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4. November 2013
Bei den Koalitionsverhandlungen von CDU/CSU und SPD zeichnet sich die Einigung auf einen Mindestlohn von schon bald bundesweit EUR 8,50 pro Stunde ab. Empirische Analysen zeigen, dass die Folgen eines Mindestlohns besonders schädlich sind, wenn dessen Niveau nahe am Medianlohn liegt. Infolge des Mindestlohns müssten die Löhne von rd. 6 Millionen Beschäftigten angehoben werden. Ein Mindestlohn würde vor allem die Beschäftigungsperspektiven von Problemgruppen trüben, die schon heute überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Wenn Gesellschaft und Politik die aus Marktprozessen resultierende Einkommensverteilung korrigieren wollen, sollte dies mittels Steuern und Transferzahlungen geschehen, statt durch Eingriffe in die Tarifautonomie. [mehr]
Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung Standpunkt Deutschland „Standpunkt Deutschland“ ist die neue Flaggschiff -Publikation von Deutsche Bank Research zu Wirtschafts- und Finanzthemen, die für Deutschland von Bedeutung sind. In einer Zeit, in der die in der größten Volkswirtschaft Europas getroffenen Entscheidungen für Europa und darüber hinaus relevant sind, se- hen wir es als unsere Verantwortung, wichtige Themen aufzuzeigen und Positi- on in der Diskussion zu beziehen. Mit „Standpunkt Deutschland“ wollen wir den Blick über das Tagesgeschehen hinaus auf die wichtigen strategischen Heraus- forderungen richten, denen sich Deutschland im 21. Jahrhundert stellen muss. David Folkerts-Landau, Group Chief Economist Bei den Koalitionsverhandlungen von CDU/CSU und SPD zeichnet sich die Einigung auf einen Mindestlohn ab, der schon bald bundesweit EUR 8,50 pro Stunde betragen könnte. Ein solcher Mindestlohn wird nach unseren Schätzun- gen zwischen 450.000 und einer Million Arbeitsplätze kosten. Anders als von dessen Verfechtern erwartet, könnte auch die Kaufkraft sinken, da der Verlust an Arbeitsplätzen den Anstieg der Löhne pro Kopf mehr als aufzehren dürfte. Empirische Analysen zeigen, dass die Folgen eines Mindestlohns besonders schädlich sind, wenn dessen Niveau nahe am Medianlohn liegt . Bei einem Min- destlohn von EUR 8,50 würde Deutschland diesbezüglich aber EU-weit neben Frankreich am schlechtesten abschneiden. Infolge des Mindestlohns müssten die Löhne von rd. 6 Millionen Beschäftigten angehoben werden. Über den einmaligen Lohnschub hinaus könnte ein alljährli- ches Hochsetzen der Lohnuntergrenze die Tarifverhandlungen präjudizieren und so die Löhne in einem breiten Spektrum zusätzlich nach oben treiben. Zwar gefährdet auf den ersten Blick der zu erwartende Mindestlohn den Stand- ort D nicht, weil er kaum Arbeitsplätze in den großen exportorientierten Unter- nehmen direkt beträfe. Indes müsste mit erheblichen indirekten Belastungen der Kostenbasis dieser Unternehmen gerechnet werden . Ein Mindestlohn würde vor allem die Beschäftigungsperspektiven von Problem- gruppen trüben, die schon heute überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit be- troffen sind. In strukturschwachen Regionen dürfte ein Mindestlohn von EUR 8,50 den Aufbau neuer Stellen stark behindern und auch zum Abbau bestehen- der Arbeitsplätze führen. Prinzipiell widerspricht ein Mindestlohn dem zentralen Anliegen der Hartz- Reformen, Problemgruppen über ein Niedriglohnsegment in den Arbeitsmarkt zurückzubringen. Stattdessen dürfte dieses Beschäftigungspotenzial durch Ver- lagerung ins Ausland (Offshoring) oder