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  4. Ausblick Deutschland
4. November 2020
Der Blick in den Rückspiegel zeigt in Deutschland überraschende Q3 BIP-Stärke, aber Hindernisse direkt vor der Haube. Vom Lockdown im November sind direkt lediglich rund 2% der Bruttowertschöpfung betroffen. Zusammen mit indirekten Effekten dürfte dies wohl zu einer BIP-Kontraktion um rund ½% in Q4 führen, falls die Einschränkungen Ende November wieder vollständig aufgehoben werden. Das deutsche Gesundheitswesen muss sich auf Engpässe vorbereiten – und mehr Schutz der Risikogruppen schaffen. Die Zahl der freien Krankenhauskapazitäten ist als Indikator ebenso wichtig wie die Neuinfektionen. Wir schätzen, dass 400.000 akut Infizierte zu deutlichen Engpässen in den Intensivstationen führen. (Außerdem in dieser Ausgabe: Inflationsausblick 2020-22, deutscher Arbeitsmarkt, Unternehmensinsolvenzen, deutsche Autoindustrie, Baukonjunktur, deutsche Corona-Politik, offene Grenzen in der EU, EZB-Geldpolitik) [mehr]
Microsoft Word - AD_2020.07_SA.docx Ausblick Deutschland    Deutschland: Blick in den Rückspiegel zeigt überraschende Q3 BIP-Stärke, aber Hindernisse direkt vor der Haube. Vom Lockdown im November sind direkt lediglich rund 2% der Bruttowertschöpfung betroffen. Zusammen mit indirekten Effekten dürfte dies wohl zu einer BIP-Kontraktion um rund ½% in Q4 führen, falls die Einschränkungen Ende November wieder vollständig aufgehoben wer den. Inflationsausblick 2020-22: Corona dämpft, möglicher Preisschub bei staatlich administrierten Preisen. Die Folgen der Corona-Pandemie sowie die Mehrwert steuersenkung haben die Inflation gedrückt. Aber bald könnten die Preise für staatlich administrierte Güter und Dienstleistungen spürbar anziehen. Deutscher Arbeitsmarkt vor schwierigem Winter . Die verstärkte soziale Distan zierung wird insbesondere die personenbezogenen Dienstleister in Mitleiden schaft ziehen. Deutsches Gesundheitswesen auf Engpässe vorbereiten - mehr Schutz der Ri sikogruppen. Die Zahl der freien Krankenhauskapazitäten ist als Indikator ebenso wichtig wie die Neuinfektionen. Wir schätzen, dass 400.000 akut Infi zierte zu deutlichen Engpässen in den Intensivstationen führen. Starker Anstieg bei Unternehmensinsolvenzen belastet deutsche Banken. Trotz größerer Widerstandsfähigkeit und günstiger Finanzierungsbedingungen wer den die Unternehmensinsolvenzen zunehmen. Die Kreditrisikovorsorge der Banken könnte sich verdreifachen und den Banken einen Nettoverlust besche ren. Deutsche Autoindustrie: Mühsame Erholung. Die globale Pkw-Nachfrage zieht dank China an, doch steigende COVID-19-Infektionen in der EU und den USA dürften die deutsche Autoproduktion in 2020 um 25% sinken lassen. Baukonjunktur im Jahr 2020 und darüber hinaus. Steigende Infektionszahlen auf der Nordhalbkugel belasten den Ausblick für die Wintermonate. Die Lage dürfte sich erst einmal verschlechtern. Debatte über Deutschlands Corona-Politik nimmt zu. Abgeordnete aller Parteien diskutieren die rechtlichen Grundlagen der Corona-Maßnahmen. Der für De zember geplante CDU-Parteitag wird nun wohl Mitte Januar stattfinden. Offene Grenzen in der EU sind auch für Deutschland von entscheidender Be deutung. Inzwischen hat die EU ihre Anstrengungen zur besseren Koordinie rung nationaler Maßnahmen verstärkt. Dies sollte weitere Grenzschließungen verhindern. Reaktion der EZB: Wir tun was! Einzelheiten folgen. Die EZB hat angekündigt, im Dezember weitere Lockerungen vorzunehmen. Wir erwarten eine Kombina tion mehrerer Lockerungsmaßnahmen. Autoren Stefan Schneider und Economics Research Team Frankfurt Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider Inhaltsverzeichnis Seite Prognosen ................................................... 2 Deutschland: Blick in den Rückspiegel zeigt überraschende Q3 BIP-Stärke, aber Hindernisse direkt vor der Haube ................ 3 Inflationsausblick 2020-22: Corona dämpft, aber leere Staatskassen könnten bald Preis schub bei staatlich administrierten Preisen auslösen ...................................................... 7 Deutscher Arbeitsmarkt vor schwierigem Winter ........................................................ 17 Deutsches Gesundheitswesen auf Engpässe vorbereiten - mehr Schutz der Risikogrup pen ............................................................ 19 Starker Anstieg bei Unternehmensinsolven zen belastet deutsche Banken .................. 26 Deutsche Autoindustrie: Mühsame Erholung .................................................... 33 Ausblick auf die Baukonjunktur im Jahr 2020 und darüber hinaus .......................... 37 Politische und öffentliche Debatte über Deutschlands Corona-Politik nimmt zu ..... 47 Offene Grenzen in der EU sind auch für Deutschland von entscheidender Bedeutung ................................................................... 49 Reaktion der EZB: Wir tun was! ................ 58 DB Makro-Überraschungsindex ................ 61 Datenkalender ........................................... 62 Datenmonitor ............................................. 63 Finanzmarktprognosen ............................. 64 Original in englischer Sprache: 02.11.2020 4. November 2020 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 2 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Wachstum, Inflation, Leistungsbilanz, Budgetsaldo DX BIP-Wachstum Inflation* Leistungsbilanzsaldo Budgetsaldo in % gg. Vj. in % gg. Vj. in % des BIP in % des BIP 2020P 2021P 2022P 2020P 2021P 2022P 2020P 2021P 2022P 2020P 2021P 2022P Euroland -8,0 5,4 3,5 0,3 0,7 0,8 1,7 2,3 -10,8 -6,7 -4,8 Deutschland -5,2 3,2 2,9 0,5 1,2 6,4 6,2 6,0 -8,2 -2,8 -1,3 Frankreich -9,9 5,8 3,6 0,6 0,7 -10,0 -6,6 -4,3 Italien -11,0 3,4 4,8 -0,1 0,4 -13,8 -11,0 -9,8 Spanien -13,7 5,5 6,1 -0,2 0,3 -14,5 -10,4 -7,1 Niederlande 1,3 1,5 Belgien 1,2 1,8 Österreich 1,5 1,2 Finnland 0,5 1,3 Griechenland -1,3 0,2 Portugal 0,0 0,4 Irland -0,3 0,5 Großbritannien -10,2 4,7 2,9 0,9 1,7 1,6 -18,6 -7,8 -5,6 Dänemark -5,9 5,1 0,3 1,3 6,2 6,7 -7,2 -2,3 Norwegen -6,3 2,9 2,4 2,2 -1,3 0,1 0,8 3,7 Schweden -6,1 4,3 0,4 1,1 3,7 4,0 -5,6 -2,2 Schweiz -6,0 3,8 -0,4 0,6 7,2 8,8 -5,1 -1,9 Tschech. Rep. -6,0 4,2 3,2 2,3 -1,2 0,0 -6,0 -4,5 Ungarn -5,5 4,5 3,5 2,9 -1,5 -0,5 -6,3 -4,0 Polen -4,0 4,5 3,4 2,2 1,0 0,5 -9,0 -4,5 USA -3,7 3,5 3,6 1,2 2,1 1,9 -3,1 -3,5 -3,5 -15,2 -9,2 -5,5 Japan -6,2 1,7 2,0 0,0 0,3 0,9 2,7 2,6 2,6 -14,6 -11,3 -6,7 China 2,0 9,0 5,8 3,0 2,3 2,6 1,5 1,2 1,0 -6,7 -4,0 -3,0 Welt -3,9 5,4 2,8 2,7 *Inflationsdaten für EU-Länder basieren auf harmonisierten Verbraucherpreisindizes. Dies kann zu Diskrepanzen zu anderen DB Publikationen führen. Quellen: Nationale Behörden, Nationale Zentralbanken, Deutsche Bank Prognosen Deutschland: BIP-Wachstum nach Komponenten, % gg.Vq., Jahresdaten % gg.Vj. 2020 2021 2019 2020P 2021P 2022P Q1 Q2 Q3 Q4P Q1P Q2P Q3P Q4P BIP 0,6 -5,2 3,2 2,9 -1,9 -9,8 8,2 -0,5 0,3 0,8 1,5 1,6 Privater Konsum 1,6 -2,5 -10,9 Staatsausgaben 2,7 0,6 1,5 Anlageinvestitionen 2,5 -0,5 -7,9 Ausrüstungen 0,5 -7,3 -19,6 Bau 3,8 5,1 -4,2 Lager, %-Punkte -0,7 0,0 0,3 Exporte 1,0 -3,3 -20,3 Importe 2,6 -1,9 -16,0 Nettoexport, %-Punkte -0,6 -0,8 -2,8 Konsumentenpreise (VPI)* 1,4 0,5 1,4 1,6 Arbeitslosenquote, % 5,0 6,0 6,5 6,3 Industrieproduktion** -4,2 -12,0 7,0 3,0 Budgetsaldo, % BIP 1,5 -8,2 -2,8 -1,3 Öffentlicher Schuldenstand, % BIP 59,6 72,6 74,1 72,0 Leistungsbilanzsaldo, % BIP 7,1 6,4 6,2 6,0 Leistungsbilanzsaldo, EUR Mrd. 267,1 212 215 212 *Inflationsdaten für Deutschland basieren auf nationaler Abgrenzung. Dies kann zu Diskrepanzen zu anderen DB Publikationen führen. ** Verarbeitendes Gewerbe (NACE C) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbank, Arbeitsagentur, Deutsche Bank Research November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 3 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Deutschland: Blick in den Rückspiegel zeigt über raschende Q3 BIP-Stärke, aber Hindernisse direkt vor der Haube - Nach einem Einbruch um 9,8% in Q2 stieg das BIP in Q3 wieder um 8,2% an, sodass eine nahezu V-förmige Erholung stattfand. Insgesamt lag das BIP lediglich um 4,2% unter dem Stand von Q4 2019 (also vor der COVID 19-Pandemie). - Allerdings schwächte sich die Dynamik bereits im Laufe von Q3 ab, und der massive Anstieg der Neuinfektionszahlen dämpfte die Mobilität und das Vertrauen im Dienstleistungssektor im Oktober. - Vom Lockdown im November sind direkt lediglich rund 2% der Bruttowert schöpfung betroffen. Da es jedoch auch zu indirekten Auswirkungen in an deren Bereichen der Wirtschaft (Einzelhandel, Investitionen) kommen wird, ist wohl mit einer BIP-Kontraktion um rund ½% zu rechnen. Dies gilt für ein vergleichsweise optimistisches Szenario, in dem die Neuinfektionszahlen aufgrund der nun ergriffenen Maßnahmen deutlich sinken, sodass die Ein schränkungen Ende November wieder vollständig aufgehoben werden. - Nach der beeindruckenden Erholung in Q3 erwarten wir für das Gesamtjahr nun „nur" noch einen BIP-Rückgang um 5,2%; noch im September hatten wir ein Minus von 5,5% prognostiziert. Allerdings dürfte das Wachstum im Jahr 2021 nach der BIP-Kontraktion in Q4 und bei einem insgesamt schwie rigen Winterhalbjahr wohl auf 3% begrenzt sein. Apple-Mobilitätsindex: Autofahren _____________________________________ Quelle: Apple mobility data Fußgänger in den größten Einkaufsstraßen Deutschlands _____________________________________ Quelle: Hystreet. com Deutschland: COVID-19-bezogene Google- Suchen _____________________________________ Quelle: Google Apple-Mobilititäsindex: Deutschland ______________________________________________________________________________ Quelle: Apple mobility data 1 2 3 4 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 4 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    BIP in Q3 überraschend robust Mit 8,2% gg. Vq. war das BIP-Wachstum in Q3 kräftig und übertraf sowohl den Konsens als auch unsere eigenen Erwartungen deutlich, wenngleich wir in den vergangenen Wochen bereits auf Aufwärtsrisiken hingewiesen hatten. Nichts destotrotz lag das BIP um 4,1% unter dem Vorjahresniveau bzw. um 4,2% unter dem Stand von Q4 2019, dem letzten Vor-COVID-19-Quartal. Die Erholung fand vor allem in denjenigen Bereichen statt, die in Q2 den Einbruch um 9,8% (ur sprünglicher Wert: -9,7%) ausgelöst hatten: privater Konsum, Investitionsausga ben und Exporte. Wie immer bei der Schnellmeldung hat das Statistische Bun desamt die Entwicklung nur knapp kommentiert; Zahlen werden am 24. Novem ber veröffentlicht. Abschwächung der Dynamik im Quartalsverlauf und im Oktober Der Rückgang der Einzelhandelsumsätze um 2,2% im September zeigt bereits, dass sich die Konjunkturdynamik im Laufe von Q3 wieder verlangsamt hat. Den Umfragen zufolge hat sich die Lage im Verarbeitenden Gewerbe im Oktober weiter verbessert, insbesondere aufgrund der lebhaften Auslandsnachfrage. Die Erwartungen haben sich jedoch deutlich eingetrübt. Im Dienstleistungssektor führten schwächere Erwartungen sogar zu einer Eintrübung des Geschäftskli mas insgesamt. Steigende Infektionsraten und eine verstärkte soziale Distanzie rung, die sich auch in den sinkenden Mobilitätsdaten niederschlagen, haben ihre Spuren hinterlassen. November-Lockdown drückt Q4 in den negativen Bereich Da der Einzelhandel geöffnet bleibt, ist nur ein kleinerer Teil der Wirtschaft vom Lockdown ab dem 2. November betroffen als im April. Dieses Mal zielen die Maßnahmen vor allem auf das Gastgewerbe sowie auf Kultur, Unterhaltung und Sport ab. In diesen Bereichen wurden im Jahr 2019 1,7% (Gastgewerbe) bzw. 1,4% (Sektor Kultur, Unterhaltung und Sport) der Bruttowertschöpfung erwirt schaftet. Aufgrund der Pandemie dürften diese Anteile derzeit deutlich geringer sein. Trotz einer beeindruckenden Erholung lagen die Umsätze in Restaurants im August immer noch real um rund 20% unter dem Vorjahresniveau. Aufgrund von Hygieneeinschränkungen war die Zahl der Zuschauer bei Profisportereig nissen (Stichwort Bundesliga) weit niedriger als 2019. Und in den Kinos belief Umsatz der Gastronomie in Deutschland _______________________________________________________________________________ Quelle: Statistisches Bundesamt 5 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 5 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    sich die Besucherzahl im Oktober nicht einmal auf ein Drittel des Vorjahres werts. Unter der Annahme, dass die beiden Sektoren in Q3 einen Anteil von al lenfalls 2% an der Bruttowertschöpfung hatten und dass die Geschäftstätigkeit in diesen Sektoren vollständig zum Erliegen käme, würden sich die Verluste in einem Monat auf rund EUR 5 Mrd. oder 0,65% des Quartals-BIP belaufen. Rea liter werden die Auswirkungen sicherlich geringer sein, da z.B. Essen außer Haus verkauft werden darf und auch Online-Vertriebskanäle weiter betrieben werden können. Der Einzelhandel dagegen ist zwar nicht vom Lockdown an sich betroffen, dürfte aber aufgrund strikterer Hygienevorschriften (z.B. in den meisten Super marktketten) Umsatzrückgänge verzeichnen. Diese Hygieneauflagen dämpfen den Umsatz pro Kunde zusätzlich zur verstärkten sozialen Distanzierung, die sich bereits in den Hochfrequenz-Daten zur Mobilität niederschlägt. Dieses Mal bleiben die europäischen Grenzen zwar für den Güterverkehr geöffnet (vgl. Arti kel „Offene Grenzen in der EU sind auch für Deutschland von entscheidender Bedeutung", S. 49), aber der schwerere Verlauf der Pandemie und restriktivere Lockdowns in den meisten Nachbarländern werden sich in Q4 auf die Exporte auswirken, auch wenn die Nachfrage in manchen Schwellenländern, insbeson dere China, weiterhin solide ist. Das Risiko einer Unterbrechung der globalen Wertschöpfungsketten erscheint relativ gering, da Ansteckungen in Fabriken wohl vergleichsweise selten sind. Das Verarbeitende Gewerbe könnte insofern im kommenden Monat sogar für etwas Stabilität sorgen, im Gegensatz zu der Entwicklung im März und April. Steigende Infektionsraten in Europa und an derswo, neuerliche Lockdowns und die Aussicht auf mindestens vier lange und schwierige Monate 1 dürften die Investitionsausgaben in Q4 insbesondere im Dienstleistungssektor dämpfen. Insgesamt wird die deutsche Wirtschaft aufgrund des Gegenwinds wahrschein lich in einen „Double Dip" geraten. Insbesondere wäre es wohl zu optimistisch davon auszugehen, dass die Lage im Dezember wieder weitgehend normal ist, selbst wenn die Lockdown-Maßnahmen wie geplant Ende November wieder aufgehoben werden sollten. Im Mai stimulierten Aufholeffekte die Konjunktur nach dem Ende des ersten Lockdowns deutlich. Dieses Mal ist jedoch ange sichts der Art der betroffenen Unternehmen nur ein sehr begrenzter Nachfrage stau zu erwarten. Wahrscheinlich wird das Wirtschaftsleben durch eine nur lang same Rücknahme der Lockdown-Maßnahmen sowie eine weiterhin intensive soziale Distanzierung gehemmt, da die Infektionsraten wohl nicht so rasch zu rückgehen werden wie im Mai, als die wärmere Witterung den Effekt des Lock downs auf die Verbreitung des Virus beträchtlich unterstützte. Im Oktober san ken die Einkommenserwartungen der deutschen Verbraucher wieder deutlich und lagen auf den Stand vom Juni. Die Konsumbereitschaft brach ein, die Sparneigung stieg wieder an. Diese Tendenzen dürften sich im November noch verstärken und die Chance auf eine rasche Trendwende im Dezember ist eher gering. 2020 nunmehr BIP-Rückgang um 5,2% zu erwarten; Abwärtskor rektur der Wachstumsprognose für 2021 auf 3% Angesichts der überraschend starken Wachstumsrate in Q3 und der zu erwar tenden Kontraktion um ½% in Q4 erwarten wir im Gesamtjahr nunmehr einen BIP-Rückgang um 5,2%; zuvor hatten wir ein Minus von 5,5% prognostiziert. Wir hatten bereits zuvor mit einer Verlangsamung im Winterhalbjahr gerechnet; der neuerliche BIP-Rückgang in Q4 und ein weiterhin lahmendes Wachstum in Q1 lassen einen schwächeren Jahresbeginn 2021 erwarten. 1 Kanzlerin Merkel in ihrer Regierungserklärung, 29. Oktober. -55 -45 -35 -25 -15 -5 5 15 25 -50 -40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 Jan 20 Apr 20 Jul 20 Okt 20 Dienstleistungen (Aktuell) Verarb. Gewerbe (Akt. Lage) Dienstleistungen (Erwartungen) (rechts) Verarb. Gewerbe (Erwartungen) (rechts) Saldo Erwartungen: Optimismus schwindet 6 Quelle: ifo -35 -30 -25 -20 -15 -10 -5 0 5 10 15 95 96 97 98 99 100 101 102 103 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 Frühindikator Globale Industrieproduktion Auslandsaufträge (Kern), gg. Vj., gleit. 3M Durchschn. (rechts) Auslandsaufträge & globale IP (LEI) 7 Quelle: Deutsche Bundesbank November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 6 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Daher haben wir unsere Wachstumsprognose für 2021 von 4,5% auf 3% ge senkt. Dabei gehen wir bereits von einer deutlichen Verbesserung der Pande miesituation aus, wenn es wieder wärmer wird, bessere Behandlungsmöglich keiten und Hygienekonzepte verfügbar sind, Corona-Risikogruppen wirksamer geschützt werden und Impfstoffe vorhanden sind. Je nach dem weiteren Verlauf der Pandemie, aber auch dem Ergebnis der US-Wahlen, könnten sehr bald wei tere Anpassungen notwendig werden, wobei die Richtung aber derzeit noch of fen ist. Stefan Schneider (+49 69 910-31790, stefan-b.schneider@db.com) November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 7 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Inflationsausblick 2020-22: Corona dämpft, aber leere Staatskassen könnten bald Preisschub bei staatlich administriert en Preisen auslösen - Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Weltwirtschaft im Rekordtempo ab stürzen lassen, sondern auch der Verbraucherpreisinflation einen Dämpfer versetzt. Auch wenn von der Pandemie für einige Waren und Dienstleistun gen preistreibende Effekte ausgehen (z.B . aufgrund gestörter Lieferketten oder Mehrausgaben wegen Hygiene- und Abstandsmaßnahmen), dominie ren derzeit (noch) die preisdämpfenden Faktoren bei Weitem. - Ebenso hat die Pandemie Änderungen im privaten Konsumverhalten er zwungen. Berücksichtigt man, dass die Jahresinflationsrate der vermehrt konsumierten Güter/Dienstleitungen deutlich über der entsprechenden Preissteigerungsrate der weniger konsumierten Güter/Dienstleistungen ge legen hat, so könnte die offiziell gemessene die „tatsächliche" Inflationsent wicklung etwas unterzeichnet haben. Darüber hinaus sehen sich derzeit die statistischen Ämter größeren Herausforderungen bei der Erhebung der Ver braucherpreise ausgesetzt. - Die Mehrwertsteuersenkung im Juli dürfte die Jahresinflationsrate in 2020 um ca. einen vollen Prozentpunkt drücken - vorausgesetzt, dass die Sen kung vollständig und unmittelbar an die Verbraucher weitergeben wird. Der tatsächliche Effekt dürfte aber niedriger sein. Aber auch bei einer hälftigen Weitergabe dürfte dies die Jahresinflat ionsrate um 0,6 Prozentpunkte nach unten drücken. 2021 dürfte die Rückna hme der Steuersenkung (geschätzter Effekt: +0,8 Pp. bzw. 0,4 Pp. bei vollstä ndiger bzw. hälftiger Weitergabe) die Inflationsrate deutlich nach oben ziehen. - Mit den immer offener zu Tage tretenden finanziellen Lasten für die öffentli chen Haushalte erscheint es aber nicht abwegig, dass schon bald die Preise für einige staatlich administrierte Güter und Dienstleistungen spürbar anziehen könnten. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es bereits in schlechten finanziellen Zeiten zu teils kräftigem Anstieg der administrierten Preise gekommen ist. Auch wenn diese deutlich stiegen, dürfte sich der Ge samteffekt auf die Inflationsrate - bei nicht allzu heftigen Preiserhöhungen - in Grenzen halten. Sollten die administrierten Preise aber deutlich höhere jährliche Preissteigerungsrat en aufweisen - so wie z.B. zuletzt im Jahr 2004 in Höhe von +5,8% - könnte diese die deutsche Inflationsrate mit rund 0,7 Prozentpunkten spürbar nach oben ziehen. - In 2020 dürfte die Headline-Inflationsrate durch die niedrigen Energiepreise und die temporäre Mehrwertsteuersenkung gedrückt werden. 2021 dürften die höheren Energiepreise und die zum 1. Januar einsetzende Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung die Inflation kräftig anschieben. Nach einem Rückgang auf 0,5% in 2020 rechnen wir mit einen Anstieg der Inflationsrate auf 1,4% in 2021 und 1,6% in 2022. Diese Einschätzung fußt auf der Erwar tung, dass die Kerninflation 2021/22 mi t 1,4% bzw. 1,2% wieder höher lie gen dürfte als in diesem Jahr mit nur rund 1%. Corona dämpft die Inflationsrate und vernebelt zugleich die Sicht Corona-Krise zieht chronisch niedrige Inflationsrate noch weiter nach unten Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Weltwirtschaft in Rekordtempo und -tiefe abstürzen lassen, sondern auch der Verbraucherpreisinflation in den großen entwickelten Volkswirtschaften (USA, Eu roraum, Japan) einen heftigen Dämpfer November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 8 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    versetzt. Die schon vor der Pandemie chronisch niedrige Inflationsrate in der Eurozone hat sich im Strudel der Corona-Pandemie nochmals deutlich nach un ten bewegt. Im September lag die Headline-Inflationsrate der Eurozone (Harmo nisierter Verbraucherpreisindex; HVPI) aufgrund der Wirtschafts- und Nachfra geschwäche (und einer damit abgesackten Kerninflationsrate) - aber auch auf grund von gewichtigen Sondereffekten (z.B . deutlich gesunkene Energiepreise, temporäre Mehrwertsteuersenkung in D eutschland) - mit -0,3% im Vergleich zum Vorjahresmonat im negativen Bereich (siehe Grafik 1). Vor allem die im Zuge des Ölpreisabsturzes spürbar rückläufigen Energiepreise haben die Headline-Inflationsrate merklich nach unten gezogen (Preiseffekt im September 2020: ca. -0,8 Prozentpunkte) (siehe Grafik 1). In den großen vier Euroländern liegt die HVPI-Inflationsrate derzeit nur in Frankreich marginal über die Nulllinie, wohingegen sie in Italien ( 1,0%), Spanien ( 0,6%) und Deutsch land (-0,4%) deutlich im negativen Bereich liegt. Auch die Kerninflationsraten (HPVI ohne die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelkomponen ten) sind seit dem Frühjahr regelrecht ab gestürzt. Zwar liegt die Kerninflation in Deutschland, Frankreich und Spanien noch im positiven Bereich, in Italien ist sie aber bereits ins Negative gefallen (siehe Grafik 2). Auch wenn von der Corona-Pandemie für einige Waren- und Dienstleistungs gruppen preistreibende Effekte ausgehen (z.B. aufgrund gestörter Lieferketten oder gestiegener Betriebsausgaben für Hygiene- und Abstandsmaßnahmen) dominieren derzeit (noch) die preisdämpfenden Faktoren bei Weitem. So hat in Deutschland der inflationsdämpfende Rü ckgang der Energiepreise (September 2020: -6,6% gg. Vj. bei einem Gewicht im HVPI von 10,9%; dämpfender Beitrag: -0,7 Prozentpunkte) die inflationsstei gernden Effekte durch höhere Lebensmit telpreise (ausgelöst durch Nachfrageverschiebungen von der Gastronomie zum Nahrungsmitteleinzelhandel sowie schlechter Ernten aufgrund der Trockenheit in diesem Jahr) deutlich überkompensiert. 2 Beim nationalen Verbraucherpreisin dex (VPI) zeigen sich ähnliche Entwicklungen (siehe Grafik 3). Pandemie erzwingt Änderungen im privaten Konsumverhalten … Doch Corona hat nicht nur die absolut en und relativen Preisentwicklungen kräf tig durcheinandergewirbelt, sondern auch das Konsumverhalten der privaten Verbraucher verändert. Es ist offenkundig, dass die Privathaushalte die Ausga ben für einige Waren und Dienstleistungen (wie z.B. Restaurantbesuche, Ur laubsreisen, Shopping) aus Angst vor Ansteckung und/oder aufgrund behördli cher Anordnungen (zwischenzeitlich) de utlich zurückgefahren haben. Mit ande ren Worten: Die Gewichte der einzelnen Waren und Dienstleistungen im „Wa renkorb" dürften sich zumindest seit Ausbruch der Krise erheblich verändert ha ben. Da aber solche Änderungen statistisc h nicht in Echtzeit abgegriffen werden (können) (die letzte Anpassung des Wägungsschemas erfolgte turnusgemäß 2018 mit Bezug auf das Basisjahr 2015), ist die Aussagekraft der amtlich ge messenen Verbraucherpreisstatistik derzeit in Teilen begrenzt (siehe mehr dazu weiter unten). Das Statistische Bundesamt hat in einer aktuellen Sonderauswertung darauf hingewiesen, dass die Nachfrage nach ausgewählten Hygieneartikeln und Le bensmitteln teils deutlich gestiegen ist. So fiel z.B. der Absatz von Toilettenpa pier in der 42. Kalenderwoche (12.-17. Oktober) fast doppelt so hoch aus (+89,9 %) wie im Vorkrisen-Durchsc hnitt (August 2019 bis Januar 2020). Auch die Verkaufszahlen von Desinfektionsmitteln und Seifen lagen fast drei Viertel 2 Im April lag der Preisauftr ieb für unverarbeitete Nahrungsmittel bei sehr hohen 9,6% gg. Vj. (Ge wicht im HVPI: 2,8%). Mittlerweile hat der Prei sdruck aber wieder deutlich nachgelassen: Im Sep tember 2020 stiegen die Preise nur noch um 0,8% gg. dem Vorjahresmonat. Der inflationstreibende Effekt auf den VPI hat sich daher von 0,3 Proz entpunkten im April auf 0,02 Pp. reduziert. -2 -1 0 1 2 3 4 5 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 20 Energie Unverarb. Nahrungsmittel ohne Energie u. unverarb. Nahrungsmittel HVPI % gg. Vj. bzw. Beit räge in Prozentpunkten Eurozone: Headline-Inflationsrate liegt im negativen Bereich 1 Quellen: Eurostat, Haver Analytics LP, Deutsche Bank Research -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 16 17 18 19 20 EA19 DE FR IT ES Eurozone: Kerninflation sackt ab 2 % gg. Vj. Quellen: Eurostat, Haver Analytics, Deutsche Bank Research Kerninflation: Harmonisierter Verbraucherpreisindex ohne Energie und unverarbeitete Lebensmittel. -10 -5 0 5 10 15 16 17 18 19 20 VPI Energie* Nahrungsmittel % gg. Vj. * Haushaltsenergie und Kraftstoffe Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research VPI: Energie vs. Nahrungsmittelpreise 3 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 9 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    (+72,5 %) bzw. zwei Drittel (+62,3 %) über ihren Vorkrisen-Niveaus. Unterdes sen stieg auch der Absatz von Mehl und Hefe um mehr als ein Viertel (+28,4%) bzw. ein Drittel (+34,8%) gegenüber de n entsprechenden Vorkrisen-Niveaus. Auch wenn diese Anstiege beträchtlich sind, dürfte die Aussagekraft der amtlich gemessenen Inflationsrate von diesen „H amsterkäufen" wohl nur in sehr be grenztem Umfang beeinträchtigt werden. Dies liegt vor allem an den sehr niedri gen Gewichten, mit denen die Preisentwicklungen dieser Produkte in die Mes sung der Headline-VPI-Inflationsrate einfließen. 3 Allerdings dürften die teilweise recht deutlichen und über mehrere Monate auf tretenden Nachfrageverschiebungen zwischen anderen Güter- und Dienstleis tungsgruppen (mit entspre chend deutlichen höheren Gewichten im Warenkorb) die Aussagekraft der amtlichen Inflationsra te einschränken. In diesem Kontext sind sowohl niedrigere Konsumausgaben fü r Restaurant-, Kino-, Zoo-, Konzert- oder Theaterbesuche als auch Minderausgabe n für Urlaubsreisen und Flüge zu nennen. Aber auch die privaten Konsumaus gaben für Dienstleistungen der Per sonenbeförderungen (Bahnfahren, öffentlicher Personennahverkehr) sowie für saisonale Bekleidungsartikel dürften im Zuge einer deutlich höheren Home Office-Quote und einem Rückgang vieler Freizeitaktivitäten drastisch gesunken sein. Im Gegensatz dazu dürften die Ausgaben für Strom- und Wasser (Stich wort Heimarbeit) und Nahrungsmittel (vermehrte Eigenverpflegung statt Bean spruchung von Gastronomie- und Kantinendienstleistungen) kräftig gestiegen sein. Auch dürften viele Privathaushalte aufgrund von Homeoffice ihre Konsum ausgaben für Möbel und IT-Ausstattung (PCs, PC-Zubehör, Software etc.) er höht haben. Auch wenn sich der trendmäßige Preisverfall bei IT-Zubehör seit Ende 2019 abgeschwächt hat, sinken die Prei se in dieser Gütergruppe nach wie vor. Die Jahresinflationsrate für Wohnmöbel hatte sich in den Lockdown-Mona ten März/April deutlich erhöht (von 0,5% im Februar auf bis zu 2,6% im April), lag im September - wohl auch aufgrund der gesunkenen Mehrwertsteuer - bei nur noch bei -0,1%. 