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1. Juli 2010
Die fiskalischen Kosten einer Finanzkrise können grob in zwei Kategorien eingeteilt werden: a) Direkte Kosten wie die Zufuhr von Eigenkapital, Garantien von Passiva und Aktiva durch den Staat oder kurzfristige Liquiditätshilfen für in Not geratene Finanzinstitute und b) indirekte Kosten, die sich aus geringeren Steuereinnahmen und höheren Staatsausgaben angesichts einer durch die Krise ausgelösten Rezession ergeben. ... [mehr]
Direkte fiskalische Kosten der Finanzkrise: Voraussichtlich weit geringer als befürchtet Wirtschaft & Politik Research Briefing Autor Jan Schildbach +49 69 910-31717 jan.schildbach@db.com Editor Bernhard Speyer Publikationsassistenz Angelika Greiner Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland Internet: www.dbresearch.de E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 DB Research Management Thomas Mayer Abgrenzung fiskalische r Kos ten Die fiskalischen Kosten einer Finanzkrise können grob in zwei Kategorien eing e- teilt werden: a) Direkte Kosten wie die Zufuhr von Eigenkapital, Garantien von Passiva und Aktiva durch den Staat oder kurzfristige Liquiditätshilfen für in Not geratene F ina nzinstitute und b ) indirekte Kosten, die sich aus geringeren Ste u- ereinnahmen und höheren Staatsausgaben angesichts einer durch die Krise ausgelösten Rezession ergeben. Letztere umfassen z.B. auch höhere Zinsko s- ten aufgrund einer höheren Staatsverschuldung (und potenzieller weiterer Ris i- ken für die öffentlichen Haushalte ). Dieses Briefing widmet sich vor allem der Analyse der direkten Kosten, ohne dabei die Notfall - Liquiditätslinien der Note n- banken mit einzubeziehen. Welche Bankensektoren litten am stärksten unter der Krise? Vor der eigentlichen Analyse ist es sinnvoll, einen Blick auf die Staaten zu we r- fen, für die die Krise eine wichtige Rolle spielte. Drei Arten von Ländern lassen sich unterscheiden, in denen die Verluste des F inanzsektors besonders hoch w aren (s. Abb. 1): a) Länder wie die USA, Großbritannien und Irland, die bis 2007 einen Kreditboom verzeichneten und deren Banken anschließend mit si n- kenden Immobilienpreisen, Wertberichtigungen auf Wertpapiere und Kreditve r- lusten zu kämpfen hatten; b) Länd er wie Belgien, die Niederlande, Schweiz oder Island, deren Heimatmarkt für ambitionierte einheimische F inanzinstitute nicht groß genug war und die deshalb oft erhebliche Positionen in strukturierten Pr o- dukten (aus Ländern mit „Kreditblasen―) aufbauten; un d c) der Sonderfall Deutschland, wo ein beträchtlicher Teil des Bankensektors kein tragfähiges (d.h. hinreichend profitables) Geschäftsmodell aufwies und insbesondere die La n- desbanken in großem Umfang sogenanntes Kreditersatzgeschäft betrieben – den A nkauf verbriefter Kredite anstelle einer direkten Kreditvergabe. 1. Juli 2010 Direkte fiskalische Kosten der Finanzkrise Voraussichtlich weit geringer als befürchtet — Die direkten Ko sten der Krise für den Steuerzahler dürften in den meisten Industrieländern am Ende unter 1% des BIP liegen. Das entspricht nur einem Bruchteil der ursprünglich zugesagten Mittel und ist auch weit niedriger als die anfänglichen tatsächlichen Ausgaben. — Über raschenderweise dürfte die Krise damit im historischen Vergleich eine der am wenigsten kostspieligen werden. Dank der entschlossenen und massiven Maßnahmen der öffentlichen Hand und der schnellen Erholung