUR 4,20 je Stunde). Sollten sich keine größeren negativen Beschäftigungswirkungen ergeben, könn- te der Mindestlohn in einem „Entdeckungsverfahren“ mit Bedacht und differen- ziert angehoben werden. Eine unabhängige Institution sollte die Wirkung eva- luieren und über die Veränderung entscheiden. Hypothetischer Mindestlohn bei vergleichbarer Eingriffsintensität wie in US und GB 7 Kaitz - Index DE West Ost % EUR je Stunde US Mitt elwert 27,2 5,10 5,30 4,20 Median 37,8 6,40 6,70 5,20 GB Mittelwert 38,8 7,20 7,60 5,90 Median 47,2 8,00 8,40 6,50 GB – Jahr der Mindest - Mittelwert 35,6 6,60 6,90 5,40 lohneinführung (1999) Median 42,4 7,20 7,50 5,80 Quellen: OECD, S OEP, Deutsche Bank Research Kumulierte Verteilung der Bruttostunde n- löhne in West - und Ostdeutschland 8 y - Achse: Kumulierte Bruttostundenlohnverteilung; x - Achse: EUR pro Stunde Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research 0 10 20 30 40 50 60 70 80 5 6 7 8 8,5 10 12 15 20 SOEP - 2012 Prognostizierte Verteilung bei Mindestlohneinführung Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research Anteil der Personen mit Bruttostundenlohn unter ... EUR (%) Auswirkungen der Fortschreibung der Löhne bis zur Mindestlohneinführung 6 Ausblick Deutschland 13 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Mindestlohn von EUR 8,50 je Stunde enormer Eingriff in Lohnver- teilung Die Eingriffsintensität des geplanten allgemeinen, gesetzlichen Mindestlohnes von EUR 8,50 je Stunde ist folglich relativ hoch mit deutlichen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Dies betrachten wir im Folgenden genauer mit einer Analyse auf Basis der Daten des SOEP des Jahres 2012. Dies ist eine jährliche Haus- haltsbefragung von über 20.000 Personen zu Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit. 15 Lohnsteigerungen führen dazu, dass jedes Jahr eini- ge Personen die Mindestlohnschwelle überschreiten. Daher haben wir die Stun- denlöhne des Jahres 2012 mit durchschnittlich 2,5% fortgeschrieben. 16 Der An- teil der von der Mindestlohneinführung betroffenen Arbeitnehmer fällt dadurch für Deutschland von 15% auf 13%. Der Anteil ist in Ostdeutschland mit 20% deutlich höher als in Westdeutschland (11%). Der Kaitz-Index liegt in Ost- deutschland mit durchschnittlich 62% deutlich über dem in Westdeutschland (48%) und etwa auf dem Niveau von Frankreich. Mecklenburg-Vorpommern hat mit 70% den höchsten Wert. Die Studie, in der der geringste Effekt gefunden wurde, untersuchte nur das Verarbeitende Gewerbe. Da der lohnreagiblere Dienstleistungssektor ausge- klammert wurde, unterzeichnet diese wohl die gesamtwirtschaftlichen Effekte. 17 Wir unterstellen für die weitere Untersuchung mit -0,5 eine Lohnelastizität im mittleren Bereich. Zudem besteht Unsicherheit darüber, für wie viele Wirt- schaftssektoren zum Einführungszeitpunkt des Mindestlohns noch Branchen- mindestlöhne bestehen werden. Wir gehen davon aus, dass es bei den Bran- chenmindestlöhnen für die 13 Sektoren und 3,8 Millionen Beschäftigten bleibt. 15 Siehe für eine ausführliche Beschreibung der Daten Rahmann, U. und Schupp, J. (Hrsg, 2013). SOEP Wave Report 2012 und Wagner. G. G. et al. (2007). The German Socio-Economic Panel Study (SOEP) – Scope, Evolution and Enhancements, Schmollers Jahrbuch 127 (1), 139-169. 16 Die Bruttostundenlöhne wurden anhand der monatlichen Bruttolöhne und den auf den Monat hochgerechneten Wochenstunden berechnet. Bei der Berechnung der Wochenarbeitszeit wurden verschiedene Angaben verwendet, um Verzerrungen durch temporäre Mehrarbeit zu vermeiden. Wenn keine Überstunden geleistet wurden, Überstunden bezahlt oder nicht entgolten werden, wurde die üblicherweise geleistete Wochenarbeitszeit verwendet. Wenn Überstunden allerdings auf Arbeitszeitkonten verbucht werden oder mit Freizeit wieder abgebaut werden können, wurde die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit genommen. Siehe Brenke, K. und Müller, K.-U. (2013). Ge- setzlicher Mindestlohn – kein verteilungspolitisches Allheilmittel. DIW Wochenbericht Nr. 39. 17 Ragnitz, J. und Thum, M. (2008). Beschäftigungswirkungen von Mindestlöhnen – eine Erläute- rung zu den Berechnungen des ifo Instituts, ifo Schnelldienst 61 (1), 16-20. Ausblick Deutschland 14 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Negative Beschäftigungseffekte durch Mindestlohneinführung vor allem in Ostdeutschland 9 Mindestlohn von EUR 8,50 je Stunde in % des Medianlohns Vollzeitbeschäftigter Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research Ausblick Deutschland 15 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Mit diesen Annahmen betrifft die Mindestlohneinführung 4,4 Millionen Arbeit- nehmer, die im Durchschnitt einen Bruttostundenlohn von EUR 6,36 je Stunde verdienen. Die Einführung des Mindestlohns hat eine durchschnittliche Lohn- steigerung von 34% zur Folge, so dass – bei der unterstellten Elastizität von - 0,5 – die Unternehmen ihre Beschäftigung bzw. ihren geplanten Beschäfti- gungsaufbau mittel- bis langfristig um 800.000 Personen oder 2,3% reduzieren werden. Würde dagegen mit einem niedrigeren anfänglichen Mindestlohn von EUR 5 pro Stunde gestartet, wäre der negative Beschäftigungseffekt mit unter 200.000 Personen deutlich geringer. Die 3,6 Millionen Arbeitnehmer, die zum Mindestlohn weiter beschäftigt werden, erhalten durchschnittlich eine Stundenlohnerhöhung um 22%. 18 Die Zahl der Aufstocker dürfte sich dadurch allerdings nur geringfügig ändern. Zudem wech- selt ein Teil vom Arbeitslosengeld II in den Bezug von Wohngeld und Kinderzu- schlag. 19 Die Stundenlöhne aller Arbeitnehmer steigen dadurch einmalig um 2,6%. Da die Arbeitnehmer mit geringem Einkommen typischerweise weniger Wochenstunden arbeiten, erhöht sich zudem die durchschnittliche Arbeitszeit in der Gesamtwirtschaft durch das Ausscheiden dieser Gruppe aus dem Arbeits- markt um 0,5%. Dies verdeutlicht, dass die Einführung des Mindestlohns einen massiven Trade- off zwischen der Verbesserung der Einkommenssituation der weiter beschäftig- ten Arbeitnehmer und den induzierten Arbeitsplatzverlusten darstellt. Mindestlohn versperrt Arbeitsmarktzugang für Personen mit gerin- gen Integrationschancen Die Mindestlohneinführung dürfte vor allem die Personen aus dem Arbeitsmarkt drängen, die ohnehin relativ geringe Integrationschancen haben. Im Vergleich mit anderen Ländern sind vor allem Geringqualifizierte in Deutschland beson- ders häufig von verfestigter Arbeitslosigkeit betroffen. Rund ein Fünftel der Per- sonen ohne Ausbildung sind arbeitslos. 20 Die Eingriffsintensität ist überdurch- schnittlich hoch für Arbeitnehmer, die keinen Berufsabschluss haben, längere Phasen arbeitslos waren, in den Neuen Bundesländern arbeiten, nicht im Haupterwerbsalter sind, ausländische Staatsangehörigkeit haben und atypisch beschäftigt sind. Bei geringfügig und im Minijob Beschäftigten dürften die nega- tiven Beschäftigungseffekte am größten sein. Etwa 60% der Arbeitnehmer in diesen Beschäftigungsformen verdienen etwa 30% weniger als EUR 8,50 (siehe für Details Tabelle 23 am Ende). 18 Hierbei wurde angenommen, dass die Arbeitnehmer am untersten Ende der Lohnverteilung entlassen wurden. 19 Bruckmeier, K. und Wiemers, J. (2014). Die meisten Aufstocker bleiben trotz Mindestlohn bedürf- tig. IAB Kurzbericht 7/2014. 20 Konle-Seidl, R. et al. (2014). Arbeitsmärkte im europäischen Vergleich: Erwerbslose und Inaktive in verschiedenen Sozialsystemen. IAB Kurzbericht 8/2014. Einführung des Mindestlohns mit negativ em Gesamteffekt 11 Lohnelastizität Beschäftigung Stundenlohn Arbeitszeit Tsd. % % % - 0.2 - 300 - 0.9 1.9 0.1 - 0.5 - 800 - 2.3 2.6 0.5 - 0.9 - 1300 - 3.7 3.6 1.0 Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research -6,0 -5,0 -4,0 -3,0 -2,0 -1,0 0,0 4 6 8 9 11 13 15 17 Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research y-Achse: Millionen Personen; x-Achse: EUR pro Stunde Beschäftigungsverluste nach Höhe des Mindestlohns 10 0 20 40 60 West Ost Männlich Weiblich Deutsche Ausländer Alter ≤ 25 Alter > 25 und < 55 Alter ≥ 55 Arbeitslosigkeit > 1 J Ohne Abschluss Berufsabschluss Hochschulabschluss Vollzeit Teilzeit Normal Befristet Beschäftigte Teilzeit (≤ 20 Stunden) Zeitarbeiter Minijob Midijob Geringfügige Öffentlicher Dienst Privatwirtschaft Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research Anteil der Arbeitnehmer mit Bruttostudenlohn unter EUR 8,50 je Stunde nach Merkmalen 12 % der jeweiligen Gruppe Rot (Grün): Anteil über (unter) dem deutschen Durchschnitt von 13% 0 5 10 15 20 Deutschland West Ost Männer Frauen Deutsche Ausländer Jüngere (15 - 25) Ältere (55 - 65) Langzeit ohne Ausbildung* Berufliche Ausbildung* Hochschule* Arbeitslosenquoten nach Merkmalen 13 % aller zivilen Erwerbspersonen (2013; *2012) Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Bank Rot (Grün): Anteil über (unter) dem deutschen Durchschnitt von 6,9% Ausblick Deutschland 16 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Mindestlohneinführung stoppt Beschäftigungsaufbau im Jahr 2015 In der kurzen Frist dürfte die Elastizität deutlich geringer sein, da die Anpassun- gen in den Unternehmen an die geänderten Kostenstrukturen wahrscheinlich nur relativ langsam stattfinden und zudem der Kündigungsschutz zu beachten ist. Da die Mindestlohneinführung für die Unternehmen allerdings keine Überra- schung ist, dürften sie bereits frühzeitig Anpassungsmaßnahmen (verringerten Beschäftigungsaufbau) einleiten. Für die Auswirkungen im Jahr 2015 nehmen wird an, dass die Reaktion der Unternehmen dem der unteren Elastizität (etwa -0,2) entspricht. Der Mindest- lohn dürfte damit einen negativen Beschäftigungseffekt von etwa 300.000 Per- sonen haben. Die zunächst weiter beschäftigten 4,1 Millionen Arbeitnehmer profitieren zunächst von einer durchschnittlichen Erhöhung des Bruttostunden- lohns von fast 30%. Durch die Entlassung der Arbeitskräfte mit der geringsten Produktivität, die im Durchschnitt zudem eine geringere Arbeitszeit haben, steigt die durchschnittliche Arbeitsproduktivität und Arbeitszeit an. Dies gleicht zum Großteil den negativen Beschäftigungseffekt aufs BIP-Wachstum aus, so dass im Jahr 2015 das BIP-Wachstum durch die Mindestlohneinführung nur um 0,1 %-Punkte geringer ausfallen dürfte. Die Prognose der Arbeitsmarktbilanz ändert sich durch die Mindestlohneinfüh- rung allerdings erheblich. Statt wie bisher von uns prognostiziert im Jahr 2015 erneut kräftig zu expandieren, dürfte der Beschäftigungsaufbau trotz Zuwande- rung und solidem Wirtschaftswachstum gestoppt werden. Da sich ein Teil der arbeitslos gewordenen gänzlich vom Arbeitsmarkt zurückziehen dürfte, dürfte die Arbeitslosenquote im Jahr 2015 unverändert bei 6,6% bleiben, anstatt wie von uns zuvor prognostiziert auf 6,4% weiter zu fallen. Die Personalkosten der Unternehmen dürften durch den Anstieg der Arbeitskos- ten im Jahr 2015 insgesamt um rund 2% steigen. Da der Personalkostenanteil bei 15% liegt, erhöhen sich dadurch die Gesamtkosten um 0,3% oder EUR 17 Mrd. Soweit es die Wettbewerbssituation zulässt, dürften die Unter- nehmen versuchen, einen möglichst großen Anteil des Arbeitskostenschubs auf die Preise zu überwälzen. Dies dürfte vor allem bei Unternehmen, die intensiv im Wettbewerb stehen, nicht zuletzt aufgrund der schwächeren globalen Nach- frage und erheblicher globaler Überkapazitäten, schwierig sein und daher über- wiegend zu Lasten der Unternehmensgewinne gehen. Kleinere und mittlere Unternehmen werden hierbei vor größere Herausforderungen gestellt als größe- re Unternehmen, da die Eingriffsintensität des Mindestlohns, der Arbeitskosten- schub und der Anteil der Personalkosten höher sind. Die Überwälzung der ge- stiegenen Arbeitskosten auf die Preise dürft die Verbraucherpreisinflation im Jahr 2015 um einige Zehntel-Prozentpunkte erhöhen. Unter den Wirtschaftsbereichen dürfte der größte Beschäftigungsabbau durch die höhere Lohnreagibilität im Dienstleistungssektor und infolge der enormen Eingriffsintensität in der Landwirtschaft und im Handel anfallen. Den mit Abstand größten Anstieg der Personalkosten wird es mit über 10% in der Landwirtschaft geben. Überdurchschnittlich dürften zudem die Personalkosten im Handel stei- gen. Die geringsten Anstiege der Personalkosten dürfte es im Energie- und Finanzsektor geben. Durch die unterschiedlich hohen Personalkostenanteile, die von unter 4% im Energiesektor bis zu 33% bei den Unternehmensdienstlei- stungen reichen, ist der Effekt auf die Gesamtkosten unterschiedlich. Die höchs- ten Preiserhöhen dürften daher in der Landwirtschaft und im Dienstleistungs- sektor anfallen. - 0,8 - 0,3 0,2 0,7 Erwerbstätige Geleistete Arbeitsstunden Arbeitsproduktivität Reales BIP Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research % - Punkte ggü. Basisszenario Moderat negativer Effekt aufs BIP - Wachstum 2015 durch Mindestlohn 14 0 10 20 30 40 Energie Handel Insgesamt Ver. Gewerbe Verkehr Baugewerbe Unt. - dienstl. Personalaufwand in % der Gesamtleistung Quellen: Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research Personalkostenanteil im Dienst - leistungs - und Bausektor am höchsten 15 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 0 2 4 6 8 10 12 Energie Finanzsektor Baugewerbe Ver. Gewerbe Dienstleistungen Verkehr Insg. Handel Landwirtschaft Personalkosten (links) Gesamtkosten (rechts) Kostenanstieg, % Personalkosten steigen am stärksten in der Landwirtschaft und im Handel 16 Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research Ausblick Deutschland 17 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Mittelfristig entfalten sich die negativen Arbeitsmarkteffekte in voller Schärfe Mittelfristig dürften die Unternehmen versuchen, den Faktor Arbeit durch Kapital zu ersetzen, im Inland teurer gewordene Zwischenprodukte aus dem Ausland zu beziehen und die Integration in globale Wertschöpfungsketten zu beschleu- nigen. 