4 Unseren Berechnungen nach haben die oben erwähnten Güter und Dienstleis tungen zusammengenommen einen Anteil von knapp einem Drittel im VPI Warenkorb, wobei die Güter/Dienstleis tungen, die im Zuge der Pandemie wohl über das „normale" Maß hinweg konsumiert worden sein dürften, im VPI Warenkorb mit etwa 14% ein etwas nied rigeres Gesamtgewicht haben als dieje nigen Güter/Dienstleistungen, die weniger konsumiert worden sein dürften (An teil von ca. 18%). Berücksichtigt man zudem, dass die Jahresinflationsrate der vermehrt konsumierten Güter/Dienstle itungen im Zeitraum März-September deutlich über der entsprechenden Preissteigerungsrate der weniger konsumier ten Güter/Dienstleistungen gelegen hat (siehe Grafiken 4, 5 und 6), so könnte die Entwicklung der offiziellen VPI - aufgr und der sich derzeit signifikant geän derten Verbrauchsgewohnheiten - die „tat sächliche" Inflationsentwicklung etwas unterzeichnet haben. Die höhere Inflations rate bei den „mehr" konsumierten Gü tern/DL ist im Wesentlichen auf Nahrungsmittel und Strom zurückzuführen (siehe Grafik 5). Wir möchten aber betonen, dass es sich bei dieser Einschät zung lediglich um eine sehr grobe vorläufige Indikation handelt. In welchem Maße die derzeitigen Veränderungen im Konsumverhalten auf vorübergehende bzw. strukturelle Effekte zurückgehen, kann noch nicht abschließend beurteilt werden. 3 Mehl und andere Getreideerzeugnisse haben z.B. ein Gewicht im VPI von lediglich 0,36 Promille. 4 Diese Güter- und Dienstleis tungsgruppen fließen mit einem Gesamtgewicht von knapp einem Drit tel in die gesamte VPI-Inflations rate ein. Konkret liegen die Gewi chte für diese Güter und Dienst leistungen bei: Gaststätten- und Beherbergungsdienst leistungen (4,7%), Freizeit- und Kulturdienst leistungen (3,7%), Pauschalreisen (2,7%), Diens tleistungen für Personen- und Güterbeförderung (2,4%), Bekleidung und Schuhe (4,5%), Strom und Wasser (3,9%), Nahrungsmittel (8,5%), Wohn möbel (1,3%) und Informationsverarbeitungsgeräte (0,6%). -1 0 1 2 3 4 18 19 20 Wohnmöbel Informationsverarbeitungsgeräte Abwasserentsorgung Wasserversorgung Strom Nahrungsmittel Vermehrt konsumierte Güter/DL % gg. Vj. bzw. Beit räge in Prozentpunkten Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research VPI: Preisentwicklung der vermehrt konsumierten Waren/DL 5 -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 18 19 20 Weniger konsumierte Güter/DL Vermehrt konsumierte Güter/DL VPI (Gesamt) % gg. Vj. bzw. Beiträge zur Jahresinflationsrate in Prozentpunkten VPI: Der Preisauftrieb bei den mehr konsumierten Gütern/DL ist größer als bei den weniger konsumierten 4 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 10 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    … und erschwert die Preiserhebung/-ermittlung für den Verbraucherpreisindex Doch neben den oben genannten Nachfrageverschiebungen, die die Ver brauchs- und Ausgabenstruktur der einz elnen Privathaushalte deutlich durchei nandergewirbelt haben (und damit auch die Prognosen für den privaten Konsum erschweren), sehen sich derzeit die statistischen Ämter größeren Herausforde rungen bei der Erhebung der Verbraucherpreise ausgesetzt. 5 Dies liegt im We sentlichen daran begründet, dass es infolge der behördlichen Verbote (u.a. Un tersagung von Großveranstaltungen wie Rockkonzerten) und/oder Empfehlun gen (Warnungen vor Reisen in Risikogebiete oder Quarantäneauflagen für Rei serückkehrer), aber auch aufgrund einer eingeschränkten oder gar nicht mehr vorhandenen Nachfrage (bzw. eines sehr niedrigen bzw. überhaupt nicht vorlie genden Angebots 6 ) verstärkt zu partiellen und/oder vollständigen Preisausfällen gekommen ist. Vor dem Hintergrund dieser vermehrt auftretenden Erzeugnis- und Berichtsaus fälle sowie einer eingeschränkten Vororterhebung in den Geschäften mussten die statischen Ämter die Preise für ei ne Vielzahl von Gütern und Dienstleistun gen im Warenkorb „imputieren", d.h. schätzen. 7 Vor allem während der Lock down-Monate April und Mai musste in Deutschland wie auch in den meisten EU Ländern ein beträchtlicher Teil der Güter- und Dienstleistungspreise imputiert werden. Nach einer Auswertung von Eurost at erreichte der Imputationsanteil in der EU bzw. in der Eurozone im April Spitzenwerte von sehr hohen 29% bzw. 32%. Vor allem bei den industriellen Waren (ohne Energie) (36%) sowie den Dienstleistungen (40%) waren die Imputationsquoten besonders hoch. Im Län dervergleich war der Schätzanteil u.a. in Frankreich (47%), Spanien (37%) und Italien (40%) überdurchschnittlich ho ch (z.Vgl. Deutschland: 27%). Auch wenn sich die obige Problematik seit dem Ende des Lockdowns der Wirt schaft deutlich normalisiert hat (Juli-Wert für die EU-27: nur noch 3%), ist es denkbar, dass die Imputationsquoten im Fa lle von erneuten (partiellen) Lock down-Maßnahmen in den Herbst- und Wint ermonaten wieder spürbar anstei gen. In Deutschland lag der Imputationsanteil für den VPI im September im Durchschnitt über alle Warenkorbgruppen bei nur noch 2,8%. Allerdings war dieser Wert in einigen Gruppen noch immer deutlich erhöht: Im Bereich „Frei zeit, Unterhaltung und Kultur" (Gewicht im Warenkorb von rund 11,4%) lag der Anteil noch immer bei knapp einem Fünftel. Darüber hinaus ist der Schätzanteil in dieser Warenkorbgruppe (im Gegens atz zu den meisten anderen Gütergrup pen) zuletzt wieder deutlich gestiegen (z. Vgl. August-Wert: 9,9%). Preisdämpfende dominieren (vorer st) preistreibende Faktoren Auch wenn die Corona-Pandemie derzeit die Sicht auf die Verbraucherpreise vernebelt, so dominieren doch offensichtlich zumindest in der kurzen Frist preisdämpfende Faktoren. So überrascht der Rückgang der Kerninflationsrate in Anbetracht der tiefen Rezession, der nach wie vor hohen Unsicherheiten und der letztlich damit verbundenen Kaufzurückhaltung (steigende Sparquote der 5 Siehe „Zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Preiserhebung für den Verbraucherpreisin dex / Harmonisierten Verbrauc herpreisindex". Statistisches Bundesamt (13. Oktober 2020). 6 So wurde z.B. der Fernbusverkehr zwisc hen dem 18. März und Ende Mai 2020 vollständig einge stellt. Im April und Mai war der Flugverkehr (F requenz der Flüge, angeflogene Ziele) sowohl inner halb Deutschlands als auch i nternational deutlich eingeschränkt. 7 Dabei kommen zunächst die üblichen Fortschre ibungsmethoden zum Einsatz. So werden z.B. vo rübergehend nicht beobachtbare Preise mit der Pr eisentwicklung ähnlicher Produkte fortgeschrie ben. Sollte auch dies nicht möglic h sein, können bei preisstabilen Produkten alternativ die Vormo natspreise übernommen werden. Bei Saisongütern (z.B . saisonale Nahrungsmittel oder Pauschal- und Beherbergungsdienstl eistungen) werden spezielle Fo rtschreibungsmethoden angewandt, die explizit die Saisonzahlen berücksichtigen. Nic ht beobachtbare Preise für Pauschalreisen werden z.B. mit der monatlichen Preissteigerungs rate des Vorjahresmonats fortgeschrieben. -2 -1 0 1 2 3 4 18 19 20 Gaststätten/Beherbergung Pauschalreisen Freizeit- und Kulturdienstleistungen Personen- und Güterbeförderung Bekleidung und Schuhe Weniger konsumierte Güter/DL % gg. Vj. bzw. Beitr äge in Prozentpunkten Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research VPI: Preisentwicklung der weniger konsumierten Waren/DL 6 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 11 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Haushalte) nicht wirklich. Die nach wie vor hohe Zahl der Kurzarbeiter, die deut lich gestiegenen Arbeitslosenzahlen und der Wunsch der Gewerkschaften nach Arbeitsplatzerhalt dürften sich zudem merk lich negativ auf die künftigen Lohn /Gehaltsrunden auswirken - mal abgesehen von der kürzlich getroffenen Tarif vereinbarung im Öffentlichen Dienst, die für die im Öffentlichen Dienst Beschäf tigten eine Tariferhöhung von mindestens 3, 2% vorsieht (verteilt auf mehr als zwei Jahre). Ein Blick in die Vergangenheit zeigt zudem, dass sich die Kerninflation immer dann sehr moderat entwickelt hat, wenn die gesamtwirtschaftliche Produktions lücke deutlich negativ war, d.h. die Pr oduktionsmöglichkeiten deutlich unteraus gelastet waren (siehe Grafik 7). Auch die in diesem Jahr sinkenden Arbeitneh merentgelte dürften disinflationär wirken (siehe Grafik 8). Aufgrund des oben ge nannten starken (nachfrageseitigen) Abwä rtsdrucks auf die kurz- bis mittelfris tige Preisdynamik dürften die Kerninflation wie auch die Headline-Inflationsrate auf absehbare Zeit recht niedrig bleiben, auch wenn bei bestimmten Dienstleis tungen (wie z.B. Friseurbesuchen) aufgr und der staatlich vorgeschriebenen kos tensteigernden Hygiene- und Abstands regelungen teils heftige Preissteigerun gen zu beobachten sind (siehe Grafik 9). Denn einerseits haben die von kräfti gen Preissteigerungen betroffenen Friseurdienstleistungen nur ein relativ gerin ges Gewicht von 0,7% im Warenkorb, andererseits sind andere Warengruppen (wie z.B. nicht abgekaufte Bekleidungsart ikel und Schuhe) Corona-bedingt von deutlichen Preiseinbr üchen betroffen. Temporäre MwSt-Senkung drückt di e Inflation in 2020, um diese dann wieder mit der Rücknahme in 2021 anzuschieben Zusätzlich zum Absturz der Ölpreise von rund 64 USD (pro Fass) im Januar auf zwischenzeitlich unter 20 USD im April wirkt mit der temporäreren Mehrwert steuersenkung ein weiterer Sonderfaktor stark preissenkend auf die allgemeine Verbraucherpreisentwicklung. Die Bundesregierung hat sich im Rahmen ihres Konjunkturpaketes darauf verständigt, die Mehrwertsteuersätze zwischen dem 1. Juli und dem 31. Dezember 2020 zu senken. Während sich in diesem Zeit raum der Normalsatz von 19% auf 16% ermäßigt, sinkt der ermäßigte Steuer satz von 7% auf 5% (siehe Grafik 10). In Deutschland werden ca. 70% der im Warenkorb enthaltenen Güter und Dienstleistungen entweder mit dem ermäßig ten oder dem regulären Mehrwertsteuersatz belegt, während ca. 30% von der Mehrwertsteuerpflicht ausgenommen sind. So sind z.B. die Nettokaltmieten, die ein relativ hohes Gewicht von 19,6% im Warenkorb haben, nicht mehrwertsteu erpflichtig. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes beläuft sich der preissen kende Effekt der Mehrwertsteuersenkung ( auf die Verbraucherpreisinflation) rein rechnerisch - also im Fall einer vollständigen und unmittelbaren Preisweiter gabe - auf rund 1,6% (siehe Grafik 11). Die rechnerischen Preiseffekte fallen in den einzelnen Waren- und Dienstleist ungsgruppen jedoch unterschiedlich stark aus, da auf manche Güter und Dienstleistungen der normale und auf andere der ermäßigte Steuersatz erhoben wird. 8 Für jene Produkte, auf die der Normalsatz bzw. der ermäßigte Satz erhoben wird, er gibt sich ein rechnerischer Preisrück gang von 2,5% bzw. 1,9%. Bei jenen Waren und Dienstleistungen, die nicht der Mehrwertsteuerpflicht unter liegen, treten logischerweise keinerlei Preiseffekte auf. 8 Z.B. werden Bekleidungsartikel mit dem vo llen Steuersatz belegt, während für viele Grundnah rungsmittel der reduzie rte Steuersatz gilt. -8 -6 -4 -2 0 2 4 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 06 08 10 12 14 16 18 20 22 Kerninflationsrate (HVPI) Produktionslücke (OECD) Produktionslücke (IWF) Produktionslücke (EU-Kommission) Quellen: OECD, IWF, EC, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Outputlücke (%) (rechts), Inflation (%) (links) Deutlich negative Outputlücke dämpft die Kerninflationsrate 7 -2 -1 0 1 2 3 4 96 98 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 20 22 Kernrate (OECD Daten) Bruttolöhne/-gehälter pro Arbeitnehmer* % gg. Vj. Kerninflationsrate vs. Arbeitnehmer entgelte (brutto) 8 * mit Prognosen der Gemeinschaftsdiagnose (Herbst 2020) Quellen: OECD, Gemeinschaftsdiagnose, Deutsche Bank Research -2 0 2 4 6 8 16 17 18 19 20 VPI (Gesamt) Friseurleistungen u.a. Dienstl. für Körperpflege Friseurleistungen für Herren und Kinder Friseurleistungen für Damen % gg. Vj. Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research VPI: Friseurbesuche sind deutlich teurer geworden 9 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 12 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Auch wenn der tatsächliche Effekt der Mehrwertsteuersenkung nicht beobacht bar ist (die vollständige Weitergabe der Steuersenkung ist nicht gesetzlich vor geschrieben), dürfte die Mehrwertsteuers enkung einen deutlichen preissenken den Effekt auf die Inflationsrate gehabt haben (siehe Grafiken 10 und 11). Tat sächlich ist der Verbraucherpreisindex im Juli um 0,5% gegenüber dem Vormo nat (und damit weniger stark als der re chnerische Effekt von 1,6%) zurückge gangen. Allerdings kann daraus nicht no twendigerweise geschlussfolgert wer den, dass die Produzenten nur einen geringen Teil der Preissenkungen an die Endverbraucher weitergegeben haben, da die einzelnen Preise üblicherweise mit einer gewissen Trendrate steigen und zudem andere Sondereffekte auf der Mikroebene auf die allgemeine Preisentwicklung einwirken könnten. Unterstellt man aber, dass die Preise unabhängig von der Mehrwertsteuersenkung im Juli 2020 mit einer gewissen Rate gestiegen wären (z.B. in Höhe der durchschnittli chen monatlichen Juli-Preissteigerungsrate der letzten fünf Jahre 2015-19), so zeigt sich, dass die Mehrwertsteuersenk ung im Mittel des VPI zu einem großen Teil weitergegeben worden sein dürfte (sie he Grafik 12). Allerdings ist zu beden ken, dass die Ergebnisse einer auf Basi s vergangener Durchschnittswerte ba sierenden Analyse in dem aktuell sehr unsicheren/volatilen und durch zahlrei che Sonderfaktoren geprägten Wirtschaftsumfeld nur eine grobe Indikation ge ben können. -1 0 1 2 3 4 4 6 8 10 12 14 16 18 20 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19 Mehrwertsteuer: Regelsatz (%) Mehrwertsteuer: Ermäßigter Satz (%) VPI (Gesamt) Verbraucherpreise in % gg. Vj. (rechts), Mehrwertsteuersätze in % (links) VPI: Headline-Inflationsrate im Kontext der Mehrwertsteuersätze 10 Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundesfinanz ministerium, Deutsche Bank Research - 5 - 4 - 3 - 2 - 101234 Index - Gesamt Nahrungsmittel / alkoholfreie Getränke Alkoholische Getränke / Tabakwaren Bekleidung / Schuhe Wohnung / Wasser / Strom / Gas / u.a. Brennstoffe Möbel / Leuchten / Geräte u.a. Haushaltszubehör Gesundheit Verkehr Post / Telekommunikation Freizeit / Unterhaltung / Kultur Bildungswesen Gaststätten- / Beherbergungsdienstleistungen Andere Waren / Dienstleistungen Rechnerischer Effekt Tatsächlicher Effekt* Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research VPI: Auswirkungen der Mehrwertsteuersenkung zum 1. Juli 2020 auf die Inflation 11 Effekte auf die Preisentwicklung, in Prozent * Veränderungsrate des Preisindex es bzw. den entsprechenden Unterkomponenten des Preisindexes zwischen Juni und Juli 2020 - 7 - 6 - 5 - 4 - 3 - 2 - 10123 Index - Gesamt Nahrungsmittel / alkoholfreie Getränke Alkoholische Getränke / Tabakwaren Bekleidung / Schuhe Wohnung / Wasser / Strom / Gas / u.a. Brennstoffe Möbel / Leuchten / Geräte u.a. Haushaltszubehör Gesundheit Verkehr Post / Telekommunikation Freizeit / Unterhaltung / Kultur Bildungswesen Gaststätten- / Beherbergungsdienstleistungen Andere Waren / Dienstleistungen Rechnerischer Effekt Geschätzter Effekt* Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research VPI: Auswirkungen der Mehrwertsteuersenkung zum 1. Juli 2020 auf die Inflation 12 Effekte auf die Preisentwicklung, in Prozent * Berechnet unter der Annahme, dass sich die Preise im Juli 2020 mit der üblichen Juli-Monatsrate verändert hätten (hier approxmiert anhand der durchschnittlichen monatlichen Juli-Veränderungsrate während des Zeitraums 2015 bis 2019) November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 13 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Schließlich berechnet Eurostat für den HVPI die „rechnerische" Entwicklung der Verbraucherpreise, die sich bei konstanten Steuern ergeben hätte. Demnach dürfte die Mehrwertsteuersenkung die aktuelle Jahresveränderungsrate des HVPI im September 2020 um ca. 2,1 Prozentpunkte gedämpft haben. Mit ande ren Worten: Ohne die Mehrwertsteuersenkung wäre die Inflationsrate im Sep tember (-0,4% gg. Vj.) nicht negativ gewesen, sondern hätte mit rund 1,7% im deutlich positiven Bereich gelegen (siehe Grafik 13). Der rechnerische Effekt der Mehrwertsteuersenkung fällt damit im HVPI noch etwas deutlicher aus als im nationalen VPI (rund 1,6 Pp.), was mit einer unterschiedlichen Gewichtung der einzelnen in die Warenkörbe einfließenden Güter und Dienstleistungen - und deren unterschiedlicher mehrwertsteuerlichen Behandlung (ermäßigter/normaler Satz bzw. steuerpflichtig/-befreit) - erklärt werden kann. Ein Großteil dieser Dif ferenz kann schon alleine anhand der nicht mehrwertsteuerpflichtigen Woh nungsmieten erklärt werden. So gehen nämlich die Nettokaltmieten im VPI (fes tes Gewicht: Basisjahr 2015) mit einem deutlich höheren Gewicht von 19,6% ein als die gezahlten Wohnungsmieten im HVPI mit einem Anteil von 10,7% (dieser wird jährlich aktualisiert). Leere Staatskassen könnten schon bald einen Preisschub bei staatlich administrierten Preisen auslösen Auch wenn die Inflationsrate kurz- bis mittelfristig schwach bleiben und die EZB zu weiteren Lockerungsmaßnahmen greifen dürfte, gehen von der ultra-expan siven Geld- und Fiskalpolitik tendenziell stark preistreibende Effekte aus - nur, dass diese nicht auf die Verbraucherpreise, sondern vielmehr auf die Vermö genspreise (Aktien, Immobilien) einwirken. Über diesen Kanal könnten sich die anhaltend kräftigen Preisanstiege bei Wohnimmobilien zu einem späteren Zeit punkt (über höhere Mietpreise) stärker als bisher inflationssteigernd auswirken. Da die Mietpreisentwicklung im VPI (bzw. HVPI) jedoch auf Basis durchschnittli cher Bestandsmieten erhoben wird (und sich damit die preissteigernden Effekte von teureren Neuvermietungen in den begehrten Großstädten nur in begrenz tem Umfang widerspiegeln, ist ein kräftiger Anstieg der amtlich gemessenen Mietpreise bislang (noch) ausgeblieben (siehe Grafik 14). Im Gegensatz zu den Mieten könnten jedoch schon bald die staatlich admi nistrierten Preise kräftiger nach oben klettern. Die Corona-Pandemie hat bei den Gemeinden, wie auch beim Bund, den Ländern und den Sozialversiche rungskassen, zu enormen Einnahmeausfällen und Mehrausgaben geführt. Die Gemeinden wurden besonders heftig durch die staatlich angeordneten Lock down-Maßnahmen im Frühjahr getroffen, da einerseits die stark konjunkturrea giblen Gewerbesteuereinnahmen (eine Haupteinnahmequelle der Kommunen) schlagartig weggebrochen sind und zum anderen die Ausgaben (insbesondere die Sozialausgaben) spürbar angestiegen sind. Hinzu kommen noch erhebliche Mindereinnahmen aufgrund gesunkener Gebühren und Beiträge (z.B. für Kin dertagesstätten, Museen, Theater etc.). Ebenso ist der öffentliche Personen nahverkehr aufgrund der sehr niedrigen Auslastungsraten (bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des regulären Fahrangebotes) finanziell stark belastet. Zwar hat die Bund den Kommunen (zusammen mit den Ländern) im Rahmen des Konjunkturpakets substanzielle Finanzhilfen zur Bewältigung der Corona Krise bereitgestellt (siehe Artikel zu den Öffentlichen Finanzen im Ausblick Deutschland „Allmählich aus der Konjunkturschlucht" (1. Juli 2020), jedoch bleibt es fraglich, ob diese Hilfen ausreichen werden, um den teils erheblichen fiskalischen Konsolidierungsdruck über Einnahmenerhöhungen an anderen Stellen abzumildern (wie z.B. über höhere staatlich administrierte Preise). Laut Eurostat liegt der Anteil der staatlich administrierten Preise gegenwärtig (2020) bei ca. 12,4% vom gesamten HVPI-Warenkorb. Dieser Gesamtanteil ergibt sich -3 -2 -1 0 1 2 3 4 05 07 09 11 13 15 17 19 Harmonisierter Verbraucherpreisindex HVPI bei konstanten Steuern Steuereffekt % gg. Vj. Quellen: Eurostat, Deutsche Bank Research HVPI: Rechnerischer Mehrwert steuereffekt auf die Inflation 13 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 Harmonisierter Verbraucherpreisindex Dienstleistungen Wohnungsmieten % gg. Vj. (Jahresdurchschnittswerte) Quellen: Haver Analytics, Eurostat, Deutsche Bank Research HVPI: Dienstleistungen und Mieten 14 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 14 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    aus den Gewichten für die direkt administrierten Preise (6,7%) und den teiladmi nistrierten Preisen (5,7%). Zu den Waren und Dienstleistungen, deren Preise von staatlichen Stellen direkt administriert werden, gehören u.a. die Wasserver sorgung/-entsorgung und Müllabfuhr, Verwaltungsgebühren, Krankenhaus dienstleistungen, Kindergärten und Dienstleistungen für die Kinderbetreuung, der Personenverkehr oder Betreuungsdienstleistungen. Zu den Waren und Dienstleistungen, deren Preise teiladministriert werden, gehören u.a. Museen, Bibliotheken und zoologische Gärten, Zahndienstleistungen oder pharmazeuti sche Erzeugnisse. Im Durchschnitt der letzten vier Jahre (2016-19) sind die administrierten Preise mit einer Steigerungsrate von1,2% etwas weniger stark gestiegen als der VPI (1,3%). Im letzten Jahr war der Preisauftrieb bei diesen Gütern und Dienstleis tungen (1,6%) hingegen etwas stärker als beim VPI (1,4%). Im September lag die Inflationsrate bei den staatlich administrierten Preisen jedoch mit 1,4% gg. Vj. deutlich über der allgemeinen Preisteuerungsrate (-0,4% gg. Vj.). Auch im Vergleichszeitraum Januar/September 2020 (gg. Januar/September 2019) fiel der Auftrieb bei den staatlich administrierten Preisen deutlich kräftiger aus als beim VPI (1,7% vs. 0,7%). Die Ursachen für diese zuletzt divergierenden Ent wicklungen dürften im Wesentlichen daran liegen, dass viele staatlich admi nistrierte Preisen von der Mehrwertsteuerpflicht befreit sind. Dies trifft u.a. auf Arzt- und Krankenhausdienstleistungen, Dienstleistungen in der Alten- und Be hindertenpflege, Eintrittspreise für staatliche Theater, Orchester, Zoos, Museen sowie Abwasser- und Müllentsorgungsgebühren zu. As diesem Grund gab es bei diesen Gütern und Dienstleistungen logischerweise auch keinen nennens werten Preisdämpfungseffekt durch die Mehrwertsteuersenkung im Juli. Auf grund des geringen/nicht vorhandenen Wettbewerbs bei den administrierten Preisen - d.h. einer sehr niedrigen Preiselastizität der Nachfrage bzw. einer Elastizität von nahe null - dürften die Preise für administrierte Güter/Dienstleis tungen in Zeiten einer gesamtwirtschaftlichen Nachfrageschwäche deutlich leichter angehoben werden als die nicht administrierten Preise. Ebenso dürfte von der Nachfrageschwäche kein Abwärtsdruck auf die administrierten Preise ausgehen - im Gegensatz zu den nicht administrierten Preisen. Mit zunehmender Dauer der Corona-Wirtschaftskrise und den immer offener zu tage tretenden finanziellen Lasten für die öffentlichen Haushalte (die Bundesre gierung erwartet auf Basis der „Deutschen Haushaltsplanungen 2021" für 2020 und 2021 hohe gesamtstaatliche Finanzierungsdefizite von 6 ¼% und 4 ¼% vom BIP) erscheint es aber nicht abwegig, dass schon bald die Preise für einige administrierte Güter und Dienstleistungen spürbar anziehen könnten. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es in schlechten finanziellen Zeiten zu teils kräftigen Preissteigerungen bei den staatlich administrierten Preisen gekommen ist. So schossen z.B. die Preise für administrierte Güter/Dienstleistungen im Jahr 2004 deutlich in die Höhe, als der Staat ein deutliches Finanzierungsdefizit aufwies (siehe Grafiken 15 und 16). Auch in den 1990er Jahren, als die unmit telbaren Lasten der Wiedervereinigung geschultert werden mussten, war der Auftrieb der administrierten Preise in mehreren Jahren überdurchschnittlich hoch (siehe Grafik 17). Ein Gegenbeispiel dazu bildet jedoch die Zeit nach der globalen Finanzkrise (2010-14), als die staatlich administrierten Preise nur sehr moderat (von durchschnittlich 1,0%) und damit deutlich weniger stark als das allgemeine Preisniveau (ca. 1,6%) geklettert sind (siehe Grafik 15). Neben den leeren Kassen auf der Ebene der Gebietskörperschaften drohen von der schlechten Finanzlage der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung preis steigernde Effekte auf die administrierten Preise (über medizinische Dienstleis -1 0 1 2 3 4 5 6 Administerierte Preise Harmonisierter Verbraucherpreisindex % gg. Vj. (Jahresdurchschnittswerte) Quellen: Eurostat, Deutsche Bank Research HVPI: Administrierte Preise vs. Headline-Inflationsrate 15 -1 0 1 2 3 4 5 6 -5 -4 -3 -2 -1 0 1 2 Sozialversicherungen (% BIP) Gemeinden (% BIP) Länder (% BIP) Bund (% BIP) Administerierte Preise Preisentwicklung in % gg. Vj. (rechts), Finanzierungssaldo (links) Quellen: Statistisches Bundesamt, Eurostat, Deutsche Bank Research Administrierte Preise (HVPI) im Kontext der deutschen Staatsfinanzen (VGR) 16 -10 -8 -6 -4 -2 0 0 1 2 3 4 5 Gesamtstaat (% BIP) VPI ohne administrierte Preise Administrierte Preise Staatshaushalt (VGR) vs. administrierte Preise (VPI) 17 Quellen: Statistisches Bundesamt, Sachverständigen ratsgutachten, Deutsche Bank Research Verbraucherpreisniveau in % gg. Vj. (links), Finanzierungssaldo in % vom BIP (rechts) November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 15 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    tungen) auszugehen. Auch der kürzlich beschlossene Tarifvertrag für den Öf fentlichen Dienst, der u.a. die Pflegelöhne stark anhebt 9 und für die Kommunen und den Bund über die gesamte Tariflaufzeit bis Ende 2022 mit Zusatzkosten von EUR 4,9 Mrd. bzw. EUR 1,2 Mrd. verbunden sein wird, könnte Druck auf die administrierten Preise ausüben. Die Krankenkassen haben bereits nach dem Tarifabschluss davor gewarnt, dass dieser sich noch verschärfend auf die Kran kenkassenfinanzen auswirken wird. Bereits jetzt muss die Gesetzliche Krank versicherung auf ihre Finanzreserven zurückgreifen und die Zusatzbeitragssätze anheben (der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz steigt 2021 um 0,2 Pp.). Die höheren Kosten für die Pflege dürften wohl hauptsächlich in Form höherer Ei genanteile auf die Pflegebedürftigen überwälzt werden (siehe FAZ vom 27. Ok tober 2020). Auch wenn tatsächlich ein deutlicher Auftrieb bei den administrier ten Preisen einsetzten würde, dürfte sich der davon ausgehende Gesamteffekt auf die Inflationsrate - bei nicht allzu heftigen Preiserhöhungen - aufgrund des relativ moderaten Gewichtes im Warenkorb in Grenzen halten. Sollten die admi nistrierten Preise aber deutlich höhere jährliche Preissteigerungsraten aufwei sen - so wie z.B. zuletzt im Jahr 2004 in Höhe von +5,8% (siehe Grafik 18) - könnte diese die deutsche Inflationsrate mit rund 0,7 Prozentpunkten spürbar nach oben ziehen. Inflationsausblick 2020-22 In diesem Jahr dürfte die Headline-Inflationsrate (VPI) vor allem durch die nied rigen Energiepreise und die temporäre Mehrwertsteuersenkung nach unten ge zogen werden. Die Energiekomponente dürfte unseren Schätzungen nach im Jahresdurchschnitt um knapp 5% sinken (z. Vgl. 2019: +1,3%) und damit die Headline-Inflationsrate im Jahr 2020 um ca. ½ Prozentpunkt drücken (siehe Grafik 20). Dieser preisdämpfende Effekt dürfte den durch höhere Nahrungsmit telpreise ausgelösten Preissteigerungseffekt von ca. 0,2 Prozentpunkten deut lich überwiegen. Schließlich dürfte auch die Kerninflationsrate deutlich nachge ben (von 1 ½% im Jahr 2019 auf nur noch rund 1% in diesem Jahr). Die Mehr wertsteuersenkung im Juli dürfte - bei einer vollständigen und unmittelbaren Weitergabe an die Verbraucher - rein rechnerisch die VPI-Inflationsrate im Jah resdurchschnitt um ca. einen vollen Prozentpunkt senken. Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt auch die Deutsche Bundesbank mit Blick auf den HVPI (siehe Monatsbericht Juni). Der tatsächliche Effekt der Mehrwertsteuersenkung dürfte aber wohl niedriger ausfallen. Unter der Annahme einer hälftigen Weiter gabe dürfte diese die Jahresinflationsrate dennoch um etwa 0,6 Pp. dämpfen. Im nächsten Jahr dürften sich die Vorzeichen entsprechend umkehren. Höhere Energiepreise (2021P: +1% bzw. Beitrag zur Inflation von rund 0,1 Pp.) (siehe Grafiken 19 und 20) sowie die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung zum 1. Januar 2021 (geschätzter Effekt: +0,8 Pp. bzw. +0,4 Pp. bei einer vollständen bzw. hälftigen Weitergabe) dürften in der Summe zu einer deutlich höheren Headline-Inflationsrate führen. Zudem gehen von dem im letzten Jahr beschlos senen Klimapaket preissteigernde Effekte aus. Die von der geplanten CO 2 - Bepreisung (in den Sektoren Transport/Gebäude) ausgehenden Preissteigerun gen dürften die von der Absenkung der EEG-Umlage ausgehenden Preissen kungseffekte (niedrigere Strompreise) überwiegen. Die Deutsche Bundesbank erwartet in der Summe der beiden Maßnahmen einen preissteigernden Netto effekt von ca. 0,3 bzw. 0,2 Prozentpunkten im Jahr 2021 bzw. 2022. 10 Aufgrund der strukturell dämpfenden Faktoren auf die Preisentwicklung (Rezes sion, Unterauslastung der Produktionskapazitäten, Lohn- und Kaufzurückhal tung) dürfte die Inflationsrate im nächsten Jahr aber dennoch recht moderat 9 Die Gehälter für Pflegekräfte sollen demnach über neue und höhere Zulagen um bis zu 10% stei gen. 10 Siehe Fußnote auf Seite 27 im Monatsbericht der Deutschen Bundesbank vom Juni 2020. 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 Administerierte Preise HVPI ohne administrierte Preise Harmonisierter Verbraucherpreisindex % gg. Vj. bzw. Beiträge (Prozentpunkte gg. Vj.) Quellen: Eurostat, Deutsche Bank Research HVPI: Beitrag der adminstrierten Preise zur Headline-Inflationsrate 18 -15 -10 -5 0 5 10 15 20 0 20 40 60 80 100 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 20 Ölpreis (Brent Blend), EUR pro Barrel (links) Energiekomponente (HVPI) (rechts) % gg. Vj. Quellen: Eurostat, WEFA, Deutsche Bank Research HVPI: Energiekomponente dürfte mit höheren Ölpreisnotierungen künftig wieder anziehen 19 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 16 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    ausfallen. So erwarten wir nach einem Rückgang der Inflationsrate (VPI) auf rund 0,5% im Jahr 2020 einen Anstieg auf 1,4% bzw. 1,6% im Jahr 2021 bzw. 2022 (siehe Grafik 20). Diese Einschätzung basiert u.a. auf der Annahme, dass die Kerninflationsrate in den kommenden beiden Jahren mit 1,4% bzw. 1,2% wieder etwas höher liegen dürfte als in diesem Jahr (rund 1%). Hauptausschlag gebend für den erwarteten Anstieg der VPI-Inflationsrate im Jahr 2022 dürften die dann wieder steigenden Energiepreise sein. Mittel- bis langfristig, d.h. für die Zeit nach 2023, könnten jedoch neue Preisge fahren drohen. So könnte z.B. ein nachlassender Wettbewerbs- und Preisdruck - vor dem Hintergrund einer möglichen Zunahme der Marktkonzentration (Stich wort: mögliche Pleitewelle) - preissteigernd wirken. Aber auch eine abrupte mögliche Entladung der derzeit aufgestauten Nachfrage könnte zumindest tem porär in manchen Bereichen zu kräftigen Preissteigerungen führen. Ebenso ge hen von der ultra-expansiven Geld- und Fiskalpolitik tendenziell höhere Preisge fahren aus. Sebastian Becker (+49 69 910-21548, sebastian-b.becker@db.com) -1,0 -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 Kerninflation Energie Nahrungsmittel Inflation VPI: Inflationsausblick 2020-22 20 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Wachstumsbeiträge zur jahresdurchschnittlichen Inflationsrate, Prozentpunkte November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 17 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Deutscher Arbeitsmarkt vor schwierigem Winter Der deutsche Arbeitsmarkt konnte sich bis in den Herbst hinein einer Stabilisie rung erfreuen. Die Arbeitslosenzahl ging im Oktober vergleichsweise kräftig um 35 Tsd. (rev. Sep: -10 Tsd., Aug: -11 Tsd.) zurück und spiegelt die außerge wöhnlich dynamische Konjunkturerholung während der Sommermonate wider, die nun aber hinter uns liegt. Trotz der günstigen Entwicklung lag die Erwerbstä tigenzahl (Sep: -1,4% gg. Vj.) wie auch die sozialversicherungspflichtige Be schäftigung (Aug: -0,3% gg. Vj.) nach dem jeweils letzten Datenstand noch deutlich unter Vorjahresniveau. Der starke Anstieg der Corona-Infektionen und die sich abzeichnenden wirt schaftlichen Folgen lassen in den kommenden Monaten eine Verschlechterung der deutschen Arbeitsmarktlage erwarten. Sowohl die freiwillige als auch die vorgeschriebene soziale Distanzierung - Stichwort „Lockdown light" - dürften insbesondere für die personenbezogenen Dienstleistungsunternehmen belas tend wirken. Das gilt umso mehr, als die jüngsten Regierungsmaßnahmen ins besondere auf das Gastgewerbe sowie den Kultur- und Freizeitbereich abzie len, aber auch der stationäre Handel dürfte erneut von der aktuellen Pandemie situation in Mitleidenschaft gezogen werden. Daher sollten insbesondere die zuletzt noch aufwärtsgerichteten Beschäfti gungssignale aus dem Dienstleistungssektor (PMI) nicht überinterpretiert wer den. Gleiches gilt für die jüngsten Resultate der vorlaufenden Arbeitsmarktindi katoren von ifo und IAB. Zwar signalisieren sie im Oktober noch eine stabile Ar beitsmarktsituation für die kommenden Monate, jedoch ging ein maßgeblicher Teil des Befragungsrücklaufs bereits vor dem kräftigen Anstieg der Corona-In fektionen ein. Trotz einer Erholung in der deutschen Industrie, die sich haupt sächlich auf die wiedererstarkte globale Nachfrage stützt, überwiegt hier weiter hin der Stellenabbau. Die Beschäftigungskomponente des Einkaufmanagerin dex (PMI) für die Industrie liegt nun schon über 20 Monate kontinuierlich im kon traktiven Bereich. Angesichts des gesamtwirtschaftlichen Ausblicks ist in den noch verbleibenden zwei Monaten des Jahres 2020 ein Anstieg der saisonbereinigten Arbeitslosen zahl um insgesamt etwa 30.000 Personen zu erwarten. Ursächlich dafür dürften sowohl höhere Zugänge aus Erwerbstätigkeit und Ausbildungsverhältnissen sein, wie auch eine geringere Zahl an Abgängen aus der Arbeitslosigkeit. Unabhängig von der Entwicklung in den Unternehmen könnten in den kommen den Wochen entlastende arbeitsmarktpolitische Maßnahmen infolge von not wendigen Kontaktbeschränkungen zurückgefahren werden, wie dies bereits in Q2 zu beobachten war. Ein solcher Sondereffekt hätte das Potenzial, die Ar beitslosenzahl bis zum Jahresende 2020 um etwa 50.000 Personen zu erhö hen. Gleichwohl dürfte die Zunahme schwächer ausfallen, als von April bis Juni (+193.000) zu beobachten war, da bei den arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen zusehends auf virtuelle Formate zurückgegriffen wird. Der viel zitierte Einsatz von Kurzarbeit half bisher, den Anstieg der Arbeitslosig keit zu begrenzen. Vor allem die Erholung in den verschiedenen Industriezwei gen dürfte davon profitiert haben, dass qualifiziertes Personal quasi auf Abruf zur Verfügung stand. Nach jüngsten Schätzungen des ifo Instituts dürfte die Zahl der Beschäftigten in Kurzarbeit bis Oktober auf 3,3 Mio. (Sep: 3,7 Mio.) zu rückgegangen sein. Diese Zahl würde aber immer noch 10% der sozialversiche rungspflichtig Beschäftigten in Deutschland entsprechen. Rückblickend besteht eine gewisse Diskrepanz zwischen den ifo Nowcast-Schätzungen und den BA Hochrechnungen, die andererseits immer nur mit zweimonatiger Verzögerung vorliegen. Dabei basieren die ifo-Schätzungen auf der monatlichen Konjunktu rumfrage, die aber nicht zwischen den verschiedenen Formen der Kurzarbeit 4,5 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 300 400 500 600 700 800 900 13 14 15 16 17 18 19 20 Offene Stellen (links) Arbeitslosenquote (rechts) Quelle: Bundesagentur für Arbeit Deutscher Arbeitsmarkt stabiliserte sich in Q3 1 Tsd. Quote -5 -4 -3 -2 -1 0 1 2 16 17 18 19 20 IAB-Arbeitsmarktbarometer (Komponente A: Arbeitslosigkeit) ifo-Beschäftigungsbarometer PMI Beschäftigungskomponente PMI Industrie Beschäftigungskomp. Standardisierte Werte Quellen: Bundesagentur für Arbeit, ifo, IAB, IHS Markit Vorlaufende Arbeitsmarktindikatoren spiegeln den jüngsten Anstieg der Corona-Infektionen noch nicht wieder 2 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 18 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    unterscheidet, während die Hochrechnungen der BA nur die konjunkturelle Kurzarbeit berücksichtigen. Die sektorale Aufschlüsselung der ifo-Ergebnisse zeigt, dass im Oktober gut 29% (330 Tsd.) der Beschäftigten in der Metallindustrie nach wie vor in Kurzar beit waren, gefolgt vom Maschinenbau: 29% (320 Tsd.) und der Elektrotechnik: 23% (185 Tsd.). Mit den erneuten Beschränkungen, die insbesondere auf das Gastgewerbe ausgerichtet sind, dürfte die Zahl der Kurzarbeiter hier von ge schätzt rund 286 Tsd. im (Okt.) wieder ansteigen. Das ifo-Institut weist darauf hin, dass die Schätzungen zur Kurzarbeit im Handel, im Baugewerbe und bei den sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen im rückblickenden Vergleich mit den verfügbaren Branchendaten der BA überzeichnet waren. Die Ergebnisse für das Verarbeitende Gewerbe entsprachen im Großen und Ganzen jedoch den Hochrechnungen der BA. Aufgrund des nun gedämpfteren Wachstumsausblicks für das Jahr 2021 dürften die Unternehmen im Allgemeinen zurückhaltend bei Neueinstellungen bleiben. Trotz anhaltend lockerer Zugangsregelungen zur Kurzarbeit könnten sich zu dem in verschiedenen Branchen Geschäftsmodelle mittelfristig als obsolet er weisen und zu weiteren Entlassungen führen. Mit dem Wiederinkrafttreten der Insolvenzantragspflicht ist im kommenden Jahr mit einer steigenden Zahl von Anzeigen vor allem kleiner Unternehmen zu rechnen. Auch dies wird nicht spur los am Arbeitsmarkt vorübergehen. In der Summe dieser Effekte rechnen wir für das Jahr 2021 gegenwärtig nicht mit einem Rückgang der Arbeitslosenquote, sondern mit einem Anstieg auf 6,5%, nach 6% im Jahr 2020. Marc Schattenberg (+49 69 910-31875, marc.schattenberg@db.com) November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 19 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Deutsches Gesundheitswesen auf Engpässe vor bereiten - Risikogruppen besser schützen - Aufgrund der steigenden Zahl an Neuinfektionen mit COVID-19 sowie des diffuseren Infektionsgeschehens gelingt es vielen Gesundheitsämtern be reits heute nicht mehr, Infektionsketten nachzuverfolgen und treffsichere Quarantänevorgaben auszusprechen. Dies ist auch ein Grund für den Lock down light im November. Eine personelle Aufstockung des öffentlichen Ge sundheitsdienstes ist angezeigt und wird von der Politik bereits umgesetzt. Das stärkere Nutzen der Corona-War n-App sowie mehr Eigenverantwor tung der Bürger bei der Nachverfolgung von Infektionsketten würden helfen, die Gesundheitsämter zu entlasten. - Die Situation in den Krankenhäusern ist derzeit noch etwas entspannter. Aktuell sind weniger COVID-19-Patient en in intensivmedizinischer Behand lung als in der Spitze im April. Selbst bei 25.000 Neuinfektionen pro Tag sollten die Krankenhäuser im Durchschnitt nicht an ihre Kapazitätsgrenze stoßen. Gleichwohl sind regionale Engpässe nicht auszuschließen und wer den wahrscheinlicher. Diese könnten insbesondere durch einen Mangel an Pflegepersonal verursacht werden, vor dem immer häufiger gewarnt wird. Das Vorhalten freier Kapazitäten und die Koordination zwischen einzelnen Krankenhäusern ist eine Strategie, dies zu vermeiden. Die Krankenhäuser planen bereits, Personal aus anderen Be reichen für die Intensivstationen abzustellen. Zudem plädiert die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) dafür, den Regelbetrieb der Krankenhäu ser in Regionen auszusetzen, wo das Infektionsgeschehen besonders in tensiv ist. Ab einer Schwelle von 400.000 offiziell akut Infizierten könnten sich deutliche Engpässe in den Intensivstationen der deutschen Kranken häuser bilden; aktuell gibt es 178.000 akut Infizierte (3. November). - Die Zahl der Neuninfektionen als Maßstab für die Schwere der Corona Krise sollte hinterfragt werden. Minde stens genauso wichtig erscheint es uns, auf die Zahl der Intensivpatienten und freien Kapazitäten zu achten. Da wir lernen müssen, mit der Existenz de s Coronavirus zu leben, geht es letzt lich in erster Linie darum, schwere Kr ankheitsverläufe und Todesfälle zu verhindern. Dagegen sind symptomfreie Infektionen für die Betroffenen eher unproblematisch, wenngleich sie natürlich andere Menschen anstecken können. - Die Zahl der Intensivpatienten kann durch einen noch besseren Schutz der Risikogruppen klein gehalten werden. Wenn dies gelingt, können auch die einschränkenden Corona-Maßnahmen sowie die wirtschaftlichen Schäden so gering wie möglich ausfallen. Eine Verlängerung des Lockdowns über den November hinaus könnte so verhindert werden. Überforderung des Gesundheit swesens bislang ausgeblieben Seit Beginn der Corona-Krise ist es ein we sentliches politisches Ziel, eine Über lastung des deutschen Gesundheitswesens zu vermeiden. Die Lockdown-Maß nahmen im Frühjahr 2020 wurden ergriffen, um das zwischenzeitlich exponenti elle Wachstum bei den COVID-19-Neuinfektionen zu stoppen. So wurde Zeit gewonnen, um die Intensivstationen in Krankenhäusern auf die Behandlung von schwer erkrankten Corona-Patienten vo rzubereiten, um Hygienemaßnahmen (nicht nur) in Krankenhäusern sowie Senioren- und Pflegeheimen umzusetzen oder um die Fähigkeit der Gesundheitsämter zu stärken, Infektionsketten besser nachzuverfolgen. Die sogenannte Corona Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen wurde auch deshalb einge führt, weil die Gesundheitsämter bis zu diesem Grenzwert grundsätzlich recht 0 5.000 10.000 15.000 20.000 25.000 Mrz 20 Jun 20 Sep 20 Quelle: RKI Aufwärtstrend 1 Zahl der täglichen CO VID-19-Neuinfektionen in Deutschland 0 1 2 3 4 5 Apr 20 Jul 20 Okt 20 Registrierte Neuinfektionen Registrierte Todesfälle Noch relativ geringes Wachstum bei Todesfällen 2 Kumulierte COVID-19-Neuinfektionen und Todesfälle in Deutsch land, % gg. Vortag* * Basierend auf gleitendem 7-Tagesdurchschnitt Quelle: WHO November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 20 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    gut in der Lage sein sollten, lokale Infektionsketten nachzuverfolgen und Qua rantänevorgaben gezielt auszusprechen un d durchzusetzen. Der kürzlich be schlossene Lockdown light für den Monat November wurde mit ähnlichen Argu menten begründet. Bislang konnte eine Überforderung des deutschen Gesundheitssystems in der Corona-Krise verhindert werden. Angesichts des starken Anstiegs bei den COVID-19-Neuinfektionen der letzten Wochen und des nun weit diffuseren In fektionsgeschehens rückt jedoch die Frage wieder verstärkt in den Vordergrund, ob das deutsche Gesundheitssystem leistungsfähig genug ist, um auch die zweite Corona-Welle bewältigen zu kön nen. Wie stellt sich die Situation heute im Vergleich zum Frühjahr 2020 dar? Welche Kennzahlen sind hier relevant? Ab wann könnte das Gesundheitssystem - regional oder überregional - an seine Grenzen stoßen? Welche vorbeugenden Maßnahmen erscheinen sinnvoll? Kapazitäten der Gesundheitsämter sowie der Krankenhäuser maßgeblich für Bewältigung der Corona-Krise Für die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems im Kampf gegen das Coronavirus sind im Wesentlichen zwei Parameter maßgeblich. Dies sind zum einen die personellen und technischen Kapazitäten der Gesundheitsämter. Sie bestimmen darüber, wie verlässlich Infektionsketten nachverfolgt, Quarantäne regeln ausgesprochen und kontrolliert oder Hygienekonzepte etwa in Unterneh men oder bei Veranstaltungen umgesetzt werden können. Zum anderen sind die Kapazitäten der Krankenhäuser wichti g. Dies gilt insbesondere für die Ver fügbarkeit von Intensivbetten, Schutzau srüstung und entsprechend qualifizier tem Personal. Gesundheitsämter: Nachverfolgung der Infektionsketten wird deut lich schwieriger In den letzten Wochen sind immer mehr Landkreise und kreisfreie Städte über die Corona-Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner inner halb von sieben Tagen gerutscht. Am aktuellen Rand liegen 365 Kreise über dieser Grenze. Darunter sind 228 Landkreise bzw. Städte, wo die 7-Tage-Inzi denz sogar den Wert von 100 übersteigt (Stand: 03. November 2020). Wie gut die Kontaktnachverfolgung durch die jeweiligen Gesundheitsämter gelingt, hängt von zwei Aspekten ab: 1. Relevant ist einerseits das Verhältnis der Einwohnerzahl pro Landkreis bzw. pro kreisfreier Stadt zur Zahl der Besc häftigten im öffentlichen Gesundheits dienst, die für die Kontaktnachverfolg ung eingesetzt werden können. Hierzu liegen uns keine Statistiken vor, aber die Unterschiede zwischen einzelnen Kreisen dürften groß ausfallen. So hat der Main-Kinzig-Kreis in Südhessen etwa 420.000 Einwohner. Wenn hier die 7-Tage-Inzidenz bei 100 Fällen liegt, müssen in der betreffenden Woche die Kontakte von etwa 420 Men schen nachverfolgt werden. Der mittelhessische Vogelsbergkreis hat dage gen lediglich 105.000 Einwohner. Bei einer Inzidenz von 100 müssten hier lediglich die Kontakte von 106 Pers onen untersucht werden. Wir haben keine Auskunft erhalten über die Zahl der Mitarbeiter in den Gesundheits ämtern, die für die Nachverfolgung der Infektionsketten zuständig sind. Die Voraussetzungen hierfür dürften jedoch stark variieren. 2. Andererseits ist es bedeutsam, um welche Art von Infektionsgeschehen es sich handelt. Bei einem lokal konzentrierten Ausbruch (etwa in einem Alters- oder Pflegeheim, einer Flüchtlingsunterkunft oder einer Arbeitsstätte) fällt es November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 21 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    grundsätzlich leichter, den Kreis der Kontaktpersonen einzugrenzen und ge zielte Quarantänevorschrif ten auszusprechen. In den letzten Monaten war es immer wieder zu solchen Ausbrüchen gekommen, die jedoch durch gezielte Maßnahmen schnell wieder unter Kontrolle gebracht werden konnten. In den letzten Wochen ist das Infektionsgesch ehen in Deutschland jedoch deutlich diffuser geworden, was die Nachverfolgung der Kontakte erschwert. Kanzle rin Merkel hatte bei der Pressekonferenz in der letzten Woche ausgeführt, dass bei 75% aller Neuinfektionen derzeit nicht mehr festgestellt werden kann, wo die Infektion stattgefunden hat. Zu dem diffuseren Infektionsge schehen haben u.a. Feiern (jüngerer Menschen) im privaten Umfeld beige tragen. Besonders schwierig wird die Nachverfolgung der Kontakte, wenn ein großer Teil der Infizierten keine oder nur milde Symptome aufweist und damit das Virus, ohne es zu bemerken, an andere Menschen überträgt. Oftmals ist es für Infizierte dann überhaupt nicht mehr möglich, alle Kontaktpersonen zu benennen. Ohnehin gibt es eine große Varianz hinsichtlich der Zahl der Kon taktpersonen. Eine Umfrage von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung 11 un ter deutschen Gesundheitsämtern kam im Sommer 2020 zum Ergebnis, dass jeder Infizierte im Durchschnitt etwa fünf Kontaktpersonen der Kategorie 1 hatte. 12 Dabei hatten einzelne Gesundheitsämter jedoch von bis zu 80 Kon taktpersonen pro Infiziertem berichte t. Überträgt man die durchschnittliche Zahl an Kontaktpersonen auf den Landkreis mit der aktuell höchsten 7-Tage Inzidenz (Rottal-Inn: 312,8), dann müssten dort gut 1.560 Kontakte pro Wo che nachverfolgt werden. Viele Gesundheitsämter bereits überlastet Aufgrund der absolut steigenden Fallzahlen und wegen des diffuseren Infekti onsgeschehens arbeiten viele Gesundheitsä mter an der Kapazitätsgrenze oder sind bereits überlastet. Die Nachverfolgung der Infektionsketten verzögert sich. Dies beschleunigt das Infektionsgeschehen, weil infizierte Personen ohne Symptome nicht in Quarantäne geschickt werden. Diese Entwicklung ist der wesentliche Grund für den neuerlichen Lockdown. Schon zuvor hatte die Politik eine strengere Maskenpflicht ausgesprochen, die Teilnehmerzahlen bei privaten Feiern und Veranstaltungen begrenzt, Sperrstun den in der Gastronomie verhängt und allgemein die Menschen aufgefordert, die privaten Kontakte wieder einzuschränken und möglichst zu Hause zu bleiben. Solange das Infektionsgeschehen unverändert intensiv bleibt, ist nicht mit einer schnellen Entlastung der Gesundheitsämter und daher auch nicht mit einer ge nerellen Kehrtwende bei den politischen Vorsichtsmaßnahmen zu rechnen; auch in der Zeit nach November werden einschränkende Maßnahmen bestehen bleiben. Zwar gibt es Kritik an der Art und Weise der Krisenkommunikation der Bundesregierung. Zudem verlangen Vertreter aller Parteien wieder mehr Macht für die Parlamente. Aber eine weitgehende Lockerung der oben skizzierten Maßnahmen ist nur dann zu erwarten, wenn die 7-Tage-Inzidenzen lokal wieder dauerhaft unter 50 bzw. 35 fallen und wenn die Gesundheitsämter wieder bes ser in der Lage sind, Infektionsketten nachzuverfolgen. Der erneute Lockdown führt in den betroffenen Sektoren zu erheblichen wirt schaftlichen Einbußen, wenngleich staatliche Hilfsprogramme bei Unternehmen bis 50 Mitarbeiter die Umsatzausfälle zu 75% des Vorjahresmonats kompensie ren. Dies gilt beispielsweise für Hotellerie und Gastronomie. Zwar haben Hotels und Restaurants in den letzten Monaten umfangreiche Hygienemaßnahem um gesetzt. Zudem entfällt laut Robert-Koch Institut nur ein sehr kleiner Teil der 11 Vgl. tagesschau.de (2020). Fünf Kontak tpersonen pro Corona-Infiziertem. 12 Damit sind Menschen gemeint, mit denen ein enger K ontakt (weniger als 1,5 Meter) für mehr als 15 Minuten bestand oder mit denen man sich unabhängig vom Abstand für mehr als 30 Minuten zusammen in einem Raum mit hoher Konz entration an infektiösen Ae rosolen aufgehalten hat. November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 22 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    identifizierten Infektionen auf Übernachtungen in Hotels und Besuche in Speise gaststätten. Dennoch dürften diese Betriebe in den kommenden Wochen - also auch über den November hinaus - unter einer stark sinkenden Nachfrage lei den. Das wichtige vorweihnachtliche Geschäft dürfte jedenfalls enttäuschend ausfallen, wenn die Lockdown-Maßnahmen im November das Infektionsgesche hen nicht stark ausbremsen. Clubs und Bars sind unabhängig vom Lockdown noch stärker betroffen, weil hier das Ab standsgebot auch nach Wiedereröffnung schwerer umzusetzen ist als etwa in Restaurants. Personelle Aufstockung der Gesundheitsämter und Schutz der Risikogruppen Die Politik ist bestrebt, die Leistungsfähigkeit der Gesundheitsämter zu steigern. Dies ist gut investiertes Geld. So heißt es im Beschluss der Bund-Länder-Konfe renz von Mitte Oktober hinsichtlich der personellen Aufstockung des öffentlichen Gesundheitsdienstes: „Dabei kommt die Abordnung aus anderen Verwaltungs bereichen genauso infrage, wie die Schulung und der Einsatz von Studierenden oder anderen Freiwilligen." Zudem haben viele Landkreise bereits die Bundes wehr gebeten, die lokale Kontaktnachverfolgung zu unterstützen. Dazu heißt es im oben genannten Beschluss: „Kurzfristig ist die Bundeswehr in der Lage, mit bis zu 5.000 Kräften und in wenigen Wochen mit bis zu 15.000 Kräften Unter stützung zu leisten." Ferner wäre es hilfreich für das Aufs püren von Infektionsketten, wenn noch mehr Menschen die Corona-Warn-App nutzten und nachgewiesene Infektionen auch tatsächlich eingetragen würden. Inzw ischen gibt es bereits mehr als 21 Mio. Downloads dieser App. Bis 28. Oktober hatten knapp 30.000 Nutzer ein positives Testergebnis über die App geteilt; das entspricht gut 10% aller Infekti onen seit Start der App Mitte Juni. Frag lich ist, ob neue Funktionen der App (z.B. Erläuterung von Krankheitssymptome n, um Warnungen zu konkretisieren) von den Nutzern angenommen werden. Dennoch: Mehr Eigenverantwortung der Bürger ist auch ohne Corona-Warn-App hilfreich. So könnten die Menschen ihre jüngsten Kontaktpersonen ganz traditionell per Telefon oder Textnachricht informieren, wenn sich herausstellt, dass sich unter ihren eigenen Kontakten je mand mit Corona infiziert hat. In diesen Fällen sollte dann auch temporär auf weitere Kontakte verzichtet werden, unabhängig von Lockdown-Maßnahmen. Ein Großteil der Bevölkerung dürfte ein solches Vorgehen unterstützen, die sich letztlich aus dem gesunden Menschenverstand ableitet. Neben einer Stärkung des öffentlichen Ge sundheitsdienstes ist es gerade in Zeiten mit diffusem Infektionsgeschehen wichtig, Risikogruppen für eine schwere Erkrankung an COVID-19 zu schütze n. Denn letztlich gilt es, schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle zu verhindern, während symptomfreie Infekti onen für die Betroffenen selbst eher un problematisch sind. Die Hygienevor schriften für Beschäftigte und Besucher in Krankenhäusern, Alten- und Pflege heimen sind daher in jedem Fall einzuhalten und ggf. zu verschärfen. Eine kom plette soziale Isolierung von Bewohnern von Pflege- und Altersheimen sollte da bei allerdings möglichst vermieden werden, denn auch sie führt zu gesundheitli chen Schäden. Der Beschluss der Bund-Länder-Konferenz vom 28. Oktober be tont dabei die Rolle von Schnelltests: „Die verfügbaren Schnelltests sollen jetzt zügig und prioritär in diesem Bereich ei ngesetzt werden, um auch bei steigen den Infektionszahlen einen bestmögliche n Schutz zu gewährleisten und sichere Kontakte zu ermöglichen." Die Kost en für diese Tests trägt der Bund. Zwischenfazit: In den kommenden Wochen dürften viele Gesundheitsämter über ihrer Kapazitätsgrenze belastet sein. Die personelle und technologische Stär kung des öffentlichen Gesundheitsdienstes ist daher angezeigt und wird von der Politik bereits umgesetzt. Sind die Gesundheitsämter wieder besser in der Lage, lokale Infektionsketten nachzuverfolgen, können einschränkende Maßnahmen verkürzt oder zielgerichteter ausgesprochen werden. Eine Verlängerung des November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 23 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    pauschalen Lockdowns über den November hinaus könnte dann vermieden werden. Die wirtschaftlichen und sozialen Schäden ließen sich so begrenzen. Situation in den Krankenhäusern noch etwas entspannter, aber höhere Auslastung programmiert Zuletzt waren in Deutschland 2.388 COVI D-19-Patienten in intensivmedizini scher Behandlung. Das sind gut 1,3% aller Infizierten, die das RKI offiziell aus weist (jeweils Stand: 03. November 2020). Die Zahl der Intensivpatienten ist in den letzten Wochen stetig gestiegen. So wurden in den Sommermonaten über mehrere Wochen lediglich etwa 250 CO VID-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt. Der bisherige Höhepunkt datiert auf den 18. April mit über 2.900 