der Weltwirtschaft lagen bereits die zunächst erfol gten Ausgaben zur Stabilisierung des Finanzsektors in den entwickelten Ländern nur bei etwa der Hälfte des früher bei der Krisenbewältigung Üblichen. Zudem waren die nachträglichen Einnahmen des Staates selten so hoch wie in der jüngsten Krise. — Unter den v on der Krise besonders stark betroffenen Ländern dürften die direkten fiskalischen Kosten am Ende in den USA unter 2% des BIP und in Deutschland unter 1% liegen, während die Bankenstabilisierung in Frankreich und Großbritannien unter dem Strich sogar gewin nbringend sein könnte. — Erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Ländern lassen sich auf die Gestaltung der Stützungsprogramme, den Kreis der einbezogenen Banken und den Zeitpunkt des Ausstiegs aus Staatshilfen zurückführen. Research Briefing 2 1. Juli 2010 Bedarf an staatlicher Unterstützung Verluste im Finanzsektor bedeuten natürlich nicht automatisch, dass der Staat helfend einspringen muss. Banken können (und sollten!) Abschreibungen und Verluste zu einem guten Teil durch Gewinne aus ihrem operativen Geschäft bzw. durch Eigenkapitalpuffer selbst auffangen. In einer systemischen Krise geht jedoch die Profitabilität stark zurück, die Kapitaldecke wird dünner und der Staat muss ein- greifen, um das in Schwierigkeiten geratene Finanzsystem wieder zu stabilisieren. So war es unvermeidlich, dass die Regierungen im Herbst 2008/Frühjahr 2009 (implizite oder explizite) Garantien im Volumen einiger Billionen US-Dollar für große Teile des Finanzsek- tors aussprachen, um die Panik an den Finanzmärkten einzudäm- men. Die zunächst zugesagten Mittel erreichten in den großen In- dustrieländern in der Regel 20-30% des BIP, wobei Großbritannien mit dem doppelten Volumen aufgrund seines enormen Risiko- schirms für die Royal Bank of Scotland und Lloyds Banking Group einen Ausreißer nach oben bildete (s. Abb. 2). In den meisten ande- ren Ländern stammte der Großteil der potenziellen Verbindlichkeiten aus übernommenen Garantien für Bankanleihen, mit denen sich die Finanzinstitute wieder Kapital bei institutionellen Investoren beschaf- fen konnten, nachdem dieser Markt mit dem Lehman-Bankrott ein- gefroren war. Klassische Bank-Runs von Privatkunden konnten (bei einer Ausnahme in Großbritannien zu Beginn der Krise) durch eine Erhöhung der Einlagensicherung verhindert werden, deren Garan- tievolumen in der oben genannten Unterstützung der Banken aller- dings nicht enthalten ist. Viel geringere tatsächliche Ausgaben Echte Mittelabflüsse aus den Staatshaushalten blieben jedoch weit unter den zunächst in Aussicht gestellten Brutto-Werten. Laut IWF beliefen sich die direkten Zahlungen in der jüngsten Krise auf insge- samt 3,5% des BIP in den entwickelten G-20-Mitgliedstaaten. Dabei variierte – entsprechend der Verluste des Finanzsektors – auch das Ausmaß der staatlichen Hilfen erheblich, obwohl fast alle Länder von der Krise stark betroffen waren (s. Abb. 3). Gemeinsam profitier- ten sie zumindest von der Erholung der Finanzmärkte in den ver- gangenen Monaten, dank derer die Garantien sowohl für Schuldver- schreibungen als auch für „giftige― Wertpapiere der Banken am En- de nur zu einer geringen tatsächlichen Belastung für die Steuerzah- ler durch Zahlungen an Banken und ihre Kreditgeber führen dürften. In den USA, deren Finanzsystem im Zentrum der Krise stand, über- stiegen die anfänglichen direkten Ausgaben der öffentlichen