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15. Juni 2022
Steigende Kosten und hohe Unsicherheit haben den Liquiditätsbedarf der Unternehmen und Selbstständigen in Q1 kriegsbedingt in die Höhe getrieben. Das Rekordplus der Kredite von 2,2% zu Beginn der Corona-Pandemie wurde eingestellt (ggü. Vj.: +4,9%). Es profitierten v.a. kurzfristige Kredite; das Wachstum der Bankengruppen konvergierte. Die Kreditzinsen legten um 0,25-0,5% zu, so kräftig wie zuletzt 2011. Anleiheemissionen liefen (noch) rund, im Gegensatz zum Aktiengeschäft. Die deutsche Volkswirtschaft ist im ersten Quartal mit einer leichten BIP-Zunahme von 0,2% ggü. Vq. knapp an einer technischen Rezession vorbeigeschrammt, den Unternehmensinvestitionen (inkl. Bau) und Lageraufbau sei Dank. Der private Konsum blieb dagegen schwach, der Außenbeitrag zum Wachstum war stark negativ. Die galoppierende Inflation trübt den Ausblick deutlich: direkt über die geringere Kaufkraft, indirekt über die Zinswende der EZB und höhere Finanzierungskosten. [mehr]
Deutschland-Monitor Unternehmensfinanzierung Unternehmensfinanzierung Steigende Kosten und hohe Unsicherheit treiben Liquiditätsbedarf in die Höhe. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine und die sich gravierend beschleuni gende Inflation haben die Kreditnachfrage der Unternehmen im ersten Quartal weiter angeschoben. Das Kreditvolumen legte um 2,2% (Rekord vom Beginn der Corona-Pandemie damit eingestellt) gegenüber dem Jahresende 2021 zu; im Vorjahresvergleich steht ein Plus von 4,9% zu Buche. Der Anstieg entfiel v.a. auf die kurzfristigen Ausleihungen und die Industrie sowie Versorger/Bergbau und den Bau. Unter den Bankengruppen profitierten insbesondere die Verbünde sowie Auslandsbanken und Förderbanken. Die Einlagen setzten ihr stetiges Wachstum fort (+3,3% ggü. Vj.). Die Kreditzinsen stiegen angesichts der erwar teten Zinswende der EZB so stark wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr, um rund 0,25-0,5%. Die Banken konnten ihre Zinsmarge etwas ausweiten, denn auf der Einlagenseite fiel der Zinsanstieg viel schwächer aus. Finanzierungsalternativen: Verschnaufpause im Aktiengeschäft, Anleiheemissi onen nochmals schwungvoll. Nach dem beispiellosen Vorjahr gab es in Q1 keine größeren Kapitalerhöhungen oder Börsengänge. Umgekehrt erholte sich das Anleihegeschäft nach dem schwachen Jahresabschluss deutlich (Netto emission EUR 7,2 Mrd.), wobei dem Markt durch das mittlerweile beschlossene Ende der EZB-Anleihekäufe der wichtigste Ankerinvestor der letzten Jahre bald fehlen wird. Das dürfte sich zusammen mit dem gestiegenen Renditeniveau per spektivisch negativ auf die Emissionsvolumina auswirken. Commercial Paper schnitten im ersten Quartal gut ab, das Leasing eher schwach. Konjunktur Die deutsche Konjunktur wird seit Jahresbeginn von gegensätzlichen Impulsen bestimmt. Nachdem das BIP in Q1 lediglich um 0,2 % ggü. Vq. expandierte, setzt die stufenweise Lockerung der pandemiebedingten Einschränkungen zu nehmend Antriebskräfte frei. Sie werden aber von inflationsbedingtem Kaufkraft verlust und einem Absturz des Verbrauchervertrauens ausgebremst. Zudem be hindern Lieferprobleme auch die Exportwirtschaft. Im Sommerhalbjahr werden sich die hemmenden Faktoren kaum abschwächen. Voraussetzung für eine zumindest verhaltene Expansion in Q2 wäre eine ro buste Dienstleistungsnachfrage. Auch die Auslieferungen von schon bestellten Pkw dürften Schwung gewinnen. Breit angelegte Unterstützung für den privaten Verbrauch wird die zum 1. Juli anstehende kräftige Rentenanhebung leisten, wie auch die Anhebung des Mindestlohns im Oktober. Autoren Jan Schildbach +49 69 910-31717 jan.schildbach@db.com Marc Schattenberg +49 69 910-31875 marc.schattenberg@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider 15. Juni 2022 Starkes Kreditgeschäft, fragile Konjunktur in Q1 2022 Starkes Kreditgeschäft, fragile Konjunktur in Q1 2022 2 | 15. Juni 2022 Deutschland-Monitor Unternehmensfinanzierung in Deutschland Kreditvolumen Der Krieg in der Ukraine, in die Höhe schießende Energie- und Rohstoffpreise sowie weiterhin erheblich gestörte globale Lieferketten haben die Unsicherheit und den operativen Gegenwind für Unternehmen im ersten Quartal stark erhöht. Damit nahm auch der Liquiditätsbedarf weiter zu, von einem ohnehin hohen Ni veau aus. So kletterte das ausstehende Kreditvolumen mit Unternehmen und