21 Dies dürfte die Verschiebung der Nachfrage weg von Gering- zu Hoch- qualifizierten infolge faktorverzerrenden technologischen Wandels und fort- schreitender Globalisierung weiter beschleunigen und die strukturelle Arbeitslo- sigkeit erhöhen. Mittelfristig erhöht sich der negative Beschäftigungseffekt wahr- scheinlich auf 800.000 Personen. Für die unproduktivsten Arbeitskräfte wird es aufgrund ihrer schlechteren Integrationschancen besonders schwierig, eine Anschlussbeschäftigung zu finden. Die Erhöhung der strukturellen Arbeitslosig- keit wird erhebliche negative fiskalische Effekte haben. Die strukturelle Arbeits- losigkeit in EU-Ländern mit Mindestlohn ist nicht nur höher, sondern seit Mitte der 2000er Jahre auch stärker gestiegen als in Ländern ohne Mindestlohn. Da sich ein Teil gänzlich vom Arbeitsmarkt zurückziehen dürfte, reduziert sich zu- dem das Erwerbspersonenpotenzial und damit das Potenzialwachstum vorüber- gehend um einige Zehntel-Prozentpunkte. Dies geschieht in einer Zeit, in der der demografische Wandel das Potenzialwachstum ohnehin dämpft. Für die längerfristige Entwicklung ist es entscheidend, wie stark die Anhebun- gen des Mindestlohnes ab dem Jahr 2018 ausfallen werden. Wenn die durch- schnittliche Lohnsteigerung als Referenzpunkt dient, würde dies im Vergleich zu den vergangenen Jahren, in denen die unteren Lohngruppen eher unterdurch- schnittliche Zuwächse verzeichneten, eine deutlich stärkere Lohnerhöhung am unteren Ende der Lohnverteilung zur Folge haben und die Eingriffsintensität erhöhen. Kritisch ist zudem die im Gesetzesentwurf vorgegebene Orientierung der Mindestlohnkommission an der nachgelagerten Tarifentwicklung, da dies zu Beginn eines Abschwungs und insbesondere in einer Rezession die Eingriffsin- tensität des Mindestlohns weiter erhöht und damit zusätzlich negativ auf die Beschäftigung wirkt. Mindestlohn: Kehrtwende der erfolgreichen Arbeitsmarktpolitik Mitte der 2000er-Jahre Die Einführung des Mindestlohns ist eine komplette Kehrtwende der Arbeits- marktpolitik seit Mitte der 2000er Jahre. Während über die Schaffung eines Niedriglohnsektors und damit über eine Auffächerung der Lohnverteilung am unteren Ende die Integrationschancen der Problemgruppen erhöht wurden, wird dem durch die Mindestlohneinführung wieder ein Riegel vorgeschoben. Die Zahl der Arbeitslosen ist seit dem Höchststand von knapp 5 Millionen Anfang des Jahres 2005 um fast 2 Millionen gesunken. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen fiel ebenfalls kräftig. Die Problemgruppen werden zukünftig von der Teilhabe am Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Ebenso kritisch zu sehen ist die geplante Verschärfung der atypischen Beschäftigungsformen, die die externe Flexibilität der Unternehmen in den vergangenen Jahren merklich erhöht haben und für zahlreiche Arbeitslose mit Vermittlungshemmnissen überhaupt erst den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichten. Bspw. waren bei der Leih- arbeit über 50% vor Beschäftigungsbeginn arbeitslos und etwa 10% vorher noch nie beschäftigt. 22 21 Als weitere Ausweichreaktionen kommen Schwarzarbeit, unbezahlte Mehrarbeit oder (Schein-)Selbstständigkeit in Betracht. Oftmals dürfte es für den Zoll schwierig sein, diese Verge- hen aufzudecken. 22 Gräf, B. (2014). Leiharbeit: Erfolgsgeschichte mit ungewissem Ausgang, Deutsche Bank Re- search. Ausblick Deutschland vom 28. Februar 2014. 0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0 1,2 1,4 1,6 10 20 30 40 50 60 70 80 90 Stundenlohnanstiege in oberer Hälfte Verteilung höher 17 Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research % gg. Vj. (Mittelwert der Bruttostudenlohnanstiege seit 2005) 0 2 4 6 8 10 12 2005 2013 Länder mit Mindestlohn Länder ohne Mindestlohn Quoten*, in % *Nicht gewichteter Durchschnitt der EU - Länder Quellen: Europäische Kommission, Deutsche Bank Research Strukturelle Arbeitslosigkeit in EU - Ländern ohne Mindestlohn niedriger 18 - 30 - 20 - 10 0 10 20 30 07 08 09 10 11 12 13 14 Langzeitarbeitslosigkeit Kurzzeitarbeitslosigkeit Insgesamt Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit wird schwieriger 19 Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Bank Research % gg. Vj. (gleitender 3 - Monatsdurchschnitt) Ausblick Deutschland 18 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Flächendeckender Mindestlohn komplett falsche Weichenstellung Anstatt durch den relativ hoch gesetzten Mindestlohn die positive Arbeitsmarkt- entwicklung seit Mitte der 2000er Jahr zu gefährden, sollten lieber Maßnahmen ergriffen werden, mit denen die strukturelle Arbeitslosigkeit, durch bspw. intensi- ve Betreuung und Qualifizierung, reduziert und die Qualität der Arbeit weiter verbessert wird. Entscheidend hierfür sind Maßnahmen, die die individuelle Aufwärtsmobilität und damit den Übergang von einer relativ schlecht bezahlten und instabilen Beschäftigungsform in eine stabilere sowie besser bezahlte Tä- tigkeit verbessern. Dies könnte durch den Ausbau der Weiterqualifizierung von Arbeitnehmern und die intensivere Betreuung nach der Vermittlung durch die Arbeitsagentur geschehen. Ein Wechsel des Arbeitgebers könnte unter Um- ständen auch die individuelle Position verbessern. 23 Die Maßnahmen setzen allerdings voraus, dass der Arbeitsmarkt für Arbeitskräf- te mit relativ geringer Produktivität überhaupt erst offen steht. Die Ausdifferen- zierung der Lohnstruktur und die merkliche Erhöhung der Bewegungsvorgänge seit Mitte der 2000er Jahre haben entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Chancen, eine Beschäftigung zu finden, vor allem auch für die Problemgruppen verbessert haben. Der Mindestlohn dürfte zu erheblichen negativen Beschäftigungseffekten vor allem bei den Problemgruppen sorgen, den (Wieder-)Einstieg in den Arbeits- markt erheblich erschweren und die strukturelle Arbeitslosigkeit mit deutlichen negativen fiskalischen Effekten erhöhen. Die Reduktion der Ungleichheit der Bruttolohnverteilung wird durch das Rausdrängen der Arbeitnehmer mit der geringsten Produktivität erkauft. Daher dürften die Ziele einer gerechteren Ver- teilung und eine Entlastung der öffentlichen Haushalte klar verfehlt werden. Die Ungleichheit der Bruttolohnverteilung wird bereits in erheblichem Maße über das Steuer- und Transfersystem reduziert, so dass die Ungleichheit der Nettolohn- verteilung deutlich geringer ist. Im internationalen Vergleich ist die deutsche Einkommensungleichheit nach Steuern und Transfers relativ gering. Ein komplett falscher Weg wäre es zudem, zu versuchen, die negativen Be- schäftigungseffekte durch eine direkte Lohnsubventionierung an die Unterneh- men auszugleichen. Dies hätte – wie in Frankreich – erhebliche Mitnahmeeffek- te zur Folge und enorme fiskalische Kosten. Die Schaffung eines staatlich ge- lenkten zweiten Arbeitsmarktes dürfte ebenfalls nicht zielführend sein. 23 Walwei, Ulrich (2014). Curing the sick man: The German labour market on the way to good health? IAB Current Issue. 15. April 2014. 0 5 10 15 20 25 ohne Abschluss Berufsabschluss Hochschule Total Ost DE West Bruttostundenlöhne nach Abschluss 20 EUR je Stunde (Median) Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research 0,25 0,30 0,35 0,40 0,45 1992 1995 1998 2001 2004 2007 2010 Nach Steuern und Transfers Vor Steuern und Transfers Gini - Koeffizient Quelle: OECD Steuer - /Transfersystem reduziert Einkommensungleichheit in Deutschland enorm 21 0,20 0,25 0,30 0,35 0,40 0,45 0,50 0,55 SI IS DK CZ NO BE SK FI AT SE LU HU DE CH NL KR FR NZ PL AU IT EE CA JP ES GR IE PT GB IL US RU TR MX CL Nach Steuern und Transfers Vor Steuern und Transfers Quelle: OECD Einkommensungleichheit nach Steuern und Transfers in Deutschland relativ gering 22 Gini Koeffizient Ausblick Deutschland 19 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Noch besteht die Möglichkeit, die Mindestlohneinführung zu stoppen oder zu- mindest so zu ändern, dass durch die Absenkung des Niveaus und die Differen- zierung der Mindestlohnhöhe nach Regionen und Qualifikationsniveaus verhin- dert wird, dass gerade zahlreichen Personen mit jetzt schon geringeren Be- schäftigungschancen der Zugang zum Arbeitsmarkt dauerhaft versperrt wird. Die Chancen dazu dürften leider gering sein. Heiko Peters (+49 69 910-21548, heiko.peters@db.com) Eingriffsintensität des Mindestlohns und nötige Lohnsteigerungen nach Strukturmerkmalen 23 Personen mit Bruttostundenlöhnen unter EUR 8,50 (in % der jeweiligen Gruppe) Nötige Lohnsteigerung zur Erreichung des Mindestlohns (%) DEU West Ost DEU West Ost Alle 13 11 20 34 33 35 Beschäftigungsform Vollzeit 7 4 14 29 33 24 Teilzeit 25 23 37 36 33 46 Normalarbeitsverhältnis 7 4 15 28 30 26 Befristet Beschäftigte 25 23 33 36 36 36 Teilzeit (≤ 20 Wochenstunden) 37 34 59 38 34 62 Zeitarbeiter 28 26 35 27 25 35 Minijob 61 58 79 42 37 80 Midijob 37 31 60 17 14 33 Unregelmäßige/geringfügige Beschäftigung 58 55 76 44 39 73 Qualifikation Kein Berufsabschluss 28 26 40 37 36 42 Berufsabschluss 13 10 24 32 32 33 Hochschulabschluss 7 6 9 36 34 40 Staatsangehörigkeit Deutsch 13 10 20 34 34 34 Nicht - deutsch 20 - - 32 - - Summierte Arbeitslosigkeit > 1 Jahr 26 20 36 33 29 39 Alter ≤ 25 35 35 36 39 40 37 > 25 und < 55 11 9 18 31 30 33 ≥ 55 15 12 23 38 38 38 Geschlecht Männlich 9 7 16 35 37 33 Weiblich 17 15 24 33 32 36 Öffentlicher Dienst 6 5 8 27 27 27 Privatwirtschaft 16 13 25 35 34 36 Wirtschaftszweig Landwirtschaft 31 20 42 54 67 48 Energie 3 0 10 27 0 27 Verarbeitende Gewerbe 10 7 20 31 29 34 Baugewerbe 7 5 13 36 36 36 Handel 25 22 37 35 33 39 Verkehr 16 13 23 31 30 34 Kredit - und Versicherungsgewerbe 4 3 8 20 - - Dienstleistungen 11 10 15 30 31 29 Ausblick Deutschland 20 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Fortsetzung 23 Personen mit Bruttostundenlöhnen unter EUR 8,50 (in % der jeweiligen Gruppe) Nötige Lohnsteigerung zur Erreichu ng des Mindestlohns (%) DEU West Ost DEU West Ost Unternehmensgröße ≤ 2000 Mitarbeiter 16 13 23 35 34 36 > 2000 Mitarbeiter 6 5 10 28 29 26 Bundesland Baden - Württemberg 8 27 Bayern 11 36 Hessen 9 31 Niedersachsen 12 4 1 Nordrhein - Westfalen 12 32 Rheinland - Pfalz 11 28 Saarland 20 36 Schleswig - Holstein 15 45 Berlin 10 22 Brandenburg 18 42 Mecklenburg - Vorpommern 26 39 Sachsen 20 27 Sachsen - Anhalt 18 52 Thüringen 23 35 Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research Ausblick Deutschland 21 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Deutschlands Exportüberschüsse im Fokus: Wer ist der „böse Bube“ in Euroland? — Deutschland überschwemmt insbesondere die südlichen Peripherieländer mit seinen Waren und Ersparnissen und hat so massiv zum Verschul- dungsproblem dieser Länder beigetragen, so die Kritik an den hohen deutschen Leistungsbilanzüberschüssen. — Ja, Deutschland hat im Vorfeld der Eurokrise Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber den EWU-Mitgliedsländern von in der Spitze 4,5% des BIP er- wirtschaftet. Die gegen Deutschland erhobenen Vorwürfe sind derzeit allerdings an den falschen Adressaten gerichtet. — Zum einen hat sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den EWU-Staaten schon auf 2% des BIP mehr als halbiert. Zum anderen wäre, wenn man schon einer Seite die „Schuld“ für das Ergebnis bilateraler Außenhandelsbeziehungen geben möchte, China der bessere Adressat. — So erwirtschaftet China schon seit 2010 im bilateralen Handel mit den südli- chen Peripherieländern der Eurozone höhere Überschüsse als Deutsch- land, die sich zudem seither nur leicht reduzierten, ist aufgrund der Ähnlich- keit des Produktsortiments auf Drittmärkten ein nahezu übermächtiger Kon- kurrent und verdrängt zunehmend auch lokale Produktion. — Tiefgreifende Reformen und Anpassungsprozesse zur Erhöhung der Wett- bewerbsfähigkeit sind daher in den südlichen Peripherieländern umso not- wendiger – eine Reduktion des deutschen Leistungsbilanzüberschusses hilft dabei wenig. Deutschland in der öffentlichen Diskussion „mit dem Rücken zur Wand“ Deutschland sieht sich aufgrund seiner anhaltenden Leistungsbilanzüber- schüsse nach wie vor starker Kritik ausgesetzt. Sowohl Regierungsvertreter, beispielsweise Frankreichs, Italiens oder der USA, sowie die Europäische Kommission, aber inzwischen auch Teile der deutschen Regierung selbst finden in Deutschland makroökonomische Ungleichgewichte, die zur Destabilisierung der europäischen sowie der Weltwirtschaft beitragen. 