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19. November 2019
Im Kredit- und Einlagengeschäft mit Privatkunden gibt es beträchtliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. So ist das Pro-Kopf-Kreditvolumen in Ostdeutschland 30 Jahre nach dem Mauerfall deutlich niedriger als in Westdeutschland, wo es wiederum im Norden niedriger ist als im Süden. Die Sparkassen kommen flächendeckend auf einen Marktanteil von 25-35%, dagegen sind die Genossenschaftsbanken im Süden und Westen viel stärker vertreten als im Osten und Norden. Die Großbanken erreichen in den Stadtstaaten und in Ostdeutschland einen überdurchschnittlichen Marktanteil von 20-25%. Auf der Einlagenseite ist die Spreizung zwischen den Bundesländern geringer als bei den Krediten. Vor allem die Verbünde und die sonstigen Kreditbanken haben mit einem erheblichen Einlagenüberhang und damit „Anlagenotstand“ im Negativzinsumfeld zu kämpfen. Der Einlagenüberhang ist in Ostdeutschland besonders groß. Durch die Digitalisierung könnten die etablierten regionalen Schwerpunkte in Bewegung geraten. [mehr]
Microsoft Word - 20191119_RegionaleUnterschiedeimBankgeschft_SA_neu.docx Deutschland-Monitor In welchen Bundesländern haben Privatpersonen die meisten Kredite aufge- nommen, und bei wem? Dank der regionalen Bankenstatistik der Bundesbank ist es in Deutschland möglich, regionale Unterschiede bei der Kreditaufnahme und bei Bankeinlagen zu erkennen. Außerdem lassen sich regionale Schwer- punkte der einzelnen Bankengruppen herausarbeiten, deren Ursachen teilweise erstaunlich weit in die Vergangenheit zurückreichen. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist das Pro-Kopf-Kreditvolumen in Ostdeutschland deutlich niedriger als in Westdeutschland, wo es wiederum ein gewisses Nord- Süd-Gefälle gibt. Beides hängt nicht zuletzt mit der Einkommensverteilung und den Lebenshaltungskosten zusammen. Die Sparkassen als bundesweite Num- mer eins im Privatkundengeschäft kommen flächendeckend auf einen Marktan- teil bei Krediten von rund 25-35%. Dahinter liegen die Genossenschaftsbanken, deren Marktposition allerdings stark schwankt: Sie haben ihre (historisch be- gründeten) Hochburgen im Süden und Westen, sind jedoch im Norden und Os- ten ausgesprochen schwach vertreten. Drittgrößte Bankengruppe sind die priva- ten Großbanken, die bundesweit recht ausgewogen aufgestellt sind, aber in Ostdeutschland und den Stadtstaaten einen überdurchschnittlichen Marktanteil von in der Regel 20-25% erreichen. Grundsätzlich ähnlich sieht das Bild auf der Einlagenseite aus. Allerdings haben hier die von Direktbanken dominierten sonstigen Kreditbanken den Großbanken den Rang als bundesweite Nummer drei abgelaufen. Insgesamt ist die Sprei- zung zwischen den Bundesländern bei der Einlagenhöhe geringer als beim Kre- ditvolumen. Keine gravierenden regionalen Unterschiede gibt es auch bei der Art der Einlagen: Den größten Block machen die Sichteinlagen aus, gefolgt von den Spareinlagen und den kräftig geschrumpften Termingeldern. Die deutschen Banken haben einen hohen Einlagenüberhang im Geschäft mit Privatkunden – einem durchschnittlichen Einlagenvolumen von rund EUR 24.000 pro Kopf steht ein Kreditvolumen von nur etwa EUR 14.900 gegenüber. Die Differenz ist in Ostdeutschland besonders groß, was mit ausgeprägter Risi- koscheu oder geringerer Wertpapier-Erfahrung zu tun haben könnte. Insgesamt sind fast nur Sparkassen, Kreditgenossenschaften und sonstige Kreditbanken vom Einlagenüberhang betroffen, die ersten beiden sogar flächendeckend in sämtlichen Bundesländern. Die Sparkassen kommen lediglich auf eine Quote von Krediten zu Einlagen von 52%. Angesichts der gegenwärtigen Negativzins- politik der EZB ist ein solcher „Anlagenotstand“ besonders problematisch. Bei den Großbanken hingegen übersteigt das Volumen der Kredite das der Einla- gen immerhin in drei Bundesländern. Manche regionale Schwerpunkte der einzelnen Bankengruppen haben sich als sehr langlebig erwiesen. Angesichts der Digitalisierung und dem Bedeutungs- verlust der Filialen könnte diese Marktaufteilung jetzt erstmals seit Jahrzehnten wieder fundamental in Bewegung geraten. Autor Jan Schildbach +49 69 910-31717 jan.schildbach@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider 19. November 2019 Private Haushalte in Deutschland Regionale Unterschiede im Bankgeschäft Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 2 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor In welchen Bundesländern haben Privatpersonen die meisten Kredite aufge- nommen? Wo sind die Einlagen bei Banken am höchsten? Und gibt es regio- nale Schwerpunkte im Geschäft von privaten Kreditbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken? In den meisten Staaten existiert keine regionale (öffentlich