Corona-Intensivpatienten. Das heißt: Obwohl wir aktuell deutlich mehr aktiv Infi zierte feststellen als im Frühjahr, liegt die Zahl der Intensivpatienten noch immer spürbar unter dem Höchstwert von Apri l. Gründe hierfür sind, dass sich im Durchschnitt inzwischen mehr Jüngere infizi eren als zu Beginn der Krise. Bei äl teren Menschen ist das Risiko deutlich größer, intensivmedizinisch betreut wer den zu müssen. Zudem dürften damals viele symptomfreie Fälle bei Jüngeren nicht entdeckt worden sein, weshalb die Zahl der akut Infizierten im März/April höher war als offiziell ausgewiesen. Die Zahl der Intensivpatienten folgt der Zahl der Neuinfektionen mit einer gewis sen Zeitverzögerung. Beispielsweise lag der 18. April zwei bis drei Wochen hin ter dem damaligen Peak bei den täglichen Neuinfektionen. Allerdings gab es schon Anfang April ähnlich viele Intensivpatienten wie heute (die Grenze von 2.000 Intensivpatienten wurde Anfang April überschritten). Damals kam es rela tiv früh zu Infektionen in Alten- und Pflegeheimen, weshalb auch die Todesfall zahlen recht schnell angestiegen waren. Ein ähnliches Muster war übrigens auch in den europäischen Nachbarländern zu beobachten, wo die Todesfallzah len im Zusammenhang mit Corona im März/April deutlich höher waren als jetzt. Aufgrund der geschilderten Zeitverzöger ung zwischen Neuinfektion und eventu ell notwendiger intensivmedizinischer Betreuung ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Intensivpatienten in den kommenden Tagen/Wochen weiter steigen wird. Dies setzt die Krankenhauskapazität en unter Druck. Gleichwohl sind noch immer etwa 25% aller Intensivbetten in Deutschland nicht belegt. Dieser Anteil ist erst in den letzten Tagen leicht ge sunken. Zum Höhepunkt der ersten Welle im April waren sogar noch mehr Kapazitäten frei (40%), weil nicht notwendige Operationen verschoben und Krankenhäus er angehalten wurden, Kapazitäten für schwer erkrankte COVID-19-Patienten freizuhalten. In absoluten Zahlen sind aktuell gut 7.200 Intensivbetten nicht belegt. Insge samt gibt es in Deutschland laut DIVI -Intensivregister kna pp 29.000 Intensivbet ten; weitere Notkapazitäten könnten mit etwas Vorlaufzeit bereitgestellt werden. Fraglich ist jedoch, ob für alle gemeldeten freien Intensivbetten auch genügend qualifiziertes Personal zur Verfügung steht. Nehmen wir in einem Szenario an, dass sich die Zahl der täglichen Neuinfektio nen auf 25.000 erhöht und dann in etwa stabilisiert, weil die Lockdown-Maßnah men Wirkung zeigen. Dadurch würde die Zahl der aktiven Fälle (bei einer durch schnittlichen Infektionsdauer von zehn T agen) auf etwa 250.000 Patienten stei gen und stabil bleiben, wenn die Zahl der Neuinfektionen - wie angenommen - nicht weiter stiege. Nehmen wir zudem an, dass der Anteil der Intensivpatienten an allen akut Erkrankten von jetzt 1,3% auf 2% steigt, etwa weil es wieder zu mehr Infektionen in Einrichtungen mit Risikopatienten kommt. Unter diesen An nahmen würde die Zahl der intensivmedizinisch zu betreuenden COVID-19 Patienten bei ca. 5.000 liegen. Selbst dann würde es im landesweiten Durch schnitt rechnerisch keine Engpässe in Krankenhäusern geben. Die Zahl würde 0 500 1.000 1.500 2.000 2.500 3.000 Apr 20 Jun 20 Aug 20 Okt 20 Wieder mehr Intensivbetten belegt 3 Zahl der COVID-19-Patienten in intensiv medizinischer Betreuung Quelle: DIVI November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 24 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    jedoch höher ausfallen, wenn die durchs chnittliche Aufenthaltsdauer der Patien ten auf Intensivstationen lä nger als zehn Tage wäre. Gleichwohl ist für diese Überlegungen entscheidend, dass ausreichend Perso nal für die Intensivpflege verfügbar ist und bleibt. Dem Gesundheits- und Ar beitsschutz dieser Beschäftigtengruppe muss eine hohe Priorität eingeräumt werden; auch hier spielen Schnelltests eine große Rolle. Ein Mangel an ent sprechend qualifiziertem Personal würde den Nutzen zusätzlicher Kapazitäten bei Intensivbetten spürbar einschränken. Zudem bleibt zu befürchten, dass es in den Wintermonaten in einzelnen Städ ten/Regionen mit hohem Infektionsgeschehen zu Engpässen kommen könnte. Grund ist, dass die Belegungsquote bei Intensivbetten in den Wintermonaten in der Regel ansteigt und regional nicht selten die 90%-Marke überschreitet. Vor sorglich sollten daher in den betreffenden Städten und Regionen (und ggf. im stadtnahen Umland) freie Kapazitäten in Krankenhäusern vorgehalten werden; dies wäre durch eine Verschiebung von nicht notwendigen OPs zu erreichen. Zudem wäre eine koordinierte regionale Verschiebung von COVID-19-Patienten zu erwägen, um unterschiedliche Auslas tungen auszugleichen. Die Warnungen vor Engpässen in Krankenhäusern sind in einzelnen Regionen zuletzt jedenfalls lauter geworden. Das Personal könnte d abei zuerst zum limitierenden Faktor werden. Die Krankenhäuser planen bereits, Personal aus anderen Bereichen für die Intensivstationen abzustellen. Zudem plädiert die DIVI dafür, den Regelbe trieb der Krankenhäuser in Regionen aus zusetzen, wo das In fektionsgeschehen besonders intensiv ist. Das würde erne ut bedeuten, nicht notwendige OPs zu verschieben und freie Kapazitäten vorzuhalten. Dazu müssten die Krankenhäu ser - wie bereits im Frühjahr - finanziell vom Bund kompensiert werden (Frei haltepauschale). Laut Gesundheitsminister Spahn soll es hierzu in der kommen den Woche Beratungen geben. Ab 400.000 akut Infizierten könnte es kritisch werden Bei den gesetzten Parametern kämen die Krankenhauskapazitäten ab etwa 400.000 (offiziell) akut Infizierten in einen beunruhigenden Auslastungsbereich (am 3. November etwa 178.000 akut Infizierte). Je mehr ältere Patienten unter den akut Infizierten wären, desto kritis cher wäre die Lage. Sollte es wie im März/April gelingen, mehr freie Kapazitäten in den Krankenhäusern vorzuhalten und werden die Risikogruppen gut geschützt, kämen die Krankenhäuser auch bei 500.000 oder mehr akut Infizierten in Deutschland nicht an ihre Kapazitäts grenze. Voraussetzung dafür bleibt natürlic h, dass das Personal in den Kran kenhäusern gut vor Infektionen geschützt werden kann und dass genügend me dizinische Ausrüstung sowie insbeson dere für Beatmungssituationen notwen dige Medikamente vorhanden sind. Es wird erneut deutlich, dass ein besonderer Schutz der Risikogruppen essenzi ell ist, um eine Überlastung des Gesundheitssektors zu vermeiden. Gelingt dies, können - unabhängig vom verhängten Lockdown - einschränkende Corona Maßnahmen milder und zeitlich begrenzt ausfallen, sodass die wirtschaftlichen und sozialen Schäden ebenfalls eingedämmt werden. Zudem sollte die Zahl der Neuninfektionen als Maßstab für die Schwere der Corona-Krise hinterfragt wer den. Mindestens genau wichtig erscheint es uns, auf die Zahl der Intensivpati enten und der freien Kapazitäten zu achten. Da wir weiter lernen müssen, mit der Existenz des Coronavirus zu leben, muss es in erster Linie darum gehen, schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle zu verhindern. Die Kernbotschaft lautet also: Kapazitä ten im Gesundheitssektor hochfahren (Gesundheitsämter) bzw. freie Kapazität en vorhalten (Krankenhäuser) sowie Ri sikogruppen schützen, damit die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schä November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 25 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    den in der zweiten Welle so gering wie mög lich ausfallen. Letztlich wird der Er folg all dieser Maßnahmen zum Groß teil auch vom eigenverantwortlichen und umsichtigen Verhalten aller Beteiligten bestimmt. Impfstoff wohl erst ab Mitte 2021 für breite Bevölkerungsschichten verfügbar Die Welt wartet sehnsüchtig auf einen wi rksamen, sicheren und ausreichend ge testeten Impfstoff gegen COVID-19. Weltweit gibt es laut WHO mehr als 200 Impfstoffprojekte. Davon befinden sich me hr als zehn Impfstoffkandidaten in Phase III der klinischen Prüfung; diese we rden also bereits an mehreren tau send Menschen erprobt. Allgemein wird er wartet, dass ein Impfstoff bis Anfang 2021 verfügbar sein wird. Gleichwohl dürfte es bis Mitte 2021 dauern, bis dieser schrittweise für breite Bevölkerungsschich ten verfügbar sein wird. Es dürfte also mehrere Monate dauern, bis ausreichend große Bevölkerungsteile gegen das Coronavirus geimpft sind, sodass eine weitere Ausbreitung gestoppt und COVID-19 schließlich gänzlich eingedämmt wird. Wir sollten uns darauf einstel len, dass das Virus noch einige Zeit unseren Alltag in Form von Abstand- und Hygiene-Regeln mitbestimmen und das Gesundheitssystem wohl bis 2022 be lasten wird. Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com) Marc Schattenberg (+49 69 910-31875, marc.schattenberg@db.com) November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 26 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland Starker Anstieg bei Unternehmensinsolvenzen belastet deutsche Banken - Die Unternehmen in Deutschland sind in den letzten zwei Jahrzehnten mit Blick auf ihre Finanzierung weniger anfällig geworden. Die Eigenkapital quote hat sich deutlich erhöht und der Anteil von Bankkrediten an den ge samten Verbindlichkeiten ist erheblic h zurückgegangen. Das gilt besonders für kleine und mittlere Unternehmen, de ren Finanzierungsstruktur sich stär ker an die von großen Unternehmen angenähert hat. - Diese verbesserte Widerstandsfähigkeit sollte dem Sektor helfen, den Corona-Schock zu überstehen. Die Finanzierungsbedingungen sind außer dem weiterhin sehr günstig: Banken haben die Kreditvergabestandards kaum verschärft; die Regi erung hat beispiellose Kr editgarantien gewährt; Kreditzinsen liegen immer noch in der Nähe ihrer Rekordtiefs und die EZB kauft eifrig Unternehmensanleihen, die viele Unternehmen gerade emittie ren. - Trotzdem werden die Unternehmensins olvenzen infolge der schweren Re zession unweigerlich zunehmen. Die Wirtschaft wird dieses Jahr voraus sichtlich ungefähr so stark schrumpf en wie während der Finanzkrise. Die Bundesregierung hat bis September/Dezember die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen ausgesetzt, die aufgrund der Coronavirus-Pandemie insol vent geworden sind. Das hat dazu geführt, dass die Insolvenzzahlen bisher weiter gesunken statt gestiegen sind. Aber das dürfte sich bald ändern. Die Bundesbank rechnet mit einem Anstie g von bis zu 36% bis zum zweiten Quartal 2021 - auf ein Niveau, das zuletzt 2013 erreicht wurde. Allerdings ist darin der Effekt der ausgesetzten Antragspflicht nicht berücksichtigt. Be zieht man diesen mit ein, dürfte sich der Anstieg etwas verzögern und die Zahl der Zombieunternehmen zunehmen. - Steigende Kreditausfälle werden erhebliche Auswirkungen auf den deut schen Bankensektor haben. Er zählt bereits jetzt zu den schwächsten in Eu ropa und ist gezeichnet von vielen Jahren mit Nullzinsen und niedrigem strukturellem Wachstum. Die Banken waren nach der Finanzkrise nur des halb moderat profitabel, weil die Kreditri sikovorsorge weit unter dem histori schen Durchschnitt lag. Diese steigt nun deutlich - möglicherweise auf das Dreifache, sodass die Branche 2020 wahrscheinlich tiefer in die Verlustzone rutschen wird. Die Corona-Pandemie hat die deut sche Vo lkswirtschaft schwer getroffen und, wie in vielen anderen Ländern, eine tiefe Rezession ausgelöst. Die Wirtschafts leistung wird schätzungsweise um 5,2% gegenüber dem Vorjahr zurückgehen und damit un gefähr so s tark wie im Nachgang der Finanzkrise. Der Unterneh menssektor leidet in erheblichem Ma ße und viele Firmen werd en einen Nachfra geeinbruch nicht überleben. Wie groß werden die Auswirkungen sein und was bedeutet das für die deutschen Banken? Finanzierungslage des Unternehmenssektors in Deutschland Deuts che Unternehmen haben ihre Bilanzen über einen langen Zeitraum hin weg erheblich ges tärkt. In den vergangenen 20 Jahren sind die Eigenkapital quoten gestiegen, besonders bei kleinen und mittleren Untern ehmen. Zum Jah resende 2017 (letzte verfüg bare Daten) b etrug der Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme bei kleinen und mittleren Unternehmen (d.h. solchen mit ei nem Jahresumsatz von weniger als EUR 50 Mio.) 29%, bei großen Unterneh - men 32%. 1997 lagen diese Werte nur bei 9% beziehungsweise 27%. Im glei chen Zeitra um ging der Anteil der Bankkredite erheblich zurück - bei kleinen 0 5 10 15 20 25 30 35 KMUs Große Unternehmen Eigenkapital in % der Bilanzsumme Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research KMU: Umsatz < EUR 50 Mio. KMUs mit stark verbesserter Eigenkapitalquote 1 0 5 10 15 20 25 30 35 40 KMUs Große Unternehmen Bankkredite in % der Bilanzsumme KMUs weniger abhängig von Bank krediten 2 Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research KMU: Umsatz < EUR 50 Mio. November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 27 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    und mittleren Unternehmen wiederum stärker (-16 %-Punkte auf 22%) als bei großen Unternehmen (-3 %-Punkte auf 6%). 13 Statt überwiegend auf Bankkre dite zu setzen, haben deutsche Unternehmen ihre Fremdkapitalquellen diversifi ziert, insbesondere durch die Ausgabe von Unternehmensanleihen am Kapital markt und durch konzerninterne Kredite. Diese ausgewogenere Finanzierungs struktur sollte den Unternehmen grundsätz lich helfen, eine Krise zu bewältigen. Eine weitere Stärke ist die insgesamt niedrige Verschuldung des Unterneh menssektors in Deutschland. Die Gesa mtverschuldung liegt bei nur 61% des BIP, verglichen mit durchschnittlich 109% im Euroraum und jeweils 78% in den USA und in Großbritannien. Die Verschuldung der deutschen Unternehmen hat sich in den letzten Jahren nur langsam erhöht, analog zum höheren Kredit wachstum, das das nominale BIP-Wachstum seit 2018 übertrifft. Das hat zum Anstieg der Verschuldungsquote nach ih rem Tiefstand bei 53% im Jahr 2011 geführt. Sie ist aber zumindest im Aggregat immer noch moderat und tragbar. Geänderter Rechtsrahmen Nichtsdestotrotz scheiden schwächere Fi rmen laufend aus dem Markt aus und die Corona-Rezession trifft Branchen sehr unterschiedlich. Tatsächlich gibt es einen starken Zusammenhang zwischen einer schwachen Entwicklung der Ge samtwirtschaft, gemessen am realen BI P-Wachstum, und einem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen. 2009 beispielsweise erhöhte sich die Zahl der Insol venzen um 12% gegenüber dem Vorjahr, während das BIP um 5,7% schrumpfte. Im Anschluss daran wuchs die Wirtschaft in jedem einzelnen Jahr des vergangenen Jahrzehnts, während gleich zeitig die Insolvenzzahlen zurück gingen. Es ist also anzunehmen, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen infolge der aktuellen Krise deutlich zune hmen wird, da sich herausstellt, dass die Geschäftsmodelle einiger Unternehmen nicht länger tragfähig sind. Der Höhepunkt der Insolvenzanträge in Deutschland könnte dieses Mal jedoch anders sein als in der Vergangenheit und in den meisten anderen Ländern (in denen der Höchststand bereits [spät] in di esem Jahr erreicht werden könnte), da sich der rechtliche Rahmen geändert hat. Die Bundesregierung hat die Insol venzantragspflicht für Unternehmen ausgesetzt, die aufgrund der Corona-Re zession insolvent wurden. Diese Regelung trat zum 1. März in Kraft und galt zu nächst bis Ende September. Seitdem gilt eine abgeschwächte Version bis zum Jahresende. Es ist damit überschuldeten Unternehmen, die aber noch über aus reichend Liquidität verfügen, um lauf enden Zahlungsverpflichtungen nachzu kommen, weiterhin erlaubt, keinen Insolvenzantrag zu stellen. Deshalb dürften viele Unternehmen Insolvenzverfahren bis ins laufende Quartal verschoben ha ben, selbst manche, deren Probleme ni cht auf die Pandemie zurückzuführen sind. Ebenso ist es durchaus vorstellbar , dass einige Unternehmen, die jetzt mit dem Verfahren beginnen müssten, weil sie die Voraussetzungen für die Verlän gerung nicht erfüllen, das noch weiter bis ins nächste Jahr verschieben in der Hoffnung, dass sich ihre Geschäfte letztlich doch irgendwie wieder beleben. Was diese Rezession einzigartig macht Auch abgesehen von den außergewöhnlichen - aber vorübergehenden - recht lichen Änderungen sind vergangene Rezessionen nur bedingt aussagekräftig mit Blick auf die voraussichtliche Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen. 13 Für eine genauere Aufschlüsselung und eine A nalyse der Anfälligkeit einzelner Branchen siehe Schildbach (2020). 0 20 40 60 80 100 120 DE UK US EWU 2010 Q1 20 % des BIP Verschuldung nichtfinanzieller Unternehmen 3 Quelle: BIZ -15 -10 -5 0 5 10 15 03 05 07 09 11 13 15 17 19 20 Reales BIP Unternehmensinsolvenzen r = -0.75 Stark negativ korreliert: Wirtschafts wachstum & Insolvenzen 4 % ggü. Vorjahr Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 28 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    - Erstens ist die aktuelle Krise umfassender als jede andere in der jüngeren Geschichte, da sie das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungs sektor gleichermaßen trifft, anders al s zum Beispiel die Finanzkrise. - Zweitens ging diesem Einbruch die längste wirtschaftliche Wachstums phase seit der deutschen Wiedervereinigung voraus. Sie hat viele Unter nehmen in die Lage versetzt, ihre Bilanzen zu stärken, gleichzeitig aber auch den Strukturwandel gebremst und dazu geführt, dass zunehmend ver steckte Schwächen entsta nden, die erst jetzt zu Tage treten dürften. - Drittens waren die Finanzierungsbedingungen und insbesondere die (re kordniedrigen) Zinsen zu Beginn der Rezession so günstig wie nie, da die EZB die im Zuge der Finanzkrise und europäischen Schuldenkrise einge führten Notfallhilfen nie wirklich zurückgeführt hatte. - Viertens wurde das deutsche Insolvenzrecht um die Jahrtausendwende grundlegend verändert, sodass die aktuellen Zahlen nur schwer mit frühe ren Zeiträumen, zum Beispiel dem Abschwung nach der Dotcom-Blase, ver gleichbar sind. Damit bleibt, mit diesen Einschränkungen, praktisch nur die von der Finanzkrise ausgelöste Wirtschaftskrise als Maßstab. Damals waren die absoluten Insol venzzahlen deutlich höher als heute. Im Gesamtjahr stiegen sie von 29.200 2007 um 12% auf 32.700 2009. Danach begann ein schrittweiser, bis heute an haltender Rückgang. Bei genauerer Betr achtung stieg der Quartalsdurchschnitt von rund 7.300 in den Jahren 2007 und 2008 auf 8.200 im Jahr 2009, als die Zahlen wieder zu sinken begannen. Der Höhepunkt war im dritten Quartal 2009 erreicht, ein halbes Jahr nach dem Ende der Rezession. Damals meldeten 8.600 deutsche Unternehmen Insolvenz an - 21% mehr als im gleichen Quartal zwei Jahre zuvor und der größte derartige Anstieg während dieser Rezession. Immer noch günstige Finanz ierungsbedingungen Der ähnlich tiefe, aber breitere aktue lle Abschwung würde dafür sprechen, dass die Insolvenzzahlen stärker ansteigen als 2008/09. Vor allem die absoluten Zah len könnten in die Höhe gehen, weil die Tourismus-, Gastronomie-, Einzelhan dels- und Kultur- & Veranstaltungsbranchen schwer getroffen sind, wo es viele sehr kleine Firmen gibt. Gleichzeitig könnte das insgesamt betroffene Kreditvo lumen überschaubar bleiben. 14 Auf der anderen Seite sind die Finanzierungsbedingungen immer noch deutlich günstiger als in der Vergangenheit: - Selbst auf dem (bisherigen) Höhepunkt der Corona-Krise verschärften nur 13% der deutschen Banken ihre Kreditvergabestandards für kleine und 14% für große Unternehmen, jeweils gegenüber dem Vorquartal. Während der Finanzkrise 2008/09 wurden die Standard s viel stärker verschärft - mit An teilen von bis zu 42% bzw. 52% aller am Bank lending survey teilnehmen den Banken. - Zu dieser deutlich milderen Reaktion hat die andere Haltung der Bundesre gierung beigetragen, die im Frühjahr rasch beispiellose Garantien über nahm, die die Banken größtenteils gegen das Kreditrisiko bei neu vergebe nen Krediten absichern. Damit wurde sichergestellt, dass die Unternehmen 14 Die Folgen für die Gesellschaft dürften haupts ächlich davon abhängen, wie viele Menschen ihre Arbeit verlieren oder von Kurzarbeit betroffen sind. Bei den Banken dürfte es vor allem auf die Größe der Unternehmen ankommen, die in Sc hwierigkeiten geraten, sowie auf das betroffene Kreditvolumen. Hier deuten erste Ergebnisse auf ei nen relativ hohen Anteil von großen Firmen an den aktuellen Insolvenzen hin. Quelle: Creditreform (2020). -40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 Q1 07 Q1 08 Q1 09 Q1 10 Q1 11 Q1 12 Q1 13 Q1 14 Q1 15 Q1 16 Q1 17 Q1 18 Q1 19 Q1 20 für KMUs für große Unternehmen verschärfte Standards gelockerte Standards Bank lending survey: Kreditstandards für Unternehmen* 5 Prozentualer Anteil (netto) der Banken, die ggü. Vorquartal berichten * Q4 20 erwarteter Wert Quelle: Bundesbank November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 29 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    in der Breite Zugang zu Finanzmitteln behielten, und das Risiko einer Kre ditklemme praktisch beseitigt. - Im Ergebnis ist das Kreditwachstum mit nichtfinanziellen Unternehmen trotz einer bereits seit sechs Jahren a nhaltenden Kreditexpansion sogar nach dem Ausbruch der Pandemie vor einem halben Jahr relativ kräftig geblie ben. Es hat zwar etwas nachgelassen, betrug im September aber immer noch 4,6% gegenüber Vorjahr. - Die Zinsen liegen immer noch auf oder in der Nähe von Rekordtiefständen. Kapitalgesellschaften müssen durchschnittlich nur 1,4% p.a. für einen neuen großen Kredit (EUR > 1 Mio.) und 1,8% für kleinere Beträge zahlen, ebenso wie Selbstständige und Personengesellschaften. Das ist nur ein Drittel des Zinssatzes, den deutsche Unternehmen noch Ende 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise zahlen mussten. - Die EZB kauft im Gegensatz zur Finanzkrise in großem Stil Unternehmens anleihen auf, zusätzlich zu dem noch größeren Ankaufprogramm für Staats anleihen. Diese starke Nachfrage eines „Ankerinvestors" hat einen Ange botsschub in der ganzen EWU ausgelös t - auch in Deutschland, wo Unter nehmen seit der Ankündigung des Programms im März netto EUR 30 Mrd. an neuen Anleihen emittiert haben. Insgesamt sollte das tatsächlich ausreichen, um einen größeren Finanzierungs schock im deutschen Unternehmenssektor zu verhindern. Neben Hilfen bei der Finanzierung unterstützt die Regierung auch massiv direkt die GuV der Unternehmen. Dazu gehören nicht zuletzt das Kurzarbeiterpro gramm, bei dem der Staat Löhne und Gehälter für Millionen von Arbeitnehmern übernimmt (was sich bereits während der Finanzkrise als sehr effektiv heraus gestellt hatte), und die Mehrwertsteuerse nkung, die entweder die Gewinnmarge der Unternehmen erhöhen oder die Nachfrage ankurbeln kann. Weitere Entwicklung der Insolvenzzahlen Angesichts all dieser Faktoren ist die weitere Entwicklung der Unternehmensin solvenzen schwer vorherzusehen. Se lbst aktuelle Schätzungen schwanken stark. Einige Beobachter prognostizieren einen Anstieg der Zahlen im Gesamt jahr 2020 und einen Rückgang im nächsten Jahr. 15 Andere erwarten unter Ver weis auf die ausgesetzte Antragspflich t, dass die Zahlen dieses Jahr zurückge hen und eine ganze Reihe von Zombieunternehmen entsteht. 16 Die Bundesbank rechnet, ohne Berücksichtigung der Ausset zung, mit einem Anstieg in diesem und im nächsten Jahr und geht in ihrem - hypothetischen - Szenario davon aus, dass der Höhepunkt auf Quartalsbasis mit 6.400 im zweiten Quartal 2021 erreicht wird. 17 Das wäre ein maximaler Anstieg um 36% vom anfänglichen Tief stand bei 4.700 im ersten Quartal 2020. 15 Siehe Atradius (2020). 16 Siehe IW Köln (2020) sowie ifo (2020). Es gibt verschiedene Definiti onen eines „Zombieunterneh mens". Im Mittelpunkt steht me istens die Fähigkeit eines Unternehmens, Zinsaufwendungen aus dem Cashflow zu bedienen, gemessen am Zinsde ckungsgrad (interest cove rage ratio). Dieser entspricht dem Ergebnis vor Zinsen und Steuern (E BIT) eines Unternehm ens, dividiert durch seine Zinszahlungen. Darüber hinaus werden zum Teil auch andere Kriterien herangezogen. Mangels einer allgemeingültigen Definition ko mmen verschiedene Quellen zu unterschiedlichen Ergebnissen bezüglich des Anteils von Zombiefirmen an allen deutschen Unternehmen: Z.B. be läuft er sich laut Banerjee und Hofmann (2020) auf ungefähr 10% und hat im letzten Jahrzehnt stagniert, während die Deutsche Bank (2020) ihn bei etwa 25% sieht und rund 10 %-Punkte hö her als vor zehn Jahren - tr otz enorm gesunkener Zinsen. 17 Siehe Bundesbank (2020). 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften, EUR ≤ 1 Mio. Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften, EUR > 1 Mio. Kredite an Selbstständige und Personengesellschaften Zinsen für Unternehmenskredite, nach Kredithöhe 6 %, Neugeschäft Quelle: EZB 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 2006 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 Tatsächlich Bundesbank-Prognose, ohne Aussetzung der Antragspflicht in '000 pro Quartal Unternehmensinsolvenzen 7 Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundesbank, Deutsche Bank Research November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 30 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Unter Berücksichtigung der ausgesetzten Antragspflicht wird die Kurve höchst wahrscheinlich etwas anders verlaufen. Di e Zahl der Insolvenzanträge wird ver mutlich später anfangen zu steigen, nich t vor dem vierten Quartal, dafür aber stärker, und könnte den theoretischen Höhepunkt der Bundesbank im Sommer 2021 übertreffen. Eine Zahl von 6.400 pro Quartal wäre in jedem Fall der höchste Wert seit der europäischen Staa tsschuldenkrise im Jahr 2013. Ange sichts der aktuellen zweiten Welle sehen diese Zahlen aus unserer Sicht jedoch eher noch günstig aus. Auswirkungen der Kreditausfälle auf Banken Die Banken werden dementsprechend deut lich steigende Kreditausfälle ver zeichnen. Diese sind natürlich nicht auf Unternehmenskredite beschränkt, son dern ergeben sich auch, wenn Privathaushalte ihre Schulden nicht mehr bedie nen können. Die Rückstellungen für künftige Ausfälle sind bei denjenigen deut schen Banken, die Quartals- oder Halbjahresergebnisse berichten, schon er heblich gestiegen. Bei der Branche insgesamt, mit ihren vielen kleinen, nicht börsennotierten Sparkassen und Volksb anken sowie Tochtergesellschaften ausländischer Banken, ist die Transparenz begrenzt. Die Höhe der Kreditrisiko vorsorge während der Finanzkrise und nach dem Platzen der New-Economy Blase Anfang der 2000er Jahre kann jedoch als Anhaltspunkt dafür dienen, was jetzt bevorsteht. 