24 Zudem wird insbesondere innerhalb der Eurozone – mitunter sehr polemisch – die Frage diskutiert, inwiefern Deutschland (mit-)verantwortlich für die miserable wirtschaftliche Situation einiger Peripheriestaaten ist. 25 Aus den Reihen dieser Länder waren zuletzt vermehrt Stimmen vernehmbar, die Deutschland wegen seiner hohen ausstehenden Forderungen an das Ausland, entstanden durch die hohen Handelsüberschüsse, als eigentlichen Verursacher der Schuldenkrisen innerhalb der Länder kritisieren und als „bösen Buben Europas“ brandmarken. Hierzulande werden die massiven und in den letzten Jahren tendenziell steigenden deutschen Exportüberschüsse größtenteils als Zeichen für die enorme internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte interpretiert, die durch den Import von benötigten Vorleistungen auch positive Auswirkungen auf unsere europäischen Handelspartner hat. Danach soll eine Reduzierung der deutschen Überschüsse langfristig über eine höhere inländische Investitions- 24 Vgl. EU-Kommission (2014). European Economy. Macroeconomic Imbalances – Germany 2014. 25 Vgl. Peters, H., S. Schneider (2013). Deutsche Leistungsbilanzüberschüsse – Kritik nicht stich- haltig. Standpunkt Deutschland. 12.12.2013. Deutsche Bank Research. Außenwirtschaftliche Ungleichgewichte Die statistische Erfassung aller wirtschaftlichen Transaktionen zwischen In - und Ausländern innerhalb eines bestimmten Zeitraums erfolgt in der Zahlungsbilanz eines Landes. Diese untertei lt sich im Wesentlichen in die Le i s - tungsbilanz (Güter - und Dienstleistungsbew e- gungen) sowie die Kapitalbilanz (Kapitalbew e- gungen) und ist per Definition stets ausgegl i- chen, da jedem Gütertransfer ein entspr e- chender Kapitaltransfer gegenübersteht (doppelte Buchführung). Wenn Ökonomen von außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten sprechen, stellen sie deshalb meist auf die Leistungsbilanz eines Landes ab. Die kum u- lie r ten Leistungsbilanzüberschüsse eines Landes entsprechen somit den ausstehenden Forderungen ein es Landes gegenüber seinen Handelspartnern, wohingegen die kumulierten Defizite Schulden im Ausland darstellen. Vereinfachte Darstellung der Zahlungsbilanz Zahlungsbilanz Leistungs - bilanz Handelsbilanz Dienstleistungsbilanz Erwerbs - und Kapitale r- trag sbilanz Bilanz der laufenden Übe r- tragungen Bilanz der Vermögensübertragungen Kapital - bilanz Kapitalverkehrsbilanz (Direktinvestitionen, Wer t- papiertransaktionen) Devisenbilanz/Veränderung der Währungsreserven Restposten/Saldo nicht aufgliederba rer Transaktionen Quelle: Deutsche Bank Research - 2 0 2 4 6 8 10 - 50 0 50 100 150 200 250 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 Mrd. EUR (links) % BIP (rechts) Deutschland: Leistungsbilanzsaldo 1 EUR Mrd. (links), % BIP (rechts) Quelle: Eurostat Ausblick Deutschland 22 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen tätigkeit realisiert werden, was auch von Teilen der Wissenschaft zunehmend gefordert wird. 26 Inwieweit Deutschland wirklich der „böse Bube in der Eurozone“ ist, soll im Folgenden durch eine Analyse der deutschen Handelsbilanzüberschüsse gegenüber den Peripheriestaaten geklärt werden. Dabei wird deutlich, dass Deutschland nach wie vor einen beträchtlichen, jedoch merklich rückläufigen Handelsbilanzüberschuss mit diesen Ländern aufweist, die Peripherieländer allerdings Handelsbilanzdefizite zunehmend gegenüber nichteuropäischen Han- delspartnern erwirtschaften. Hier sticht vor allem China hervor, das seit 2010 höhere Überschüsse im Handel mit den Peripherieländern erzielt als Deutsch- land. Im Gegensatz zu Deutschland ist die direkte Produktkonkurrenz zwischen den GIPS-Staaten und China jedoch bedeutend intensiver, was die hohen und tendenziell steigenden Handelsbilanzdefizite besonders problematisch macht. So kommt es nicht nur auf Drittmärkten zu einer stärkeren Konkurrenz durch China, sondern auch auf den heimischen Märkten der Peripherieländer gibt es eine zunehmende Verdrängung durch chinesische Exporte. Außenwirtschaftliche Ungleichgewichte: Massive Veränderungen Zunächst einmal ist festzuhalten, dass außenwirtschaftliche Ungleichgewichte eines Landes keine Seltenheit sind und überdies per se kein Problem darstel- len, wenn sie mit der Öffnung einer Volkswirtschaft einhergehen und somit dy- namische, jedoch temporäre Abweichungen von einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtszustand darstellen. Dementsprechend hat es Überschüsse bzw. Defizite in den Außenhandelsbilanzen schon immer gegeben, und sie werden auch in der Zukunft ein präsentes Phänomen bleiben. Problematisch sind Leistungsbilanzdefizite und potenziell auch Leistungsbilanz- überschüsse erst dann, wenn die dahinter liegenden Ungleichgewichte bei Kos- ten, Konsum und Ersparnissen nicht abgebaut werden. Anhaltende außenwirt- schaftliche Defizite erhöhen die Auslandsverschuldung eines Landes, verstär- ken in der Summe bereits vorhandene nationale Schwachstellen und machen eine Volkswirtschaft anfälliger, beispielsweise über Schwankungen der privaten Kapitalzuflüsse, was die Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite erschwert, wie etwa in Griechenland geschehen. 27 Auffällig ist der enorme Anstieg der globalen außenwirtschaftlichen Ungleich- gewichte im Vorfeld der globalen Finanzkrise. So haben sich die globalen Leis- tungsbilanzdefizite von 2001 bis 2008 von fast USD 600 Mrd. auf rund USD 1.600 Mrd. ausgeweitet. Nach einem starken Rückgang der Ungleichgewichte aufgrund des massiven Einbruchs der Weltwirtschaft auf unter USD 1.000 Mrd. im Jahr 2009 stieg die Summe der Leistungsbilanzdefizite in der Welt in den folgenden Jahren erneut an und bewegt sich aktuell bei etwa USD 1.200 Mrd. Betrachtet man die Entwicklung der Leistungsbilanzsalden gemessen am BIP innerhalb der Europäischen Währungsunion, so ergibt sich ein sehr heteroge- nes Bild. So wiesen insbesondere die Staaten der Peripherie, wie z.B. Grie- chenland, Portugal und Spanien, im Vorfeld der Finanzkrise massive Leistungs- bilanzdefizite auf, die in der Spitze bei 15% des BIP in Griechenland und jeweils rund 10% in Spanien und Portugal lagen. Die zugrundeliegenden Anreize für solch hohe Fehlbeträge basierten auf günstigen Finanzierungsbedingungen in den Peripheriestaaten. Das Zusammenspiel von in der Währungsunion niedri- 26 Vgl. DIW (2013). Investitionen für mehr Wachstum – Eine Zukunftsagenda für Deutschland. In: DIW Wochenbericht, 24.06.2013. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung. 27 Vgl. Weidmann, J. (2014). Außenwirtschaftliche Ungleichgewichte im Euro-Währungsgebiet. Rede anlässlich der Kieler Konjunkturgespräche, Institut für Weltwirtschaft, und Raschen, M. (2014). Die Problematik außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte. KfW Economic Research. Fokus Volkswirtschaft. -140 -120 -100 -80 -60 -40 -20 0 20 40 60 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 Q3 Griechenland Irland Italien Portugal Spanien Deutschland Quellen: Statistisches Bundesaamt, IWF In % des BIP Nettoauslandsposition 2 + = Nettoauslandsguthaben, - = Nettoauslandsschulden - 2500 - 2000 - 1500 - 1000 - 500 0 500 1000 1500 2000 2500 99 01 03 05 07 09 11 13 Japan & Deutschland USA China & Schwellenländer Ölexportierende Länder Andere Industrieländer Sonstige Länder Handelsbilanzsalden 3 Mrd. USD, Jahresbasis Quelle: IWF - 20 - 15 - 10 - 5 0 5 10 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 Irland Spanien Griechenland Portugal Italien Frankreich Deutschland EWU Leistungsbilanzsalden in der EWU 4 % BIP Quelle: Eurostat Ausblick Deutschland 23 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen gen Nominalzinsen und hohen Inflationsraten führte in den Peripherieländern zu merklich niedrigeren Realzinsen als in Deutschland. Die jährlichen Leistungsbi- lanzdefizite dieser Länder sind jedoch seit 2007/2008 rückläufig und haben sich inzwischen ausgeglichen bzw. sogar zu geringen Überschüssen entwickelt. Dies ist neben den Exporterfolgen vor allem auf den Einbruch der Importnachfrage im Zuge der tiefgreifenden Rezessionen zurückzuführen. Im Gegensatz dazu sind die Leistungsbilanzüberschüsse in Deutschland seit 2009 stetig gestiegen und haben im vergangenen Jahr 7,5% des BIP erreicht. Diese Entwicklungen in den EWU-Ländern haben insgesamt dazu geführt, dass der Leistungsbilanzsaldo des Währungsraums gemessen am BIP in aggregier- ter Betrachtung nur einer sehr geringen Schwankung unterlag und infolge der Verbesserung in der Peripherie zuletzt sogar im Überschuss war. Die regionale Struktur des deutschen Leistungsbilanzüberschusses hat sich in den letzten Jahren merklich geändert. Deutschland erwirtschaftet seine anhal- tend hohen Überschüsse verstärkt im Handel mit Ländern außerhalb der Wäh- rungsunion. Während die Überschüsse im Handel mit den Mitgliedsländern der EWU im Jahr 2009 noch fast 70% zum deutschen Leistungsbilanzüberschuss beitrugen, waren es 2013 nur noch rund 30%. Ein nüchterner Blick auf die Daten … Ein Blick auf die Entwicklung der bilateralen Handelsströme zwischen der Bun- desrepublik und den jeweiligen Peripheriestaaten erlaubt eine differenziertere Beurteilung der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse. An dieser Stelle genügt eine Analyse der Handelsbilanz, da die Dienstleistungsbilanz, aber auch die Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie die laufenden Übertragungen nur von untergeordneter Bedeutung für die deutsche Leistungsbilanz sind, und auch in den Peripherieländern Handels- und Leistungsbilanzentwicklung sich nur wenig unterscheiden. Die Entwicklung der Handelsbilanzsalden gegenüber Deutschland zeigt zudem ein sehr ähnliches Bild wie die Entwicklung der Leistungsbilanzsalden der Län- der. In die folgende Analyse haben wir die südlichen Peripherieländer Griechen- land, Italien, Portugal und Spanien einbezogen und diese als GIPS-Länder be- zeichnet. Irland, das zum Teil auch zu den Peripheriestaaten gerechnet wird, haben wir aufgrund seiner Sonderstellung innerhalb dieser Gruppe außen vor gelassen. So erwirtschaftet Irland im Handel mit Deutschland im Gegensatz zu den GIPS-Ländern einen Überschuss. Die GIPS-Staaten haben ihre seit 2000 steigenden Handelsbilanzdefizite gegenüber Deutschland ab 2008 – teils drastisch – reduziert. Hier sind insbe- sondere Spanien, Portugal und Italien hervorzuheben, deren Handelsbilanzdefi- zite mit Deutschland um über 70% gesunken sind, während sich das bilaterale griechisch-deutsche