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29. August 2016
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Vor knapp vier Jahren hatte sich die EU-Kommission das Ziel gesetzt, den Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Bruttowertschöpfung von damals 15,5% auf 20% bis 2020 zu erhöhen. Dieses Ziel wird voraussichtlich verfehlt. Denn 2015 lag der Industrieanteil erst bei 15,6% und damit kaum höher als 2012. Aber: Der Industrieanteil in der EU ist seit 2012 zumindest nicht mehr weiter gesunken. Ferner nahm die industrielle Bruttowertschöpfung in der EU in den letzten Jahren sowohl in nominaler als auch in realer Betrachtung (leicht) zu. In einzelnen EU-Staaten hat sich die Bedeutung der Industrie sehr unterschiedlich entwickelt. Auffällig ist, dass der Industrieanteil in den drei großen osteuropäischen EU-Ländern seit 2012 stark zugenommen hat. Leichte Zugewinne verzeichnen Spanien und Italien. In Deutschland ist der Industrieanteil 2015 leicht gesunken, er liegt mit 22,8% aber noch immer weit über dem EU-Durchschnitt. [mehr]
PROD0000000000447588 1   |    29. August 2016Aktueller Kommentar 29. August 2016 Industrieanteil in der EU sta­ bilisiert sich Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Eric Heymann +49(69)910-31730 eric.heymann@db.com Vor knapp vier Jahren hatte sich die EU­Kommission das Ziel gesetzt, den An­ teil des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Bruttowertschöpfung von damals 15,5% auf 20% bis 2020 zu erhöhen. Dieses Ziel wird voraussichtlich verfehlt. Denn 2015 lag der Industrieanteil erst bei 15,6% und damit kaum hö­ her als 2012. Aber: Der Industrieanteil in der EU ist seit 2012 zumindest nicht mehr weiter gesunken. Ferner nahm die industrielle Bruttowertschöpfung in der EU in den letzten Jahren sowohl in nominaler als auch in realer Betrachtung (leicht) zu. In einzelnen EU-Staaten hat sich die Bedeutung der Industrie sehr unterschiedlich entwickelt. Auffällig ist, dass der Industrieanteil in den drei gro­ ßen osteuropäischen EU­Ländern seit 2012 stark zugenommen hat. Leichte Zu­ gewinne verzeichnen Spanien und Italien. In Deutschland ist der Industrieanteil 2015 leicht gesunken, er liegt mit 22,8% aber noch immer weit über dem EU- Durchschnitt. Die EU-Kommission hatte sich im Herbst 2012 das Ziel gesetzt, den Anteil des Verarbeitenden Gewerbes (im Folgenden auch als Industrie bezeichnet, NACE- Code C) an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung der EU auf 20% zu erhöhen. Damals lag der Industrieanteil bei 15,5%; er war in den Jahren zuvor tendenziell gesunken (Anteil 1995: 19,8%). Um dieses Ziel zu erreichen, setzte die EU u.a. auf mehr Investitionen in neue Technologien, eine Stärkung des EU- Binnenmarktes oder verbesserte Finanzierungsmöglichkeiten gerade für kleine und mittelständische Unternehmen. Die höhere Wertschätzung für die Industrie von Seiten der Politik hatte und hat mehrere Gründe: So verzeichnete Deutsch­ land auch dank seines hohen Industrieanteils sowie der internationalen Wettbe­ werbsfähigkeit industrieller Unternehmen in den Jahren nach der Wirtschaftskri­ se 2008/09 höhere Wachstumsraten als viele andere EU­Länder. Zudem er­ kennt die Politik zunehmend an, dass Unternehmen des Verarbeitenden Gewer­ bes einen hohen Anteil an den F&E­Ausgaben der Wirtschaft haben. Beispiels­ weise liegt dieser Anteil in Deutschland regelmäßig über 80%. Starke Industrie­ unternehmen sind ferner wichtige Auftraggeber für unternehmensnahe Dienst­ leister und können aufgrund ihrer überdurchschnittlich hohen Exportorientierung neue Absatzmärkte erschließen. Industrieanteil in der EU stabilisiert sich 2   |    29. August 2016Aktueller Kommentar Zwischen der Zielformulierung durch die EU im Herbst 2012 und dem Jahr 2020 ist beinahe die Hälfte der Zeit verstrichen. Insofern lohnt sich ein Zwischenfazit. Gemessen am angestrebten Industrieanteil fällt dabei das erste Urteil negativ aus. 2015 betrug der Anteil der Industrie an der gesamten Bruttowertschöpfung der EU „nur“ 15,6%; dem eigentlichen Ziel ist man also kaum näher gekommen. Dass das ursprüngliche politische Ziel ohnehin überambitioniert ausfiel, ver­ deutlicht folgende Beispielrechnung: Wenn ab 2012 die Bruttowertschöpfung al­ ler Wirtschaftsbereiche außer dem Verarbeitenden Gewerbe um 1% p.a. ge­ wachsen wäre, hätte die Industrie pro Jahr um 5% wachsen müssen, um bis 2020 auf den angestrebten Anteil von 20% zu kommen. Die Entwicklung seit 2012 lässt sich aber auch positiver interpretieren. Denn zum einen ist der Indus­ trieanteil in den letzten Jahren zumindest nicht mehr weiter gesunken. Zum an­ deren nahm die absolute Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe der EU zwischen 2012 und 2015 sowohl in realer (+3,8%) als auch in nominaler Be­ trachtung (+9%) zu. Dies ist wahrlich keine berauschende Dynamik, aber im­ merhin konnte die Industrie mit dem Wachstumstempo der Dienstleistungssek­ toren mithalten, was ihr in den Jahren vor der globalen Wirtschaftskrise 2008/09 nicht gelungen war. Industrieanteil steigt in vielen osteuropäischen Ländern Ein Blick auf die großen EU-Länder zeigt, dass sich der