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19. November 2012
Wir befinden uns mitten im Strukturwandel – auch was den Rohstoff Wissen angeht. Die Wissenswirtschaft entsteht und greift weltweit Raum. Wenn Sie erfahren wollen, wie viel (mehr) Wissen produziert wird, welche Entwicklungen sich bei Investitionen in Wissen beobachten lassen, wie aus Wissen Geld gemacht wird, was Produkte der Wissenswirtschaft sind und wer die wichtigsten Träger dieser Wissensrevolution und der Wissenswirtschaft sind, dann lesen Sie das hier. Erfahren Sie auch, welche Chancen sich in der entstehenden Wissenswirtschaft für Unternehmen und Regionen bieten. [mehr]
Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte): Folgen für regionale Wachstumsstrategien Aktuelle Themen Technologie und Innovation Wissensrevolution und Wissenswirtschaft: Weltweit wird immer mehr Wissen produziert. Aus diesem Wissen entstehen mehr Wissens-Werte in Form von Patenten, Marken und Gebrauchsmustern, mit denen Geld verdient wird: Durch angewandte Innovationstätigkeiten und den Handel mit intellektuellen Eigen- tumsrechten wurden im Jahr 2009 weltweit mehr als USD 180 Mrd. verdient (Verdoppelung seit dem Jahr 2000). „Made in Germany“ & „Created by Germans“: Deutschland profitiert von seinen industriellen Stärken und der anwendungsorientierten Kreativität kluger Köpfe: Deutschland wird vom Wissensimporteur zum Wissensexporteur. Mit dem Ex- port von F&E-Dienstleistungen wurden im Jahr 2010 mehr als USD 3 Mrd. er- wirtschaftet. Auch beim Handel mit Lizenzen weist Deutschland ein Plus von um die USD 270 Mio. auf. Zunehmende Dynamik der Produktion des Rohstoffs Wissen: Die Forschungs- und Bildungsausgaben wachsen besonders in den aufstrebenden Volkswirt- schaften stark; auch die Studentenzahlen steigen – vor allem die der internatio- nal mobilen auf weltweit ca. 2,2 Mio. Wissensintensive Produktlösungen – eine Grundlage der Wissenswirtschaft: Durch Tüfteln und Design wird mehr Wissen in neue Produkte verwandelt, wie der starke Anstieg der Zahl von Geschmacks- und Gebrauchsmustern zeigt. Die USA und Deutschland behaupten hier ihre Vorreiterrolle. Offene Innovation und Projektwirtschaft verändern die Wissensverarbeitung strukturell: Offene, projektbasierte Formen der Zusammenarbeit und des Wis- senstransfers nehmen zu. Öffentliche Forschungsorganisationen, Hochschulen und Forschungs- und Entwicklungsdienstleister bauen ihren Einfluss aus. Clusterbasierte Wissensrevolution: Die Wissensrevolution setzt sich in ver- schiedenen Weltregionen unterschiedlich stark durch: Bestehende Wissenszen- tren in den USA (Kalifornien), Japan (Tokio, Osaka), Frankreich (rund um Paris) und Deutschland (allen voran Bayern, Baden-Württemberg) bleiben wichtig. Neue Wissenshochburgen und Cluster, wie in Südkorea (Seoul), China (Shenzen) und Singapur, entstehen. Durch Wissen und Wissenswerte wachsen: Regionen und Unternehmen kön- nen qualitativ wachsen, wenn sie Pioniere unterstützen, Partnerschafts- und Kooperationsstrategien differenziert weiterentwickeln und ein eigenes Profil entwickeln. Die strategische wissenswirtschaftliche Spezialisierung auf Basis einer integrierten Struktur-, Außenwirtschafts-, Bildungs- und Forschungspolitik und die Entwicklung von institutionellen und finanziellen Plattformen hilft, mehr Zusammenarbeit von Staat, Wirtschaft und Wissenschaft zu ermöglichen und so mehr Wissenswerte zu schaffen. Autor en Ingo Rollwagen +49 69 910-31814 ingo.rollwagen@db.com Stefan Voigt Editor Antje Stobbe Deutsche Bank AG DB Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Ralf Hoffmann | Bernhard Speyer 19. November 2012 M ehr Wertschöpfung durch Wissen( swerte) Folgen für regionale Wachstumsstrategien Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 2 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Eine Wissensrevolution im Gange Wissen wird als Wiege des Fortschritts und der Wohlfahrt angesehen. Wissen und Innovationen sind zwingend notwendig für den wirtschaftlichen und gesell- schaftlichen Fortschritt. Unsere Analyse zeigt, 1 dass durch das Zusammenwir- ken verschiedener Dynamiken im Strukturwandel 2 eine Wissensrevolution statt- findet und dass Unternehmen mit Wissen in Form von Dienstleistungen zuneh- mend Geld verdienen. 3 Zum einen wird durch die Forschungs- und Bildungsanstrengungen von Staa- ten, öffentlichen und zunehmend auch privaten Akteuren sowie durch die zu- nehmende Zahl internationaler, offener und strukturiert kooperativer Ansätze mehr und vor allem mehr spezialisiertes Wissen erarbeitet. 4 Die Zahl der wis- senschaftlichen Publikationen steigt – im Jahr 2008 waren es weltweit insge- samt fast 1 Mio. (vgl. Grafik 1). Zum anderen tragen neue Formen offener, 5 angewandter, erkenntnisorientierter Zusammenarbeit von innovativen Akteuren zum Entstehen von Wissenswerten und der Wissenswirtschaft bei. Erfinder und Forscher in Forschungs- und Bil- dungseinrichtungen und Unternehmen entwickeln, tüfteln und designen und verwandeln so Wissen in neuartige Produktlösungen, bei denen Technologien und Dienstleistungen wie aus einem Guss für die Nutzer verfügbar sind. Dabei gewinnen unterschiedliche Wissensakteure, wie wissensintensive Unterneh- men, Entwicklungsdienstleister, staatliche Forschungsorganisationen und Uni- versitäten, an Bedeutung. Der Wissensschutz für Ideen und Produktentwürfe auf Basis der Eintragung intellektueller Eigentumsrechte liegt im Trend. 6 Dadurch entstehen Wissenswer- te, die auch zunehmend wirtschaftlich verwertet und gehandelt werden. Dies spiegelt die steigende Anzahl immaterieller Eigentumsrechte in Form von Paten- ten, Handelsmarken und eher produktbezogenen intellektuellen Eigentumsrech- ten (Gebrauchs- und Geschmacksmuster 7 ) wider (vgl. Grafik 3, Grafik 4, Grafi- ken 6a u. 6b). 1 Wir danken den Kollegen der OECD, der WIPO sowie der UNESCO für die Diskussionsimpulse und Hintergründe zur Datenanalyse. 2 Für eine „Karte“ der Dynamiken im Strukturwandel vgl. Hofmann et al 2007: 65-67. 3 Aufgrund der strukturellen Veränderungen bei der Produktion, Anwendung und Verwertung von Wissen sprechen wir in diesem Papier von einer Wissensrevolution. Wegen der Datenlage wird nicht differenziert auf die Entwicklung von Wissensbereichen und -disziplinen eingegangen. Die These, dass es sich um eine Wissensrevolution handelt, wird durch aktuelle Entwicklungen ge- stützt. Diese deuten auf eine grundlegende Veränderung der Wissensproduktion in Richtung ei- ner offeneren (auf ‚Open Source Methoden‘ basierenden), stärker vernetzten und vor allem durch mehr Validierung geprägten Wissensproduktion hin, die durch mehr Beteiligte auf Basis differen- zierter kognitiver Technologien erbracht wird (Weinberger 2012; Nielsen 2011). 4 Da die statische Erfassung von wirtschaftlichen Dynamiken meist mit einem gewissen Zeitverzug von statten geht, gibt es im Bereich der „Wissenswerte“ und der „Wissenswirtschaft“ vieles, was noch nicht gemessen oder ausgewiesen wird. Darüber hinaus sind bspw. Bestände impliziten Wissens und Kompetenzen ohnehin nur schwer messbar. Von daher ist dieses Papier eine selek- tive Bestandsaufnahme, um daraus im Sinne einer strategischen Frühaufklärung mögliche Hand- lungsimplikationen abzuleiten. 5 Für eine Definition und einen Überblick über offene Formen der Innovation vgl. WIPO 2011: 47- 48. Hier werden vier Formen der offenen Innovation nach den damit verbundenen Geldflüssen und der Ausrichtung der Kooperation (in die Organisation und über die Organisation hinaus ge- richtet) unterschieden. Alle Formen offener Innovation werden durch Management und Regeln, ob formell – durch Verträge – oder informell – durch Werte in Gemeinschaften – strukturiert. 6 Obwohl es notwendige Diskussionen um die Ausgestaltung des Systems intellektueller Eigen- tumsrechte und seine Kapazität, Innovationen zu fördern, gibt (Stichwort: Patentqualität), bieten die relativ gesicherten und vergleichbaren Daten zur Entwicklung von intellektuellen Eigentums- rechten eine Basis, um langfristige Entwicklungen der Wissensproduktion und der Wissenswirt- schaft im internationalen Maßstab – mit Berücksichtigung von regionalen Unterschieden – zu analysieren. 7 Das Gewicht Europas, was alltagstaugliche Produktinnovationen und damit verbundene intellek- tuelle Eigentumsrechte anbetrifft, wird nun auch statistisch deutlich. Nachdem das System der Wissensrevolution & Wissenswirtschaft – Fragen 2 Es ist nicht möglich, den Rohstoff Wissen in seiner Gesamtheit mit dem gesamten kulture l- len und sozialen Wissen und dessen Bedeutung für den Fortschritt für Gesellschaften zu erfa s- sen. Daher wird in dieser Bestandsaufnahme nur exemplarisch entlang der Formen der Wi s- sensgenerierung (‚Input‘), der Wissensverarbe i- tung (‚Throughput‘) und der Anwendung bzw. Vermarktung von Wissen sowie der Entwicklung immaterieller Wertgegenständ e (‚Output‘) au f- gezeigt, wie die Wissensrevolution und die entstehende Wissenswirtschaft weltweit Raum greif en . Dabei fragen wir: Wie viel (mehr) Wi s- sen wird produziert , welche Entwicklungen lassen sich bei Investitionen in Wissen beob - achten , wie funktion iert die neue Alchemie der Wissenswirtschaft – wie wird aus Wissen Geld gemacht – , was sind Produkte der Wissenswir t- schaft , wer sind die wichtigsten Träger dieser Wissensrevolution und der Wissenswirtschaft , wie verändert sich diese Produktion und die Nutzung von Wissen , und wo wird Wissen produziert? Nicht zuletzt fragen wir, welche Folgen die entstehende Wissenswirtschaft für Unternehmen und Regionen hat , und was sie tun können, um diese zu gestalten. 0 50 100 150 200 250 1985 1988 1991 1994 1997 2000 2003 2006 CN DE IN JP KR US USA führen (noch) mit großem Abstand 1 Quellen: Weltbank, DB Research Veröffentlichte wissenschaftliche Artikel, '000 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 JP US KR DE CN FR RU Wissensschutz nimmt weltweit zu 3 Rechtskräftige Patente, in Mio. Quellen: WIPO 2011, DB Research Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 3 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Zeit zu fragen, was die neue Alchemie in der Wissenswirtschaft definiert, wie sie funktioniert und was die neue Qualität und die Folgen der Wissensrevolution ausmachen. Wissensrevolution und Wissenswirtschaft im Kommen Weltweit wird immer mehr Wissen produziert. Die Entwicklung der Investitionen in Wissen – allen voran Forschung und Entwicklung (F&E) – lassen darauf schließen, dass mehr Staaten, Unternehmen, Regionen und Städte zu erken- nen scheinen, dass man Wissen und Innovationen auch durch eine gut finan- Registrierung von Gebrauchs- und Geschmacksmuster in und für Europa mit der Gründung des OHIM (Office for Harmonization in the Internal Market) eingeführt wurde, ist es nun – stark verein- facht ausgedrückt – europäischen und auch ausländischen Unternehmen möglich, diese Wis- senswerte europaweit zu schützen. Mit der Gründung des OHIM sind rein statistisch einige Län- der in ihrer Positionierung hinsichtlich der Anzahl der angemeldeten und registrierten Gebrauchs- und Geschmacksmuster zurückgefallen. Dabei handelt es sich teilweise um ein statistisches Arte- fakt. 8 Für einen Überblick zu immateriellen Vermögenswerten “Intangible Assets”, vgl. Andrews/de Serres 2012: 8 . Grundlegende Definitionen rund um Wissenswertschöpfung 5 Wissenswerte : Wissensbestände, die auf Basis der verschiedenen international bestehenden Trad i- tionen intellektueller Eigentumsrechte in Wissenswerte umgewandelt werden. 