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30. April 2010
Im richtigen Leben treffen Menschen nicht immer rationale Entscheidungen auf Basis feststehender Präferenzen und vollständiger Information. Viele Verhaltensweisen liegen darin begründet, dass der Mensch versucht, die Komplexität seiner Umwelt durch Näherungsverfahren in den Griff zu bekommen. Diese Verfahren liefern in der Regel brauchbare Ergebnisse, führen aber auch häufig zu verzerrten Wahrnehmungen und systematischen Fehlern. Investoren und Anlageberater sollten sich dieser Effekte bei der Beurteilung von Finanzprodukten, bei ihren Einschätzungen für den Anlageerfolg relevanter Faktoren, der eigenen Risikobereitschaft sowie bei der Reflexion über das eigene Anlageverhalten bewusst sein, um Fehlentscheidungen zu vermeiden. [mehr]
Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Themen international Aktuelle Themen 480 Autor Stefan Schneider +49 69 910-31790 stefan-b.schneider@db.com Editor Bernhard Gräf Publikationsassistenz Manuela Peter Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland Internet: www.dbresearch.de E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 DB Research Management Thomas Mayer Noch gibt es keine abschließende Ursachenanalyse der jüngsten Finanzmarkt- krise. Angeführt werden die lockere Geldpolitik der Fed, Mängel bei Regulierung und Aufsicht, das ungehemmte Gewinnstreben der Banken, systemische Komplexität aber auch das nichtrationale Verhalten ökonomischer Agenten. Entsprechend ist insbesondere das in der ökonomischen Theorie nach wie vor gängige Modell des Homo Oeconomicus, das quasi die mikroökonomische Grundlage für die Effizienz von Märkten darstellt, wieder einmal in die Kritik geraten. In dieser Studie werden die Annahmen des Modells des Homo Oeconomicus mit den Ergebnissen psychologischer Experimente verglichen. Dabei wird klar, dass Menschen im richtigen Leben nicht immer rationale Entscheidungen auf Basis feststehender Präferenzen und vollständiger Information treffen. Ihr Verhalten widerspricht damit in vielfältiger Weise dem Modell des Homo Oeconomicus. Viele der zu beobachtenden Verhaltensweisen liegen darin begründet, dass der Mensch versucht, die Komplexität seiner Umwelt durch Näherungsverfahren in den Griff zu bekommen, da eine vollständige Sammlung und Bewertung der für eine Entscheidung relevanten Faktoren die Verarbeitungskapazität seines Gehirns überfordert. Diese Verfahren liefern in der Regel brauchbare Ergebnisse, führen aber auch häufig zu verzerrten Wahrnehmungen und systematischen Fehlern. Diese psychologisch begründeten Unzulänglichkeiten treten auch bei Anlageentscheidungen auf. Verzerrungen entstehen durch die Verfügbarkeit von Informationen, falsche Einschätzungen bezüglich deren Repräsentativität, Verlustaversion, die Suche nach Bestätigung, Isolations- und Besitzeffekte, den Status-quo bias und – insbesondere in den Finanzmärkten – durch die Fehlinterpretation von Mustern. Investoren und Anlageberater sollten sich dieser Effekte bei der Beurteilung von Finanzprodukten, bei ihren Einschätzungen zukünftiger für den Erfolg der Anlageentscheidung relevanter Faktoren, der eigenen Risikobereitschaft sowie bei der Reflexion über das eigene Anlageverhalten bewusst sein. Das gilt insbesondere angesichts der typischerweise nicht-linearen Prozesse in Verbindung mit den teilweise langen Laufzeiten von Finanzanlagen. Die Berücksichtigung dieser Effekte bei der Investitionsentscheidung kann helfen, Fehlentscheidungen zu verhindern, ist aber keine Garantie für überdurchschnittliche Performance. 