Hand 4% des BIP und waren damit höher als die endgültigen Kosten der 0 10 20 30 40 50 60 70 UK US ES DE FR IT Kurzfrist. Liquidität Risikoschirm Aktivakäufe Anleihegarantien Eigenkapitalhilfen Zugesagte öffentliche Mittel für den Finanzsektor % des BIP Quellen: BIZ, Fitch, DB Research 2 0 2 4 6 8 10 12 14 16 NL CH UK US DE ES FR IT CA % des BIP Quellen: BIZ, Fitch, DB Research Tatsächliche staatliche Ausgaben 3 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 CH US UK IE BE NL DE FR CA ES IT JP AU CN SE AT Wertberichtigungen von Finanzinstituten während der Krise, weltweit % des BIP (rechts), Mrd. USD Quellen: Bloomberg, IWF, DB Research 1,159 89 196 96 57 23 17 10 22 3 7 00 17 22 32 1 Direkte fiskalische Kosten der Finanzkrise 1. Juli 2010 3 Gründe für unterschiedliche Kosten der Staatshilfe in einzelnen Län dern Was sind die Gründe für die erheblichen Unterschiede zwischen einzelnen Ländern, und insbesondere für die angesichts ihrer Rolle in der Krise scheinbar überra schend gute Lage in den USA ? 1) Zeitpunkt : Große US - Banken kamen z.B. schneller aus der Krise als viele i hrer e uropä ischen R iva len, die noch von S taatshilfen abhängig sind, nicht zuletzt dank des stärkeren Kapita l marktg e- schäfts der amerikanischen Banken. Alle r- dings profitierten im Wesentlichen nur die großen Banken mit Investmentbanking - A ktivitä ten von dieser Entwi cklung, während viele kleinere US - Banken immer noch zu kämpfen haben. 2) De sign : Das TARP - Programm in den USA war für alle großen Banken verpflichtend (d.h., es wurden auch relativ gesunde Banken gezwungen, Staat s- hi l fe anzunehmen) ; in den meisten europä i- sc hen Ländern dagegen war die Teilnahme an direkten S tützungsmaßnahmen freiwillig (und dementsprechend nahmen auch nur Banken Mittel an, die sie tatsächlich brauchten). Die US - Zahlen würden daher mit Blick sowohl auf die anfänglichen Brutto - Ausgaben als auch auf die Rückzahlungen deutlich bescheidener aussehen, wäre TARP wie in Europa gestaltet gewesen. 3) Konditionen : Unterschiede in den fiskalischen Kosten lassen sich schlie ß- lich auch auf das variierende Design der Bad - Bank - Konzepte und der darin vorgesehen en Verlust v erteilung zurückführen, die in ma n- chen Ländern die Risiken vor allem bei den einzelnen Instituten belassen und in anderen dem Steuerzahler übertragen. Savings-and-Loan-Krise der späten 1980er. Die Nettokosten liegen aber bereits heute, dank der von den Banken zurückgezahlten Staatshilfen, deutlich darunter. Offizielle Schätzungen für die am Ende verbleibenden, echten Kosten des TARP-Programms sind auf USD 105 Mrd. gesenkt worden, nicht mehr als 0,7% des BIP, und davon dürften allein USD 25 Mrd. für die Rettung der US- amerikanischen Autoindustrie (nicht der Finanzbranche) zu Buche schlagen. Die Investitionen des Staates in solche Finanzinstitute, die Eigenkapitalhilfen, Dividenden und Gebühren voll (zu- rück)gezahlt haben, stellten sich am Ende sogar als rentabel her- aus. Die verbleibenden Fälle – vor allem gut 660 überwiegend klei- nere Banken, die USD 65 Mrd. an TARP-Geldern erhalten haben, und AIG, wo die Regierung Verluste für den Steuerzahler in Höhe von etwa zwei Dritteln der investierten USD 70 Mrd. erwartet – dürf- ten wesentlich ungünstiger ausgehen und damit erhebliche Kosten für den Staatshaushalt bewirken. In TARP nicht enthalten sind schließlich die beiden „government-sponsored enterprises― Fannie