Expansion der Schattenwirtschaft verlorengehen. Wenn Gesellschaft und Politik die aus Marktprozessen resultierende Einkom- mensverteilung korrigieren wollen, sollte dies mittels Steuern und Transferzah- lungen geschehen, statt durch Eingriffe in die Tarifautonomie . Diese war bislang zu Recht ein Eckpfeiler der erfolgreichen Sozialen Marktwirtschaft. Hingegen öffnet der Mindestlohn der Politik ein neues Tor zu mehr Umverteilung, deren Kosten sich mit der Zeit in höherer struktureller Arbeitslosigkeit zeigen werden. David Folkerts - Landau Group Chief Economist Editoren B arbara Böttcher Head of European Policy Research Gilles Moec Head of European Economic Research Stefan Schneider Chief German Economist Deutsche Bank AG DB Research Frankfurt am Main Germany E - M ail : marketing.dbr@db.co m Fax: +49 69 910 - 31877 www.dbresearch.de 1. November 2013 Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung 2 | 1. November 2013 Standpunkt Deutschland Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung Deutsche Bank Research Mindestlohn von allen Bundestagsparteien befür- wortet Der Mindestlohn war ein großes Thema im Wahlkampf. Alle großen Parteien befürworteten eine Lohnuntergrenze, wofür sie indes unterschiedliche Vorstel- lungen präsentierten. In Übereinstimmung mit der Ausrichtung ihres Wahlkampfes auf “soziale Ge- rechtigkeit“ trat die SPD für einen bundesweit einheitlichen, gesetzlichen Min- destlohn von EUR 8,50 pro Stunde ein. Dieses Konzept fand breite Zustimmung in der Öffentlichkeit. Im Gegensatz dazu wollte die CDU auf die bestehende Regelung bauen, d.h. auf regional differenzierte Branchenmindestlöhne, die von den Tarifparteien ausgehandelt werden, und diese zu einem flächendeckenden Netz erweitern. Die deutsche Wirtschaft unterstützte diesen Ansatz, der in das System regiona- ler Tarifverhandlungen auf Branchenebene eingepasst ist. Die Gewerkschaften hingegen, die früher teilweise den tarifvertraglichen Ansatz ebenfalls unterstütz- ten, traten für das SPD-Konzept ein. Begründet wurde dies u.a. damit, dass die gewerkschaftliche Verhandlungsposition in wirtschaftlich schwachen Regionen, besonders in Ostdeutschland, zu gering sei, um hinreichende Mindestlöhne aushandeln zu können. Angesichts des hohen Stellenwerts auf der politischen Agenda zumindest der SPD ist ein Kompromiss über die Einführung eines Mindestlohns jetzt eine Vor- aussetzung für das Zustandekommen der Koalition von CDU/CSU und SPD und vor allem für die Zustimmung der SPD-Parteibasis für eine solche Regierung. Während die unterschiedlichen Vorstellungen beider Lager zunächst schwer überbrückbar erschienen, zeichnet sich inzwischen ein Kompromiss ab. Es ist daher wahrscheinlich, dass eine der ersten Amtshandlungen einer künfti- gen Koalitionsregierung von CDU/CSU und SPD der Erlass eines Gesetzes über einen Mindestlohn ist. Obwohl Details noch ausgehandelt werden müssen, dürfte der SPD-Vorschlag von bundesweit einheitlich EUR 8,50 als Referenz dienen. Ein möglicher Kompromiss könnte eine Startphase mit stufenweiser Einführung anfänglich auch regional zwischen West- und Ostdeutschland diffe- renzierter Mindestlöhne beinhalten. In den Folgejahren könnte eine Art Niedrig- lohnkommission nach britischem Vorbild mit Mitgliedern von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden sowie möglicherweise auch Wissenschaftlern über die (alljährlichen) Anhebungen entscheiden. Erheblicher Stellenabbau in mittelständischen Betrieben und bei