zugängliche) Ban- kenstatistik. In Deutschland jedoch lassen sich 30 Jahre nach dem Mauerfall dank der föderalen Strukturen mit gewissen Einschränkungen regionale Beson- derheiten nicht nur in Ost und West, sondern auch in Nord und Süd feststellen. Eine solche Analyse bietet interessante Aufschlüsse über das Spar- und Kredit- verhalten der Menschen, ebenso wie über Stärken und Schwächen der ver- schiedenen Bankengruppen in den einzelnen Bundesländern. Regionale Verteilung der Kredite an Haushalte In welchen Bundesländern sind Privathaushalte (ohne Selbstständige) am stärksten verschuldet? In der Regel erfolgt die Kreditaufnahme ganz überwie- gend bei Banken, auch wenn es noch andere Möglichkeiten gibt, sich zu ver- schulden, z.B. bei Verwandten und Freunden. Die regionale Bankenstatistik der Bundesbank erlaubt insofern gute Einblicke in die Gesamtverschuldung. Unsere Analyse beruht auf Daten zum Stand Jahresende 2018 und einigen An- nahmen, auf die wir weiter unten im Detail eingehen. Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Zum einen liegt die Verschuldung in den neuen Bundesländern einschließlich Berlins mit rund EUR 9.000 pro Kopf deutlich unter dem Niveau im Altbundesgebiet, wo sie sich zwischen EUR 14.000 und EUR 21.000 bewegt. Im Durchschnitt kommt der Osten nur auf etwas mehr als die Hälfte der nomina- len Kredithöhe im Westen. Der Pro-Kopf-Vergleich hat den Vorteil, dass er be- sonders anschaulich ist, auch wenn viele andere Varianten ebenfalls denkbar wären (z.B. Verschuldung pro Haushalt, pro Erwerbstätigem, pro Erwachsenem; Verschuldung relativ zum verfügbaren Einkommen, relativ zum BIP pro Kopf). Zum anderen ist die Verschuldung unter den westdeutschen Ländern im Norden tendenziell geringer als im Süden. Ein ähnliches Ost-Nord-Süd-Gefälle besteht auch bei den verfügbaren Einkommen. Dies legt nahe, dass sich Menschen in „reicheren“ Bundesländern offenbar mehr Schulden „leisten“ können und wollen, denn Banken beurteilen ihre Bonität und Schuldentragfähigkeit positiver als bei Menschen mit geringerem Einkommen und sind daher bereit, größere Kreditvo- lumina zu vergeben. Allerdings dürfte auch das Preisniveau in Süddeutschland insgesamt höher sein, nicht zuletzt aufgrund höherer Immobilienpreise. Diese zwingen Haus- und Wohnungskäufer im Süden dazu, mehr Kredit aufzunehmen als im Rest des Landes. So liegt etwa das durchschnittliche Immobilien-Kredit- volumen in den von statistischen Verzerrungen kaum betroffenen Ländern Bay- ern und Schleswig-Holstein bei EUR 11.900 bzw. nur EUR 9.500 pro Kopf. Das entspricht (wie in Deutschland insgesamt) rund 80% aller Kredite an Haushalte. Regionale Schwerpunkte der einzelnen Bankengruppen Ebenso interessant ist die Frage, wo die verschiedenen Säulen der deutschen Bankenlandschaft ihre jeweiligen Stärken und Schwächen haben. Insgesamt haben die Banken Kredite in Höhe von EUR 1.237 Mrd. an Privatpersonen in Deutschland vergeben. Landesweit ist die Rangfolge klar: Das absolut größte Kreditvolumen mit Haushalten weisen die Sparkassen auf (EUR 359 Mrd.), ge- folgt von den Genossenschaftsbanken (EUR 295 Mrd.). Die drei Großbanken (Deutsche Bank, Commerzbank und HypoVereinsbank) und die übrigen priva- ten Kreditbanken (vor allem Direkt- und Autobanken ohne flächendeckendes Fi- lialnetz) liegen fast gleichauf bei rund EUR 200 Mrd. Schließlich kommen alle weiteren Banken, zu denen insbesondere die Bausparkassen, aber auch För- 0 3 6 9 12 15 18 21 Hamburg Baden-Württemberg Bayern Rheinland-Pfalz Saarland Hessen NRW Schleswig-Holstein Niedersachsen Bremen Mecklenburg-Vorpommern Brandenburg Berlin Thüringen Sachsen Sachsen-Anhalt Quellen: Bundesbank, Statistisches Bundesamt, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research Pro Kopf, in EUR '000, 2018 Kredite an unselbstständige Privatpersonen 1 15 17 19 21 23 25 27 Bayern Baden-Württemberg Hamburg Hessen Schleswig-Holstein Rheinland-Pfalz NRW Niedersachsen Bremen Saarland Berlin Brandenburg Sachsen Thüringen Sachsen-Anhalt Mecklenburg-Vorpommern Pro Kopf, in EUR '000, 2017 Verfügbares Einkommen der privaten Haushalte 2 Quelle: Statistisches Bundesamt Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 3 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor 0 1 2 3 4 5 6 Saarland Baden-Württemberg Bremen Rheinland-Pfalz Hamburg NRW Niedersachsen Bayern Schleswig-Holstein Hessen Mecklenburg-Vorpommern Brandenburg Thüringen Sachsen-Anhalt Sachsen Berlin Pro Kopf, in EUR '000, 2018 Kredite an Haushalte: Sparkassen 6 Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research der- und Landesbanken gehören. Die Sparkassen als Marktführer kommen auf einen Marktanteil im Bestandsgeschäft von 29%, vor den Kreditgenossenschaf- ten mit 24% und den Großbanken sowie sonstigen