Mae und Freddie Mac, bei denen bereits Kapitalzufuhren von insge- samt USD 146 Mrd. nötig wurden und die aller Wahrscheinlichkeit nach die größte Belastung für den US-Steuerzahler darstellen wer- den. Unter dem Strich sollten die direkten Kosten der Krise dennoch 2% des BIP nicht übersteigen. In Deutschland gab es Stützungsmaßnahmen sowohl auf der Ebe- ne des Bundes als auch auf der der Länder. Der Finanzmarktstabili- sierungsfonds der Bundesregierung (SoFFin) erzielte bislang Ein- nahmen von rund EUR 700 Mio. aus der Übernahme von Garantien für Bankanleihen und Eigenkapitalhilfen, denen EUR 415 Mio. an Zinsausgaben gegenüberstehen. Darüberhinaus musste der SoFFin jedoch den Wert seiner Beteiligung Hypo Real Estate (HRE) nach unten korrigieren, so dass er für 2009 einen Jahresverlust von ins- gesamt EUR 4,3 Mrd. auswies. Langfristig erscheint es angesichts der strukturell geringen Profitabilität des deutschen Bankensystems höchst unwahrscheinlich, dass die beiden größten Empfänger von SoFFin-Kapital, die Commerzbank (EUR 18,2 Mrd.) und die HRE (EUR 7,7 Mrd.), die erhaltenen Mittel vollständig zurückzahlen wer- den, zumindest innerhalb eines überschaubaren Zeitraums. Der Ausblick auf Länderebene ist sogar noch weniger ermutigend: Die betroffenen Bundesländer dürften kaum mehr als einen kleinen Teil der EUR 18 Mrd. an Eigenkapitalstützen zurückerhalten, die sie BayernLB, LBBW und HSH Nordbank gewährt haben, unabhängig davon, ob durch Rückzahlungen der Banken oder Anteilsverkäufe der Länder an private Investoren wie in den USA (s. den Fall der Citigroup) oder Großbritannien (s. unten). Die im internationalen Vergleich hohen Kosten sind nicht zuletzt eine direkte Folge des bereits vor der Krise bestehenden staatlichen Eigentums an den Landesbanken, wodurch die Bundesländer (ebenso wie manche Sparkassen) nicht nur die in Schwierigkeiten geratenen Institute rekapitalisieren, sondern auch schon die anfänglichen Verluste übernehmen mussten. Im Gegensatz dazu wurden diese Wertbe- richtigungen in Ländern wie den USA oder Großbritannien von pri- vaten Anteilseignern getragen, während der Staat erst dann Kapital zuschoss, als die Aktienkurse niedrig waren, und im jüngsten Auf- schwung von steigenden Preisen profitieren konnte. Insgesamt wird die Netto-Belastung der deutschen Haushalte in absoluten Größen voraussichtlich erheblich sein – jedoch unter 1% des BIP bleiben. Research Briefing 4 1. Juli 2010 In Frankreich haben alle bis auf eine Großbank insgesamt EUR 13,3 Mrd. an Kapitalhilfen und etwa EUR 1 Mrd. an Zinsen und Divi- denden an die Regierung (zurück)gezahlt (es stehen noch EUR 6,4 Mrd. an Staatshilfen bei BPCE aus). Der fiskalische Netto-Verlust – sofern es überhaupt einen geben sollte – erscheint daher über- schaubar. In Großbritannien hält die Regierung einen Anteil von 41% an Lloyds, 84% an RBS und 100% von Northern Rock und hat bislang GBP 681 Mio. an Gebühren für die Risikoabschirmung und Rekapitalisierung von den beiden erstgenannten Banken erhalten. Zur Zeit garantiert der britische Staat noch Aktiva im Wert von GBP 282 Mrd. für RBS, die jedoch das Erstverlustrisiko von GBP 60 Mrd. trägt. Der Marktwert der von der öffentlichen Hand gehaltenen Ak- tien liegt ungefähr bei der ursprünglich investierten Summe, nach- dem die Kurse lange Zeit stark gestiegen waren. Somit könnte der Steuerzahler am Ende unter Umständen eine positive Rendite aus der Bankenstabilisierung