Dienstleistungen zu erwarten Gemessen am Medianlohn für Vollzeitbeschäftigte hätte Deutschland (zusam- men mit Slowenien) mit einer Relation von 58% bei EUR 8,50 den zweithöchs- ten Mindestlohn in der EU. 1 Unter den 21 Mitgliedsländern mit Lohnuntergren- zen hat nur Frankreich mit 60,1% einen noch höheren Mindestlohn. Hingegen liegt der EU-Durchschnitt mit 48,3% deutlich unter dem in Deutschland von der Politik angestrebten Niveau. Als Folge eines Mindestlohns von EUR 8,50 müssten unmittelbar die Löhne von rd. 6 Millionen Beschäftigten (17% aller Arbeitnehmer) angehoben werden. Frei- lich dürfte es dabei nicht bleiben. Vielmehr werden viele Arbeitgeber kaum dar- an vorbeikommen, wahrscheinlichen Forderungen der Gewerkschaften nachzu- 1 Zu den größeren Ländern mit Mindestlöhnen gehören Argentinien, Australien, Brasilien, Kanada, Japan, Korea, Neuseeland, die Türkei und die USA. Mindestlöhne in Europa 1 EUR/Stunde % des Medianlohns Okt. 13 Vollzeitbeschäftigter LU 11,10 42,0 FR 9,43 60,1 BE 9,10 50,3 NL 9,07 47,4 IE 8,65 47,7 DE 8,50 58,0 GB 7,78 46,7 SI 4,53 58,2 ES 3,91 43,9 GR 3,35 51,1 PT 2,92 56,5 PL 2,21 44,5 CZ 2,01 34,5 HU 1,97 49,5 SK 1,94 45,6 EE 1,90 38,6 LT 1,76 47,9 LV 1,71 57,3 RO 1,06 47,7 ungewichtet 4,34 48,3 gewichtet* 5,49 47,5 * gewichtet nach Bevölkerungsgröße Quellen: WSI, Groll/Koths 3 | 1. November 2013 Standpunkt Deutschland Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung Deutsche Bank Research geben und zumindest auch marginal oberhalb dieser Schwelle liegende Löhne zu erhöhen, um eine zu starke anreizschädliche Verzerrung der Lohnskala zu ver- meiden. Im Ergebnis könnte der Mindestlohn direkt und indirekt zu höheren Lohnzahlungen für rund ein Viertel aller Arbeitnehmer führen. Über den einmaligen Lohnschub hinaus besteht die Gefahr, dass von den all- jährlich anstehenden Erhöhungen der Mindestlöhne beschäftigungsschädliche Signaleffekte ausgehen. Dieses Risiko ist umso höher, je stärker die künftigen Anpassungen der Lohnuntergrenze – wie zu befürchten ist – durch verteilungs- politische Ziele getrieben sein werden. Überzogene Mindestlohnsteigerungen könnten damit falsche Standards für die Tarifverhandlungen setzen und die Löhne über weite Bereiche der Skala hinweg zusätzlich in die Höhe treiben. Damit würden immer wieder aufs Neue Arbeitsplätze gefährdet. Angesicht dieser negativen Fakten dürfte eine solche Lohnuntergrenze den deutschen Arbeitsmarkt und die deutsche Wirtschaft erheblich treffen. Ein Mindestlohn wird oft als Instrument zur Stärkung des privaten Verbrauchs und damit der Binnennachfrage betrachtet. Solche Forderungen sind in den letzten Jahren im Zuge der Debatte über die notwendige Verminderung der Leistungsbilanzsalden innerhalb der Eurozone noch häufiger geworden. Dabei wird unterstellt, dass Mindestlöhne dem privaten Konsum besonderen Schub vermittelten, weil gerade die Einkommen der Haushalte von Geringverdienern mit hoher Konsumneigung kräftig zulegen würden. Diese Ansicht teilen wir nicht. Wir stützen uns dabei auf eigene Schätzungen, mit denen sich voraussichtliche Beschäftigungsverluste in Zahlen fassen lassen. Ein Mindestlohn von EUR 8,50 hätte demnach einen Anstieg der Löhne um gut 35% für die Beschäftigten mit zuvor unterhalb der Schwelle liegenden Löhnen zur Folge. Legt man die durch- schnittliche Lohnelastizität der Beschäftigung für geringqualifizierte Arbeitskräfte von -0,5 zugrunde, 2 würde die Beschäftigung dieser Gruppe um fast 18% bzw. rd. 1 Million fallen. Aber selbst auf der Basis des niedrigsten Werts der betref- fenden Lohnelastizität der Beschäftigung (-0,2) errechnet sich für Geringqualifi- zierte ein Rückgang der Beschäftigung um rd. 450,000. 