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3. November 2017
Angestrebte Jamaika-Koalition: Nach der Sondierung ist vor den Verhandlungen. Es zeichnet sich ab, dass die Kanzlerwahl erst im Januar erfolgen könnte. Nachdem in der ersten Runde der Sondierungsgespräche bei vielen Themen entscheidende Details offen geblieben sind, stehen in den nächsten Wochen weitere herausfordernde Runden an. Erst danach sollen die eigentlichen Koalitionsverhandlungen erfolgen. Der gesamtwirtschaftliche Impuls einer schwarz-gelb-grünen Fiskalpolitik dürfte anfänglich, d.h. im Jahr 2018, eher begrenzt sein. Gleichwohl sind Schritte in die richtige Richtung einer Stärkung des Standortes Deutschland zu erwarten. (Weitere Themen in dieser Ausgabe: November-Steuerschätzung, deutscher Leistungsbilanzüberschuss, Industrie in der EU, EZB-Politik) [mehr]
Ausblick Deutschland Angestrebte Jamaika-Koalition: Nach der Sondierung ist vor den Verhandlun- gen. Es zeichnet sich ab, dass die Kanzlerwahl erst im Januar erfolgen könnte. Nachdem in der ersten Runde der Sondierungsgespräche bei vielen Themen entscheidende Details offen geblieben sind, stehen in den nächsten Wochen weitere herausfordernde Runden an. Erst danach sollen die eigentlichen Koaliti- onsverhandlungen erfolgen. Der gesamtwirtschaftliche Impuls einer schwarz- gelb-grünen Fiskalpolitik dürfte anfänglich, d.h. im Jahr 2018, eher begrenzt sein. Gleichwohl sind Schritte in die richtige Richtung einer Stärkung des Stand- ortes Deutschland zu erwarten. November-Steuerschätzung: Künftig noch mehr Geld im Staatssäckel? Auf ge- samtstaatlicher Ebene könnten sich die Steuereinnahmen (gegenüber der letz- ten Steuerschätzung vom Mai 2017) für den Zeitraum 2018-21 um weitere ku- mulierte EUR 55 Mrd. erhöhen. Auf Bundesebene könnten rund EUR 20 - 25 Mrd. für die nächsten vier Jahre winken. Angesichts der langen Wunschliste der Jamaika-Unterhändler (mehr als EUR 40 Mrd.) wird eine mögliche Jamaika- Bundesregierung bei Fortführung der „Schwarzen Null“ jedoch nur einen Teil der Steuersenkungs- und Ausgabensteigerungswünsche umsetzen können. Leistungsbilanzüberschuss rückläufig, aber Kritik an deutscher Wirtschaftspolitik dürfte anhalten. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss sank von 9,1% ge- messen am BIP im zweiten Halbjahr 2015 auf 7,5% im ersten Halbjahr 2017. Das kräftige Inlandswachstum und die Euroaufwertung dürften einen weiteren Abbau bewirken. Damit trägt Deutschland unter den großen Ländern aber wei- terhin besonders stark zu den globalen Ungleichgewichten bei und die internati- onale Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik dürfte bestehen bleiben. Erst die allmählich wirkende demografische Überalterung der Gesellschaft könnte den Überschuss in der kommenden Dekade deutlich reduzieren. Industrie in der EU: West-Ostverschiebung hält an. In den letzten Jahren haben sich die Anteile an der industriellen Bruttowertschöpfung innerhalb der EU ver- schoben, und zwar von Westen (und Süden) nach Osten. Größter Profiteur der geschilderten Verschiebung von West nach Ost ist Deutschland. Hier nahm der Anteil der Industrie an der gesamten Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes in der EU zwischen 2009 und 2016 um 3%-Punkte auf 30% zu. Da- mit überstieg Deutschlands Anteil an der EU-Industrie im letzten Jahr jenen von Frankreich, Italien und Spanien zusammengenommen. EZB: Bloß kein „Taper-Tantrum!“ Der Markt wurde durch frühzeitige, klare Kom- munikation gut auf die Entscheidung vorbereitet. Die EZB-Einschätzungen wur- den moderat angehoben – beim Wachstum stärker als bei der Inflation. Weiter- hin lockere finanzielle Bedingungen sind wichtig, damit sich die Inflation normali- sieren kann. Wie angedeutet senkte die EZB das monatliche Nettovolumen der QE-Käufe (von EUR 60 Mrd. auf EUR 30 Mrd.), wird sie dafür aber länger fort- setzen. QE und die QE-Forward Guidance bleiben zeitlich unbegrenzt. Autoren Sebastian Becker +49 69 910-21548 sebastian-b.becker@db.com Barbara Böttcher +49 69 910-31787 barbara.boettcher@db.com Dieter Bräuninger +49 69 910-31708 dieter.braeuninger@db.com Eric Heymann +49 69 910-31730 eric.heymann@db.com Jochen Möbert +49 69 910-31727 jochen.moebert@db.com Stefan Schneider +49 69 910-31790 stefan-b.schneider@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider Inhaltsverzeichnis Seite Prognosen ......................................................2 Angestrebte Jamaika-Koalition: Nach der Sondierung ist vor den Verhandlungen .........3 November-Steuerschätzung: Künftig noch mehr Geld im Staatssäckel?..........................7 Leistungsbilanzüberschuss rückläufig, aber Kritik an deutscher Wirtschaftspolitik dürfte anhalten .......................................................10 Industrie in der EU: West-Ostverschiebung hält an ...........................................................12 EZB: Bloß kein „Taper-Tantrum!“ ................18 DB Makro-Überraschungsindex Deutschland .................................................21 Exportindikator .............................................22 Eventkalender ..............................................23 Datenkalender ..............................................24 Finanzmarktprognosen ................................25 Datenmonitor ................................................26 3. November 2017 Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 2 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Wachstum, Inflation, Leistungsbilanz, Budgetsaldo DX BIP-Wachstum Inflation* Leistungsbilanzsaldo Budgetsaldo in % gg. Vj. in % gg. Vj. in % des BIP in % des BIP 2016 2017P 2018P 2016 2017P 2018P 2016 2017P 2018P 2016 2017P 2018P Euroland 1,8 2,2 2,0 0,2 1,5 1,4 3,3 3,0 2,6 -1,5 -1,3 -1,3 Deutschland 1,9 1,9 1,8 0,5 1,8 2,0 8,4 7,2 6,5 0,8 0,9 0,6 Frankreich 1,1 1,7 1,7 0,3 1,1 1,1 -0,9 -0,5 -0,6 -3,4 -3,0 -2,7 Italien 0,9 1,5 1,2 -0,1 1,4 1,2 2,6 2,6 2,3 -2,5 -2,3 -2,2 Spanien 3,3 3,0 2,5 -0,3 2,0 1,5 1,9 1,8 1,7 -4,5 -3,4 -2,5 Niederlande 2,2 3,2 3,3 0,1 1,2 1,3 9,0 10,2 10,2 0,4 1,1 0,5 Belgien 1,5 1,9 2,0 1,8 2,2 1,7 0,1 0,0 0,5 -2,5 -2,1 -1,8 Österreich 1,6 2,4 1,9 1,0 2,1 1,8 2,1 2,0 2,3 -1,6 -1,0 -0,8 Finnland 1,9 2,5 1,9 0,4 0,9 1,2 -1,4 -0,5 0,0 -1,7 -0,8 -0,4 Griechenland 0,0 1,5 2,7 0,0 1,2 0,8 -1,1 -0,5 0,0 0,5 -2,0 -1,5 Portugal 1,5 2,6 1,7 0,6 1,4 1,4 0,9 0,4 0,4 -2,0 -1,6 -1,4 Irland 5,1 4,5 3,7 -0,2 0,3 1,1 3,3 4,5 3,5 -0,7 0,0 0,0 Großbritannien 1,8 1,6 1,0 0,6 2,6 2,7 -5,9 -3,8 -3,5 -2,9 -2,9 -2,6 Dänemark 1,7 1,6 1,8 0,3 1,2 1,4 6,5 7,5 7,3 -2,1 -1,2 -0,7 Norwegen 0,7 1,3 1,9 3,6 2,0 2,0 4,4 6,1 6,4 3,0 3,6 3,8 Schweden 3,1 2,7 2,4 1,0 1,6 1,8 4,7 4,8 4,8 1,9 0,7 0,7 Schweiz 1,4 1,5 1,9 -0,3 0,3 0,3 9,5 11,2 11,0 -0,1 0,5 0,5 Tschech. Rep. 2,5 3,8 3,0 0,7 2,4 2,2 1,1 1,3 1,0 0,6 0,3 0,0 Ungarn 2,0 3,8 3,5 0,4 2,3 2,6 6,1 3,1 2,5 -1,8 -2,3 -2,4 Polen 2,7 3,9 3,4 -0,6 1,9 2,0 -0,3 -1,0 -1,1 -2,5 -2,7 -2,9 USA 1,5 2,2 2,4 1,3 2,1 2,0 -2,4 -2,9 -3,2 -3,1 -3,6 -2,8 Japan 1,0 1,5 0,7 -0,1 0,3 0,4 3,7 4,0 4,2 -3,5 -3,5 -3,1 China 6,7 6,8 6,3 2,0 1,7 2,7 1,8 1,2 1,1 -3,8 -4,0 -4,0 Welt 3,1 3,7 3,7 3,9 5,3 10,6 *Inflationsdaten für EU-Länder basieren auf harmonisierten Verbraucherpreisindizes außer bei Deutschland. Dies kann zu Diskrepanzen zu anderen DB Publikationen führen. Quellen: Nationale Behörden, Nationale Zentralbanken, Deutsche Bank Prognosen Deutschland: BIP-Wachstum nach Komponenten, % gg.Vq., Jahresdaten % gg.Vj. DX 2017 2018 2014 2015 2016 2017P 2018P Q1 Q2P Q3P Q4P Q1P Q2P Q3P Q4P BIP 1,9 1,7 1,9 1,9 1,8 0,7 0,6 0,6 0,5 0,5 0,4 0,3 0,3 Privater Konsum 1,0 1,7 2,1 1,8 1,8 0,4 0,8 0,4 0,4 0,4 0,5 0,3 0,3 Staatsausgaben 1,5 2,9 3,7 1,5 1,1 0,2 0,6 0,3 0,3 0,3 0,3 0,3 0,3 Anlageinvestitionen 3,7 1,5 3,1 3,6 3,1 2,7 1,0 1,1 1,0 0,7 0,7 0,7 0,6 Ausrüstungen 5,9 3,9 2,2 2,2 3,8 2,1 1,2 1,5 1,0 1,0 0,8 0,8 0,5 Bau 2,3 -1,4 2,7 4,7 3,5 3,4 0,9 1,0 1,2 0,7 0,7 0,7 0,7 Lager, %-Punkte -0,3 -0,3 -0,2 -0,1 0,1 -0,7 0,2 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 Exporte 4,6 5,2 2,6 3,7 3,8 1,6 0,7 1,2 1,0 1,0 1,0 1,0 1,0 Importe 3,6 5,6 3,9 4,4 4,6 0,4 1,7 1,2 1,1 1,0 1,2 1,2 1,2 Nettoexport, %-Punkte 0,4 0,2 -0,3 0,0 0,0 0,6 -0,4 0,1 0,0 0,1 0,0 0,0 0,0 Konsumentenpreise* 0,9 0,2 0,5 1,8 2,0 1,9 1,7 1,8 1,8 2,0 2,2 2,1 2,0 Arbeitslosenquote, % 6,7 6,4 6,1 5,7 5,5 5,9 5,7 5,7 5,6 5,6 5,5 5,4 5,4 Industrieproduktion** 1,5 1,1 1,4 3,0 1,8 Budgetsaldo, % BIP 0,3 0,7 0,8 0,9 0,6 Öffentlicher Schuldenstand, % BIP 74,9 71,2 68,3 65,1 62,1 Leistungsbilanzsaldo, % BIP 7,3 8,3 8,4 7,2 6,5 Leistungsbilanzsaldo, EUR Mrd. 213 253 263 232 212 *Inflationsdaten für Deutschland basieren auf nationaler Abgrenzung. Dies kann zu Diskrepanzen zu anderen DB Publikationen führen. ** Verarbeitendes Gewerbe (NACE C) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbank, Arbeitsagentur, Deutsche Bank Research Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 3 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Angestrebte Jamaika-Koalition: Nach der Sondierung ist vor den Verhandlungen Seit dem 24. Oktober laufen in Berlin die Sondierungsgespräche von CDU, CSU, FDP und Grünen zur Bildung einer gemeinsamen Koalitionsregierung. Presseberichten zufolge gab es bei den bisherigen Gesprächen Höhen und Tie- fen. Gerade Letzteres kann kaum überraschen, da die Positionen der beteiligten Parteien bei wichtigen Themen anfänglich weit auseinander lagen. Aber auch der Wille zur Einigung scheint ausgeprägt zu sein. Allerdings dürften die betei- ligten Akteure bis dahin noch eine längere, steinige Wegstrecke vor sich haben. In den Sondierungsgesprächen wurden bislang für die 12 relevanten politischen Themenfelder meist nur Orientierungspunkte und Leitplanken festgelegt. Ent- scheidende Details sind auf vielen Feldern erst noch zu klären. Dies soll weitge- hend im Rahmen der weiteren Sondierungen erfolgen. Deswegen dürften die Gespräche noch geraume Zeit dauern. So wollen die Grünen ihren Parteitag, bei dem über die Sondierungsergebnisse beraten und über die Aufnahme for- meller Koalitionsverhandlungen entschieden werden soll, erst am 25. November abhalten. Die Führungsgremien von CDU/CSU und FDP wollen sich zu diesem Zweck bereits am 17. November treffen. Bis dahin dürften die Unterhändler der beteiligten Parteien bestrebt sein, die noch strittigen Fragen möglichst im Detail zu lösen. Je besser dies gelingt, desto größer ist die Chance, dass auch der Parteitag der Grünen, dessen Votum als eher unsicher gilt, der Aufnahme von Koalitionsverhandlungen zustimmt. Detailliert ausgearbeitete Sondierungser- gebnisse würden auch die Koalitionsverhandlungen selbst erheblich erleichtern. Damit unterscheidet sich das aktuelle Vorgehen von dem früherer Koalitionsbil- dungen. Bislang waren die Sondierungen i.d.R. eher nur Vorgespräche und die wesentlichen Festlegungen erfolgten anschließend während der Koalitionsver- handlungen. Diese nahmen entsprechend längere Zeit in Anspruch. 