Selbstständigen von Dezember bis März um EUR 33 Mrd. bzw. 2,2%, womit der Rekord vom ersten Quartal 2020, zu Beginn der Corona-Pandemie, eingestellt wurde. Auch gegenüber Vorjahr nahm das Wachstumstempo nochmals leicht zu auf 4,9%. Der weitere Verlauf der Kreditvergabe wird nicht zuletzt davon abhän gen, ob und wann die inflationäre Dynamik nachlässt, die momentan zu heftigen Kostensteigerungen bei Vorleistungen/-produkten führt. Dafür werden der wei tere Verlauf des Ukraine-Krieges ebenso wie die geldpolitischen Maßnahmen der Notenbanken entscheidend sein. Im Basisszenario ist in den kommenden Quartalen - bei allerdings beträchtlicher Unsicherheit - ein langsamer Rück gang sowohl bei der Inflation als auch beim Kreditwachstum zu erwarten (zu den Details des aktuellen Konjunkturverlaufs und -ausblicks siehe Teil 2 im An schluss). Im Euroraum insgesamt verlief der Jahresauftakt ähnlich: Hier nahm das Kredit volumen mit nichtfinanziellen Unternehmen um satte EUR 67 Mrd. bzw. 1,4% zu und lag damit 3,3% über dem Vorjahresniveau. Hinsichtlich einzelner Branchen in Deutschland erholte sich das Kreditgeschäft mit dem - aufgrund der externen Faktoren besonders unter Druck stehenden - Verarbeitenden Gewerbe weiter (mittlerweile +1,1% ggü. Vj.), während es sich mit dem Dienstleistungssektor etwas abschwächte auf immer noch starke +6,1%. Kredite an Selbstständige expandierten so kräftig (+4,6%) wie seit 1999 nicht mehr. Innerhalb der Kredite an die Industrie schnitten die zuletzt arg gebeutelten Sek toren Maschinenbau/Auto (EUR +2,3 Mrd. ggü. Vorquartal) und Chemie (EUR +1 Mrd.) besonders gut ab, im Gegensatz zur Baustoffindustrie, die in ihrem sonst stärksten Vierteljahr als einziger Industriezweig ein Minus hinnehmen musste (EUR -0,1 Mrd.). Bei der Kreditvergabe an den Dienstleistungssektor gab es insgesamt wenig Auffälligkeiten - die immobiliennahen Branchen setzten ihr robustes Wachstum fort, angeführt von den Wohnungsunternehmen (EUR +6,9 Mrd.). Aber auch die Gewerbeimmobilien verbuchten ein solides Plus von EUR 1,7 Mrd. Daneben konnten die unternehmensnahen Dienstleistungen (EUR +2,6 Mrd.) sowie die Beteiligungsgesellschaften (EUR +2,4 Mrd.) überzeugen. Das Kreditvolumen mit den sonstigen Branchen legte teilweise außerordentlich dynamisch zu: Bei den Versorgern/Bergbau (EUR +6,3 Mrd.) spielten sicherlich die explodierenden Energiepreise die treibende Rolle; im Handel ist Q1 ohnehin ein saisonal starkes Quartal und jetzt kamen die Corona-Lockerungen hinzu (EUR +4,8 Mrd.). Auch am Bau brummte das Kreditgeschäft (EUR +3,3 Mrd.). In allen drei Fällen war es der stärkste Quartals-Anstieg seit der Finanzkrise. In der Landwirtschaft ist naturgemäß zu Jahresbeginn noch nicht so viel los (EUR +0,4 Mrd.). Einzig der Verkehr enttäuschte erneut (EUR -1,1 Mrd.), was wohl auch an der Rückzahlung von staatlichen Corona-Hilfen lag. Mit Blick auf die Fristigkeiten hat sich der durch den externen Gegenwind und die gravierende konjunkturelle Unsicherheit erhöhte Kreditbedarf - wie zu er warten - vor allem bei kurzlaufenden Darlehen niedergeschlagen. Hier sprang der 12-Monats-Vergleich auf +8,7% nach oben, während die mittelfristigen Kre dite (Laufzeit 1-5 Jahre) nur noch 3,6% höher liegen und sich bei den langfristi gen Ausleihungen fast nichts änderte (+4,6%). -1 0 1 2 3 4 5 6 17 18 19 20 21 22 ggü. Vorjahr ggü. Vorquartal Kredite an inländische Unternehmen und Selbstständige* 1 % * ohne sonstige Finanzinstitute Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research -15 -10 -5 0 5 10 15 17 18 19 20 21 22 Verarbeitendes Gewerbe Dienstleistungssektor Selbstständige ... nach Branche 2 % ggü. Vorjahr Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research -15 -10 -5 0 5 10 15 17 18 19 20 21 22 Kurzfristige Kredite Mittelfristige Kredite Langfristige Kredite ... nach Fristigkeit* 3 % ggü. Vorjahr * ohne sonstige Finanzinstitute Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research -15 -10 -5 0 5 10 15 20 17 18 19 20 21 22 Kreditbanken darunter Großbanken darunter Auslandsbanken Landesbanken Sparkassen Kreditgenossenschaften ... nach Bankengruppe* 4 * ohne sonstige Finanzinstitute % ggü. Vorjahr Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research Starkes Kreditgeschäft, fragile Konjunktur in Q1 2022 3 | 15. Juni 2022 Deutschland-Monitor Unter den verschiedenen Bankengruppen hielt die Konvergenz der letzten