8 Wissenswerte sind dabei nicht per se monetär bewertet. Die monetäre Bewertung erfolgt erst nach einer Preisbildung zwischen Interessenten und Anbietern von Wissen auf Basis von Lizenz - und anderen Vereinbaru n- gen bzw. von Marktdurchsetzungsprozessen. Wissenswirtschaft : Im weiteren Sinne die Gesamtheit des Wirtschaftens auf Basis von mehr oder weniger hoch kodifiziertem Wissen (Wissenswerten). Im engeren Sinne die auf die Produktion und den Handel mit kodifiziertem Wissen und intellektuellen Eigentumsrechten zurückzuführende Wir t- schaftstätigkeit bzw. de r Aufbau nationalen immateriellen Vermögens. Wissensrevolution : Länger andauernder struktureller Wandel des Wissens, der sich aufgrund besser Möglichkeiten zur Informations - und Wissensverarbeitung auf Basis fortgeschrittener Informations - und Kommunikat ionstechnologien nun beschleunigt. Dieser Strukturwandel, der über mehrere Jah r- zehnte in verschiedenen Beschleunigungsphasen vor sich geht, bezieht sich zum einen auf das Wesen des Wissens. Hier verändert sich die Spezifikation von Wissen und Nicht - Wissen auf Basis epistemischer Weiterentwicklungen (vgl. Weinberger 2012). Weiterhin verändert sich die Anzahl der Wissensproduzenten und Wissensträger. Auch auf Basis der verschiedenen Wissenstechnologien und des wirtschaftlichen Strukturwandels ist Wissensprodu ktion nicht mehr nur auf die Wissenschaft und Wirtschaft beschränkt. Zur Lösung von Alltagsherausforderungen werden nun auch andere Wissensdomänen aus dem Bereich der Nicht - Experten und der sozialen und kulturellen Praktiken, d.h. Formen des informellen Wi ssens, heran gezogen. Drittens verändert sich die Wissensprodukt i- on: Es wird auf Basis von offeneren Formen der Zusammenarbeit vieler Akteure mit Unterstützung von Wissenstechnologien schneller, mehr (auch spezialisiertes) Wissen geschaffen und vorhand e- nes Wissen überprüft (vgl. Nielsen 2011). Wissenstechnologien : Zu den Wissenstechnologien gehören fortgeschrittene Informations - und Kommunikationstechnologien und Softwarelösungen zur Speicherung und zum Wissensmanag e- ment (Datenbanktechnologien, Big Data Min ing, Texterkennung), Social - Media - Angebote der näch s- ten Generation sowie Lösungen aus dem Bereich Künstliche Intelligenz. Dazu zählen auch Anwe n- dungen aus dem Bereich der Virtuellen und Erweiterten Realität. Diese werden eingesetzt, um Informationen und Wi ssen zu visualisieren, auf dieser Basis Prozesse zu simulieren und für Nutzer den Zustand der Immersion (d.h. das Eintauchen und die Interaktionen in Informations - und Wi s- sensräumen) zu ermöglichen. Informations - und Wissenstechnologien finden schon länger Einsatz im Data Mining und in der Entwicklung und Produktion von Produkten. Zu den Wissenstechnologien gehören auch Lernlösungen (Online - und Hybridkurse, so genannte MOOCs (Massive Open Online Courses) sowie C loud - basierte Lösungen im Forschungs - und Bil dungsbereich), die das Lernen in den nächsten Jahren grundlegend verändern werden. Wissensvermögen : Die nach internationalen statistischen Übereinkünften ausgewiesenen Anteile von immateriellen Vermögensgegenständen am Gesamtvermögen von Staaten. Wissens träger und - akteure : Individuen, Organisationen und Gemeinschaften, die Wissen produzi e- ren. Wissens - und Wertschöpfungsnetzwerke : Netzwerke von Hochschulen, Forschungseinrichtungen, wissensintensiven Dienstleistern, produzierenden und dienstleistenden Unte rnehmen unterschiedl i- cher Größenklasse aus unterschiedlichen Branchen. Diese schaffen auf Basis von komplexen F i- nanzierungs - , Kooperations - , Zuliefer - und rechtlichen Konstruktionen mehr Wissen. Sie schützen dieses Wissen, bringen Innovationen hervor und v ermarkten diese in verschiedenen Märkten ei n- zeln oder zusammen (bspw. mit Dachmarken) weltweit und stark regionalisiert . - 3,6 - 1,9 - 1,4 - 1,3 0,7 1,1 3,4 3,6 3,8 5,1 6,8 7,0 12,5 35,2 - 10 0 10 20 30 40 IL BeNeLux FI ES JP PL KR CA US AU MX RU OHIM/EM CN Quellen: WIPO 2011, DB Research Jährliche Wachtumsrate der rechtskräftigen Marken - rechte in %, 2008 - 2010 (außer DE, CN 2009) Marken als Teil der Wissenswirtschaft im Aufwind 4 0 100 200 300 400 500 600 2000 2002 2004 2006 2008 2010 CN OHIM/EM* DE JP US KR UK AU Wissensschutz für neue Produkte weltweit 6a Rechtskräftige Gebrauchs - und Geschmacks - muster in Tausenden nach zuständigen Büros Quellen: WIPO 2011, DB Research *EM: European Market 0 10 20 30 40 50 60 70 2000 2002 2004 2006 2008 2010 SG BR TR CA RU MX PL IN Wissensschutz für neue Produkte weltweit 6b Rechtskräftige Gebrauchs - und Geschmacks - muster in Tausenden nach zuständigen Büros Quellen: WIPO 2011, DB Research Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 4 | 19. November 2012 Aktuelle Themen zierte Forschungslandschaft fördern muss, um im globalen Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren: Die Investitionen vieler Staaten und Unternehmen in F&E steigen (teils) stark. Angestammte und neue ‚Wissensmächte‘ weiten ihre absoluten Ausgaben für Forschung und Entwicklung aus. Dabei haben die USA immer noch die Nase weit vorn (vgl. Grafik 7). Dieser Trend lässt sich auch bei einer Betrachtung der Investitionen in Relation zur Entwicklung des Bruttoin- landsprodukts nachvollziehen. Bei einer näheren Betrachtung der Entwicklung der Wissensinvestitionen – gemessen an den jährlichen Wachstumsraten – wird deutlich, dass vor allem die aufstrebenden Staaten ihr Engagement erheblich ausbauen (vgl. Grafik 8). Im Kreis dieser Staaten liegt ganz klar China in Führung. Auch Russland, Südafrika und Mexiko legen − wie auch entwickelte Staaten, wie Australien, Polen und Österreich − mehr Wert auf F&E und investieren darin. Gerade bei Ländern wie Polen und Mexiko und auch Österreich verbirgt sich hinter diesen Investitio- nen im Aggregat meist eine – nach Wissensbereichen, Branchen und Clus- tern − differenzierte Entwicklung, die sich auch in einer besseren Wettbewerbs- position der jeweiligen Wissensakteure niederschlägt. Diese Staaten bauen ihre Positionen in der internationalen Wissenslandschaft auf, wenn auch von niedri- gem Niveau im Vergleich zu den entwickelten Staaten wie den USA. Neue Dynamik bei den klugen Köpfen von morgen – mehr Forscher Gleichzeitig steigt auch die Zahl der Forscher in vielen Nationen und Regionen an: Kluge Ideen reifen in klugen Köpfen, daher ist die Förderung und Ausbil- dung von Forschern eine der Voraussetzungen, um im globalen Wettbewerb mitzuhalten. Die Entwicklung des Anteils der in der Forschung tätigen Personen an den gesamten Erwerbstätigen zeigt, dass dies auch viele Akteure – Staaten und private Unternehmen – auf der Agenda haben (vgl. Grafik 9). Auch wenn die absoluten Unterschiede gravierend sind, der Trend geht dahin, dass mehr Forscher wertschöpfend tätig sind. Der Zuwachs von Forschern in den ent- wickelten Staaten blieb in den letzten Jahren relativ konstant. In Anbetracht der Investitionen in F&E werden viele sich entwickelnde Staaten wohl bald über mehr Forscher verfügen. Besonders die größten Industrieländer wie Japan, die USA, Großbritannien und Deutschland führen die Liste an. Bemerkenswert ist jedoch auch die Entwick- lung in China: Bezogen auf die Anzahl von Forschern hatte China die USA im Jahr 2007 schon überholt. Heute gibt es in China um die 1,6 Mio. Forscher und Wissenschaftler. In den vergangenen Jahren sind auf Basis der Investitionen mehr als eine Million zusätzliche Arbeitsplätze in der direkten Wissensprodukti- on (F&E) entstanden. Doch nicht nur China entwickelt sich in diese Richtung (vgl. Grafik 10). Die steigende Anzahl von Forschern in vielen Schwellenländern deutet darauf hin, dass sich die regionalen Gewichte hinsichtlich der Produktion und auch der Nutzung von Wissen stärker nach Asien verlagern werden. 9 Kurz- um: Immer mehr Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt mit Wissen und durch Forschung, was auch die Grundlage für eine noch stärkere globale Ver- netzung und wiederum mehr Wissensproduktion bietet. 9 In Relation zur Gesamtbevölkerung sind momentan in den meisten sich entwickelnden Staaten relativ wenige Forscher zu verzeichnen, da diese Staaten erst seit einigen Jahrzehnten begonnen haben, in Wissen zu investieren. 0 2,5 5 7,5 10 12,5 15 17,5 20 22,5 CN PT RU TR AU KR ZA SG AT CH MX NO PL NZ EU - 27 DE US CA IL BE UK JP NL Dynamik in Wissensinvestitionen 8 Quellen: OECD, DBR Jährliche Wachstumsraten der Ausgaben für Forschung und Entwicklung in %, 2000 - 2008 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 US EU27 JP CN DE KR UK RU CA AU NL IL AT BE TR SG ZA PL PT Quellen: OECD, DB Research „ Wissensmächte ” und ihre Investitionen 7 Forschungsausgaben in USD Mrd. PPP, 2008 0 250 500 750 1000 1250 1500 1750 CN US JP RU DE UK BR TR China - immer mehr kluge Köpfe 9 Anzahl der Forscher, '000, 2008 Quellen: UNESCO, DB Research Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 5 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Wissensrevolution – mehr Investitionen in Wissen durch Bildung 2008 steigerte die türkische Regierung die Bildungsausgaben im Schnitt um fast 19% pro Jahr. Auch die steigenden Ausgaben für Bildung in anderen Staaten wie Mexiko, Irland, Polen, Südkorea, Spanien und dem Vereinigten Königreich zeigen: Die Relevanz von Bildung wurde erkannt, die Wissensproduktion durch Bildung gefördert und die Wissensrevolution vorangetrieben (vgl. Grafik 11). Durch diese Investitionen erweitern diese Staaten ihr Potenzial, in Zukunft zu den gestaltenden Akteuren in der Wissensrevolution und der weltweiten Wis- senswirtschaft zu gehören, was in Anbetracht ihrer Startposition mehr als not- wendig erscheint. Mehr Investitionen in die nächste Generation kluger Köpfe – mehr Studenten, … Analog zu den Investitionen in F&E, lässt sich an der Entwicklung der Studie- rendenzahlen ablesen, dass die Investitionen in die nächste Generation von klugen Forschern, Entwicklern und damit Wissensträgern steigen. Betrachtet man die UNESCO-Daten zur Anzahl der eingeschriebenen Studenten nach Nationen, lässt sich feststellen, dass im Jahr 2010 die Vereinigten Staaten und China mit Abstand den größten Zuwachs zum Pool zukünftigen Humankapitals hatten. Gleichzeitig zeigt sich, dass China in der Vergangenheit den Anteil der Bevölkerung mit Beteiligung an tertiärer Bildung deutlich erhöht hat. Es hat im Jahr 2012 in seinen Forschungseinrichtungen und Universitäten die Möglichkeit für über 30 Mio. Studenten geschaffen, zu studieren. Und dies ist erst der An- fang, wenn man die Pläne der chinesischen Regierung und die der anderen asiatischen und südostasiatischen Staaten in Betracht zieht, das noch niedrige Niveau von forschungs- und wissensintensiver Produktion und die Zahl der Wis- sensträger schnell anzuheben (Asian Development Bank 2012: 3ff.) (vgl. Gra- fik 12). … die international immer mobiler werden Bei einer Analyse der Wissensrevolution wird auch deutlich, dass die „globale Tradition“, die das Studium und die Wissensproduktion auch schon in den ver- gangenen Jahrhunderten geprägt hatte, 10 nun eine neue Qualität erhält: Das Studium als Weg zu mehr Wissen macht schon lange nicht mehr an Landes- grenzen halt. Die nächste Generation von klugen Köpfen hat erkannt, dass in einer durch die vertiefte wirtschaftliche Globalisierung geprägten Welt auch der Schritt in andere Länder – mithin der Erwerb von Landeskenntnissen, Markt- kenntnissen und vor allem auch kulturellen Kompetenzen – wichtig ist. Dies ist sicher auch einer der Gründe für die steigende internationale Mobilität von Stu- denten: So ist die Anzahl der international mobilen Studierenden bis auf knapp 700.000 ausländische Studierende in den USA, über 360.000 in Großbritannien, über 280.000 in Australien und 200.000 in Deutschland gestiegen. 11 (vgl. Gra- fik 13). Eine Studie des British Council geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 China, Indien, die USA, Brasilien und Indonesien die fünf größten Bildungs- und Forschungssysteme aufweisen werden (British Council 2012). Das ist kaum verwunderlich, denn über die Hälfte der Weltbevölkerung im Alter zwischen 18 und 22 Jahren wird bis dahin in diesen Nationen beheimatet sein. Eine ganze Menge Humankapital, dessen Aktivierung enormes Potenzial entfalten wird. Welches gesellschaftliche und wirtschaftliche Innovationspotenzial in der hoch- 10 Zur Globalisierung des Wissens und der Konsequenzen in historischer Perspektive wird hier nur auf das gleichnamige Forschungsprojekt des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte verwiesen. Mehr Informationen in: http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/de/index.html. 11 Die Zahlen zur internationalen Mobilität von Studierenden unterscheiden sich stark, da diese in verschiedenen Ländern unterschiedlich erfasst werden. Trotz dieser Unterschiede ist die Ten- denz eindeutig. 