2013 dau- erten die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, CSU und SPD rund fünf Wo- chen. Die Regierungsbildung insgesamt gemessen vom Tag der Bundestags- wahl (am 22. September 2013) bis zur Kanzlerwahl (am 17. Dezember) bean- spruchte damals sogar gut 12 Wochen. Dies sind bislang jeweils Höchstwerte. Dieses Mal müssen die Positionen von vier Parteien auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Das gab es bislang noch nie. Kanzlerwahl möglicherweise erst im Januar Es wäre deswegen keine Überraschung, wenn sich der Prozess der Koalitions- bildung insgesamt länger hinzöge als jemals zuvor in der Bundesrepublik. Geht man davon aus, dass die Koalitionsverhandlungen erst nach dem Parteitag der Grünen (voraussichtlich) am 25. November beginnen und einige Wochen dau- ern werden, dürfte es den Akteuren schwerfallen, noch vor Weihnachten den Entwurf für einen Koalitionsvertrag von CDU, CSU, FDP und Grünen vorzule- gen. Ausgeschlossen ist dies aber nicht. Werden in den Sondierungsgesprä- chen gerade auch bei bislang noch strittigen Themen relativ detailliert ausgear- beitete Kompromisse erzielt, könnten die Koalitionsverhandlungen unter Um- ständen relativ rasch über die Bühne gehen. Aus heutiger Sicht ist es also offen, ob die von den Grünen und der FDP ange- kündigte Abstimmung ihrer Parteimitglieder über den Vertrag noch vor Weih- nachten begonnen und abgeschlossen werden kann. Aber selbst wenn dies der Fall wäre, erscheint es eher unwahrscheinlich, dass die Kanzlerwahl noch vor den Weihnachtsferien erfolgen kann. Viel wahrscheinlicher ist ein Termin im Ja- nuar 2018. 0 10 20 30 CDU/CSU SPD Grüne FDP Linke AfD Sonstige Aktuelle Umfragen* Bundestagswahl Quelle: Wahlrecht.de Aktuelle Stärke der Parteien & Ergebnis der Bundestagswahl 2017 1 * Durchschnitt der Ergebnisse jüngster Umfragen führender Meinungsforschungsinstitute (Allensbach, Emnid, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen, Infratest dimap, INSA) % Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 4 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Schuldenbremse als Leitplanke der Fiskalpolitik Auch wenn wichtige Details der Vorhaben der möglichen Jamaika-Koalition noch im Verborgenen liegen, zeichnen sich die Konturen der Politik inzwischen doch deutlicher ab. So konnten sich die Delegationen zu Beginn der Sondierun- gen auf einen fiskalischen Rahmen für eine schwarz-gelb-grüne Regierungspoli- tik einigen. Mit der Vorgabe, „dass die Schuldenbremse des Grundgesetzes ein- gehalten werden“ müsse und dem Willen, zur Beibehaltung eines ausgegliche- nen Staatshaushalts („schwarze Null“), ist ein Oberziel definiert, das der Fiskal- politik gleichwohl gewisse Flexibilität ermöglicht. Unseren Schätzungen zufolge liegt der fiskalische Spielraum des Bundes ohne die Spielräume der Schulden- bremse in dieser Legislaturperiode aus heutiger Sicht bei kumuliert rd. EUR 40 Mrd (s. den Beitrag zur November-Steuerschätzung in dieser Ausgabe). In die- sem Rahmen könnten einerseits steuerliche Entlastungen erfolgen, andererseits die Staatsausgaben für soziale Zwecke und insbesondere Infrastrukturverbes- serungen erhöht werden. Begrenzter Spielraum für Steuersenkungen Steuerliche Maßnahmen betreffen u.a. eine Verminderung der Einkommen- steuer, die Entlastung von Familien, die Förderung des Mietwohnungsbaus und die Abschaffung des Solidaritätszuschlages. Freilich dürfte die ursprünglich von der FDP bereits für 2019 geforderte vollständige Abschaffung des Zuschlags in dieser Legislaturperiode, d.h. bis 2021, nur schwer finanzierbar sein und wird auch nicht von allen Partnern geteilt. Diese Maßnahme würde zu 100% auf den Bundeshaushalt durchschlagen (2018 mit EUR 18,2 Mrd, 2021: knapp EUR 21 Mrd) – im Gegensatz zu Einkommensteuersenkungen, die der Bund nur zu 42,5% zu tragen hätte. Deswegen haben Akteure eine zeitlich und nach Ein- kommensgruppen gestaffelte Abschaffung des Solidaritätszuschlags ins Spiel gebracht. Für eine schwarz-gelb-grüne Regierung hätten Änderungen beim So- lidaritätszuschlag den Vorteil, dass diese anders als bei der Einkommensteuer nicht der Zustimmung des Bundesrates bedürfen, wo ein Jamaika-Bündnis keine Mehrheit hätte. Angesichts des weiterhin starken Einflusses der SPD im Bundesrat dürfte dieser wohl nur Steuersenkungen zustimmen, die v.a. auf Be- zieher geringerer und mittlerer Einkommen zielen. (Das schließt stärkere Anhe- bungen des Grundfreibetrages und/oder des Kinderfreibetrages aus.) Zusätzliche Staatsausgaben: EUR 13 Mrd plus X für Infrastruktur Mit Blick auf die Ausgaben besteht unter den Partnern Konsens, v.a. Investitio- nen in Bildung, Forschung und Entwicklung sowie in die digitale Infrastruktur verstärkt zu fördern bzw. zu forcieren und den Wohnungsbau zu erleichtern. Geht man entsprechend verbreiteter Forderungen in der CDU/CSU davon aus, dass ein Drittel des freien Budgetvolumens des Bundes für diese Zwecke ver- ausgabt werden sollte, wären bis 2021 zusätzlich insgesamt rd. EUR 13 Mrd verfügbar. Presseberichten (FAZ) zufolge könnten diese Mittel durch die teil- weise Verwendung von Privatisierungserlösen aufgestockt werden. So fordern FDP und Grüne in ihren Wahlprogrammen, dass der Bund seine Beteiligungen an der Deutsche Telekom AG verkauft und damit den Breitbandausbau vorantreibt. Der gesamtwirtschaftliche Impuls einer schwarz-gelb-grünen Fiskalpolitik dürfte anfänglich, d.h. im Jahr 2018, sehr begrenzt sein. So dürfte der Bund seine In- vestitionsausgaben schon wegen begrenzter Kapazitäten bei möglichen Auf- tragnehmern nur allmählich hochfahren können. Auch muss abgewartet werden, ob im Laufe von 2018 beschlossene Steuersenkungen überhaupt in dem Jahr noch umgesetzt werden, oder erst zu Beginn 2019 in Kraft treten. Auch hängt der mögliche Impuls von der konkreten Gestaltung der Steuersenkungen ab. Je 15 16 17 18 19 20 21 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 Quelle: BMF EUR Mrd Aufkommen des Solidaritätszuschlags* 2 * Gemäß Steuerschätzung vom Mai 2017 Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 5 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland stärker sich diese auf einen Abbau des Solidaritätszuschlages fokussieren, desto geringer dürfte der Impuls sein. Das mögliche Entlastungsvolumen wäre dann nämlich geringer als bei Einkommensteuersenkungen, an denen sich auch Länder (zu 42,%%) und Kommunen (15%) beteiligen. Sozialpolitik: Es bleibt wohl weitgehend beim Status quo Schwieriger gestaltete sich bislang die Konsensfindung bei der Sozial- und Ar- beitsmarktpolitik. In diesem Bereich lagen die vier Parteien weit auseinander. Das gilt etwa für die Gesundheitspolitik. Hier macht sich die FDP traditionell für privatwirtschaftliche Lösungen stark, während die Grünen eine einheitliche Bür- gerversicherung unter staatlicher Regie fordern. Und es gilt für die Altersvor- sorge. Hier plädiert insbesondere die CSU für höhere Leistungen der gesetzli- chen Rentenversicherung (Aufstockung der Renten von langjährig versicherten Geringverdienern und der Mütterrente), während die FDP sowie vor allem jün- gere Abgeordnete der Grünen und der CDU für mehr Nachhaltigkeit bei der Rentenfinanzierung eintreten. In beiden Bereichen könnte aus den widerstre- benden Kräften am Ende Stillstand, d.h. ein Festhalten am Status quo, resultie- ren. Dies schließt Anpassungen in Einzelbereichen etwa bei Renten langjährig Versicherter nicht aus. Eine generell wieder stärker einnahmeorientierte Sozial- politik wäre nach Jahren relativ starker Expansion der Sozialausgaben eine gute Nachricht. Bei der Arbeitsmarktpolitik stehen sich eher paternalistische Konzepte seitens der CDU/CSU und der Grünen sowie die eher marktwirtschaftliche Orientierung der FDP gegenüber. Hier erwarten wir in Teilbereichen, v.a. bei der Arbeitszeit- regelung, eine graduelle Flexibilisierung, halten eine Rücknahme der von der großen Koalition beschlossenen Regulierungen etwa bei der Leiharbeit aber für wenig wahrscheinlich. 1 Asylpolitik und Migration: Wohl kein Grund für ein Scheitern von Jamaika Die Asyl- und Flüchtlingspolitik galt lange Zeit als größte Hürde für eine Ja- maika-Koalition. Aber auch dieses Problem dürften die Partner in den Sondie- rungsgesprächen entschärfen können. Soweit absehbar ist, dürften FDP und Grüne ungeachtet ursprünglicher Kritik den Kompromiss von CDU und CSU letztlich grundsätzlich mittragen. Demnach soll die Zahl der Zuwanderer aus hu- manitären Gründen maximal 200.000 pro Jahr nicht übersteigen. Damit das Li- mit besser eingehalten werden kann, wollte die CDU/CSU den bislang befristet ausgesetzten Nachzug von Familienmitgliedern von Personen mit subsidiärem Schutz weiterhin untersagen. Für die Grünen war dies unannehmbar. Härtefall- regelungen scheinen nun einen Ausweg aus dem Dilemma zu bieten. Europapolitik – Sondierungen nicht einfach Die Sondierungsgespräche zur Europapolitik gestalteten sich nicht einfach. Dies ist angesichts der Bedeutung der Themen und auch der unterschiedlichen Posi- tionen der Parteien nicht wirklich überraschend. Während man sich auf das Ziel eines geeinten und starken Europas und die „herausgehobene Bedeutung“ der deutsch-französischen Beziehungen problemlos verständigen konnte und Governance Aspekte für die EU geklärt wurden (u.a. Zusammenarbeit entlang der Gemeinschaftsmethode und nicht dem intergouvernementalen Ansatz), sind 1 Siehe auch Deutsche Bank Research (2017). Deutschland-Monitor Bundestagswahl 2017. Deut- sche Arbeitsmarktpolitik: Es gibt noch genug zu schaffen! 30. Oktober 2017. 