Mo nate an, abgesehen von den Landesbanken. Die Erholung der Auslandsbanken setzte sich in Q1 fort (mittlerweile wieder +6,5% ggü. Vj.), ebenso wie die der Förderbanken (einschließlich DZ Bank) (+6,7%). Nach einem weiteren sehr starken Quartal kletterte das Kreditwachstum der Retailinstitute auf den höchs ten Stand seit rund einem Vierteljahrhundert - bei den Kreditgenossenschaften auf 7,5% (darüber lag der Wert zuletzt 1995), bei den Sparkassen auf 5,8% (1996). Bei den Großbanken lief das Geschäft zuletzt etwas gedämpfter (aber immer noch +5,6% ggü. Vj.), die Landesbanken fielen dagegen wieder zurück (-0,7%) und kämpfen als einzige Bankengruppe (neben den inländischen Kredit banken ohne Großbanken) weiter um den Anschluss. Zu Jahresbeginn erreichten die Genossenschaftsbanken und die Sparkassen die größten Zuwächse bei Wohnungsunternehmen, Erstere darüber hinaus auch am Bau, Letztere noch bei Gewerbeimmobilien und Telekom/Beratung/ Werbung, den unternehmensnahen Dienstleistungen. Großbanken und Aus landsbanken schnitten besonders gut im Maschinenbau/Auto und im Handel ab, die Auslandsbanken zusätzlich auch bei den Beteiligungsgesellschaften. Die Förderbanken stellten angesichts der galoppierenden Energiepreise v.a. den Versorgern/Bergbau Kredit zur Verfügung, wohingegen im Verkehr offenbar Corona-Hilfen zurückgezahlt wurden. Die Landesbanken wiesen keine nen nenswerten Branchenschwerpunkte auf. Andere Finanzierungsquellen Im traditionell guten Q1 kam die Emission von Commercial Paper durch Nicht banken mit netto EUR 3,2 Mrd. auf das stärkste Ergebnis seit 2017. Nach dem „Ausrutscher" im Vorquartal wurden zwischen Januar und März wie der Unternehmensanleihen in beträchtlichem Umfang neu ausgegeben. Unter dem Strich standen netto EUR 7,2 Mrd. In Euroland als Ganzes kam es dage gen erst jetzt mit einem Quartal Verzögerung zu einem solchen Einbruch der Neuemission, die auf nur noch EUR 1,1 Mrd. zusammenfiel (also außerhalb Deutschlands in Summe negativ war). Angesichts der durch die Decke schie ßenden Inflationsrate legten die Zinsen am Kapitalmarkt zu und es zeichnete sich immer stärker ein baldiges Ende des Ankaufprogramms der EZB ab (mitt lerweile ist Ende Juni beschlossen). In Q1 lag dessen Volumen bezogen auf Unternehmensanleihen bei EUR 21,3 Mrd. (sogar der höchste Betrag seit fünf Jahren), übertraf somit rechnerisch den Wert der neu auf den Markt gekomme nen Papiere um ein Vielfaches. Dass die kräftige Emissionsdynamik der letzten Jahre bei dem gestiegenen Zinsniveau und nach dem Wegfall des „ultimativen Käufers", der EZB, ab Juli deutlich nachlassen dürfte, scheint ausgemacht. Das Leasinggeschäft verzeichnete mit Neuabschlüssen in Höhe von EUR 10,7 Mrd. bei Mobilien und EUR 59 Mio. bei Immobilien einen relativ schwachen Jah resauftakt (insgesamt -7,6% ggü. Vj.). Bei Mobilien war der Rückgang praktisch ausschließlich auf die (ziemlich volatilen) Luft- & Schienenfahrzeuge und die sonstigen Objekte zurückzuführen, das Kerngeschäft mit Pkw sowie Lkw & Bus sen und Maschinen blieb recht robust. Der schnell voranschreitende Wandel hin zur E-Mobilität schlägt sich übrigens auch in den Leasingzahlen nieder: Rein elektrisch betriebene Fahrzeuge kamen 2021 schon auf einen Anteil von 44% an allen geleasten Neuzulassungen. Nachdem Aktienemissionen im Vorjahr von Rekord zu Rekord geeilt waren, kühlte der Markt in den ersten drei Monaten 2022 auch aufgrund des russischen Überfalls auf die Ukraine und des deswegen schwierigeren Kapitalmarktumfelds kräftig ab. Es gab keine größere Einzeltransaktion und ein Gesamtvolumen von nur EUR 1,4 Mrd. - das niedrigste seit Beginn der Corona-Pandemie. Einlagenvolumen Nach dem ungewöhnlichen Rückgang der Sichteinlagen bei gleichzeitigem An- -5 0 5 10 15 20 25 17 18 19 20 21 22 Anleihen inländischer nichtfinanzieller Unternehmen, Nettoemission 6 Mrd. EUR Quellen: EZB, Deutsche Bank Research -8 -6 -4 -2 0 2 4 6 17 18 19 20 21 22 Commercial Paper inländischer Nichtbanken, Nettoemission 5 Mrd. EUR Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research 0 2 4 6 8 10 12 14 16 17 18 19 20 21 22 Mobilien Immobilien Mrd. EUR Leasinggeschäft, Neuvolumen* 7 * statistischer Bruch in Q1 2018. Entspricht nicht dem Gesamtmarkt. Quelle: BDL 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 17 18 19 20 21 22 Aktienemissionen inländischer Unternehmen (einschl. Finanzinstitute) 8 