Kreditbanken mit jeweils 16%. Wo liegen die geografischen Schwerpunkte der einzelnen Säulen des deut- schen Kreditgewerbes? Hier schauen wir im Detail auf die drei größten Banken- gruppen, die zudem relativ homogen und nicht von der obigen Annahme betrof- fen sind. Die Sparkassen sind bemerkenswert ausgewogen aufgestellt, zumin- dest was den Westen Deutschlands angeht. Dort variiert das Pro-Kopf-Volumen der Kredite an Privatpersonen nur zwischen EUR 4.345 in Hessen und EUR 5.598 im Saarland. Im Osten des Landes liegt das Volumen deutlich niedriger, im Schnitt bei weniger als der Hälfte des westdeutschen Werts, was jedoch im Einklang steht mit dem Unterschied im gesamten Kreditvolumen. In Berlin fällt es noch einmal erheblich geringer aus, was an der relativ starken (Filial-)Prä- senz konkurrierender Finanzinstitute liegen dürfte, die in dünner besiedelten Flächenländern weniger aktiv sind. Unter dem Strich kommen die Sparkassen damit flächendeckend – mit Ausnahme Berlins – auf eine starke Marktstellung mit einem Anteil am Bestandsgeschäft von rund 25-35%, in Bremen sogar noch etwas mehr. Bei den Genossenschaftsbanken sind die regionalen Unterschiede wesentlich größer. Sie verfügen im Süden und Westen über eine sehr starke Position mit einer Kredithöhe von rund EUR 4.000-6.000 pro Kopf, sind dafür jedoch in den Stadtstaaten, im Norden und insbesondere im Osten (einschließlich Berlins) viel schwächer aufgestellt (in den fünf neuen Bundesländern liegt das von Volks- und Raiffeisenbanken vergebene Kreditvolumen bei weniger als EUR 1.000 pro 1 Schwäbisch Hall, BHW, Wüstenrot, DB Bauspar, Debeka. Diese gehören zwar ihrerseits zu einem guten Teil zu den klassischen drei Säulen, werden aber separat erfasst. 2 Die Förderbanken-Gruppe (offiziell „Banken mit Sonder-, Förder- und sonstigen zentralen Unter stützungsaufgaben“) umfasst in der Bankenstatistik u.a. auch die KfW, die Dekabank und die DZ Bank. Diese sind aufgrund ihres überregionalen Geschäftsmodells in der hier verwendeten Regio- nalstatistik jedoch nicht enthalten, weshalb das ausgewiesene Kreditvolumen moderat niedriger ausfällt als in der Bankenstatistik. Zur Methodik 4 Die Bundesbankstatistik erfasst die vergebenen Kredite nach dem Ort der jeweiligen Filiale. Das ist bei deutschlandweit oder auch nur regional tätigen Institutsgruppen mit lokalen Filialen wie Spar- kassen, Kreditgenossenschaften oder Großbanken kein Problem. Kritisch wird es, wenn die Kredite von landesweit aktiven Instituten zentral am Hauptstandort verbucht werden. Dann blähen sie das Kreditvolumen in dem entsprechenden Bundesland auf, während es im Rest der Republik unter- schätzt wird. Das trifft etwa auf manche Bausparkassen zu, genauso wie auf Online-Banken oder die Finanzierungstöchter der Autobauer. Wir haben daher in unserer Analyse für eine Reihe von Banken das Kreditvolumen gleichmäßig über alle Bundesländer entsprechend der Einwohnerzahl „verteilt“. Das ist eine vereinfachende An- nahme, sollte aber vertretbar sein, da die regionalen Unterschiede bei diesen Banken nicht gravie- rend sein dürften. Dies betrifft in der Statistik zum einen pauschal das gesamte Kreditvolumen der Regionalbanken und sonstigen Kreditbanken (hier als „sonstige Kreditbanken“ bezeichnet), wel- ches insbesondere die Direktbanken, Autobanken und Online-Broker enthält. Zum anderen haben wir auch für die fünf größten, bundesweit aktiven Bausparkassen 1 das zentral verbuchte Kreditvo- lumen (in Höhe von insgesamt EUR 90,7 Mrd., geschätzt auf Basis der jeweiligen Geschäftsbe- richte) entsprechend der Einwohnerzahl über alle Bundesländer verteilt. Diese Institute bilden hier die „überregionalen Bausparkassen“. In der Statistik umfasst die Kategorie der sonstigen Banken die Bausparkassen, Förderbanken, Landesbanken und Realkreditinstitute. Nach Abzug des Kreditvolumens der überregionalen Bau- sparkassen bezeichnen wir den Rest als „regionale Bausparkassen, Förderbanken u.a.“ Das sind im Wesentlichen regional tätige bzw. relativ kleine Bausparkassen sowie Förderbanken und Lan- desbanken, von denen die Mehrzahl auf Bundesländerebene agiert. 2 Ihr Kreditgeschäft im Umfang von EUR 92,7 Mrd. haben wir dementsprechend genauso behandelt wie das der Sparkassen oder Großbanken, d.h. dem jeweiligen Bundesland zugeordnet. Insgesamt ist bei der Interpretation zu beachten, dass die hier dargestellten Werte die Realität des Bankgeschäfts mit Privatkunden in Deutschland grundsätzlich zwar sehr gut abbilden, aber aufgrund der statistischen Unschärfen keine hundertprozentige Genauigkeit bieten. 