2007/08 legte die Risikovorsorge um 160% zu, von EUR 14 Mrd. 2006 auf einen Höchststand von EUR 37 Mrd. Zwischen 2000 und 2002 stieg sie weniger stark, verdoppelte sich aber immer noch von EUR 16 Mrd. auf EUR 32 Mrd. In der aktuellen Situation herrscht in der Tat große Unsicherheit, weil das Zu sammenspiel von außerordentlichen (und historisch beispiellosen) fiskal- und geldpolitischen Unterstützungsmaßnahmen ebenso unklar ist wie der weitere Verlauf der Pandemie und der daraus entstehende wirtschaftliche Schaden. Be trachtet man jedoch diese Beispiele aus der Vergangenheit sowie die Zwischen ergebnisse einiger größerer deutscher Banken, dann scheint eine Verdreifa chung der Risikovorsorge im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr nicht abwegig. Das würde die GuV mit EUR 20 Mrd. belasten - ein Wert, der immer noch unter den Höchstständen der beiden früheren Krisen läge. Immer tiefer verwurzelte struktur elle Schwäche deutscher Banken Ein großer Unterschied zu früheren Rezess ionen besteht allerdings in der sehr begrenzten Ertragskraft der Branche zu Beginn der Krise. In den Jahren 2000 und 2006 betrug die Eigenkapitalrendite (nach Steuern) des deutschen Banken systems immerhin noch 6,1% bzw. 7, 5%. Letztes Jahr dagegen machten die Banken nach Angaben der Bundesbank bereits Verluste (-0,4%). Entspre chende Daten, die von der EZB veröffent licht werden, können aufgrund von Un terschieden bei der Zahl der Banken und bei den Berichtspflichten von Zeit zu Zeit leicht abweichen. Demzufolge wa ren die deutschen Banken im letzten Jahr gerade noch so profitabel, verzeichneten jedoch trotzdem nach Griechenland das zweitschwächste Ergebnis aller Bankensysteme in der gesamten EU. Das ist eher die Regel als die Ausnahme: Seit 2003, als die EZB zum ersten Mal vergleichbare Daten veröffentlichte, hat Deutschland den am wenigsten profitablen Bankensektor aller großen europäischen Länder, gemessen an der durchschnittlichen Eigenkapitalrendite (und dazu noch den am wenigsten effi zienten, gemessen an der Aufwand-Ertrag Relation). Für diese schwachen Er gebnisse und insbesondere für die Verschlechterung in den letzten Jahren sind verschiedene Faktoren verantwortlich. D abei spielen vor allem das Niedrigzins umfeld und ein insgesamt geringes Wachstum eine wichtige Rolle. Die EZB hält -15 -10 -5 0 5 10 15 20 25 03 05 07 09 11 13 15 17 19 Deutschland Frankreich Großbritannien Italien % Eigenkapitalrendite europäischer Banken nach Steuern 9 Quellen: EZB, Deutsche Bank Research -40 -20 0 20 40 60 80 100 120 140 Erträge Kreditrisikovorsorge Nettogewinn Mrd. EUR Deutsche Banken: Wichtige GuV Komponenten 8 Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 31 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    die Zinsen seit 2013 nahe oder unter null und hat damit eine langsame, aber schwerwiegende Erosion der Zinsmarg e ausgelöst. Der Zinsüberschuss, das Produkt aus Marge und Volumen, pendelte sich zwischen 2007 und 2012 bei ei nem Höchstwert von ungefähr EUR 95 Mrd. ein und sank seitdem, bis auf EUR 82 Mrd. im letzten Jahr. 18 Das ist besonders bemerkenswert angesichts des starken Wachstums der deuts chen Volkswirtschaft, die im gleichen Zeitraum zu laufenden Preisen, nominal, nicht weniger als 25% zulegen konnte, von EUR 2,75 Bill. auf EUR 3,44 Bill. Ein weiterer Grund für die schwache Profitabilität der deutschen Banken ist strukturell geringes Wachst um. Die Bilanzsumme war zu Beginn der Corona Krise niedriger als 2008/09 (Derivate des Handelsbuchs ausgenommen, die erst seit 2010 in der Bilanz ausgewiesen werden) und die Erträge waren so niedrig wie seit 2001 nicht mehr (abgesehen von 2008, als große Wertberichtigungen zu Buche schlugen). Das Bilanzsummenwa chstum hat darunter gelitten, dass die Unternehmensfinanzierung mittlerweile weniger bankbasiert ist und dass große Teile der Bankenbranche - wie die Landesbanken, Hypothekenbanken und privaten Geschäftsbanken - einen langwierigen Umstrukturierungsprozess durchlaufen mussten, der eine Folge des neuen Geschäftsumfelds nach der Fi nanzkrise war, einschließlich viel streng erer regulatorischer Vorschriften. Neben dem Negativzinsumfeld hat die Erträge auch die starke Konkurrenz zwischen den Banken und durch neue Wettbewerber aus dem Technologiesektor belas tet, unter der traditionelle Einnahmequellen der Banken gelitten haben. Verluste in Sicht Unter dem Strich verheißt die schwache Ertragskraft vor der Corona-Krise nichts Gutes für die Fähigkeit der deutschen Banken, den zusätzlichen Schock einer stark steigenden Kredit risikovorsorge zu verkraften - zumindest mit Blick auf die GuV. Kapitalseitig ist die Ausgangslage wesentlich robuster. Bezeich nenderweise war der Nettogewinn in den Jahren 2011-17 zwar „akzeptabel"; das war jedoch allein auf eine sehr nied rige Risikovorsorge zurückzuführen. In jedem dieser Jahre betrug sie nicht nur weniger als die Hälfte des Durchschnitts der Jahre 1995-2010, sondern war auch geringer als die niedrigste Risikovor sorge in einem einzelnen Jahr im vorherigen Zeitraum. Eine grobe Überschlags rechnung für das Jahr 2020 auf Grundlage der Bundesbank-Daten (die umfang reicher sind als die der EZB) unterstreicht die Anfälligkeit: Schon letztes Jahr machten alle deutschen Banken zusammen einen Nettoverlust von EUR 2 Mrd., nach einer Kreditrisikovorsorge in Höhe von EUR 7 Mrd. Wir unterstellen den günstigen Fall, dass sich die Einmalbelastungen normalisieren, die 2019 unge wöhnlich hoch waren und den Verlust veru rsachten. Wir nehmen an, dass sie jetzt wieder auf den früheren Fünf-Jahre s-Durchschnitt zurückgehen und igno rieren steuerliche Effekte. Ceteris paribu s würde, unter diesen ansonsten relativ günstigen Umständen, eine Verdreifachung der Risikovorsorge auf EUR 20 Mrd. die Branche tiefer in die Verlustzone drücken - das Minus von EUR 5 Mrd. wäre der höchste Verlust seit 2009. Das ist natürlich eine vereinfachte Sicht, die mehrere andere Effekte nicht be rücksichtigt. Im Investmentbanking beispielsweise sind in diesem Jahr sowohl die Handels- als auch die Emissions-Volumina aufgrund der enormen Markt volatilität und des steigenden Finanzierungs bedarfs in die Höhe geschnellt. Das hat kapitalmarktorientierten Institut en starken Rückenwind verschafft. Darüber hinaus nahm im Frühjahr das Wachstum bei Unternehmenskrediten kräftig zu, als viele Unternehmen versuchten, ihre Finanzierung für die kommenden Mo nate mit voraussichtlich niedrigeren Umsä tzen sicherzustellen. Auf der anderen 18 2014 und 2015 wurde der Rückgang durch die starke Abwertung des Euros gegenüber dem US Dollar teilweise kaschiert, weil dadurch die auß erhalb Europas erzielten Erträge der Banken ge messen in Euro deutlich anstiegen. -2 0 2 4 6 8 50 60 70 80 90 100 1995 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19 Zinsüberschuss (in Mrd. EUR) Leitzins* (in %) Kreditwachstum mit dem privaten Sektor* (in % ggü. Vorjahr) Mrd. EUR (links), % (rechts) Zinsüberschuss leidet unter Nullzinsen, trotz eines höheren Kreditwachstums 10 * Zum Jahresende Quellen: Bundesbank, EZB, Deutsche Bank Research November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 32 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Seite hielt der Kreditboom nicht sehr lange an. Das Kreditwachstum hat sich seitdem deutlich verlangsamt und die Aussichten sind relativ trüb, da das Kredit volumen mit Unternehmen im Nachgang einer größeren Rezession in der Regel einige Zeit lang rückläufig ist. Auch in anderen Bereichen standen die Erträge der Banken unter Druck. So hat die Pandemie zu einem Rückgang im Zahlungs verkehr und einer Flaute im M&A-Ge schäft geführt. Die Provisionseinnahmen aus dem Portfoliomanagement in der Vermögensverwaltung sind aufgrund nied rigerer verwalteter Aktiva ebenfalls geri nger, weil sich der Aktienmarkt zumin dest in Europa noch nicht vollständig erholt hat. Viele dieser Effekte heben sich jedoch gegenseitig auf. Tatsächlich gingen die Erträge der größten europäischen Banken im ersten Halbjahr 2020 um 5% ge genüber Vorjahr zurück. Abgesehen von möglichen Auswirkungen auf die Er träge wird also die höhere Kreditrisikovorsorge die mit Abstand größten Folgen für die GuV der Banken haben. In Deutschland wird die Bankenbranche dieses Jahr wahrscheinlich einen Nettoverlust verzeichnen. Jan Schildbach (+49 69 910-31717, jan.schildbach@db.com) Literatur Atradius (2020). 2020 insolvencies forecast to jump due to Covid-19. Atradius Economic Research. Banerjee, Ryan, und Boris Hofmann (2020). Corporate zombies: Anatomy and life cycle. BIS working paper Nr. 882. Bundesbank (2020). Potenziell starker Anstieg der Insolvenzen im Unterneh menssektor. Finanzstabilitätsb ericht 2020, S. 38-48. Creditreform (2020). Insolvenzen in Deutschland, 1. Halbjahr 2020. Deutsche Bank Research (2020). Global Macro Outlook: Virus curve flattening, markets stabilizing, slow recovery. Juni 2020. ifo (2020). Unerwünschte Nebenwirkung der Corona-Maßnahmen: Zombies? 31. Ökonomenpanel von ifo und FAZ. Oktober 2020. IW Köln (2020). 4.300 Zombieunternehmen bis Jahresende. Schildbach, Jan (2020). Government measures to support liquidity of German companies - who is most at risk? Deutsche Bank Research. Focus Ger many. Under corona siege - Update. 18. März 2020, S. 29-32. November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 33 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Deutsche Autoindustrie: Mühsame Erholung Die Corona-Krise beeinflusst nach wie vor die wirtschaftliche Entwicklung der Automobilindustrie. Diese sah sich scho n zuvor mit konjunkt urellen Problemen konfrontiert. Die meisten Autohersteller und viele Zulieferer hatten ihre Fabriken in Deutschland im April und Anfang Mai geschlossen. Der Produktionshochlauf startete im Anschluss und hält bis heute an. Allerdings erholt sich die globale Autonachfrage nur allmählich. China ist hier Vorreiter, während die anhaltende Corona-Krise in der EU und den USA die wirtschaftliche Erholung erschwert. Als wäre das nicht genug, ist die Debatte über höhere US-Zölle auf Autoimporte aus der EU noch immer nicht vom Tisch. In den ersten Monaten nach der Wahl könnte es hier mehr Klarheit geben. Zudem muss die Automobilindustrie 2020 zum ersten Mal strenge CO 2 -Flottenziele in der EU erfüllen. Also konjunkturelle und strukturelle Herausforderungen voraus! Grafik 1: Die Geschäftserwartungen der deutschen Automobilindustrie hatten sich nach dem Corona-Schock schnell erholt, tendieren aber inzwischen wieder nach unten. Die Corona-Krise zog die Beurteilung der aktuellen Lage stärker nach unten. Allerdings ist hier eine Verbesserung zu verzeichnen. Der konjunk turelle Tiefpunkt im Corona-Zyklus liegt jedenfalls hinter uns. Der Auftragsbe stand in der Branche ist in den letzten Monaten gestiegen und liegt auf dem höchsten Niveau seit Anfang 2019. Die Corona-Krise hatte keinen größeren Einbruch bei den Auftragsbeständen ausgelöst. -100 -80 -60 -40 -20 0 20 40 60 80 17 18 19 20 Lage Erwartungen ifo Geschäftsklima in der deutschen Automobilindustrie 1 Saldo aus positiven und negativen Firmenmeldungen (%) Quelle: ifo -80 -60 -40 -20 0 20 40 60 17 18 19 20 21 … der Produktionstätigkeit … des Exportgeschäfts … der Beschäftigungsentwicklung ifo-Erwartungen hinsichtlich... 2 Automobilindustrie in Deutschland, Sal do aus positiven und negativen Firmenmeldungen (%) Quelle: ifo November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 34 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Grafik 2: Bei den Unterkomponenten des ifo-Konjunkturtests zeigt sich ein ge mischtes Bild. Die Produktions- und Ex porterwartungen liegen im positiven Be reich, wenngleich sie zuletzt wieder leicht gesunken sind. Die Beschäftigungser wartungen liegen jedoch noch immer tief im negativen Bereich. Die Beschäfti gung in der Autoindustrie, ein nachlaufender Indikator, begann Mitte 2019 zu sinken, was sich in den kommenden Monaten fortsetzen dürfte. Ein Grund hier für ist auch die strukturelle Umstellung auf E-Mobilität. Im Vergleich zum Som mer 2018 sind aktuell 40.000 Menschen weniger in der Branche beschäftigt. Grafik 3: Die Kapazitätsauslastung in der deutschen Automobilindustrie sank Anfang Q2 2020 auf den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung; die Pro duktionszahlen folgten. Angesichts der temporären Fabrikschließungen war der Rückgang bei der Auslastung jedoch nicht überraschend. In H2 2020 ist die Ka pazitätsauslastung spürbar gestiegen. Die moderate Erholung der globalen Pkw-Nachfrage von den niedrigen Niveaus in Q2 stützt dabei auch die Produk tion. In China liegt der Kfz-Absatz se it Mai durchweg über Vorjahresniveau. Grafik 4: Die stückzahlmäßige Pkw-Produktion in Deutschland sank bereits 2019 um 9%. Das Minus fiel beim Produktionsindex, der auch qualitative Kom ponenten umfasst (z.B. bessere Ausstattung) , sogar noch stärker aus (-11,3%). Die Spuren der Corona-Krise waren in Q2 deutlich zu spüren (Lockdown). Die Erholung im Anschluss erfolgt mit moderatem Tempo. Der Produktionsindex könnte im Gesamtjahr 2020 um 25% sink en. Im nächsten Jahr ist jedoch eine Erholung um etwa 30% nicht ausgeschlos sen. Ein enormer statistischer Über hang spielt dabei eine große Rolle. 40 60 80 100 120 20 40 60 80 100 15 16 17 18 19 20 Kapazitätsauslastung, % (links) Produktion, sb., 2015=100 (rechts) Produktion und Kapazitätsauslastung in der deutschen Automobilindustrie 3 Quellen: ifo, Statistisches Bundesamt -70 -60 -50 -40 -30 -20 -10 0 10 20 17 18 19 20 Pkw-Produktion, Stückzahlen, gleit. 3-Monatsdurchschn. Produktionsindex, arbeitstägl. ber ., gleit. 3-Monatsdurchschn. Automobilproduktion in Deutschland 4 % gg. Vj. Quellen: Statistisches Bundesamt, VDA November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 35 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Grafik 5: Die Auftragseingänge aus dem In- und Ausland gaben im März und April erwartungsgemäß spürbar nach. Der April bildete auch bei den Aufträgen den Tiefpunkt. Die nachfolgende Erholung erfolgte dynamischer als erwartet. Die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland stiegen 2019 um 5% und erreichten das höchste Niveau seit 2009, dem Jahr der Abwrackprämie. Ein Rückgang um etwa 20% ist für 2020 wahrscheinlich. Im kommenden Jahr dürfte dieser Ver luste nicht gänzlich ausgeglichen werden. Grafik 6: Die schwache Autonachfrage in wi chtigen deutschen Exportmärkten zum Jahresende 2018, im Jahr 2019 und Anfang 2020 belasteten die deutschen Autoexporte. Die Pkw-Exporte sanken 2 019 um 13% (Stückzahlen). Vor dem Corona-Ausbruch hatten wir erwartet, dass der Pkw-Absatz in China, der fast zwei Jahre lang rückläufig war, 2020 po sitiv überraschen könnte. Stattdessen wurde der Pkw-Absatz im 1. Quartal durch Corona deutlich gedrückt. In den letzten Monaten macht sich allmählich ein gewisser Nachholbedarf bemerkbar, nicht nur in China. In den USA und der EU dürften die anhaltend hohen bzw. wieder steigenden Infektionszahlen die Verkaufszahlen zum Jahresende jedoch dämpfen. 20 40 60 80 100 120 140 17 18 19 20 Inland Ausland Auftragseingang in der deutschen Automobilindustrie 5 sb., 2015=100 Quelle: Statistisches Bundesamt -50 -40 -30 -20 -10 0 10 20 15 16 17 18 19 20 Pkw-Neuzulassungen, CN, US*, EWU, UK Nom. Exporte der dt. Automobilind. (Euro), gleit. 3M-Durchschn. % gg. Vj. * Light vehicles Globale Autonachfrage und Exporte der deutschen Automobilindustrie 6 Quellen: ACEA, Bureau of Economic Analysis, China Automotive Information, Statistisches Bundesamt November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 36 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Grafik 7: Abgesehen vom aktuellen Konjunkturzyklus setzen Autohersteller und Kfz-Zulieferer ihre Anstrengungen fort, die Produktion von Elektrofahrzeugen bzw. entsprechenden Zulieferteilen und Ausrüstungen in ihren Fabriken zu stei gern. Immer mehr Modelle befinden sich im Angebot. Bis spätestens 2021 müs sen die durchschnittlichen CO 2 -Emissionen aller neu zugelassenen Pkw in der EU auf 95 g/km sinken. Für einen großen Teil der Neuwagenflotte muss dieses Ziel bereits 2020 erreicht werden. Wird dieses Ziel verfehlt, drohen Strafzahlun gen für die Automobilindustrie. Bei einem Neuzulassungsanteil von 10 bis 15% kann die Branche als Ganzes diese Strafzahlungen vermeiden. Dies wäre ge genüber einem Anteil von etwa 3% (2019) ein enormer Anstieg. Gemessen an der gesamten Pkw-Produktion bleibt der Anteil der Elektrofahrzeuge jedoch auch 2020 noch klein. Insofern schlägt sich dieser evolutionäre Wandel bei den Antriebstechnologien noch nicht so stark in den Produktionszahlen nieder. Grundsätzlich positiv für den Produktionswert ist, dass Elektrofahrzeuge derzeit im Durchschnitt teurer sind als entsprechende Fahrzeuge mit Verbrennungsmo tor. Allerdings wird die inländische Produktion dadurch negativ beeinflusst, dass manche Produktionsstätten umstrukturiert werden, um die Produktion von Elek trofahrzeugen hochfahren zu können (Kapazität steht während der Umbau phase nicht vollständig zur Verfügung). Der technologische Wandel stellt die globale (und nicht nur die deutsche!) Automobilindustrie vor große Herausforde rungen, denn er wird bislang vor allem durch strenge staatliche CO 2 -Grenzwerte für Pkw und weniger durch Marktkräfte getrieben. Die Autokäufer sind bislang noch zurückhaltend, zumindest solange keine kräftigen Subventionen gewährt werden. Hohen Investitionen steht also ein kleiner Markt gegenüber. Ironischer weise hilft die Corona-Krise dabei, das CO 2 -Ziel im Jahr 2020 zu erreichen. Denn der Absatz von Benzinern und Diesel-Pkw gab im Zuge der Corona-Krise deutlich nach, während Elektrofahrzeuge in vielen Ländern von (noch) höheren Förderprogrammen profitieren. Der Marktanteil von Elektroautos wird 2020 also deutlich steigen. Im 1. Halbjahr 2020 lag er in der EU bei 7%. Aber noch einmal: Die Transformation bei den Antriebstechnologien ist kein spezifisches Problem der deutschen Automobilindustrie. Die deutsche Automobilindustrie ist aus heu tiger Sicht besser für die „elektromobile" Zukunft gerüstet als der Automobil standort Deutschland, wo sich in den letzten Jahren einige kostenseitige Stand ortfaktoren gegenüber anderen Standorten verschlechtert haben (Steuersätze für Kapitalgesellschaften, Löhne, Strompreise). Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com) 012345 Diesel Benzin Elektroautos* Vollhybride Sonstige H1 2019 H1 2020 * Batterieelektrisch, Plug-in-Hybride, Range Extender, Brennstoffzelle Quelle: ACEA Mio., Einheiten Pkw-Neuzulassungen in der EU-28 nach Antriebsart 7 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 37 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Ausblick auf die Baukonjunktur im Jahr 2020 und darüber hinaus - In vielen Ländern durchlebte der Bausektor während des Lockdowns eine - jedenfalls im Vergleich zu anderen Branchen - milde Krise. Die weltweite Produktion im Bausektor ging im März nur um 12% zurück, stabilisierte sich im April und lag im Sommer wieder auf Vor-COVID-Niveau. Die Baubranche ist also ein wichtiger Stabilitätsfaktor für viele Volkswirtschaften. - Auf den chinesischen und US-amerikanischen Baumarkt entfallen etwa 20% der Weltproduktion. Die beiden Länder bekämpften das Virus auf verschie dene Weise. Aus Sicht des Bausektors waren allerdings beide relativ erfolg reich. Viele Bauindikatoren liegen fast auf oder sogar über dem Vorkrisenni veau. - In den anderen „Big 7"-Ländern war die Entwicklung des Bausektors recht uneinheitlich. Deutschland und Japan schnitten vergleichsweise gut ab. Frankreich, Großbritannien und Indien verzeichneten einen äußerst starken Produktionsrückgang. Im Anschluss kam es in Frankreich und Indien zu ei ner ebenfalls sehr starken V-förmigen Erholung. In Großbritannien war die V-förmige Erholung eher halbherzig. Einige Daten lassen vermuten, dass die Krise in diesen drei Ländern lang anhaltende negative Auswirkungen haben könnte. - Die Pandemie hat vor allem den Gewerbebau nachhaltig getroffen. Der Bü romarkt, der Einzelhandels- und der Hotelmarkt sind vom Lockdown schwer gezeichnet. Viele Anleger erwarten auch nach Corona lang anhaltende ne gative Auswirkungen. Im Gegensatz dazu könnten Cocooning und Home office die Nachfrage nach Wohneigentum erhöhen. - Bereits verabschiedete Steuerpakete und ein mögliches weiteres nach der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl könnten die Produktion von Infra strukturgütern und anderen öffentlichen Gütern ebenfalls erhöhen. - Das Streben nach Rendite verstärkte sich aufgrund der Pandemie. Wieder einmal scheinen die Zinsen für längere Zeit niedrig zu bleiben. Da Immobili eninvestments, insbesondere im Wohnimmobilienmarkt, nach wie vor at traktiver sind als festverzinsliche Wertpapiere, könnte es zu enormen Kapi talzuflüssen in den Immobilienmarkt kommen. Das dürfte in den kommen den Jahren auch dem Bauwesen positive reale Impulse verleihen. - Die jüngsten COVID-19-Daten trüben den globalen Ausblick. Die Lage ist ernst, aber wir rechnen nicht damit, dass sich der Zusammenbruch der ers ten Jahreshälfte 2020 in vollem Umfang wiederholt. Allerdings ist zu erwar ten, dass die weltweite Produktion des Bausektors in den Jahren 2020 und 2021 im Jahresdurchschnitt schrumpfen wird. - Im Jahr 2022 dürfte sich die neue Normalität herausbilden. Die Produktion könnte sich vom gewerblichen Sektor in den Bereich der Wohnimmobilien und in den öffentlichen Sektor verlagern, auch wenn sich die Gesamtpro duktion vielleicht nur wenig verändert. Wir wären nicht einmal überrascht, wenn die Weltproduktion im Jahr 2022 erheblich zulegen würde. Größe des Bausektors Um die Größe der Bauindustrie zu messen, gibt es zwei zentrale wirtschaftliche Konzepte. Nach unseren Berechnungen betrug der Anteil der weltweiten Bau wirtschaft an der Bruttowertschöpfung (Entstehungsseite) 5,6% und an den Bauinvestitionen (Verwendungsseite) 11,4%. In vielen Ländern zählen zu den Was zu erwarten ist _____________________________________ Arbeits- und Wohnflächen bilden das Funda ment der Weltwirtschaft. Trotz ihrer zentralen Rolle für die globale Volkswirtschafte sind Ana lysen über die globale Baukonjunktur dünn ge sät. Im Folgenden sehen wir uns den Sektor sowie künftige Entwicklungen aus der Vogel perspektive an. 0 2 4 6 8 10 12 Bruttowertschöpfung Bauinvestitionen Größe des globalen Bausektors 2 % des globalen nominalen BIP Quellen: Deutsche Bank Research, Eurostat, Weltbank 1 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 38 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Investitionen neben den Produktionsdaten auch Steuern, Nebenkosten und wei tere zusätzliche Faktoren, die nicht in engem Zusammenhang mit der Bautätig keit stehen. Deshalb konzentrieren wir uns nur auf die Produktionsdaten. Insge samt belief sich der Anteil des weltweiten Bausektors in Höhe von 5,6% im Jahr 2019 auf fast USD 5.000 Mrd. zu aktuellen Preisen. In den Schwellenländern macht der Bausektor einen vergleichsweisen größeren Anteil aus als in den In dustrieländern. Auf China und die USA entfallen etwa 20% der weltweiten Sek torproduktion. Auf die Märkte der „Big 7" insgesamt (der Größe nach: China, USA, Japan, Indien, Deutschland, Großbritannien und Frankreich) entfallen etwa 60% der weltweiten Bauproduktion. Im Folgenden nehmen wir diese Märkte unter die Lupe. Von 2011 bis 2019 wuchs der weltweite Bausektor um durchschnittlich rund USD 100 Mrd. jährlich und damit etwas schneller als die Weltwirtschaft insgesamt. Weltweite Bauproduktion erreichte im März einen Tiefpunkt Wir errechneten einen weltweiten Produktionsindex auf der Grundlage von Pro duktionsdaten und nominaler USD-Gewichtung der Bausektoren unserer „Big 7"-Märkte. Der chinesische Lockdown im ersten Quartal und der Lockdown in den USA und Europa vor allem im zweiten Quartal führten zu einer Glättung des Corona-bedingten globalen Produktionsausfalls. Bezogen auf den Dezember 2019 erreichte der Indikator seinen Tiefpunkt im März und fiel um 12%, stabili sierte sich im April und erholte sich danach rasch. Im August lag der Index wie der auf dem Stand vom Dezember. Die wichtige Botschaft lautet also: In vielen Ländern trug der Bausektor dazu bei, die Wirtschaft zu stabilisieren. In einigen Ländern gilt das sogar während der Lockdowns und Ausgangssperren. In den USA und Japan ging die Produktion im April gegenüber Dezember 2019 um etwa 3% zurück. In Deutschland blieb sie unverändert. Allerdings gibt es auch Länder mit massiven Rückgängen. In Frankreich und Großbritannien brach die Produktion von Dezember bis zum Tiefpunkt im April um 64% beziehungsweise 45% ein. Doch selbst dort wurde der Zusammenbruch in den folgenden Mona ten weitgehend ausgeglichen. Im August übertraf die französische Produktion sogar das Niveau vom Dezember. In Großbritannien betrug der Rückgang zu diesem Zeitpunkt „nur" noch -12%. Basierend auf Zementdaten brach die Pro duktion in China von Dezember bis März um 28% 19 und in Indien von Dezember bis April um 86% ein. In China übertraf die Produktion in den Folgemonaten das 19 Basierend auf nicht saisonbereinigten Daten. Die Saisonbereinigung dürfte zu einer etwas gerin geren Schrumpfung führen. Von Ende 2018 bis März 2019 schrumpfte die Reihe nur um 2%. 