Mrd. EUR Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research Starkes Kreditgeschäft, fragile Konjunktur in Q1 2022 4 | 15. Juni 2022 Deutschland-Monitor stieg der Termineinlagen im Vorquartal kehrten die Einlagen von Unternehmen und Selbstständigen zu Jahresbeginn wieder auf den üblichen Pfad der letzten Jahre zurück: Die Sichteinlagen legten kräftig zu, um EUR 31,9 Mrd., während die Termingelder um EUR 7,1 Mrd. schrumpften. Auf Sicht von 12 Monaten ver harrte das Einlagenwachstum damit de facto bei 3,3%. Ergebnisse des Bank lending surveys der EZB Die allgemeinen Kreditstandards wurden in Q1 erneut minimal verschärft, vergli chen mit dem Vorquartal, wobei dies für Kredite an KMU immerhin 10% der deutschen Banken berichteten. An den konkreten Konditionen für tatsächlich ausgereichte Kredite änderte sich im Aggregat praktisch nichts. Im Eurogebiet insgesamt sah es sehr ähnlich aus, abgesehen von einer etwas kräftigeren Aus weitung der Margen für riskantere Kredite (gemeldet von 12% der Banken). Die Kreditnachfrage in Deutschland entwickelte sich - wie auch die Kreditvolu mina zeigen - weiter positiv, wie netto 23% der Banken berichteten. Dabei war der Anstieg bei KMU (27%) ein ganzes Stück stärker als bei großen Unterneh men (17%). Die wichtigsten Gründe für das Plus waren der höhere Bedarf an kurzfristigen Mitteln zur Finanzierung des laufenden Betriebs („Working Capi tal"), an Mitteln zur Finanzierung von Investitionen und das allgemein (noch) günstige Zinsniveau. Im Euroraum nahm die Nachfrage ebenfalls zu, aber mehr oder weniger unabhängig von der Unternehmensgröße. Im laufenden Quartal rechnen die Banken allerdings mit einer spürbaren Ver schärfung der Kreditstandards (in Deutschland erwarten dies 16% der Institute, in Euroland 21%). Es bleibt jedoch abzuwarten, ob es zu so einer deutlichen Veränderung kommt, da die Prognosequalität der Banken diesbezüglich nicht allzu gut ist. Auf der Nachfrageseite gehen die Banken von anhaltend robusten Zuwächsen aus (19% bzw. 12%). Bemerkenswert dabei: In Deutschland wird das wahrscheinliche Plus bei KMU bzw. kurzfristigen Krediten (20% / 23%) weit höher eingeschätzt als bei großen Unternehmen bzw. langfristigen Krediten (10% / 6%). In der EWU als Ganzes gibt es diesen Effekt nur bei den unter schiedlichen Laufzeiten. Zinssätze Hinsichtlich der Kreditzinsen im Neugeschäft kann man das erste Quartal 2022 schon fast historisch nennen. Einen so starken und schnellen Anstieg der Zin sen für Unternehmen in Deutschland hat es seit 2011 nicht gegeben. Haupt grund war die (durch den russischen Krieg gegen die Ukraine nochmals stark beschleunigte) Inflationsdynamik und daher die Erwartung baldiger Leitzinser höhungen, die sich auch sofort in den Kapitalmarktrenditen niederschlug. Die Kreditzinsen kletterten in einer Bandbreite um rund 0,25-0,5%, also jene 1-2 Zinsschritte der EZB, die im März für den Sommer diskutiert wurden. Den kräf tigsten Anstieg mit 46 Bp. auf 1,67% gab es verständlicherweise bei langen Zinsbindungsfristen von > 5 Jahren. Allerdings ist damit gerade einmal das Ni veau von Ende 2018 erreicht; früher gängige Werte sind noch weit entfernt. Dem allgemeinen Trend widerstand nur ein Segment: kleine Kreditvolumina < EUR 1 Mio. an Kapitalgesellschaften. Hier blieb die Zinshöhe nahezu unver ändert bei 1,87%. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es sich nur um eine verzögerte Weitergabe höherer Kreditkosten an kleinere Unternehmen handelt und nicht um eine generelle Abkopplung. Den Banken scheint es in Q1 zudem gelungen zu sein, die Zinsmarge etwas auszuweiten, denn auf der Einlagenseite war der Zinsanstieg deutlich schwä cher ausgeprägt. Bei Termineinlagen ging es nur um 10 Bp. nach oben und bei Sichteinlagen sogar weiter abwärts, um 1 Bp. auf ein neues Rekordtief von -15 Bp. Auch das dürfte allerdings nur noch eine Momentaufnahme sein und die Zinsen bald steigen. Jan Schildbach (+49 69 910-31717, jan.schildbach@db.com) 1.000 1.050 1.100 1.150 1.200 1.250 1.300 1.350 1.400 1.450 1.500 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 70 17 18 19 20 21 22 Termineinlagen, ggü. Vorquartal (links) Sichteinlagen, ggü. Vorquartal (links) Volumen insgesamt** (rechts) Mrd. EUR Sicht-und Termineinlagen von inländi schen Unternehmen &Selbstständigen* 9 * einschließlich sonstiger Finanzinstitute ** Enthält Anstieg um EUR 1,1 Mrd. in Q3 20 aufgrund