0 1.000 2.000 3.000 4.000 5.000 Hamburg Berlin Bayern Hessen Baden-Württemberg Schleswig-Holstein Mecklenburg-Vorpommern Brandenburg Rheinland-Pfalz Bremen NRW Niedersachsen Sachsen Saarland Thüringen Sachsen-Anhalt Quelle: Postbank EUR pro m 2 , 2017 Kaufpreis einer durchschnittlichen 70-m 2 -Wohnung 3 0 50 100 150 200 250 300 350 400 Sparkassen Kredit- genossenschaften Großbanken Sonstige Kreditbanken Regionale Bausparkassen, Förderbanken u.a. Überregionale Bausparkassen Kredite an unselbstständige Privatpersonen 5 Mrd. EUR, 2018 Quellen: Bundesbank, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 4 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor 0 5 10 15 20 25 30 35 Rheinland-Pfalz Baden-Württemberg Bayern Saarland Hessen Deutschland Niedersachsen NRW Bremen Schleswig-Holstein Berlin Thüringen Hamburg Mecklenburg-Vorpommern Sachsen Sachsen-Anhalt Brandenburg %, 2018 Marktanteil nach Bundesländern: Genossenschaftsbanken 9 Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research Kopf). Das ist zu einem guten Teil in der Geschichte des genossenschaftlichen Finanzwesens in Deutschland begründet, die offensichtlich bis heute über die relative Stärke mitentscheidet. Die heutigen Kreditgenossenschaften sind aus zwei Entwicklungen hervorgegangen: einerseits den eher kleinstädtischen Volksbanken in der Tradition Hermann Schulze-Delitzschs, andererseits den e- her ländlichen Raiffeisenbanken in der Tradition Friedrich Wilhelm Raiffeisens. Während sich Erstere im Kaiserreich flächendeckend ausgebreitet hatten, blie- ben Letztere relativ konzentriert auf den Westen und Süden Deutschlands. Das lag vor allem daran, dass preußisch-norddeutsche Großgrundbesitzer über die sogenannten „Landschaften“ 3 Zugang zu Agrarkrediten hatten, während es in der eher kleinteiligen Landwirtschaft West- und Süddeutschlands nach der Bau- ernbefreiung Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts an Finanzmitteln für Kleinbau- ern mangelte. Diese schlossen sich daraufhin zu von den Mitgliedern gemein- sam getragenen und den Interessen dieser Gemeinschaft verpflichteten Kredit- genossenschaften zusammen. Auch wenn sie sich nach und nach landesweit verbreiteten, blieb ihre Präsenz in den dünner besiedelten und von Großgrund- besitz geprägten Regionen Nord- und Ostdeutschlands eher gering. 4 Für Ostdeutschland kommt hinzu, dass in der DDR zwar Genossenschaftskas- sen existierten, diesen aber nur Geschäfte mit bestimmten gewerblichen Kun- den gestattet waren. Privatkunden waren dagegen den Sparkassen vorbehal- ten. Nach der Wende fielen diese Einschränkungen weg, aber die Genossen- schaftsbanken gerieten zusätzlich unter starken Druck der privaten westdeut- schen Großbanken, die mit beträchtlichen finanziellen und personellen Ressour- cen und unter großem Medienecho die Filialen der bisherigen Staatsbank über- nahmen bzw. neue Filialen aus dem Boden stampften und diese in der Folge auch noch ergänzten. Bei dieser zentral aus Frankfurt gesteuerten privaten Markterschließung gerieten die lokalen Volks- und Raiffeisenbanken offensicht- lich ins Hintertreffen, trotz Unterstützung durch westdeutsche Partner. So liegt der Marktanteil der Kreditgenossenschaften im Osten bis heute nur bei ungefähr 10% (und ist in den Stadtstaaten ebenfalls unterdurchschnittlich), während sie in ihren Hochburgen im Süden und Westen 25-30% erreichen. 5 Die Großbanken, die drittgrößte Bankengruppe, weisen eine ausgeprägte Kom- plementarität zu den Genossenschaftsbanken auf: Sie sind im Südwesten eher schwach aufgestellt, haben aber in den Stadtstaaten sowie, gemessen am dort insgesamt niedrigeren Kreditvolumen, in Ostdeutschland eine relativ starke Marktposition. Dementsprechend sind die Großbanken mit Blick auf die absolute Kredithöhe auch die einzige große Bankengruppe ohne nennenswertes Ost- West-Gefälle und in ganz Deutschland so ausgewogen vertreten wie keine an- dere der großen Bankengruppen. Abgesehen vom Ausreißer Hamburg liegen die Kredite pro Kopf in einer Spanne zwischen dem „Spitzenreiter“ Schleswig- Holstein mit EUR 3.347 und dem „Schlusslicht“ Saarland mit EUR 1.501 (Letzte- res ist gerade komplementär zu den Sparkassen, für die das Saarland ja eine Hochburg ist). Verglichen mit dem insgesamt ausstehenden Kreditvolumen verfügen die Groß- banken in den Stadtstaaten und den östlichen Bundesländern über hohe Markt- anteile von in der Regel 20-25%. In Berlin sind sie mit 34% sogar die stärkste Bankengruppe. Im Südwesten kommen die Großbanken dagegen nur auf ein- stellige Werte. Es scheint sich für sie bis heute auszuzahlen, dass sie nach der Wende in Ostdeutschland entschlossen die sich bietenden Chancen ergriffen, ein dichtes Filialnetz aufbauten bzw. die existierenden Niederlassungen der Staatsbank übernahmen. Zudem profitieren sie dort bis heute von der strukturel- len Schwäche der Genossenschaftsbanken. 3 Diese waren Pfandbriefbanken und Vorläufer der heutigen Realkreditinstitute. 