erzielen, wobei die Risiken hoch bleiben: Zum einen dürfte die Platzierung von so großen Anteilen in jedem Fall erheblichen Druck auf den Aktienkurs ausüben, zum anderen sind die endgültigen Zahlungen aus dem Risikoschirm für RBS noch unklar. Auch der IWF schätzt die in Großbritannien weiter bestehen- den Risiken als relativ hoch ein, da sich die bisher noch nicht zu- rückgezahlten fiskalischen Hilfen (in einer breiteren Abgrenzung als der hier verwendeten) auf 5,4% des BIP belaufen, gg. 4,8% in Deutschland und 3,6% in den USA. Enorme indirekte Kosten Die direkten Kosten der Krise für den Steuerzahler dürften am Ende weit geringer ausfallen als ursprünglich erwartet. Das heißt aber nicht, dass die Krise auch insgesamt moderate Folgen gehabt hätte. Im Gegenteil, auf zwei Gebieten waren ihre Auswirkungen beson- ders schmerzlich zu spüren: beim Wirtschaftswachstum und, zum Teil damit zusammenhängend, bei den Staatsfinanzen. Auch wenn sich darüber streiten lässt, wieweit die Finanzkrise kon- kret zur ersten Rezession der Weltwirtschaft seit dem Zweiten Welt- krieg und dem massiven Anstieg der öffentlichen Defizite und Schuldenstände beigetragen hat, ist klar, dass sie sicherlich der wichtigste einzelne Grund dafür war. Und das Ausmaß des Scha- dens war in der Tat atemberaubend: Das reale Wirtschaftswachstum in den Industrieländern erreichte 2007 2,8%, fiel dann aber abrupt auf 0,5% im Jahr 2008 und -3,2% 2009 (s. Abb. 4). Der Zusammen- hang zwischen der Finanzkrise und der übrigen Wirtschaft wurde besonders deutlich im Herbst 2008, auf dem Höhepunkt der Krise. In dieser Zeit waren auch die Abwärts-Revisionen der Wachstums- schätzungen besonders ausgeprägt – der IWF kappte seine Prog- nose für 2009 von 0,5% im Oktober 2008 auf -2% gerade einmal drei Monate später. Auch die langfristigen Wachstumsaussichten dürfte die Krise getrübt haben, wenn auch nicht allzu stark. In seiner ersten regelmäßigen Veröffentlichung langfristiger Prognosen im April 2008 schätzte der IWF das BIP-Wachstum auf 2,9% (für das Jahr 2013), verglichen mit der heutigen Erwartung von 2,3% für 2015. Den öffentlichen Haushalten haben die Krise und die nachfolgende Rezession jedoch einen schweren Schlag versetzt. 1 Die Haushalts- defizite in den entwickelten Ländern explodierten laut IWF von mä- ßigen 1,2% des BIP 2007 auf 8,9% 2009 (s. Abb. 5). Sie dürften sich 1 S. im Folgenden auch IWF (2009) und IWF (2010). - 4 - 3 - 2 - 1 0 1 2 3 2007 2008 2009 2010 Lang - fristig Okt 2007 Apr 2008 Okt 2008 Jan 2009 Apr 2010 Reales BIP - Wachstum in entwickelten Ländern %, Prognosen Quelle: IWF 4 - 14 - 12 - 10 - 8 - 6 - 4 - 2 0 2 US DE FR UK IT 2007 2008 2009 2010 2015 Haushaltssaldo % des BIP Quelle: IWF 5 Direkte fiskalische Kosten der Finanzkrise 1. Juli 2010 5 auch wesentlich länger halten als der Effekt der Krise auf das Wirt- schaftswachstum: Selbst 2014 dürfte der durchschnittliche Haus- haltssaldo in den genannten Ländern noch -4,7% betragen – viel zu hoch, um angesichts bescheidener Wachstumsaussichten langfristig nachhaltig zu sein. Als Konsequenz werden die bereits heute schon angeschwollenen Schuldenstände wohl weiter ansteigen. Die Brutto-Staatsverschul- dung in den industrialisierten G-20-Ländern dürfte von 78% des BIP im Jahr 2007 auf 107% 2010 und 118% 2014 zunehmen (s. Abb. 6). Es ist offensichtlich, dass dies negative Auswirkungen auf das Wachstum haben wird, z.B. über höhere Steuern und die Verdrän- gung privater Investitionen aufgrund höherer Zinsen und damit ge- ringerer Kreditaufnahme. 