30. April 2010 Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Aktuelle Themen 480 2 30. April 2010 Eigeninteresse als disziplinierender Faktor für Märkte? Theorie effizienter Märkte verkennt die Dynamik von Wirtschaftskrisen Homo Oeconomicus im Zentrum der Kritik 1. Einleitung und Aufbau der Studie Bei einer Anhörung im amerikanischen Kongress zu den Ursachen der Finanzmarktkrise brachte der ehemalige Fed-Präsident Alan Greenspan einen Grundpfeiler der neoklassischen Ökonomie ins Wanken. Mit seiner Aussage: „Diejenigen von uns, die geglaubt haben, dass das Eigeninteresse von Banken das Kapital ihrer Aktio- näre schützen würde, sind – einschließlich mir selbst – in einem Stadium schockierten Unglaubens“. Mit Blick auf den Markt für credit default swaps und seiner Rolle für modernes Risikomanage- ment konzedierte er: „Das gesamte intellektuelle Bauwerk kollabier- te im Sommer letzten Jahres“. 1 In ihrem Buch Animal Spirits gehen die Ökonomen George Akerlof und Robert Shiller noch einen Schritt weiter. Sie behaupten, dass zu viele Makroökonomen und Finanztheoretiker sich fast ausschließlich auf die Annahme rationaler Erwartungen und effizienter Märkte ge- stützt haben, mit dem Ergebnis, dass sie die grundlegende Dynamik von Wirtschaftskrisen aus dem Blick verloren hätten. 2 Nach der Theorie der rationalen Erwartungen, die von John F. Muth und Ro- bert E. Lucas entwickelt wurde, sind die Erwartungen rational, wenn sie sich bezüglich eines Ereignisses, z.B. des Preises für ein Fass Öl in einem Monat, nicht systematisch von dem aus dem Marktme- chanismus resultierenden Preis unterscheiden. In ihrer strengen Interpretation bedeutet die Theorie der rationalen Erwartungen, dass die Agenten die Struktur des Modells, welches die Welt richtig be- schreibt, kennen und diese für ihre Erwartungsbildung nutzen. In ihrer schwachen Form besagt die Theorie, dass Agenten keine sys- tematischen Fehler machen, mit anderen Worten, aus ihren Fehlern lernen. 3 Wären Wirtschaftssubjekte im Sinne dieser Theorie rational, dann könnten die Märkte sich selbst überlassen werden, ohne dass es zu schwerwiegenden Ungleichgewichten oder Blasenbildung käme. Vor dem Hintergrund der Finanzmarktkrise ist aber die Frage, ob die Theorie der rationalen Erwartungen selbst in ihrer schwachen Form die ökonomische Realität adäquat beschreibt, mehr als gerechtfer- tigt. Insbesondere das ihr zugrunde liegende Modell des Homo Oeconomicus, in dem der Mensch uneingeschränkt rational und nutzenmaximierend handelt und dabei über lückenlose Information verfügt, wird unter Ökonomen zunehmend kritisch diskutiert und von Fachfremden mit offener Häme überschüttet. 4 Aufbau der Studie Im folgenden Abschnitt wird das Konzept des Homo Oeconomicus mit seinen einzelnen Annahmen vorgestellt. Im zweiten Abschnitt wird anhand der Ergebnisse psychologischer Experimente unter- sucht, inwieweit das menschliche Verhalten tatsächlich diesen An- nahmen entspricht. Da sich Menschen häufig anders verhalten und dabei vielfach systematische Fehler machen, werden im dritten Ab- schnitt mögliche Ursachen dieser systematischen Fehler analysiert. Im abschließenden vierten Kapitel steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit diese Erkenntnisse dem einzelnen Investor helfen können, Fehler bei seinen Anlageentscheidungen zu vermeiden. 1 The New York Times. 24. Oktober 2008 (eigene Übersetzung). 2 Akerlof, George A. und Robert J. Shiller (2009). Animal Spirits. 3 Hover Kevin D. (1992). The New Classical Macroeconomis. S. 24 ff. 4 Blüm, Norbert. Im goldenen Reich des Preisvergleichs. Die Zeit Nr. 37. 02.09.2009. Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 3 Homo Oeconomicus ist kein Modell zur Erklärung des Verhaltens des einzelnen Menschen Auf der Suche nach dem Homo Oeconomicus Nun, die Annahme, dass sich Menschen rational und nach den Re- geln der Logik verhalten, entsprang nicht den realitätsfremden Wunschvorstellungen modellverliebter Ökonomen, sondern geht auf den griechischen Philosophen Aristoteles zurück. 