4 Vgl. Kluge (1991), S. 73f., Pohl (1976), S. 38f., und Guinnane et al. (2013), S. 44. 5 Vgl. auch Dennig (1991), Deutsche Bank (2015), Bundesbank (1994) und Bernhardt und Schwartz (2015). 0 5 10 15 20 25 30 35 40 Bremen Saarland NRW Rheinland-Pfalz Niedersachsen Schleswig-Holstein Deutschland Hessen Mecklenburg-Vorpommern Baden-Württemberg Thüringen Sachsen-Anhalt Bayern Brandenburg Hamburg Sachsen Berlin %, 2018 Marktanteil nach Bundesländern: Sparkassen 7 Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research 0 1 2 3 4 5 6 7 Baden-Württemberg Bayern Rheinland-Pfalz Saarland Hessen Niedersachsen NRW Hamburg Bremen Schleswig-Holstein Berlin Mecklenburg-Vorpommern Thüringen Sachsen Sachsen-Anhalt Brandenburg Kredite an Haushalte: Genossenschaftsbanken 8 Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research Pro Kopf, in EUR '000, 2018 Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 5 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor Abb. 12 fasst all diese Ergebnisse zusammen und zeigt die absolute Höhe des Kreditbestands jeder Bankengruppe in jedem Bundesland. In der folgenden Übersicht sind nochmals für jedes einzelne Bundesland die Marktanteile der einzelnen Bankengruppen im Kreditgeschäft mit unselbststän- digen Privatpersonen zusammengestellt. Die Reihenfolge der Länder entspricht dabei der Höhe des Kreditvolumens pro Kopf. 6 6 In Hamburg, dem Bundesland mit dem deutschlandweit höchsten Kreditvolumen pro Einwohner, ist dieses ein Stück weit überzeichnet. Hier sitzt die zentrale Hypothekenbank der genossenschaftli- chen Finanzgruppe. Diese ist bundesweit aktiv, operiert aber ohne eigenes Filialnetz. Der Ge- schäftsschwerpunkt liegt auf der gewerblichen Immobilienfinanzierung, es werden jedoch auch Hy- pothekenkredite an Privatpersonen vergeben. Diese sind zwar absolut betrachtet nicht übermäßig 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 Hamburg Schleswig-Holstein Berlin Hessen NRW Bremen Brandenburg Mecklenburg-Vorpommern Bayern Niedersachsen Baden-Württemberg Sachsen Thüringen Sachsen-Anhalt Rheinland-Pfalz Saarland Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research Pro Kopf, in EUR '000, 2018 Kredite an Haushalte: Großbanken 10 0 5 10 15 20 25 30 35 Berlin Brandenburg Mecklenburg-Vorpommern Schleswig-Holstein Hamburg Sachsen Sachsen-Anhalt Thüringen Hessen Bremen NRW Deutschland Niedersachsen Bayern Rheinland-Pfalz Saarland Baden-Württemberg Marktanteil nach Bundesländern: Großbanken 11 %, 2018 Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research 0 3 6 9 12 15 18 21 Hamburg Baden- Württemberg Bayern Rheinland- Pfalz Saarland Hessen NRW Schleswig- Holstein Niedersachsen Bremen Mecklenburg- Vorpommern Brandenburg Berlin Thüringen Sachsen Sachsen- Anhalt Sparkassen Kreditgenossenschaften Großbanken Sonstige Kreditbanken Regionale Bausparkassen, Förderbanken u.a. Überregionale Bausparkassen Kredite an unselbstständige Privatpersonen 12 Pro Kopf, in EUR '000, 2018 Quellen: Bundesbank, Statistisches Bundesamt, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 6 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor 39% 15% 20% 17% 1% 8% Bremen 29% 10% 25% 25% 0% 11% Mecklenburg-Vorpommern hoch, fallen aber in der Pro-Kopf-Betrachtung bei einem Bundesland mit geringer Einwohnerzahl stark ins Gewicht. Daher kommt es in Hamburg zu einer gewissen Verzerrung des Kreditvolumens pro Kopf bei den regionalen Bausparkassen, Förderbanken u.a. Marktanteil nach Bankengruppen (2018) 13a 24% 11% 22% 11% 27% 5% Hamburg 28% 32% 9% 12% 14% 5% Baden-Württemberg 26% 30% 13% 14% 11% 6% Bayern 25% 7% 25% 25% 7% 11% Sparkassen Kredit- genossenschaften Großbanken Sonstige Kreditbanken Regionale Bausparkassen, Förderbanken u.a. Überregionale Bausparkassen Brandenburg Quellen: Bundesbank, Statistisches Bundesamt, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research 33% 32% 10% 15% 3% 7% Rheinland-Pfalz 36% 29% 10% 15% 3% 7% Saarland 29% 26% 20% 16% 2% 7% Hessen 33% 21% 19% 16% 4% 7% NRW 30% 14% 23% 16% 9% 8% Schleswig-Holstein 32% 23% 15% 17% 5% 8% Niedersachsen Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 7 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor 24% 10% 22% 28% 3% 13% Sachsen Über die Stichtagsbetrachtung hinaus wäre ein Vergleich der Marktanteilsent- wicklung im Zeitablauf spannend, dies scheitert aber bisher an mangelnder Konsistenz in der Zusammensetzung der Bankengruppen. Ohne größere Um- klassifizierungen ließe sich jedoch in Zukunft auch analysieren, welche Banken- gruppe in welcher Region aktuell expandiert und Marktanteile gewinnt bzw. ver- liert. Regionale Unterschiede im Einlagengeschäft Analog zur Kreditvergabe, der gleichen Methodik folgend, betrachten wir auch das Geschäft mit Einlagen von Privatpersonen nach Bundesländern und