2 Zudem schränkt die wachsende Schul- denlast den Handlungsspielraum der öffentlichen Hand ein, vom zunehmenden Risiko einer Staatsschuldenkrise in einigen Ländern einmal ganz abgesehen. 3 Aus dieser Sicht wird die Finanzkrise ei- nen weit prägenderen Einfluss auf den Staat und den Rest einer Volkswirtschaft ausüben als über die direkten fiskalischen Kosten der Bankensektor-Stabilisierung. Keine teure Krise – im historischen Vergleich Trotz allem – und sicher etwas überraschend – wird die globale Finanzkrise von 2007-09 am Ende wahrscheinlich als eine der am wenigsten kostspieligen in die Geschichtsbücher eingehen, jeden- falls relativ betrachtet. Von den umfangreichen nachträglichen Ein- nahmen der Staaten sogar einmal abgesehen, die unter dem Strich zu den oben beschriebenen relativ begrenzten direkten Kosten für den Steuerzahler führen sollten, waren selbst die anfänglichen Brut- to-Ausgaben der Regierungen eher moderat: In den größten und von der Krise am stärksten betroffenen Ländern betrugen die zu- nächst geflossenen Mittel in der jüngsten Krise im Schnitt nicht mehr als 4,6% des BIP – etwa so viel wie bei der hochgelobten Bewälti- gung der schwedischen Bankenkrise Anfang der 1990er und weit weniger als die durchschnittlichen fiskalischen Ausgaben von 8,2% in entwickelten und 14,3% in aufstrebenden Ländern in von der Weltbank untersuchten Bankenkrisen seit den 1970er Jahren. 4 (Der Rückgang der Wirtschaftsleistung war in der Regel stärker und lag im Mittel bei etwa 23% des BIP.) Hinzu kommt, dass die vom Staat nach der Stützung der Banken erzielten Einnahmen (Rückzahlun- gen, Anteilsverkäufe etc.) in früheren Krisen meist recht niedrig waren. 5 Was sind die Gründe für die im aktuellen Fall geringeren Kosten der Finanzsektorstabilisierung? a) Die schnellen und umfassenden Maßnahmen, die Regierungen und Notenbanken im Herbst 2008 ergriffen, wendeten noch größeren Schaden ab. b) Die zügige Erho- lung der Weltwirtschaft, angetrieben von Konjunkturprogrammen in den Industriestaaten und der Stärke der Schwellenländer, verhinder- te einen noch massiveren Anstieg der Kreditverluste und bereitete den Boden für ein freundliches Kapitalmarktumfeld. c) Die Flutung 2 Reinhart und Rogoff (2010) schätzen, dass staatliche Schulden oberhalb einer Schwelle von 90% des BIP das Wirtschaftswachstum in entwickelten Ländern sig- nifikant reduzieren. 3 Vgl. Becker et al. (2010) für eine ausführliche Analyse der Tragfähigkeit von Staatsschulden in entwickelten und aufstrebenden Ländern. 4 S. Abb. 7 und Honohan und Klingebiel (2000). Laeven und Valencia (2010) ermit- teln ähnliche Ausgaben in der jüngsten Krise, die Bank von England (2003) etwas höhere Kosten vergangener Krisen von durchschnittlich 15%; sie unterscheidet dabei jedoch nicht zwischen Industrie- und Schwellenländern. 5 Vgl. z.B. Laeven und Valencia (2008). 