5 Und überhaupt, die Annahme, dass ein Mensch konkrete Vorstellungen darüber hat, ob er beispielsweise einen Betrag von EUR 1.000 für eine Urlaubs- reise oder eher für eine Waschmaschine ausgibt und dass er sich beim Kauf einer Waschmaschine einen entsprechenden Überblick über das Angebot verschafft, scheint durch unsere Alltagserfahrun- gen bestätigt zu werden. Insgesamt basiert ein Großteil der Kritik am Modell des Homo Oeconomicus auf der falschen Interpretation, dass dieses Modell das Verhalten des einzelnen Menschen zu er- klären versuche. Tatsächlich versucht das Modell zu durchschnittli- chen, stabilen Aussagen über das ökonomische Verhalten von Men- schen zu kommen, um aus der Summe der individuellen Entschei- dungen Aussagen über makroökonomische Aggregate, wie zum Beispiel die Konsumnachfrage, ableiten zu können. 2. Der Homo Oeconomicus – ein eigenwil- liger Charakter Die Kritik an dem Verhaltensmodell des Homo Oeconomicus ist zum großen Teil in seinen restriktiven Annahmen begründet. 6 Diese sind: 1. Eigeninteresse 2. Rationales Handeln 3. Maximierung des eigenen Nutzens 4. Reaktion auf Restriktionen 5. Feststehende Präferenzen 6. (Vollständige) Informationen 1. Ein Egoist, der sich am nächsten ist Schon Adam Smith beschrieb in seinem 1776 erschienenen Buch „Der Wohlstand der Nationen“ das Selbstinteresse des Einzelnen als einen entscheidenden Treiber für gesellschaftlichen Wohlstand. „Es ist nicht die Güte der Metzger, der Brauer oder der Bäcker, dass wir unser Abendbrot erwarten, sondern deren Verfolgung ihrer eige- nen Interessen.“ 7 Allerdings bedeutet dies nicht, dass der Homo Oeconomicus seine Mitmenschen mit Missgunst und Neid betrach- tet, er ist ihnen gegenüber eher „neutral“. Der schottische Philosoph David Hume, ein enger Freund von Adam Smith, geht in seiner Mo- ralphilosophie von der Annahme aus, dass jeder Mensch im Inners- ten ein soziales Wesen ist. Dabei kann sich der Homo Oeconomicus innerhalb eines Kollektivs durchaus anders verhalten als ein Robin- son Crouse. Zum einen stehen innerhalb einer Gruppe andere Handlungsmöglichkeiten offen, zum anderen kann eine Gruppe auch die Selbsteinschätzung entscheidend verändern. 8 Evolutions- 5 Wobei Aristoteles ausschließlich den Männern Rationalität zuschrieb(!). 6 Franz, Stephan. Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus. International Economics. Working Paper 2004-02. Uni Potsdam. 7 Zitiert nach Robert L. Heilbroner (1992). The Worldly Philosophers. S.55, eigene Übersetzung. 8 Kirchgässner, Gebhard (2008). Homo Oeconomicus: Das ökonomische Modell individuellen Verhaltens und seine Anwendung in den Wirtschafts- und Sozialwis- senschaften. Tübingen. Aktuelle Themen 480 4 30. April 2010 Substantielle Rationalität - formale Rationalität Nutzenmaximierung ist Basis des Tauschs forscher sehen in dem Übergang zu gemeinschaftlichen Lebensfor- men einen erfolgreichen Schritt, der die Überlebenschancen der Menschen insgesamt verbessert hat. 2. Rationalität – handeln nach dem ökonomischen Prinzip Unter Rationalität wird eine ökonomische Zweckrationalität verstan- den. Handlungen sind rational, wenn sie dem ökonomischen Prinzip genügen, d.h., dass die Erreichung vorgegebener Ziele mit minima- len Mitteleinsatz erfolgt, bzw., dass mit gegebenen Mitteln der größtmögliche Zielerreichungsgrad angestrebt wird. 9 Diese beiden Ausprägungen bezeichnet man als substantielle Rationalität. Wäh- rend dieses Prinzip im Bereich der Produktion von Gütern, bei der sowohl Input als Output monetär bewertet werden können, praktika- bel ist, führt die fehlende objektive Messbarkeit des Nutzens bzw. der Bedürfnisbefriedigung bei der Überprüfungen individueller Rati- onalität zu erheblichen Problemen. Hierbei kann eigentlich nur auf die formale Rationalität, also die Art und Weise, wie ein Akteur Ent- scheidungen trifft, abgestellt werden. In diesem Sinne rational han- delt ein Akteur, wenn er systematisch aus den ihm zur Verfügung stehenden und bekannten Handlungsalternativen auswählt. 