0 1.000 2.000 3.000 4.000 5.000 6.000 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 JP US UK DE RU CN TR BR Mehr kluge Köpfe für mehr Wissen 10 Quellen: UNESCO, DB Research Anzahl der Forscher pro Mio. Einwohner - 2 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 TR MX IE PL KR ES UK US AU NL NO CA FI PT SE IT FR CH AT DE JP Quellen: OECD, DB Research Investitionen in Wissen durch Bildung 11 Jährliche Wachstumsraten der Bildungsaus - gaben 1998 - 2008 in %, in lokaler Währung 0 5.000 10.000 15.000 20.000 25.000 30.000 35.000 1995 1998 2001 2004 2007 2010 CN JP KR BR US Studentenzahlen nehmen weltweit zu 12 Insgesamt eingeschriebene Studenten nach Nationen, '000 Quellen: UNESCO, DB Research Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 6 | 19. November 2012 Aktuelle Themen schulischen Ausbildung von Wissensmigranten liegt, haben in der Vergangen- heit besonders die USA bspw. mit der Entwicklung des Silicon Valleys unter Beweis gestellt − schließlich kamen viele der Innovatoren des Silicon Valleys ursprünglich nicht aus den USA. 12 Weltweit mehr Output aus der Wissenspipeline mit länderspezifischen Ausprä- gungen Die Wissensrevolution lässt sich auch im Bereich des Wissensoutputs inzwi- schen statistisch gut belegen: Die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen ist in den letzten Jahrzehnten – je nach Zählweise – weiter auf 960.000 bzw. über 1,5 Mio. Artikel im Jahr 2008 weltweit gestiegen (UNESCO 2011, Royal Society 2011). Betrachtet man die globalen Anteile einzelner Nationen an den veröffentlichten wissenschaftlichen Artikeln fällt auf, dass diese durch Pfaddependenzen und durch regionale Begebenheiten geprägt sind: Die bisherigen Forschungsnationen bleiben stark. Die USA, die europäischen Staaten und Japan bleiben die treibenden Kräfte in der weltweiten Wissens- produktion (vgl. Grafik 14). Doch es wird auch deutlich, dass andere Staaten und Regionen im Kommen sind: Es gibt eine Verschiebung im Gewicht der Wissensproduktion nach Asien – vor allem nach China. Prognosen legen nahe, dass die Verschiebung weitergeht: Aufstrebende Staaten wie China steigern ihren wissenschaftlichen Output beständig. Dadurch entsteht eine neue Wissensweltordnung, in der die bisherigen Akteure durch den Wissensdurst und die Wissensarbeit von Menschen in anderen Regionen und Staaten bereichert, aber auch herausgefordert werden (vgl. auch Royal Society 2011) (vgl. Grafik 15). Wissenswirtschaft – mehr Wissenswerte Es findet also eine Wissensrevolution statt. Doch worin besteht der strukturelle Unterschied zu vorangegangenen Dekaden? Die neue Qualität innerhalb des Strukturwandels besteht darin, dass aus dem geschaffenen Wissen mehr Wis- senswerte geschaffen werden: Die Anzahl und die Bedeutung kodifizierten Wis- sens und intellektueller Eigentumsrechte wächst, auch durch offenere Formen der Wissensproduktion. Zudem wird durch angewandte Innovationstätigkeiten, wie F&E-Dienstleis- tungen und den Handel mit intellektuellen Eigentumsrechten innerhalb und au- ßerhalb Deutschlands, mehr Geld verdient. Weltweit waren es mehr als USD 180 Mrd. mit einer jährlichen Wachstumsrate von 8,8% p.a. seit dem Jahr 2010. Doch wie wird aus Wissen Geld gemacht? Auf welchen Grundlagen ent- steht die Wissenswirtschaft? Wissenswirtschaft – Zunahme kodifizierten Wissens Eine Grundlage der entstehenden Wissenswirtschaft ist kodifiziertes Wissen und die damit verbundenen intellektuellen Eigentumsrechte. Nur um einen Ein- druck zu geben: Im Jahr 2011 waren 7,3 Millionen Patente international rechts- kräftig. Seit dem Jahr 2000 wurden kontinuierlich jedes Jahr mehr Patente erteilt (WIPO 2011: 7,36). 12 Im Zeitraum von 1995 bis 2005 wurden über 25% der Technologieunternehmen in den USA von Immigranten gegründet. Bezogen auf das Silicon Valley und den Research Triangle Park (RTP) wurden über die Hälfte der Technologieunternehmen (52,4%) maßgeblich durch Einwanderer gegründet, die aus China, Taiwan, Indien und Deutschland in die USA zum Studium gekommen waren bzw. ihre Studien dort vervollständigt hatten. Schätzungen zeigen, dass durch diese von Einwanderern gegründeten Unternehmen bis zum Jahr 2005 USD 52 Mrd. erwirtschaftet wurden und über 450.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden (Wadhwa et al 2007: 5). 0 100 200 300 400 500 600 700 1998 2000 2002 2004 2006 2008 US UK AU FR DE RU CA CN Quellen: UNESCO, DB Research Internationale Flussgrößen von Studierenden in `000 im tertiären Bereich Wissensdurst wird jenseits der Grenzen gestillt - Studenten international mobiler 13 0 25 50 75 100 125 150 175 200 225 250 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2025 CN DE UK JP KR US Weltweit wird mehr Wissen produziert 14 Quellen: Weltbank, DB Research Anzahl wissenschaftlicher Artikel in '000 nach Nationalität des Autors 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2025 CN DE FR UK IN JP KR US Asien holt durch Wissensrevolution auf 15 Quellen: Weltbank, DB Research Anteil an weltweit veröffentlichten Artikeln, in % Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 7 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Dynamisches Wachstum von Wissenswerten – v.a. in China und Südkorea Wenn man die Zuwächse der Patentanmeldungen und der erteilten Patente in den letzten Jahren analysiert, zeigt sich, dass der Schutz intellektueller Eigen- tumsrechte gerade im Bereich der Patente in den verschiedenen Weltregionen sehr unterschiedlich dynamisch verläuft: Japan, die USA und China konnten in absoluten Zahlen im Jahr 2010 den mit Abstand größten Teil des kodifizierten Wissens für sich beanspruchen. Mit beinahe 300.000 Patenten kann Japan zu Recht von sich behaupten, in der Wissensproduktion eine wichtige Rolle zu spielen (vgl. Grafiken 20 und 21). Jedoch hält Japan dem internationalen Wettlauf um mehr geschütztes Wissen (Wissenswerte) in innovativen Branchen nicht mehr stand, wie die Entwicklung in China oder Südkorea belegt. Dies zeigen die jährlichen Zuwachsraten der Patente in wichtigen Technikbereichen (z.B. im Bereich von (technischen) In- strumenten (MEMS, Sensorik), in der Elektrotechnik, im Maschinenbau und der Chemie) (vgl. Tabelle 19 oder Grafik 21). Die hohe Dynamik in Asien bei den Wissenswerten in technisch-naturwissenschaftlichen Kernbereichen lässt darauf schließen, dass China und Südkorea zum Club der innovativen Wissensnatio- nen aufschließen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis China auch in absoluten Zahlen Japan und andere entwickelte Staaten als führende Patentmacht über- holt, mit allen erdenklichen Rückwirkungen auf die Wissensweltordnung. Mehr Investitionen in Wissen, nicht immer mehr Wissenswerte 16 In Anbetracht der steigenden Wissensinvestiti o- nen ist interessant, ob mehr Investitionen in Wissen automatisch dazu führen, dass auch mehr Wissenswerte (kodifiziertes Wissen) produziert werden. Eine Analyse der F&E - Intensität, die das Verhältnis der Zahl angeme l- deter Patent e zu den eingesetzten Investitionen in Forschung und Entwicklung misst, zeigt, dass erhebliche Unterschiede in der Nutzung der eingesetzten Mittel existieren. Eine Betrachtung des prozentualen Anteils von Patenten pro USD 1 Mio. F&E - Ausgaben belegt, dass v or allem die Türkei, die Niederlande und Polen relativ erfol g- reich dabei waren, aus Investitionen in Wissen auch Wissensw erte zu machen (vgl. Grafik 18 ). Eine differenzierte Betrachtung der jährlichen Zuwachsraten der F&E - Intensität in den Jahren 2001 bis 2009 zeigt darüber hinaus, dass einige Staaten es schafften, ihre „Forschungsrendite“ zu erhöhen: Vor allem die Türkei, China und die Niederlande haben seit 2001 die Effizienz ihres Forschungssystems jährlich um bede u- tende Zuwachszahlen verbessert. Sie k onnten die Produktion von Wissenswerten steigern, ohne signifikant mehr investieren zu müssen. Dies ist vor allem im Hinblick auf die Niederla n- de bemerkenswert, da man ja davon ausgehen könnte, dass entwickelte Länder bereits eine gewisse Sättigung erreich t haben. So mussten im selben Zeitraum Japan, Südkorea und auch Deutschland negative Veränderungen hinne h- men. Offenbar ist diese Sättigung vor allem bei industrialisierten Ländern mit bereits hohen Wissensinvestitionen zu beobachten (v gl. Gra fik 17 ). China und Südkorea – die Sprinter im Wettlauf um Wissenswerte 1 9 Patentanmeldungen nach Branchen, % gg. Vj., 2010 Gesamt Elektrotechnik Instrumente Chemie Maschinenbau Andere US 10,6 14,31 11,02 6,79 9,22 13,22 D E 3,72 4 5,36 2,52 4,16 1,88 KR 9,46 8,55 11,86 9,72 9,05 12,7 CN 33,03 43,79 38,67 27,05 31,97 27,95 Quellen: WIPO, DB Research - 20 - 10 0 10 20 TR CN NL CA PL BE US MY FR IN KR DE IL ES RU AT MX UK DK SE SG JP FI AU ZA CN, HK Quellen: WIPO 2011, DB Research Aus Forschungsgeld Wissenswerte 17 Jährliche Wachstumsraten der Patente pro Mio. USD F&E - Ausgaben, in %, 2001 - 2009 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 TR CN NL CA PL BE US MY FR IN KR DE IL ES RU AT MX UK DK SE SG JP FI AU ZA CN, HK Anteil an Patenten pro Mio., USD F&E - Ausgaben, Veränd. in % - Punkten 2009 gg. 2001 Quellen: WIPO 2011, DB Research Aus Forschungsgeld Wissenswerte 18 0 50 100 150 200 250 300 JP US CN KR DE FR RU UK CH NL Quelllen: WIPO 2011, DB Research TOP 10 Ursprungsländer nach erteilten Patenten im Jahr 2010, '000 Asien gibt bei geschütztem Wissen langsam den Ton an 20 Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 8 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Wissenswerte – mehr neue Handelsmarken und „Made in Germany“ Die sich langsam etablierende Wissenswirtschaft zeigt sich neben den Patenten als immateriellen Eigentumsrechten auch deutlich in der Entwicklung von einge- tragenen Markenrechten: Im Jahr 2010 bestanden weltweit mehr als 18,1 Mio. rechtskräftige Markenrechte und es werden ständig mehr. Allein im Jahr 2011 wurden mehr als 3,16 Millionen Handelsmarken registriert (WIPO 2011: 105, 150 ff.). Besonders deutsche Unternehmen melden viele Markenrechte an: Von den 50 Einrichtungen bzw. Unternehmen, die im Jahr 2010 die meisten Markenrechte international angemeldet hatten, stammten 15 aus Deutschland (WIPO 2011: 105). „Made in Germany“ wird also als Wissenswert geschützt und genutzt (vgl. Grafik 22). Betrachtet man die Entwicklung der Markenrechte genauer, wird deutlich, dass China auch in diesem Bereich der Wissenswirtschaft beginnt, eine bedeutende- re Rolle zu spielen. Zwar tragen Unternehmen und Einrichtungen aus Europa, Deutschland, den USA und der Schweiz einen großen Teil zur globalen Mar- kennamenbildung bei. Sie meldeten viele Handelsmarken an. Doch auch hier zählt die Dynamik: So wurde im Jahr 2010 jedes dritte Markenrecht von einem chinesischen Unternehmen bzw. einer chinesischen Einrichtung angemeldet (vgl. WIPO 2011). Wissenswirtschaft: Neue Produkte und lösungsorientiertes Design Eine andere wichtige Grundlage der Wissenswirtschaft sind neue wissensinten- sive Produkte. Durch Tüfteln und lösungsorientiertes Design wird mehr Wissen durch Kombination und Rekombination in neue Produkte und auch zunehmend in Dienstleistungen verwandelt. Kunden – ob Privatkunden oder Unternehmen als Abnehmer – sind heute nicht mehr daran interessiert, ‚nur‘ Technologien zu kaufen und diese dann an ihre Abläufe anpassen zu müssen. Vielmehr wollen sie ‚Lösungen aus einem Guss‘, d.h. sie wollen durch integrierte Dienstleistun- gen effektiver und effizienter werden. Dies ist bspw. im Bereich des Fahrzeug- baus und damit verbunden der Robotik der Fall. Hier geht es heute um integrier- te, schon geplante und funktionierende Fertigungsstraßen und nicht mehr ‚nur‘ um einzelne Werkzeugmaschinen und Fertigungsroboter, d.h. die eigentlichen technologischen Produkte. 13 Diese hybriden Produkte stellen, statistisch gese- hen, eine Herausforderung dar. Denn für diese neuen Lösungen, die Bündel von Technologien und Dienstleistungen sind, liegen nur wenig belastbare Daten vor (vgl. Kempermann/Lichtblau 2012). Mehr Wissen – mehr wissensintensives Produktdesign und Produkte Der starke Anstieg der Anzahl der Gebrauchs- und Geschmacksmuster 14 lässt jedoch darauf schließen, dass Produktinnovationen und das lösungsorientierte Produktdesign wichtige Tätigkeiten moderner Unternehmen in der Wissenswirt- schaft sind. So sind in einigen der heute angemeldeten Gebrauchs- und Ge- schmacksmustern nicht mehr nur „reine“ Produkte, d.h. einzelne technische Artefakte, sondern eher schon Kombinationen von Produkten und Dienstleis- tungen, wie im Bereich der Fertighäuser, zu finden. Unternehmen sind also in 13 Ähnliche Beispiele lassen sich im Hinblick auf integrierte Operationslösungen (integrierte Opera- tionssäle statt ‚nur‘ minimalinvasive Geräte) oder Immobilienentwicklungslösungen (Betreibermo- delle mit integrierten Gebäudemanagement-Dienstleistungen statt ‚nur‘ Werkstoffe, Bautechnolo- gien und Hochbauarbeiten) heranziehen. 14 Für eine genaue Definition von Gebrauchs- und Geschmacksmustern (englisch: ‘Industrial de- signs’) vgl. die Webseite der WIPO. - 10 0 10 20 30 40 50 JP US DE KR CN Gesamt Elektrotechnik Techn. Instrumente Chemie Maschinenbau Andere Branchen Asiatische Dynamik bei technisch orientierten Wissenswerten 21 Quellen: WIPO 2011, DB Research Jährliche Wachstumsraten der Patentanmel - dungen nach Branche, 2000 - 2009 7 5 15 4 3 2 2 12 CN FR DE CH US NL RU Andere Quellen: WIPO, DB Research Made in Germany als Wissenswert 22 Angemeldete Markenrechte, nach Nationalität der 50 wichtigsten Unternehmen, 2010 Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 9 | 19. November 2012 Aktuelle Themen wachsendem Ausmaß davon abhängig, Lösungen zu vermarkten. Davon hängt in einem gewissen Ausmaß auch ihr Erfolg ab. 15 Um die in Produkten geronnenen Ideen und die Lösungen zu schützen, werden immer häufiger Schutzrechte beantragt: Im Jahr 2011 waren um die 1,65 Mio. Gebrauchs- und Geschmacksmuster, die in 56 Ämtern zum Schutz von intellek- tuellen Eigentumsrechten beantragt wurden, weltweit rechtsgültig (WIPO 2011: 179). Auch hier lässt sich – ebenso wie bei den anderen Formen der Wissens- werte – zeigen, dass die Anzahl der zu schützenden Gebrauchs- und Ge- schmacksmuster stark ansteigt. Dies gilt vor allem in den Jahren 2009 und 2010. Allein im Jahr 2010 wurden 650,000 Gebrauchs- und Geschmacksmuster registriert (WIPO 2011: 154). Anders interpretiert: Immer mehr Produkte werden neu oder durch Rekombination bekannten Wissens entwickelt. Dann wird dieses lösungsorientierte, in Form von Produkten und Dienstleistungen umgesetzte Wissen auch geschützt. 