Handelsbilanzdefizit „nur“ halbiert hat. 28 Während im Falle Griechenlands der Rückgang der Einfuhren aus Deutschland alleiniger Treiber der bilateralen Handelsbilanzverbesserung war (der sogar die gesunkenen griechischen Exporte nach Deutschland überkompensierte), war der Rückgang der bilateralen Handelsdefizite in den übrigen GIPS-Staaten so- wohl von rückläufigen Importen als auch höheren Exporten getrieben. So stie- gen beispielsweise die spanischen Exporte nach Deutschland von 2009 bis 2013 um durchschnittlich jährlich 4% an, während die spanischen Importe aus Deutschland um jährlich etwa 5% schrumpften. Die in nahezu allen Peripherie- ländern stark gesunkenen Einfuhren aus Deutschland lassen sich durch die schwache Binnennachfrage der Länder im Zuge ihrer Wirtschaftskrisen erklä- 28 Vgl. Peters, H. (2013). Abbau der bilateralen Handelsungleichgewichte: Wechsel der Treiber. In: Ausblick Deutschland, 1.10.2013. Grafik des Monats. Deutsche Bank Research. - 3 0 3 6 9 95 00 05 10 EWU Nicht - EWU Deutschland: Leistungsbilanzsaldo 5 % BIP im Handel mit Quelle: Statistisches Bundesamt - 250 - 200 - 150 - 100 - 50 0 50 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 Leistungsbilanz Handelsbilanz GIPS: Handels - & Leistungsbilanzsaldo 6 Mrd. EUR Quellen: IWF, Nationale Zentralbanken - 60 - 50 - 40 - 30 - 20 - 10 0 10 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 ES IT PT GR IE Handelsbilanzsaldo gegenüber Deutschland 7 Mrd. EUR Quellen: IWF, Deutsche Bank Research Ausblick Deutschland 24 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen ren, während die gestiegenen Exporte auf die robuste wirtschaftliche Entwick- lung in Deutschland zurückzuführen sind. Zudem haben wohl auch die seit ih- rem Höhepunkt im Jahr 2009 stark rückläufigen Lohnstückkosten zur guten Exportperformance beigetragen. In Portugal sind sie um 10% und in Spanien um 7 ¾% gesunken. Die Gründe für die – trotz der nach Schätzungen der EU-Kommission um gut 13% gefallenen Lohnstückkosten – enttäuschende griechische Exportperfor- mance liegen wohl in der Warenstruktur. Diese bestehen zu rund einem Drittel aus landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Da diese Güter üblicherweise eine ge- ringe Preis- und Einkommenselastizität haben, profitierten sie somit kaum von Einkommenszuwächsen in Deutschland und niedrigeren Kosten. Die Exporte der übrigen Peripherieländer sind in diesem Punkt deutlich reagibler, da sie signifikant höhere Anteile an industriell höherwertigen Produkten, wie beispiels- weise Kraftfahrzeuge (u.a. Spanien und Portugal), aufweisen. So ist der Anteil der Maschinen und Transportausrüstungen bei den Exporten nach Deutschland in Spanien gut viermal und in Portugal sogar fünfmal so hoch wie in Griechen- land. … offenbart noch andere „Treiber“ Ist Deutschland der alleinige Bösewicht und verantwortlich für die Schwierigkei- ten der Peripherieländer? Wohl nicht. In allen vier GIPS-Staaten bestehen hohe strukturelle Handelsbilanzdefizite gegenüber den klassischen Energielieferanten wie beispielsweise Russland und Saudi-Arabien, aber auch gegenüber diversen nordafrikanischen Staaten, was auf historisch gewachsene Strukturen zurückzu- führen ist. Daneben tragen häufig die direkten geografischen Nachbarn maßge- blich zu den Defiziten bei. So gehen beispielsweise mehr als zwei Drittel des gesamten portugiesischen Handelsbilanzdefizits auf den Handel mit Spanien zurück. China meist nicht auf der Rechnung Darüber hinaus hat sich China – von vielen Beobachtern nahezu unbemerkt – zu einem bedeutenden Lieferland für die Peripherieländer entwickelt. Zwar sind auch die Exporte der GIPS-Länder nach China in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gestiegen. Von 2000 bis 2013 sind sie um rund 13% p.a. gewachsen, während der Gesamtexport lediglich um 4% zugelegt hat. Der Anteil der Ausfuhren der GIPS-Länder nach China beträgt aktuell aber nur gut 2% der gesamten Ausfuhren. Wesentlich wichtiger für die GIPS-Länder sind dagegen die Importe aus China, die in der genannten Periode um fast 10% p.a. expandiert sind (gegenüber knapp 3% der gesamten Importe der GIPS-Länder), so dass sich der Anteil der Einfuhren aus China in dieser Zeit auf knapp 6% verzweieinhalbfacht hat. Da die Einfuhren der GIPS-Länder aus China aller- dings im Schnitt mehr als dreimal so hoch wie die Ausfuhren nach China sind, hat sich das bilaterale Handelsbilanzdefizit seit 2000 enorm ausgeweitet. Dagegen verlief der Handel mit Deutschland aus GIPS-Sicht äußerst positiv. Die Exporte der GIPS-Länder nach Deutschland stiegen von 2000 bis 2013 um 2,3% p.a. und damit stärker als die Importe aus Deutschland, die um 1,5% p.a. zulegten. Entsprechend hat sich der Anteil der Importe aus Deutschland und der Exporte nach Deutschland an den gesamten Importen bzw. Exporten der GIPS- Länder um jeweils etwa 2,5 Prozentpunkte auf rund 13,5% bzw. 11,5% verrin- gert. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% GR ES PT IT Nahrungsmittel Rohstoffe Mineralische Brennstoffe Tierische u. pfl. Öle Chemische Erzeugnisse Bearbeitete Waren Maschinen u. Transportausrüstungen Verschiedene Fertigwaren Warenstruktur der Exporte nach Deutschland 8 Anteil, % Quelle: UN - 12 - 10 - 8 - 6 - 4 - 2 0 2 4 6 GR IT PT ES Importe Exporte Handel mit Deutschland (2009 - 2013) 9 Quellen: IWF, Deutsche Bank Research Durchschnittliche jährliche Veränderung in % - 60 - 50 - 40 - 30 - 20 - 10 0 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 DE CN RU GIPS: Handelsbilanzsaldo gegenüber Deutschland, Russland & China 10 Mrd. EUR Quellen: IWF, Deutsche Bank Research Ausblick Deutschland 25 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen GIPS: Höhere Defizite im Handel mit China als mit Deutschland China erwirtschaftet schon seit 2010 höhere Überschüsse im Handel mit den Peripherieländern als Deutschland und ist damit wohl zum Hauptproblem für die Krisenländer geworden. 29 So hat sich der Handelsbilanzüberschuss Deutsch- lands mit den vier GIPS-Ländern bis 2013 auf EUR 15 Mrd. verringert, während der Überschuss Chinas mit diesen Ländern mit gut EUR 26 Mrd. nahezu dop- pelt so hoch war. Der bilaterale Handel mit China ist unter den GIPS-Ländern für Spanien besonders von Bedeutung. So erwirtschaftete das Land im Handel mit China 2013 ein Defizit von EUR 10,5 Mrd., was fast die Hälfte des gesamten spanischen Handelsbilanzdefizits ausmachte; gegenüber Deutschland hatte Spanien einen Fehlbetrag von knapp EUR 7 Mrd., was etwa 30% des gesamten spanischen Handelsbilanzdefizits entsprach. Und selbst Irland, das gegenüber Deutschland im vergangenen Jahr einen Handelsbilanzüberschuss von gut EUR 2 Mrd. erwirtschaftete, weist gegenüber China kontinuierlich ein Handelsbi- lanzdefizit auf, das 2013 knapp EUR 1 Mrd. betrug. Chinesische Exporte: Ein zunehmendes Problem der Peripherie Die Tatsache, dass die deutschen Handelsbilanzüberschüsse gegenüber den GIPS-Staaten in Folge des konjunkturellen Einbruchs in diesen Ländern drama- tisch gesunken sind, wohingegen sich die chinesischen Überschüsse mittelfris- tig nur leicht reduziert haben, könnte ein Indiz für einen fundamentalen Unter- schied in deren Warenstruktur sein. Während aus Deutschland hauptsächlich Investitionsgüter und Vorprodukte eingeführt werden, liefert China größtenteils Konsumgüter. Daher unterscheiden sich deutsche und chinesische Ausfuhren in die GIPS-Staaten hinsichtlich ihrer potenziellen Konkurrenz gegenüber der heimischen Produktion in den jeweili- gen Ländern. Während die deutschen Importe bis zu einem gewissen Grad essenziell für die Volkswirtschaften dieser Länder sind, da sie nicht von der heimischen Industrie hergestellt werden können, jedoch für deren zukünftiges Potenzialwachstum von entscheidender Bedeutung sind, gilt dies für die chinesischen Waren nur eingeschränkt. Diese sind größtenteils Substitute zur heimischen Produktion der GIPS-Staaten. Die Textilindustrie ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür: Bei den Textilimporten aus China hat es im Zeitraum von 2000 bis 2011 eine explo- sionsartige Entwicklung gegeben (Griechenland +372%, Portugal +706%, Spa- nien +635% und Italien +485%), und im gleichen Zeitraum ist die heimische Produktion der Länder in diesem Bereich deutlich eingebrochen (Griechenland -55%, Portugal -11%, Spanien -25% und Italien -10%).Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass dies nicht vollständig auf China alleine zurückzufüh- ren ist und der drastische Anstieg der Textilimporte aus China von einem sehr geringen Niveau ausging. Ganz ähnliche Tendenzen hat es aber auch in anderen Wirtschaftsbereichen gegeben, wenn auch mit teils deutlichen Unterschieden zwischen den Ländern. Hierzu zählen beispielsweise die Elektronikindustrie, aber auch chemische so- wie Kunststofferzeugnisse. 30 Besonders schwer wiegt, dass eine einmal aufge- gebene Produktion nur äußerst schwer wieder angesiedelt werden kann. 31 29 Vgl. Nauschnigg, F. (2013). Leistungsbilanzungleichgewichte im Euroraum. China als Hauptpro- blem für Krisenländer. In: Wirtschaftsdienst. Heft 12. 30 Vgl. Mikkelsen, U. und E. Perez Ruiz (2012). The Trade Impact of China on EMU: Is It Even Across Members? IMF Working Paper. 31 Vgl. Heymann, E. und S. Vetter (2013). Re-Industrialisierung Europas: Anspruch und Wirklichkeit. EU-Monitor, 04.11.2013. Deutsche Bank Research. 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 Handel mit Deutschland Handel mit China Spanien: Handelsbilanzsaldo 11 Beitrag zum Handelsbilanzdefizit, % Quellen: IWF, Deutsche Bank Research - 60 - 50 - 40 - 30 - 20 - 10 0 10 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 ES IT PT GR IE Handelsbilanzsaldo gegenüber China 12 Mrd. EUR Quellen: IWF, Deutsche Bank Research 0 5 10 15 20 25 95 97 99 01 03 05 07 09 11 GR ES PT IT Textilindustrie 13 Anteil an der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes, % Quelle: Eurostat Ausblick Deutschland 26 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Dieser Verdrängungsprozess hat wohl auch zum Rückgang der Beschäftigung in den GIPS-Ländern beigetragen. Wie stark dieser Effekt allerdings ist, ist an- gesichts der teilweise dramatischen zyklischen Beschäftigungsverluste sowie der tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, wie beispielsweise in der Bau- wirtschaft in Spanien, kaum abzuschätzen. Zusätzlich zu den Verdrängungseffekten lokaler Produktion in den europäischen Peripherieländern sind chinesische Produkte aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu dem Warensortiment der GIPS-Länder zu einer zunehmenden und oft übermächti- gen Konkurrenz auf Drittmärkten geworden. Dies hat die Exportperformance der GIPS-Länder spürbar gedämpft und zur Ausweitung der Handelsdefizite beige- tragen. 