10 In diesem Sinne könnte sowohl der Mönch, der auf alles verzichtet, als auch der Verbrecher, der alles an sich reißt, innerhalb seines jewei- ligen Wertesystems rein formal gesehen rational handeln. 11 3. Nutzenmaximierung – immun gegen Falsifizierung Allerdings ist das individuelle Wertesystem nicht direkt beobachtbar. Dadurch kann faktisch von jeder individuellen Handlung behauptet werden, dass sie nutzenmaximierend ist. So argumentiert zum Bei- spiel der Nobelpreisträger Gary S. Becker in der Einführung zu sei- nem Buch „The Economic Approach to Human Behavior“ , dass ein starker Raucher, der dadurch seine Lebenserwartung verkürzt, durchaus seinen Nutzen maximiert, da der Verlust an Lebensjahren wohl die Kosten der Aufgabe des Rauchens nicht aufwiegen wür- de. 12 In seiner Theorie der Heirat argumentiert Becker, dass eine Person sich dann entscheidet zu heiraten, wenn der erwartete Nut- zen der Heirat den Nutzen des Junggesellenlebens oder den erwar- teten Nutzen einer weiteren Suche nach einem adäquateren Partner übersteigt. Ähnlich erklärt er die Entscheidung für Kinder auf Basis des nutzenmaximierenden Kalküls. Das Prinzip der Nutzenmaximierung ist auch die Basis des freiwilli- gen produktiven Tauschs und damit der gesellschaftlichen Koopera- tion. Rationale Individuen werden nur dann in ein Tauschgeschäft eintreten, wenn sich beide davon einen Vorteil versprechen, d.h., wenn auf Basis der jeweiligen Präferenzen der erwartete Nutzen die Kosten des Tauschs übersteigt. 13 Da, wie gesagt, die Präferenzen und die Nutzenfunktion nicht beobachtbar sind, ist die Hypothese der Nutzenmaximierung zumindest ansatzweise tautologisch. Bei der Erklärung menschlichen Verhaltens wird versucht, dieses Prob- lem durch die Annahme, dass Präferenzen langfristig stabil sind, zu umgehen. 9 Woll, Artur (1981). Allgemeine Volkswirtschaftslehre. 7. Auflage. S.53. 10 Franz, Stephan. A.a.O. 11 Herder-Dorneich, Philipp und Manfred Groser. Ökonomische Theorie des politi- schen Wettbewerbs. Zitiert nach Stephan Franz. A.a.O. 12 Becker, Gary S. (1976). The Economic Approach to Human Behavior. Chicago. 13 Kirchgässner, Gebhard. A.a.O. Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 5 Präferenzen sind nicht beobachtbar 4. Auf Restriktionen reagierend Der Homo Oeconomicus reagiert in systematischer Art und Weise auf eine Veränderung der Restriktionen und/oder seiner Präferen- zen. Beispielsweise führt bei einem aus zwei Gütern bestehenden Güterbündel ein höherer Preis für eines der beiden Güter dazu, dass dieses weniger nachgefragt wird. Allerdings hat Gary S. Be- cker gezeigt, dass ein durch einen Preisanstieg verursachter Nach- fragerückgang (d.h., die negative Steigung der Nachfragekurve) nicht notwendigerweise auf rationale Entscheidungsregeln der ein- zelnen Konsumenten zurückzuführen ist, sondern sich im Aggregat notwendigerweise aus der Budgetrestriktion ergibt. Mit anderen Worten, durch die durch den Preisanstieg gesunkene Möglichkeit, das entsprechende Produkt zu kaufen. 14 5. Der Homo Oeconomicus weiß, was er will Da die individuellen Präferenzen des Menschen nicht beobachtet werden können, geht man im Modell des Homo Oeconomicus da- von aus, dass sie stabil sind. Gesamtwirtschaftlich können sich al- lerdings Präferenzen zum Beispiel durch demographische Entwick- lungen verändern, selbst wenn unterstellt wird, dass die Präferen- zen in den einzelnen Kohorten stabil bleiben. Handelt das Individu- um gemäß seiner Präferenzen, maximiert es seinen Gesamtnutzen. Die Nutzentheorie versucht den Einfluss von Mengen, Preisen und Einkommen auf die Nachfrage zu analysieren. Ansätze dafür sind die Grenznutzen-, die Indifferenzkurven- und die Revealed Prefe- rence-Analyse. In der Grenznutzen- und Indifferenzkurvenanalyse wird quasi tautologisch unterstellt, dass der Nachfrager unter allen Umständen seinen Nutzen maximiert. Dieses Problem versucht die Revealed Preference-Analyse durch ihren Rekurs auf tatsächlich beobachtbares Verhalten zu umgehen. Allerdings sind die Prämis- sen dieser Theorie derart restriktiv, dass daraus kaum gehaltvolle Hypothesen abgeleitet werden können. 