16 Die Entwicklung der produktorientierten Wissenswerte zeigt, dass einige Staa- ten wie die USA, einige europäische Länder und vor allem Deutschland ihre bisherige Vorreiterrolle in der Wissenswirtschaft behaupten: „Designed bzw. Created in Germany“ liegt neben Made in Germany über Produktklassen hinweg im Trend (vgl. Grafik 23). So haben 17 der 50 wichtigsten Unternehmen, die nach der Haager Konvention Geschmacks- und Gebrauchsmuster beantragen, ihren Hauptsitz und Ursprung in Deutschland (WIPO 2011: 176-177). Aus Wissen wird immaterielles Vermögen Die Produktion und wirtschaftliche Verwertung von innovativen Ideen wird zu- nehmend zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. 17 Zwar steht die Erfassung dieses Wirtschaftsfaktors noch am Anfang, da die meisten Unternehmen und auch öffentliche Akteure ihre Investitionen in Wissen, d.h. in Bildung, Forschung und Entwicklung sowie Wissenstechnologien (Software und Prozesstechnolo- gien), nicht umfassend erfassen und bilanzieren. Dennoch weisen die Daten zur Entwicklung des Handels mit Lizenzen und intellektuellen Eigentumsrechten auch statistisch auf die Entwicklung der Wissenswirtschaft hin (vgl. WIPO 2011: 60-63). Wissenswirtschaft – mehr grenzüberschreitender Handel mit Wissen Hinweise darauf, dass die Wissenswirtschaft nun Tritt fasst und dass wissens- orientierte Aktivitäten und die Kompetenzen von Menschen zu einer wichtigen – auch messbaren – Wertschöpfungsaktivität werden, bietet eine Analyse der Handelsbilanzen und hier vor allem der Zahlungen und Einkünfte auf Basis von Lizenzen: Viele Unternehmen übertragen mehr Lizenzen ins Ausland oder kau- 15 Aufgrund der hohen Komplexität der Daten zu Gebrauchs- und Geschmacksmustern (hinsichtlich der Verschiedenartigkeit der Produktklassen, der Erteilung wie auch der Durchsetzung von Ge- brauchs- und Geschmacksmustern) sind Aussagen zum Verhältnis von (Produkt-)Designaktivität, dem Schutz dieser Designs und der wirtschaftlichen Verwertung nicht ohne weiteres möglich. Ei- nige Studien legen nahe, dass (Produkt-)Designaktivitäten einen hohen Beitrag zur volkswirt- schaftlichen Wertschöpfung beitragen, was eingängig erscheint, aber hier nicht näher beleuchtet wird. 16 Leider lassen sich nur wenig statistisch messbare Rückschlüsse auf die Entwicklung hybrider Produkte aus der Entwicklung der Gebrauchsmuster ziehen. Hybride Lösungen liegen aufgrund ihres spezifischen Charakters hinsichtlich der intellektuellen Schutzrechte zwischen verschiede- nen Schutzsystematiken und Schutzbereichen. Hier sei nur darauf verwiesen, dass sich das System intellektueller Eigentumsrechte aus sich heraus und in Abhängigkeit zu den hervorge- brachten (technologischen und geschäftspraktischen) Innovationen in den nächsten Jahren stark weiterentwickeln muss. 17 Internationale, volkswirtschaftliche Vergleiche von immateriellen Vermögensgegenständen sind nur mit starken Einschränkungen möglich, da sich die Erhebung, Erfassung und Bewertung der Vermögensgegenstände stark unterscheidet. 0 100 200 300 400 500 600 2001 2003 2005 2007 2009 CN OHIM/EM* DE JP US KR FR "Created in Germany und Europe" hoch im Kurs 23 Rechtskräftige Gebrauchsmuster in ´ 000 nach jeweiligen Ämtern Quellen: DBR, WIPO 2011 *EM: European Market 0 50 100 150 200 250 300 350 2000 2002 2004 2006 2008 US JP ES FR DE UK AU KR CA IT Quellen: WIPO, DB Research 'Fixed intangible assets' in USD Mrd. Top 10 Länder nach Wissens - vermögen 24 0 2 4 6 8 KR AU UK CA ES JP FR DE US IT Quellen: OECD, DBR Jährliche durchschn. Wachstumsrate des immateriellen Vermögens, in % Immaterielles Vermögen wächst beträchtlich 25 Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 10 | 19. November 2012 Aktuelle Themen fen zunehmend Lizenzrechte ein. 18 So stiegen die Zahlungen (nominal erfasst) aus dem grenzüberschreitenden Handel mit Lizenzen (‚international royalty and licensing fee receipts‘) schneller als das weltweite Wirtschaftswachstum (von USD 27 Mrd. im Jahr 1990 auf über USD 85 Mrd. im Jahr 2000 und mehr als USD 180 Mrd. im Jahr 2009). Wissenswirtschaft fasst weltweit Fuß Interessant ist, dass die Wissenswirtschaft sich in immer mehr Ländern ausbrei- tet: Zahlten im Jahr 1990 noch 62 Länder für die Nutzung intellektueller Eigen- tumsrechte, so waren dies im Jahr 2007 schon 147 Länder. Erhielten im Jahr 1990 nur 43 Länder Zahlungen für Lizenzen, waren dies im Jahr 2007 143 Län- der. Im Zeitraum von 2000 bis 2009 gewannen vor allem Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Irland, Südkorea und auch osteuropäische Staaten an Bedeutung. Obwohl heute immer noch die entwickelten Länder die hauptsächlichen Nutz- nießer mit über 99 Prozent der Zahlungsströme auf Basis von intellektuellen Eigentumsrechten sind, holen auch die anderen Staaten langsam auf. Hier wirkt sich die Pfaddependenz aus, da heute der Großteil der Lizenzzahlungen noch auf Basis der Entwicklungen im Verarbeitenden Gewerbe entsteht. Diese Ent- wicklung wird nun aber durch den zunehmenden Handel von wissensbasierten bzw. -intensiven Dienstleistungen abgelöst (vgl. WIPO 2011: 63). Deutschland – vom Wissensimporteur zum Wissensexporteur Von dieser Entwicklung der Wissenswirtschaft profitiert Deutschland: Wies die deutsche Handelsbilanz zu Beginn des neuen Jahrtausends noch ein Defizit bei den F&E-Dienstleistungen auf, exportiert Deutschland seit 2003 konstant mehr Lizenzen, Markenrechte und F&E, als es für die Einführung von ausländischem Know-how in unterschiedlichen Formen bezahlt (vgl. Grafik 27). Deutschland profitiert dabei nicht nur von seinen industriellen Stärken, sondern auch von der anwendungsorientierten Kreativität kluger Köpfe: Mit dem Export von F&E-Dienstleistungen wurden im Jahr 2010 mehr als USD 3 Mrd. erwirt- schaftet, nachdem im Jahr 2001 von Deutschland noch USD 1,4 Mrd. für den Import dieser Dienstleistungen ausgegeben wurden. Auch hinsichtlich des Han- dels mit Lizenzen weist Deutschland ein Plus von ca. USD 270 Mio. auf. Ähnliche Entwicklungen vom Wissensimporteur zum Wissensexporteur lassen sich für Großbritannien seit dem Jahr 2005, für die Niederlande seit dem Jahr 2006, für Frankreich seit 2007 und für Finnland als einem Vorreiter schon seit dem Jahr 2001 beobachten (vgl. Grafik 28). Andere Staaten bleiben bisher Net- toimporteure, wie Indien, Irland, Südkorea, Australien und Kanada. Diese gute Positionierung hinsichtlich wissensintensiver Dienstleistungen bewegt auch ausländische Unternehmen dazu, in F&E in Deutschland zu investieren (vgl. Lehnfeld 2012). Vermögensaufbau durch Wissenswerte Neben direkten monetär messbaren Einkünften aus Lizenzeinnahmen entsteht aus Wissen und Wissenswerten auch monetär bewertetes Vermögen, das in den jeweiligen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen ausgewiesen wird. 19 18 Leider weisen die Vereinten Nationen für den Indikator ‚royalties and license fees‘ nur Daten von einigen Staaten aus, weswegen eine Aussage hinsichtlich der weltweiten Entwicklung des Volu- mens von Wissensexporten und Wissensimporten schwierig ist. 19 Diese Zahlen aus den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen verschiedener Staaten bieten aufgrund der mangelnden Erfassung der Wissenswerte und ihrer monetären Bewertung natürlich nur einen Anhaltspunkt. Es ist davon auszugehen, dass der Vermögensaufbau durch Wissens- werte heute schon bedeutender ist, als dies die Daten ausweisen. 0 2 4 6 8 10 12 14 16 2000 2002 2004 2006 2008 2010 CA DE JP KR US Quellen: OECD, DB Research Relevanz immateriellen Vermögens in den USA nimmt zu 26 Anteil von 'Intangible assets' am Anlagevermögen, in % - 40 - 35 - 30 - 25 - 20 - 15 - 10 - 5 0 5 10 15 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 DE KR UK NL IE Wissensexporteure und - importeure 28 Überschussrechnung der Im - und Exporte von Lizenzen, in Mrd. USD Quellen: UN, DB Research - 2 - 1 0 1 2 3 4 5 2001 2003 2005 2007 2009 Forschungs - und Entwicklungsexporteur Deutschland 27 Saldo der Im - und Exporte von F&E - Dienstleistungen, in USD Mrd. Quellen: UN, DB Research Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 11 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Eine Betrachtung der weltweiten Entwicklung der immateriellen Vermögensge- genstände auf Basis der Angaben der OECD zeigt klar: Der Wert der globalen Wissensproduktion, gemessen an immateriellen Vermögenswerten, nimmt stetig zu. So besaß bspw. der Wissensschatz der USA, gemessen an immateriellen Vermögensgegenständen, im Jahr 2009 einen Wert von EUR 283 Mrd. Dies sind fast 50% des global aggregierten immateriellen Vermögens. 20 Im Jahr 2009 konnten Japan USD 64 Mrd., Deutschland USD 33 Mrd. und Südkorea USD 23 Mrd. als Gegenwert nationalen geistigen Eigentums verbuchen (vgl. Grafik 26). Die Wissensrevolution in Verbindung mit mehr Wissenswirtschaft macht Staaten also nicht nur an Wissen reicher. Vielmehr bauen sie auch mo- netär bewertete Vermögensgegenstände auf. Quasi alle Staaten bauen mehr Wissensvermögen auf, allen voran aber die auf Produkte der Hochtechnologie spezialisierten Nationen wie Südkorea und die anderen industrialisierten Länder (vgl. Grafiken 24 und 25). Besonders interes- sant ist, dass das immaterielle Vermögen schneller als die Wirtschaft wuchs. Grafik 29 stellt für ausgewählte Staaten die durchschnittliche jährliche Wachs- tumsrate des Wertes der immateriellen Vermögensgegenstände der durch- schnittlichen, jährlichen Wachstumsrate des BIP für den Zeitraum von 2000 bis 2009 gegenüber. Dabei wird deutlich: In nahezu allen Fällen wachsen immateri- elle Vermögensgegenstände schneller als der Rest der jeweiligen nationalen Wirtschaft. Neue Formen der Zusammenarbeit begünstigen Wissensrevoluti- on und Wissenswirtschaft Was begünstigt die Entwicklung der Wissenswirtschaft und wer sind die Träger dieser Entwicklungen? Die Wissensrevolution und das Entstehen der Wissens- wirtschaft wird vor allem dadurch befördert, dass nun sehr viel mehr Menschen, Forscher und Organisationen auf Basis neuer Informations-, Kommunikations- und Wissenstechnologien weltweit intensiver miteinander zusammenarbeiten können. Sie können durch ihre Interaktion und Zusammenarbeit mehr Wissen und Wissenswerte schaffen. Durch die Verbreitung des Internet und die nun quasi kostenfreie Weiterverbreitung von Informationen und Wissen sowie die gestiegenen Möglichkeiten der Wissensverarbeitung wird der Strukturwandel des Rohstoffs Wissen weiter angetrieben. Globale wissenschaftliche Kooperation treibt Wissensrevolution Am Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts ist es möglich, dass For- scher aus verschiedenen Kontinenten zusammen an wissenschaftlichen Veröf- fentlichungen arbeiten und so Wissen schaffen. So nimmt die Zahl der wissen- schaftlichen Publikationen, bei denen mehr als ein Autor beteiligt ist, stetig zu. Gleichzeitig kommen sehr viel mehr Artikel auf Basis der Zusammenarbeit von Forschern in unterschiedlichen Ländern und Erdteilen zustande (vgl. Royal So- ciety 2011 und Schneegans 2011). Schätzungen besagen, dass mehr als ein Drittel der gesamten Artikel weltweit auf Basis der Kooperation von Forschern aus unterschiedlichen Ländern entsteht (vgl. British Council 2012). Außerdem lassen Studien des British Council den Schluss zu, dass die interna- tionale Zusammenarbeit von Forschern in Teams zur Veröffentlichung eines Artikels auch sehr positive Rückwirkungen auf die wissenschaftliche Wirkung (‚impact‘) dieser Artikel hat: Um die 80% des wissenschaftlichen Wirkungsgrads eines Landes – gemessen an der Zitierhäufigkeit – lassen sich direkt auf das Ausmaß der internationalen Zusammenarbeit zurückführen. Außerdem weisen 20 Diese Zahl ergibt sich aufsummiert über alle Nationen, für die Daten vorliegen. Eine Preisbereini- gung wurde nicht vorgenommen. Wissensintensi ve Dienstleister – Gewinner der Wissenswirtschaft 30 Im Strukturwandel des Wissens und der Wi s- senswirtschaft gewinnen einige Branchen an Bedeutung. Dabei sind die Dienstleister, die als Forscher im Auftrag von Unternehmen oder anderen Auftraggebern Architektur - und sonst i- ge Untersuchungs - und Prüfdienstleistungen anbieten, die „neuen Alchemisten“. Diese positive Entwicklung wird durch die En t- wicklung der Umsätze in den wissensintensiven Bereic hen „Forschung und Entwicklung“, „Arch i- tektur - und Ingenieurbüros“ sowie „Techn ische, physikalische und chemische Untersuchung“ illustriert. Im Jahr 2009 wurde in Deutschland mit den wissensintensiven Dienstleistungen aus „Fo r- schung und Entwicklung“ ein Umsatz von ca. EUR 9 Mrd. erwirtschaftet. Dies stellt nahezu eine Verdreifachung gegenüber dem Wert des Jahres 2000 dar. Auch die Entwicklung der Umsätze im Bereich „Architektur - und Ingen i- eurbüros“ sowie „Technische, physikalische und chemische Untersuchung“ ist relevant. Hier wurden in Deutschland Dienstleistungen im Gegenwert von ü ber EUR 50 Mrd. umgesetzt. Obwohl die Branche konjunkturabhängig ist, lag die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 2005 - 2009 bei 6,7%. Da die Wachstumsr a- te über längere Zeit hoch war, ist zu erwarten, dass die Alchemie aus Know - h ow, d.h. Wissen un d Kompetenzen, profitable Dienstleistungen zu machen, weiter an wirtschaftlicher Bede u- tung gewinnen wird ( vgl. Grafik 31 ). 