Industrieanteil seit 2012 unterschiedlich entwickelt hat. Auffällig ist, dass der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung in den drei großen osteuropäischen Ländern (Polen, Tschechien, Ungarn) zum Teil spürbar gestiegen ist; in Tschechien beispielswei­ se um 2,3%-Punkte. Hier zeigt sich die anhaltende Integration dieser Staaten in die globalen industriellen Wertschöpfungsketten. In diesen drei Volkswirtschaf­ ten nahm die absolute Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes je­ weils sehr viel stärker zu als im Durchschnitt der EU. Deutlich weniger Verände­ rungen beim Industrieanteil gab es in den großen westeuropäischen Ländern. Italien, Spanien und Deutschland verzeichneten ein Plus von 0,4%-, 0,2%- bzw. 0,1%-Punkten; Frankreich und UK ein Minus von 0,1%-Punkten. In Frankreich, Italien und Spanien konnte damit in den letzten Jahren der zuvor zu beobach­ tende langjährige Bedeutungsverlust der Industrie gestoppt werden. Gleichwohl fiel der nominale Zuwachs der Bruttowertschöpfung zwischen 2012 und 2015 in diesen Ländern nur etwa halb so hoch aus wie im Mittel der EU. Dies spiegelt zum einen die insgesamt nur geringe wirtschaftliche Dynamik der betreffenden Länder wider. Zum anderen verdeutlicht es die Tatsache, dass der private Ver­ brauch im Betrachtungszeitraum der Hauptwachstumstreiber war, wovon ten­ denziell Dienstleistungen stärker profitieren. Dagegen entwickelten sich die In­ vestitions- und Exportnachfrage, traditionelle Domänen der Industrie, bis zuletzt schwach. Deutschland kommt trotz leichter Verluste im Jahr 2015 noch immer auf einen hohen Industrieanteil (2015: 22,8%). Der nominale Zuwachs seit 2012 liegt etwas über dem Durchschnitt der EU (+10,5% versus +9%). In Summe ist der Industrieanteil zwischen 2012 und 2015 in 11 von 28 EU­Ländern gesun­ ken, in drei Ländern hat er stagniert (dabei liegen noch keine Daten für Bulgari­ en und Rumänien vor). Industrieanteil in der EU stabilisiert sich 3   |    29. August 2016Aktueller Kommentar Auf europäischer und nationaler Ebene gibt es eine Vielzahl von Programmen und Maßnahmen, die dazu dienen sollen, die Industrie in Europa zu stärken. Gleichwohl zeigen die oben skizzierten Daten, dass sich ein bestimmter Indus­ trieanteil nicht einfach durch politische Maßnahmen erzwingen lässt. Einzelne EU­Länder verfolgen unterschiedliche „Geschäftsmodelle“, die zu einem großen Teil historisch gewachsen sind und nicht beliebig kopiert werden können. Wir haben in einem Bericht von 2013  dafür plädiert, dass die EU bzw. die National­ staaten auf gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen für alle Unternehmen statt auf industriespezifische Maßnahmen setzen sollten. Dazu zählen u.a. Investitio­ nen in Bildung, Forschung und Infrastruktur, ein offenes Investitionsklima, mehr Freihandel mit Drittstaaten oder bezahlbare Energiepreise. Die politische Bot­ schaft, dass eine starke Industrie für eine erfolgreiche Volkswirtschaft grund­ sätzlich wichtig ist, bleibt richtig. Fraglich ist jedoch, ob dies an einem konkreten Ziel für einen bestimmten Industrieanteil festgemacht werden sollte. Letztlich kann bezweifelt werden, dass ein steigender Industrieanteil für alle EU-Länder pauschal der richtige Weg ist – nicht zuletzt, weil hier der Wettbewerb durch die Schwellenländer weiterhin intensiv bleiben wird. Die aktuelle politische Situation in der EU ist nicht einfach; zu nennen ist der Brexit­Beschluss oder das Erstarken politischer Extreme. In wirtschaftlicher Hin­ sicht ist die Dynamik in der EU nach wie vor nicht außerordentlich hoch. Die Wachstumsperspektiven in wichtigen Absatzmärkten außerhalb Europas haben sich in den letzten Monaten eher eingetrübt. Zudem haben die (unkonventionel­ len) expansiven geldpolitischen Maßnahmen der EZB bis jetzt nicht den erhoff­ ten positiven Effekt auf die Investitionstätigkeit entfaltet. Die zum Teil auch strukturelle Schwäche des Welthandels dürfte bei eher zunehmenden Wider­ ständen gegen wichtige internationale Handelsabkommen wohl nicht so schnell überwunden werden – eine besondere Belastung für die Industrie. Alles in allem ist das Umfeld für Unternehmen in der EU also herausfordernd. Zu Recht wer­ den in diesem Umfeld von vielen Ökonomen (weitere) Strukturreformen ange­ mahnt; diese sollten darauf abzielen, unternehmerisches Engagement über alle Wirtschaftsbereiche hinweg (und nicht nur in der Industrie) zu stimulieren. Dies erfordert auch ein Mindestmaß an Geduld, denn Strukturreformen wirken mit Zeitverzögerung, führen im Idealfall aber längerfristig zu besseren Wachstums­ perspektiven.                       Industrieanteil in der EU stabilisiert sich 4   |    29. August 2016Aktueller Kommentar © Copyright 2017. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vor­ behalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage­, Rechts­ oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die ak­ tuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer as­ soziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließ­ lich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. 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