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30. März 2017
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In der aktuellen Debatte um die Zukunft der EU warnen Politiker ebenso wie Medien vor dem Rückfall der Mitgliedstaaten in „Nationalstaaterei“ und einem damit verbundenen Bedeutungsverlust der EU.1 Reagiert die Politik damit auf tatsächlich veränderte Einstellungen der EU-Bürger oder gibt es hier eher ein Wahrnehmungsproblem? [mehr]
PROD0000000000448200 1   |    30. März 2017Aktuelle Grafik 30. März 2017 Identitätskrise der Europä­ er? Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Barbara Böttcher +49(69)910-31787 barbara.boettcher@db.com In der aktuellen Debatte um die Zukunft der EU warnen Politiker ebenso wie Medien vor dem Rückfall der Mitgliedstaaten in „Nationalstaaterei“ und einem damit verbundenen Bedeutungsverlust der EU.1 Reagiert die Politik damit auf tatsächlich veränderte Einstellungen der EU-Bürger oder gibt es hier eher ein Wahrnehmungsproblem? Laut den aktuellen Umfragen des Eurobarometers von November 2016 fühlen sich die meisten EU-Bürger zunehmend national und europäisch zugleich. Gleichzeitig geht der Anteil derer, die sich vornehmlich als Bürger ihres Natio­ nalstaates definieren, seit 10 Jahren kontinuierlich zurück. Besonders in den Kernstaaten der EU wie Deutschland oder den Niederlanden ist dieser Trend deutlich. Fühlten sich in Deutschland 1996 noch fast die Hälfte der Befragten ausschließlich als Deutsche, hat sich dieser Anteil bis heute fast halbiert. In Frankreich lag der Anteil derer, die sich nur als Franzosen definieren, bereits 1996 deutlich unter dem entsprechenden Wert in Deutschland und hat sich seit­ dem, trotz der zunehmenden Probleme der EU, kaum verändert. Die Veranke­ rung einer europäischen Identität bei Deutschen und Franzosen bildet damit weiterhin die Grundlage für verstärkte deutsch-französischen Initiativen in der EU. Nur als Europäer fühlen sich allerdings weiterhin nur wenige Bürger in der EU, was angesichts der Tatsache, dass der Nationalstaat der entscheidende Garant für Bürgerrechte ist, nicht wirklich überrascht. Ausgenommen von diesem Trend ist Griechenland, dessen Bürger sich mehr­ heitlich nicht europäisch fühlen. Die schwache Identifikation mit Europa ist nicht neu; die Griechen fühlten sich bereits vor der Eurokrise deutlich mehr als Grie­ chen denn als Europäer. Jedoch dürften die Staatsschuldenkrise und die resul­ tierenden Spannungen zwischen Brüssel und Athen hauptverantwortlich für das wieder zunehmende Nationalgefühl der Griechen seit Beginn der Krise sein. In Italien hat die Identifikation mit Europa im Zuge der Krise ebenfalls abgenom­ men. Auch dort werden der EU und ihrer vermeintlichen Fokussierung auf fiska­ lische Austerität die wirtschaftlichen Probleme des eignen Landes angelastet. Gleichzeitig gewinnen euroskeptische, populistische Kräfte an Zustimmung - die euroskeptischen Movimento 5 Stelle-Partei erreicht in aktuellen Umfragen rund 30% der Stimmen und wäre damit die stärkste politische Kraft bei Neuwahlen. Deutsche Bank Research Identitätskrise der Europäer? 2   |    30. März 2017Aktuelle Grafik Überraschenderweise blieb eine ähnliche „Identitätskrise“ in den anderen bei­ den südeuropäischen Krisenstaaten Spanien und Portugal aus, der allgemein zu beobachtende Trend zu einer stärkeren Vermischung von nationaler und eu­ ropäische Identität setzte sich hier auch nach der Krise fort. Eine deutlichere Entspannung der wirtschaftlichen Lage in beiden Ländern könnte ein Grund sein, vermutlich aber mehr noch die (positive) Rolle der EU im Demokratisie­ rungsprozess. Europafeindliche politische Kräfte konnten sich in keinem der beiden Länder nennenswert etablieren. Interessant sind zudem die Ergebnisse zur Identitätsfrage in Großbritannien nach dem Brexit-Referendum. Zeichneten sich die Briten durch ein konstant starkes Nationalgefühl aus – 60% der Briten fühlten sich ausschließlich als Bri­ ten und nicht als Europäer – brach dieser Wert nach dem Brexit um 14pp. ein. Die Zahl derer, die sich plötzlich ausschließlich als Europäer fühlen, verdoppelte sich. Entsprechend des Titels eines bekannten Buches – Wer bin ich ­ und wenn ja, wie viele? – lautet die Antwort für die meisten Bürger in Europa zumeist: Natio­ nal und zugleich europäisch. Die Diskussion über eine vermeintliche Abwen­ dung der Bürger von Europa muss vielmehr darauf abzielen, die EU und ihre Politik wieder mehr den Bedürfnissen und Erwartungen der Bürger anzupassen. Dieser offensichtliche Reformbedarf liegt auch dem gerade veröffentlichten Weißbuch der EU-Kommission anlässlich des 60. Jubiläums der Römischen Verträge zugrunde, das verschiedene Szenarien für die Zukunft der EU vor­ stellt. 1.) https://www.welt.de/politik/deutschland/article129533888/Gauck-warnt-vor-Rueckkehr-zu- Nationalstaaterei.html / http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlingskrise­angela­mer­ kel-draengt-europa-zu-mehr-solidaritaet-a-1068093.html 2.) Precht, Richard David (2007): „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. 2 Deutsche Bank Research Identitätskrise der Europäer? 3   |    30. März 2017Aktuelle Grafik © Copyright 2017. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vor­ behalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage­, Rechts­ oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die ak­ tuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer as­ soziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließ­ lich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. 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