28,0 28,2 28,4 28,6 28,8 29,0 29,2 29,4 29,6 29,8 30,0 650 700 750 800 850 900 950 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 absolut in % des BIP Quellen: BMAS, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Expandierende Sozialausgaben 3 EUR Mrd (linke Skala), % des BIP (rechte Sala) 0 50000 100000 150000 200000 Asylanträge** Flüchtlinge Quellen: BAMF, BMI Asylanträge & registrierte Flüchtlinge* 4 * Bis Dezember 2016 vorläufige Erfassung im EASY-System, die Doppelzählungen enthalten kann; ** Erstanträge Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 6 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Themen besonders hinsichtlich der Weiterentwicklung der EWU – etwa Rolle des ESM, Vollendung der Bankenunion oder Schaffung eines Eurozonenbud- gets – noch nicht ausdiskutiert. Mehr Ressourcen soll es auch auf EU-Ebene für Forschungsförderung, Investitionen, Infrastruktur und äußere Sicherheit/ Vertei- digung geben. Dafür soll die EU eine Gesamtmittelausstattung in der nächsten Finanzierungsperiode bekommen, die es ihr erlaubt, die „übertragenen Aufga- ben sachgerecht“ zu erfüllen. Schritte in die richtige Richtung Ein Erfolg der Sondierungsgespräche erfordert vielfältige Kompromisse, die sich bislang nur in Konturen abzeichnen. Für eine abschließende Bewertung der Ge- spräche ist es deswegen zu früh. Die Unterhändler der vier Parteien stehen noch vor erheblichen Anstrengungen. Gleichwohl ist erkennbar, dass eine schwarz-gelb-grüne Bunderegierung einige Schritte in die richtige Richtung ei- ner Stärkung des Standortes Deutschland unternehmen wird. Das gilt etwa für die Steuerpolitik sowie bei der Bildung und der Förderung der Digitalisierung. Im Sozialbereich dürfte zumindest die Tendenz zu einer ungebremsten Expansion der Ausgaben gestoppt werden. Die Arbeitsmarktpolitik wie auch die Energie- und Klimapolitik dürften zumindest in Teilbereichen wieder stärker auf marktwirt- schaftliche Lösungen setzen. Votum der Parteimitglieder der Grünen bleibt Risiko Bevor die vier Parteien ihr beabsichtigtes Bündnis besiegeln können, müssen freilich noch deren Mitglieder (bei Grünen und FDP) bzw. Parteitage (CDU und CSU) dem erst noch auszuhandelnden Koalitionsvertrag zustimmen. Werden die Akteure an der Basis Kompromisse mittragen, die sich von den programma- tischen Zielen der Parteien mitunter doch deutlich unterscheiden? Das erscheint insbesondere bei den Mitgliedern der Grünen mit ihrem linken Flügel keineswegs sicher. Einige Kernforderungen dieses Flügels, wie höhere Steuern für sehr Wohlhabende und die Einführung einer einheitlichen Kranken- versicherung für alle Bürger, werden die Sondierungen wohl nicht überdauern. Freilich dürften auch die Mitglieder der Grünen wie alle anderen Beteiligten kein Interesse an einem Scheitern der Koalitionsbildung haben. Die Konsequenz hieße Neuwahlen mit hohen Risiken für alle vier Parteien. Darüber hinaus liefern Befragungen Anzeichen für ein Gelingen der Regie- rungsbildung. So ist ein Jamaika-Bündnis verschiedenen Umfragen zufolge in- zwischen die beliebteste Koalitionsoption. Einer aktuellen Umfrage (Institut für Demoskopie Allensbach in der FAZ vom 25. Oktober) zufolge sind einerseits zwar 62% der Bundesbürger mit dem Ausgang der Bundestagswahl unzufrie- den. Andererseits ist eine relative Mehrheit von 43% (gg. 38%) überzeugt, dass eine Jamaika-Koalition funktionieren kann. Und während nur 35% der Befragten insgesamt eine solche Koalition favorisieren, sind es unter den Anhängern der Grünen und der FDP jeweils 55%. Anhänger und Parteimitglieder sind zwar nicht gleichzusetzen. Gleichwohl deutet auch dieses Stimmungsbild auf eine er- folgreiche Regierungsbildung hin. Barbara Böttcher (+49 69 910-31787, barbara.boettcher@db.com) Dieter Bräuninger (+49 69 910-31708, dieter.braeuninger@db.com) 0 10 20 30 40 50 60 Große Koalition Jamaika-Koalition Koalitionspräferenzen nach Parteianhängern 5 Quellen: FAZ, Institut für Demoskopie Allensbach % der Befragten * Anhänger der entsprechenden Partei Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 7 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland November-Steuerschätzung: Künftig noch mehr Geld im Staatssäckel? — Die Lage der öffentlichen Haushalte bleibt dank der unter Volldampf stehen- den Konjunktur äußerst günstig. Auf gesamtstaatlicher Ebene könnten sich die Steuereinnahmen (gegenüber der letzten Steuerschätzung vom Mai 2017) für den Zeitraum 2018-21 um weitere kumulierte EUR 55 Mrd. erhö- hen. Auf Bundesebene könnten unserer Einschätzung nach immerhin rund EUR 20 - 25 Mrd. für die nächsten vier Jahre winken. — Angesichts der langen und teuren Wunschliste der Jamaika-Unterhändler (von deutlich mehr als EUR 40 Mrd.) wird ein mögliche Jamaika-Bundesre- gierung bei Fortführung der „Schwarzen Null“ jedoch nur einen Teil der von Union, FDP und Grünen geforderten Steuersenkungs- und Ausgabensteige- rungswünsche umsetzen können – trotz sehr guter Kassenlage und Nullzin- sen. Schon jetzt freut sich der Fiskus über hohe und kräftig wachsende Steuereinnahmen, … Die Lage der öffentlichen Haushalte bleibt dank der unter Volldampf stehenden Konjunktur und sprudelnden Steuereinnahmen äußerst günstig und dürfte den finanzpolitischen Spielraum der neuen Bundesregierung, u.a. für (Einkommens-) Steuersenkungen und höhere staatliche Investitionen (z.B. in die Infrastruktur), noch weiter vergrößern (siehe dazu auch Ausblick Deutschland vom 6. Oktober 2017). Auf Basis des aktuell gültigen Finanzplans der alten Bundesregierung er- geben sich für den Zeitraum 2019-21 frei verfügbare Finanzmittel in Höhe von EUR 14,8 Mrd. (ca. 0,5% des BIP), die in Form einer Globalen Mindereinnahme verbucht wurden. Diesen kumulierten (nicht jährlich verfügbaren!) Betrag kann die neue Bundesregierung dann z.B. für Steuerentlastungen oder zusätzliche (Investitions-) Ausgaben verwenden. Allerdings ist im Regierungsentwurf des Haushaltsjahres 2018 weiterhin eine Globale Minderausgabe in Höhe von EUR 3,4 Mrd. eingestellt, sodass im Bundeshaushalt 2018 auf der Ausgabenseite noch ein entsprechend hoher Kürzungsbedarf besteht. Wie hoch der zusätzliche fiskalische Spielraum der neuen Bundesregierung in der nächsten Legislaturperiode jedoch tatsächlich ausfallen wird, hängt maß- geblich vom weiteren Konjunkturverlauf ab. Und der dürfte sehr günstig bleiben! Bereits im Mai diesen Jahres ging der Arbeitskreis Steuerschätzung (AKS) da- von aus, dass die gesamtstaatlichen Steuereinnahmen (von Bund, Länder und Gemeinden) sich bis 2021 kräftig erhöhen könnten, von rund EUR 706 Mrd. im letzten Jahr auf über EUR 850 Mrd. im Jahr 2021 (Ende des aktuellen Progno- sezeitraums) (siehe Grafik 1). Allerdings fußt die Mai-Steuerschätzung auf einer – zu diesem Zeitpunkt – noch deutlich niedrigeren Wachstumserwartung für die kommenden drei Jahre. So ging z.B. das Bundesfinanzministerium (BMF) zum Zeitpunkt der Mai-Steuerschätzung noch von einer realen BIP-Wachstumsrate von 1,5%, 1,6% und 1,4% bzw. einer nominalen Wachstumsrate von 3,0%, 3,1% und 3,2% für die Jahre 2017, 2018 und 2019 aus. In Anbetracht der kräfti- gen Expansion im ersten Halbjahr 2017 und anhaltend robuster Konjunkturindi- katoren dürfte das Wachstum deutlich kräftiger ausfallen als noch im Frühjahr angenommen. Das BMF hat mittlerweile seine Wachstumsprognosen für die nächsten drei Jahre kräftig angehoben und geht nunmehr von einem realen Wachstum von 2,0%, 1,9% und 1,7% bzw. einem nominalen Wachstum von 3,5%, 3,6% und 3,4% für 2017, 2018 und 2019 aus (siehe Grafik 2 und 3). Letz- tere ist unseres Erachtens für die künftige Steuerentwicklung entscheidender, da Steuern auf nominale Größen (Einkommen, Gewinne, Umsätze, etc.) erho- 0 200 400 600 800 1.000 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 Steuereinnahmen (EU) Steuereinnahmen (Gemeinden) Steuereinnahmen (Länder) Steuereinnahmen (Bund) Steuereinnahmen (Gesamtstaat) EUR Mrd. Die Steuereinnahmen kennen derzeit nur eine Richtung: nach oben! 1 Quellen: Arbeitskreis Steuerschätzung (Mai 2017), Deutsche Bank Research 0 1 2 3 4 5 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 Nominales BIP (aktuelle Prognose) Nominales BIP (Prognose: Juli 2017) Das BMF hat seine Wachstums- prognose deutlich erhöht 2 % gg. Vj. Quellen: Bundesfinanzministerium (Monatsbericht), Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research 0 1 2 3 4 5 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 Reales BIP (aktuelle Prognose) Reales BIP (Prognose: Juli 2017) % gg. Vj. Quellen: Bundesfinanzministerium (Monatsbericht), Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research Das BMF erwartet nunmehr 2% Wachstum für 2017 3 Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 8 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland ben werden. Auch wir haben unsere Wachstumsprognose im bisherigen Jahres- verlauf bereits deutlich angehoben und gehen nunmehr von einem realen BIP- Wachstum von 1,9% für 2017 und 1,8% für 2018 aus – allerdings verbunden mit weiterem Aufwärtskorrekturpotenzial. … die dank der unter Volldampf stehenden Konjunktur künftig noch größer als bisher angenommen ausfallen könnten Aufgrund des derzeit exzellenten Konjunkturbilds (siehe Grafik 4) ist davon aus- zugehen, dass auch die Steuereinnahmen noch kräftiger als bisher erwartet sprudeln dürften. Anfang November (7. bis 9. November) wird der AKS seine neue Steuerschätzung für den Gesamtstaat, Bund, Länder und Gemeinden auf Basis der aktuell gültigen gesamtwirtschaftlichen Annahmen überarbeiten. Es ist davon auszugehen, dass die Steuerschätzung dank der unter Volldampf ste- henden Wirtschaft nochmals spürbar nach oben korrigiert werden dürfte (siehe Grafik 8). Aber um wie viel mehr könnte das Steueraufkommen dank des höhe- ren Wachstumspfades ausfallen? Um welchen Zusatzbetrag könnte der fiskali- sche Spielraum steigen? Auf Basis der seit Mai spürbar erhöhten Wachstumsaussichten – und unter der vereinfachenden Annahme unveränderter Steuer-Elastizitäten 2 – kann der Staat unseren Berechnungen nach mit zusätzlichen (kumulierten) Steuermehreinnah- men (gegenüber der Mai-Schätzung) von rund EUR 55 Mrd. für den Zeitraum 2018 bis 2021 rechnen (siehe Grafik 6). Auf Bundesebene könnten sich nach ei- ner ähnlichen Überschlagsrechnung die Steuermehreinnahmen (im Vergleich zur Mai-Schätzung) auf immerhin EUR 20-25 Mrd. EUR belaufen (ebenso ku- muliert für die Zeit 2019 bis 2021). Zusammen mit den bereits im Bundesfinanz- plan 2019-2021 für Steuersenkungen/Ausgabenerhöhungen verfügbaren freien Finanzmitteln in Höhe von kumulierten EUR 14,8 Mrd. (ca. 0,5% des erwarteten BIP für 2017) könnte sich der fiskalische Spielraum des Bundeshaushalts (ohne Neuverschuldung) in dieser Legislaturperiode auf ca. EUR 40 Mrd. (etwa 1,2% des BIP) belaufen. Dies entspricht grundsätzlich der von einigen Haushaltsex- perten kürzlich geäußerten möglichen Steuerentlastungs- bzw. Zusatzausga- benspanne von EUR 30 bis 40 Mrd. für den Bund für die nächsten vier Jahre. 2 Definiert als das Verhältnis zwischen der jährlichen Wachstumsrate des Steueraufkommens und der jährlichen Wachstumsrate des nominalen BIP. 2016 betrugt die Steuerelastizität rund 1,5: Dies bedeutet, dass ein Prozent BIP-Wachstum zu einem Steueranstieg von 1,5% geführt hat. 70 80 90 100 110 120 130 90 92 94 96 98 00 02 04 06 08 10 12 14 16 ifo Geschäftsklima ifo Geschäftslage ifo Geschäftserwartungen Die Wirtschaft bleibt in bester Laune! 4 Quellen: WEFA, Ifo, Deutsche Bank Research Ifo Index (saisonbereinigt) 0 1 2 3 4 5 6 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 10 12 14 16 18 20 Nominales BIP, % gg. Vj (rechte Achse) Steuerelastizität (Gesamtstaat) (linke Achse) Steuerelastizität im Konjunkurverlauf 5 Verhältnis zwischen der jährlichen Wachstums - rate der Steuereinnahmen und des nom. BIP Quellen: Arbeitskreis Steuerschätzung (Mai 2017), Deutsche Bank Research 0 20 40 60 80 700 750 800 850 900 17 18 19 20 21 Kumulierte Steuermehreinnahmen im Vgl. zur Mai-Schätzung (2017)* Steuereinnahmen (AKS Mai 2017) Steuereinnahmen* Jährliche Steuermehreinnahmen im Vgl. zur Mai-Schätzung (2017)* EUR Mrd. Quellen: Deutsche Bundesbank, Arbeitskreis Steuerschätzung (Mai 2017), BMF, Deutsche Bank Research * Auf Basis der Mai-Steuerschätzung und gg. der Mai-Schätzung (2017) unveränderter Steuerelastizitäten. Das kräftigere BIP-Wachstum dürfte in den kommenden Jahren zu noch höheren Steuereinnahmen führen 6 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 15 16 17 18 19 20 21 Steuereinnahmen (AKS Mai 17) Steuereinnahmen* Quellen: Deutsche Bundesbank, Arbeitskreis Steuer - schätzung (Mai 2017), BMF, Deutsche Bank Research * Auf Basis der Mai - Steuerschätzung (2017) und konstanter Steuerelastizitäten. Das Steueraufkommen dürfte noch kräftiger als bisher erwartet wachsen 7 % gg. Vj. Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 9 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Fazit: Künftig noch mehr Geld im Staatssäckel, aber nicht genug, um alle teuren Wahlversprechen zu erfüllen Der Staatssäckel dürft sich weiter füllen und die November-Steuerschätzung wird weitere Hinweise darauf geben, wie hoch die künftigen Steuermehreinnah- men ausfallen könnten. Angesichts der langen und teuren Wunschliste der Ja- maika-Unterhändler (von deutlich mehr als EUR 40 Mrd.) ist aber schon jetzt klar, dass eine neue mögliche Jamaika-Bundesregierung bei Fortführung der „Schwarzen Null“ allenfalls einen Teil der von Union, FDP und Grünen geforder- ten Steuersenkungs- und Ausgabensteigerungswünsche umsetzen können wird – trotz sehr guter Kassenlage und Nullzinsen. Der Grund dafür liegt in den teu- ren Wahlgeschenken der Vorgängerregierung, insbesondere im Sozialbereich. Diese fest angelegten kräftigen Sozialausgabensteigerungen (Stichwort „Mütter- rente“, „Rente mit 63“) werden in den kommenden Jahren bereits einen Großteil der künftigen (Steuer-) Mehreinnahmen verzehren, sodass trotz der exzellenten Einnahmenentwicklung der fiskalische Spielraum der neuen Regierung (unter Beachtung der nationalen Schuldenbremse oder bei Beibehaltung der „Schwar- zen Null“) ohne größere Budgetumschichtungen eingeschränkt bleibt. Sebastian Becker (+49 69 910-21548, sebastian-b.becker@db.com) Die Mai-Steuerschätzung nimmt (implizit) für den Gesamtstaat eine mittlere Steuerelastizität von rund 1,25 für den Zeitraum 2017 bis 2021 an (siehe Grafik 5) – d.h. geht weiterhin von überpro- portional wachsenden Steuereinnahmen aus. Ein Grund für ein überproportionales Steuerwachs- tum ist u.a. die im deutschen Steuersystem angelegte kalte Progression. 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 Nov 14 Nov 15 Nov 16 Mai 17 Ist-Werte Steuereinnahmen des Gesamtstaates (Finanzstatistik), % gg. Vj. Quellen: Deutsche Bundesbank, Arbeitskreis Steuerschätzung, Deutsche Bank Research Ergebnisse des Arbeitskreises Steuerschätzung 8 Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 10 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Leistungsbilanzüberschuss rückläufig, aber Kritik an deutscher Wirtschaftspolitik dürfte anhalten — Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss sank von 9,1% gemessen am BIP im zweiten Halbjahr 2015 auf 7,5% im ersten Halbjahr 2017. Das kräftige In- landswachstum und die Euroaufwertung dürften einen weiteren Abbau der Überschussquote bewirken. — Wir erwarten einen Rückgang auf 7,2% und 6,5% im Jahr 2017 und 2018 (2016 8,3%). Damit trägt Deutschland unter den großen Ländern aber wei- terhin besonders stark zu den globalen Ungleichgewichten bei und die inter- nationale Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik dürfte bestehen bleiben. — Erst die allmählich wirkende demografische Überalterung der Gesellschaft könnte den Überschuss in der kommenden Dekade deutlich reduzieren. 2017 Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss rückläufig Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse werden regelmäßig als eine Haupt- ursache für die globalen Ungleichgewichte genannt, allerdings teilen wir diese Kritik nicht. 3 Aber bereits seit dem zweiten Halbjahr 2015 sinken sie gemessen am Bruttoinlandsprodukt sukzessive, von 9,1% auf 7,5% im ersten Halbjahr 2017. Wenngleich wir erst die Export- und Importdaten für Juli und August vor- liegen haben, dürfte auch im zweiten Halbjahr ein weiterer Rückgang verzeich- net werden. Hierzu dürfte die Euroaufwertung um rund 10% gegenüber dem US- Dollar über die Sommermonate und die politische Situation in einigen Ex- portmärkten beitragen. So sanken in den ersten acht Monaten von 2017 die Ex- porte nach Großbritannien um 2,9% und in die Türkei um 6,8% gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt erwarten wir aber aufgrund des dynamischen Welthandels ein kräftiges reales Exportwachstum (+3,7%). Die hohe Inlandsnachfrage dürfte aber zusammen mit der Euroaufwertung zu einem noch stärkeren Anstieg der realen Importe (+4,4%) führen. Da aktuell im Jahr 2017 auch die Importpreise kräftiger anziehen als die Exportpreise (+3,0% vs. 1,7%) erwarten wir für das zweite Halbjahr 2017 erneut einen Rückgang der Leistungsbilanzquote auf rund 7%. Für das Jahr 2017 fällt der Überschuss demnach auf 7,2% (2016 8,3%, 2015 8,5%) und in Euro gemessen fällt er deutlich unter EUR 250 Mrd. (2015 und 2016 rund EUR 260 Mrd.). Weiter sinkender Leistungsbilanzüberschuss im Jahr 2018 Der auf Vollbeschäftigung zusteuernde Arbeitsmarkt dürfte die Inlandsnachfrage auch im Jahr 2018 weiter anheizen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die an- stehenden Lohnrunden (IG Metall, Bau, öffentlicher Sektor) das Lohnwachstum ankurbeln. Die globalen Konjunkturindizes (ifo, PMIs) deuten eine Fortsetzung der günstigen globalen Nachfrageentwicklung an. So erwarten wir im Jahr 2018 ein globales BIP-Wachstum von 3,7% und ein Welthandelswachstum von 4%. Da aufgrund der guten deutschen Binnenkonjunktur die Importe (+4,6%) aber- mals kräftiger zulegen dürften als die Exporte (+3,8%), erwarten wir einen mar- ginal negativen Außenbeitrag zum BIP-Wachstum. In diesem Umfeld dürfte der Leistungsbilanzüberschuss erneut auf dann rund 6,5% oder „nur“ noch rund EUR 210 Mrd. für das Gesamtjahr 2018 zurückgehen - der niedrigste Wert seit 2013. 3 Deutsche Bank Research, Deutsche Leistungsbilanzüberschüsse – Kritik nicht stichhaltig, Dezember 2013 -4 -2 0 2 4 6 8 10 90 94 98 02 06 10 14 18 Deutschland: Leistungsbilanz 1 % BIP Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research -100 0 100 200 300 90 94 98 02 06 10 14 18 Deutschland: Leistungsbilanz 2 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research EUR Mrd. -10 0 10 20 30 U S F R U K C N N L I T A T P L C H B E E S C Z S E R U H U T Y Jan - Aug 2017: Exporte 3 % gg. Vj. Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 11 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Kritik an deutschen Überschüssen dürfte kaum nachlassen Trotz dieses prognostizierten Rückgangs bleibt Deutschland unter den Indust- rieländern das Land mit dem höchsten Leistungsbilanzüberschuss und auch über der 6%-Vorgabe der EU-Kommission im Rahmen des Makroökonomischen Ungleichgewichtsverfahrens. Lediglich kleinere Länder wie die Schweiz und die Niederlande dürften weiterhin höhere Überschüsse relativ zu Wirtschaftsleistung aufweisen als Deutschland. Trotz der geringeren Überschüsse dürfte die Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik also nur langsam abflauen. Erst die allmäh- lich wirkende demografische Überalterung der Gesellschaft könnte den Über- schuss in der kommenden Dekade deutlich reduzieren. Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) 0 2 4 6 8 10 12 N O S E H U S K K O D K D E N L C H in % BIP, 4QMA Quellen: IWF, Deutsche Bank Research 2017 Leistungsbilanz 4 -6 -4 -2 0 2 4 6 8 10 U K U S F R C N E S I T A J P N D E Quellen: IWF, Deutsche Bank Research 2017 Leistungsbilanz 5 in % BIP, 4QMA Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 12 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Industrie in der EU: West-Ostverschiebung hält an — Die Industrie hat sich in den letzten Jahren in den einzelnen EU-Ländern sehr unterschiedlich entwickelt. In der Folge haben sich die Anteile an der industriellen Bruttowertschöpfung innerhalb der EU verschoben, und zwar von Westen (und Süden) nach Osten. Größter Profiteur der geschilderten Verschiebung von West nach Ost ist Deutschland. Hier nahm der Anteil der Industrie an der gesamten Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewer- bes in der EU zwischen 2009 und 2016 um 3%-Punkte auf 30% zu. Damit überstieg Deutschlands Anteil an der EU-Industrie im letzten Jahr jenen von Frankreich, Italien und Spanien zusammengenommen. — Deutschland ist das einzige westeuropäische EU-Land, in dem der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowert- schöpfung über 20% liegt (2016: 22,6%). An der Spitze liegt hier Tsche- chien (27,1%) vor Ungarn (23,9%). Der EU-Durchschnitt beträgt 16,1%. Weit unter dem Durchschnitt liegen Frankreich (11,4%) und UK (9,7%). Die voneinander abweichenden Wirtschaftsstrukturen der einzelnen EU-Länder sind nicht per se gut oder schlecht. Sie spiegeln unterschiedliche „Ge- schäftsmodelle“ der Volkwirtschaften wider, die historisch gewachsen sind und kurz- bis mittelfristig auch kaum gravierend geändert werden können. — Es spricht viel dafür, dass sich die industriellen Marktanteile innerhalb der EU auch in den kommenden Jahren von Westen nach Osten verschieben werden. Vor allem die Lohnkostenvorteile in Osteuropa sind hierfür ein wichtiger Grund, wenngleich das Beispiel Deutschland zeigt, dass hohe Ar- beitskosten durch andere Faktoren kompensiert werden können. Die Dyna- mik der West-Ostverschiebung dürfte jedoch nachlassen. So haben die westeuropäischen EU-Länder ihre industriellen Lohnstückkosten in den letz- ten Jahren in den Griff bekommen. Zudem dürften die Lohnzuwächse in den kommenden Jahren in Osteuropa höher ausfallen als im Westen. EU-Industrie: Vorkrisenniveau bei der Produktion wird erst in Kürze wieder erreicht In der europäischen Industrie herrscht derzeit blendende Stimmung. Dies zeigt z.B. der Index der Einkaufsmanager (PMI) in der Eurozone (Zahlen für die ge- samte EU sind nicht verfügbar), der am aktuellen Rand auf ein Niveau geklettert ist, welches er seit Anfang 2011 nicht mehr erreicht hat. Dazu passt, dass die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe in der EU in den ersten sieben Monaten von 2017 um real 2,7% über dem entsprechenden Vorjahresniveau liegt. Schon von 2013 bis 2016 nahm die EU-Industrieproduktion jahresdurchschnittlich um 2,1% zu. Die Zahl der Industriebeschäftigten in der EU steigt seit Anfang 2013 wieder, wenngleich bei recht geringer Dynamik: Im 2. Quartal 2017 übertraf sie das Niveau des 2. Quartals 2013 – dem bisherigen Tiefstand – um gut 4%. Soweit die grundsätzlich positive konjunkturelle Momentaufnahme. Ein langfristi- ger Vergleich zeigt jedoch, wie tief die Spuren sind, welche die globale Wirt- schafts- und Finanzkrise von 2008/09 in der europäischen Industrie hinterlassen hat. Beispielsweise lag die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe 2016 noch um gut 3% unter dem bisherigen Rekordwert von 2007. Das Vorkrisenniveau dürfte erst im laufenden oder im nächsten Jahr wieder erreicht werden. Die Zahl der Industriebeschäftigten unterschritt 2016 das 2007er Niveau sogar noch um etwa 9%; dies entspricht einem Verlust von knapp 3 Mio. Beschäftigten im Ver- arbeitenden Gewerbe in der EU. Beide Zahlen verdeutlichen die insgesamt recht kraftlose Entwicklung der europäischen Industrie in den letzten Jahren. 