statistischer Umklassifizierungen. Quellen: Bundesbank, Deutsche Bank Research -10 -5 0 5 10 15 20 25 Q2 19 Q4 19 Q2 20 Q4 20 Q2 21 Q4 21 Q2 22 Deutschland Euroraum * Q2 22 erwarteter Wert ... verschärft ... gelockert Bank lending survey: Kreditstandards für Unternehmen* 10 Quellen: Bundesbank, EZB -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 70 Q2 19 Q4 19 Q2 20 Q4 20 Q2 21 Q4 21 Q2 22 Deutschland Euroraum ... gestiegen Bank lending survey: Nachfrage nach Unternehmenskrediten* 11 * Q2 22 erwarteter Wert Quellen: Bundesbank, EZB ... gesunken Starkes Kreditgeschäft, fragile Konjunktur in Q1 2022 5 | 15. Juni 2022 Deutschland-Monitor -15 -10 -5 0 5 10 15 20 Q1 19 Q3 19 Q1 20 Q3 20 Q1 21 Q3 21 Q1 22 Deutschland Euroraum ... verschärft ... gelockert Bank lending survey: Kreditkonditionen für Unternehmen insgesamt 12 Quellen: Bundesbank, EZB -15 -10 -5 0 5 10 15 20 Q1 19 Q3 19 Q1 20 Q3 20 Q1 21 Q3 21 Q1 22 Deutschland Euroraum ... gesunken ... darunter Margen für durchschnittliche Unternehmenskredite 13 Quellen: Bundesbank, EZB ... gestiegen 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 17 18 19 20 21 22 Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften, ≤ EUR 1 Mio. Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften, > EUR 1 Mio. Kredite an Selbstständige und Personengesellschaften % Ø-Zins im Kredit-Neugeschäft, nach Kredithöhe 15 Quelle: EZB 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 17 18 19 20 21 22 Kredite mit Zinsbindung ≤ 1 Jahr Kredite mit Zinsbindung von 1-5 Jahren Kredite mit Zinsbindung > 5 Jahre ... nach Zinsbindungsfrist 16 %, Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften Quelle: EZB -0,6 -0,5 -0,4 -0,3 -0,2 -0,1 0,0 0,1 17 18 19 20 21 22 Sichteinlagen Termineinlagen % Ø-Zins auf Einlagen von nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften (Neugeschäft) 17 Quelle: EZB -10 -5 0 5 10 15 20 25 30 Q1 19 Q3 19 Q1 20 Q3 20 Q1 21 Q3 21 Q1 22 Deutschland Euroraum ... gesunken ... darunter Margen für riskantere Unternehmenskredite 14 Quellen: Bundesbank, EZB ... gestiegen Starkes Kreditgeschäft, fragile Konjunktur in Q1 2022 6 | 15. Juni 2022 Deutschland-Monitor Konjunktur mit schwachem Jahresauftakt und nur mäßi gem Schwung im Frühjahr - Die deutsche Konjunktur wird seit Jahresbeginn vo n gegensätzlichen Impul sen bestimmt. Nachdem das BIP in Q1 lediglich um 0,2 % ggü. Vq. expan dierte, setzt die stufenweise Lockerung der pandemiebedingten Einschrän kungen zunehmend Antriebskräfte frei. Sie werden aber von inflationsbe dingtem Kaufkraftverlust und einem Absturz des Verbrauchervertrauens ausgebremst. Zudem behindern Lieferprobleme auch die Exportwirtschaft. - Im Sommerhalbjahr werden sich die hemmenden Fakto ren kaum abschwä chen. Voraussetzung für eine zumindest verhaltene Expansion in Q2 wäre eine robuste Dienstleistungsnachfrage. Auch die Auslieferungen von schon bestellten Pkw dürften Schwung gewinnen. Breit angelegte Unterstützung für den privaten Verbrauch wird die zum 1. Juli anstehende kräftige Renten anhebung leisten, wie auch die Anhebung des Mindestlohns im Oktober. Inflation und Lieferprobleme halten deutsche Konjunktur am Boden Das schrittweise Auslaufen der pandemiebedingten Einschränkungen verhieß kräftigen Rückenwind für die deutsche Wirtschaft spätestens ab dem Frühjahr. Jedoch dämpften die Lieferengpässe und der starke Preisauftrieb die Entfaltung dieser Antriebskräfte. Die wirtschaftlichen und geopolitischen Auswirkungen des russischen Einmarsches in die Ukraine verstärkten diese Gegenwinde für die deutsche Wirtschaft dann immens. Da eine Unterbrechung der russischen Gas- und Öllieferungen gegenwärtig nicht unser Basisszenario ist, halten wir an der BIP-Prognose von 2,3% für 2022 fest. Trotz aller Hindernisse und dank fiskali scher Unterstützung für die privaten Haushalte dürfte die deutsche Wirtschaft im Sommerhalbjahr verhalten expandieren. Sollte es jedoch zu einem anhaltenden Stopp russischer Energielieferungen kommen, könnte es zu einer schweren Re zession kommen. Eine Konjunkturabschwächung in China, die aus der restrikti ven Zero-COVID-Politik resultiert, stellt ein zusätzliches Abwärtsrisiko für die deutsche Konjunktur dar. Schwacher Jahresauftakt der deutschen Wirtschaft Die deutsche Wirtschaft expandierte in Q1 2022 leicht (0,2% ggü. Vq.) und schrammte so knapp an einer technischen Rezession (2021 Q4: -0,3% ggü. Vq.) vorbei. Spürbare Wachstumsimpulse kamen aus der Binnenwirtschaft. Die Bauinvestitionen (4,6% ggü. Vq.) sprangen kräftig an und auch die Ausrüstun gen (2,5% ggü. Vq.) konnten deutlich zulegen. In Summe stützten beide Kom ponenten das BIP-Wachstum mit 0,7%-Punkten. Hinzu kam ein spürbarer Wachstumsbeitrag der Vorratsveränderungen (1,2 %-Punkte). Unter anderem dürften die Industrieunternehmen ihre Lager zu Jahresbeginn aufgestockt ha ben. Laut ifo-Umfrage meldeten im Januar „nur" 67% der Firmen Materialeng pässe, während es im Vormonat noch knapp 82% waren. Bis Quartalsende ver schärfte sich die Lage (rund 80%) dann aber wieder zusehends. Die staatlichen Konsumausgaben (0,1% ggü. Vq.) blieben in Q1 nahezu unverändert. Der pri vate Verbrauch ging mit -0,1% ggü. Vq. (2021 Q4: -1,3% ggü. Vq.) nur noch leicht zurück. Deutlich gebremst wurde die deutsche Konjunktur zu Jahresbe ginn vom Außenhandel. Rückläufige Exporte (-2,1% ggü. Vq.) in Kombination mit steigenden Importen (0,9% ggü. Vq.) führten zu einem negativen Außenbei trag von -1,4 %-Punkten. Die Exportwirtschaft wurde von der lahmenden Indus trieproduktion gebremst. Deutschland: Konjunkturprognose % ggü. Vj. 2021 2022P 2023P Reales BIP 2,9 2,3 3,0 Privater Konsum 0,3 3,1 2,6 Staatsausgaben 2,9 2,6 2,4 Anlageinvestitionen 1,1 1,7 3,5 Ausrüstungen 3,3 0,2 4,4 Bau 0,0 1,0 2,4 Lager, %-Punkte 1,1 -0,3 0,0 Exporte 9,6 6,6 3,6 Importe 9,1 7,1 3,2 Nettoexport, %-Punkte 0,8 0,1 0,4 VPI (nat. Def.) 3,1 6,7 4,5 Staatsverschuldung, % BIP 69,3 66,3 63,3 Arbeitslosenquote, % 5,7 5,0 4,9 Budgetsaldo, % BIP -3,7 -3,1 -1,8 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research -15 -10 -5 0 5 10 15 -10 -6 -2 2 6 10 19 20 21 22 23 % ggü. Vq. (links) % ggü. Vj. (rechts) Prognose Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Deutsches BIP: In Q1 antechnischer Rezession vorbeigeschrammt 19 0 10 20 30 40 50 60 70 80 0810111314161719202122 % der Nennungen Ifo Index für die Knappheit von Vorpro duktenund Rohstoffen in der Industrie 20 Quelle: ifo 18 Starkes Kreditgeschäft, fragile Konjunktur in Q1 2022 7 | 15. Juni 2022 Deutschland-Monitor Bauinvestitionen in Q1 kräftig, auch Ausrüstungen legen zu Die Bruttoanlageinvestitionen zeigten sich zu Jahresbeginn 2022 (Q1: 2,7% ggü. Vq.) wieder deutlich aufwärtsgerichtet, nachdem sie im Vorquartal lediglich stagniert hatten. Eine kurzzeitige Entspannung der Lieferengpässe und die vor läufige Aufhellung der Geschäftserwartungen bis zum Kriegsausbruch in der Uk raine dürften unterstützend gewirkt haben. Die Bauinvestitionen (Q1: 4,6% ggü. Vq.) profitierten zudem von der günstigen Witterung zu Jahresbeginn. Die in Q1 vorübergehend verbesserte Materialver fügbarkeit dürfte unter anderem für ein Nachholen von Fertigstellungen gesorgt haben. Die Auslastung im Bauhauptgewerbe (Q1: 82,1%, +3,6 %-Punkte ggü. Vm.) zog spürbar an. Allerdings hat sich dieser Aufwärtstrend seit März bereits wieder deutlich abgeschwächt, sodass auch die Dynamik der Bauinvestitionen nachlassen dürfte. Darauf deutet insbesondere auch das neue Allzeithoch von Meldungen über Materialknappheiten im Hochbau (Mai: 56,2%). Im Tiefbau ma chen sich die Folgen des Krieges in der Ukraine z.B. durch fehlenden Baustahl bemerkbar. Die Ausrüstungsinvestitionen (Q1: 2,5% güg. Vq.) belebten sich zu Jahresbe ginn spürbar. Auch hier dürfte die kurze Entspannung der Lieferengpässe für Rückenwind gesorgt haben. Entscheidend war sicherlich die deutliche Aufhel lung der Geschäftserwartungen in der Industrie, die aber im März ein jähes Ende fand. So ließen die Nachrichten aus der Ukraine die ifo Geschäftserwar tungen in der Industrie um 30 Punkte abstürzen. Ein ähnliches Bild zeigen auch die PMI-Produktionserwartungen (März: -18,3 Punkte), die seitdem im kontrakti ven Bereich von unter 50 Punkten verharren. Zukunftsorientierte PMI Komponenten, wie die erwarteten Auftragseingänge oder Exportneuaufträge, signalisieren ebenfalls rückläufige Industrieaktivität. Daher könnte sich die In vestitionsaktivität im laufenden Quartal abschwächen. Auch die anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten belasten das Investitionsklima. Materialengpässe und Unterbrechungen der Lieferketten könnten noch bis weit in H2 2022 akut bleiben (bei Halbleitern wahrscheinlich bis 2023). Die gut gefüll ten Auftragsbücher würden so nur begrenzt produktionswirksam werden. Daher haben wir unsere