0 20 40 60 80 100 120 140 US DE FR UK IT 2007 2008 2009 2010 2015 Quelle: IWF Staatsverschuldung % des BIP 6 Research Briefing 6 1. Juli 2010 der Finanzmärkte mit Liquidität durch die Notenbanken (vor allem mittels außergewöhnlich niedriger Leitzinsen) hat zu einem kräftigen Preisanstieg bei vielen Vermögenswerten geführt und damit auch den Wert der staatlichen Anteile an verschiedenen Finanzinstituten erhöht. Hilfen für Banken im Vergleich mit anderen Branchen Vergleiche hinken stets, und krisenbedingte staatliche Maßnahmen und laufende Subventionen lassen sich nicht ohne Weiteres gegen- überstellen. Gleichwohl mag es hilfreich sein, die Bankenrettung einzuordnen. Wie hoch sind also die direkten fiskalischen Kosten der Stabilisierung des Finanzsektors verglichen mit der Unterstüt- zung anderer Wirtschaftsbereiche? Obwohl die Bankenhilfen zwei- felsohne enorm waren, sind andere Branchen interessanterweise oft in ähnlichem Umfang gefördert worden – und manche werden es ganz regelmäßig. Bauern in den USA z.B. erhielten allein in den letzten fünf Jahren direkt mehr als USD 77 Mrd. (bzw. 0,55% des BIP) an Beihilfen von der Regierung, ohne dass der Steuerzahler eine Chance hätte, so wie im Fall der Finanzbranche zumindest einen Teil dieser Gelder zurückzuerhalten, sobald sich die Märkte wieder erholt haben. Dies soll die Unterstützung des Finanzsektors keineswegs relativie- ren oder als Pauschalkritik an Subventionen verstanden werden. Es zeigt nur, dass staatliche Hilfen für einen bestimmten Teil der ein- heimischen Wirtschaft nichts Ungewöhnliches sind und es dafür – wie auch dagegen – gute Gründe geben kann (die Förderung er- neuerbarer Energien z.B. ließe sich mit dem Übergang zu einer klimafreundlichen Volkswirtschaft und der Verwendung nachhaltiger, nicht-fossiler Energieträger rechtfertigen). Die Stützung der Banken dürfte mindestens genauso gut begründet gewesen sein. Insgesamt wird klar, dass die Stabilisierung des Finanzsystems am Ende ge- naugenommen nur relativ begrenzte Kosten verursachen dürfte – und dass die Maßnahmen der staatlichen Entscheidungsträger im Großen und Ganzen sehr effektiv (bezogen auf ihr Ziel, weiteren Schaden von privaten Haushalten und Unternehmen abzuwenden) und effizient (darin, die Kosten für den Steuerzahler gering zu hal- ten) gewesen sind. Jan Schildbach (+49 69 910-31717, jan.schildbach@db.com) 0 5 10 15 20 25 30 Japan 1992 - 2005* Finnland 1991 - 94 Norwegen 1987 - 93 Spanien 1977 - 85 Schweden 1991 - 94 USA 1981 - 91 Australien 1989 - 92 Frankreich 1994 - 95 Staatliche Ausgaben für den Finanzsektor Wachstumseinbußen Kosten früherer Bankenkrisen in entwickelten Ländern % des BIP Quelle: Weltbank * Daten nur bis 2000. 7 Direkte fiskalische Kosten der Finanzkrise Literatur Bank von England (2003). Resolution of banking crises: a review. Financial Stability Review 15. Becker, Sebastian, Gunter Deuber und Sandra Stankiewicz (2010). Public debt in 2020: A sustainability analysis for DM and EM economies. Deutsche Bank Research. Current Issues. Honohan, Patrick und Daniela Klingebiel (2000). Controlling the Fiscal Costs of Banking Crises. Weltbank Policy Research Working Paper 2441. IWF (2009). The State of Public Finances Cross-Country Fiscal Monitor: November 2009. IWF Staff Position Note 09/25. IWF (2010). World Economic Outlook, April 2010. Rebalancing Growth. Laeven, Luc und Fabian Valencia (2008). Systemic Banking Crises: A New Database. IWF Working Paper 08/224. Laeven, Luc und Fabian Valencia (2010). Resolution of Banking Crises: The Good, the Bad, and the Ugly. IWF Working Paper 10/146. Reinhart, Carmen M. und Kenneth S. Rogoff (2010). Growth in a time of debt. NBER Working Paper 15639. © Copyright 2010. Deutsche Bank AG, DB Research, D-60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research― gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. 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