30 40 50 60 05 07 09 11 13 15 17 Sehr gute Stimmung in der Industrie 1 Index der Einkausfmanager (PMI) im Verarbeitenden Gewerbe, EWU Quelle: Markit 80 90 100 110 120 00 02 04 06 08 10 12 14 16 Frühere Höchststände wieder in Sicht 2 Quelle: Eurostat Produktion im Verarbeitenden Gewerbe in der EU, 2010=100, saisonbereinigt 28 29 30 31 32 33 34 05 07 09 11 13 15 17 Zahl der Industriebeschäftigten in der EU steigt wieder 3 Arbeitnehmer im Verarbeitenden Gewerbe in der EU, Mio. Quelle: Eurostat Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 13 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Massive regionale Unterschiede Die genannten Zahlen des EU-Durchschnitts allein zeichnen jedoch ein unvoll- ständiges Bild von der wirtschaftlichen Entwicklung der Industrie in den letzten Jahren. Ein Vergleich der Industrieproduktion in den fünf größten westeuropäi- schen sowie den drei größten osteuropäischen Volkswirtschaften zeigt massive regionale Unterschiede. Besonders starke Einbußen erlitt das Verarbeitende Gewerbe in Spanien, Italien und Frankreich. In Spanien lag die Industrieproduk- tion 2016 um etwa 25% unter dem Vorkrisenniveau von 2007; in Italien waren es gut 21% und in Frankreich immerhin 13%. Das Vereinigte Königreich (UK) schneidet mit einem Minus von 4,3% besser ab – zumindest relativ gesehen. Al- len vier Ländern gemeinsam ist, dass auf das Rezessionsjahr 2009 zwar ein An- stieg der Industrieproduktion 2010 (und teilweise 2011) folgte. Allerdings ten- dierte die Fertigung danach bis einschließlich 2013/14 wieder nach unten (oder bestenfalls seitwärts) und zeigte auch seither keine berauschende Dynamik. Mit dieser Entwicklung ist zu erklären, dass das Produktionsniveau 2016 in Frankreich und Italien nur wenig über dem Wert des Krisenjahres 2009 lag (+5,7% bzw. +1,3%). In Spanien war es dem Verarbeitenden Gewerbe sogar bis 2016 noch immer nicht gelungen, das Niveau von 2009 wieder zu übertref- fen (-1,6%). Die Industrie in UK kann immerhin ein Plus von 8,6% gegenüber 2009 verbuchen. Deutlich besser entwickelte sich das Verarbeitende Gewerbe in den drei großen osteuropäischen EU-Ländern. In Polen lag die Produktion 2016 um 44% über dem Vorkrisenniveau von 2007, wenngleich hier der Rückgang 2009 auch nur relativ gering ausfiel. Tschechien (+16%) und Ungarn (+13%) verzeichneten in diesem Zeitraum ebenfalls kräftige Zuwächse. Gegenüber dem Krisenjahr 2009 fällt das Produktionsplus noch (sehr viel) höher aus. In Polen beträgt der Zu- wachs 46%, in Tschechien 39% und in Ungarn mehr als 40%. Die Industrie in Deutschland liegt im Vergleich zu den hier betrachteten anderen EU-Ländern im Mittelfeld: Mit einem Anstieg der Industrieproduktion um 4% (2016 gg. 2007) bzw. 25,4% (2016 gg. 2009) schneidet Deutschland deutlich besser ab als die westeuropäischen Volkswirtschaften, entwickelte sich aber weniger dynamisch als Polen, Tschechien und Ungarn. Deutschland und Osteuropa gewinnen Marktanteile Aufgrund des unterschiedlichen Wachstumstempos haben sich die Anteile der einzelnen Länder an der industriellen Bruttowertschöpfung innerhalb der EU verschoben, und zwar im Wesentlichen von Westen (und Süden) nach Osten, wobei Deutschland das östlichste der hier betrachteten westeuropäischen Län- der ist. Beispielsweise sank der Anteil der französischen Industrie an der ge- samten Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe der EU von 12,4% im Jahr 2009 auf 10,7% im letzten Jahr. Auch Italien verzeichnete einen Rückgang des Anteils um 1,7%-Punkte auf zuletzt 11,5%. Der Anteil der spanischen In- dustrie an der industriellen Bruttowertschöpfung der EU nahm im gleichen Zeit- raum von 8,1% auf 6,7% ab. Das Verarbeitende Gewerbe in Polen konnte dagegen seinen Anteil an der EU- Industrie von 3,2% auf 3,6% erhöhen. Tschechien und Ungarn verzeichneten kleinere Zuwächse ihres Marktanteils um jeweils 0,1%-Punkte. Trotz der Zuge- winne der drei osteuropäischen Länder war ihr Anteil an der industriellen Brutto- wertschöpfung in der EU 2016 zusammen lediglich genauso hoch wie der spa- nische. Für sich betrachtet sind die östlichen EU-Länder also nach wie vor recht kleine Industriestandorte. 80 90 100 110 120 130 140 00 02 04 06 08 10 12 14 16 DE FR IT ES UK Nur Deutschland wieder über dem Vorkrisenniveau 4 Produktion im Verarbeitenden Gewerbe, 2010=100 Quelle: Eurostat 40 60 80 100 120 140 00 02 04 06 08 10 12 14 16 PL CZ HU Produktion im Verarbeitenden Gewerbe, 2010=100 Quelle: Eurostat Starke Produktionszuwächse in Osteuropa 5 0 10 20 30 DE FR IT ES UK PL CZ HU 2016 2009 Anteil ausgew. Länder an der Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe der EU, % Quelle: Eurostat Deutschland und Osteuropa haben Marktanteile hinzugewonnen 6 Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 14 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Größter Profiteur der geschilderten Verschiebung von West nach Ost ist Deutschland. Hier nahm der Anteil der Industrie an der gesamten Bruttowert- schöpfung des Verarbeitenden Gewerbes in der EU zwischen 2009 und 2016 um 3%-Punkte auf 30% zu. Damit überstieg der Deutschlands Anteil an der EU- Industrie im letzten Jahr jenen von Frankreich, Italien und Spanien zusammen- genommen. Industrie in osteuropäischen EU-Ländern profitiert von niedrigen Löhnen und Produktionsverlagerungen Die Gründe für diese Verschiebung industrieller Produktionstätigkeit und Wert- schöpfung von Westen nach Osten sind vielfältig. Die osteuropäischen Länder haben sicherlich davon profitiert, dass die durchschnittlichen Arbeitskosten in der Industrie deutlich niedriger ausfallen als in Westeuropa. Beispielsweise machten die Arbeitskosten pro Stunde in Tschechien im Jahr 2015 nur gut ein Viertel des Wertes in Frankreich aus. Polen und Ungarn verzeichnen sogar noch geringere Kosten. Nicht nur die absoluten Vorteile bei den Arbeitskosten können die industriellen Marktanteilsgewinne osteuropäischer Länder erklären. Hinzu kommt, dass die Lohnstückosten im Verlauf der letzten Dekade vor allem in Italien und Spanien stark gestiegen waren, während sie z.B. in Polen und Tschechien sanken. Dies hatte dazu beigetragen, dass Unternehmen Produkti- onsstätten oder Teile ihrer Wertschöpfung z.B. von Spanien und Italien nach Osteuropa verlagerten oder zusätzliche Investitionen vermehrt in Osteuropa tä- tigten. Solche unternehmerischen Entscheidungen mit langer Tragweite wurden auch durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise nicht gänzlich infrage ge- stellt. Treiber für die Entwicklung waren also weniger heimische Firmen aus den osteuropäischen EU-Ländern, sondern überwiegend international agierende Un- ternehmen aus Westeuropa, den USA oder Asien. Für die geschilderte These spricht auch ein Blick auf die Sektoren, in denen die Produktion in den betrachteten osteuropäischen Ländern besonders kräftig zu- legen konnte. Dies gilt besonders für Sektoren aus der sogenannten mittleren Hochtechnologie. Dazu zählen z.B. die Automobilindustrie, der Maschinenbau, elektrische Ausrüstungen oder die Chemieindustrie. Gerade beim Blick auf die Automobilindustrie fällt auf, dass Automobilhersteller und Zulieferer in den letz- ten 10 bis 15 Jahren neue Standorte in den osteuropäischen Ländern eröffnet haben, während das Produktionsvolumen in Frankreich, Italien und Spanien im mittel- und langfristigen Vergleich gesunken ist, auch weil Standorte geschlos- sen oder verkleinert wurden. Gemessen an der absoluten Pkw-Produktion sind die neuen EU-Länder insgesamt (also z.B. auch die Slowakei) heute ein sehr bedeutsamer Standort. Im Gegensatz dazu spielt der inländische Absatz von Neuwagen eine untergeordnete Rolle. Das heißt: Die Autos, die in den neuen EU-Ländern vom Band laufen, werden zu einem recht großen Teil exportiert. Ähnliches gilt für andere Industriezweige gerade in der Hochtechnologie sowie der mittleren Hochtechnologie. Aufgrund des starken Wachstums der betreffenden Sektoren ist der Anteil des Produktionswertes im Bereich mittlere Hochtechnologie am gesamten Verarbei- tenden Gewerbe gerade in Tschechien und Ungarn ausgesprochen hoch (2014: 45% bzw. 44%). In Polen liegt der Wert dagegen nur bei 26%. Hier entfällt an- teilsmäßig noch immer ein großer Teil des Produktionswertes auf die Bereiche Niedrigtechnologie (z.B. Ernährungsgewerbe, Textil- und Bekleidungsindustrie, Möbelindustrie) und mittelniedrige Technologie (z.B. Metallindustrie, Baustoffin- dustrie), in denen das Land traditionell recht gut positioniert ist. Der Anteil der Beschäftigten in der Hoch- und mittleren Hochtechnologie inner- halb des Verarbeitenden Gewerbes an allen Beschäftigten (alle Wirtschafts- zweige) ist in Tschechien und Ungarn besonders hoch. Beispielswiese lag der 0 10 20 30 40 DE FR UK IT ES CZ HU PL Hohe Arbeitskosten in Deutschland 7 Arbeitskosten pro Stunde und Arbeitnehmer im Verarbeitenden Gewerbe, 2015, EUR Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln 0 10 20 30 40 50 DE CZ HU FR UK IT ES PL Mittlere Hochtechnologie bedeutsam 8 Anteil der mittl. Hochtechnologie am gesamten Produktionswert im Verarb. Gew., 2015, % Quelle: Eurostat Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 15 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Wert in Tschechien 2016 bei 11,5% und in Ungarn bei 9,5%. Zum Vergleich: Frankreich kommt nur auf 4,4% und Spanien auf 3,9%. In Westeuropa verzeich- net lediglich Deutschland ähnlich hohe Werte wie Tschechien und Ungarn. Dieser vermeintliche Technologie- oder Wissensvorsprung in der Beschäfti- gungsstruktur Osteuropas gegenüber den meisten westeuropäischen EU- Ländern wird jedoch relativiert, wenn zusätzlich zu den industriellen Beschäftig- ten in der Hoch- und mittleren Hochtechnologie auch die Beschäftigten in den wissensintensiven Dienstleistungen hinzugerechnet werden. Dann liegt der An- teil an allen Beschäftigten in Polen (31%) und Tschechien (33%) am unteren Ende der Skala. Ungarn erreicht mit 36% ähnlich hohe Werte wie Italien (35%) und Spanien (36%). Diese Niveaus werden z.B. von UK (49%), Frankreich (46%) und Deutschland (40%) übertroffen. Die westeuropäischen EU-Länder kompensieren ihre im Vergleich zu Osteuropa geringeren Beschäftigungsanteile in den technologisch anspruchsvollen Industriesektoren also durch anteilsmäßig mehr Beschäftigte in wissensintensiven Dienstleistungen. Industriestandort Deutschland durch innovative Unternehmen und internationale Ausrichtung begünstigt Im Gegensatz zu den betrachteten osteuropäischen Ländern ist der Marktan- teilsgewinn des deutschen Verarbeitenden Gewerbes an der gesamten industri- ellen Bruttowertschöpfung in der EU nicht auf Kostenvorteile zurückzuführen. Beispielsweise lagen die Arbeitskosten je Arbeitnehmer und geleistete Stunde in der Industrie in Deutschland fast viermal so hoch wie in Tschechien und um gut 70% über dem Niveau von Spanien. Dem steht jedoch auch eine hohe Brut- towertschöpfung je Arbeitnehmer im Verarbeitenden Gewerbe gegenüber. Sie lag in Deutschland 2016 laut Eurostat