0 1000 2000 3000 4000 5000 6000 11 12 13 14 15 16 17 18 19 CHN FRA DEU IND JPN UK USA Rest Bausektor: „Big 7" und der Rest 5 USD Mrd. Fußnote: Alle Länder mit mehr als USD 150 Mrd. Bruttowertschöpfung im Jahr 2019 sind gelistet. Quellen: Deutsche Bank Research, IHS Global GmbH, Nationale Behörden, Weltbank 0 1 2 3 4 5 6 7 8 2019: Größe des Baugewerbes (Entstehungsseite) 3 % des nominalen BIP Quellen: Deutsche Bank Research, IHS Global GmbH, Weltbank 95 100 105 110 115 15 16 17 18 19 20 2015-2020 Globale Bauproduktion 4 2015 Jan =100 Quellen: Deutsche Bank Research, Haver Analytics LP, OECD November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 39 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Dezemberniveau, während die Produktion in Indien im August noch 23% unter dem Dezember lag. China, die USA, Japan und Deutschland schnitten relativ gut ab, ... Viele Indikatoren deuten außerdem darauf hin, dass der Bausektor relativ unbe schadet durch die Pandemie kommen könnte, zumindest in den meisten Län dern und im Vergleich zu anderen Sektoren. In den USA gingen die Baugeneh migungen und Baubeginne im April stark zurück, gefolgt von einer außeror dentlich starken Erholung, wobei beide Reihen von Juli bis September jeweils das Vor-COVID-Niveau übertrafen. Auch in China erholte sich der Bausektor rasch vom Lockdown. Zu Beginn des Jahres 2020 lagen neu begonnene Bau projekte sowohl im Wohnungs- als auch im Büromarkt um etwa 50% unter dem Niveau von 2019. Im Laufe des Jahres legte die chinesische Bauwirtschaft aller dings wieder zu. Im September lagen die kumulierten neu begonnenen Baupro jekte nur 4% unter dem Niveau von 2019. Ebenso blieben viele Umfrageindika toren ziemlich solide oder erholten sich schnell. Der PMI im Baugewerbe erholte sich rasch von unter 27 im Februar auf fast 60 im April und liegt seitdem unge fähr auf diesem Niveau. Die Geschäftserwartungen liegen sogar nahe bei 68, was dem höchsten Wert seit November 2018 entspricht. Zu den ersten Sekto ren, die sich erholten, gehörte der Wohnimmobilienmarkt. Die Wohnungsver käufe stiegen im August um 27% gegen Vorjahr. Die Immobilieninvestments verzeichneten im dritten Quartal ein zweistelliges Wachstum von 12%. -22,8 1,0 -11,8 9,1 0,0 -2,8 0,2 0,8 -100 -75 -50 -25 0 25 IN FR UK CN Global JP US DE Tiefpunkt gegenüber Dez-19 Letzter verfügbarer Wert relativ zu Dez-19 2020 Bausektor: Produktion 6 % relativ zum Niveau im Dezember 2019 Hinweis: Produktion = Produktion von Zement in Indien und China Quellen: Deutsche Bank Research, Haver Analytics LP, OECD 6,1 0,0 2,2 1,7 3,2 0,1 6,9 5,7 -1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 IN FR UK CN Global JP US DE 2015-2019 Bausektor: Produktion 7 in % durchschnittliche jährliche Wachstumsraten Hinweis: Produktion = Produktion von Zement in Indien und China Quellen: Deutsche Bank Research, Haver Analytics LP, OECD -50,0 0,0 50,0 100,0 150,0 200,0 250,0 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 China: Zementproduktion in Tonnen 8 2010 Jan = 100, nicht saisonbereinigt Quellen: Deutsche Bank Research, National Bureau of Statistics 20,0 60,0 100,0 140,0 180,0 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 India: Zementproduktion in Tonnen 9 2010 Jan = 100, saisonbereinigt Quellen: Deutsche Bank Research, Ministry of Commerce and Industry November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 40 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    In Deutschland zeigen die wichtigsten Umfrageindikatoren eine Diskrepanz zwi schen der tatsächlichen Situation und den Erwartungen. Auftragsreichweite und Kapazitätsauslastung, zwei vom ifo-Institut erhobene Indikatoren, änderten sich selbst im April während des Lockdowns kaum. Im Gegensatz dazu gingen die Erwartungen im April stark zurück und bewegten sich anschließend seitwärts. Nach unserer Ansicht schätzten die deutschen Bauunternehmen in den letzten zehn Jahren die Zukunftsaussichten allzu vorsichtig ein. Anscheinend geht das während der Pandemie so weiter. Diese Ansicht wird auch durch den sehr ge ringen Rückgang der Wohnbaugenehmigungen untermauert. Die Produktion in Japan war von der Pandemie kaum betroffen. Der Tiefpunkt der Produktion im Vergleich zum Dezember 2019 lag bei -3%. Erreicht wurde er im Juni, zwischen der ersten und der zweiten Infektionswelle. Anscheinend ist der strukturelle Ge genwind durch die alternde Gesellschaft für den Bausektor eine größere He rausforderung als die Gesundheitskrise. Bereits von Dezember 2017 bis De zember 2019 gingen die Baubeginne um mehr als 7% zurück. … in Frankreich, Großbritannien und Indien: Produktion zusam mengebrochen - gefolgt von einer uneinheitlichen Erholung In diesen Ländern führte die epidemiologische Situation annähernd zu einem Stillstand der Bautätigkeit. In Frankreich war nach dem starken Produktionsrück gang, vor allem im April, die anschließende Erholung eindeutig V-förmig. Im Au gust lag das Produktionsniveau geringfügig über dem Niveau von Dezember 2019. Allem Anschein nach könnte allerdings die künftige Produktion negativ beeinflusst werden, da die Wohnungsbaugenehmigungen im August immer noch rund 14% unter dem Niveau vom Dezember lagen. In Großbritannien führte der Lockdown ebenfalls zu einem starken Rückgang der Produktion. Der Aufschwung war jedoch wenig beeindruckend - der schwächste unter den „Big 7". Im August liegt die Produktion immer noch 12% unter dem Vor-COVID Niveau. Schon der Brexit belastete in den letzten Jahren die Aussichten des Gewerberaummarktes. Von 2015 bis 2019 gingen in Großbritannien die Bauge nehmigungen im Jahresdurchschnitt um etwa 25% im Bereich Gewerbe ohne Büro beziehungsweise um 39% im Büroraummarkt zurück. Im ersten Halbjahr 2020 gingen die Genehmigungen im Bereich Gewerbe ohne Büro im zweiten Quartal gegenüber dem Jahresdurchschnitt 2019 um 10% und im Bereich Büro räume um 18% weiter zurück. Im Jahr 2020 schrumpften im gleichen Zeitraum auch die Wohnungsbaugenehmigungen um 17%. In Indien ist die wirtschaftliche -75 -50 -25 0 25 50 75 91 95 99 03 07 11 15 19 Klima Lage Erwartung in den nächsten 6 Monaten Deutschland: ifo-Umfrage Baugewerbe 10 Diffusionsindex, saisonbereinigt Quellen: ifo, Deutsche Bank Research 1 2 3 4 5 50 60 70 80 90 91 95 99 03 07 11 15 19 Kapazitätsauslastung Reichweite des Auftragsbestandes (rechts) linke y-Achse: in % der Kapazität rechte y-Achse: in Monaten Quellen: ifo, Deutsche Bank Research Deutschland: ifo-Umfrage: Kapazitäts auslastung und Auftragsreichweite 11 40 60 80 100 120 15 16 17 18 19 20 Wohnbau Büro Nichtwohnbau UK: Vierteljährliche Baugenehmigungen 13 2015=100, saison- und wöchentäglich bereinigt Quellen: Deutsche Bank Research, Haver 0 20 40 60 80 100 Jan & Feb Mar Apr May Jun Jul Aug Sep Bausektor insgesamt Wohngebäude Bürogebäude 2020 China: Baubeginne 14 Quellen: Deutsche Bank Research, Haver Analytics LP % relativ zum Jahr 2019, seit Jahresbeginn bis heute = kumulierte monatliche Daten 40 80 120 160 15 16 17 18 19 20 FR DE US 2015=100 Monatliche Wohnbaugenehmigungen 12 Quellen: CENSUS, Deutsche Bank Research, Eurostat November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 41 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Lage aufgrund fehlender Daten relativ unklar. Die Zementproduktion brach je doch um 86% ein, und trotz einer V-förmigen Erholung ist im August immer noch ein Minus von 23% im Vergleich zum Vor-COVID-Niveau zu verzeichnen. In den letzten Wochen verbesserten sich jedoch die epidemiologischen Schlüs seldaten. Das lässt uns vermuten, dass sich die Erholung im Bausektor in der Folgezeit fortgesetzt hat. Teilsektoren: Große Unterschiede zwischen den Ländern Ein Blick auf die Teilsektoren der Bauwirtschaft lässt große Unterschiede zwi schen den Ländern erkennen. In Frankreich und Deutschland erholte sich der Tiefbau schneller und stärker als die Produktion im Teilsektor Hochbau. Grund sätzlich dürfte die Annahme zutreffen, dass sich die epidemiologische Situation auf den Bau von Straßen und Infrastruktur weniger stark auswirkt als auf den Bau von Gebäuden, wo die Einhaltung der Abstandsregeln schwieriger sein könnte. Darüber hinaus können auch fiskalische Impulse eine Rolle spielen. In China stützte sich die Erholung auch auf Infrastrukturinvestitionen, die in den ersten drei Quartalen des Jahres 2020 um magere 0,2% gegenüber dem Vor jahr zulegten. Starke Impulse gingen von der Unterstützung durch die Finanzpo litik aus. Der Gesamtumfang des staatlichen Finanzpakets für das Jahr 2020 be läuft sich nach unseren Schätzungen auf etwa 6% des BIP, wovon etwa die Hälfte in öffentliche Investitionen fließt. Der fiskalische Impuls lässt allerdings nach. Nachdem die Wachstumsrate im Mai ihrem Höchststand von fast 11% ge genüber dem Vorjahr erreicht hatte, fiel sie im September auf unter 5%. Die Wirtschaft steht auf einer soliden Grundlage und es scheint nicht nötig zu sein, dass der Staat öffentliche Investitionen weiter forciert. In den USA hatten die von den neuen Konjunkturpaketen ausgehenden wichti gen Impulse keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Auftragsbücher der Bau industrie. Allerdings half insbesondere das CARES-Gesetz kleinen Unterneh men, Entlassungen zu vermeiden. Derzeit scheint sich die fehlende Einigung auf ein weiteres Konjunkturpaket im Kongress negativ auf den Bausektor auszu wirken. Ausweislich der Lohn- und Gehaltsdaten hat der Aufschwung im Bau sektor im Verlauf der Sommermonate an Kraft verloren. Im August lagen die ge samten Personalausgaben im Bausektor immer noch vier Prozentpunkte unter dem Niveau vom Dezember 2019. Im Tiefbau waren es sogar zehn Prozent punkte weniger. Nach den Präsidentschaftswahlen am 3. November sollten zu sätzliche Impulse die Konjunktur wieder stützen. In unserem Grundszenario ge hen wir von weiteren Konjunkturmaßnahmen in Höhe von USD 750 Mrd. bis 90 100 110 120 130 140 15 17 19 Baugewerbe Tiefbau Hochbau 2015=100 Deutschland: Produktion 16 Quellen: Deutsche Bank Research, Eurostat 30 45 60 75 90 105 120 15 17 19 Baugewerbe Tiefbau Hochbau 2015=100 Frankreich: Produktion 17 Quellen: Deutsche Bank Research, Eurostat -12 -9 -6 -3 0 % relativ zum Niveau im Dezember 2019 Quellen: BLS, Deutsche Bank Research US-Baugewerbe Untersektoren: Aggregierte wöchentliche Lohnsumme 18 40 80 120 160 15 16 17 18 19 20 JP US 2015=100 Wohnbau: Baubeginne 15 Quellen: CENSUS, Deutsche Bank Research, OECD -20 -10 0 10 20 19 20 Ausbaugewerbe Hochbau Tiefbau US-Baugewerbe Untersektoren: Aggregierte wöchentliche Lohnsumme 19 % gg Vm. Quellen: BLS, Deutsche Bank Research November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 42 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    1.000 Mrd. aus. Allerdings sind diese Prognosen je nach Wahlergebnis mit Auf wärts- und Abwärtsrisiken behaftet, denn die beiden Parteien haben sehr unter schiedliche Ansichten darüber, wie die nächste Phase der Konjunkturmaßnah men aussehen soll. Ein vollständiger Biden-Triumph, falls also die Demokraten die Präsidentschaftswahlen sowie die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat gewinnen, könnte zu großen Infrastrukturausgaben führen. Im Gegensatz dazu könnten ein gespaltener Kongress und ein Sieg von Trump zur Folge ha ben, dass das Konjunkturpaket deutlich kleiner ausfällt. Die aktuelle epidemiologische Situation ist weniger besorgniserre gend als im März, ... Die weltweite Produktion im Bausektor steht über die Wintermonate vor einer weiteren Herausforderung. Allerdings könnte die heutige Situation leichter zu bewältigen sein als die in der ersten Hälfte des Jahres 2020. Erstens sind die Infektionsraten in China und anderen Ländern sehr niedrig. Angesichts der Ri gorosität, mit der die chinesische Regierung die Krankheit bekämpft, scheint eine weitere schwere Gesundheitskrise unwahrscheinlich. Zweitens waren im ersten Monat der Pandemie die anfänglichen Einschätzungen der Sterblichkeit weit übertrieben und in vielen Ländern gibt es heute eine geringe oder gar keine Übersterblichkeit. Drittens besteht aus wirtschaftlicher Sicht ein Hoffnungs schimmer darin, dass nach allem, was wir wissen, Fabriken und Baustellen sehr selten Infektionsherde waren. Der Bausektor hat also die Chance, mit einem blauen Auge davonzukommen. ... aber immer noch eine große Herausforderung Im Sommer war die Zahl der schwer beziehungsweise lebensbedrohlich er krankten Patienten relativ konstant und lag weltweit unter 70.000. In den letzten Wochen verschlechterte sich die Situation. Die Marke von 80.000 wurde schnell überschritten. Mit einer Art von Teil-Lockdowns und weiteren Kontaktbeschrän kungen war daher zu rechnen. In Frankreich verschlechterte sich die Situation besonders stark. Daraufhin wurde am 28. Oktober ein landesweiter Lockdown angekündigt. Auch in Deutschland ist für den November ein Teil-Lockdown an geordnet. Die verfügbaren Informationen deuten darauf hin, dass die geplanten Einschränkungen hauptsächlich private Haushalte und Unternehmen im Dienst leistungssektor betreffen. Die Bauarbeiten können also zumindest vorerst mehr oder weniger unbehelligt weitergehen. Indirekte Auswirkungen durch weitere Kontaktbeschränkungen können jedoch insbesondere im Jahr 2021 erneut tiefe Spuren in Auftragsbüchern und Produktion hinterlassen. Unter den großen Län dern der westlichen Welt steht Deutschland noch vergleichsweise gut da. An dere Länder könnten also ähnliche Maßnahmen ergreifen. Unter dem Strich heißt das, dass sich die Aussichten verschlechtern. Wir rechnen aber nicht da mit, dass sich die historische Rezession der ersten Jahreshälfte wiederholt. Es wird schlimmer, bevor es besser wird Der Ausblick für 2021 hängt auch stark von den Aussichten im Hinblick auf die Verfügbarkeit eines Impfstoffes ab. Wir gehen davon aus, dass im Sommer 2021 weltweit mit der flächendeckenden Impfung begonnen wird. Es kann aber noch einige Zeit dauern, bis Herdenimmunität erreicht ist. Ein guter Impfstoff kann allerdings nicht nur Leben retten, sondern auch die Lebensgeister wieder wecken. Das dürfte einer vollständigen und nachhaltigen wirtschaftlichen Erho lung den Weg ebnen. November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 43 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Nach 2021: Das Streben nach Rendite könnte die Nachfrage sti mulieren, ... Die Pandemie hat das Streben nach Rendite bei globalen Investoren deutlich verstärkt. Billionen öffentlicher und privater Schulden bieten eine sehr niedrige, keine oder eine negative Rendite. Zum Vergleich: Der weltweite Markt für fest verzinsliche Wertpapiere belief sich schon vor COVID-19 auf rund USD 200.000 Mrd. Die durch COVID-19 bedingte Ausgabe neuer Anleihen führte zu einer weiteren Erhöhung des Betrags der ausstehenden Schulden. Zudem versetzte die Pandemie den Erwartungen höherer Zinsen auf Jahre hinaus einen deutli chen Dämpfer. Diese Entwicklungen schaffen starke Anreize, den Anteil der Im mobilien an den weltweiten Vermögen zu erhöhen. Wenn riesige Beträge in den Immobilienmarkt umgeschichtet werden, dürfte das die Immobilienpreise stüt zen. Mietsteigerungen könnten durch ein gedämpftes Wirtschaftswachstum ge bremst werden, da die Folgen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, insbeson dere künstlich am Leben gehaltene „Zombieunternehmen", auf Jahre hinaus eine Belastung darstellen könnten. Infolgedessen würden die Mietrenditen sin ken. Solange sie jedoch deutlich über den Renditen von Staatsanleihen liegen, dürften die Anleger weiterhin Kapital in den Immobilienmarkt umschichten. ... vor allem im Wohnungsbau Das gilt insbesondere für den Wohnungsmarkt, der im Vergleich zum gewerbli chen Immobilienmarkt als weniger risikoreich und in vielen Ländern als von der Pandemie weniger stark beeinträchtigt angesehen wird. Im gewerblichen Sektor erhöhen das Arbeiten von zu Hause, der Boom des Onlinehandels auf Kosten der traditionellen Einzelhändler sowie die negativen Auswirkungen auf den Ho telmarkt das Risiko von Überkapazitäten. Die große Frage lautet, ob die durch die Pandemie verursachten Verhaltensänderungen auch nach Corona beibehal ten werden. Viele Anleger nehmen vielleicht an, dass die Nachfrage nach Ge werbeflächen wesentlich geringer sein könnte, und bevorzugen den Wohnsek tor. Die Immobilienpreise entwickelten sich im Großen und Ganzen im Einklang mit diesen Überlegungen. Im zweiten Quartal 2020 sind die Preise für Wohnim mobilien gegenüber dem Jahresende 2009 in sechs der „Big 7"-Länder gestie gen, in einigen Fällen sogar deutlich. Im Gegensatz dazu entwickelten sich die Preise für Gewerbeimmobilien in der gleichen Zeitspanne relativ schleppend. Drohende Immobilienblasen _____________________________________ In einigen Ländern könnten die weiteren An stiege der Preise für Wohnraum zu starken Überbewertungen oder sogar zu einer Immobi lienblase führen. Das gilt für Deutschland, wo die Pandemie den Boom, der vor mehr als zehn Jahren begann, nicht beendet hat. Die Überhitzung des Immobilienmarktes ist auch in China ein Risiko. Die staatlichen Stellen ergrif fen im dritten Quartal verschiedene Gegen maßnahmen. So führte eine Reihe von Städten Beschränkungen für Hauskäufer ein. Auch die Aufnahme von Krediten durch Bauträger wurde eingeschränkt. Die Folge davon war, dass die Immobilienverkäufe ebenso wie das Preis wachstum im September nachließen. 80 130 180 230 280 330 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 CHN FRA DEU IND JPN GBR USA Nominale Wohnimmobilienpreise 21 2010=100 Hinweis: Letzter Datenpunkt: Q2, Ausnahme: China Q3 Quellen: Deutsche Bank Research, OECD 20 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 44 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Auswirkungen auf den Bausektor Diese Entwicklungen im Finanzmarkt haben möglicherweise auch große Auswir kungen auf den Bausektor. Angesichts dessen, dass die Wohnraumpreise die Preise für Gewerbeflächen übersteigen, ziehen Bauträger möglicherweise Wohnprojekte den Gewerbeprojekten vor. Ist das Arbeiten von zu Hause die neue Normalität, wird auch die Nachfrage nach Büroraum zurückgehen und die Nachfrage nach Wohnraum steigen. Infolgedessen könnte sich für den globalen Bausektor eine höhere Nachfrage nach Produkten für den Wohnungsmarkt und eine geringere Nachfrage für den gewerblichen Immobilienmarkt ergeben. Inter national vergleichbare Daten über die Größe der Teilsektoren sind nur schwer zu bekommen. Der deutsche Markt dürfte jedoch eine hilfreiche Bezugsgröße sein. Dort entfallen etwa 60% der Produktion auf den Wohnungsmarkt, 30% auf den gewerblichen Markt und etwa 10% auf den öffentlichen Sektor. Obwohl es sicherlich länderspezifische Unterschiede gibt, haben wohl alle Länder gemein, dass der Wohnbau größer ist als der Gewerbebau. Ein weiteres Beispiel sind die USA. Basierend auf dem Ausgabenansatz entfallen rund 55% der Bauinves titionen auf den Wohnungsbau und 45% auf den Gewerbebau. Wir erwarten, dass der Sektor insgesamt wachsen dürfte. Deshalb gehen wir davon aus, dass der mögliche Nachfragerückgang im gewerblichen Immobilienmarkt durch eine zusätzliche Nachfrage im Wohnungsmarkt ausgeglichen wird. Darüber hinaus könnte auch der öffentliche Sektor aufgrund der riesigen Konjunkturpakete an Bedeutung gewinnen. Wie oben bereits erläutert, könnte das vor allem dann der Fall sein, falls ein Biden-Triumph ein großes Infrastruktur-Investitionsprogramm in Gang setzte. -1 0 1 2 3 4 CHN FRA DEU IND JPN GBR USA Nominale Wohnimmobilienpreise 22 % in Q2 2020 relativ zu Q4 2019 Quellen: Deutsche Bank Research, Haver Analytics LP, OECD 80 100 120 140 160 180 200 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 DE, Büro DE, Einzelhandel US-Gewerbeimmobilien China, Peking Nominale Gewerbeimmobilienpreise 23 2010=100 Hinweis: Letzter verfügbarer Datenpunkt: Q2 Sources: BIS, Deutsche Bank Research November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 45 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Globaler Ausblick auf die Produktion im Jahr 2020 und darüber hinaus Angesichts der ungewöhnlichen Unsicherheitsmargen ist es unserer Ansicht nach wenig hilfreich, zwischen einem Basisszenario und einem Abwärtsszenario zu unterscheiden. Stattdessen geben wir Bandbreiten plausibler Entwicklungen an. Wir sind der Auffassung, dass die globale Produktion in den kommenden Jahren von drei Phasen bestimmt werden könnte. Die erste Phase dauert von heute bis März 2021. In diesem Zeitraum werden die epidemiologische Entwick lung sowie die Auswirkungen der Teil-Lockdowns die Entwicklung der Bauleis tung dominieren. Im besten Fall wird der Bausektor kaum betroffen und die Pro duktion bleibt über den Winter stabil. Dieses Szenario bedeutet, dass die negati ven epidemiologischen Entwicklungen in Europa und den USA das erwartete Wachstum in China ausgleichen. Wir prognostizieren, dass die chinesischen Gesamtinvestitionen in Sachanlagen, die sich aus Fertigungs-, Infrastruktur- und Immobilieninvestitionen zusammensetzen, für das Gesamtjahr 2021 um 7% wachsen werden. Unsere Annahme des schlimmsten Falls ist ein weltweiter Produktionsausfall in Höhe von zwei Dritteln des Produktionsausfalls der ersten Jahreshälfte. Demnach würde die Produktion von September 2019 bis März 2020 um fast 8% schrumpfen. In der zweiten Phase von April bis Dezember 2021 wird ein Produktionswachstum erwartet. Eine verbesserte epidemiologi sche Situation während der Sommermonate dürfte ebenso wie Fortschritte an der Impfstofffront für eine Wiederbelebung der Wirtschaft sorgen. Obwohl die Einführung des Impfstoffs wahrscheinlich einige Zeit in Anspruch nehmen wird, ist nach unserer Auffassung die Annahme vernünftig, dass im Sommer 2021 ein Deutsche Bank Research FX Prognosen (03.11.2020) _____________________________________ Aktuell Dez 2020 Dez 2021 Dez 2022 EUR/USD 1,18 1,20 1,25 1,30 USD/JPY 105 100 90 95 EUR/JPY 124 120 113 124 USD/FX 0,77 0,80 0,76 0,72 EUR/GBP 0,91 0,96 0,95 0,93 GBP/USD 1,29 1,25 1,32 1,40 USD/CNY 6,81 6,80 6,50 6,50 EUR/CNY 7,90 8,16 8,13 8,45 USD/INR 73,42 75,00 77,00 EUR/INR 86,52 90,00 96,25 Quellen: Nationale Behörden, Deutsche Bank Research, Bloomberg Finance LP, Datastream -2 -1 0 1 2 3 DE, Büro DE, Einzel handel US-Gewerbe immobilien China, Peking (Wohn und Gewerbeimmobili en) Nominale Gewerbeimmobilienpreise 24 % in Q2 2020 relativ zu Q4 2019 Quellen: BIZ, Deutsche Bank Research 95 100 105 110 115 120 125 130 15 16 17 18 19 20 21 22 Historie 'Jan 2015 bis Dez 2019'-Trend 2015-2022 Globale Bauproduktion 25 2015 Jan =100, Quellen: Deutsche Bank Research, Haver Analytics LP, OECD Phase 1 2 3 26 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 46 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    relativ sicherer Impfstoff zur Verfügung steht. Wir gehen außerdem davon aus, dass ein weiterer Lockdown Ende 2021 vermieden werden könnte. Im Jahr 2022 wird sich die neue wirtschaftliche Normalität herausbilden. Im schlimmsten Fall überwiegt die geringere Nachfrage nach Gewerbeimmobilien die potenziell höhere Nachfrage nach Wohnimmobilien und die zusätzliche Nachfrage aus dem öffentlichen Sektor. Im positiven Fall tritt das Gegenteil ein und das welt weite Produktionsniveau steigt deutlich an. Die Untergrenze der in der Grafik 25 schattiert dargestellten Prognose impliziert die folgenden Wachstumsraten im Jahresdurchschnitt: 2020: -1,1%, 2021: -4,3% und +1,5%. Die Obergrenze im pliziert 2020: -0,3%, 2021: +2%, 2022: +5,4%. Benchmark: Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 2015 bis 2019 betrug 2,7%. Unsere Ober- und Un tergrenzen zeigen also aus historischer Sicht potenziell große Ausschläge. Die Unternehmenszahlen können aber auch stark von den Wechselkursen abhän gen. Tabelle 26 enthält den Überblick über unsere Prognosen für die großen Währungspaare. Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) Sanjay Raja (+44 20 754 50530, sanjay.raja@db.com) Yi Xiong (+852 2203 6139, yi.xiong@db.com) November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 47 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Politische und öffentliche Debatte über Deutsch lands Corona-Politik nimmt zu - Während Umfragen eine breite Unterstützung für den Regierungskurs in der Pandemie zeigen, gewinnt die politische Auseinandersetzung an Fahrt. Ab geordnete aller Parteien diskutieren die rechtlichen Grundlagen der Ein schränkungen und die Rolle der Parlamente bei den Entscheidungen. - Der für Dezember geplante CDU-Parteitag wird nun wohl Mitte Januar statt finden. Über die genauen rechtlichen und technischen Möglichkeiten wird auf der CDU-Vorstandssitzung am 14. Dezember entschieden. Wegen der hohen Infektionszahlen haben Bund und Länder substanzielle Ein schränkungen für den November beschlossen. Zur Mitte des Monats soll die Ef fektivität der Maßnahmen beurteilt werden. Bisher konnten sich die politisch Verantwortlichen für ihr Krisenmanagement auf breite öffentliche Unterstützung verlassen (s. Grafik). Eine neue Umfrage (ARD DeutschlandTrend Extra) zeigt allerdings, dass sowohl der Anteil derer, die striktere Maßnahmen unterstützen, gestiegen ist (32%) als auch derer, denen die Einschränkungen zu weit gehen (15%). Dies legt nahe, dass die Meinungen über die richtige Balance der Pan demiebekämpfung konfrontativer werden, selbst wenn eine Mehrheit der Bevöl kerung den Kurs noch mitträgt. Die Politik bleibt gefordert, mit besseren Erklä rungen die Bereitschaft der Bevölkerung zur Einhaltung der (auch freiwilligen) Regeln sicherzustellen. Kanzlerin Merkel hat in ihrer jüngsten Regierungserklä rung im Bundestag und nochmal in einer PK am 2.11. sicher auch deshalb aus führlich zu den politischen und rechtlichen Beweggründen und den Zielen der jüngsten Beschlüsse Stellung genommen. Nachdem die Pandemie länger als vielfach gedacht andauern wird, hat sich eine stärkere politische Debatte an zwei Fragen entzündet: Erstens, stößt der Föderalismus nach seinen anfänglichen Erfolgen im Krisenmanagement nun an seine Grenzen? Zweitens, sollten die Parlamente stärker an den Entscheidun gen über Krisenmaßnahmen beteiligt werden? Viele Beobachter führen das bisher erfolgreiche deutsche Krisenmanagement auch auf seine föderalen Strukturen und die Möglichkeit, lokal und regional zü gig auf das Infektionsgeschehen zu reagieren, zurück. In der Tat hat sich diese Flexibilität als Vorteil erwiesen. Inzwischen werden aber Stimmen lauter, die die bisherige Situation v.a. als Flickenteppich unterschiedlicher Regeln bewerten. Dies kann schlimmstenfalls dazu führen, dass sich das inkonsistente Regelwerk als wenig effektiv erweist und seine Intransparenz die Bereitschaft, die Regeln auch einzuhalten, mindert. So stießen die von den einzelnen Bundesländern er lassenen unterschiedlichen Reisebeschränkungen auf besondere Kritik (auch rechtlich). Freilich sind Maßnahmen, die den Alltag der Menschen am meisten verändern (Schulen, Öffnungszeiten, private und öffentliche Kontaktbeschrän kungen), Länderkompetenz. Umso erfreulicher, dass das Treffen von Kanzlerin Merkel mit den 16 Ministerpräsidenten letzte Woche zu einer einvernehmlichen Entscheidung über den bundesweiten Lockdown light geführt hat. Im Nachgang haben die Bundesländer mit Regierungserklärungen der MP und mit parlamen tarischen Sondersitzungen die Beschlüsse (mit geringen Modifikationen) in ent sprechende Verordnungen überführt. MP Söder - sicher unverdächtig, Länder kompetenzen voreilig preiszugeben - hatte kürzlich zudem Bayerns Bereitschaft erklärt, die Regelungskompetenz für gewisse Aspekte dem Bund zu übertragen, um bundesweit einheitliche Regeln zu gewährleisten. Damit dürfte die föderale Kompetenzteilung und gleichzeitig die Notwendigkeit, eine konsistente Krisen strategie zu betreiben, wichtiger Diskussionspunkt für die weiteren Bund-Län der-Treffen bleiben. 87 86 79 54 0 2 04 06 08 0 1 0 0 Ausweitung der Maskenpflicht Begrenzung von privaten Feiern Begrenzung von Kontakten in der Öffentlichkeit Sperrstunde Quelle: Politbarometer, 23. Oktober 2020 % der Befragten, die Maßnahme für richtig halten Die meisten stimmen strengeren Maßnahmen zu 1 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 48 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Der andere Aspekt der zunehmenden Debatte dreht sich um die rechtlichen Vo raussetzungen für eine (zu?) starke Exekutivlastigkeit der Krisenpolitik und die Rolle der Parlamente, was sich auch in einer steigenden Anzahl von Befassun gen der Gerichte mit einzelnen Maßnahmen widerspiegelt. Hintergrund ist, dass nicht nur die Bundesregierung, sondern auch die Landesregierungen seit der Feststellung der landesweiten Pandemielage durch den Bundestag im März er mächtigt sind (derzeit begrenzt bis März 2021), per Rechtsverordnungen di verse Grundrechte einzuschränken. Dies war zu Beginn der Pandemie sicher lich angebracht, aber angesichts ihres Fortdauerns wachsen die Bedenken un ter den Juristen und den Parlamentariern über eine reine Verordnungspolitik. Abgeordnete nicht nur der Oppositionsparteien, sondern auch von CDU/CSU und SPD, dringen darauf, die Krisenpolitik im Bundestag bzw. den Länderparla menten stärker und für die Öffentlichkeit nachvollziehbarer zu debattieren. Zu dem wird die mangelnde Bestimmtheit der Ermächtigungsgrundlagen im Infekti onsschutzgesetz kritisiert und soll präziser und damit rechtssicherer formuliert werden. SPD und die FDP haben sich mit entsprechenden Vorschlägen geäu ßert, zu denen sog. „Sunset clauses" gehören, um die Verhältnismäßigkeit der Regeln sicherzustellen oder einen parlamentarischen Entscheidungsvorbehalt bei Verordnungen. Das BMG arbeitet ebenfalls an einer Reform des Infektions schutzgesetzes. Eine breitere und öffentliche parlamentarische Debatte auf Bundes- und Länderebene über die (verfassungs-)rechtlichen und demokrati schen Grundlagen der z.T. sehr weitreichenden Krisenmaßnahmen ist wün schenswert. Sie dürfte nicht nur dazu beitragen, ein breites Verständnis der Be völkerung für den Kurs der Politik in Pandemiezeiten zu sichern, sondern würde Corona-skeptischen Bewegungen auch das Argument entziehen, das Vorgehen der Exekutive sei vermeintlich nicht demokratisch legitimiert. Angesichts des dynamischen Infektionsgeschehens hatte der CDU-Vorstand einhellig beschlossen, den für Anfang Dezember geplanten Parteitag erneut zu verschieben - ohne sich auf ein neues Datum festzulegen. Dies stieß auf hef tige Kritik v.a. von Friedrich Merz, aber auch einigen Landesverbänden. Über das Wochenende wurde der schwelende Konflikt über Termin und Format der Wahl nun beigelegt. Die drei Kandidaten Laschet, Merz und Röttgen haben den CDU-Vorstand gebeten, Mitte Januar 2021 den Parteitag durchzuführen. Über das Verfahren sowie die rechtlichen und technischen Möglichkeiten soll auf der CDU-Vorstandssitzung am 14. Dezember entschieden werden. Während weiter hin ein Präsenzparteitag der 1001 Delegierten präferiert wird, gilt andernfalls ein Online-Parteitag mit digitaler Wahl des Bundesvorstands als wahrscheinlich. Um digitale Parteitage rechtssicher zu machen, v.a. hinsichtlich der Personalwahlen, hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags zwischenzeitlich um Empfehlungen dazu gebeten. Auch Vertreter anderer Parteien zeigten große Bereitschaft, das Parteiengesetz (oder gegebenenfalls auch das Grundgesetz) so anzupassen, dass Parteitage virtuell unter Pandemiebedingungen Personalentscheidungen treffen können. Ob sich die erneute Verschiebung des Parteitags zugunsten des einen oder des ande ren Kandidaten auswirken könnte - Merz führt derzeit in Umfragen (laut Civey für Spiegel sprechen sich 26% der Befragten für ihn aus; aktuelle Mitgliederbe fragung der Jungen Union 51,6% pro Merz) - ist offen. Ebenso ist offen, ob sich die parteiinterne Kontroverse über das weitere Verfahren auf die Umfragewerte der CDU/CSU auswirkt (s. Grafik). Auf jeden Fall wird der Zeitplan für die CDU zu Beginn des Wahljahres 2021 immer voller, mit dem Parteitag und der Wahl des Parteivorsitzenden Mitte Januar, den im März anstehenden Landtagswah len in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sowie der Nominierung des ge meinsamen Kanzlerkandidaten der CDU/CSU rechtzeitig zum Auftakt der hei ßen Phase des Wahlkampfs. Barbara Böttcher (+49 69 910-31787, barbara.boettcher@db.com) Ursula Walther (ursula.walther@db.com) 43,7 18,3 11,2 16,3 10,5 0 2 04 06 08 0 1 0 0 Ja, auf jeden Fall Eher ja Unentschieden Eher nein Nein, auf keinen Fall Quelle: Spiegel, 22. Oktober, 2020. Sollten die Landesparlamente und der Bundestag stärker an Corona-Entscheidungen beteiligt werden? (in %) Wunsch nach mehr Beteiligung der Parlamente an Corona-Entscheidungen 2 2,6 1,6 1,5 1,3 1,2 0,7 0,6 -0,1 - 10123 A. Merkel (CDU) M. Söder (CSU) J. Spahn (CDU) O. Scholz (SPD) R. Habeck (Grüne) A. Baerbock (Grüne) A. Laschet (CDU) F. Merz (CDU) Quelle: Forschungsgruppe Wahlen Politbarometer Oktober "Was halten Sie von?...", Skala von +5 (höchste Meinung bis -5 (niedrigste Meinung) Beurteilung deutscher Spitzenpolitiker nach Sympathie und Leistung 3 Zu den 10 beliebtesten Politiker zählen auch H. Maas (SPD, 1.2) und H. Seehofer (CSU, 0.3). 