Ban- kengruppen. Bundesweit kommen auf jeden Deutschen etwa EUR 24.000 an Einlagen, d.h. erheblich mehr als die EUR 14.900, die an Krediten ausstehen. Auch hier entfällt der größte Anteil auf die Sparkassen mit absolut EUR 691 Mrd., gefolgt von den Genossenschaftsbanken mit EUR 483 Mrd. Dahinter je- doch ändert sich die Reihenfolge gegenüber den Krediten: Bei den Einlagen lie- gen die sonstigen Kreditbanken mit EUR 364 Mrd. vor den Großbanken mit nur EUR 256 Mrd. Nach Regionen zeigen sich insgesamt ähnliche Schwerpunkte wie im Kreditge- schäft. Das Einlagenvolumen ist im Süden am höchsten und im Osten am nied- rigsten, im Großen und Ganzen im Einklang mit der Einkommensverteilung. Die Unterschiede von Land zu Land sind offenkundig, aber nicht drastisch: Baden- Württemberg, das Land mit den höchsten Pro-Kopf-Einlagen, liegt bei 123% des Marktanteil nach Bankengruppen (2018) 13b 13% 12% 34% 27% 2% 12% Berlin 26% 11% 21% 28% 1% 13% Thüringen 27% 9% 21% 29% 1% 13% Sparkassen Kredit- genossenschaften Großbanken Sonstige Kreditbanken Regionale Bausparkassen, Förderbanken u.a. Überregionale Bausparkassen Sachsen-Anhalt Quellen: Bundesbank, Statistisches Bundesamt, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research 0 100 200 300 400 500 600 700 800 Sparkassen Kredit- genossenschaften Sonstige Kreditbanken Großbanken Regionale Bausparkassen, Förderbanken u.a. Überregionale Bausparkassen Einlagen von unselbstständigen Privatpersonen 14 Mrd. EUR, 2018 Quellen: Bundesbank, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 8 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor Bundesdurchschnitts, Mecklenburg-Vorpommern als „Schlusslicht“ immer noch bei 72% (nominal, ohne Kaufkraftbereinigung). Gegenüber dem Bild im Kredit- geschäft gibt es bei den Einlagen dennoch einige bemerkenswerte Abweichun- gen: 7 i. Die Sparkassen kommen bei Einlagen auf einen deutlich höheren Marktan- teil als bei Krediten (35% vgl. mit 29%), die Großbanken wiederum auf ei- nen niedrigeren (13% vgl. mit 16%). ii. Die Sparkassen erzielen in Ost- wie Westdeutschland annähernd gleich hohe Einlagenvolumina pro Kopf, während der Osten bei den Krediten weit unter Westniveau liegt. So halten Privatpersonen etwa in Sachsen EUR 8.629 an Einlagen bei den Sparkassen – praktisch genauso viel wie in Nordrhein-Westfalen und signifikant mehr als z.B. in Niedersachsen mit nur EUR 7.215. iii. Das hohe Einlagenvolumen der sonstigen Kreditbanken ist zu einem we- sentlichen Teil auf das einlagenlastige Geschäftsmodell großer Direktban- ken zurückzuführen, für welches jedoch keine regionale Untergliederung möglich ist. iv. Die regionalen Bausparkassen und Förderbanken (einschließlich Landes- banken) erreichen nur in Baden-Württemberg eine substanzielle Einlagen- höhe. Dazu trägt jedoch nicht zuletzt ein Abgrenzungsproblem zum Spar- 7 Aufgrund der weitgehenden Ähnlichkeit zum Kreditgeschäft verzichten wir auf eine Darstellung der Marktanteile der verschiedenen Bankengruppen in den einzelnen Bundesländern auch im Einla- gengeschäft. 0 5 10 15 20 25 30 Baden- Württemberg Bayern Hessen Hamburg Rheinland- Pfalz Saarland NRW Bremen Niedersachsen Schleswig- Holstein Brandenburg Sachsen Berlin Thüringen Sachsen- Anhalt Mecklenburg- Vorpommern Sparkassen Kreditgenossenschaften Großbanken Sonstige Kreditbanken Regionale Bausparkassen, Förderbanken u.a. Überregionale Bausparkassen Pro Kopf, in EUR '000, 2018 Quellen: Bundesbank, Statistisches Bundesamt, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research Einlagen von unselbstständigen Privatpersonen 15 Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 9 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor kassensektor bei: Die BW-Bank als (unselbstständige) Marke der Landes- bank LBBW erfüllt in Stuttgart die Funktion einer Sparkasse, sodass dieses Einlagenvolumen unter den regionalen Bausparkassen und Förderbanken verbucht wird und nicht unter den Sparkassen. Wie setzt sich die Einlagensumme zusammen? Deutschlandweit ist die Rang- folge klar, nach einem Jahrzehnt der Umschichtung von Termineinlagen in Sichteinlagen, bei Stagnation der Spareinlagen: Die Sichteinlagen sind der größte Block, vor den Spareinlagen und, nochmals deutlich kleiner, den Termin- geldern. In den einzelnen Bundesländern gibt es keine gravierenden Abwei- chungen. 8 Hervorzuheben ist allein die etwas stärkere Nutzung von Spareinla- gen zulasten von Termingeldern in Ostdeutschland, und die stärkere Nutzung von Sichteinlagen zulasten von Termineinlagen in den Stadtstaaten. Abgesehen davon sind die regionalen Unterschiede überschaubar, was die Art der Einlagen von Privatkunden angeht. Einlagenüberhang Der Sektor der privaten Haushalte ist üblicherweise ein Netto-Sparer. Natürlich haben Privatpersonen auch andere Möglichkeiten, zu sparen, aber Einlagen bei Banken sind gerade in Deutschland weiterhin sehr populär (sie machen reich- lich 40% des gesamten Finanzvermögens aus). 