um knapp 160% über dem Niveau von Tschechien und um 18% über dem spanischen Wert. Spitzenreiter war 2016 al- lerdings Frankreich, wo die Bruttowertschöpfung je Arbeitnehmer den deut- schen Wert 2016 um 4% übertraf. Maßgeblich für den Erfolg des Industriestandorts Deutschland in den letzten Jahren ist vor allem die historisch gewachsene Stärke der hiesigen Unterneh- men. Sie zeichnen sich u.a. durch eine hohe Innovationskraft gerade im Bereich der mittleren Hochtechnologie aus. So verzeichnete Deutschland 2016 mehr Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt als Frankreich, Italien, Spa- nien und UK zusammen. Pro Einwohner kam 2016 Deutschland auf doppelt so viele Patentanmeldungen wie Frankreich. Die hohe Innovationskraft ermöglicht maßgeschneiderte Lösungen für Kunden aus sehr unterschiedlichen Sektoren. Hilfreich für den Industriestandort Deutschland ist zudem, dass alle wesentli- chen Teile der industriellen Wertschöpfungskette vor Ort angesiedelt sind und Unternehmen zum Teil schon seit Jahrzehnten zusammenarbeiten oder im Be- reich Forschung und Entwicklung kooperieren. Hierbei sind häufig auch externe Forschungseinrichtungen eingebunden. Laut Stifterverband entfielen 2015 mehr als 85% aller F&E-Aufwendungen in Deutschland auf Unternehmen des Verar- beitenden Gewerbes. Neben der hohen Innovationskraft ist die internationale Ausrichtung über Eu- ropa hinaus ein Erfolgsfaktor der deutschen Industrieunternehmen. Nach IWF- Abgrenzung entfielen 2016 mehr als 15% aller Ausfuhren Deutschlands auf die USA und China, die in den Jahren nach der globalen Rezession ein deutlich hö- heres Wirtschaftswachstum verzeichneten als die EU. Frankreich und Italien ex- portierten 2016 dagegen nur etwa 11% in die beiden Länder; in Spanien waren es sogar lediglich gut 6%. In absoluter Betrachtung spielt Deutschland bei den Exporten in die USA und nach China ohnehin in einer eigenen Liga: 2016 über- trafen die deutschen Ausfuhren in die USA und nach China laut IWF das ent- sprechende Niveau von Frankreich, Italien und Spanien zusammen. Letztlich 0 20 40 60 80 100 FR UK DE ES IT CZ HU PL Höhere Produktivität in Westeuropa 9 Bruttowertschöpfung je Arbeitnehmer im Verarbeitenden Gewerbe, 2016, '000 EUR Quellen: Eurostat, Deutsche Bank Research 0 5 10 15 DE UK FR IT ES China USA China und USA sind für Deutschland und UK wichtige Exportmärkte 10 Anteil der Exporte nach China und in die USA an allen Exporten ausgewählter Länder, 2016, % Quelle: IW F Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 16 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland hat Deutschlands Ausrichtung auf dynamische außereuropäische Märkte dazu beigetragen, dass die deutsche Industrie nach 2008/09 schneller und dauerhaf- ter wieder auf Wachstumskurs zurückkehren konnte, als dies in anderen west- europäischen Ländern der Fall war. Begünstigt wurde diese schnelle Erholung durch politische Maßnahmen. Zu nennen sind die schon im Rahmen der Agenda 2010 ergriffenen Maßnahmen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes (z.B. Leiharbeit), die die kostenmäßigen Nachteile hoher Löhne kompensieren hilft und eine Anpassung an konjunktu- relle Schwankungen erleichtert. Hilfreich war die großzügige Regelung zur Kurz- arbeit während der Krise. Sie ermöglichte es den Unternehmen, die Kernbeleg- schaft zu halten und die nach der Krise wieder anziehende Nachfrage schneller als die Konkurrenz bedienen zu können. Zwar trug die Kurzarbeiterregelung dazu bei, dass die Lohnstückkosten in der deutschen Industrie 2009 stärker zu- nahmen als in allen anderen betrachteten Ländern. Dieser Anstieg konnte in den Jahren 2010 und 2011 jedoch wieder ausgeglichen werden. Auch die Kapa- zitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe übertraf schnell nach der Krise wieder das langfristige Durchschnittsniveau, was enorm bedeutsam für die Ren- tabilität der Firmen ist. Industrie in Deutschland und Osteuropa besonders wichtig Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Deutschland und die osteuropäi- schen EU-Länder ihre Marktanteile an der EU-Industrieproduktion bzw. der Brut- towertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe in den letzten Jahren erhöht ha- ben. Dies ging zulasten der (hier betrachteten) westeuropäischen EU-Länder, wo die Industrieproduktion auch in absoluter Betrachtung das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht hat. Der Fokus in Osteuropa liegt dabei keineswegs auf Industriebranchen der mittelniedrigen oder Niedrigtechnologie. Stattdessen sind gerade Tschechien und Ungarn in der mittleren Hochtechnologie sowie der Hochtechnologie sehr gut positioniert, wenngleich es zu einem großen Teil westliche Unternehmen sind, welche die dortigen Fertigungsstätten betreiben. Defizite haben die osteuropäischen EU-Länder im Vergleich zu Westeuropa im Bereich der wissensintensiven Dienstleistungen. Insofern kann man von einer Arbeitsteilung innerhalb der EU sprechen: Die industrielle Produktion ist in Ost- europa bedeutsamer, in Westeuropa sind es (wissensintensive) Dienstleitungen. Deutschland ist gewissermaßen ein Exot. Denn es hat als Hochlohnland indust- rielle Markanteile innerhalb der EU hinzugewonnen und verzeichnete 2016 als einziges der großen westeuropäischen EU-Länder ein höheres Produktionsni- veau im Verarbeitenden Gewerbe als vor der Krise. Zugleich ist Deutschland auch bei den wissensintensiven Dienstleistungen gut aufgestellt, wenngleich Frankreich und UK hier deutlich höhere Beschäftigungsanteile aufweisen als Deutschland. Deutschland ist auch insofern ein Exot, als es das einzige westeuropäische EU- Land ist, in dem der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamtwirt- schaftlichen Bruttowertschöpfung über 20% liegt (2016: 22,6%). An der Spitze liegt hier Tschechien (27,1%) vor Ungarn (23,9%). Der EU-Durchschnitt beträgt 16,1%. Weit unter dem Durchschnitt liegen Frankreich (11,4%) und UK (9,7%). Die voneinander abweichenden Wirtschaftsstrukturen der einzelnen EU-Länder sind nicht per se gut oder schlecht. Sie spiegeln größtenteils unterschiedliche „Geschäftsmodelle“ der Volkwirtschaften wider, die historisch gewachsen sind und kurz- bis mittelfristig auch kaum gravierend geändert werden können. Bei- spielsweise kommt im niedrigen Industrieanteil in UK auch der Fokus des Lan- des auf Finanzdienstleistungen zum Ausdruck. Dieser Fokus beschert dem Land in Zeiten, in denen die Finanzwirtschaft prosperiert, regelmäßig überdurch- schnittliche Wachstumsraten. Die jüngere Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass Deutschland mit seiner wettbewerbsfähigen Industrie gut aufgestellt war 50 60 70 80 90 100 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 Kapazitätsauslastung Mittelwert seit 1992 Quelle: ifo Institut Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland, % Auslastung liegt über dem langjährigen Durchschnitt 11 0 10 20 30 CZ HU DE PL IT EU ES FR UK Quelle: Eurostat Industrieanteil unterscheidet sich deutlich 12 Anteil des Verarb. Gew. an gesamtwirtschaftlicher Bruttowertschöpfung, 2016, % Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 17 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland und ist, zumal sie als wichtiger Aufraggeber für unternehmensnahe Dienstleis- tungen fungiert und damit auf andere Sektoren ausstrahlt. Für den Binnenkon- sum ist relevant, dass die Löhne in der (deutschen) Industrie höher ausfallen als in vielen Dienstleistungsbranchen. West-Ostverschiebung dürfte sich fortsetzen, aber verlangsamt Aus heutiger Sicht spricht viel dafür, dass sich die industriellen Marktanteile in- nerhalb der EU auch in den kommenden Jahren von Westen nach Osten ver- schieben werden. Vor allem die Lohnkostenvorteile in Osteuropa sind hierfür ein wichtiger Grund, wenngleich das Beispiel Deutschland zeigt, dass hohe Arbeits- kosten durch andere Faktoren kompensiert werden können. Die Dynamik der West-Ostverschiebung dürfte jedoch nachlassen. So haben die westeuropäischen EU-Länder ihre industriellen Lohnstückkosten in den letz- ten Jahren in den Griff bekommen. Zudem dürften die Lohnzuwächse – nicht zuletzt basisbedingt – in den kommenden Jahren in Osteuropa höher ausfallen als im Westen. Die negative demografische Entwicklung in Osteuropa dürfte fer- ner dazu führen, dass der Fachkräftemangel in Osteuropa früher ein limitieren- der Faktor für eine weitere Expansion der industriellen Fertigung sein könnte. Positiv für westeuropäische Standorte ist ebenfalls, dass sie im Vergleich zu den östlichen EU-Ländern die größeren Absatzmärkte bilden, was für manche Industriebranchen ein wichtiges Kriterium für Investitionsentscheidungen ist. Letztlich zeigen die Produktionsverläufe in der Industrie in den hier betrachteten westlichen EU-Ländern seit etwa 2014/15 tendenziell wieder nach oben. Dieser Aufwärtstrend dürfte sich 2018 fortsetzen. Natürlich sind (nicht nur) in Westeuropa weitere Wirtschaftsreformen nötig, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Dabei sitzt die Konkurrenz nicht nur in den östlichen EU-Ländern, sondern auch im Nicht-EU-Europa, in den USA sowie in Asien. Die Globalisierung wird den Volkswirtschaften jeden- falls wenig Zeit für Verschnaufpausen geben, weshalb Politik und Unternehmen ihre Reformbemühungen sowie die Anstrengungen zur Verbesserung von Pro- duktivität und Innovationskraft verstetigen müssen. Das Erstarken politischer Extreme in der EU zeigt jedoch auch, dass sich die Politik mehr um jene Men- schen kümmern muss, für die die Globalisierung eher mit unliebsamen Verän- derungen und höherer Unsicherheit einhergeht. Langfristig helfen hier vor allem höhere Ausgaben für Bildung. Auch die Unternehmen sind in Sachen Weiterbil- dung in der Pflicht. Besser ausgebildete Arbeitskräfte sind auch deshalb nötig, weil die Industrie in der EU auch künftig vor allem in der Hochtechnologie und der mittleren Hochtechnologie die besten Wachstumschancen hat. Schon in den letzten Jahren entwickelte sich hier die Produktion deutlich besser als in den technologisch weniger anspruchsvollen Industriezweigen. Der EU insgesamt ist es in den letzten Jahren gelungen, den langfristigen Trend eines sinkenden Industrieanteils an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung zu stoppen. Dies war und ist erklärtes politisches Ziel. Dennoch wird das 2012 formulierte Ziel der EU, den Industrieanteil bis 2020 auf 20% zu erhöhen (2016: 16,1%), nicht erreicht. Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com) 70 80 90 100 110 120 130 140 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 DE FR IT ES PL CZ HU Divergierende Lohnstückkosten 13 Lohnstückkosten im Verarbeitenden Gewerbe, Index: 2002=100 Quelle: EZB Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 18 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland EZB: Bloß kein „Taper-Tantrum!