0 2 4 6 8 10 12 14 0 2 4 6 8 10 12 14 Immaterielle Vermögenswerte BIP KR SK LU IT NL HU PL ES CZ JP SE AT DK FR IE CH GR AU FI PT CA DE Quellen: OECD, DB Research Scatterplot der Wachstumsraten des BIP und immat. Vermögenswerte, in % p.a., 2000 - 2009 Immaterielles Vermögen wächst schneller als BIP 29 Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 12 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Forschungsbeiträge aus internationaler Ko-Produktion eine signifikant höhere Zitationsrate auf, als die aus ‚nur‘ einem Land. Dies lässt auch auf eine höhere Qualität der Beiträge, die durch internationale Zusammenarbeit entstehen, schließen (vgl. British Council 2012). Mehr Wissenswerte durch mehr globale Kooperation Doch die internationale Zusammenarbeit und die besseren Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten der Forscher wirken sich nicht nur auf die Pro- duktion von wissenschaftlichen Artikeln aus. Durch die weltumspannende wis- senschaftliche Zusammenarbeit entstehen auch zunehmend mehr Wissenswer- te. Dies schlägt sich in der Zahl von Patentanmeldungen mit mindestens einem ausländischen Co-Erfinder nieder. So hat sich der Anteil von Patentanmeldun- gen mit mindestens einem Co-Erfinder aus dem Ausland, die unter dem PCT (‚Patent Cooperation Treaty‘) angemeldet wurden, von 9,2 % im Jahr 1990 auf 25,3 % im Jahr 2010 erhöht. Eine eingehendere Betrachtung zeigt, dass die Forscher aus Staaten wie den USA, doch vor allem auch aus kleineren Staaten – allen voran die Schweiz – auf internationale Kooperation setzen. Internationale Vernetzung und die aktive Förderung der eigenen Forscher und Studenten kann die Innovationskraft einer Nation stärken. Internationale Zusammenarbeit kann die effizientere Nutzung von knappen Materialen garantieren, aber auch neue Impulse und Ideen brin- gen. Somit hat jeder Beteiligte aus dieser Kooperation Vorteile. Viele der Staa- ten profitieren von der Mobilität von Forschern, Studenten, Ideen und Innovati- onen. Denn durch den internationalen Austausch werden Wissensträger – Indi- viduen und Institutionen – so exzellent, dass das produzierte Wissen auch als Wissenswert geschützt wird, sprich als Patent angemeldet und dieses dann auch erteilt wird ( vgl. Grafik 32). Kooperation und projektwirtschaftliche Aktivitäten von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik treiben die Wissenswirtschaft Bei der Betrachtung der Träger der Wissensrevolution und der Wissenswirt- schaft wird deutlich, dass ihre Entwicklung durch enge, offenere, projektbasierte Formen der Kooperation von Wirtschaft (Unternehmen) und Wissenschaft (öf- fentliche Forschungseinrichtungen, Hochschulen) sowie teils auch der Politik angeregt wird. 21 Dabei haben die politischen Akteure vor allem dann hohe Bedeutung, wenn es darum geht, die finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen – am besten nach den Gestaltungsprinzipien demokratische Legitimität, Subsidiarität und Verhältnismäßigkeit – zu definieren und nach den gleichen Prinzipien auch Impulse für die Finanzierung und Durchführung von Bildungs-, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu setzen. Sie können stabile gesetzliche Grundlagen dafür schaffen, dass sich die verschiedenen Akteure eigenständig erkenntnis- orientiert und unternehmerisch – auch in der Wissenswirtschaft – betätigen kön- nen. 22 Doch die wirklich impulsgestaltenden Akteure sind besonders die Hoch- schulen und die öffentlichen Forschungseinrichtungen sowie andere Wissenspi- oniere, die die Wissensproduktion und ihre Geschwindigkeit mit ihrer For- 21 Der mit Abstand am schwierigsten zu erfassende Bereich der Wissensrevolution und der Wis- senswirtschaft ist die Anwendung bzw. Wissensverarbeitung (‚Throughput‘), da die Erfassung der Vorgehens-, Arbeits- und Denkweise der jeweiligen Wissensakteure noch am Anfang steht. Bei- spielsweise gibt es keine durchgehende Erfassung der Projekte der unterschiedlichen Akteure. Daher sind die Aussagen in diesem Papier als Illustration einer durch anekdotische Evidenzen und einige Proxy-Indikatoren nachvollziehbaren Entwicklung zu werten. 22 Hochschulen beispielsweise können nur dann in enger projektwirtschaftlicher Kooperation mit Unternehmen nachhaltig erfolgreich sein und mehr Wissen schaffen, wenn sie auch von ihren je- weiligen politisch Verantwortlichen das notwendige Maß an Autonomie und Bewegungsspielraum erhalten. Dies gilt auch für Instrumente der Finanzierung und Förderung. 0 10 20 30 40 50 60 70 1999 2001 2003 2005 2007 UK FR DE ES NL NO DK AT Wissen kompetent zu Dienstleistungen und Geld machen 31 Quellen: Statistisches Bundesamt, DB Research Umsätze in Mrd. EUR von Architektur - & Ingenieur - büros; t echn., phys., chem. Untersuchung 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 CH BE NL US FI CA SE Sonstige DK AT UK AU FR DE JP ES IN IL KR IT CN Anteil der Patente mit mindestens einem ausländischen Co - Erfinder 2010, in % Quellen: WIPO, DB Research Patente mit internationalen Erfinderteams weit verbreitet 32 Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 13 | 19. November 2012 Aktuelle Themen schungsorganisation prägen. Von ihren Formen der Zusammenarbeit mit ande- ren Akteuren, wie Unternehmen oder öffentlichen und gesellschaftlichen Institu- tionen, hängt es ab, wie die Wissensrevolution in den jeweiligen Staaten, Regi- onen und Räumen ausgestaltet ist. Innovative Unternehmen in der Wissensrevolution fokussiert auf Wissenswerte und Wissenswirtschaft Während die angestammten Wissensakteure – Hochschulen und Forschungs- einrichtungen – die Wissensrevolution durch ihre Forschung und ihre Veröffent- lichungen anheizen, zeigt sich, dass innovative Unternehmen vor allem die Wis- senswirtschaft vorantreiben. Zwar forschen Unternehmen auch in zunehmen- dem Maß. Und Unternehmen spielen auch eine wichtige Rolle als Impulsgeber und Investor in neue Forschungsprozessinnovationen, wie bspw. in der Weiter- entwicklung der Wissenstechnologien. 23 Doch allgemein lässt sich feststellen, dass Unternehmen in erster Linie – gemäß ihres Unternehmenszwecks – darauf fokussiert sind, mehr Wissenswerte und wissensintensive Produkte zu schaffen. Dies spiegelt auch die hohe Zahl an Anmeldungen von intellektuellen Eigen- tumsrechten durch Unternehmen wider (vgl. WIPO 2011). Wissenswertproduktion durch Hochschulen und Forschungseinrichtungen Jedoch zeigt eine Analyse der Patentierungstätigkeit, dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen beginnen, eine wichtigere Rolle zu spielen. Dies gilt allen voran für die USA und andere entwickelte Ländern (wie Deutschland, Frankreich und Finnland), aber auch in neu entwickelten Ländern (China) und Schwellenländern. So werden Hochschulen und Forschungseinrichtungen durch Änderungen der politischen Rahmenvorgaben (wie ein stärkerer Nachweis der Produktivität durch die Anmeldung von Patenten) und aufgrund der engeren, projektbasierten Formen der Zusammenarbeit mit Unternehmen und anderen wissenschaftlichen Akteuren, dazu gebracht, auch Patentierungs- bzw. Wis- sensschutzaktivitäten ernster zu nehmen. 24 Es findet – auch durch die Kooperation mit Unternehmen auf Basis von Projek- ten und vertraglichen Regelungen – ein Kulturwandel in Richtung einer höheren Wertschätzung von Wissenswerten bei Hochschulen und Forschungseinrich- tungen statt. Die Produktion von Wissenswerten, d.h. Patentierungs- und Standardisierungsstrategien, werden zu einer drängenden, strategischen Frage, mit der sich Hochschulleitungen auseinandersetzen. Dies schlägt sich auch statistisch nieder: So steigt die Bedeutung der Schaffung von Wissenswerten durch öffentliche Forschungseinrichtungen und Hochschulen weltweit. Wenn auch noch auf überschaubarem Niveau, aber doch mit hohen Wachstumsraten und viel Potenzial, beginnen Hochschulen und Forschungseinrichtungen, ihren Einfluss in der Wissenswirtschaft auszubauen (vgl. Tabellen 34 und 35). Wie der Anteil von Patentanmeldungen zusammen mit Hochschulen oder öffent- lichen Forschungsorganisationen (wie der Fraunhofer Gemeinschaft oder der Max-Planck-Gesellschaft, vgl. Tabelle 35) bzw. deren alleinige Patentanmel- dungen zeigen, gewinnen sowohl öffentliche Forschungsorganisationen als 23 Da viele Unternehmen mit ständig steigenden Datenmengen und mehr spezialisiertem Wissen zurechtkommen müssen, investieren sie in und entwickeln kontinuierlich neue Wissensmanage- ment- und auch Lernlösungen für ihr Unternehmen und/oder wenden diese an. Diese Wissens- prozessinnovationen teilen sie auch mit Partnern (Hochschulen, Forschungseinrichtungen und anderen) und tragen so zur besseren Wissensproduktion, Wissensverbreitung und Wissensver- arbeitung bei. 24 Es sei darauf verwiesen, dass fast alle deutschen Bundesländer in der ein oder anderen Form und mit unterschiedlichem Erfolg Patentverwertungseinrichtung sowohl in den Hochschulen als auch für die Hochschulen gegründet haben, die sich dieser Form der Bewirtschaftung von noch nicht geschützten Wissenswerten annehmen sollen. 0 1 2 3 4 5 6 7 1980 1984 1988 1992 1996 2000 2004 2008 Anteil Hochschulen Anteil öffentliche Forschungseinrichtungen Prozentualer Anteil an gesamten Patentanmeldungen, TOP 30 Herkunftsländer Quellen: WIPO, DB Research Öffentliche Forschungseinrichtungen & Hochschulen gewinnen an Gewicht 33 Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 14 | 19. November 2012 Aktuelle Themen auch Hochschulen in ihrer Bedeutung für das Innovationsgeschehen und die wissensbasierte (Produktions-)Wirtschaft (vgl. Grafik 33). 25 Öffentliche Forschungseinrichtungen und Hochschulen werden zu einem der integralen Bestandteile der internationalen Wissensrevolution und der Wis- senswirtschaft, wodurch sie für die jeweiligen Standorte – Nationalstaaten, Re- gionen, Städte und Räume – neben ihren kulturellen und gesellschaftlichen Beiträgen zu mehr Wissen auch als Wirtschaftsfaktor wichtiger werden. In vielen Städten sind Forschungseinrichtungen und Hochschulen heute schon bedeu- tende Arbeitgeber und Zentren der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert- schöpfung, da sie projektwirtschaftlich – auch auf Basis von Drittmitteln und Aufträgen – forschen und entwickeln. Zudem machen sie durch ihre program- matisch innovative Ausrichtung und ihre (Aus-)Bildungsaktivitäten die nächste Generation für die Wissenswirtschaft fit. 25 Der Anteil von öffentlichen Forschungseinrichtungen und Hochschulen an der gesamten Paten- tierungsaktivität scheint mit unter 10% relativ überschaubar zu sein. Bei der Interpretation dieser Entwicklung ist zu beachten, dass dabei erstens nicht die Patente erfasst werden, die zusammen mit Unternehmen beantragt werden. Zweitens werden viele der Patente, die von Forschern und Hochschullehreren in ihren Spin-off- und Nebentätigkeiten beantragt werden, nicht berücksichtigt. Drittens haben viele Hochschulen sowie auch ihre Dienstherren (die Bundesländer) bspw. in Deutschland erst seit Mitte der 1990er Jahre begonnen, Kompetenzen im Bereich der Patentver- wertung aufzubauen. Schließlich bleibt bei der Einordnung der Daten zu beachten, dass aufgrund der hohen Kosten einer Patentanmeldung, -erteilung und auch Patentrechtsdurchsetzung sich viele akademisch orientierte Wissensakteure ähnlich wie Mittelständler dazu entscheiden, keinen Schutz auf ihre intellektuellen Eigentumsrechte zu beantragen. Sie übertragen diese Anrechte auf Kooperationspartner wie Unternehmen (mit und ohne Entschädigung für diesen Rechtetransfer). Insofern ist die tatsächliche Entwicklung als strukturell bedeutender zu interpretieren als die An- gaben über die akademischen Patentanteile. Hochschulen – einer der Horte von Wissenswerten 3 4 Hochschule/Universität Land Anzahl der angemeldeten Patente im Jahr 2010 University of California US 306 Massachusetts Institute o f Technology US 145 University o f Texas System US 130 University o f Florida US 107 The University o f Tokyo JP 105 Harvard College US 91 Columbia University in C ity of NY US 91 Johns Hopkins University US 89 University o f Michigan US 79 University of Pennsylvania US 75 Wissenswerte aus öffentlichem Auftrag geschaffen 3 5 Öffentliche Forschungsorganisation He r- kunfts - land Patentanmeldungen im Jahr 2010 Fraunhofer - Gesellschaft DE 298 Consejo Superior De Investigaciones Cientificas ES 126 Nederlandse Organisatie Voor Toegepast - Natuurwetenschappelijk Onderzoek (TNO) NL 116 National Institute o f Advanced Industrial Science And Technology JP 91 SNU R&D Foundation KR 86 Mayo Foundation For Medical Education a nd Research US 60 Max - Planck - Gesellschaft DE 57 Council o f Scientific a nd Industrial Research IN 56 Battelle Memorial Institute US 50 Valtion Teknillinen Tutkimuskeskus FI 48 Quellen: WIPO, DB Research Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 15 | 19. November 2012 Aktuelle Themen ‘Offener‘, projektwirtschaftlicher Wissenstransfer treibt Wissenswirtschaft Da aufgrund der stetig steigenden Wissensintensität und der zunehmenden Spezialisierung von Wissen und Kompetenzen Unternehmen oft nicht mehr allein Innovation vorantreiben können, integrieren Unternehmen nach dem Vor- bild der USA nun stärker Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Entwick- lungs-, Test- und Vermarktungsprozesse, wenn sie schnell passfähige wissens- intensive Lösungen entwickeln wollen. Sie öffnen ihre Innovationsprozesse und entwickeln heute neue Produkte und Prozesse in enger Zusammenarbeit oder teils sogar auf Basis eines strukturierten, projekthaften Wissenstransfers. Sie geben Forschungs- und Entwicklungsaufträge auf Basis von Drittmitteln an Hochschulen und öffentliche Forschungsorganisationen oder lagern teils sogar gesamthaft Forschungs- und Entwicklungsaufgaben an diese Akteure aus (vgl. Grafik 36). 