35,6 15,7 10,0 6,1 7,9 19,2 5,5 32,9 20,5 12,6 10,7 9,2 8,9 5,2 0 5 10 15 20 25 30 35 40 CDU/CSU SPD AfD FDP Linke Grüne Sonstige Aktuelle Umfragen* Bundestagswahl 2017 % der Stimmen Aktuelle Stärke der Parteien & Ergebnis der Bundestagswahl 2017 4 Quelle: Wahlrecht.de, 3. November 2020 * Durchschnitt der Ergebnisse jüngster Umfragen führender Meinungsforschungsinstitute (Forsa, Kantar, FG Wahlen, INSA, Allensbach) November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 49 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Offene Grenzen in der EU sind auch für Deutsch land von entscheidender Bedeutung - In ganz Europa steigen die COVID-19-Infektionszahlen an, wobei sich je doch das Tempo der Ausbreitung und das Ausmaß der jeweils ergriffenen Gegenmaßnahmen unterscheiden. - Im Zuge der ersten Infektionswelle wurden Grenzen zwischen den EU Mitgliedstaaten geschlossen, was den Binnenhandel und die Wirtschaft in Mitleidenschaft zog. - Offene Grenzen sind eine wesentliche Errungenschaft des europäischen Binnenmarkts. COVID-19 gefährdet nun gerade diese zentrale Vorausset zung für einen reibungslosen Handel und die Freizügigkeit der Arbeitskräfte. - Das gestiegene Bewusstsein der Regierungen für die Notwendigkeit der grenzüberschreitenden wirtschaftlichen Zusammenarbeit hat zu verstärkten Anstrengungen auf EU-Ebene geführt, die nationalen COVID-19 Maßnahmen besser zu koordinieren. Dies sollte weitere Grenzschließungen verhindern - jedenfalls, soweit sie den freien Verkehr von Gütern und Ar beitskräften (geschäftliche und berufliche Kontakte) behindern. Reisebeschränkungen treffen den Binnenmarkt ins Herz Um dem starken und raschen Anstieg von Coronavirus-Ansteckungen in Europa entgegenzuwirken, haben Regierungen in den letzten Tagen und Wochen die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus verschärft. Dazu gehören Teil-Lock downs, wie sie kürzlich von Frankreich und Deutschland in einer scheinbar koor dinierten Weise verhängt wurden. Unter diesen Umständen sind nicht notwen dige Reisen nicht weiter erwünscht und wurden daher eingeschränkt. So dürfen beispielsweise in Deutschland Hotels und andere Unterkünfte im November keine Touristen beherbergen. Der grenzüberschreitende Verkehr war schon zu vor bereits weitgehend eingeschränkt durch Reisewarnungen, häufig kombiniert mit Quarantäne- oder Testanforderungen. Auch Deutschland hat zu solchen Maßnahmen gegriffen und seit Mitte Juli immer mehr europäische Länder und Regionen aufgrund der Infektionszahlen zu Risikogebieten erklärt. 20 Zurzeit sind alle EU-Staaten auf der deutschen Risikoliste, entweder ganz oder mit bestimm ten Regionen (nur das EFTA-Land Norwegen wird nicht als Risikogebiet einge stuft). Auslandsreisen sind nach wie vor erlaubt, auch wenn davon abgeraten wird. Reisende aus Risikogebieten müssen sich nach der Ankunft in Deutsch land selbst isolieren (einige Ausnahmen gelten z.B. für Grenzgänger oder Tran sitreisende). Am 8. November sollen neue Regelungen in Kraft treten; die Isola tion wird dann auf 10 Tage verkürzt. Sie kann frühestens nach 5 Tagen durch Vorlage eines negativen Testergebnisses beendet werden (aktuell: 14 Tage Iso lation oder Vorlage eines aktuellen negativen Testergebnisses). Für die Umset zung der Vorgaben sind die Länder zuständig, sodass möglicherweise innerhalb Deutschlands unterschiedliche Regelungen gelten werden. 21 Zudem beschloss die Bundesregierung vergangene Woche, dass Personen, die wegen einer ver meidbaren Reise in ein Risikogebiet in Quarantäne müssen und daher nicht zur Arbeit gehen können, künftig keinen Anspruch auf Verdienstausfall haben. Ne ben dem Infektionsrisiko und der Unsicherheit über die Qualität der örtlichen Gesundheitsversorgung schrecken solche Auflagen die Menschen von Reisen in Risikogebiete ab. Insofern sind Reisewarnungen durchaus effektiv und wirken 20 Laut dem Auswärtigen Amt können Reisewarnungen ergehen (oder erneut ergehen), wenn die Gesamtzahl der Neuinfektionen in einem Land oder einer Region in den vergangenen sieben Ta gen auf über 50 pro 100.000 Einwohner ansteigt. 21 Auswärtiges Amt und Bundesministerium für Gesundheit. November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 50 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    sich in der Praxis kaum anders aus als Reiseverbote (vgl. Aktueller Kommentar, 28. September 2020). Auch andere Länder haben vergleichbare Reisebeschränkungen verhängt. Dies führt zu einem sich ständig ändernden Flickenteppich der Regelungen in Eu ropa, was die Bewegungsfreiheit zusätzlich einschränkt. Im Sinne einer besse ren Abstimmung einigten sich die EU-Länder vor Kurzem auf ein Ampelsystem, das Regionen anhand der Infektionszahlen einstuft. Die gemeinsame Daten bank wird zumindest für eine gewisse Klarheit sorgen. Dies gilt vor allem für „grüne" Regionen mit niedrigem Infektionsrisiko, für die keinerlei Reiseein schränkungen verhängt werden sollen. Bei „orangen" und „roten" Regionen mit mittlerem bis hohem Infektionsrisiko bleibt die Lage nach wie vor uneinheitlich und komplex. Verbunden mit diesem Durcheinander bei den Reiseeinschränkungen besteht zudem die Sorge, dass das Schengen-Abkommen und dessen Vision von ei nem passfreien, grenzenlosen Europa Schaden nehmen könnten (vgl. Grafik 1 und Aktueller Kommentar, 7. April 2020). Dabei geht es um das Herzstück der europäischen Integration: Ein funktionierender Schengen-Raum ist von zentra ler Bedeutung für den Binnenmarkt, vor allem im Hinblick auf den freien Güter- und Personenverkehr, wie EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union 2020 betont hat. Inzwischen funktioniert der Schen gen-Raum wieder besser als zu Beginn der Pandemie, als die Länder ihre Gren zen einseitig schlossen, sodass Gütertransporte und Reisende an einigen Grenzübergängen festsaßen. Auch Deutschland hat zu dieser Aushöhlung des Binnenmarkts und der europäischen Solidarität beigetragen, indem es Exporte von medizinischen Gütern stoppte und so Lieferketten im Handel mit Italien ge fährdete. Darüber hinaus führte die frühe Schließung der deutschen Grenzen zu Lkw-Staus an der polnischen Grenze. Inzwischen wurden diese drastischen Maßnahmen wieder aufgehoben. Dennoch sind die sich laufend ändernden, restriktiven Vorschriften für einen Grenzübertritt weder für die Menschen noch für die Unternehmen zufriedenstellend, die sich auf das Versprechen eines offe nen Europas verlassen und in dieser Hinsicht Planungssicherheit benötigen. Auch heizen die Reisebeschränkungen ohnehin schon bestehende politische Spannungen zwischen den Schengen-Ländern an und drohen, das Abkommen auszuhöhlen. Wirtschaftliche Implikationen von Reisebeschränkungen Zwischen den Ländern der EU bestehen enge wirtschaftliche Beziehungen, so wohl entlang der Wertschöpfungsketten als auch im Handel. Daher spielt der Umfang von Reisebeschränkungen eine wichtige Rolle, wenn es um die wirt schaftlichen Auswirkungen der Krise geht. 22 Einige EU-Länder sind aufgrund ih rer intensiven Einbindung in den Handel bzw. die Wertschöpfungsketten beson ders anfällig. Dies gilt insbesondere für Deutschland, das im Zentrum des euro päischen Handelsnetzes liegt - zusammen mit anderen großen Ländern (FR, IT, ES), kleinen, offenen Volkswirtschaften (AT, BE, NL, CH) und den Visegrad Ländern (CZ, HU, PL, SK) (vgl. Grafik 2 und Deutschland-Monitor, 8. Juni 2020). Für Deutschland ist Europa ungeachtet der Globalisierung nach wie vor der wichtigste Handelsraum: Im Jahr 2019 belief sich der Anteil europäischer Länder (EU-27, Großbritannien, EFTA 23 und weitere Länder) an den gesamten 22 In ihrer Frühling-Konjunkturprognose vom Mai 2020 benennt die EU-Kommission die mangelnde Abstimmung zwischen den EU-Ländern, vor allem in Bezug auf die Freizügigkeit der Arbeitskräfte, als ein Risiko, das sich auf die Konjunkturerholung auswirken kann. 23 European Free Trade Area (EFTA): Island, Liechtenstein, Norwegen, Schweiz. Diese Länder ge hören auch dem Schengen-Raum an. Das Schengen-Abkommen 1 Das Schengen-Abkommen trat 1995 in Kraft und sieht die Abschaffung der Kontrollen an den gemeinsamen Grenzen der Mitgliedstaa ten vor. Heute zählt der Schengen Raum 26 Mitgliedstaaten (22 EU-Staaten ohne Irland, Rumänien, Bulgarien, Zypern und Kroatien so wie die vier nicht-EU Staaten Island, Liechten stein, Norwegen, Schweiz). Nach Schengener Grenzkodex können in Situ ationen, welche die öffentliche Ordnung oder die innere Sicherheit ernsthaft bedrohen, Grenzkontrollen vorübergehend wiedereinge führt werden: - Art. 25 vorhersehbare Fälle (z.B. große Sportveranstaltungen), max. 6 Monate - Art. 28 Fälle, die sofortiges Handeln erfordern, max. 2 Monate Quelle: Europäische Kommission November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 51 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    deutschen Güterexporten und -importen auf rund 68%. Rund 28% der Arbeits plätze in Deutschland hängen direkt oder indirekt vom Export ab. 24 Die Exporte brachen zum Beginn der Pandemie ein, was vor allem auf Unterbrechungen der Lieferketten infolge von Lockdowns zurückzuführen war. Seither haben sich die Exporte in den europäischen Markt allmählich erholt. Allerdings wird der Auf schwung durch Nachfragerückgänge in einigen strukturell schwachen Märkten gedämpft - und neuerliche Reisebeschränkungen erschweren die Situation zu sätzlich. Diese wirken sich in mehrerlei Hinsicht auf die Wirtschaft aus: - Exporte: Reisebeschränkungen wirken sich vor allem auf Dienstleistungsex porte aus, die im Jahr 2019 rund 20% der deutschen Exporte ausmachten. Insbesondere der Konsum durch ausländische Kunden (Tourismus, Dienst leistungen in Grenzregionen) und im Ausland erbrachte Dienstleistungen (z.B. Installation oder Wartung von Maschinen) sind betroffen. 25 Güterex porte scheinen derzeit von Reisebeschränkungen innerhalb Europas nicht stark betroffen zu sein, wenngleich es einige Beschwerden gibt, über eine unzureichende Umsetzung von „Green Lanes", über Staus aufgrund von Grenzkontrollen und über Quarantäneregeln für Lkw-Fahrer. Beispielsweise forderten jüngst die Wirtschaftsverbände Confindustria und BDI in einer ge meinsamen Erklärung die Europäische Kommission dazu auf, den freien 24 Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2020). Fakten zum deutschen Außenhandel. 25 WTO (2020). Cross-border mobility, COVID-19 and global trade. Deutschland im Zentrum des europäischen Handelsnetzwerkes 2019 2 Legende: Gerichtete Kanten = Exporte von Land X zu Land Y, Größe der Knoten = Anteil der Wertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes am BIP in %, Dicke der Kanten = Handelsgewicht in % des globalen Handels. Länderkürzel: AUT = Österreich, BEL = Belgien, BGR = Bulgarien, BLR = Weißrussland, CHE = Schweiz, CRI = Kroatien, CYP = Zypern, CZE = Tschechien, DEU = Deutschland, DNK = Däne mark, ESP = Spanien, EST = Estland, FIN = Finnland, FRA = Frankreich, GBR = Großbritannien, GRC = Griechenland, HUN = Ungarn, IRL = Irland, ITA = Italien, LTU = Litauen, LUX = Luxem burg, LVA = Lettland, MKD = Nordmazedonien, NLD = Niederlande, NOR = Norwegen, POL = Polen, PRT = Portugal, ROU = Rumänien, RUS = Russland, SVK = Slowakei, SVN = Slowenien, SWE = Schweden, TUR = Türkei, UKR = Ukraine Quellen: Deutsche Bank Research, IWF November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 52 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Warenverkehr im Binnenmarkt sicherzustellen, wobei sie sich insbesondere auf anhaltende Schwierigkeiten am Brennerpass bezogen. Studien zu den Vorteilen des Schengen-Abkommens für den Handel zeigen, dass Warte zeiten an den Grenzen, die durch wieder eingeführte Grenzkontrollen ent stehen, rasch zu Kosten führen. Das Schengen-Abkommen bietet für den Handel vor allem den Vorteil, dass Grenzen rasch überquert werden können und Bürokratie nahezu vollständig abgebaut wurde. Dies senkt die Trans portkosten. Einer Studie zufolge kommt die Abschaffung von Grenzkontrol len an einer Grenze einer Zollsenkung um 0,7%-Punkte gleich. Würden da gegen im gesamten Schengen-Raum wieder Grenzkontrollen eingeführt, könnte das BIP der EU-28 (einschließlich Großbritanniens) laut Schätzun gen auf der Grundlage der Daten für das Jahr 2011 um 0,3% oder rund EUR 40 Mrd. sinken. 26 Dies stimmt mit den Resultaten einer anderen Studie überein, die annimmt, dass die Importkosten bei einer hypothetischen Wie dereinführung von Grenzkontrollen im Schengen-Raum um 1% ansteigen würden. Nach dieser Schätzung würde das BIP der EU-24 27 um 0,4% redu ziert, was rund EUR 470 Mrd. für den Zeitraum von 2016 - 2025 oder im Durchschnitt EUR 47 Mrd. p.a. entspräche. 28 - Freizügigkeit der Arbeitskräfte: Obwohl die EU-Kommission Leitlinien erlas sen hat, in denen sie die Mitgliedstaaten auffordert, die Freizügigkeit von Ar beitskräften in „systemrelevanten Funktionen" 29 nicht einzuschränken, sind diese nichtsdestotrotz zuweilen von Reisebeschränkungen betroffen. Die Wiedereinführung von Grenzkontrollen und die damit einhergehenden War tezeiten wirken sich etwa auf Grenzgänger aus; in einigen Fällen müssen sie sogar obligatorische Corona-Tests absolvieren (Bayern z.B. hat eine Testpflicht für alle Grenzgänger eingeführt). Rund 1,9 Millionen Arbeitneh mer arbeiteten im EU-28-/EFTA-Raum im Jahr 2018 als Grenzgänger, was rund 0,8% aller Arbeitnehmer entspricht; viele von ihnen leben oder arbeiten in Deutschland (Grafiken 3 und 4). Auch wird es durch Reisebeschränkun gen schwieriger, Fachkräfte im Ausland zu suchen. Dies könnte einer der Gründe für die niedrigere Zuwanderung nach Deutschland in H1 2020 sein (Statistisches Bundesamt, 13. Oktober 2020). Insgesamt können diese Ein schränkungen der Personenfreizügigkeit die effiziente Allokation von Ar beitskräften hemmen und ungünstige Auswirkungen für Länder haben, in denen es wie in Deutschland an Fachkräften mangelt. - Geschäftsreisen: Reisebeschränkungen erschweren auch Geschäftsreisen, die für im Ausland tätige Unternehmen wichtig sind, um Neugeschäft anzu bahnen, die Beziehungen zu Kunden und Lieferanten zu pflegen und Inves titionen vorzunehmen. Dies zeigt sich in einer Umfrage der deutschen Au ßenhandelskammer, der zufolge 63% der im Ausland tätigen deutschen Un ternehmen Reisebeschränkungen als besondere Belastung im Zusammen hang mit COVID-19 ansehen. Für Unternehmen aus China oder den USA sind Reisebeschränkungen der wichtigste Anlass zur Sorge. Aber auch für Unternehmen aus europäischen Ländern gehören sie zu den drei bedeut samsten Problemen (nach sinkender Nachfrage und Verschiebung/Strei chung von Investitionen; Grafik 5). Dabei sei darauf hingewiesen, dass die meisten Unternehmen Geschäftsreisen selbst einschränken. 30 26 Felbermayr et al. (2016). Trade costs of border controls in the Schengen area. Vox-EU, April 27, 2016. 27 EU28 (einschl. Großbritannien) ohne Luxemburg, Malta, Zypern und Kroatien. 28 Bertelsmann Stiftung (2016). Abkehr vom Schengen-Abkommen. Gesamtwirtschaftliche Wirkun gen auf Deutschland und die Länder der Europäischen Union. 29 EU-Kommission (2020a). Leitlinien zur Ausübung der Freizügigkeit der Arbeitskräfte während des COVID-19-Ausbruchs. 30 Einer Umfrage des Verbands Deutsches Reisemanagement e.V. (VDR) zufolge haben rund 95% der Unternehmen ihre Geschäftsreisen Anfang Oktober 2020 eingeschränkt. 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 FR DE PL SK RO BE HU IT ES BG Arbeitsort EFTA EU28 Top-10 Wohnsitzländer von Grenzgängern 4 Grenzgänger nach Wohnsitzland (2018), Tsd. Quelle : Europäische Kommission (2019). Annual report on intra-EU labour mobility. 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 DE CH LU AT NL UK BE IT FR CZ Top-10 Arbeitsländer für Grenzgänger 3 Grenzgänger nach Arbeitsland (2018), Tsd. Quelle : Europäische Kommission (2019). Annual report on intra-EU labour mobility. 63 84 69 62 60 58 54 54 50 49 43 35 0 2 04 06 08 0 1 0 0 World (1) CN (1) US (1) RO (2) ES (2) PT (2) AT (3) CH (2) CZ (3) GR (1) DK (2) SK (4) Quelle: AHK World Business Outlook, Juli 2020. Reisebeschränkungen sind aus Sicht von int. deutschen Unternehmen ein Problem 5 % der Unternehmen, die Reisebeschränkungen in der genannten Region als besondere Belastung im Zusammenhang mit COVID-19 ansehen In Klammern: Rang Reisebeschränkungen unter 9 von den Unternehmen genannten besonderen Belastungen im Zusammenhang mit COVID-19. Umfrage unter 3.300 deutschen Unternehmen im Ausland. November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 53 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Sie tun dies zum einen, um die Gesundheit ihrer Arbeitnehmer zu schützen und die entsprechenden Risiken zu minimieren, zum anderen aber wohl auch, um die hohen Planungskosten zu umgehen, die derzeit mit Ge schäftsreisen einhergehen. Politische Implikationen von Reisebeschränkungen für das Schengen-System Die Freizügigkeit wurde in Europa im März abrupt eingeschränkt, weil zahlreiche Schengen-Länder ihre Grenzen schlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Die Mitgliedstaaten handelten dabei einseitig ohne gegenseitige Absprachen, was zu einem gewissen Chaos führte. Die Kommission versuchte, die Maßnahmen zu koordinieren und die Binnengrenzen offen zu halten - nicht zuletzt aus Sorge um das Funktionieren des Binnenmarkts. In Leitlinien rief sie die Mitgliedstaaten dazu auf, „Green Lanes" für den grenzüberschreitenden Gü terverkehr einzurichten und die „Freizügigkeit von Arbeitskräften in systemrele vanten Funktionen sicherzustellen". Außerdem schlug die Kommission eine vo rübergehende Schließung der Außengrenzen des Schengen-Raums für nicht dringend erforderliche Reisen aus Drittländern vor. Der Rat befürwortete diese externe Reisebeschränkung am 17. März. Die Kommission hoffte, diese Maß nahme werde zu einer erneuten Öffnung der Binnengrenzen führen. Ganz im Gegenteil fühlten sich jedoch weitere Staaten zu Grenzschließungen ermutigt; schließlich schien die Kommission zu signalisieren, Grenzschließungen seien ein legitimes (und angeblich effizientes) Mittel zur Bekämpfung des Coronavirus. Erst als sich die Infektionskurve Mitte Juni abflachte, wurden die Binnengrenzen in relativ gut koordinierter Weise wieder geöffnet. Auch die gemeinsamen exter nen Reisebeschränkungen wurden für 14 Länder aufgehoben (Europäischer Rat, 30. Juni 2020). Die Genugtuung über die wiedergewonnene Freizügigkeit in Europa war jedoch nicht von langer Dauer. Bereits Mitte Juli führten einige Länder bei wieder ansteigenden Fallzahlen obligatorische Tests und Quarantä nen sowie damit einhergehende Grenzkontrollen ein. Ungarn und Dänemark ha ben inzwischen die Einreise aus bestimmten Gebieten eingeschränkt, sofern diese nicht unbedingt notwendig ist. Belgien hat ein Reiseverbot für Risikoge biete verhängt, es aber zugunsten einer koordinierten europäischen Lösung wieder aufgehoben (Politico, 22. September 2020). Der Schengener Grenzkodex gestattet es den Mitgliedstaaten, in bestimmten Fällen wieder Grenzkontrollen einzuführen (Grafik 1). Die Pandemie könnte ein solcher Fall sein, wenngleich der Kodex von einer ernsthaften Bedrohung der „öffentlichen Ordnung oder inneren Sicherheit" und nicht ausdrücklich vom „Ge sundheitsschutz" spricht. 31 Dass die Reisebeschränkungen in so unkoordinierter Weise erlassen wurden, deutet jedoch auf ein gewisses Misstrauen der Mitglied staaten untereinander hin und lässt die Befürchtung aufkommen, das Schen gen-System könne dauerhaft Schaden nehmen. Nicht zuletzt steht das System bereits seit der Migrationskrise von 2015/16 unter Druck, während der einige Mitgliedstaaten bereits Grenzkontrollen einführten. Seither bestehen in mehre ren Fragen Spannungen zwischen den Schengen-Staaten, die sich jetzt ver schärft haben könnten: 32 31 Die meisten Beobachter sehen die Pandemie als gerechtfertigter Grund für Grenzkontrollen im Sinne des Schengener Grenzkodex an. Einige Experten vertreten jedoch die Auffassung, Grenz kontrollen und Gesundheitskontrollen seien verschiedene Dinge, die inzwischen zuweilen ver mengt würden (CEPS (2020). Love thy neighbour). 32 Verschiedene Beiträge: Center for European Reform (2020). Will the coronavirus pandemic deliver a coup de grâce to Schengen? Euidea (2020). Schengen under pressure: Differentiation or Disin tegration? EP Insight (2020). The COVID-19 emergency and the reintroduction of internal border controls in the Schengen area; FIIA (2020). COVID-19 bends the rules on border controls; Glob sec (2020). Nothing but Schengen matters; Thym (2020). Travel bans in Europe: A Legal Ap praisal (Part I); und wie oben beschrieben: CEPS (2020). November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 54 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    1. Unterschiedliche Auslegungen des Grenzkodex und schwache Begründun gen für Grenzkontrollen: Die meisten Länder begründeten die Einführung von Grenzkontrollen mit einer ernsthaften Bedrohung, die sofortiges Handeln erfordert (Art. 28 Grenzkodex), manche aber auch mit der Klausel für vorher sehbare Fälle (Art. 25 Grenzkodex), wobei in einigen Fällen damit bereits be stehende Kontrollen ausgeweitet wurden. Einige Länder zogen sogar beide Klauseln gleichzeitig heran. Die meisten Mitgliedstaaten nahmen zudem keine Beurteilung der Notwendigkeit, Angemessenheit und Verhältnismäßig keit von Grenzkontrollen in Bezug auf die Pandemie vor, wie es nach dem Grenzkodex erforderlich wäre. Die Mitgliedstaaten sind also bei der Begrün dung von Grenzkontrollen im Falle einer Pandemie, die im Grenzkodex nicht vorgesehen ist, sowohl kreativ als auch vage vorgegangen. Dies hat die Sorge aufkommen lassen, dass die Mitgliedstaaten den Grenzkodex auch in Zukunft großzügig auslegen werden, um Grenzkontrollen im eigenen Inte resse zu rechtfertigen. 2. Wiederholte Verlängerungen von „vorübergehenden Grenzkontrollen": Seit der Migrationskrise 2015/16 haben sechs Länder (AT, DE, DK, FR, NO, SE) ihre Grenzkontrollen über die im Grenzkodex festgeschriebenen Fristen hin aus beibehalten. Im Zuge der Pandemie ist nun die Sorge aufgekommen, dass Grenzkontrollen zu einer neuen Normalität werden und dass die Pan demie als Präzedenzfall für die Einführung und Beibehaltung von Grenzkon trollen dienen könnte. 3. Bildung von Clustern: Die Schengen-Mitgliedstaaten haben ihre Grenzen in unterschiedlicher Weise geschlossen bzw. geöffnet und dabei vor allem auf bestehende Kooperationen und nicht auf die Infektionszahlen abgestellt (so ließ Deutschland im März die Grenze zu den Niederlanden offen, nicht aber zu anderen Ländern; die baltischen Länder öffneten die Grenzen zunächst untereinander; Ungarn hat weniger strikte Einreiseanforderungen für andere Visegrad-Länder verhängt). Eine solche Differenzierung zwischen den Mit gliedstaaten ist aus Sicht der Kommission nicht wünschenswert und miss achtet die EU-Rechtsauffassung, der zufolge politische Kohärenz durch eine Gleichbehandlung inländischer und grenzüberschreitender Sachverhalte her gestellt werden soll. Dies wiederum könnte bestehende Spannungen verstär ken. 4. Unzureichende Information: Einige Länder haben (entgegen den Bestimmun gen im Grenzkodex) die Kommission nicht von der Wiedereinführung von Grenzkontrollen unterrichtet bzw. dies nicht einmal den betroffenen Nachbar staaten mitgeteilt. Dies zeigt einen Mangel an Kooperation und lässt die häu fig engen grenzüberschreitenden wirtschaftlichen Beziehungen außer Acht. 5. Uneinheitliche Aufhebung des Einreisestopps gegenüber Drittstaaten: Trotz einer gemeinsamen Erklärung haben die Schengen-Mitgliedstaaten ihre Au ßengrenzen für ausgewählte Drittländer nicht in einheitlicher Weise geöffnet. Dies erhöht die Unsicherheit zusätzlich und lässt zudem die Befürchtung auf kommen, dass manche Länder wieder interne Grenzkontrollen einführen könnten, weil sie mit der Grenzpolitik der Nachbarstaaten nicht einverstan den sind. Auch wenn einige Länder wieder mehr nationale Souveränität über ihre Gren zen anstreben - insbesondere hinsichtlich Migration - sehen wir das Schengen Abkommen nicht grundlegend infrage gestellt. Erforderlich scheint zurzeit vor al lem der Aufbau von Vertrauen durch verstärkte Zusammenarbeit und Koordina tion, eine Überarbeitung des Schengener Grenzkodex in bestimmten Bereichen und ein erneutes, gemeinsames Bekenntnis zu einem Europa mit offenen Bin nengrenzen. Dass dies nicht leicht sein wird, zeigt sich schon an dem Minimal konsens, den die EU-Länder jetzt mit dem Ampelsystem erreicht haben. Da es November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 55 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    selbst innerhalb von föderal verfassten Mitgliedstaaten wie Deutschland schwie rig ist, eine kohärente politische Reaktion und ein Warnsystem umzusetzen, bleibt abzuwarten, in welchem Umfang dieses Ampelsystem angewendet und befolgt wird. Öffentliche Meinung - Schengen gilt weithin als eine der wichtigsten Errungenschaften der europäischen Integration Offene Grenzen gehören für die EU-Bürger zu den konkretesten Erfolgen der europäischen Integration. Dementsprechend sehen 68% das Schengen-Abkom men als große Errungenschaft der EU an. In Deutschland ist diese Auffassung mit 77% noch weiter verbreitet (Eurobarometer 2018; Grafik 6). Dennoch unter stützen 57% die Einführung von Grenzkontrollen als Reaktion auf die Pande mie, wobei die Bandbreite von 73% in Portugal bis zu 53% in Deutschland und 48% in Dänemark reicht (Grafik 7). Viele Bürger scheinen Grenzkontrollen als legitime Maßnahme zur Eindämmung des Virus anzusehen, zumal die Bewe gungsfreiheit auch innerhalb einiger Länder eingeschränkt wird. Dies ist wohl eher so zu interpretieren, dass sich die Bürger angesichts der Pandemie verletz lich fühlen und sich mehr Kontrolle über das Geschehen wünschen, denn als aufkeimende Ablehnung der Idee eines offenen Europas. Denn für eine Beibe haltung interner Grenzkontrollen nach der Pandemie sprechen sich sehr viel we niger Befragte aus als für die Beibehaltung verstärkter Kontrollen an den Au ßengrenzen. Außerdem äußerten 63% die Ansicht, das Coronavirus habe ge zeigt, dass mehr Kooperation der EU-Länder erforderlich ist (Grafik 8). Insge samt spiegelt die Umfrage eine zwiespältige Haltung der Bürger gegenüber Grenzkontrollen wider: Angesichts der Gefahr durch die Pandemie wünschen sich viele Bürger Schutz durch den Nationalstaat und unterstützen daher Grenz kontrollen. So akzeptieren sie wissentlich oder unwissentlich, dass ihre Freiheit, in andere Schengen-Länder zu reisen oder dort zu arbeiten, eingeschränkt wird. Sobald die Pandemie vorüber ist, möchten sie diese Freiheiten jedoch zurück haben. 