32 Fazit: Scheuklappen bei Ursachenforschung wenig hilfreich In den letzten Wochen und Monaten wurde, in Bezug auf die Schuldenkrisen der Peripheriestaaten und die deutschen Exportüberschüsse, eine öffentliche Diskussion geführt, die überwiegend von einseitigen Schuldzuweisungen aus den beteiligten Lagern und weniger von ökonomischen Fakten geprägt war. Die Rolle Chinas bleibt dabei zumeist unbeachtet. China erwirtschaftet schon seit 2010 höhere Überschüsse im Handel mit den Peripherieländern als Deutschland, derzeit mit steigender Tendenz. Darüber hinaus stehen chinesische Produkte mit dem Warensortiment der Peripherie- länder auf Drittmärkten in starkem Wettbewerb und führen zudem zu Verdrän- gungsprozessen lokaler Produktion, insbesondere im Konsumgüterbereich. Tiefgreifende Reformen und Anpassungsprozesse zur nachhaltigen Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit sind mit Blick auf den Druck, der vom Wettbewerb mit China ausgeht, daher in den südlichen Peripherieländern umso notwendiger. Ein Abbau des deutschen Leistungsbilanzüberschusses hilft dabei wenig. Bernhard Gräf (+49 69 910-31738, bernhard.graef@db.com) Martin Iseringhausen (martin.iseringhausen@uni-muenster.de) 32 Vgl. Benkovskis, K. et. al. (2013). Crowding-Out or Co-Existence? The Competition Position of EU Members and China in Global Merchandise Trade. ECB Working Paper Series. Vgl. Chen et. al. (2012). External Imbalances in the Euro Area. IMF Working Paper. Ausblick Deutschland 27 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Europawahlen: Implikationen und Trends Bei den Europawahlen Ende Mai lag die konservative Europäische Volkspartei (EVP) mit einem Vorsprung von 25 Sitzen vor den Sozialdemokraten (S&D, 213 ggü. 189). Allerdings müssen die Konservativen im Vergleich zu 2009 Verluste von rund 20% ihrer Sitze im Plenum hinnehmen. Die Liberalen sind als dritt- stärkste Kraft im Parlament vertreten, gefolgt von den Grünen. Da die meisten Entscheidungen des Europäischen Parlaments eine einfache Mehrheit erfor- dern, wird die Entscheidungsfindung im Parlament auch in Zukunft stets die Zustimmung der beiden großen Parteien erfordern. Eine solche faktische „Gro- ße Koalition“ hat sich in der letzten Legislaturperiode, in der die beiden Parteien bei 70% der namentlichen Abstimmungen zusammenarbeiteten, bereits be- währt. Sie steht im Zeichen der allgemeinen Konvergenz hin zum politischen Zentrum, die in zahlreichen EU-Mitgliedstaaten aktuell zu beobachten ist und einen breiten Konsens zu Wirtschafts- und Fiskalpolitik mit sich brachte. Dies dürfte das Risiko einer politischen Blockade entschärfen, das aufgrund eines stärker fragmentierten und polarisierten Parlaments nicht auszuschließen wäre. Die durchschnittliche Wahlbeteiligung bleibt mit 43,1% auf dem Niveau der letz- ten Wahlen im Jahr 2009. Dies hat jüngste Hoffnungen enttäuscht, dass das Europaparlament eine stärkere Legitimation aus dem neuen Wahlverfahren des Lissabon-Vertrags ziehen könnte, das Spitzenkandidaten der Fraktionen vor- sieht. Politisch kann das Parlament seine Bedeutung im Vergleich zur Europä- ischen Kommission und Ministerrat daher nicht ausbauen. Allerdings hebt sich die Wahlbeteiligung in einigen Ländern – wie Deutschland, Frankreich, Grie- chenland oder dem Vereinigten Königreich (siehe Grafik) – vom Durchschnitt ab. Dies ist auch einer höheren Mobilisierung durch populistische Parteien zu- zuschreiben. Populisten legen zu Mit EU-skeptischen Narrativen und Gegenpositionen zu ihren nationalen Regie- rungen konnten sich zahlreiche populistische Kräfte im Vorfeld der Wahlen profi- lieren und positionieren und so ihren Anteil an Sitzen im Vergleich zu 2009 deut- lich vergrößern. Je nach Abgrenzung erreichten sie über alle politischen Lager hinweg rund 20%. Die enormen Stimmgewinne des Front National in Frankreich und der UKIP im Vereinigten Königreich haben öffentliche Aufmerksamkeit er- regt – und verstellten in der Wahlberichterstattung den Blick darauf, dass die Ergebnisse der Mehrzahl der anderen populistischen Parteien zumeist unter- halb der Umfragen im Vorfeld der Wahl lagen. Es bleibt offen, ob euroskepti- sche Parteien in der Lage sein werden, ihre Stimmgewinne in politischen Ein- fluss in Brüssel umzumünzen. Dies hängt in erster Linie von ihrer Fähigkeit ab, wirksame Bündnisse zu schließen (vgl. Kasten). Unabhängig davon dürfte das starke Abschneiden der Populisten auf nationaler Ebene zu Konsequenzen führen: Nationale Regierungen könnten versucht sein, sich im Lichte des guten Abschneidens der Populisten verstärkt gegenüber Brüsseler Positionen zu posi- tionieren. Nicht zuletzt dürften sich in Ländern, in denen die etablierten Parteien am meisten verloren haben, innenpolitische Spannungen verschärfen. Dies wiederum könnte dazu führen, dass geplante oder bereits verabschiedete Re- formen in Frage gestellt und sich strukturelle Reformen und Konsolidierungen weiter verzögern werden oder am Ende ganz ausbleiben. Vor allem die Wahler- gebnisse Frankreichs dürften eine weitere konstruktive Arbeit an der Weiterent- wicklung der institutionellen Rahmenbedingungen des Euroraums behindern. Nicht zuletzt dürfte sich mit dem Wahlsieg der UKIP die Frage nach der Haltung des Vereinigten Königreichs hinsichtlich seiner EU-Mitgliedschaft noch drän- gender stellen. Drei Faktoren, die den künftigen Einfluss populistischer Kräfte bedingen 2 Nationale Rückkopplung: Wahrscheinlich. Populistische Kräfte könnten ihre Präsenz im Europäischen Parlament darauf verwenden, um sich in ihren Heimatländern zu profilieren. Dies wiederum könnte Regierungen dazu veranlassen, sich in künftigen zwischenstaatl i- chen Verhandlungsrunden gegenüber ihren Europartnern unnachgiebig zu zeigen und auf Sonderregelungen zu bestehen. Dies dürfte Verhandlungen zur institutione llen Weiteren t- wicklung der Fortentwicklung der Eurozone verzögern und/oder zu inkonsistenten Ve r- handlungsergebnissen führen. Fraktionsbildung: Wahrscheinlich. Frakti o- nen im EP haben größere Mitspracherechte in Ausschüssen und besseren Zugriff auf Parl a- ment sressourcen. Die Gründung einer Fraktion im EP erfordert eine Mindestanzahl von 25 Abgeordneten aus mindestens sieben Lä n- dern. Es bleibt abzuwarten, ob es dem frz. Front National gelingen wird, sechs weitere populis tische Parteien zu vereinen – und lan g- fr istig zusammenzuhalten. Bei erfolgreicher Fraktionsgründung könnten auch die derzeit bestehenden EU - skeptischen Fraktionen EFD und EKR Mitgliedsparteien an das neue Bün d- nis verlieren (z.B. Lega Nord, Finnenpartei) und in ihrem Fraktionsstatus bedroht sein. Politische Einheit: Unwahrscheinlich. Da EU - Skeptiker in erste r Linie nationale Partik u- larinteressen verfolgen, erscheint ein langfrist i- ger Einfluss durch geschlossenes Auftreten unwahrscheinlich. 60,0 58,2 48,0 45,9 43,5 43,1 37,0 36,0 27,1 0,0 20,0 40,0 60,0 80,0 IT GR DE ES FR EU - 28 NL UK CEE 8 2014 2009 EP - Wahl: Niedrige Beteiligung, aber große Länderunterschiede 1 Quelle: Europäisches Parlament Ausblick Deutschland 28 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Der hohe Zuspruch für populistische Parteien wird die Debatte über die politi- schen Kompetenzen der EU, die bereits auf der politischen Agenda der kommenden Legislaturperiode steht, weiter befeuern. Für die etablierten Partei- en wird dies zu einem politischen Balanceakt, da sie einerseits die Kritik ihrer Wählerschaft konstruktiv berücksichtigen müssen, sich andererseits jedoch von populistischen Positionierungen distanzieren und zugleich auf europäischer Ebene kompromissfähig bleiben müssen. Ende der Austerität? Während die Handlungsfähigkeit des EP gesichert sein dürfte, könnte der Wahlausgang bedeuten, dass die marktfreundliche Orientierung in manchen regulatorischen Dossiers durch die Verluste der konservativen und liberalen Kräfte und den stärkeren Einfluss der Sozialdemokraten und linksorientierten Parteien unter Druck gerät. Dies gilt insbesondere für die Handelsabkommen, die aktuell verhandelt werden, wie das T-TIP-Abkommen zwischen der EU und den USA. Unabhängig davon könnte der höhere Anteil von Kräften aus dem linken Partei- enspektrum auch zu einer stärkeren Positionierung des EP bei der Weiterent- wicklung der Mechanismen der wirtschaftspolitischen Koordinierung in EU und Eurozone führen. Das EP könnte etwa eine größere Toleranz bei der Interpreta- tion fiskalischer Defizite fordern und könnte beispielsweise dafür eintreten, dass öffentliche Ausgaben für Investitionen, die als wachstumsfördernd angesehen werden, von der offiziellen Erfassung öffentlicher Defizite ausgeschlossen wer- den. Darüber hinaus könnte das Parlament auch strukturelle Vorschläge aus der letzten Legislaturperiode erneut aufgreifen, wie etwa die Einführung einer europäischen Arbeitslosenversicherung oder einer partiellen Schulden- vergemeinschaftung durch einen Schuldentilgungsfonds oder Eurobills. Zwar hat das Parlament für die hierfür erforderliche Änderung einzelner Sekundär- rechtsakte kein offizielles Initiativrecht, allerdings könnten die Abgeordneten dahingehende Initiativen einzelner EU-Staaten im Ministerrat politisch unterstüt- zen. EVP ECR EFD Andere Linke S&D Grüne ALDE 42 190 105 38 46 213 64 53 Quelle: Europäisches Parlament 4 Sitze im Europäischen Parlament 2014 EVP ECR EFD Andere Linke S&D Grüne ALDE 35 194 31 32 56 275 85 58 Sitze im Europäischen Parlament 2009 3 Quelle: Europäisches Parlament Ausblick Deutschland 29 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Deutschland: Unterstützung für große Koalition bleibt bestehen Die CDU/CSU Fraktion blieb in Deutschland mit 35,3%, trotz Verlusten von 2,6% gegenüber der letzten EP-Wahl 2009 und 6,2% gegenüber der Bundes- tagswahl 2013, die stärkste Kraft. Die Verluste sind allerdings hauptsächlich der CSU zuzuschreiben: Trotz der zunehmend eurokritischen Positionierung der CSU im Wahlkampf konnte die eurokritische AfD am meisten von der Wähler- abwanderung der CSU profitieren. Die SPD übertraf die Erwartungen mit 27,3% leicht und schnitt wesentlich besser ab als 2009, als sie bloß 20% der Stimmen erreichte. Hierbei dürfte nicht zuletzt die starke Positionierung von Martin Schulz als Kandidat für den Posten des Kommissionspräsidenten Wähler mobilisiert haben. Die Kandidatur von Schulz und die mediale Präsenz der AfD könnten zudem zur höheren Wahlbeteiligung von 48,0% ggü. 43,4% im Jahre 2009 bei- getragen haben. Ein weiterer Faktor für die vergleichsweise hohe Wahlbeteili- gung dürften die Kommunalwahlen in zehn Bundesländern gewesen sein. Um- fragen zu Folge gaben 54% der Wähler ihre Stimme vor dem Hintergrund natio- naler Politik ab und nur 40% auf Grund von europäischen Entwicklungen. Vor diesem Hintergrund sollte es nicht überraschen, dass die SPD ihren Anteil unter den Wählern im Alter von über 60 um 10 Prozentpunkte auf 34% steigern konn- te. Die CDU verlor in dieser Altersgruppe, liegt aber mit 42% immer noch vorne. Im Einklang mit den optimistischeren Vorhersagen konnte die AfD 7% der Stimmen erzielen. Der Stimmenzuwachs von 2,3 Prozentpunkte im Vergleich zur letzten Bundestagswahl erscheint nachvollziehbar, da die AfD die einzige Partei mit einer Agenda ist, die die Europapolitik als Schwerpunkt hat und sich mit ihrer klaren Positionierung mit Blick auf eine Reorganisation der Eurozone ein unverwechselbares Profil gab. Ihre Präsenz im EP wird der Partei künftig eine gute Plattform geben, um auch nach Deutschland hinein zu wirken. Zu- sammen mit der Abgrenzung vom rechtspopulistischen Parteienbündnis, das derzeit unter dem Front National angestrebt wird, könnte dies der AfD eine bes- sere Ausgangslage für die drei anstehenden Landtagswahlen im Laufe dieses Jahres verschaffen. In der kommenden Legislatur wird Deutschland im EP mit 96 Sitzen vertreten sein. Da die Eintrittshürden durch das jüngste Urteil des Bundesverfassungsge- richts beseitigt wurden, entspricht die Anzahl der Sitze in etwa der Prozentver- teilung des Wahlergebnisses: Die CDU/CSU wird 34, die SPD 27, die Grünen werden 11 und die Linke sowie die AfD je 7 Sitze erhalten. Da die AfD zum ersten Mal in ein Parlament eingezogen ist, lohnt ein Blick auf die Wählerwanderung. Die CDU/CSU verlor im Vergleich zu den Bundestags- wahlen im letzten Jahr Wähler an alle größeren Parteien – bis auf die FDP. Be- 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Gesamt 18 - 29 J. 30 - 44 J. 45 - 59 J. Ab 60.J Quelle: Forschungsgruppe Wahlen AfD: Altersstruktur der Wählerschaft 6 Wahlergebnis je Alterskohorte (%) 0 5 10 15 20 25 30 35 40 Gesamt 18 - 29 J. 30 - 44 J. 45 - 59 J. Ab 60 J. SPD: Altersstruktur der Wählerschaft 5 Quelle: Forschungsgruppe Wahlen Wahlergebnis je Alterskohorte (%) - 1500 - 1000 - 500 0 500 1000 CDU/CSU SPD FDP LINKE Grüne AfD CDU/CSU FDP SPD Grüne Linke AfD Wählerwanderung von und zu den Parteien 8 In tausend Stimmen Quellen: ARD und Infratest dimap 0 100 200 300 400 500 600 Wählerwanderung zur AfD 7 In tausend Stimmen Quellen: ARD und Infratest dimap Ausblick Deutschland 30 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen sonders stark war die Wanderung von insgesamt 510.000 Wählern an die AfD. Die SPD verlor wiederum 180.000 Wähler an die AfD, konnte jedoch von einem Zustrom von 340.000 früheren CDU-Wählern profitieren. Das Wahlergebnis der AfD dürfte die öffentliche Debatte in Deutschland über den Umgang mit EU-skeptischen Kräften anfachen. Dies gilt vor allem für die CDU, die unter der Wählerabwanderung zur AfD am meisten zu leiden hatte: Insbesondere die Positionierung der AfD im Vorfeld der anstehenden Land- tagswahlen dürfte innerhalb der Partei ein Thema werden. Während Kanzlerin Merkel bereits jegliche Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen hat, könn- ten sich in Zukunft Stimmen mehren, die zumindest eine stärkere Auseinander- setzung mit den Zielen der AfD empfehlen. Dies würde insbesondere dann gel- ten, sollte sich die AfD im Zuge der Landtagswahlkämpfe auch mit regionalen Themen positionieren. Trotz des guten Abschneidens der AfD ist mit einem Richtungswechsel der deutschen Europapolitik nicht zu rechnen. Auch nach den Wahlen bleibt das Ziel der Bundesregierung, die wirtschaftspolitische Steuerung in der Eurozone wiederzubeleben – etwa durch Initiativen für bilaterale Reformverträge oder eine stärkere Bündelung fiskalpolitischer Kompetenzen. Zugleich unterstützt die Bundesregierung eine Überprüfung der Kompetenzverteilung zwischen EU- Ebene und Mitgliedstaaten – allerdings mit geringerem Umfang und Nachdruck, als dies in anderen Ländern (z.B. Niederlande, Vereinigtes Königreich) der Fall ist. Wie geht es weiter? Die kommenden Wochen werden von zahlreichen Verhandlungsrunden zwi- schen den Parteien und den Fraktionen des Parlaments geprägt sein. Beson- ders spannend wird die Frage, ob dem französischen Front National die Bildung einer rechtspopulistischen Fraktion gelingen wird. Fraktionen müssen ihre Ab- geordnetenlisten bis zum 24. Juni melden. Auf dem Europäischen Rat vom 26. und 27. Juni könnten sich die Staats- und Regierungschefs auf einen gemein- samen Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten einigen – Jean Claude Juncker bleibt der Favorit, zumal sich Kanzlerin Merkel am 1. Juni nach einigem Zögern ebenfalls für ihn ausgesprochen hat. Eine Einigung in diesem Feld dürfte wiederum Teil einer größeren Paketlösung an Personalien sein, die unter anderem das Amt des Außenbeauftragten und des EU-Präsidenten um- fassen. Mit konkreten Entscheidungen ist hier jedoch nicht schnell zu rechnen. Nach der Wahl des Parlamentspräsidenten durch das Plenum des EP müssen die Kandidaten für die neue Kommission dem Parlament Rede und Antwort stehen. Am 16. Juli stimmt das Parlament dann voraussichtlich über den neuen Kommissionspräsidenten und damit auch über die neue Kommission ab. Erfor- derlich ist eine einfache Mehrheit. Die aktuelle Kommission bleibt kommissa- risch im Amt, bis die neue Kommission bestätigt ist. Nicolaus Heinen (+49 69 910-31713, nicolaus.heinen@db.com) Ausblick Deutschland 31 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Grafik des Monats Europas Konsumenten optimistischer, Abstände aber weiter groß Meldungen, dass das Konsumentenvertrauen in der Eurozone im Mai den höchsten Stand seit Ende 2007 verzeichnete, haben vielfach positive Erwartun- gen ausgelöst, dass die privaten Haushalte nun die Krise hinter sich lassen. Tatsächlich deuten diese Umfragen daraufhin, dass sich das Wachstum des privaten Konsums Anfang 2014 weiter beschleunigt hat. Ende 2013 war der erste Zuwachs gg. Vj. (+0,3%) seit Q3 2011 verzeichnet worden. Der Aufwärtstrend bei der Konsumentenstimmung ist breit angelegt: Nur in drei der 18 Euroländer liegt das Niveau unter Vorjahr. Insbesondere in den von der Krise betroffenen Ländern gab es markante Verbesserungen von niedrigen Ni- veaus. In Spanien ist das höchste Niveau seit Oktober 2001 erreicht, in Italien seit Juni 2002. In Deutschland lag es zuletzt im Juli 2011 höher. Auch bei den Kom- ponenten der Vertrauensdaten – insbesondere den Erwartungen über die nächs- ten 12 Monate hinsichtlich der allgemeinen Konjunkturlage und der Arbeitslosig- keit – zeigen die EWU-Konsumenten mehr Optimismus. Die Lücke zwischen dem deutschen und dem EWU-Niveau hat sich zuletzt aber nicht weiter geschlossen, da bspw. in Frankreich die Stimmung in etwa stagnierte. Allerdings dürften die Fortschritte insgesamt etwas überzeichnet sein. Das Kon- sumentenvertrauen wird als Diffusionsindex dargestellt, wobei die Konsumenten angeben, ob sich ihre Situation verbessert, verschlechtert hat oder gleich ge- blieben ist. Insofern führt eine marginale Verbesserung, wenn sie weit verbreitet ist, dazu, dass der Indexwert sich deutlich verbessert. Die Einkommens- und Arbeitsmarktsituation in vielen Ländern der Eurozone spricht nicht dafür, dass die Haushalte ihren Konsum 2014 deutlich ausweiten können: Hohe Arbeitslosigkeit, die nur langsam zurückgeht. Markante Lohnzu- rückhaltung, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen. Vielfach not- wendiges Deleveraging der Haushalte. Aus diesen Gründen geht ein großer Teil des Anstiegs des EWU-Konsums – wir erwarten +0,5% – im laufenden Jahr auf Deutschland zurück (+1,3%). Angesicht des deutschen Anteils von knapp 30% am Gesamtkonsum dürften deutsche Konsumenten mehr als die Hälfte zum Wachstum beitragen. Oliver Rakau (+49 69 910-31875, oliver.rakau@db.com) -100 -80 -60 -40 -20 0 20 40 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 Min EWU Max Deutschland Saldo, % Quelle: Europäische Kommission EWU Konsumentenvertrauen: Breit angelegter Aufwärtstrend DX -10 0 10 20 30 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 Konvergenz der Konsumentenstimmung zuletzt gestoppt DX Differenz zwischen Konsumentenvertrauen in Deutschland und EWU, % - P. Quellen: EU - Kommission, Deutsche Bank Research Ausblick Deutschland 32 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Chartbook – Gesamtwirtschaft — Die deutsche Wirtschaft ist stark ins Jahr gestartet. Mit 0,8% gg. Vq. wuchs das BIP in Q1 2014 so stark wie seit Q1 2001 nicht mehr und doppelt so stark wie im Vorquartal. Aufgrund des milden Winters und der dadurch begünstigten Bauinvestitionen (+3,6% gg. Vq.) überzeichnet die hohe Rate das zugrundeliegende Wachstumstempo allerdings. Dieses dürfte bei etwa 0,4% liegen – dem Durchschnitt der letzten fünf Quartale. Dies ist höher als das Potentia l- wachstum von gut ¼%, das auch aufgrund der hohen Zuwanderung derzeit überschritten wird. — Allein die Binnenwirtschaft – vor allem der private Konsum und der Bau (je 0,4% - P.) – trug in Q1 zum Wachstum bei (+1,7% - P.). Dagegen senkte der Außenhandel aufgrund des schwachen Exports das Wachstum um 0,9% - P. Dies ist eine Umkehr des ungewöhnlichen Bildes in Q4, als der Export alleiniger Wachstumstreiber war. In den letzten fünf Quartalen zeigt sich aber, dass die Binnenkonjunktur derzeit dominiert: Sie trug im Schnitt 0,5% - P. zum Wachst um bei, während der Außenhandel 0,1% - P. Wachstum kostete. — In Q2 dürfte es beim BIP - Wachstum eine Gegenbewegung geben (+0,2% gg. Vq.), da sich die Bauinvestitionen no r- malisieren sollten. Dies deutete sich schon mit der stark rückläufigen Bauproduktion im Mä rz an. Insgesamt deuten aber alle Stimmungsindikatoren auf eine sehr robuste (binnenwirtschaftlich getriebene) konjunkturelle Entwicklung hin. So blieb der ifo - Index im Mai trotz eines moderaten Rückgangs in allen Sektoren auf einem hohen Niveau, insbeso n- dere im Bau und Einzelhandel. Der PMI des inlandsorientierten Dienstleistungssektors hat sich im Mai sogar spürbar erhöht. Dagegen blieb der ifo des exportlastigen Verarbeitenden Gewerbes auf einem nur moderaten Niveau und der Industrie - PMI ging sogar zur ück. Dies deutet insgesamt auf eine eher verhaltene Exportdynamik hin. — Dank Quartalswachstumsraten von im Schnitt 0,4% gg. Vq. sollte das BIP 2014 um 1,8% zulegen . Die Binnenwir t- schaft dürfte wie im Vorjahr der Hauptwachstumstreiber sein. Vor allem der pri vate Konsum (+1,3% gg. Vj.) sollte dank der Arbeitsmarktdynamik Impulse geben. Bau - und Ausrüstungsinvestitionen sollten zulegen können. Der A u- ßenbeitrag dürfte negativ ausfallen, da steigende Importe die moderate Exporterholung überkompensieren. Quellen: Statistisches Bundesamt, Markit, ifo, Deutsche Bank Research - 2 0 2 4 6 - 1 0 1 2 3 10 11 12 13 14 % gg. Vq. (links) % gg. Vj. (rechts) Entwicklung des realen BIP - 6 - 4 - 2 0 2 4 6 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 Privater Konsum Staatskonsum Ausrüstungsinvestitionen Bau Außenbeitrag BIP (% gg. Vj.) Beitrag zum realen BIP - Wachstum (% - Punkte) 70 80 90 100 110 120 130 08 09 10 11 12 13 14 Klima Lage Erwartungen ifo - Index - Gewerbliche Wirtschaft insgesamt (2005=100) 30 40 50 60 70 08 09 10 11 12 13 14 Gesamtindex Dienstleistungen Verarb. Gewerbe Einschätzungen der Einkaufsmanager (PMI, Index) Ausblick Deutschland 33 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Chartbook – Außenhandel — Der Außenhandel war 2013 schwach. Warenexporte fielen um 0,2% und Importe um gut 1%. Etwa zur Jahresmitte hatte er aber seinen Tiefpunkt erreicht u nd auf einen moderaten Erholungskurs eingeschwenkt. Im März 2014 lagen die deutschen Ausfuhren um 3,1% über Vorjahr (gl. 3M - Schnitt) und die Einfuhren um 4,5%. Im Zuge der weiterhin schwachen Dynamik des Welthandels (März: +1,8% gg. Vj.) und der recht dyna mischen Binnennachfrage in Deutsc h- land legten die Importe zuletzt stärker zu als die Exporte. Somit sank der Handelsbilanzüberschuss von noch EUR 17,6 Mrd. im Dezember auf knapp EUR 15 Mrd. im März. — Die Exporterholung ist regional breit angelegt. So lagen die Ausfuhren in die Eurozone (Exportanteil 2013: 37%) dank dem Ende der Rezession im Februar 1,9% über Vj. Das Plus bei den USA (Anteil: 8%) lag sogar bei 6,9%, und bei Asien (Anteil: 16%) betrug es 4,5%. Im Falle der USA und Asien ist der Dynamikgewinn j edoch zuletzt zum stehen gekommen. Bei den EWU - Exporten ging die Dynamik zuletzt sogar wieder etwas zurück (schwache Märzdaten). — Vor allem der Automobilsektor stützt derzeit die moderate Erholung (März +7,0% gg. Vj.). Insbesondere im europ ä- ischen Automarkt dürfte es nach den Jahren der Krise und Konsumzurückhaltung einen gewissen Nachholbedarf g e- ben. Die Exporte der anderen deutschen Paradebranche, der Maschinenbau, befanden sich dagegen leicht unter Vo r- jahresniveau ( - 0,4%). Die Auslandsnachfrage im Metallg ewerbe bleibt deutlich rückläufig ( - 6,4%). — Frühindikatoren für den Export zeigen ein gemischtes Bild. Während die ifo - Exporterwartungen im Mai wieder zule g- ten, deuten die Neuaufträge laut PMI auf eine sehr verhaltene Auftragslage aus dem Ausland hin. Zudem zeigten die US - amerikanischen und chinesischen Daten zuletzt Schwächen. Im Falle der USA scheint die Schwächephase wohl zum Großteil wetterbeding gewesen zu sein. Bei China bleiben die Daten schwach. Quellen: Statistisches Bundesamt, Marki t, ifo, Deutsche Bank Research, CPB 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 - 30 - 20 - 10 0 10 20 30 40 08 09 10 11 12 13 14 Handelsbilanz (rechts) Ausfuhren (links) Einfuhren (links) Warenhandel % gg. Vj., gl. 3M - Schnitt (links); Mrd. EUR (rechts) - 40 - 30 - 20 - 10 0 10 20 30 40 08 09 10 11 12 13 14 Insgesamt Asien USA Eurozone Deutsche Ausfuhren nach Regionen % gg. Vj., gl. 3M - Schnitt - 20 - 10 0 10 20 30 40 50 10 11 12 13 14 Chemie Elektrotechnik Maschinenbau Metallbranche Automobil Ausfuhren nach Sektoren % gg. Vj., gl. 3M - Schnitt - 2 - 1 0 1 2 - 30 - 20 - 10 0 10 20 30 10 11 12 13 14 Ausfuhren (links) Welthandel (links) PMI Verarb. Gew - Exportaufträge (rechts) ifo Exporterwartungen (rechts) Ausfuhren und Frühindikatoren % gg. Vj., gl. 3M - Schnitt (links); Standardisierte Werte (rechts, 4M Vorlauf) Ausblick Deutschland 34 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Chartbook – Industrie — Die Industrie spiegelte im Verlauf des letzten Jahres zunehmend die konjunkturelle Erholung der Weltwirtschaft. Die Industrieproduktion als auch die Auftragseingänge (teilweise aufgrund von Gr oßaufträgen) erholten sich spürbar und lagen im März 4,9% und 5,4% über Vorjahr (gl. 3M - Schnitt). Der Auftragseingang hat sich zuletzt wieder etwas abg e- schwächt, nachdem der Eingang an Großaufträgen sich wieder normalisiert hatte. Bei der Industrieprodukti on hat der vom milden Winter begünstigte Bau die Erholung temporär gestützt. In Q2 dürfte dieser Effekt auslaufen. — Der ifo - Index und der PMI deuten auf eine weitere Beschleunigung der Industrieproduktion hin bei (bislang begren z- ten) außenwirtschaftlichen R isiken. — Von den größten Industriebranchen dürfte 2014 die Automobilindustrie das höchste Produktionswachstum erzielen. Wir rechnen mit einem Zuwachs von real etwa 5%. Maßgeblich für den Aufschwung ist u.a. die wieder anziehende Aut o- nachfrage aus Westeurop a. Hier kommen deutsche Hersteller auf einen Marktanteil von rd. 50%. Im Maschinenbau