26 Durch diese intensivere Form der Zusammenarbeit findet eine wechselseitige Befruchtung der durch langfristige Innovationstätigkeiten gepräg- ten öffentlichen Forschungseinrichtungen, der Hochschulen und der Unterneh- men statt. Diese Öffnung der Innovationsprozesse führt dazu, dass mehr Akteure sich an der Wissensproduktion beteiligen, schneller mehr Wissen geschaffen wird und dieses Wissen dann auch in Wissenswerte übersetzt wird. Innovationsprozesse werden dadurch geöffnet, dass Wettbewerbe oder Preise ausgelobt werden, in denen Ideen für Lösungen prämiert werden. Auch schaffen Unternehmen Platt- formen mit anderen Unternehmen (Partner- und Zulieferunternehmen) oder Kunden, um schon in der Entwicklung von Wissen und Wissenswerten enger zusammenzuarbeiten. Wissenswerte und offene Kooperation hängen eng zusammen Bei der Betrachtung offener Innovationsprozesse fällt auf, dass in allen diesen angesprochenen Fällen und auch bei anderen Methoden der offenen Innovation (vgl. WQIPO 2011: 47-49) der Schutz geistigen Eigentums und die Entstehung von Wissenswerten eng miteinander verbunden, ja komplementär sind. Bei Wettbewerben und Preisen finden sich schon in den Teilnahmebedingungen Zusicherungen bzw. Übertragungen und quasi-vertragliche Abkommen hinsicht- lich der potenziell entstehenden Wissenswerte. Auch bei vertraglichen Rege- lungen wie beim Einkauf bzw. der Auslagerung von wissensintensiven Dienst- leistungen auf andere Akteure finden vorher vertraglich fixierte oder anderweiti- ge Absprachen statt. Plattformen, in denen sich verschiedene Akteure zu- sammentun, um die wechselseitige Nutzung ihrer Wissenswerte Anderen zu erlauben und daraus neue, kundengerechte Lösungen zu gestalten, kommen ohne eine wie auch immer geartete Regelung der Werthaltigkeit der Wissens- produktion und der Aufteilung der Zugewinne nicht aus. Selbst gut geführten Gemeinschaften (wie v.a. von Praktikern) liegt ein komplementäres Verhältnis von Wissenswerten und intellektuellen Eigentumsrechten zugrunde (vgl. WIPO 2011: 49). Auch dort regeln vertraglich basierte oder auch informelle Regeln die Verteilung der zukünftig, auf Basis der geschaffenen Wissenswerte erwarteten Gewinne (Gain-Sharing-Modelle). Es scheint, dass man gemeinsam mit ande- ren Akteuren im engen Austausch in Projekten und Programmen vor allem dann schneller und effizienter Lösungen entwickeln sowie erfolgreich vermarkten kann, wenn die Frage der Wissenswerte und des Umgangs mit wissenswirt- schaftlichen Erträgen geklärt ist. 26 Für einen Überblick über offene Innovation und Formen des Wissenstransfers sowie deren Vor- und Nachteile, auch was Patentierungs- und Lizenzierungsaktivitäten anbetrifft, vgl. Athreye/Yang 2011: 5, 11ff und WIPO 2011: 47-49. 0 50 100 150 200 250 2000 2004 2005 2006 2007 2008 2009 Baden - Württemberg Bayern Berlin Brandenburg Bremen Hessen Niedersachsen Nordrhein - Westfalen Sachsen Quellen: Statistisches Bundesamt, DB Research Drittmittel an Universitäten aus der Wirtschaft, in Mio. EUR Wirtschaft und Wissenschaft arbeiten enger zusammen 36 Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 16 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Neue Netzwerke als Träger der Wissensrevolution und der Wissenswirtschaft Durch diese verstärkte Zusammenarbeit von Unternehmen untereinander und mit Kunden sowie auch zunehmend mit öffentlichen Forschungseinrichtungen und Hochschulen bilden sich globale Wissens- und Wertschöpfungsnetzwerke aus. Oft kommen die Akteure in den bestehenden globalen Produktions- und Innovationsnetzwerken, d.h. den dauerhaft angelegten Formen der Zulieferbe- ziehungen und der Zusammenarbeit von verschiedenen Akteuren, 27 heute nicht mehr umhin, Hochschulen sowie forschungsorientierte Einrichtungen eng zu integrieren. Die Integration dieser Akteure hat den Vorteil, dass Unternehmen vor allem in frühen Phasen von Produktentwicklungsprozessen sehr speziali- siertes Wissen und auch Kompetenzen (bspw. im Bereich der Materialfor- schung) in die Produktionsprozesse integrieren können. So können sie schnel- ler und besser neue Produktklassen entwickeln. In diesen neu entstehenden Wissensproduktions- und Wertschöpfungsverbünden animieren immer öfter innovative Hochschulen und Forschungseinrichtungen Unternehmen dazu, sich noch intensiver an der Entwicklung von neuen Lösungen und Produkten zu be- teiligen. Auf der Basis von langfristiger Forschungsfinanzierung und von pro- jektorientierter Zusammenarbeit sowie unter Rückgriff auf die Ausbildung be- gabter junger Menschen ist es Hochschulen so möglich, die Grundlagen der Wissenswirtschaft projektwirtschaftlich weiterzuentwickeln und Regionen in der Wissenswirtschaft prosperieren zu lassen (vgl. Rollwagen 2010). 28 Clusterbasierte Wissensrevolution in Wissenshochburgen Eine genauere Analyse der Muster der Wissensrevolution und der bisherigen Ausbreitung der Wissenswirtschaft anhand der Schaffung von Wissenswerten auf regionaler Ebene zeigt, 29 dass ein Wissenswettlauf der Regionen auf der Ebene der Unternehmen und Forschungseinrichtungen stattfindet. Dadurch setzt sich die Wissensrevolution in verschiedenen Weltregionen konzentriert in regionalen Clustern unterschiedlich stark durch. Es ergeben sich erstaunliche Veränderungen: War Japan bisher Vorreiter, übernehmen nun die USA und zunehmend auch China und Südkorea diese Rolle: Während im Zeitraum von 1983 bis 1990 60% des globalen Patentwachstums auf japanische Entwickler und Erfinder entfielen, sank dieser Anteil zwischen 1995 und 2008 auf gerade einmal noch 12,3%. In derselben Zeit konnten US-amerikanische Forschungs- einrichtungen die Zahl der angemeldeten Patente beständig erhöhen, ebenso wie Unternehmen und Einrichtungen aus China und auch Südkorea. Bemer- kenswert ist hierbei vor allem das unterschiedliche Tempo des Wachstums in verschiedenen Ländern und innerhalb der Länder: So kristallisieren sich ‚Avant- garde-Regionen‘ heraus, was Wissenswerte anbetrifft. Wissensrevolution konzentriert in einzelnen Ländern und Regionen Um die unterschiedliche regionale Entwicklung der Produktion von Wissenswer- ten zu analysieren, betrachten wir die regionale Verteilung von Patenten. Dabei zeigt sich, dass die bestehenden Wissenszentren auch heute wichtig bleiben. 27 Vor allem Ernst hat in seinen Studien zu Mustern der Produktion und der Wertschöpfung in der Elektronikindustrie nachgewiesen, dass in Verbindung mit den Fortschritten in der Informatisierung eine neue Phase der weltweiten Zusammenarbeit angebrochen ist, bei der die Zusammenarbeit auf Basis von globalen Produktions- und Innovationsnetzwerken von statten geht (vgl. Ernst 2009). 28 Ein international renommiertes Beispiel dafür ist die Fraunhofer Gesellschaft, die mit großem Erfolg neue Technologiefelder und Lösungen auf Basis von gemeinsamen Forschungs-, Pilot- und Entwicklungsprojekten mit Unternehmen oder gesellschaftlichen Akteuren entwickelt. 29 Diese differenzierte Betrachtung von Regionen und Agglomerationsräumen mit Großstädten als fokale Punkte erfolgt auf Basis der Patentdaten der WIPO, da eine regionale Analyse der erteilten und rechtskräftigen Patente, der veröffentlichen Artikel, Handelsmarken und Gebrauchsmuster den Rahmen dieser Untersuchung sprengt. Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 17 | 19. November 2012 Aktuelle Themen So haben in den USA der ‚Sunshine State‘ Kalifornien, in Japan vor allem die Großräume rund um Tokio und Osaka, in Deutschland allen voran Bayern mit München und Baden-Württemberg mit Stuttgart, in Frankreich ein Cluster rund um Paris und auch Taiwan hohe Bedeutung, was die Produktion von Wissens- werten anbetrifft. Aufgrund von mehr wissensbasierter, strukturpolitischer Zusammenarbeit von Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in zahlreichen Regionen weltweit, entstehen jedoch auch neue ‚Wissenshochburgen‘. Neue Zentren der Wissenswertproduktion lassen sich bspw. in China in Shenzen in der Provinz Guangdong, in Südkorea im Großraum Seoul, im Stadtstaat Singapur, in Polen rund um Warschau, Wroclaw und Kraków und in der Türkei im Großraum Istan- bul ausmachen. 30 Mehr ‚kleine Wissenshochburgen‘: eine neue ‚Wissensweltordnung‘ entsteht Durch die fortschreitende Wissensrevolution haben auf Dauer mehr Regionen an der wissenswirtschaftlichen Dynamik Teil. Eine Analyse der Entwicklung von Regionen, die mehr als hundert Patentanmeldungen aufweisen, ergibt, dass mehr ‚kleine Wissenshochburgen‘ entstehen: 31 In China, Südkorea und Kanada entwickeln sich z.B. einige Regionen schnell zu neuen Zentren der Wissens- wertproduktion. Dadurch verändert sich zusehends die Wissensweltordnung. Aufgrund ihrer hohen Dynamik werden aufstrebende Volkswirtschaften, wie Malaysia, Mexiko, Indonesien und einige südamerikanische und afrikanische Regionen wichtiger, in denen sich einzelne Agglomerationsräume als kleine, regionale Wissenshochburgen mit hoher Ausstrahlungskraft auf die jeweilige Region entwickeln. 30 Je nach ihrer Organisation der Forschungsförderung und den regional-, struktur- und wirtschafts- politischen Gegebenheiten sowie auch infolge der durch die Industrialisierung angelegten Pfade unterscheiden sich die Staaten stark im Grad der Zentralisierung der Wissenswertproduktion. Während in Deutschland bspw. eine multifokale Struktur vorliegt, wo in vielen Regionen bzw. Bundesländern Patente angemeldet und Wissenswerte geschaffen werden, konzentriert sich die- se Dynamik bspw. in China oder der Türkei auf wenige Regionen, Provinzen und Städte. 