9 Insofern ist es nicht ungewöhn- lich, dass die meisten Bankengruppen in den meisten Bundesländern im Ge- schäft mit Privathaushalten einen deutlichen Überhang der Einlagen über die Kredite aufweisen. Bemerkenswert ist allerdings, dass der Einlagenüberhang in Ostdeutschland besonders hoch ist, also in einer Region mit unterdurchschnittli- chen Vermögen. Das kann mit ausgeprägter Risikoscheu zu tun haben oder mit 8 Die Einlagen bei überregionalen Bausparkassen bleiben dabei außen vor, da für sie keine Unter- gliederung nach Einlagentyp vorliegt. 9 Vgl. z.B. Kaya und Mai (2018). 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Baden- Württemberg Bayern Berlin Brandenburg Bremen Hamburg Hessen Mecklenburg- Vorpommern Niedersachsen NRW Rheinland- Pfalz Saarland Sachsen Sachsen- Anhalt Schleswig- Holstein Thüringen Sichteinlagen Termineinlagen Spareinlagen Einlagen von unselbstständigen Privatpersonen* 16 * ohne Einlagen bei überregionalen Bausparkassen Quellen: Bundesbank, Statistisches Bundesamt, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research 2018 Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 10 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor 0 20 40 60 80 100 120 Sparkassen Sonstige Kreditbanken Kredit- genossenschaften Großbanken Regionale Bausparkassen, Förderbanken u.a. Überregionale Bausparkassen 2018 Kredite in % der Einlagen (Geschäft mit unselbstständigen Privatpersonen) 19 Quellen: Bundesbank, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research einer – historisch bedingt – geringeren Erfahrung mit und Affinität zu Kapital- marktprodukten. Dies könnte zu Zurückhaltung bei Wertpapierinvestitionen und einer Präferenz für einfache, verständliche Finanzprodukte führen. Theoretisch denkbar wäre auch, dass das geringere Vermögen selbst nur das Ergebnis ei- ner betont konservativen und damit renditeschwachen Anlagestrategie ist, was im Fall Ostdeutschlands mit seinem schon seit der Wiedervereinigung geringe- ren Wohlstandsniveau als Erklärungsansatz jedoch ausscheidet. Gibt es Bankengruppen mit einem positiven Kreditüberhang in einzelnen Län- dern? Die beiden Bankengruppen mit dem deutschlandweit höchsten Einlagen- überhang – Sparkassen und Kreditgenossenschaften – weisen einen solchen auch in sämtlichen Bundesländern auf. Das schlägt sich in einer insgesamt sehr niedrigen Quote von Krediten zu Einlagen nieder. Die Sparkassen haben quasi nur jeden zweiten Euro an Einlagen auch als Kredit an Privatkunden vergeben und somit den größten „Anlagenotstand“ (das ist besonders problematisch in Zeiten negativer Zinsen für Liquiditätsreserven, die bei der EZB gehalten wer- den). Bei den Großbanken dagegen, mit ihrer deutlich ausgewogeneren Bilanz im klassischen Privatkundengeschäft, überwiegen die Kredite die Einlagen immer- hin in drei Fällen, wenn auch nur leicht: in Mecklenburg-Vorpommern, Branden- burg und Niedersachsen. In diesen eher ländlich geprägten, norddeutschen Ländern beträgt die Differenz EUR 249, EUR 191 bzw. EUR 86 pro Kopf (in ab- soluten Zahlen entspricht das jeweils rund EUR 400-700 Mio.). Der beträchtliche Einlagenüberhang bei den sonstigen Kreditbanken ist ange- sichts des in diesem Segment dominierenden Geschäftsmodells der Direktban- ken nicht überraschend. Bei den ebenfalls überregionalen Bausparkassen ergibt sich ein minimaler Kreditüberhang. Ein heterogenes Bild findet sich bei den regi- onalen Bausparkassen, Förderbanken u.a. Hier ist Hamburg ein Sonderfall als Sitz der erwähnten bundesweit aktiven Hypothekenbank des genossenschaftli- chen Finanzsektors. Da diese Bank zwar Kredite vergibt, sich aber überwiegend über Pfandbriefe und nicht über Privatkunden-Einlagen refinanziert, weist sie – und mit ihr die Gruppe der regionalen Bausparkassen und Förderbanken – im Land Hamburg einen hohen Kreditüberhang auf. Ansonsten sind die Ergebnisse beim Einlagen-Kredit-Vergleich in dieser Bankengruppe sehr gemischt, ohne klare Tendenz zwischen Ost und West, Nord und Süd, Stadtstaaten und Flä- chenländern. Insgesamt wird deutlich, dass es insbesondere den Verbünden sowie den Di- rektbanken ausgesprochen schwerfällt, bei ihren Privatkunden auf genügend Nachfrage nach Finanzierungen zu treffen, um im Retailgeschäft halbwegs eine Balance zwischen Aktiv- und Passivseite der Bilanz zu wahren. Daran hat auch das anziehende Kreditwachstum der letzten Jahre, vor allem im Hypothekenbe- reich, nichts geändert, denn die Einlagen haben ebenfalls stark zugelegt: 2018 stiegen die Kredite an Privatpersonen alles in allem um 4,1% ggü. Vorjahr, die Einlagen von Privatpersonen jedoch um 4,5%. 