ist ein Fertigungsplus von etwa 2% möglich. Die Branche dürfte von steigenden Aufträgen aus dem Ausland und der günstigeren Investitionsneigung im Inland profitieren, wen ngleich der Start ins Jahr 2014 noch schleppend verlief. Für die Elektrotechnik rechnen wir mit einem Anstieg der inländischen Fertigung 2014 um 3,5%. Die Metallindustrie kön n- te 2014 sogar mit einem Plus von 4% abschließen. Für die Chemieindustrie erwarten wir ein Plus von etwa 1%, wobei das erste Quartal schwach war. Im Ernährungsgewerbe, einer ohnehin stabilen Branche, dürfte die Produktion im laufenden Jahr in etwa stagnieren. Unter dem Strich dürfte die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe 2014 um real etwa 4% steigen (nach - 0,1% im Jahr 2013). Quellen: Statistisches Bundesamt, ifo 60 70 80 90 100 110 120 130 -40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 08 09 10 11 12 13 14 Industrieproduktion (links) Auftragseingang (links) ifo Geschäftserwartungen im Ver. Gewerbe (rechts, 4M Vorlauf) Industrieproduktion, Auftragseingang & ifo-Erwartungen % gg. Vj., gl. 3M-Schnitt (links); Index (rechts) -50 -40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 08 09 10 11 12 13 14 Insgesamt Inland Ausland (EWU) Ausland (Nicht - EWU) Auftragseingang nach Ursprung % gg. Vj., gl. 3M-Schnitt 60 70 80 90 100 110 120 130 08 09 10 11 12 13 14 Automobilindustrie Chemieindustrie Elektrotechnik Maschinenbau Metallindustrie Produktion der größten Industriebranchen (2010=100, sb.) 50 60 70 80 90 100 110 120 130 08 09 10 11 12 13 14 Automobilindustrie Chemieindustrie Elektrische Ausrüstungen Maschinenbau Metallerzeugnisse ifo Geschäftserwartungen der größten Industriebranchen (2005=100) Ausblick Deutschland 35 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Chartbook – Inländische Nachfrage — Die konjunkturelle Erholung seit dem Frühjahr 2013 schlug sich Ende 2013 zunehmend in Aufwärtstendenzen am Arbeitsma rkt nieder. Im Mai enttäuschte der Arbeitsmarkt durch den unerwarteten Anstieg der Arbeitslosigkeit (+24 Tsd.). Dies ging aber auf eine Gegenbewegung nach der wetterbedingt schon im März und April stattgefundenen Frühjahrsbelebung und der geringeren Entlas tung durch die Arbeitsmarktpolitik zurück. Die Zahl der Arbeitslosen fiel in den letzten drei Monaten um im Schnitt 4 Tsd. gg. Vm. und lag weiter merklich unter Vorjahr. Der Beschäftigung s- aufbau nahm ebenfalls zu (3M - Schnitt: +40 Tsd. gg. Vm.; +0,9% gg. Vj .). Hauptsächlich durch Zuwanderung legt die Beschäftigung stärker zu als die Arbeitslosigkeit fällt. Frühindikatoren deuten für die nächsten Monate eine positive Entwicklung an. Die Arbeitslosenquote sollte 2014 auf 6,6% sinken (2013: 6,9%) . — Die Einzelhan delsumsätze lagen im April um 0,9% über Vorjahr (gl. 3M - Schnitt) und folgen einem moderaten aber volatilen Aufwärtskurs. Die Rekordstände beim Gfk - Konsumklima (7 - Jahreshoch) und Konsumentenvertrauen (höch s- ter Stand seit Mitte 2011) sowie der stützende Arbe itsmarkt lassen eine anhaltend positive Entwicklung erwarten. — Nach dem schwachen Vorjahresergebnis sollten sowohl die Ausrüstungs - als auch die Bauinvestitionen 2014 wieder zum BIP - Wachstum beitragen. Die Ausrüstungsinvestitionen waren in Q1 stark. Die inl ändischen Investitionsgüterb e- stellungen und Kapazitätsauslastung lassen aber keine deutliche weitere Belebung im weiteren Jahresverlauf erwa r- ten. Dennoch dürften die Ausrüstungsinvestitionen um 7% (2013: - 2,4%) zulegen. — Die Bauwirtschaft profitiert dank ho her Nettozuwanderung und steigender verfügbarer Einkommen von der zune h- menden Nachfrage nach Wohnraum. Sowohl die Bauaktivität (März. +5,7% gg. Vj.) als auch die Auftragseingänge (+18,7%) liegen spürbar über Vorjahr. 2014 könnten die Bauinvestitionen etwa gut 5% zulegen (2013: - 0,2%). Quellen: Statistisches Bundesamt, Gfk, EU - Kommission, ifo, Deutsche Bank Research 85 90 95 100 105 110 115 - 400 - 200 0 200 400 600 800 08 09 10 11 12 13 14 Arbeitslose (links, invertiert) Beschäftigte (links) ifo Beschäftigungsbarometer (rechts, 6M Vorlauf) Arbeitslosigkeit, Beschäftigung und ifo Beschäftigungsbarometer '000 gg. Vj. (links); Index (rechts) - 4 - 3 - 2 - 1 0 1 2 3 4 - 3 - 2 - 1 0 1 2 3 4 08 09 10 11 12 13 14 GfK Konsumklima (links) Konsumentenvertrauen (EU - Kommission, links) Einzelhandelsumsätze (rechts) Einzelhandelsumsätze und Konsumentenvertrauen Konsumentenvertrauen, standardisiert (links); % gg. Vj., gl. 3M - Schnitt (rechts) 96 97 98 99 100 101 102 103 - 30 - 20 - 10 0 10 20 08 09 10 11 12 13 14 Ausrüstungsinvestitionen DB Investitionsklimaindex Ausrüstungsinvestitionen und DB Investitionsklimaindex % gg. Vj. (links); Index standardisiert auf 100 (rechts) 0 50 100 150 200 250 91 95 99 03 07 11 Bauaktivität Auftragseingang Bauhauptgewerbe: Bauaktivität und Auftragseingang 2010=100, gl. 3M - Schnitt Ausblick Deutschland 36 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Chartbook – Finanzmärkte — Die Inflationsrate schwächte sich von 1,3% im April auf nur noch 0,9% im Mai stärker als erwartet ab. Dies dürfte zum Großteil auf die Gegenbewegung bei den Preisen für Pauschalreisen zurückgehen, die den Anstieg für Dienstleistu n- gen auf nur noch 1,4% senkte (zuvor: 2,3%). Hinzu kommt, dass das Wachstum der Nahrungsmittelpreise ihren Abwärtstrend auf den niedrigsten Stand seit 2010 (0,5%; zuvor: 1,8%) fortgesetzt haben und die Inflationsrate um 0,1% - P. dämpften. Der Energiepreisrückgang läuft mit der zuletzt leichten EUR - Abschwächung und einem leichten Anstieg der Ölpreise langsam aus und erhöhte die Inflation um etwa 0,1% - P. Die Kerninflationsrate fiel nach unserer Berechnung auf nur noch 1,2% - 1,3% im Mai (zuvor: 1,8%). — Bei der Pressekonferenz nach der EZB - Sitzung im Mai verschärfte Draghi erneut seine Rhetorik. Er verkündete, dass der EZB - Rat sich w ohl damit fühlt bei der nächsten Sitzung zu handeln, abhängig von der Entwicklung der Inflation/ Inflationserwartungen und der Revisionen der EZB - Inflationsprognose im Juni. Nach einem enttäuschenden EWU Q1 - BIP Wachstum, schwachen monetären Indikatoren und unter den Erwartungen liegenden bisherigen Inflationsraten für Mai (DE, IT, ES) erwarten wir, dass die EZB auf der Ratssitzung im Juni ein Maßnahmenpaket ankündigen wird: Ve r- längerung der Vollzuteilung, Ende der SMP - Sterilisierung, Senkung des Leitzinses einschließlich eines leicht negat i- ven Einlagenzinses und die Auflegung eines zielgerichteten LTRO. — Seit Anfang des Jahreas fielen die Renditen 10 - jähriger US Treasuries von 3% auf zuletzt 2,5%. Dies ging auf die Unsicherheit über die zugrundeliegende Stärk e der Konjunkturerholung, das Umfeld gedämpfter Inflationsraten und taubenhafter Äußerungen von Seiten der Fed zurück. Aufgrund der divergierenden Zins - und Wachstumserwartungen für den Euroraum und die USA hat sich der Renditeabstand zwischen den 10 - jähri gen US Treasuries und den Bunds seit Mitte 2013 in etwa verdoppelt auf zuletzt gut 1% - Punkt. Dank der besseren Konjunkturaussichten und der anha l- tend akkommodierenden Politik reduzierten sich die Zinsabstände der Peripherieländer gegenüber Deutschland auf zuletzt nur etwa 1,5% - P. (Mitte 2013: rd. 3% - P.). — Die divergierenden Erwartungen an den Euroraum und die USA spiegeln sich auch in unserer Erwartung, dass der USD gg. dem EUR im Verlaufe des Jahres recht kräftig aufwerten sollte. Derzeit liegt der Wechselk urs bei 1,36. Quellen: Statistisches Bundesamt, EZB, Global Insight, Reuters -20 -10 0 10 20 -4 -3 -2 -1 0 1 2 3 4 08 09 10 11 12 13 14 Insgesamt (links) Kerninflation (links) Nahrungsmittel (rechts) Energie (rechts) Verbraucherpreise (% gg. Vj.) 0 1 2 3 4 5 6 08 09 10 11 12 13 14 EZB - Leitzins 3M - Satz EWU: Leitzins und 3M-Satz (%) 0 1 2 3 4 5 6 7 8 08 09 10 11 12 13 14 US DE FR IT ES Rendite 10J-Staatsanleihen (%) 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 90 100 110 120 130 08 09 10 11 12 13 14 Nom. eff. EUR - Wechselkurs (links) Realer eff. EUR - Wechselkurs (links) USD je EUR (rechts) Wechselkursentwicklung des Euro 1999Q1=100 (links), USD je EUR (rechts) Ausblick Deutschland 37 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Chartbook – Kreditvergabe — Im vergangenen Jahr war die Kreditvergabe an Unternehmen anhaltend schwach geblieben, wobei der Rückgang in der Eurozone stärker a usgeprägt war als in Deutschland. Während die Schrumpfungsprozesse in der Eurozone b e- sonders anhaltendem Deleveraging geschuldet sind, spiegeln diese in Deutschland eher eine verhaltene Investition s- tätigkeit und Rückgriff auf alternative Finanzierungsmögli chkeiten wider. Im ersten Quartal 2014 haben die Rückgänge in der Eurozone zwar an Schärfe verloren, dennoch stellte sich keine nachhaltige Belebung ein. Dieser Trend setzte sich auch im April fort: - 3,3% in der Eurozone. In Deutschland fiel die sonst übli che Belebung im ersten Quartal aus, allerdings war der Rückgang im April mit - 0,3 % gg. Vorjahr zuletzt vergleichsweise gering (März noch - 1,2%). — Auch die Haushalte in der Eurozone bauen weiter Verbindlichkeiten ab ( - 0,2% gg. Vj.). Dagegen steigt die Kred itve r- gabe an Haushalte in Deutschland weiter leicht an: Im April erneut Zuwächse von rd. 1,1%. — Das stabile aber insgesamt nur leichte Kreditwachstum der Haushalte in Deutschland ist durch die Entwicklungen bei Hypothekarkrediten bedingt (April erneut +2% g g. Vj.). Die Zuwächse verzeichnen ein hohes Maß an Kontinuität: seit Jahresbeginn beträgt das Wachstum 2% und liegt damit in ähnlicher Größenordnung wie bereits 2013. Angesichts der niedrigen Zinsen – März mit leichtem Rückgang auf 2,7% – bleibt das Wachst um bei Immobilienkrediten ve r- gleichsweise moderat, was teils Portfolioumschichtungen sowie lokalen Angebotsknappheiten auf Immobilienmärkten geschuldet sein dürfte. Das Geschäft mit Konsumentenkrediten war dagegen auch im April weiter rückläufig ( - 1,7% gg. Vj.). Eine positive Einkommenssituation in Deutschland bedingt – trotz des niedrigen Zinsniveaus – eine gebrem s- te Kreditnachfrage auf Seiten vieler Haushalte, da Anschaffungen auch aus Einkommen bzw. Vermögen finanziert werden. — Aus Unternehmenssicht gesta lten sich die Bedingungen für Kreditfinanzierung in Deutschland weiter günstig. So ve r- harrten die Zinsen für Unternehmenskredite im März weiter bei 3%. — Gleichzeitig sehen sich Unternehmen außergewöhnlich günstigen Finanzierungsbedingungen gegenüber. Im Mai erreichte die Kredithürde neue historische Tiefststände. Lediglich 17,4% der Unternehmen aus der gewerblichen Wir t- schaft schätzt die Kreditvergabe gegenwärtig als restriktiv ein. Auch die Kredithürde für das Baugewerbe erreichte mit 22% im Mai ein Allzeit tief. Dem vergleichsweise leichten Zugang zu Kreditmitteln steht das schwache Wachstum der Kreditvolumina bei Unternehmenskrediten in Deutschland entgegen. Quellen: EZB, ifo, Deutsche Bank Research -10 -5 0 5 10 15 20 06 07 08 09 10 11 12 13 14 EWU - nicht finanz. Kapitalgesell. DE - nicht finanz. Kapitalgesell. EWU - priv. Haushalte DE - priv. Haushalte Kredite an den privaten Sektor (% gg. Vj.) -6 -4 -2 0 2 4 6 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 Konsumentenkredite Hypothekarkredite Kredite an private Haushalte (% gg. Vj.) 0 1 2 3 4 5 6 7 06 07 08 09 10 11 12 13 14 EZB - Leitzins Hypotheken (5 - 10 - jährige Zinsbindung) Unternehmenskredite (<1 Mio. EUR, Neugeschäft) Zinssätze (%) 0 20 40 60 08 09 10 11 12 13 14 Kredithürde Bau Kredithürde Gewerbliche Wirtschaft Kreditbedingungen aus Sicht der Unternehmen Kredithürde: Prozentsatz der Unternehmen, die angeben, Kreditvergabe sei restriktiv. Höhere Werte bedeuten restriktiveren Zugang aus Unternehmenssicht.. Ausblick Deutschland 38 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Chartbook – Staatsfinanzen — Mit einem a usgeglichenen Finanzierungssaldo konnte Deutschland neben Luxemburg als einziges Euroland 2013 ohne ein Defizit im Gesamthaushalt auskommen. Bund und Länder weisen aber nach wie vor Defizite aus. Nur dank der Überschüsse von Kommunen und Sozialversicherung en konnte der Gesamthaushalt einen kleinen Überschuss ausweisen. 