31 Einschränkend ist zu bemerken, dass für viele der aufstrebenden Regionen nur wenig verlässli- che Daten vorliegen. Auch aufgrund der nachholenden Entwicklung bei der Überführung von Wissen in Wissenswerte, d.h. der erst beginnenden Patentierungstätigkeit von Unternehmen, öf- fentlichen Forschungseinrichtungen oder Hochschulen, sind Länder mit wissenswirtschaftlichem Potenzial wie Mexiko, Indonesien, Brasilien, Malaysia oder die Türkei statistisch noch nicht so präsent. Regionale Wissenshochburgen 3 7 Region Land Anzahl der angemeldeten Patente im Jahr 2010 Tokyo JP 8914 Osaka JP 4821 Kalifornien US 3586 Bayern DE 3240 Baden - Württemberg DE 2793 Seoul KR 2335 Paris FR 2334 Singapur SG 2017 Shenzen CN 1914 Amsterdam NL 1435 Quellen: WIPO, DB Research 2011 Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 18 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Durch Wissen und Wissenswerte wachsen Wie die vorangegangene Betrachtung zeigt, wird mehr Wissen weltweit auf dif- ferenzierte Art kooperativ geschaffen. Dieses Wissen wird auch teils schneller in Wissenswerte transformiert, auf deren Basis Unternehmen und Institutionen Geld verdienen. Durch andauernde Investitionen in F&E sowie (Weiter-)Bildung und durch veränderte Formen der Produktion sowie Umwandlung von Wissen kommt es heute und in den nächsten Jahren zu Verschiebungen in der Wis- sensweltordnung. Unternehmen, Regionen und Nationen haben heute die Chance, von ihren Investitionen in ihre Wissenspioniere – Studenten und For- scher in Bildungs- und Forschungseinrichtungen – sowie in die öffentlichen Or- ganisationen oder auch in die Unternehmen zu profitieren und sich so eine bes- sere Position in der Wissenswirtschaft zu erarbeiten. Sie profitieren davon, dass sie die verschiedenen Akteure zur Zusammenarbeit ermutigen und durch stabi- le, langfristig orientierte Politik die Grundlagen dafür bieten. Vor dem Hintergrund der weltweit stattfindenden Veränderungen ist absehbar, dass Unternehmer, Unternehmen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen, Regionen und Staaten eine noch differenziertere Strategie hinsichtlich ihrer Partnerschaften und ihrer Zusammenarbeit mit anderen Akteuren und Staaten entwickeln sollten, um von den durch die Wissenswirtschaft entstehenden Chancen zu profitieren. Wissensrevolution geht durch neue Wissens- und Lerntechnologien weiter Mit der Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien sowie der Wissens- und Bildungstechnologien werden sich die Bedingungen für die differenzierten Wissensentwicklungs- und Wissensverwertungsstrategien und intelligentes regionales Wachstum in den nächsten Jahren noch weiter grundlegend verändern. Klar ist, dass von Wissen, Bildung und Forschung ein wachsender Teil des Wohlstands von Regionen und ihrer Anpassungsfähigkeit bzw. ihrer Fähigkeit, innovativ zu sein, abhängt. Aus projektbasierten Forschungs- und Bildungsein- richtungen werden oft multinational wirkende Konglomerate, die durch die Ge- nerierung und Umsetzung von Ideen lokal, regional und global agieren und Wer- te schaffen. Regionen, Unternehmen und Investoren können sich dieser Ent- wicklungen bedienen, um schneller qualitativ zu wachsen. Unternehmen sollten auf die Wissensintensität ihrer Produkte achten und neue Produkte auf Basis projektwirtschaftlicher Methoden entwickeln. Aufgrund der gestiegenen Wis- sensintensität und mehr hybriden Produktlösungen kommt es dabei für die ver- schiedenen Akteure darauf an, neue wissensbasierte Strategien zu entwickeln. Vor allem regionale Entscheidungsträger müssen Konzepte und Instrumente für eine integrierte Struktur-, Außenwirtschafts-, Bildungs- und Forschungspolitik zusammen mit den verschiedenen anderen politisch zuständigen Akteuren ent- wickeln. Dabei ist auch die Koordination, vor allem die Synchronisation der wis- senswirtschaftlichen Aktivitäten, wichtig. Zudem gilt es, die unterschiedlich schnellen wissensbasierten Entwicklungspfade von Regionen in Europa und weltweit zu beachten. Mehr Zusammenarbeit von Staat, Wirtschaft und Wissen- schaft wird an der Tagesordnung sein, um mehr Wissen zu produzieren. Die Wissenswirtschaft lebt vom intensiven Austausch der Wissensträger und der zielgerichteten Anwendung der Forschungsergebnisse und Wissenswerte in Lösungen, die regional auf die Bedürfnisse von Kunden und Regionen zuge- schnitten sind. Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 19 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Chancen der Wissenswirtschaft: Mehr (regionale) Wertschöpfung durch intelli- gente Spezialisierung Vor dem Hintergrund der entstehenden Wissenswirtschaft und des Paradig- menwechsels hin zu einer stärker wissensbasierten Entwicklung wird es not- wendig, die Standort- und Wachstumspolitik in verschiedenen Regionen je nach Startbedingungen neu zu fassen. Dies hängt auch von ihrer Ausstattung mit infrastrukturellem Kapital, d.h. der Anbindung an Handels-, Logistik- und Mobili- tätsnetze, sowie mit energetischer und informatorischer Infrastruktur ab. In Ab- hängigkeit von ihrem politischen, sozialen, intellektuellen, unternehmerischen und finanziellen Kapital können regionale politische Akteure durch die Gestal- tung der Rahmenbedingungen die Akteure der Wissenswirtschaft unterstützen, differenziert spezifische Wissenswerte aus bestimmten Wissensdomänen zu entwickeln. Sicher ist, dass es in Europa und über Europa hinaus verschiedene Entwicklungsgeschwindigkeiten durch die entstehende Wissenswirtschaft geben wird: Einige Regionen werden durch ihre bessere Startposition oder intelligente Vorgehensweisen schneller und stärker von der wissensbasierten Wirtschaft profitieren. Insofern kommt es darauf an, in den einzelnen europäischen Ländern und Re- gionen, Potenziale und Lösungen für Partnerschaften von leistungsfähigen und potenzialreichen Regionen und Agglomerationsräumen mit anderen Regionen sowie deren Unternehmen und Wissenswertschöpfungsnetzwerken zu identifi- zieren. Auch Regionen mit weniger potenzialträchtigen Formationen von struktu- rellem Kapital können durch integrierte Ansätze zur Entwicklung der Wissens- wirtschaft und durch die Neujustierung ihres Policy-Mix mit Maßnahmen aus fast allen Politikfeldern (Energie-, Struktur-, Forschungs-, Bildungs- und Arbeits- marktpolitik) zu kleinen Wissenshochburgen werden. Wenn Regionen beginnen, Unternehmer und Hochschulen zu ermutigen, zusammen mit anderen Akteuren auf Basis regionaler Plattformen und Wertschöpfungsverbünde neue integrierte Produkte und Dienstleistungen zu schaffen, können sie die Chancen der Wis- sensrevolution für dynamisches Wachstum nutzen. Dabei helfen auch verein- fachte administrative Verfahren, z.B. im Bereich der Unternehmensgründung. „Intelligentes Wachstum“ durch Wissen und Wissenswerte Regionen können diesen Strukturwandel des Wissens nutzen, wenn sie struk- tur- und ordnungspolitisch die Rahmenbedingungen so definieren, dass die verschiedenen Wissensakteure sich gut mit ihren jeweiligen Impulsen einbrin- gen können. Dabei kommen verschiedene Herausforderungen auf die Unter- nehmen, Regionen und Nationalstaaten zu, sich aktiver in Richtung „intelligen- ten Wachstums“ („Smart Growth“) zu positionieren: Diese Herausforderungen entstehen zum einen durch die strukturpolitischen Offensiven und deren positive Wirkungen in den asiatischen Ländern, wie Südkorea und China, und zum an- deren auch durch den Paradigmenwechsel, der sich in der Struktur-, Regional- und Forschungspolitik der EU im Rahmen des Programms „Horizont 2020“ ab- zeichnet. Regionen sollten intelligent durch Wissen und Wissenswerte wachsen. Dazu sollten sie mit Weitblick strukturpolitisch aktiv werden und wissensorientiert in- vestieren, um sich dann im internationalen Wissenswettlauf als Standort der Wahl zu empfehlen. Für Unternehmen und Regionen kommt es besonders da- rauf an, Persönlichkeiten und Pioniere zu fördern, adäquate Partnerschaften und deren Positionierung und Profilierung zu fördern, philanthropische Investiti- onen besser in die regionale Wissensentwicklung zu integrieren, die Anwen- dung von Wissen und Umsetzung in Produkte zu incentivieren, Wissenswerte strategisch durch offeneren Umgang mit Wissen zu fördern, Plattformen für besseren Wissenstransfer und Wissenswerte zu nutzen und klare Parameter für die Förderung von Wissenswerten zu entwickeln. Gelungene Wissen spol itik: das Beispiel Südkorea 3 8 Eines der besten Beispiele für die Entstehung einer regionalen und nationalen Wissenshoc h- burg aufgrund einer wissenswirtschaftlich, forschungs - und technologiepolitisch ausgeric h- teten Politik ist Südkorea. An diesem Beispiel zeigt sich, dass eine klare politische Orienti e- rung auf die Entwicklung von Standorten, wie in den Jahren 2008 - 2011, dazu führen kann, dass leistungsfähige Cluster etabliert, bestehende industrielle Komplexe r estrukturiert und die Konversion zur wissensbasierten Wirtschaft erfolgreich gestaltet werden kann. Schließlich sind südkoreanische Unternehmen heute in vielen wissensintensiven Branchen, wie in der Displayproduktion, in der Halbleitertechnik oder in der I nformations - und Kommunikationstec h- nologie (vor allem Mobiltelefone) , führend. Das südkoreanische Entwicklungsbeispiel zeigt, dass Kontinuität in der öffentlichen Förderung, die Planung von politischen Maßnahmen auf einer mehrjährigen Basis, die klare Definition von Fördermechanismen und die Abstimmung von regionalen, lokalen und nationalen Förde r- konzepten sowie die bevorzugte Förder ung einiger Regionen mit speziellen Instrumenten wie Technologieparks oder Sonderwirtschaft s- zonen sehr gute Erfolge in Richtung der Ve r- besserung regionaler wissensbasierter Wettb e- werbsfähigkeit zeitig en (OECD 2012: 98ff und 140ff). Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 20 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Förderung von Persönlichkeiten und Pionieren: Um in der Wissenswirtschaft zu bestehen, braucht es zuvorderst kluge Köpfe, d.h. Persönlichkeiten und Pionie- re. Wenn Regionen dauerhaft Fachkräfte und Unternehmerpersönlichkeiten fehlen, die die Chancen der wissensintensiven Wirtschaft ergreifen, werden diese Regionen an Boden verlieren. Natürlich wird es zunehmend die Möglich- keit geben, z.B. auch F&E-Dienstleistungen an anderen Standorten im Ausland erledigen zu lassen. Jedoch braucht es gerade vor Ort diejenigen Leute, die bereit sind, Impulse für die Region und darüber hinaus umzusetzen. Insoweit beginnt eine wissenswirtschaftliche Grundorientierung bei einer integrierten Investitionspolitik für Bildungs- und Forschungseinrichtungen und deren Vernet- zung mit ortsansässigen, wie auch international tätigen Unternehmen mit Bezug zu der jeweiligen Region. Hierbei sind nicht nur Investitionen in F&E wichtig, sondern auch Investitionsinstrumente für Unternehmen, um in Weiterbildung investieren zu können. Persönlichkeiten und Pioniere finden nur dann gute Standortbedingungen vor, wenn ein leistungsfähiges Aus- und Weiterbildungssystem in einer Region be- steht. Vor dem Hintergrund der Wissensrevolution werden einige Wissensbe- stände schneller obsolet. Die Halbwertszeit der Anwendungsmöglichkeit von Wissen und Kompetenzen wird aufgrund der Neuerungen und Verbesserungen der Wissensbasis kürzer. Dies bedeutet auch, dass regionale Entscheidungs- träger, Persönlichkeiten und Pioniere noch mehr Möglichkeiten bieten müssen, um sich schnell und effizient weiter zu qualifizieren. Außerdem sollten vor allem regionale Akteure noch viel stärker darauf achten, nicht nur Talente aus ande- ren Ländern anzuziehen und die Zahl der Studierenden aus dem Ausland zu steigern. Vielmehr kommt es im Zeitalter der globalen Wissenszirkulation darauf an, die unternehmerischen Ressourcen von Wissensunternehmern zu fördern. Bisher gründen im Vergleich zu anderen Ländern noch relativ wenige Wissens- pioniere in Deutschland ein Unternehmen, und dies, obwohl wir viele ausländi- sche Studenten, v.a. in technisch-naturwissenschaftlichen Gebieten, haben. Hier besteht noch viel ungenutztes Potenzial, durch die Förderung von Wis- senspionieren auch regional mehr Wachstum zu generieren. Adäquate Partnerschaften und deren Positionierung und Profilierung: Wie die vorangegangenen Ausführungen zur Wissensrevolution zeigen, wird die Zu- sammenarbeit von Forschern wichtiger. Von daher sollten regional tätige Unter- nehmen und Regionen ihre bisherigen Partnerschaften wissensorientiert ‚aufla- den‘ und beleben. Sie sollten mit anderen Wissensakteuren – seien dies Hoch- schulen oder andere Regionen – intensiv in Pilotprojekten und Programmen zusammenarbeiten. Vor allem die Etablierung internationaler Zusammenarbeit und die Verstetigung von Projekten, die durch einzelne Professoren oder For- scher in Unternehmen vorangetrieben werden, durch Programme oder instituti- onelle Partnerschaften, sind wichtig. International und gleichzeitig regionenspezifische Partnerschaften: Gerade für Unternehmen kommt es mit der weiteren Durchsetzung der Wissenswirtschaft auf Basis bestehender und entstehender Cluster darauf an, Partnerschaften zu begründen, statt nur Outsourcing von Forschung zu betreiben. Dazu gehört auch, dass sich gerade technologie- und wissensintensive Unternehmen viel stärker als bisher an der projektwirtschaftlichen (Weiter-)Entwicklung von Hu- manressourcen und Wissen in den jeweiligen regionalen Märkten und Regionen beteiligen. Ein Beispiel aus Dänemark zeigt, dass sich Pumpenhersteller bei regionalen Verbundlösungen zur Ausbildung von Facharbeitern stark engagie- ren, um so nicht nur ihre Zulieferer dauerhaft qualitativ mit Humanressourcen auszustatten, sondern auch die Standortqualität der Region. Damit verbessern die Unternehmen auch wieder ihre eigene Stellung in verschiedenen internatio- nalen Wissens- und Wertschöpfungsverbünden. Dabei kommt es natürlich auch darauf an, dass die Regionen in ihrer außenwirtschaftlichen und strukturellen strategischen Orientierung stärker auf Wissensintensität achten, eine klare Stra- Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 21 | 19. November 2012 Aktuelle Themen tegie mit Zielregionen und Ankerländern definieren und mit strukturierten Projek- ten umsetzen. Mit ‚Wissensflaggschiffen‘ im Zentrum der Wissensproduktion: Klar ist, dass die Differenzierung von Regionen über integrierte Bildungs-, Forschungs- und Wis- senswertschöpfungsmodelle weiter geht. Die wissensbasierte Entwicklungsstra- tegie des Bürgermeisters der Stadt New York ist nur eines der Beispiele rund um den Erdball, die für neue differenzierte Strategien im Zeitalter des intelligen- ten Wachstums stehen. Sie basiert auf einer vorausschauenden Positionierung und Profilierung seiner Stadt durch den Aufbau neuer Institute, Bildungs- und Forschungseinrichtungen und Unternehmen auf der Basis von Ko-Finanzie- rungslösungen. Ähnliche andere Beispiele lassen sich in Großbritannien (mit London und Manchester), in Singapur, Südkorea, Malaysia, den Arabischen Emiraten oder auch der Russischen Föderation (Moskau/Skolkovo) nachvollzie- hen. Diese Beispiele zeigen, dass in der fortschreitenden Wissensrevolution das Motto „Tue Gutes und rede darüber“ wohl „Forsche und bilde Dich weiter und zeige es auch mit (Pilot-)Projekten“ heißen sollte. Dies hat auch damit zu tun, Signale für Investoren zu setzen, dass sich eine Investition aufgrund der guten Entwicklung der wissenswirtschaftlichen Basis an einem Standort lohnt. In die- sem Zusammenhang ist es wichtig, die bestehenden Wissensinfrastrukturen zu nutzen und ‚Wissensflaggschiffe‘ aufzubauen. Hochschulen und Forschungsein- richtungen sind dabei die Vorreiter, die man mit geeigneten Finanzierungsin- strumenten und mit mehr Handlungsfreiheit (Autonomie) ausstatten sollte, damit sie sich regional und international positionieren können. Bessere Integration von philanthropischen Investitionen: Zur Etablierung von Regionen in der entstehenden Wissenswirtschaft zählen neben institutionellen Partnerschaften vor allem Partnerschaften mit Gönnern (Philanthropen). Gerade Wissensinvestitionen beinhalten immer einen Teil, der weniger Potenzial hat, sich für einen einzelnen Investor oder die Region direkt finanziell zu rechnen. Jedoch führen beispielsweise Investitionen in bessere Weiterbildung dazu, dass mehr Menschen sich wieder qualifizieren können. Dadurch erhalten auch mehr Menschen wieder Chancen. Gerade bei grundlegenden Wissensinvestitionen, die viel mit allgemeiner und kultureller Bildung zu tun haben, gilt es für Regio- nen, sich auch partnerschaftlich mit Philanthropen zu verbinden. Immer mehr Philanthropen und Stiftungen beteiligen sich an der Finanzierung der Wissens- produktion oder – was als Trend immer deutlicher wird – an der Umsetzung von Wissen in Projekte und Produkte. 32 Wissenswerte strategisch durch offeneren Umgang mit Wissen fördern: Mit dem weiter fortschreitenden Einsatz von Cloud-Lösungen im Forschungs- und Bil- dungsbereich und der zunehmenden Präsenz von (auch kleineren und mittle- ren) Unternehmen, die ihrerseits auch Wissen produzieren und verarbeiten, werden sich die Formen der Produktion, der Verfügbarkeit und der Verarbeitung von Wissen weiter verändern. Gerade aufgrund der technischen Möglichkeiten gibt es für Unternehmen und Regionen neben dem Schutz von Wissen auch viel zu gewinnen, wenn sie differenziert mit ihrem Wissen umgehen und ihr eigenes Wissen mit anderen teilen, um dadurch neues Wissen zu produzieren (vgl. Dapp 2011). Um von der Wissensrevolution zu profitieren, sollten Unternehmen wie Regionen und die Forschungsförderer der Staaten neue Plattformen für die offene Verbreitung und das Teilen von Wissen entwickeln. Der Trend in Rich- tung „open access“ ist evident: So haben sich nun mehrere europäische Länder darauf geeinigt, dass öffentlich geförderte Forschungsergebnisse nun offen zugänglich sind. 32 Philanthropen leisten einen immer größeren Anteil an der Finanzierung der Wissensproduktion: Aktuelle Zahlen für das Jahr 2011 in den USA belegen, dass Spenden in Höhe von ca. USD 39 Mrd. an Bildungseinrichtungen gegangen sind. Ein Großteil dieser Spenden wird eingesetzt, um die Vermittlung und Weiterentwicklung von Wissen zu unterstützen. Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 22 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Anwendung von Wissen und Umsetzung in Produkte: Viele Unternehmen nut- zen schon heute die Möglichkeit, Produkte durch die Entwicklung und Fertigung an verschiedenen Forschungs- und Entwicklungsstandorten differenzierter und wettbewerbsfähiger zu machen. Sie tun sich mit anderen Unternehmen zusam- men, um ihre Produktentwicklungen voranzutreiben und diese dann zu schüt- zen. Im Rahmen der regional differenzierten Wissensrevolution kommt es heute für Unternehmen darauf an, regional differenziert Wissen aufzubauen und eine Wissensschutzstrategie für Unternehmen in enger Abstimmung mit den jeweili- gen Regionen zu formulieren. Dabei geht es nicht nur darum, Patente bzw. Wis- senswerte zu schaffen und so wissensbasiertes Wachstum zu ermöglichen. Auch Gebrauchsmuster und Handelsmarken wie auch Standards und Normen sind wichtig. Es geht um nichts weniger, als eine differenzierte Strategie für Patente, intellektuelle Eigentumsrechte und Standardisierung in enger Zusam- menarbeit mit Forschungsorganisationen, Hochschulen und wissensintensiven Dienstleistern für die jeweilige Region und für Unternehmen zu formulieren. Plattformen für besseren Wissenstransfer und Wissenswerte nutzen: Diese differenzierte, wissenswirtschaftlich strategische Ausrichtung beinhaltet auch, dass Unternehmen und Regionen Partnerschaften und Kooperationen differen- zierter handhaben: Es geht sowohl um sehr enge Kooperationsformen als auch um offenere Formen. Vor allem aber geht es um die Etablierung von Plattfor- men. Mit der weiter steigenden Relevanz von Wissenswerten und Zahlungen für Lizenzen wird es für Unternehmen und Regionen wichtig, sich mit anderen Ak- teuren in Plattformen zu organisieren und dort den Wissensaustausch und Wis- senstransfer zu organisieren (vgl. WIPO 2011: 49). Dabei geht es darum, über diese Plattformen Tauschgeschäfte, z.B. zur Produktentwicklung im frühen Sta- dium, und andere – primär wissenswirtschaftlich profitorientierte – Aktivitäten zu organisieren. Wenn Wissensträger und Unternehmen bei jeder Entwicklung hohe Kosten für die Bezahlung von Lizenzen haben, werden Weiterentwicklun- gen gehemmt. Die Begründung dieser Plattformen – unter Berücksichtigung des erwarteten wirtschaftlichen Wertes von Wissenswerten – ist eine wichtige Vo- raussetzung, um nachhaltige Modelle zu etablieren. 33 Insofern sollten vor allem regional tätige Unternehmen und regional orientierte Hochschulen noch mehr und besser gemanagte Plattformen etablieren, um Projekte zu initiieren. Diese Plattformen auf regionaler Basis bieten dann auch die Möglichkeit, international mit einer kritischen Masse an Wissensproduktionskapazität kooperativ tätig zu werden. Diese regionalen Plattformen haben noch einen anderen Vorteil. Auf Basis der dauerhaften Zusammenarbeit von Akteuren lässt sich auch der (gemeinsame) langfristige Finanzierungsbedarf besser erkennen. Damit können leichter Lö- sungen und Instrumente für Investments in wissensbasiertes Wachstum ge- schaffen werden. Gerade Investitionen in den Wissensaufbau und die Anschub- finanzierung von Projekten, die auf neue Lösungen und Produkte abzielen, ge- stalten sich oft schwierig. Deswegen sollten gerade regionale Akteure auch die finanziellen Rahmenbedingungen für die Wissenswirtschaft strategisch gestal- ten. Hier können regionale Akteure zusammen mit nationalen Förderbanken und anderen Finanzinstituten wie auch privaten Geldgebern die verschiedenen Ko-Finanzierungsmöglichkeiten prüfen und neue Instrumente für wissens- basiertes Wachstum entwickeln. Möglichkeiten dieser Gestaltung bieten sich, indem außenwirtschaftlich orientierte Förder- und Investitionskonzepte mit Pub- lic-Private-Partnership- oder Crowdfunding-Modellen, Impact Investments oder auch Formen des Corporate Venturings verbunden werden. 33 Die Bewertung von Wissenswerten auf Basis von Plattformen schreitet weiter voran, wie ein Beispiel einer Plattform zeigt, bei der die jeweiligen Teilnehmer nicht mehr gesamte Lizenzen er- werben müssen, sondern ‚nur‘ die Rechte zur Verwertung des Teils einer Entwicklung erwerben können (vgl. Economist, May 12th 2012: A new financial exchange hopes to make it easier to trade patent rights). Lokale wissenswirtschaftliche Entwicklung – Platt formen zählen, wie das Fallbeispiel „Silicon Valley“ zeigt 3 9 Wie der Stanford - Professor Granovetter in einer Studie zu den Entstehungsbedingungen des Silicon Valley zeigt, brauchte es Akteure aus mindestens 12 unterschiedlichen Bereichen – aus dem Finanzsektor, dem Bildungs - und Wissensbereich, dem rechtlichen und Verwa l- tungs - , wie auch dem (lokalen) po litischen Bereich, um innovative Unternehmen (Start - ups) und innovative, wissensintensive Produkte zu schaffen. Dabei waren Plattformen zum Austausch von herausragender Bedeutung, um die Akteure miteinander so zusammenarbeiten zu lassen, dass in jeweils u nterschiedlichen Phasen des Innovationslebenszyklus sich die jeweiligen Pioniere durch Geld, Wissen, Verfa h- renserleichterungen oder Netzwerke gegense i- tig unterstützen können. Granovetter beschreibt, dass im Silicon Valley, die Zusammenarbeit von 10 Univers itäten, 40 privaten oder öffentlichen Forschungszentren, 8718 großen Unternehmen (mit über 100 Angestellten), 180 Venture Cap i- tal - Unternehmen, 3152 Rechtsanwaltskanzle i- en, die auf Unternehmensrecht und Techni k- recht spezialisiert sind, 329 Rekrutierungsorg a- nisationen, 1913 eingetragene Buchhaltungs - unternehmen, 311 Werbe - und Öffentlichkei t- sarbeitsagenturen, ca. 700 Geschäftsbanken, 47 Investmentbanken und ca. 100 Zeitungen mit fast 500 Journalisten und Multiplikatoren z u- sammengearbe itet haben und dies weite r tun. Dabei steig en d ie Zahl der Akteure und deren Spezialisierung weiter durch Neugründungen und neue Aktivitäten (Granovetter 2009: 335). Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 23 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Klare Parameter für die Förderung von Wissenswerten entwickeln: Die erfolgrei- che Positionierung und Profilierung von Unternehmen und Regionen in der ent- stehenden Wissenswirtschaft erfordert auch die Entwicklung differenzierter Richtgrößen sowie nachvollziehbarer und stabiler (Förder-)Parameter für regio- nale Entscheidungsträger zur Strukturierung der Wissensfinanzierung. Um diese Richtgrößen und Parameter bestimmen zu können, sollte man die Wissens- und Wertschöpfungstreiber in Unternehmen und Regionen überprüfen und vermehrt Projekte im Hinblick auf deren Wissensproduktionseffizienz analysieren. Wissenswirtschaftliche Spezialisierung in Wissenswertschöp- fungsnetzen Die weltweit entstehende Wissenswirtschaft bietet prinzipiell Regionen die Möglichkeit, durch eine wissenswirtschaftliche Spezialisierung zusätzliche Wachstumsimpulse zu schaffen. Nun ist es an allen Akteuren, nach regionalem, wissenswirtschaftlichem Potenzial differenzierte Partnerschafts- und Kooperati- onsstrategien zu entwickeln. Neben sehr engen, vertraglich stark abgesicherten Kooperationsformen zählt dabei auch die Begründung von Expeditionen: Gera- de um neuartige Lösungen und Produkte zu entwickeln, braucht es Freiraum für wissensorientierte Unternehmer und Möglichkeiten zur Finanzierung ihrer Ideen, z.B. mittels einer intensiveren Zusammenarbeit des Staates und anderer Akteu- re (bspw. auch Philanthropen). Regionen können viel gewinnen, wenn sie sich auf Basis einer integrierten Au- ßenwirtschafts-, Bildungs- und Forschungspolitik spezialisieren und an Plattfor- men beteiligen, so dass ihre Hochschulen und wissensintensiven Akteure inter- national projektwirtschaftlich zusammenarbeiten können. Dies ermöglicht es ihnen, sowohl mehr Wissen als auch Wissenswerte zu etablieren und diese zu vermarkten. Wenn der Wissenstransfer durch strukturierte Formen der Projektkooperation sowie die Anwendung von Wissen – auch mit scheinbar einfachen technischen Lösungen – vorangetrieben wird, dann können in vielen Regionen der Welt mehr Menschen von den daraus resultierenden positiven Impulsen profitieren. Gerade für Regionen in Deutschland und Europa bieten sich strukturpolitisch viele Chancen, sich durch eine wissenswirtschaftliche Spezialisierung (‚Smart Specialisation‘) als Teil globaler Wissens- und Wertschöpfungsnetzwerke zu positionieren und ihre Exzellenzposition sowie ihre Potenziale zusammen mit anderen Regionen projektwirtschaftlich weiterzuentwickeln. Ingo Rollwagen (+49 69 910-31814, ingo.rollwagen@db.com) Stefan Voigt Mehr Wertschöpfung durch Wissen(swerte) 24 | 19. November 2012 Aktuelle Themen Literaturverzeichnis 4 0 Andrews, D. und de Serres, A. (2012). Intangible Assets, Resource Allocation and Growth: A Framework for Analysis. 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