Prognose für die deutsche Industrieproduktion im laufenden Jahr auf 1% (zuvor +3%) gesenkt. Privater Verbrauch schrumpft leicht in Q1, Inflation klettert weiter Der private Verbrauch schrumpfte in Q1 (-0,1% ggü. Vq.) nochmals leicht, nach dem er im Vorquartal (Q4: -1,3% ggü. Vq.) deutlich rückläufig war. Die Spar quote ging auf 11,5% (-1 %-Punkt) zurück. Allein die stufenweise Lockerung der pandemiebedingten Einschränkungen (Einzelhandel und Gastronomie) bis zum 20. März hätte in Q1 eine spürbare Erholung ermöglicht. Dem standen jedoch die Lieferschwierigkeiten im Einzelhandel, der inflationsbedingte (VPI Q1: 5,8% ggü. Vj.) Kaufkraftverlust und das sich allgemein eintrübende Konsumklima ent gegen. Zudem sind potenziellen Nachholeffekten bei personenbezogenen Dienstleistungen Grenzen gesetzt. Mit den Nachrichten über den Krieg in der Ukraine stürzte das Verbraucherver trauen dann auf ein Rekordtief (GfK April: -26,6) und konsolidierte sich im Mai nur marginal. Entsprechend gingen die Einzelhandelsumsätze im April gemäß Erstmeldung um kräftige -5,4% ggü. Vm. zurück. Gleichzeitig kletterten die Ver braucherpreise weiter steil nach oben, bis auf zuletzt 7,9% ggü. Vj. (vorläufig) im Mai. Eine ähnliche Preissteigerungsrate wurde zuletzt während der Ölkrise 1973/74 verzeichnet! Da auch die aktuelle Entwicklung hauptsächlich von den Energiepreisen getrieben wird, müssen die Konsumenten deftige Zuschläge auf ihre Energieabrechnungen erwarten. Das dürfte die Anschaffungsneigung auch -16 -12 -8 -4 0 4 8 12 16 15 16 17 18 19 20 21 Investitionen, insgesamt Ausrüstungsinvestitionen Bauinvestitionen Ausrüstungs-und Bauinvestitionen in Q1 wieder mit spürbarer Belebung 21 % ggü. Vq., sb. Quelle: Statistisches Bundesamt 70 74 78 82 86 90 -16 -11 -6 -1 4 9 14 16171819202122 Investitionen in Maschinen & Ausrüstungen (links) Kapazitätsauslastung ifo (rechts) Kapazitätsauslastung schwächt sich in H1 2022 wieder ab 22 Quellen: Statistisches Bundesamt, ifo %, ggü.Vq. %, sb. -12 -8 -4 0 4 8 12 15 16 17 18 19 20 21 Quelle: Statistisches Bundesamt %, ggü.Vq., sb. Privater Verbrauch in Q1 weiterhin schwach 23 Starkes Kreditgeschäft, fragile Konjunktur in Q1 2022 8 | 15. Juni 2022 Deutschland-Monitor in Q2 weiter gedämpft halten, insbesondere bei jenen Haushalten, die Erdgas beziehen. In Deutschland werden knapp 20 Mio. Wohnungen (48%) mit diesem Energieträger beheizt. Voraussetzung für eine zumindest verhaltene Expansion des privaten Verbrauchs in Q2 wäre eine robuste Dienstleistungsnachfrage. Auch der Pkw-Absatz könnte sich beleben. Nach der Verbesserung der jüngs ten VDA-Produktionszahlen dürften bereits bestellte Fahrzeuge nun verstärkt ausgeliefert werden. Eine breit angelegte Unterstützung für den privaten Verbrauch wird die zum 1. Juli anstehende kräftige Rentenanhebung (Ost: 6,12%, West: 5,35%) leisten. Hinzu kommen noch staatliche Sondertransfers, wie die Energiepreispauschale, sowie die Mindestlohnanhebung auf EUR 12 ab Oktober diesen Jahres. Arbeitsmarkt noch unbeeindruckt vom weltwirtschaftlichen Umfeld Der deutsche Arbeitsmarkt ist gut durch den Winter gekommen und zeigt sich bislang unbeeindruckt von den derzeitigen wirtschaftlichen Scherkräften. Als nachlaufende Konjunkturkomponente werden aktuelle Impulse aber auch ge wöhnlich erst mit einer Verzögerung von etwa sechs Monaten sichtbar. Die sai sonbereinigte Arbeitslosenzahl ging bis Mai spürbar auf rund 2,285 Mio. zurück. Verglichen mit dem Jahresendstand 2021 ist das ein staatliches Minus von etwa 111.000. Damit sank die saisonbereinigte Arbeitslosenquote um zwei Zehntel punkte auf zuletzt 5%. Im Gegenzug haben die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse in Q1 deutlich zugenommen und liegen mit knapp 34,4 Mio. deutlich über dem Vorpandemie-Niveau. Auch die Kurzarbeit hat sich seit Ende 2021 bis zum Mai um schätzungsweise 490.000 Personen reduziert. Die Lockerungen der pandemiebedingten Ein schränkungen sorgten vor allem im Einzelhandel und bei den personalintensi ven Dienstleistungen für spürbar rückläufige Zahlen. Auch für den Arbeitsmarkt ist die Einschränkung oder gar Unterbrechung der Gasimporte aus Russland ein Abwärtsrisiko. In den dann betroffenen Industrieunternehmen dürfte es schnell zu einem deutlichen Anstieg der Kurzarbeit kommen. Solange dieser Fall nicht eintritt, dürfte sich der Arbeitsmarkt weiter robust entwickeln, wenngleich die po