10 Ausblick In der Regionalbetrachtung des Bankgeschäfts mit privaten Haushalten in Deutschland zeigt sich zum einen die traditionelle Drei-Säulen-Struktur des deutschen Bankensystems, aber auch die Rolle neuer Wettbewerber, vor allem der Direktbanken. Zum anderen finden sich die bekannten Ost-West- und, in ab- 10 Etwas anders sieht die Lage übrigens bei Firmenkunden aus, bei denen die Negativzinspolitik der EZB mittlerweile Wirkung zeigt und das Expansionstempo der Kredite das der Einlagen seit meh- reren Jahren übertrifft. 0 2 4 6 8 10 12 Bayern Hessen Sachsen Brandenburg Thüringen Baden-Württemberg Sachsen-Anhalt Berlin Saarland Bremen Rheinland-Pfalz NRW Mecklenburg-Vorpommern Niedersachsen Schleswig-Holstein Hamburg Pro Kopf, in EUR '000, 2018 Einlagenüberhang bei Privatpersonen 17 Quellen: Bundesbank, Statistisches Bundesamt, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research -50 0 50 100 150 200 250 300 350 Sparkassen Kredit- genossenschaften Sonstige Kreditbanken Großbanken Regionale Bausparkassen, Förderbanken u.a. Überregionale Bausparkassen Quellen: Bundesbank, Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research Mrd. EUR, 2018 Einlagenüberhang bei Privatpersonen 18 Private Haushalte in Deutschland: Regionale Unterschiede im Bankgeschäft 11 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor geschwächter Form, auch Nord-Süd-Unterschiede bei Krediten wie bei Einla- gen. Nicht zuletzt lassen sich markante regionale Stärken und Schwächen der einzelnen Bankengruppen herausarbeiten, so die starke Marktposition der Ge- nossenschaftsbanken im Westen und Süden, oder die Stärke der Großbanken in Ostdeutschland. Diese beruhen offensichtlich auf vor Jahrzehnten oder sogar schon vor über hundert Jahren getroffenen Entscheidungen bzw. damals beste- henden Gegebenheiten und sind bemerkenswert langlebig. Die entscheidende Frage ist, ob sich diese Besonderheiten auch in den nächs- ten Jahren als robust erweisen werden. Die Digitalisierung führt durch Online- und Mobile-Banking, abnehmende Bargeldnutzung sowie völlig neue Marktteil- nehmer aus dem Technologiesektor zu fundamentalen Umwälzungen. Es ist durchaus möglich, dass diese die bisherige, überwiegend auf Filialen beru- hende Beziehung zwischen Bank und (Privat-)Kunde so sehr erschüttern, dass die historisch gewachsene Marktdreiteilung ins Wanken gerät – samt der unter- schiedlich starken regionalen Präsenz der Bankengruppen. Das hohe Wachs- tum der Direktbanken in den letzten Jahren könnte ein Vorbote für einen noch tiefgreifenderen Wandel sein. Jan Schildbach (+49 69 910-31717, jan.schildbach@db.com) Private Haushalte in Deutschland: R egionale Unterschiede im Bankgeschäft 12 | 19. November 2019 Deutschland-Monitor Literatur Bernhardt, Kristin, und Michael Schwartz (2015). 25 Jahre freier Bankenmarkt in Ostdeutschland – Deutlicher Rückbau seit Wiedervereinigung. KfW Rese- arch. Fokus Volksw irtschaft Nr. 99. Dennig, Ulrike (1991). Die Finanzstruktur in den neuen Bundesländern. Wirt- schaftsdienst, 71 (3), S. 125-131. Deutsche Bank (2015). Vereint. 25 Jahr e Deutsche Bank in den neuen Bundes- ländern. Deutsche Bundesbank (1994). Die Ertr agslage der ostdeutschen Sparkassen und Kreditgenossenschaften in den Jahren 1991 und 1992. Monatsbericht April 1994, S. 33-48. Guinnane, Timothy W., Patrick Bormann, Joachim Scholtyseck, Harald Wixforth, Stephan Paul und Theresia Theurl (2013). Die Geschichte der DZ Bank. Das genossenschaftliche Zentralban kwesen vom 19. Jahrhundert bis heute. Kaya, Orçun, und Heike Mai (2018). Fin anzvermögen der Privathaushalte in Deutschland: Stärker diversifiziert als ihr Ruf. Deutsche Bank Research. Deutschland-Monitor Finanzen der privaten Haushalte. Kluge, Arnd Holger (1991). Geschichte der deutschen Bankgenossenschaften. Zur Entwicklung mitgliederorientierter Unternehmen. Schriftenreihe des In- stituts für bankhistorische Forschung Band 17. Pohl, Manfred (1976). Einführung in die Deutsche Bankengeschichte. Die Ent- wicklung des gesamten de utschen Kreditwesens. © Copyright 2019. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage- , Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einsc hätzung des Ver- fassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ih rer assoziierten Unternehmen entspricht. All e Meinungen kön- nen ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deuts che Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffent lichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations- zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Ve rfügung gestellt. Für die Richti gkeit, Vollständigkeit oder Ang emessenheit der vorste- henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. 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