3 Schon heute beträgt die Arbeitslosenquote der Geringqualifizierten fast 20%. Der Gesamteffekt für die Kaufkraft wird wahrscheinlich negativ sein, da die Wir- kung der Beschäftigungsverluste die Effekte der Lohnsteigerungen für jene, die ihren Arbeitsplatz behalten, überkompensieren dürften. Im ungünstigsten Sze- nario, wenn alle Arbeitskräfte, deren Löhne bislang unterhalb von EUR 8,50 liegen, ihre Stelle verlieren, nimmt die Lohnsumme hingegen um 8% ab. Im Szenario niedriger Lohnelastizitäten und damit geringerer Beschäftigungsver- luste, das wir indes als zu optimistisch einschätzen, bliebe die Kaufkraft unver- ändert. Der private Verbrauch dürfte tendenziell noch stärker sinken als die Lohnsum- me, weil die verfügbaren Nettoeinkommen vieler Mindestlohnbezieher nur wenig steigen werden. Das gilt vor allem für zwei Gruppen bisheriger Niedriglohnbe- zieher: zum einen für Personen, die mit einem(r) Besserverdienenden verheira- tet sind, und zum anderen für Personen, die ergänzend zum Arbeitseinkommen Grundsicherung (Hartz IV) oder andere Transfers wie Wohngeld erhalten. Höhe- 2 Dieser Wert der Elastizität beträgt etwa die Hälfte des Wertes früherer Schätzungen, die sich alle im negativen Bereich zwischen -0,2 bis -0,9 bewegen (vgl. für weitere Details Ragnitz, J., Thum, M. (2008). Beschäftigungswirkung von Mindestlöhnen – eine Erläuterung der Berechnungen des ifo Instituts. Ifo Schnelldienst 1/2008). 3 Unsere Schätzungen stimmen mehr oder minder mit den Ergebnissen anderer Studien überein. Einer Literaturübersicht aus den Jahr 2009 zufolge wurden die Beschäftigungsverluste für einen Mindestlohn von EUR 7,50, wie man ihn damals diskutierte, in den Größenordnungen von 140.000 bis 1,2 Millionen beziffert (siehe für Details dazu Müller, K.U. (2009). Wie groß sind die Beschäftigungsverluste aufgrund eines allgemeinen Mindestlohns? DIW Wochenbericht 26/2009 und Ragnitz, J., Thum, M. (2008). Beschäftigungswirkung von Mindestlöhnen – eine Erläuterung der Berechnungen des ifo Instituts. Ifo Schnelldienst 1/2008). 4 | 1. November 2013 Standpunkt Deutschland Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung Deutsche Bank Research re Steuern vermindern – zumal bei dem progressiven Einkommensteuertarif in Deutschland – die Zuwächse des Nettoeinkommens der ersten Gruppe. Bei der zweiten Gruppe werden die Transfers teilweise mit den Lohnzuwächsen gegen- gerechnet und entsprechend gekürzt. Die lohn- und beschäftigungspolitischen Folgen könnten sich je nach Branche, Unternehmensgröße und Region erheblich unterscheiden. Während große ex- portorientierte Unternehmen wohl weniger betroffen sein werden, dürften erheb- lich höhere Lohnkosten vor allem kleinere Unternehmen mit geringeren Anpas- sungschancen stark treffen. Letzteres gilt auch für viele Zweige des Dienstleis- tungssektors. Während die Lohnsumme von Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten, die in der Regel einen geringeren Anteil an Niedriglohnbeziehern haben, um 1% zunehmen würde (unter der Annahme konstanter Beschäftigung), steigt die Lohnrechnung für Unternehmen mit weniger als 5 Mitarbeitern im Durchschnitt um etwa 10% (bei Firmen mit 5 bis 10 Mitarbeitern um 7%). Das ist für die be- troffenen Firmen umso problematischer, da größere Unternehmen prinzipiell