“ — Wenn die EZB wollte, dass ihre Politikanpassung auf keinen Fall zum Thema wird, hat sie ihr Ziel in vollem Umfang erreicht. Auch wenn wichtige politische Entscheidungen bekannt gegeben wurden, war der Markt durch die frühzeitige, klare Kommunikation gut darauf vorbereitet. Die EZB- Einschätzungen wurden moderat heraufgesetzt, was beim Wachstum stär- ker als bei der Inflation ausfiel. Weiterhin lockere finanzielle Bedingungen sind wichtig, damit sich die Inflation normalisieren kann. Wie zuvor kommu- niziert senkte die EZB das monatliche Nettovolumen der QE-Käufe deutli- cher als ursprünglich erwartet (von EUR 60 Mrd. auf EUR 30 Mrd. statt auf EUR 40 Mrd.), wird sie dafür aber länger fortsetzen (neun Monate statt sechs). QE und die QE-Forward Guidance bleiben zeitlich unbegrenzt. — Mit dem stärkeren Fokus weg von Kapitalfluss- hin zu Bestandsgrößen und Reinvestitionen innerhalb des Wertpapierkaufprogramms („Asset Purchase Programme“, „APP“) war gerechnet worden, der Schwenk weg vom APP und hin zur Zinspolitik und Zinsguidance fiel jedoch weniger klar aus als von uns erwartet. Wir hatten vermutet, dass die EZB stärker auf die Zinspolitik setzen werde, waren jedoch angesichts der Makro-Fundamentaldaten skep- tisch, ob dies Erfolg haben werde. Wir erwarten die erste Leitzinsanhebung weiterhin für Mitte 2019. Unser SIREN-Momentum-Indikator ist aus seinem Korridor, in dem er sich seit April bewegt, nach oben ausgebrochen, was auf eine mögliche weitere Beschleunigung des Wachstumstempos sowie auf Aufwärtsrisiken für die Wachstumserwartungen hindeutet. Dies spricht dafür, dass der Markt stärker auf Anzeichen für eine raschere Normalisie- rung der Inflation reagiert. — Aber damit man realistisch mit dem Eintreten eines falkenhafteren Szena- rios rechnen kann, muss zuerst eine Frage beantwortet werden – und zwar nicht, warum sich die Inflation so langsam beschleunigt, sondern warum die Binnennachfrage trotz des schwachen Kreditimpulses robust ist. Angesichts des Nachfragestaus könnte das BIP-Wachstum noch längere Zeit lang kräf- tig bleiben, zumal das hohe Exportwachstum die Erholung der Investitions- ausgaben weiterhin stützen könnte. Dies muss jedoch finanziert werden. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass die spürbare Erholung noch längere Zeit anhält, wenn sich die monatliche Bankenkreditvergabe nicht belebt. Die EZB hat ihre Aufgabe nach ihrem Dafürhalten gut gelöst In den vergangenen Monaten legte der Rat viel Wert auf eine klare und konsis- tente Kommunikation, um den Ausstieg so zu gestalten, dass es nicht zu hefti- gen Ausschlägen (einem „Taper Tantrum“) an den Märkten kommt. Die seit der vorhergehenden Ratssitzung gehaltenen Reden wurden vom Markt entspre- chend interpretiert, insbesondere in Bezug auf den Zusammenhang zwischen dem Volumen und der Dauer der Wertpapierkäufe, und die EZB verhielt sich wie vom Marktkonsens erwartet: Sie verlängerte die QE um neun Monate mit einem Volumen von EUR 30 Mrd. pro Monat und ließ das Ende offen. Etwas optimistischere Einschätzung der wirtschaftlichen Lage Die EZB äußerte sich positiver zur Wachstums- und (in etwas geringerem Maße) zur Inflationsentwicklung, änderte jedoch nichts an der Risikogewichtung. Derzeit expandiert das BIP im Euroraum kräftig, und die EZB erwartet, dass sich dies in H2 fortsetzen wird. Zwar nahm die EZB die moderate Beschleunigung des Inflationstrends im bisherigen Jahresverlauf sowie die höhere Lohninflation Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 19 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland zur Kenntnis, geht jedoch weiterhin von einer verhaltenen Inflation aus. Insge- samt hält sie nach wie vor sehr günstige finanzielle Bedingungen und umfang- reiche geldpolitische Impulse für erforderlich. Dabei blieb die zuerst erwähnte Formulierung im Vergleich zum September unverändert, bei der letzteren fand eine Abschwächung gegenüber „sehr erheblich“ (September) statt. Verschiebung der geldpolitischen Akzente, damit die finanziellen Bedingungen locker bleiben Vor der EZB-Sitzung schrieben wir, die EZB werde bei der Pressekonferenz wahrscheinlich zwei politische Schwenks einleiten: erstens eine Umstellung in- nerhalb des APP von Fluss- auf Bestandsgrößen (einschließlich Reinvestitio- nen) und zweitens vom APP weg und hin zur Zinspolitik und Zinsguidance. Vor allem auf Letztere sollte besonderes Gewicht gelegt werden, um zu betonen, dass die Zinsen noch längere Zeit niedrig bleiben sollten. So geschah es auch, jedenfalls in gewissem Umfang. Die Presseerklärung enthielt einen neuen Satz, in dem die geldpolitische Haltung als Funktion der zusätzlichen Nettowertpapier- käufe (d.h. der Kapitalflüsse), des beträchtlichen Bestands an erworbenen Ver- mögenswerten und der anstehenden Reinvestitionen (d.h. der Bestandsgröße) und der Forward Guidance zu den Zinsen definiert wurde. Draghis Äußerung, es bestehe breiter Konsens darüber, dass das Ende der QE offen gelassen und die QE nicht plötzlich beendet werde, entsprach ebenfalls unserer Prognose, dass die QE voraussichtlich im Dezember 2018 beendet wird. Die Aussage, dass die Zinsen noch längere Zeit niedrig bleiben, wurde weniger betont als erwartet Die Definition der Formulierung „deutlich darüber hinaus“ wurde in der Frage- und-Antwort-Runde etwas abgemildert, in der Draghi sagte, die Formulierung solle für eine solche Verankerung der kurzfristigen Zinsen sorgen, dass das In- flationsziel gestützt werde. Allerdings wurde der Reihenfolge der geldpolitischen Ausstiegsschritte, die auf längere Sicht für niedrige Zinsen sorgen sollen, weni- ger Aufmerksamkeit geschenkt als erwartet. Ob dies darauf zurückzuführen ist, dass Draghi und/oder der Rat mit den Marktprognosen zufrieden waren, oder ob dies ein Kompromiss mit den Falken war, ist nicht klar. Draghi sagte, dass die Abfolge der Ausstiegsschritte zu den beiden Themen gehört habe, die der Rat nicht diskutiert habe (das andere waren die Parameter der QE). Wir interpretie- ren diese Aussage so, dass eine baldige Anhebung des Einlagensatzes ganz klar nicht auf dem Plan steht (wir haben unsere entsprechende Prognose vor Kurzem aufgegeben). Wie geht es weiter? Risiko eines falkenhaften Marktes Diese Bekanntgaben wurden sehr sorgfältig formuliert, um eine negative Markt- reaktion zu vermeiden. Nun besteht das Risiko, dass der Markt falkenhafter wer- den könnte. Die Konjunkturerholung zieht tatsächlich an und die EZB steigt aus der akkommodierenden Geldpolitik aus. Unser SIREN-Momentum-Indikator ist in der vergangenen Woche nach oben aus dem Korridor ausgebrochen, in dem er sich seit April bewegt, was auf eine mögliche weitere Beschleunigung des Wachstumstempos sowie auf Aufwärtsrisiken für die Wachstumserwartungen hindeutet. Wie wir vor der EZB-Sitzung erläutert haben, spricht unsere modifi- zierte Taylor-Regel dafür, dass die Phase der unkonventionellen Geldpolitik be- reits im Jahr 2017 und nicht erst im Jahr 2018 beendet werden sollte. Zugleich wird wieder eine expansivere Fiskalpolitik verfolgt. Dies spricht für eine Neuaus- balancierung des Policy-Mix und ein zunehmendes Risiko, dass die Politik pro- zyklisch agiert. Letztendlich dürfte der Markt daher sensibler auf Anzeichen für Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 20 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland eine raschere Normalisierung der Inflation reagieren. Wir erwarten die erste Zinserhöhung für Mitte 2019, also 3 - 6 Monate früher als der Markt. (Der Markt rechnet jetzt früher mit einem ersten Zinsschritt als vor der EZB-Sitzung). Das Problem der Kreditvergabe Allerdings muss zuerst eine Frage beantwortet werden – und sie lautet nicht, warum die Inflation nicht höher liegt (die Inflation, einschließlich der Lohninfla- tion, beschleunigt sich; vgl. unsere Ausführungen vor der EZB-Sitzung). Nein, sie lautet vielmehr: Wie kann das BIP bei einem so geringen Kreditimpuls so rasch wachsen? Die Realwirtschaft braucht einen finanziellen Gegenpart. In die- sem Jahr ist jedoch ganz klar eine Lücke zwischen dem kräftigen Wachstum der Binnennachfrage und einem langsameren Kreditimpuls entstanden. Den jüngs- ten Kreditdaten zufolge handelt es sich bei dem Anstieg des Kreditimpulses le- diglich um die Korrektur eines Basiseffekts. Die monatlichen Kapitalflüsse be- schleunigen sich jedoch nicht so stark wie es nötig wäre, um die Erwartungen im Basisszenario (BIP-Wachstum von ca. 2%) zu rechtfertigen, ganz zu schwei- gen von Aufwärtsrisiken für das Wachstum. Erholung der Bankenkreditvergabe erforderlich Die Lücke lässt sich durch zwei Faktoren erklären. Erstens finanzieren sich die Unternehmen im Zuge des CSPP wahrscheinlich inzwischen stärker über Anlei- hen als über Kredite (für die Standardberechnung des Kreditimpulses verwen- den wir jedoch Kreditdaten). Zweitens haben die Unternehmen ihre finanziellen Überschüsse ausgegeben, also ihre Gewinne nicht gehortet. Wenn die QE aus- läuft und die Nettokreditaufnahme der Unternehmen gesunken ist, müssen die Unternehmen für eine weitere Expansion Kredite aufnehmen. Die Banken sind sicherlich bereit, diese Mittel bereitzustellen; dies führt jedoch dazu, dass Wachstum auf Kosten der Bilanzqualität erzielt wird. Angesichts des Nachfrage- staus könnte das BIP-Wachstum noch längere Zeit lang kräftig bleiben, zumal das hohe Exportwachstum die Erholung der Investitionsausgaben weiterhin stützten dürfte. Falls jedoch ein kräftigeres Wachstum die EZB dazu veranlasst, rascher aus der unkonventionellen Geldpolitik auszusteigen, könnten die restrik- tiveren finanziellen Bedingungen das Wachstum wieder dämpfen. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass die spürbare Erholung noch längere Zeit anhält, wenn sich die monatliche Bankenkreditvergabe nicht belebt. Mark Wall (+44 20 754-52087, mark.wall@db.com) Stefan Schneider (+49 69 910-31790, stefan-b.schneider@db.com) Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 21 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland DB Makro-Überraschungsindex Deutschland Der DB Makro-Überraschungsindex vergleicht den Wert der veröffentlichten Konjunkturdaten mit den Markterwartun- gen und liefert damit Hinweise über die Richtung künftiger Prognoseanpassungen. Neu berechnet von Marc Schattenberg und Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) Quelle: Heiko Peters (2014). DB Makro-Überraschungsindex Deutschland. Ausblick Deutschland, 4. August 2014. Letzte 20 veröffentlichte deutsche Konjunkturdaten DX -0,5 -0,4 -0,3 -0,2 -0,1 0,0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 14 15 16 17 DB Makro-Überraschungsindex +/- 1 Standardabweichung DB Makro-Überraschungsindex Deutschland Durchschnitt der z - Werte der vergangenen 20 Datenüberraschungen Werte über (unter) 0 bedeuten über (unter) der Markterwartung liegende Datenveröffentlichungen Quellen: Bloomberg Finance LP, Deutsche Bank Research Bloomberg Ticker Indikator Berichts- monat Veröffentlich- ungsdatum Aktueller Wert Bloomberg Konsensus Überra- schung Standardisierte Überraschung Quantils- rang GRCP20YY Index VPI (% gg. Vj.) 8 2017 13/09/2017 1.8 1.8 0.0 0.2 0.3 GRZECURR Index ZEW - Konjunktur (Situation) 9 2017 19/09/2017 87.9 86.2 1.7 0.1 0.6 GRZEWI Index ZEW - Konjunktur (Erw artungen) 9 2017 19/09/2017 17.0 12.0 5.0 0.6 0.8 GRIFPBUS Index ifo Geschäftsklimaindex 9 2017 25/09/2017 115.3 116.0 -0.7 -0.7 0.2 GRIMP95Y Index Importpreise (% gg. Vj.) 8 2017 26/09/2017 2.1 2.1 0.0 0.3 0.6 GRUECHNG Index Veränderung Arbeitslose (Tsd. gg. Vm.) 9 2017 29/09/2017 -22.0 -5.0 17.0 0.5 0.7 GRFRIAMM Index Einzelhandelsumsätze (% gg. Vm.) 8 2017 29/09/2017 -0.2 0.5 -0.7 -0.3 0.3 MPMIDEMA Index PMI Verarbeitendes Gew erbe 9 2017 02/10/2017 60.6 60.6 0.0 0.0 0.4 MPMIDESA Index PMI Dienstleistungssektor 9 2017 04/10/2017 55.6 55.6 0.0 0.0 0.5 GRIORTMM Index Auftragseingänge (% gg. Vm.) 8 2017 06/10/2017 3.6 0.7 2.9 1.3 0.9 GRIPIMOM Index Industrieproduktion (% gg. Vm.) 8 2017 09/10/2017 2.6 0.9 1.7 1.5 0.9 GRCAEU Index Leistungsbilanzsaldo (EUR Mrd.) 8 2017 10/10/2017 17.8 17.0 0.8 -0.1 0.5 GRCP20YY Index VPI (% gg. Vj.) 9 2017 13/10/2017 1.8 1.8 0.0 0.2 0.3 GRZEWI Index ZEW - Konjunktur (Erw artungen) 10 2017 17/10/2017 17.6 20.0 -2.4 -0.3 0.4 GRZECURR Index ZEW - Konjunktur (Situation) 10 2017 17/10/2017 87.0 88.5 -1.5 -0.3 0.3 MPMIDESA Index PMI Dienstleistungssektor 10 2017 24/10/2017 55.2 55.5 -0.3 -0.3 0.3 MPMIDEMA Index PMI Verarbeitendes Gew erbe 10 2017 24/10/2017 60.5 60.5 0.0 0.0 0.4 GRIFPBUS Index ifo Geschäftsklimaindex 10 2017 25/10/2017 116.7 115.1 1.6 1.0 0.9 GRIMP95Y Index Importpreise (% gg. Vj.) 9 2017 27/10/2017 3.0 2.6 0.4 0.6 0.9 GRFRIAMM Index Einzelhandelsumsätze (% gg. Vm.) 9 2017 30/10/2017 0.5 0.5 0.0 0.3 0.6 Quellen: Bloomberg Finance LP, Deut sche Bank Research Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 22 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Deutscher Exportindikator Der Exportindikator identifiziert die Auswirkungen von globalen Nachfrageveränderungen und von Währungs- bewegungen (Preisimpuls) auf die deutschen Exporte. 4 Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) 4 Siehe für Details Ausblick Deutschland, 3. März 2016. Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 23 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Dieter Bräuninger (+49 69 910-31708, dieter.braeuninger@db.com) Deutschland: Termine der Finanz-, Wirtschafts- und Europapolitik DX Datum Ereignis Anmerkungen 6./7. Nov. Eurogruppe und ECOFIN, Brüssel (Möglicherweise) Debatte über wirtschaftliche Lage – Herbstprognose 2017 der Kommission und Inflationsentwicklung, thematische Debatte über Wachstum und Beschäftigung – Qualität öffentlicher Finanzen: Investitionen in Humankapital u.a. 4. Dez. Eurogruppe und ECOFIN, Brüssel U.a. thematische Debatte über Wachstum und Beschäftigung: Abgabenkeil – Wiedervorlage Benchmarking. Spanien und Zypern: 8. bzw. 3. Überprüfung im Rahmen der Überwachung nach Abschluss des Anpassungsprogramms. 14. Dez. Sitzung des EZB-Rates, Pressekonferenz Überprüfung des geldpolitischen Kurses. Am 26. Oktober agierte die EZB wie von den Märkten erwartet. Sie kündigte an, die Anleihekäufe im Rahmen des QE-Programms ab Januar zu vermindern (von EUR 60 Mrd auf 30 Mrd) und das Programm um 9 Monate bis einschließl. September 2018 zu stre- cken, und sie hielt das Ende der unkonventionellen Geldpolitik offen. 14./15. Dez. Europäischer Rat, Brüssel Debatten über Lage u. Zukunft der EU, über Brexit-Verhandlungen und inter- nationale Beziehungen. 15./16. Dez. (Möglicherweise) Parteitage von CDU und CSU Aussprache und Abstimmung über Ergebnisse der Verhandlungen zur Bil- dung einer Regierungskoalition von CDU/CSU, FDP und Grünen. Ab Mitte Dez. (Möglicherweise) FDP und Grüne Mitgliederbefragung Abstimmung über Ergebnisse der Verhandlungen zur Bildung einer Regie- rungskoalition von CDU/CSU, FDP und Grünen. Bis Mitte Jan. 2018 (Voraussichtlich) Wahl der Bundeskanzlerin Aus heutiger Sicht erscheint es wahrscheinlich, dass die Abgeordneten von CDU/CSU, FDP und Grünen Angela Merkel zur Bundeskanzlerin wählen werden. Damit würde ihre vierte Amtszeit beginnen. 25. Jan. 2018 Sitzung des EZB-Rates, Pressekonferenz Überprüfung des geldpolitischen Kurses. (Siehe Eintrag 14. Dez.) Quelle: Deutsche Bank Research Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 24 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Marc Schattenberg, Sebastian Becker & Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) Deutschland: Datenkalender DX Datum Uhrzeit Daten Berichtszeitraum DB Schätzung Letzter Wert 6 Nov 2017 8:00 Auftragseingang im Ver. Gewerbe (% gg. Vm., sb.) September -0,3 3,6 7 Nov 2017 8:00 Industrieproduktion (% gg. Vm., sb.) September -0,2 2,6 9 Nov 2017 8:00 Handelsbilanz (EUR Mrd., sb.) September 19,7 21,7 9 Nov 2017 8:00 Warenexporte (% gg. Vm., sb.) September -0,1 2,9 9 Nov 2017 8:00 Warenimporte (% gg. Vm., sb.) September 2,1 1,1 14 Nov 2017 8:00 Reales BIP (% gg. Vq., sb.) Q3 2017 0,6 0,6 23 Nov 2017 8:00 Reales BIP (% gg. Vq., sb.) - Details Q3 2017 0,6 0,6 23 Nov 2017 9:30 PMI Verarbeitendes Gewerbe (Flash) November 60,0 60,6 23 Nov 2017 9:30 PMI Dienstleistungssektor (Flash) November 55,0 55,2 24 Nov 2017 10:30 ifo Geschäftsklima (Index, sb.) November 116,0 116,7 29 Nov 2017 14:00 Vorläufiger VPI (% gg. Vj., sb.) November 1,5 1,6 30 Nov 2017 8:00 Einzelhandelsumsätze (Index, sb.), % gg. Vm.* Oktober -0,2 0,5 30 Nov 2017 09:55 Arbeitslosenrate (%, sb.) November 5,6 5,6 *lt. Statistischem Bundesamt auch früherer Veröffentlichungstermin möglich Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit, ifo, Markit Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 25 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Finanzmarktprognosen DX US JP EWU GB CH SE DK NO PL HU CZ Leitzinssatz, % Aktuell 1,125 -0,10 0,00 0,50 -0,75 -0,50 0,05 0,50 1,50 0,03 0,25 Dez 17 1,375 -0,10 0,00 0,50 -0,75 -0,50 0,05 0,50 1,50 0,03 0,50 Mrz 18 1,375 -0,10 0,00 0,50 -0,75 -0,50 0,05 0,50 1,50 0,03 0,50 Jun 18 1,625 -0,10 0,00 0,50 -0,75 -0,50 0,05 0,50 1,50 0,05 0,75 3M Geldmarktsatz, % Aktuell 1,38 0,06 -0,34 0,45 Dez 17 1,58 0,05 -0,30 0,50 Mrz 18 1,58 0,05 -0,30 0,55 Jun 18 1,83 0,05 -0,30 0,55 Rendite 10J Staatsanleihen, % Aktuell 2,38 0,06 0,28 1,35 Dez 17 2,62 0,00 0,60 1,45 Mrz 18 2,69 0,00 0,65 1,65 Jun 18 2,75 0,00 0,70 1,75 Wechselkurse EUR/USD USD/JPY EUR/GBP GBP/USD EUR/CHF EUR/SEK EUR/DKK EUR/NOK EUR/PLN EUR/HUF EUR/CZK Aktuell 1,16 114,02 0,87 1,33 1,16 9,72 7,44 9,46 4,23 311,75 25,56 Dez 17 1,17 116,00 0,91 1,29 1,05 9,50 7,46 9,75 4,23 310,00 26,00 Mrz 18 1,18 117,00 0,92 1,28 1,06 9,38 7,46 9,69 4,25 312,50 25,93 Jun 18 1,19 118,00 0,93 1,28 1,08 9,25 7,46 9,63 4,26 315,00 25,85 Quellen: Bloomberg Finance LP, Deutsche Bank Research Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 26 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Deutschland: Datenmonitor DX Q4 2016 Q1 2017 Q2 2017 Q3 2017 Q4 2017 Jun 2017 Jul 2017 Aug 2017 Sep 2017 Okt 2017 Nov 2017 Konjunkturumfragen Gesamtwirtschaft ifo Geschäftsklima 110,6 111,2 114,3 115,8 115,2 116,1 116,0 115,3 116,7 ifo Geschäftserwartungen 105,4 104,3 106,2 107,5 106,7 107,3 107,8 107,5 109,1 Produzierendes Gewerbe ifo Verarbeitendes Gewerbe 105,3 106,2 109,6 111,9 110,4 112,1 112,3 111,3 112,7 Produktion (% gg. Vp.) 0,0 1,2 1,9 -1,0 -0,1 2,6 Auftragseingang (% gg. Vp.) 4,2 -1,0 0,8 0,9 -0,4 3,6 Grad der Kapazitätsauslastung 85,6 85,9 86,0 86,7 87,1 Bauhauptgewerbe Produktion (% gg. Vp.) -1,6 4,6 5,2 -0,9 0,0 0,0 Auftragseingang (% ggü. Vp.) 8,1 0,4 -3,0 3,1 -0,5 -3,2 ifo Bauhauptgewerbe 129,4 128,5 130,4 133,0 130,5 131,6 133,4 134,1 134,9 Konsumentennachfrage EC Konsumentenbefragung -1,5 -0,6 3,6 4,1 5,0 5,2 3,3 3,9 5,2 Einzelhandelsumsätze (% gg. Vp.) 1,5 0,3 1,4 0,2 1,0 -0,5 -0,2 0,5 Neuzulassungen PKW (% gg. Vj.) -0,3 6,7 0,0 0,3 -3,5 1,5 3,5 -3,3 Außenhandel Auslandsaufträge (% gg. Vp.) 3,1 -0,4 1,1 -1,9 0,3 4,3 Exporte (% gg. Vp.) 2,3 3,0 1,5 -2,8 0,4 2,9 Importe (% gg. Vp.) 3,3 3,7 1,4 -4,4 2,3 1,1 Nettoexporte (EUR Mrd.) 59,3 59,4 60,6 21,0 19,5 21,7 Arbeitsmarkt Arbeitslosenquote (%) 6,0 5,9 5,7 5,7 5,7 5,7 5,7 5,6 Veränderung Arbeitslosigkeit (Tsd. gg. Vp.) -28,3 -59,0 -43,3 -20,7 5,0 -10,0 -6,0 -22,0 Beschäftigung (% gg. Vj.) 1,3 1,5 1,5 1,5 1,5 1,5 1,5 1,5 ifo Beschäftigungsbarometer 111,1 110,3 111,1 111,9 111,0 112,1 111,2 112,3 112,0 Preise, Löhne und Arbeitskosten Preise HVPI (% gg. Vj.) 1,0 1,9 1,6 1,7 1,5 1,5 1,8 1,8 1,5 Kern-HVPI (% gg. Vj.) 1,2 1,0 1,4 1,5 1,5 1,5 1,5 1,5 Harmonisierter PPI (% gg. Vj.) 0,2 2,8 2,8 2,7 2,4 2,3 2,6 3,1 Rohstoffe ohne Energie (% gg. Vj.) 19,2 32,7 8,9 4,2 2,0 2,7 4,8 5,3 0,7 Rohöl, Brent (USD/Bbl) 51,1 54,5 50,8 52,2 47,6 49,1 51,9 55,5 57,6 60,5 Inflationserwartungen EC Haushaltsumfrage 10,0 18,9 17,6 16,3 17,9 15,1 15,8 18,1 16,0 EC Unternehmensumfrage 6,2 13,0 12,2 11,7 11,4 11,9 10,4 12,8 12,3 Lohnstückkosten (gg. Vj.) Lohnstückkosten 2,2 1,0 2,5 Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer 2,2 2,5 2,4 Arbeitnehmerentgelt je Stunde 3,8 1,0 3,8 Monetärer Sektor (gg. Vj.) M3 5,7 6,0 5,6 4,7 5,6 4,6 4,7 4,7 Trend von M3* 5,2 5,0 5,0 4,7 Kredite an Unternehmen und Privatpersonen 2,9 3,3 3,8 3,9 3,8 3,8 3,8 3,9 Kredite an öffentliche Haushalte 8,9 21,0 4,1 5,5 4,1 0,3 -7,5 5,5 % gg. VP = Veränderung gegenüber der Vorperiode; * zentrierter 3M-Durchschnitt Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Bundesbank, Europäische Kommission, Eurostat, Statistisches Bundesamt, HWWI, ifo, Markit Konjunktureller Rückenwind für Koalitionsverhandlungen 27 | 3. November 2017 Ausblick Deutschland Ausblick Deutschland Unsere Publikationen finden Sie unentgeltlich auf unserer Internetseite www.dbresearch.de Dort können Sie sich auch als regelmäßiger Emp- fänger unserer Publikationen per E-Mail eintra- gen. Für die Print-Version wenden Sie sich bitte an: Deutsche Bank Research Marketing 60262 Frankfurt am Main Fax: +49 69 910-31877 E-Mail: marketing.dbr@db.com Schneller via E-Mail: marketing.dbr@db.com * Konjunktureller Rückenwind für Koalitions- verhandlungen ....................................................... 3. November 2017 * Jamaika-Koalition dürfte kein Füllhorn ausschütten ..... 6. Oktober 2017 * Konjunkturboom – noch ohne Lohndruck ................ 6. September 2017 * Konjunkturboom kein Grund für fiskalische Selbstzufriedenheit ....................................................... 8. August 2017 * Überhitzungsrisiken drohen .............................................. 7. Juli 2017 * Robuste Konjunktur unterstützt Merkels Wiederwahl ......... 6. Juni 2017 * Positive Signale ................................................................. 8. Mai 2017 * Öffentliche Investitionen und Wohnungsbau ziehen an ......................................................................... 7. April 2017 * Wachstum und Inflation dürften EZB noch kalt lassen ..................................................... 22. März 2017 * Risiken für den Export – trotz unterstützender EZB ................................................... 30. Januar 2017 © Copyright 2017. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. 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