2014 und 2015 dürfte der Haushalt ebenfalls mit einem kleinen Überschuss abschließen. — Der öffentliche Schuldenstand belief sich Ende 2013 auf 78,4% des BIP. Dies spiegelt einerseits die gute Situation auf der Einnahmeseite wider, andererseits führt der anhaltende Portfolioabbau bei den Bad Banks quasi automatisch zu einem Rückgang der Verschuldung. — Auch in den nächsten Jahren dürfte die Staatsverschuldung kontinuierlich zurückgehen. Alleine der Portfolioabbau bei den Bad Banks wird den Schuldenstand um etwa 0,5% des BIP p.a. zurückführen, ein moderates Wachstum wird ebenfalls zum Absenken der Schuldenstandsquote beitragen. — Die Steuereinnahmen des Staates nehmen weiter kontinuierlich zu. Bis April dieses Jahres liegen sie kumuliert bereits 3,4 % über dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Während die Steuern vom Einkommen (wegen der Körperschaf t- steuer) zuletzt weniger stark zunahmen, legte die Umsatzsteuer im März und April kräftig zu. Bis April liegt sie kum u- liert bereits 4% über dem Vorjahreszeitraums (2013: Zunahmen bis April 1,1%). Das liegt vor allem an der deutlichen Zunahme des Umsatzsteueraufkommens im Inland, das Plus bei der Einfuhrumsatzsteuer lag ein ganzen Stück da r- unter. Quellen: Deutsche Bank Research, Europäische Kommission, Bundesbank 30 40 50 60 70 80 90 - 10 - 6 - 2 2 6 10 95 99 03 07 11 15 Staatsdefizit (links) Staatsverschuldung (rechts) Staatsverschuldung und - defizit In % des BIP - 5,0 - 4,0 - 3,0 - 2,0 - 1,0 0,0 1,0 2,0 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 Strukturell Zyklisch Staatsdefizit Staatsdefizit Gesamtstaat, in % des BIP - 10% - 5% 0% 5% 10% 15% 20% 10 11 12 13 14 Steuereinnahmen Veränderung ggü. Vorjahrjahresmonat und als 12 Monatsdurchschnitt - 4% - 2% 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 12 13 14 Steuereinnahmen gesamt Einkommensteuer Umsatzsteuer Verbrauchsteuern Entwicklung wichtiger Steuern Veränderung ggü Vorjahr, 12 Monatsdurchschnitt Ausblick Deutschland 39 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Dieter Bräuninger (+49 69 910-31708, dieter.braeuninger@db.com) Nicolaus Heinen (+49 69 910-31713, nicolaus.heinen@db.com) Deutschland: Termine der Finanz-, der Wirtschafts- und der Europapolitik DX Datum Ereignis Anmerkungen 4./5. Juni G7 - Gipfel, Brüssel Der ursprünglich als G8 - Gipfel in Sots chi vorgesehene Termin wurde nach einem Treffen der G7 - Staats - und Regierungschefs zur Ukraine - Krise am 24. März in Brüssel abgesagt. Die Gruppe der 7 haben Russlands Mitgliedschaft ausgesetzt. Themen: internationale Politik, Welthandel, Energiesicherheit, Klimawandel. 5. Juni Sitzung des EZB - Rates, Pressekonferenz Wir erwarten die Ankündigung eines Paketes geldpolitischer Maßnahmen: V erlängerung der Vollzuteilung, Ende der SMP - Sterilisierung, weitere A b- senkung des Refinanzierungssatzes einschließlich ne gativer Einlagenzinsen sowie eine zielgerichtete Langfristfinanzierung (LTRO). 19./20. Juni Eurogruppe/ECOFIN - Sitzung, Luxemburg Europäisches Semester: Debatte über Stabilitäts - und Konvergenz - programme sowie spezifische Empfehlungen für die Eurozone, IWF - Konsultationen (nach Art. IV) mit der Eurozone, Griechisches Anpassung s- programm, Banken Union und Fragen der Eurozone. 26./27. Juni Europäischer Rat, Brüssel Voraussichtlich u.a. wirtschaftliche Lage sowie Außenbeziehungen (v.a. Ukraine). 1 . Juli Brüss el Italien übernimmt EU - Präsidentschaft von Griechenland. 3. Juli Sitzung des EZB - Rates, Pressekonferenz Überprüfung des geldpolitischen Kurses. 7. Aug. Sitzung des EZB - Rates, Pressekonferenz Überprüfung des geldpolitischen Kurses. Quelle: Deutsche Bank Research Ausblick Deutschland 40 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Heiko Peters (+49 69 910-21548, heiko.peters@db.com) Oliver Rakau (+49 69 910-31875, oliver.rakau@db.com) Deutschland: Datenkalender DX Datum Uhrzeit Daten Berichtszeitraum DB Schätzung Letzter Wert 5. Jun i 2014 8:00 Auftragseingang im Ver. Gewerbe (Index, sb.), % gg. Vm. Apr . 2,0 - 2,8 6. Jun i 2014 8:00 Industrieproduktion (Index, sb.), % gg. Vm. Apr . 0,3 - 0,5 6. Jun i 2014 8:00 Handelsbilanz (EUR Mrd., sb.) Apr . 17,1 15,0 6. Jun i 2014 8:00 Warenexporte (EUR Mrd., sb.), % gg. Vm. (gg. Vj.) Apr . 2,7 (3,3) - 1,8 (0,2) 6. Jun i 2014 8:00 Warenimporte (EUR Mrd., sb.), % gg. Vm. (gg. Vj.) Apr . 3,5 (1,2 ) - 1,1 (4,1) 23. Jun i 2014 9:30 PMI Verarbeitendes Gewerbe (Flash) Juni 51,5 52,3 23. Jun i 2014 9:30 PMI Dienstleistungssektor (Flash) Juni 55,5 56,4 24. Jun i 2014 10:30 ifo Geschäftsklima (Index, sb.) Juni 110,0 110,4 27. Jun i 2014 14:00 Vorläufiger VPI (sb.), % gg. Vm. (gg. Vj.) Juni 0,4 (1,1) - 0,1 (0,9) 30. Jun i 2014 8:00 Einfuhrpreise (Index, sb.) % gg. Vm. (gg. Vj.) Mai - 0,2 ( - 2,3) - 0,3 ( - 2,4) 30. Jun i 2014 8:00 Einzelhandelsumsätze (Index, sb.), % gg. Vm. Mai 0,5 - 0,9 1. Jul i 2014 10:00 Ar beitslosenrate (%, sb.) Juni 6,7 6,7 14. Aug . 2014 8:00 Reals BIP (Index, sb.), % gg. Vq. Q2 2014 0,2 0,8 Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit, ifo, Markit Ausblick Deutschland 41 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Heiko Peters (+49 69 910-21548, heiko.peters@db.com) Oliver Rakau (+49 69 910-31875, oliver.rakau@db.com) Finanzmarktprognosen DX US JP EWU GB CH SE DK NO PL HU CZ Leitzinssatz, % Aktuell 0,125 0,10 0,25 0,50 0,00 0,75 0,20 1,50 2,50 2,40 0,05 Juni 14 0,125 0,10 0,15 0,50 0,00 0,50 0,20 1,50 2,50 2,40 0,05 Sep . 14 0,125 0,10 0,15 0,50 0,00 0,50 0,20 1,50 2,50 2,50 0,05 M ä rz 15 0,250 0,10 0,1 5 0,50 0,00 0,50 0,30 1,50 3,00 3,25 0,05 3M Geldmarktsatz, % Aktuell 0,23 0,21 0,31 0,53 Juni 14 0,35 0,20 0,30 0,52 Sep . 14 0,35 0,20 0,20 0,52 M ä rz 15 0,35 0,20 0,20 0,52 Rend ite 10J Staatsanleihen, % Aktuell 2,53 0,59 1,31 2,61 0,75 1,80 1,39 2,66 Juni 14 2,50 0,60 1,40 2,90 1,10 2,40 1,90 3,10 Sep . 14 3,00 0,70 1,60 3,00 1,25 2,55 2,10 3,20 M ä rz 15 3,25 0,80 2,00 3,30 1,45 2,80 2,45 3,30 Wechselkurse EUR/USD USD/JPY EUR/GBP GBP/USD EUR/CHF EUR/SEK EUR/DKK EUR/NOK EUR/PLN EUR/HUF EUR/CZK Aktuell 1,36 101,96 0,81 1,68 1,22 9,10 7,46 8,16 4,14 302,81 27,48 Juni 14 1,35 105,00 0,81 1,67 1,22 8,85 7,46 8,20 4,09 303,80 27,00 Sep . 14 1,33 109,00 0,82 1,62 1,26 8,70 7,46 8,35 4,05 302,90 27,00 M ä rz 15 1,20 116,00 0,80 1,50 1,27 8,35 7,46 8,00 3,98 301,50 27,00 Quellen: Bloomberg, Deutsche Bank Ausblick Deutschland 42 | 4. Juni 2014 Aktuelle Themen Deutschland: Datenmonitor DX Q2 2013 Q3 2013 Q4 2013 Q1 2014 Q2 2 014 Dez . 2013 Jan . 2014 Feb . 2014 M ä rz 2014 Ap ril 2014 Mai 2014 Konjunkturumfragen Gesamtwirtschaft ifo Geschäftsklima 105,3 107,2 108,8 110,9 109,5 110,6 111,3 110,7 111,2 110,4 ifo Geschäftserwartungen 101,8 103, 4 106,0 107,8 107,4 108,9 108,2 106,3 107,3 106,2 PMI Composite 49,9 52,9 54,5 55,4 55,0 55,5 56,4 54,3 56,1 56,1 Produzierendes Gewerbe ifo Verarbeitendes Gewerbe 100,4 102,7 104,5 106,9 105,2 106,3 107,3 107,0 107,5 106,9 PMI Verarb eitendes Gewerbe 48,7 51,2 52,9 55,0 54,3 56,5 54,8 53,7 54,1 52,3 Produktion (% gg. Vp.) 1,4 0,8 0,7 1,3 0,1 0,4 0,6 - 0,5 Auftragseingang (% gg. Vp.) 1,0 1,5 2,3 0,1 0,1 0,1 0,9 - 2,8 Grad der Kapazitätsauslastung 82,1 83,2 83,2 83,4 84,3 Bauhauptgewerbe Produktion (% gg. Vp.) 11,3 1,8 0,2 4,7 1,2 2,2 1,8 - 1,0 Auftragseingang (% gg. Vp.) 1,5 - 1,0 3,4 1,7 - 1,5 4,3 - 3,5 - 2,6 ifo Bauhauptgewerbe 123,7 120,4 121,2 122,6 123,6 124,2 123,1 120,6 120,6 120,3 Dienstlei stungen PMI Dienstleistungen 49,9 52,6 54,1 54,0 53,5 53,1 55,9 53,0 54,7 56,4 Konsumentennachfrage EC Konsumentenbefragung - 4,2 - 3,2 - 2,8 0,3 - 2,2 - 0,8 - 0,7 2,3 3,1 5,5 Einzelhandelsumsätze (% gg. Vp.) 0,1 - 0,2 - 0,4 1,6 - 1,7 1,9 0,7 0,1 - 0,9 Neuzulassungen PKW (% gg. Vj.) - 3,7 - 1,4 1,6 2,8 5,4 - 2,0 4,3 5,4 - 3,6 Außenhandel Auslandsaufträge (% gg. Vp.) 2,8 0,6 3,9 - 1,3 1,8 - 1,3 0,7 - 4,6 Exporte (% gg. Vp.) 0,3 0,3 1,6 0,3 - 1,0 2,3 - 1,3 - 1,8 Impo rte (% gg. Vp.) 1,4 - 0,3 0,6 2,2 - 1,0 3,2 0,4 - 1,1 Nettoexporte (EUR Mrd.) 48,0 49,3 52,3 48,1 17,6 17,3 15,8 15,0 Arbeitsmarkt Arbeitslosenquote (%) 6,9 6,8 6,9 6,8 6,8 6,8 6,8 6,7 6,7 6,7 Veränderung Arbeitslosigkeit (Tsd. gg. V p.) 19,7 - 4,7 14,3 - 45,7 - 16,0 - 26,0 - 12,0 - 11,0 - 25,0 24,0 Beschäftigung (% gg. Vj.) 0,5 0,6 0,6 0,8 0,7 0,8 0,8 0,9 1,0 ifo Beschäftigungsbarometer 104,9 106,3 107,2 107,5 107,5 107,0 108,0 107,4 107,4 106,9 Preise, Löhne und Arbeitskosten Preise HVPI (% gg. Vj.) 1,5 1,7 1,3 1,0 1,2 1,2 1,0 0,9 1,1 0,6 Kern - HVPI (% gg. Vj.) 1,0 1,2 1,1 1,1 0,7 1,2 1,2 0,9 1,4 Harmonisierter PPI (% gg. Vj.) - 0,1 - 0,3 - 0,7 - 1,0 - 0,5 - 1,1 - 0,9 - 0,9 - 0,9 Rohstoffe ohne Energie (% gg. Vj.) - 7,0 - 12,2 - 10,4 - 11,1 - 10,2 - 11,0 - 11,0 - 11,3 - 5,8 - 5,4 Ölpreis (USD) 102,5 110,4 109,3 108,2 110,8 108,3 108,9 107,5 107,7 Inflationserwartungen EC Haushaltsumfrage 22,5 26,2 25,5 22,0 25,5 24,0 22,0 19,9 18,0 18,1 EC Unt ernehmensumfrage - 0,6 2,8 6,1 5,6 8,6 7,8 4,8 4,1 2,5 1,9 Lohnstückkosten (gg. Vj.) Lohnstückkosten 1,4 1,2 1,2 0,5 Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer 1,7 2,0 2,0 2,5 Arbeitnehmerentgelt je Stunde 1,1 1,2 1,9 0,3 Monetärer Sektor (gg. Vj.) M3 3,8 2,5 2,7 3,5 2,7 3,1 3,9 3,5 3,7 Trend von M3* 2,4 3,2 3,5 3,7 Kredite an Unternehmen und Privatpersonen 1,3 - 4,0 - 3,1 - 3,6 - 3,1 - 3,8 - 3,9 - 3,6 Kredite an öffentliche Haushalte - 22,4 - 17,7 - 1 7,1 - 1,4 - 17,1 - 5,8 - 5,8 - 1,4 % gg. VP = Veränderung gegenüber der Vorperiode; *zentrierter 3M - Durchschnitt Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Bundesbank, Europäische Kommission, Eurostat, Statistisches Bundesamt, HWWI, ifo, Markit Ausblick Deutschland Unsere Publikationen finden Sie unentgeltlich auf unserer Internetseite www.dbresearch.de Dort können Sie sich auch als regelmäßiger Empfänger unserer Publikationen per E - Mail eintragen. Für die Print - Version wenden Sie sich bitte an: Deutsche Bank Research Marke ting 60262 Frankfurt am Main Fax: +49 69 910 - 31877 E - Mail: marketing.dbr@db.com Schneller via E - Mail: marketing.dbr@db.com Im Ausblick Deutschland aus der Reihe Aktuelle Themen/Konjunktur we r- den volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Themen zu Deutschland behandelt. Jede Ausgabe enthält zudem Übersichtstabellen zu finanz - und wirtschaftspolitischen Terminen sowie einen detaillierten Datenmonitor zu deutschen Wirtschaftsindikatoren. Die Ausgabe erscheint monatlich.  So weit, so gut (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ .......... 2. Mai 2014  2% Wachstum in 2015 trotz belastender Beschäftigungspolitik (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ . 28. Februar 2014  Weiter im Aufwind (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ ... 27. Januar 2014  Aufbruch in die Vergangenheit (Aktuelle Themen – Ko njunktur) ............................. 29. November 2013  Trotz Wachstum in der Kritik (Research Briefing – Konjunktur) ............................ 19. November 2013  Von Übertreibungen und Ängsten (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ . 31. Oktober 2013  Arbeitsmarkt: Weiter im Aufwind (Research Briefing – Konjunktur) ................................ 15. Oktober 2013  Deutschland nach der Wahl (Aktuelle Themen – Konjunktur) ................................ ... 1 . Oktober 2013  Ja mei, is denn scho o’zapft? (Research Briefing – Konjunktur) ........................... 16. September 2013  Deutsches BIP +0,5% in 2013 – trotz Verlangsamung in H2 (Aktuelle Themen – Konjunktur) .............................. 2. September 2013  Das Wandern ist des Deutschen Lust (Research Briefing – Konjunktur) ................................ .. 15. August 2013  Strukturelle Verbesserungen stützen Sonderstellung (Aktuelle Themen – Konjunktur ) ................................ .......... 1. Jul i 2013  Deutsche Sonderstellung – Gefahr für den Euro? ( Research Briefing – Konjunktur ) ................................ ...... 14. Juni 2013  Die schöne neue Welt der Geldpolitik (Aktuelle Themen) ................................ ............................... 4. Juni 2013  T arifrunde 2013: Kräftiges reales Plus ( Research Briefing – Konjunktur ) ................................ ....... 16. Mai 2013  BIP - Prognose: Leichter Anstieg in Q1, Verlangsamung in Q2 (Aktuelle Themen) ................................ ............................. 30. April 2013 © Copyright 2014. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. 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