mehr Optionen wie Outsourcing und Offshoring oder Übergang auf weniger arbeitsintensive Produktionsverfahren haben, um sich an Lohnschocks anzu- passen als kleine und mittlere Betriebe. Aber auch die bei den größeren Unter- nehmen anfallenden Kosten müssen bezahlt werden. Da es selbst den großen Unternehmen angesichts des harten internationalen Wettbewerbs schwerfallen dürfte, die Preise ihrer Produkte anzuheben, würden entweder ihre Gewinne sinken oder die Löhne der besser qualifizierten Arbeitskräfte würden nur ent- sprechend gebremst steigen. Für ein Land, dessen Wirtschaft in starkem Maße von der Leistung von Fachkräften abhängt, wäre dies keine gute Perspektive. Grundsätzlich sollte der Exportsektor in der Lage sein, mit einem Mindestlohn zurechtzukommen, da der Anteil der Lohnkosten an der Wertschöpfung hier tendenziell relativ klein ist. Freilich sind auch Großunternehmen in Lieferketten eingebunden. Deswegen muss auch bei diesen Unternehmen mit nennenswerten indirekten Belastungen der Kostenbasis durch Kostensteigerungen bei Zuliefer- ern insbesondere heimischer Dienstleistungen gerechnet werden. Diese indirek- ten Belastungen treffen größere Unternehmen aus allen Branchen – auch aus dem Finanzbereich oder dem Versorgungssektor, die direkt nur relativ gering von Lohnsteigerungen betroffen sind. Darüber hinaus ist die Exportwirtschaft durch größere Industrieunternehmen dominiert. Die vier wichtigsten Industrien, die Automobilindustrie, die chemische Industrie, der Maschinenbau und die elektrotechnische Industrie haben zusam- men einen Anteil von zwei Dritteln an den deutschen Warenexporten. Die Löhne in diesen Industriezweigen liegen i.d.R. über dem Durchschnitt. Gleichwohl fal- len auch in der Industrie bei 14% der Arbeitsplätze höhere Lohnkosten an. 4 Im Gegensatz zu den genannten Industriesparten würde die Lohnsumme im Bereich von Land-, Forstwirtschaft und Fischerei mit 6% (unter der Annahme konstanter Beschäftigung) kräftig steigen. Aber auch auf weite Teile des Dienst- leistungssektors, insbesondere haushaltsbezogene Dienste, personalintensive unternehmensnahe Dienste wie Sicherheitsdienste und Bereiche des Gesund- heitswesens, vor allem die Pflege, kämen erhebliche Kostensteigerungen (An- stieg der Lohnsumme bis 4%) zu. Obwohl diese Dienstleistungsbereiche nicht- handelbare Dienstleistungen produzieren, liefern einige von ihnen bedeutende Vorleistungen für die gesamte Wirtschaft. Ein Mindestlohn könnte auch den Strukturwandel der deutschen Wirtschaft hin zu einer mehr durch den Binnenbe- reich bzw. den Dienstleistungssektor getriebenen Wirtschaft hemmen, wenn die negativen Beschäftigungseffekte überwiegen. 4 Siehe Brenke, K; K.-U. Müller (2013). Gesetzlicher Mindestlohn: kein verteilungspolitisches All- heilmittel. DIW-Wochenbericht 39/2013. S. 3-17. Unternehmen nach Beschäftigtenzahl 2 Anzahl der Beschäf - tigten Anzahl der Unte r- nehmen, in 1. 000 % 0 - 9 3 . 322,1 91,0 10 - 49 258,6 7,1 50 - 249 56,2 1,5 >250 12,5 0,3 Insgesamt 3 . 649,4 100,0 Quelle: Statistisches Bundesamt Unternehmen nach Umsatz 3 Umsatz in Mio. Anzahl der Unte r- nehmen, in 1. 000 % <1 3 . 293,1 90,2 1 - 2 153,2 4,2 2 - 10 151,4 4,1 10 - 50 39,6 1,1 >50 12,1 0,3 Insgesamt 3 . 