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22. August 2019
Was soll der brave Bürger davon halten, wenn sein Finanzminister, ein hochrangiger Vertreter des Staates, prüfen lässt, ob er ihn vor den Handlungen eines anderen staatlichen Organs, der Zentralbank, schützen kann. Denn genau darauf läuft das vom bayerischen Ministerpräsidenten Söder geforderte Verbot von Negativzinsen für die Einlagen bei den Banken (bis zu einer gewissen Größenordnung) hinaus, dessen Realisierungschancen jetzt im Finanzministerium geprüft werden. [mehr]
PROD0000000000497788 1   |    22. August 2019Aktueller Kommentar 22. August 2019 Negativzinsen und ihre Wir­ kung auf die Menschen Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Stefan Schneider +49(69)910-31790 stefan-b.schneider@db.com Was soll der brave Bürger davon halten, wenn sein Finanzminister, ein hoch­ rangiger Vertreter des Staates, prüfen lässt, ob er ihn vor den Handlungen ei­ nes anderen staatlichen Organs, der Zentralbank, schützen kann. Denn genau darauf läuft das vom bayerischen Ministerpräsidenten Söder geforderte Verbot von Negativzinsen für die Einlagen bei den Banken (bis zu einer gewissen Grö­ ßenordnung) hinaus, dessen Realisierungschancen jetzt im Finanzministerium geprüft werden. In der öffentlichen Debatte überwiegt die Ablehnung, die wir prinzipiell teilen. Ein solches Verbot stelle einen Eingriff in die privatrechtliche Vertragsfreiheit dar und überhaupt, dies wäre ein massiver Markteingriff und sei damit tabu, hört man von einigen, die plötzlich ihr ordoliberales Gewissen wiederentdecken. Die betroffene Bevölkerung dürfte dies wahrscheinlich anders sehen. Zudem dürf­ ten sich die Bürger wohl die Frage stellen, inwieweit es sich noch um einen funktionierenden Markt handelt, wenn ein Akteur das Angebot sowohl mengen­ mäßig (durch eine Verdreieinhalbfachung der Bilanz) als auch preismäßig (durch die Einführung negativer Einlagenzinsen) absolut dominiert und damit den Markt aus den Angeln gehoben hat. Auch der in ökonomischen Dingen we­ niger versierte Bürger dürfte sich fragen, wie es denn sein kann, dass er für sei­ nen ­ ihm durch Evolution und Sozialisierung in die Wiege gelegten – Drang zur Zukunftsvorsorge, der bis dato einen hohen moralischen Wert besaß, nunmehr eine Strafsteuer aufgebrummt bekommt. Denn nichts anderes ist der negative Zins.  Aus der Sozialpsychologie wissen wir, dass eine derartige kognitive Dissonanz unser Selbstkonzept gefährdet und unseren Selbstwert bedroht, aber auch, dass der dann einsetzende Versuch der Dissonanzreduktion häufig zu Wahr­ nehmungs- und Denkfehlern führt. Dabei kann es zur Resignation kommen, man findet sich einfach mit der neuen Situation ab und versucht, das Beste dar­ aus zu machen – eine Reaktion, die am Finanzmarkt mit seinem eher kurzfristi­ gen Herdenverhalten vorzuherrschen scheint. Beim Bürger scheint dagegen – wie eine neue Forsa­Umfrage erneut zeigt, das Vertrauen in die staatlichen In­ stitutionen immer mehr zu schwinden. Dies hat sicherlich auch noch andere Gründe. Aber man darf sich fragen, wie sich das Verhalten der Bürger generell ändern könnte, wenn ihm an dem Markt, wo Zukunft bewertet wird, signalisiert wird, dass sich eine Zukunftsorientierung – zumindest in Form von Ersparnisbil­ dung – nicht mehr auszahlt. Der verunsicherte und nach Orientierung suchende Bürger könnte sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs noch mehr zurückziehen Negativzinsen und ihre Wirkung auf die Menschen 2   |    22. August 2019Aktueller Kommentar Englische Übersetzung vom 23. August 2019: ˮNegative interest rates and their effect on humansˮ oder sich von den etablierten Parteien abwenden und sein Glück bei solchen suchen, die mit einfachen Erklärungen und Lösungen locken und vielleicht sei­ ne Vorurteile bedienen. Der Historiker Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Buch Sapiens, dass die moderne Gesellschaft erst durch den kollektiven Glauben an eine bessere Zu­ kunft ermöglicht wurde. Dieser Glaube ermöglichte Unternehmern kreditfinan­ zierte Investitionen in der Gegenwart zu tätigen, die sich erst in der Zukunft aus­ zahlen würden. Der Kredit kommt von den Sparern und Banken, die darauf ver­ trauten, dass ein Mehr an zukünftigen Ressourcen die Rückzahlung ermöglich­ te. Er beschreibt einen Tugendkreislauf, in dem Vertrauen in die Zukunft mehr Kredit ermöglicht, der wiederum zu mehr Wachstum führt und damit das Ver­ trauen stärkt. Dies Mehr an Wachstum erklärt die positiven Zinsen. Mit einem negativen Zinssatz könnte sich dieser Tugendkreislauf in einen Teufelskreislauf verwandeln. Die Sorge, dass mit dem Verschwinden des positiven Zinses auch das Vertrauen in die Zukunft zunehmend Schaden nimmt, ist daher nicht von der Hand zu weisen. …und ja, man kann mir unterstellen, dass ich als Banken­Volkswirt (auch) im Sinne meines Arbeitgebers argumentiere. Schließlich müssen die deutschen Banken allein aufgrund des negativen Einlagenzinssatzes von -0,4% der EZB jährlich rund 2,3 Mrd. Euro überweisen. Negativzinsen und ihre Wirkung auf die Menschen 3   |    22. August 2019Aktueller Kommentar © Copyright 2019. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vor­ behalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage­, Rechts­ oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die ak­ tuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer as­ soziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließ­ lich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informationszwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessen­ heit der vorstehenden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaub­ nis zur Erbringung von Bankgeschäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zen­ tralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird die­ ser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. 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