75 68 66 61 55 14 17 17 17 15 11 15 17 22 30 0 1 02 03 04 05 06 07 08 09 0 1 0 0 ...gut ist für die Wirtschaft im eigenen Land ...eine der wichtigsten Errungenschaften der EU ist. ...mehr Vor- als Nachteile fürs eigene Land hat. ...mehr Vor- als Nachteile für sie persönlich hat. ...zur Sicherheit in der EU beiträgt. stimme zu weiß nicht stimme nicht zu % der Befragten, die zustimmen/nicht zustimmen, dass der Schengen Raum ... Quelle: Special Eurobarometer 474, Juni 2018. Die meisten Europäer sehen Schengen als eine der wichtigsten Errungenschaften der EU 6 0 10 20 30 40 50 60 70 80 PT BG ES PL IT FR DE SE DK strengere Grenzkontrollen seit dem Ausbruch von COVID-19 stärker befürworten mehr Grenzkontrollen an den EU-Außengrenzen nach der Pandemie befürworten mehr Grenzkontrollen an den EU-Innengrenzen nach der Pandemie befürworten Quelle: European Council on Foreign Relations (2020) % der Befragten, die Unterstützung von Grenzkontrollen im Kontext von COVID-19 7 November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 56 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Die Bemühungen um besser abgestimmte (Reise-)Beschränkun gen gehen weiter Auch wenn es sich bei der Pandemie um eine globale Herausforderung handelt, hat die Politik in Europa bisher weitgehend auf nationaler Ebene reagiert. Grund dafür ist, dass die einzelnen Staaten für den Gesundheitsschutz zuständig sind und die Kommission in diesem Bereich lediglich Empfehlungen aussprechen kann. Aufgrund der unterschiedlichen Gesundheitssysteme und Infektionsraten erscheinen nationale Lösungen zunächst einmal angemessen. Beim Thema Reisebeschränkungen haben die verschiedenen nationalen Methoden zur Ein stufung von Risikogebieten und zu Test- und Quarantänevorgaben jedoch eher zu allgemeiner Unsicherheit als zu effektivem Gesundheitsschutz beigetragen. Bereits im Mai veröffentlichte das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) eine Studie, der zufolge sich die Wirksamkeit von Grenzschließungen und umfassenden inländischen Reisebeschränkungen nur begrenzt empirisch belegen lässt (abgesehen von einem verzögernden Ef fekt zu Beginn einer Epidemie) und Belege für die Wirksamkeit von Reisewar nungen fehlen. Reisebeschränkungen wirken sich zudem auf den Binnenmarkt und die Freizügigkeit aus, die in die Zuständigkeit der Kommission fallen. Die Kommission und die deutsche Ratspräsidentschaft haben daher versucht, eine abgestimmte Lösung zu finden, wofür sich im Prinzip auch alle EU-Länder aus sprachen. Nach mehreren Verhandlungsrunden konnten sich die Mitgliedstaa ten immerhin auf einen Minimalkompromiss einigen. Mitte Oktober verabschiedete der Rat für Allgemeine Angelegenheiten per Mehrheitsabstimmung eine Empfehlung zur Koordinierung von Maßnahmen mit Auswirkungen auf die Freizügigkeit. Dies bringt einerseits mehr Klarheit, da sich der Rat auf gemeinsame Kriterien zur Einstufung von Risikogebieten auf der Grundlage harmonisierter Daten und dargestellt in einer farbcodierten Karte (Grafik 9) sowie auf ein gemeinsames Rahmenwerk für Beschränkungen der Freizügigkeit einigte. Darin heißt es, dass die Freizügigkeit von Personen aus grünen Regionen mit geringem Infektionsrisiko nicht beschränkt werden soll. Andererseits handelt es sich dabei um Empfehlungen, die nun von den Mitglied staaten umgesetzt werden sollen. Daher lassen sich Unterschiede nicht aus schließen, wie sich z.B. bei der Umsetzung der Aufhebung des Einreisestopps gegenüber ausgewählten Drittstaaten gezeigt hat. Einige Länder haben sich be reits kritisch geäußert; Österreich z.B. hält das Konzept schon jetzt für überholt (Die Zeit, 13. Oktober 2020). Zudem ist es noch immer Sache der Mitgliedstaa ten, darüber zu entscheiden, welche Maßnahmen für orange und rote Gebiete mit mittlerem bzw. hohem Infektionsrisiko gelten sollen (dies sind derzeit die meisten Gebiete). Für diese Gebiete gilt also der bestehende Flickenteppich an Regelungen weiter. Das Rahmenwerk legt nur sehr allgemeine Bedingungen für die Maßnahmen für Reisen aus solchen bzw. in solche Gebiete fest, z.B. Ver hältnismäßigkeit, kein komplettes Einreiseverbot und vorherige Unterrichtung über neue Maßnahmen. Die Kommission ist der Ansicht, dass diese Koordina tion den Bedarf nach internen Grenzkontrollen weiter verringert und fordert da her in einer jüngsten Mitteilung die Mitgliedstaaten auf, die noch verbleibenden Grenzkontrollen im Zusammenhang mit COVID-19 aufzuheben. Auf EU-Ebene wird die Koordination von Corona-Maßnahmen fortgeführt. Mit diesen Bemühungen soll nicht nur der Gesundheitskrise begegnet werden, son dern auch der Druck auf den Binnenmarkt und Schengen soll minimiert werden, wie Kanzlerin Merkel - die zurzeit den Vorsitz der Deutschen EU-Rats präsidentschaft innehat - in ihrer Ansprache im Bundestag vom letzten Don nerstag erklärte. Am selben Abend traf sie die anderen EU Staats- und Regie rungschefs in einer Videokonferenz, in welcher sie über die koordinierte Anwen dung von Corona-Schnelltests, die verbesserte Nachverfolgung von grenzüber schreitenden Kontakten und eine mögliche Harmonisierung von Quarantäne- Gemeinsamer Farbcode für die Kartierung von Risikogebieten 9 Quelle: Europäischer Rat 63 91 80 77 68 56 55 53 52 51 20 4 12 9 16 24 22 28 26 28 18 5 9 14 16 20 23 19 22 20 0% 20% 40% 60% 80% 100% Durchschn. PT ES IT PL BG DE DK FR SE Zeigte der Bedarf nach mehr EU-Kooperation. Weiß nicht Zeigte, dass die EU-Integration zu weit gegangen ist. Quelle: European Council on Foreign Relations (2020) Viele Europäer wollen mehr EU-Kooperation 8 Wie hat das Coronavirus Ihre Einstellung gegenüber der EU verändert? November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 57 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    regeln sprachen. Die Staats- und Regierungschefs bekundeten zudem ihre Ab sicht, die Grenzen dieses Mal offen zu lassen und Kanzlerin Merkel betonte, dass dies für Deutschland als Land mitten in Europa besonders wichtig ist (Die Zeit, 29. Oktober 2020). Diese geäußerte Kooperationsbereitschaft könnte da rauf hindeuten, dass man aus der ersten Phase der Pandemie gelernt hat. Sie ist jedoch lediglich eine Grundvoraussetzung für die Beibehaltung des Schen gen-Abkommens und das Funktionieren des Binnenmarkts. Da sich die Pande mie auch ins Jahr 2021 hineinziehen wird, könnte die Umsetzung der Maßnah men künftig noch mehrfach auf die Probe gestellt werden. Barbara Böttcher (+49 69 910-31787, barbara.boettcher@db.com) Ursula Walther (ursula.walther@db.com) November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 58 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Reaktion der EZB: Wir tun was! Einzelheiten folgen Wir hatten damit gerechnet, dass die EZB ihren Tonfall angesichts der zuneh menden Abwärtsrisiken verschärfen und so die Tür für Lockerungen im Dezem ber öffnen werde. Tatsächlich beschlos s die Zentralbank einstimmig, dass sie im Dezember auf jeden Fall handeln werde. Mit dieser „Entscheidung mit An sage" betritt die EZB Neuland. Noch ist nicht klar, welche Maßnahmen sie im Einzelnen ergreifen wird; das wird vom Verlauf der Pandemie und der Konjunk turentwicklung in den kommenden sechs Wochen abhängen. Dass die EZB betont hat, sie werde „alle Inst rumente" in Betracht ziehen, ist ein Signal an die Märkte, nicht nur an das PEPP zu denken. Die Zentralbank rea giert sensibel auf die lahmende private Kreditvergabe, was für Änderungen am TLTRO-Rahmenwerk spricht. Vorerst rechnen wir im Dezember weiterhin mit ei ner Kombination aus mehreren Lockerungsmaßnahmen, u.a. Änderungen am TLTRO-Rahmenwerk, die als Reaktion auf das Pandemierisiko eine wie auch immer geartete Ausweitung des PEPP er gänzen, und ein Ausbau des APP, um gegen die anhaltend niedrigen Inflationsraten anzugehen. Einstimmige Entscheidung über Rekalibrierung der Geldpolitik Der EZB-Rat war sich einig, dass die „eindeutig abwärtsgerichteten" Risiken für die Wachstumsaussichten eine Neukalibrierung der Geldpolitik bei der nächsten Sitzung am 10. Dezember erfordern. So eindeutige Signale hat die EZB bisher noch nie gesendet. Selbst Jean-Claude Trichet dementierte, dass sein „Ampel system" aus verbalen Signalen als Vorabfestlegung des geldpolitischen Kurses zu interpretieren sei. Wir hatten damit gerechnet, dass sich die EZB entschiede ner äußern und die Tür für eine Lockerung der Geldpolitik im Dezember weiter öffnen werde. Tatsächlich beschloss di e Zentralbank einstimmig, dass sie im Dezember auf jeden Fall handeln wolle. Die EZB hat die Tür nicht nur geöffnet, sondern ist auch hindurchgegangen. Nun geht es nur noch um die Ausgestal tung des Maßnahmenpakets. Sechs Wochen sind in einer nicht linear verlaufenden Pandemie eine lange Zeit. Dass die EZB gesagt hat, sie wolle im Dezember auf jeden Fall handeln, heißt aber nicht, dass sie in den kommenden sechs Wochen untätig bleiben wird. EZB-Präsidentin Lagarde betonte, dass die vorhandenen Programme wie z.B. das PEPP flexibel genug seien, damit di e Bank auf negativ e Überraschungen reagieren könne. Über die Hälfte de s PEPP-Volumens ist noch nicht ausge schöpft, und das Programm ist so flexibel , dass es jederzeit und überall einge setzt werden kann. Erforderlichenfalls kann das Tempo der Käufe wieder erhöht werden. Einbeziehung „aller Instru mente" in die Erwägungen EZB-Präsidentin Lagarde sagte, die internen Ausschüsse würden die Möglich keiten für eine Neukalibrierung der Geldpolitik im Dezember prüfen. Zwar wurde betont, dass es um „alle Instrumente" gehe, aber dies ist unseres Erachtens eher nicht wörtlich gemeint. Lagarde fügte hinzu, kein Instrument sei von vorn herein gesetzt oder ausgeschlossen. Es gehe darum, angesichts der besonde ren Risiken und Umstände, mit denen die EZB konfrontiert ist, den richtigen Po licy-Mix zu finden. Der Verweis auf „alle Instrumente" soll wohl vor allem bedeu ten, dass sich der Markt nicht auf den PEPP fixieren sollte und dass sich die Maßnahmen im Dezember nicht auf den PEPP beschränken werden. November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 59 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Sensible Reaktion auf schwache private Kreditv ergabe deutet auf Überarbeitung des TLTRO-Rahmenwerks hin Wir hatten ohnehin mit einem Maßnahmenpaket im Dezember gerechnet. Nach wie vor gehen wir davon aus, dass vor allem die Käufe von Vermögenswerten ausgeweitet werden. In unserer Vorschau erwähnten wir jedoch bereits, dass auch das TLTRO3 ausgebaut werden könnte, z.B. durch eine Fortschreibung des TLTRO3-Abschlags über Juni 2021 oder eine Verlängerung des Bestands schutzes für Ratings über September 2021 hinaus. Das TLTRO3-Rahmenwerk hat mehrere Dimensionen. Dabei kann an verschiedenen Stellschrauben ge dreht werden, vom Zugang zu den Tendern oder der Anzahl der Tender über die Preisgestaltung/die Abschläge (Volumen und Laufzeit) oder die Sicherheiten bis hin zum Kreditvolumen. Allerdings hatte die EZB ihre guten Gründe dafür, von LTROs auf Käufe von Vermögenswerten umzusteigen: Durch Liquiditätstender wird die Konjunktur le diglich passiv stimuliert. Ob sie erfolgreich sind, hängt davon ab, ob die Banken die entsprechende Liquidität auch tatsächlich einsetzen. Der Umfrage unter Kre ditsachbearbeitern zufolge liegt die sc hwache Entwicklung der Kreditvergabe nicht an mangelnder Liquidität. Grund sind vielmehr wirtschaftliche und Bonitäts risiken. Daran würde auch eine Anpassung des TLTRO3-Abschlags nichts grundlegend ändern. Eine schwache Gesamtna chfrage wird nicht allein durch Änderungen des Zinsniveaus angekurbelt, und schon gar nicht, wenn die Zin sen ohnehin niedrig sind. Eine Anpassung des Abschlags kann allerdings si cherstellen, dass die Finanzierungskos ten der Banken nicht ansteigen. Derzeit hat die Fiskalpolitik den größten Einfluss auf die Nachfrage. TLTROs dürften an Bedeutung gewinnen, sobald die Erholung nach der Pandemie einsetzt, in der Zwischenzeit aber wohl nicht allzu hilfreich sein. Deshalb hat die EZB auch die Regierungen gebeten, die fiskalpolitischen Impulse nicht zu früh zurückzuneh men. Wäre eine Senkung des Einlagensatzes möglich? Auch wenn von „allen Instrumenten" die Rede ist, gehen wir nicht davon aus, dass eine Senkung des Ei nlagensatzes bevorsteht. EZB-Chefvolkswirt Lane hat ausführlich erläutert, warum die EZB den Einlagensatz zum Beginn der Krise nicht gesenkt hat. Die Begründung lässt sich in seiner Stellungnahme von dem im März ins Leben gerufenen EZB-Blog nachlesen. Jüngste Äußerungen in ei nem Interview mit dem Wall Street Journal lassen darauf schließen, dass die damalige Argumentation unverändert gilt: Eine Zinssenkung ist dann nützlich, wenn der Markt sie für dauerhaft hält, die Pandemie ist jedoch per se vorüber gehender Natur. Vor einigen Monaten hat sich auch Schnabel zur Nullzinspolitik geäußert. Dabei hörte es sich so an, als ob die EZB mit Blick auf die Situation des Bankensektors nach der Pandemie besonders vorsichtig sein wolle. Dafür spricht auch der Monatsbericht vom September, in dem es heißt, der Banken sektor müsse genau im Blick behalten werden. Dies deutet auf zunehmende Besorgnis hin. Rein technisch könnten Gegenmaßnahmen ergriffen werden, um die Banken vor den Kosten einer Einlagenzinssenkung zu schützen. Das Ban kensystem braucht jedoch eher positive Unterstützung (Verlängerung des TLTRO3-Abschlags) als neutral wirk ende Maßnahmen (Abfangen einer Einla genzinssenkung durch eine zusätzliche Staffelung). Unseres Erachtens ist eine Einlagenzi nssenkung eher eine theoretische als eine tatsächliche Option: Sie wäre möglich und wäre insofern hilfreich, als sie die Zinserwartungen für die Zukunft unter Kontrolle hielte - aber sie ist eher nicht wahrscheinlich. In ihrer jüngsten „ECB Watchers"-Rede verwies Lagarde gleich zweimal auf die „Reversal Rate", also das Zinsniveau, ab dem weitere November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 60 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Zinssenkungen kontraproduktiv werden. Dies war bemerkenswert und lässt da rauf schließen, dass der Leitzins wohl nahe der Reversal Rate liegt. Die Netto auswirkung einer Einlagensatzsenkung könnte sich dann ändern, wenn der Euro-Wechselkurs tendenziell stetig aufwertet. Dann könnte die EZB abwägen, was wichtiger ist: die Wettbewerbsfähigkeit der Exporte zu schützen bzw. den Import von Deflation zu verhindern oder die Kosten für das Bankensystem mög lichst gering zu halten. „Klippe" und „Rampe" und „zweite Phase" der geldpolitischen Lo ckerung Wie bereits erwähnt, soll der Verweis auf „alle Instrumente" wahrscheinlich vor allem den Markt dazu bringen, nicht nur an das PEPP zu denken. Selbstver ständlich sorgt die Pandemie für Nervos ität, und das PEPP wurde als Reaktion auf die Pandemie entwickelt. Es hat den Ma rkt tatsächlich erfolgreich stabilisiert. Fraglich ist aber, wie erfolgreich die Stabilisierung des Preisniveaus war. Dass der Markt dazu gebracht werden soll, ni cht nur auf das PEPP zu starren, könnte darauf hindeuten, dass die von Lane in Ja ckson Hole erwähnte „zweite Phase" der Lockerung eintritt. Dabei handelt es sich um eine Neukalibrierung der Geld politik, um die Inflation wieder auf den Vor-Pandemie-Pfad zurückzuführen. Wie wir bereits in der Vorschau argument iert haben, bleibt das Inflationsproblem ungelöst, wenn die EZB lediglich die PEPP-„Klippe" versch iebt, ohne dabei gleichzeitig eine dauerhafte „Rampe" aus Stimuli zu bauen. Der APP kann zu diesem „Rampenbau" beitragen. Das der zeitige APP-Volumen (Nettokäufe in Höhe von EUR 20 Mrd. pro Monat) stammt aus der Zeit vor der Pandemie. In zwischen hat sich die Lage geändert, und die Konjunktur dürfte noch lange nach der Pandemie (bzw. der Geltungsdauer des PEPP) schwach bleiben. Der EU Vertrag schließt eine ausdrückliche Ve rknüpfung von Geld- und Fiskalpolitik aus. Aber je glaubwürdiger die EZB zusagen kann, dass die Zinsen langfristig niedrig bleiben (und dies signalisiert das APP besser als das PEPP), desto be ruhigter können die Regierungen ihren fiskalpolitischen Spielraum nutzen. Ausblick Sechs Wochen sind in einer Pandemie eine lange Zeit. Was heute angemessen erscheint, kann in zwei oder vier Wochen, ganz zu schweigen von sechs Wo chen, bereits wieder überholt sein. Vorerst rechnen wir im Dezember weiterhin mit einer Kombination aus mehreren Lockerungsmaßnahmen, u.a. Änderungen am TLTRO-Rahmenwerk, die als Reaktion auf das Pandemierisiko eine wie auch immer geartete Ausweitung de s PEPP ergänzen, und ein Ausbau des APP, um gegen die anhaltend niedri gen Inflationsraten anzugehen. Mark Wall (+44 20 754-52087, mark.wall@db.com) Jochen Möbert (+49 69 910-31790, stefan-b.schneider@db.com) November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 61 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    DB Makro-Überraschungsindex Deutschland Der DB Makro-Überraschungsindex vergleicht den Wert der veröffentlichten Konjunkturdaten mit den Markterwartun gen und liefert damit Hinweise über die Richtung künftiger Prognoseanpassungen. Neu berechnet von Marc Schattenberg und Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) Quelle: Heiko Peters (2014). DB Makro-Überraschungsin dex Deutschland. Ausblick Deutschland, 4. August 2014. Letzte 20 veröffentlichte deutsche Konjunkturdaten DX -0,7 -0,5 -0,3 -0,1 0,1 0,3 0,5 0,7 14 15 16 17 18 19 20 DB Makro-Überraschungsindex +/- 1 Standardabweichung DB Makro-Überraschungsindex Deutschland Durchschnitt der z-Werte der vergangenen 20 Datenüberraschungen Werte über (unter) 0 bedeuten über (unter) der Markterwartung liegende Datenveröffentlichungen Quellen: Bloomberg Finance LP, Deutsche Bank Research Bloomberg Ticker Indikator Berichts- monat Veröffentlich ungsdatum Aktueller Wert Bloomberg Konsensus Überra- schung Standardisierte Überraschung Quantils - rang GRUECHNG Index Veränderung Arbeitslose (Tsd. gg. Vm.) 9 2020 30.09.2020 -10,0 -7,0 3,0 0,0 0,5 GRIMP95Y Index Importpreise (% gg. Vj.) 8 2020 30.09.2020 -4,0 -4,1 0,1 0,4 0,7 MPMIDEMA Index PMI Verarbeitendes Gewerbe 9 2020 01.10.2020 56,4 56,6 -0,2 -0,3 0,3 MPMIDESA Index PMI Dienstleistungssektor 9 2020 05.10.2020 50,6 49,1 1,5 1,7 0,9 GRIORTMM Index Auftragseingänge (% gg. Vm.) 8 2020 06.10.2020 4,5 2,8 1,7 0,7 0,8 GRIPIMOM Index Industrieproduktion (% gg. Vm.) 8 2020 07.10.2020 -0,2 1,5 -1,7 -1,3 0,1 GRBTIMMM Index Importe (% gg. Vm.) 8 2020 08.10.2020 7,0 1,5 5,5 2,3 1,0 GRBTEXMM Index Exporte (% gg. Vm.) 8 2020 08.10.2020 2,4 1,5 0,9 0,4 0,7 GRCAEU Index Leistungsbilanzsaldo (EUR Mrd.) 8 2020 08.10.2020 16,5 16,2 0,3 -0,2 0,4 GRTBALE Index Handelsbilanz (EUR Mrd.) 8 2020 08.10.2020 11,9 16,0 -4,1 -1,7 0,0 GRCP20YY Index VPI (% gg. Vj.) 9 2020 13.10.2020 -0,2 -0,2 0,0 0,2 0,4 GRZECURR Index ZEW - Konjunktur (Situation) 10 2020 13.10.2020 -59,5 -60,0 0,5 0,1 0,5 GRZEWI Index ZEW - Konjunktur (Erwartungen) 10 2020 13.10.2020 56,1 72,0 -15,9 -1,7 0,0 MPMIDESA Index PMI Dienstleistungssektor 10 2020 23.10.2020 48,9 48,9 0,0 0,0 0,5 MPMIDEMA Index PMI Verarbeitendes Gewerbe 10 2020 23.10.2020 58,0 58,0 0,0 0,0 0,4 GRIMP95Y Index Importpreise (% gg. Vj.) 9 2020 28.10.2020 -4,3 -4,8 0,5 0,8 0,9 GRUECHNG Index Veränderung Arbeitslose (Tsd. gg. Vm.) 10 2020 29.10.2020 -35,0 -5,0 30,0 0,8 0,9 GRCP20YY Index VPI (% gg. Vj.) 10 2020 29.10.2020 -0,2 -0,3 0,1 0,6 0,7 GRFRIAMM Index Einzelhandelsumsätze (% gg. Vm.) 9 2020 30.10.2020 -2,2 -0,6 -1,6 -0,9 0,1 GRGDPPGQ Index BIP (% gg. Vq.) 9 2020 30.10.2020 8,2 7,3 0,9 1,8 1,0 Quellen: Bloomberg Finance LP, Deutsche Bank Research November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 62 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Marc Schattenberg, Sebastian Becker & Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) Deutschland: Datenkalender Datum Uhrzeit Daten Berichtszeitraum DB Schätzung Letzter Wert 05.11.2020 8:00 Auftragseingang im Ver. Gewerbe (% gg. Vm., sb.) September 2,5 4,5 06.11.2020 8:00 Industrieproduktion (% gg. Vm., sb.) September 3,0 -0,7 09.11.2020 8:00 Handelsbilanz (EUR Mrd., sb.) September 19,1 14,8 09.11.2020 8:00 Warenexporte (% gg. Vm., sb.) September 4,6 2,4 09.11.2020 8:00 Warenimporte (% gg. Vm., sb.) September 0,5 7,0 23.11.2020 9:30 PMI Verarbeitendes Gewerbe (Flash) November 55,0 58,0 23.11.2020 9:30 PMI Dienstleistungssektor (Flash) November 43,0 48,9 24.11.2020 8:00 Reales BIP (% gg. Vq., sb.) - Details Q3 2020 8,2 8,2 24.11.2020 10:00 ifo Geschäftsklima (Index, sb.)** November 85,0 92,7 30.11.2020 14:00 Vorläufiger VPI (% gg. Vj., sb.) November -0,2 -0,2 01.12.2020 9:55 Arbeitslosenrate (%, sb.) November 6,3 6,2 02.12.2020 8:00 Einzelhandelsumsätze (Index, sb.), % gg. Vm.* Oktober 2,0 -2,2 *lt. Statistischem Bundesamt auch früherer Veröffentlichungstermin möglich; **Letzter Wert lt. vorläufiger Veröffentlichung vom 19. März 2020 Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit, ifo, IHS Markit November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 63 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Deutschland: Datenmonitor DX Q4 2019 Q1 2020 Q2 2020 Q3 2020 Q4 2020 Mai 2020 Jun 2020 Jul 2020 Aug 2020 Sep 2020 Okt 2020 Konjunkturumfragen Gesamtwirtschaft ifo Geschäftsklima 95,0 92,6 80,4 92,0 79,9 86,1 90,4 92,4 93,2 92,7 ifo Geschäftserwartungen 91,8 88,5 81,1 97,0 80,9 91,0 96,6 97,1 97,4 95,0 Produzierendes Gewerbe ifo Verarbeitendes Gewerbe 90,6 90,1 77,7 90,6 76,9 82,6 87,7 90,8 93,3 94,3 Produktion (% gg. Vp.) -1,7 -1,9 -19,2 10,0 11,1 3,1 -0,7 Auftragseingang (% gg. Vp.) -1,1 -2,5 -22,6 10,4 28,8 3,3 4,5 Grad der Kapazitätsauslastung 82,6 82,9 71,4 74,4 79,1 Bauhauptgewerbe Produktion (% gg. Vp.) 0,8 4,6 -1,9 1,1 -0,5 -0,7 -1,7 Auftragseingang (% ggü. Vp.) 6,7 -4,0 -6,5 -5,3 12,3 -5,9 3,4 ifo Bauhauptgewerbe 111,1 106,7 95,4 101,7 95,4 97,9 100,4 101,4 103,2 101,9 Konsumentennachfrage EC Konsumentenbefragung -3,3 -4,6 -14,0 -9,0 -14,8 -10,8 -10,3 -8,5 -8,3 -9,5 Einzelhandelsumsätze (% gg. Vp.) 0,2 0,4 0,7 3,7 13,1 -1,5 0,3 1,8 -2,2 Neuzulassungen PKW (% gg. Vj.) 13,7 -20,3 -47,4 -6,7 -49,5 -32,3 -5,4 -20,0 8,4 Außenhandel Auslandsaufträge (% gg. Vp.) -1,1 -2,6 -28,6 8,7 23,6 15,2 6,5 Exporte (% gg. Vp.) 0,6 -3,5 -21,9 9,0 14,9 4,7 2,4 Importe (% gg. Vp.) 0,7 -2,3 -16,0 3,4 6,9 1,1 7,0 Nettoexporte (EUR Mrd.) 57,7 52,3 25,1 7,4 14,5 18,0 14,8 Arbeitsmarkt Arbeitslosenquote (%) 5,0 5,0 6,2 6,3 6,3 6,4 6,4 6,3 6,3 6,2 Veränderung Arbeitslosigkeit (Tsd. gg. Vp.) -1,7 -10,7 546,7 93,3 237,0 66,0 -19,0 -11,0 -10,0 -36,0 Beschäftigung (% gg. Vj.) 0,6 0,3 -1,2 -1,3 -1,3 -1,3 -1,2 -1,2 -1,3 ifo Beschäftigungsbarometer 98,9 96,9 89,2 95,0 88,3 92,4 93,3 95,4 96,3 96,5 Preise, Löhne und Arbeitskosten Preise HVPI (% gg. Vj.) 1,2 1,5 0,7 -0,2 0,5 0,8 0,0 -0,1 -0,4 -0,5 Kern-HVPI (% gg. Vj.) 1,5 1,3 1,1 0,5 1,1 1,1 0,7 0,6 0,3 0,1 Harmonisierter PPI (% gg. Vj.) Rohstoffe ohne Energie (% gg. Vj.) 5,3 2,1 -5,5 3,9 -4,8 -4,2 -5,7 6,7 11,3 Rohöl, Brent (USD/Bbl) 62,5 50,7 33,1 43,3 32,6 40,5 43,2 45,0 41,9 41,6 Inflationserwartungen EC Haushaltsumfrage 31,6 34,3 38,9 25,4 44,0 30,4 24,2 26,6 25,5 26,3 EC Unternehmensumfrage 2,7 2,2 -4,9 0,1 -6,0 -4,0 -0,5 -0,4 1,2 2,3 Lohnstückkosten (gg. Vj.) Lohnstückkosten 2,9 4,6 8,4 Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer 2,5 2,3 -2,7 Arbeitnehmerentgelt je Stunde 3,4 4,7 6,8 Monetärer Sektor (gg. Vj.) M3 4,6 6,7 6,9 7,2 7,2 6,9 7,1 6,4 7,2 Trend von M3* 6,7 6,8 7,1 6,8 6,9 Kredite an Unternehmen und Privatpersonen 4,9 5,3 4,7 5,4 4,7 4,8 4,6 Kredite an öffentliche Haushalte -5,9 5,0 3,1 -0,4 3,1 5,8 6,4 % gg. VP = Veränderung gegenüber der Vorperiode; * zentrierter 3M-Durchschnitt Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Bundesbank, Europäische Kommission, Eurostat, Statistisches Bundesamt, HWWI, ifo, Markit November Lockdown = Q4 BIP Knockdown 64 | 4. November 2020 Ausblick Deutschland    Finanzmarktprognosen DX US JP EWU GB CH SE DK NO PL HU CZ Leitzinssatz, % Aktuell 0,125 -0,10 0,00 0,10 -0,75 0,00 -0,60 0,00 0,10 0,77 0,25 Dez 20 0,125 -0,10 0,00 0,10 -0,75 0,00 -0,75 1,50 0,10 0,90 0,25 Mrz 21 0,125 -0,10 0,00 0,10 0,10 0,90 0,25 Jun 21 0,125 -0,10 0,00 0,10 0,10 1,05 0,25 3M Geldmarktsatz, % Aktuell 0,22 -0,06 -0,52 Dez 20 0,35 0,03 -0,40 Mrz 21 0,30 0,03 Jun 21 0,25 0,03 Rendite 10J Staatsanleihen, % Aktuell 0,84 0,05 -0,64 0,22 Dez 20 0,70 0,00 -0,40 0,45 Mrz 21 0,90 0,10 -0,30 0,53 Jun 21 0,95 0,10 -0,23 0,58 Wechselkurse EUR/USD USD/JPY EUR/GBP GBP/USD EUR/CHF EUR/SEK EUR/DKK EUR/NOK EUR/PLN EUR/HUF EUR/CZK Aktuell 1,16 104,76 0,90 1,29 1,07 10,38 7,45 11,14 4,61 366,55 27,12 Dez 20 1,20 100,00 0,96 1,25 1,05 10,50 7,46 10,25 4,40 340,00 26,50 Mrz 21 1,21 97,50 0,95 1,27 1,04 10,50 10,19 4,30 330,00 26,00 Jun 21 1,23 95,00 0,95 1,29 1,03 10,50 10,13 4,25 325,00 25,00 Quellen: Bloomberg Finance LP, Deutsche Bank Research © Copyright 2020. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Ver fassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen kön nen ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis zur Erbringung von Bankge schäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleis tungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Inc. genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen. Druck: HST Offsetdruck Schadt & Tetzlaff GbR, Dieburg ISSN (Print): 2512-2371; ISSN (Online): 2568-1079 Press Quality.joboptions << /ASCII85EncodePages false /AllowTransparency false /AutoPositionEPSFiles true /AutoRotatePages /None /Binding /Left /CalGrayProfile (Dot Gain 20%) /CalRGBProfile (sRGB IEC61966-2.1) /CalCMYKProfile (U.S. Web Coated \050SWOP\051 v2) /sRGBProfile (sRGB IEC61966-2.1) /CannotEmbedFontPolicy /Error /CompatibilityLevel 1.4 /CompressObjects /Tags /CompressPages true /ConvertImagesToIndexed true /PassThroughJPEGImages true /CreateJobTicket false /DefaultRenderingIntent /Default /DetectBlends true /DetectCurves 0.0000 /ColorConversionStrategy /CMYK /DoThumbnails false /EmbedAllFonts true /EmbedOpenType false /ParseICCProfilesInComments true /EmbedJobOptions true /DSCReportingLevel 0 /EmitDSCWarnings false /EndPage -1 /ImageMemory 1048576 /LockDistillerParams false /MaxSubsetPct 100 /Optimize true /OPM 1 /ParseDSCComments true /ParseDSCCommentsForDocInfo true 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