649,4 100,0 Quelle: Statistisches Bundesamt 5 | 1. November 2013 Standpunkt Deutschland Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung Deutsche Bank Research Empirische Studien: negativ in vergleichbaren Fällen Die negative Einschätzung des Mindestlohns dürfte überraschen, zumal vielzi- tierte empirische Studien, die sich mit den Erfahrungen in den USA und in Großbritannien befassen, keinen starken Einfluss eines Mindestlohns auf die Beschäftigung zeigen. Wir sind jedoch der Ansicht, dass diese Ergebnisse auf Deutschland kaum übertragbar sind. So bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Mindestlöhnen in den bei- den zuvor genannten Ländern und der in Deutschland geplanten landesweit einheitlichen Lohnuntergrenze. In den USA und in Großbritannien sind die Min- destlöhne regional, sektoral und/oder nach der Qualifikation der Arbeitnehmer differenziert. Zudem liegen sie mit etwas mehr als 45% in Großbritannien und lediglich 38% in den USA deutlich unter den jeweiligen Median-Vollzeitlöhnen, während der geplante Mindestlohn in Deutschland fast 60% des Median- Vollzeitlohnes entsprechen würde. Mit Blick auf den hierzulande geplanten Mindestlohn wenig aussagekräftig sind auch die Resultate bisheriger Analysen der branchenspezifischen Mindestlöhne, die in Deutschland seit einigen Jahren etabliert sind. Diese Untersuchungen zeigen zwar ebenfalls nur geringfügig negative Beschäftigungseffekte. Die Ana- lysen beruhen aber lediglich auf Erfahrungen einzelner Branchen, und die ver- einbarten Mindestlöhne liegen in Ostdeutschland mehr oder minder deutlich unter dem westdeutschen Niveau. Zudem befinden sich die tarifvertraglich ver- einbarten und für allgemeinverbindlich erklärten Untergrenzen vor allem in Ost- deutschland in mehreren Branchen nennenswert unter dem gegenwärtig disku- tierten Wert (z.B. Wach- und Sicherheitsgewerbe: EUR 7,50; Gebäudereiniger Handwerk: EUR 7,56, Pflege: EUR 8,00). Ein einheitlicher, d.h. für alle Bran- chen und Regionen gleich hoher, Mindestlohn hat wahrscheinlich sehr viel stär- kere negative Konsequenzen als die gegenwärtigen branchenspezifischen Re- gelungen. 5 Unsere skeptische Einschätzung wird durch Untersuchungen für Frankreich untermauert. Der Mindestlohn dort ist mit gut 60% des Medianlohnes wesentlich höher als in den USA und Großbritannien, so dass er mit dem vorgeschlagenen deutschen Mindestlohn vergleichbar ist. Empirische Studien zeigen, dass die Beschäftigung in Frankreich durch die sukzessiven Steigerungen des Mindest- lohnes signifikant beeinträchtigt wurde. Um die toxischen Wirkungen des Min- destlohns zu adressieren, sahen sich die französischen Behörden zu einer Rei- he anderer, ebenfalls problematischer Eingriffe gezwungen. So wurde die Lohnabgabenbelastung von Arbeitnehmern mit Löhnen in Höhe von 100% bis 160% des Mindestlohns reduziert und damit weitere Lasten der Finanzierung des Sozialstaates zu den qualifizierten Arbeitskräften hin verlagert. 6 5 Siehe Wissenschaftlicher Beirat beim BMWi (2012). Die Gefahren eines flächendeckenden Min- destlohns, Schlaglichter der Wirtschaftspolitik 9/2012 und Gemeinschaftsdiagnose (2013). Kon- junktur zieht an – Haushaltsüberschüsse sinnvoll nutzen. 6 Siehe Börsch-Supan, A. (2008). Mindestlöhne vermeiden Armut nicht. Ifo Schnelldienst 6/2008 sowie Laroque, G., Salanié, B. (2002) Labour Market Institutions and Employment in France, Journal of Applied Econometrics, 17 und Abowd, J., F. Kramarz, P. Lengerman, S. Perez-Duarte (2004) Are Good Workers Employed by Good Firms? A Test of a simple assortative matching model for France and the United States, mimeo, und Abowd, j., F. Kramarz, D. Margolis, T. Philippon (2000) The Tail of Two Countries: Minimum Wages and Employment in France and the United States. IZA Discussion Paper Series No. 203. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 < 8.5 <10 <15 < 20 < 25 < 30 >= 30 Deutschland Westdeutschland Ostdeutschland Ostdeutschland, ohne formale Qualifikation Höhere Anteile von Niedriglohn- beziehern in Ostdeutschland 4 y - Achse: Kumulativer Anteil an Beschäftigten x - Achse: Bruttostundenlöhne nach Klassen Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research 0 10 20 30 40 50 Ost - D West - D Ohne formale Qualifikation Berufsausbildung Hochschulabschluss Deutsche Nicht - Deutsche <25 25 bis 55 >55 Öffentl. Sektor Privatwirtschaft Anteil an Beschäftigten mit einem Stundenlohn von weniger als EUR 8,50 in 2011 Quellen: SOEP, Deutsche Bank Research Besonders gefährdete Gruppen mit hohem Anteil an Beziehern von Stundenlöhnen unter EUR 8,50 5 6 | 1. November 2013 Standpunkt Deutschland Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung Deutsche Bank Research Beschäftigungsperspektiven für Problemgruppen erheblich eingetrübt Die Einführung von Mindestlöhnen hat sehr unterschiedliche Konsequenzen für die einzelnen Gruppen am Arbeitsmarkt. Das zeigen Berechnungen von Deutsche Bank Research auf Basis von Daten des SOEP. Vor allem Problem- gruppen wie geringqualifizierten Kräften, Migranten und Alleinerziehenden wird es erschwert, eine Vollzeitbeschäftigung zu finden. Während der Anteil der Ar- beitnehmer, die weniger als EUR 8,50 verdienen, nach diesen Daten in Deutschland insgesamt knapp ein Fünftel beträgt, liegt er in Ostdeutschland bei einem Drittel und unter den dortigen Arbeitskräften ohne formale Qualifikation bei über 60%. Vor allem in der Privatwirtschaft beschäftigte jüngere Arbeitskräf- te ohne formale Qualifikation wird es am härtesten treffen. Alles in allem dürfte der Mindestlohn eines seiner wesentlichen Ziele verfehlen, nämlich die Situation von Personen mit geringen Löhnen zu verbessern, weil er viele von ihnen in die Arbeitslosigkeit zurückwerfen könnte. Aufholprozess strukturschwacher Regionen ge- fährdet Das Lohngefälle zwischen wirtschaftlich relativ starken und strukturschwächeren Regionen in Deutschland, generell etwa zwischen dem Süden und dem Norden sowie dem Westen und dem Osten, spiegelt u.a. die unterschiedlich hohe Ar- beitslosigkeit wider. Dieses Gefälle wird sich auch bei den Folgen des ange- strebten Mindestlohnes zeigen. Während in Westdeutschland derzeit rd. 15% der Arbeitnehmer Stundenlöhne von weniger als EUR 8,50 erhalten, beträgt der entsprechende Anteil in Ostdeutschland 27%. Zudem entsprechen EUR 8,50 in Westdeutschland rd. 54% des Medianlohns, hingegen sind es in Ostdeutsch- land über 70%. Wir gehen deswegen davon aus, dass infolge des Mindestloh- nes insbesondere die Friktionen an den Arbeitsmärkten in wirtschaftlich schwa- chen Regionen in Ostdeutschland und andernorts in Deutschland merklich zu- nehmen werden. Wenn die geplante Lohnuntergrenze schon in relativ kurzer Zeit bundesweit einheitlich EUR 8,50 betragen wird, dürfte der Mindestlohn vor allem in strukturschwachen Regionen den Aufbau neuer Stellen nachhaltig be- hindern und höchstwahrscheinlich auch arbeitsintensive Wirtschaftszweige be- einträchtigen. Mehr Minijobs? Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen würde ein Mindestlohn die soge- nannten Minijobs (steuer- und abgabenrechtlich begünstigte Arbeitsverhältnisse bis zu einer Verdienstgrenze von maximal EUR 450 pro Monat) für die Arbeit- geber und vor allem die Arbeitnehmer, die zum Erreichen der Grenze weniger lang arbeiten müssten, noch attraktiver machen. Da diese Beschäftigungsver- hältnisse bei der Einkommensteuer und auch bei den Sozialabgaben privilegiert sind, würde ein substanzieller Anstieg ihrer Zahl (derzeit rd. 7,5 Mio.) die öffent- lichen Kassen, insbesondere die Sozialversicherungen, merklich treffen. Das würde dann wohl die Debatte über die Abschaffung der 450-Euro-Jobs be- feuern. Eine andere Möglichkeit für Unternehmen, Mindestlöhnen auszuwei- chen, sind Werkverträge, bei denen die Entgelte an die erbrachte Leistung ge- knüpft sind. Es ist wenig erstaunlich, dass die SPD für eine restriktivere Regulie- rung in diesen Bereichen eintritt. 0 2 4 6 8 10 < 8.5 <10 <15 < 20 < 25 < 30 >= 30 Westdeutschland: Beschäftigte nach Höhe der Stundenlöhne 7 y - Achse: Bruttostundenlöhne in EUR x - Achse: Personen in Mio Quellen: SOEP, DB Research 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 < 8.5 <10 <15 < 20 < 25 < 30 >= 30 Quellen: SOEP, DB Research y - Achse: Bruttostundenlöhne in EUR x - Achse: Personen in Mio Ostdeutschland: Beschäftigte nach Höhe der Stundenlöhne 6 7 | 1. November 2013 Standpunkt Deutschland Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung Deutsche Bank Research Falsches Instrument für mehr Gerechtigkeit Bedingt durch den erwartenden Rückgang der Beschäftigung von Niedriglohn- beziehern nimmt die Spreizung der verfügbaren Einkommen der privaten Haus- halte nach Einführung eines Mindestlohns eher zu. Eine Lohnuntergrenze ist insofern ein fragwürdiges Instrument, wenn es darum geht, mehr „soziale Ge- rechtigkeit“ zu schaffen. Prinzipiell widerspricht ein Mindestlohn dem zentralen Anliegen der Hartz- Reformen, Problemgruppen über ein Niedriglohnsegment in den Arbeitsmarkt zurückzubringen. Wenn Gesellschaft und Politik die aus Marktprozessen resul- tierende Einkommensverteilung korrigieren wollen, sollte dies mittels Steuern und Transferzahlungen geschehen, statt durch Eingriffe in Märkte. Die Lohnfindung durch die Tarifparteien war bislang zu Recht ein Eckpfeiler der erfolgreichen Sozialen Marktwirtschaft. Hingegen öffnet der Mindestlohn der Politik ein neues Tor zu mehr Umverteilung, deren Kosten sich erst mit der Zeit in zunehmender struktureller Arbeitslosigkeit zeigen werden. Im Vergleich von EU-Ländern müssen Länder mit einem Mindestlohn eine um 3 Prozentpunkte höhere Quote der strukturellen Arbeitslosigkeit hinnehmen als Länder ohne Mindestlohn. Zudem ist von 2005 bis 2012 die strukturelle Arbeitslosigkeit in den Ländern mit einem Mindestlohn um 2½ Prozentpunkte gestiegen, während sie in Ländern ohne Lohnuntergrenze nur um einen Prozentpunkt zunahm. 7 Verantwortlicher Autor: Stefan Schneider (+49 69 910-31790, stefan-b.schneider@db.com) 7 Dies errechnet sich bei ungewichteter Basis. Mit gewichteten Werten, die vom Rückgang der strukturellen Arbeitslosigkeit in Deutschland um 3 Prozentpunkte dominiert sind, ergibt sich auch für die gesamte Gruppe der Länder ohne Mindestlohn von 2005 bis 2012 ein Rückgang um fast 1 Prozentpunkt. 0,0 2,0 4,0 6,0 8,0 10,0 12,0 2005 2012 Länder mit Mindestlohn Länder ohne Mindestlohn Strukturelle Arbeitslosigkeit in der EU 8 Quelle: Europäische Kommission Quoten*, in % *Nicht gewichteter Durchschnitt der EU - Länder 8 | 1. November 2013 Standpunkt Deutschland Mindestlohn von EUR 8,50: Eine falsche Weichenstellung Deutsche Bank Research © Copyright 2013. 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