sitive Gesamtdynamik im aktuell unsicheren Wirtschaftsumfeld schwächer wer den könnte. Die gute Arbeitsmarktlage in Kombination mit den kräftig gestiegenen Verbrau cherpreisen spiegelt sich auch in den Gewerkschaftsforderungen der laufenden Tarifrunde wider. Die IG Metall fordert für ihre Mitglieder in der Eisen- und Stahl industrie eine Lohnsteigerung von 8,2% für 12 Monate. Gemessen an der Be schäftigtenzahl (etwa 92.000) ist diese Branche eher klein, dennoch dürfte das Ergebnis Signalwirkung für die weit größeren Tarifgruppen der Metall- und Elektroindustrie (3,8. Mio., Verhandlungen ab Sept.) oder im Öffentlichen Dienst (Bund und Gemeinden: 2,7 Mio., ab Dez.) haben. Ohne eine spürbare prozentuale Tariflohnanhebung dürften sich die Gewerk schaftsvertreter wahrscheinlich nicht mit Einmalzahlungen (wenn auch kräftigen) zufrieden geben. Da die „großen" Tarifverhandlungen erst im Herbst Fahrt auf nehmen (auch IG BCE verhandelt ab Oktober weiter), werden sich die Ergeb nisse vor allem im Folgejahr auswirken. Dies nährt die Sorge vor einer einset zenden Lohn-Preis-Spirale, insbesondere da sich auch der Fachkräftemangel Demografie-bedingt weiter verschärfen dürfte. -28 -18 -8 2 12 10 12 14 16 18 20 22 Deutsches Verbrauchervertrauen stürzt nach Kriegsausbruch in der Ukraine ab 24 GfK-Konsumklima-Index Quelle: GfK 4,5 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 400 450 500 550 600 650 700 750 800 850 900 15 16 17 18 19 20 21 Offene Stellen (links) Arbeitslosenquote (rechts) '000 % Deutscher Arbeitsmarkt:Personal gesucht! Offene Stellen eilen von Rekord zu Rekord 25 Quelle: Bundesagentur für Arbeit Starkes Kreditgeschäft, fragile Konjunktur in Q1 2022 9 | 15. Juni 2022 Deutschland-Monitor EZB mit Zinsanhebung im Juli, 50 Bp.-Schritte im September und Oktober Die aktuelle Inflationsentwicklung und die zunehmenden Sorgen, dass sich die Inflationsrate auch in der mittleren Frist über 2% festsetzen könnte, zeigen, wie weit die EZB hinter der Kurve ist. Daher sind die Beschlüsse der jüngsten Sit zung willkommene Schritte in die richtige Richtung. Erwartungsgemäß wurde angekündigt, die APP-Nettokäufe zum 1. Juli zu beenden. Zudem bereitete Prä sidentin Lagarde verbal auf eine erste Zinsanhebung um 25 Basispunkte (Bp.) im Juli vor und deutete weitere Schritte an, die in ihrem Ausmaß abhängig von der Inflationsentwicklung seien. Wir erwarten im Verlauf dieses Jahres noch drei zusätzliche Zinsanhebungen. Da der Preisauftrieb weiter kräftig ist, an Breite gewonnen hat und auch die Inflationserwartungen aufwärtsgerichtet sind, dürfte die EZB die Leitzinsen im September und Oktober jeweils um 50 Bp. anheben und um weitere 25 Bp. im Dezember. Der Einlagensatz könnte dann schon im September positiv werden und zum Jahresende 2022 bei 1% liegen. Auch für das Jahr 2023 erwarten wir vier Zinsschritte von 25 Bp., sodass der Einlagen satz bis Juni des kommenden Jahres auf 2% klettert. Nachdem der Zinsabstand zwischen zehnjährigen deutschen und italienischen Staatsanleihen im Oktober letzten Jahres noch auf unter 80 Bp. zusammenge laufen war, hat der von den USA ausgehende Anstieg des globalen Zinsniveaus und insbesondere die fundamentale Neueinschätzung der EZB-Geldpolitik zu einer deutlichen Ausweitung des Spreads geführt. Mitte Juni hat dieser die Marke von 240 Bp. überschritten. Um eine Marktfragmentierung in der Eurozone durch eine „übermäßige" Ausweitung der innereuropäischen Renditedifferenzen zu vermeiden, wird die EZB zunächst die Reinvestitionen fälliger PEPP Anleihen nutzen, um die entsprechenden Märkte zu stabilisieren. Wir erwarten zudem, dass die EZB ein neues Kaufprogramm („Stabilitäts-Kaufprogramm") entwickeln wird, um die Marktfragmentierung zu bekämpfen. Marc Schattenberg (+49 69 910-31875, marc.schattenberg@db.com) © Copyright 2022. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. 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In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen. -2 -1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 15 16 17 18 19 20 21 22 HVPI Kernrate EWU: Inflation 26 % ggü. Vj. Quelle: Eurostat 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 Okt 21 Dez 21 Feb 22Apr 22 Jun 22 IT ggü. DE FR ggü. DE ES ggü. DE Ausgewählte Renditeabstände zwischen Staatsanleihen (10J) in der EWU 27 % Quelle: Haver Analytics
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