15 Bei einer beobachteten Verhaltensänderung ist es häufig schwierig zu unterscheiden, ob es sich um eine Veränderung der Präferenzen oder lediglich um eine Reaktion auf veränderte Restriktionen handelt. So könnte zum Bei- spiel der Rückgang des Kraftstoffverbrauchs im Personenverkehr seit 1999 angesichts der intensiveren Diskussionen um die globale Erderwärmung auf eine Veränderung der Präferenzen zurückgeführt werden. Er könnte aber auch angesichts der gestiegenen Kraftstoff- preise lediglich eine Anpassung an veränderte Restriktionen darstel- len. Gary S. Becker mokiert sich sogar darüber, dass in der ökono- mischen Literatur häufig eine Veränderung der Präferenzen bemüht wird, um anscheinend rätselhaftes Verhalten zu erklären. Angesichts des sich ständig ausweitenden Angebots an Gütern und Dienstleistungen, das zum Teil neue Bedürfnisse schafft oder aber erstmals die Befriedigung eines latenten Bedürfnisses ermöglicht, wie zum Beispiel iPhone, Blackberry oder Ziploc-Bags (wiederver- schließbare Plastikbeutel), dürften allerdings auch die Präferenzen einer stetigen Modifikation unterliegen. Überdies spielen gesell- schaftliche Prozesse am Zustandekommen der individuellen Präfe- renzen eine erhebliche Rolle. Dies wird zum Beispiel an Mitläufer- und Snobeffekten deutlich. Beim Mitläufereffekt wird die Nachfrage nach einem Gut dadurch gesteigert, dass andere Leute dieses 14 Becker, Gary S. A.a.O. 15 Woll, Arthur. A.a.O. 0 20 40 60 80 100 120 140 160 160 165 170 175 180 185 190 195 200 205 210 1991 1997 2003 2009 Tägl. Kraftstoffverbrauch, Deutschland, Mio. l/Tag (links) Ölpreis, EUR/Fass (rechts) Kraftstoffverbrauch Quellen: Statistisches Bundesamt, Thomson Reuters und Ölpreis 1 Aktuelle Themen 480 6 30. April 2010 Der Homo Oeconomicus kennt die Zukunft nicht, hat aber bedingte Er- wartungen darüber Homo Oeconomicus eine "seltsame Kreatur"... ... die schon länger in der Kritik steht ebenfalls nachfragen. Der Snobeffekt beschreibt das gegenteilige Verhalten. 16 6. Mr. Know it all In seiner „reinen“ Form unterstellt das Modell, dass der Homo Oeconomicus jederzeit vollständig informiert ist, womit von der Exis- tenz von Unsicherheit und Informationskosten abstrahiert wird. Nicht zuletzt diese offensichtlich extrem vereinfachende „Charaktereigen- schaft“ ist dem Ruf des Homo Oeconomicus extrem abträglich. Al- lerdings bedeutet diese Annahme nicht, dass die Zukunft tatsächlich bekannt ist. Der Agent ist lediglich über seine Handlungsalternativen vollständig informiert und kann deren Auswirkungen und Folgen mit Eintrittswahrscheinlichkeiten gewichtet abschätzen. Aber auch un- vollständige Informationen sowie das Anfallen von Informationskos- ten können in das Konzept des Homo Oeconomicus integriert wer- den 17 , wobei das Ausmaß der kostenverursachenden Informations- beschaffung ebenfalls einem rationalen Kosten-Nutzen-Kalkül unter- liegt. 18 Dementsprechend muss das Individuum bedingte Erwartun- gen bilden bzw. Prognosen für die Zukunft erstellen. 19 Insgesamt stellen die Charaktereigenschaften des Homo Oeconomicus diesen – zumindest in ihren extremen Ausprägungen – als ziemlich merkwürdigen Gesellen dar. So schreibt zum Beispiel Ralf Dahrendorf: „Die Sozialwissenschaft hat uns bisher zwei neue, höchst problematische Menschen beschert, denen wir in der Wirk- lichkeit unserer Alltagserfahrung kaum je begegnen dürften. Der eine ist der viel umstrittene Homo Oeconomicus der neueren Wirt- schaftswissenschaft, der Verbraucher, der vor jedem Einkauf Nutzen und Kosten sorgsam abwägt und Hunderte von Preisen vergleicht, bevor er seine Entscheidung trifft… Für unser naives Erleben ist dies eine seltsame Kreatur“. Allerdings konzediert Dahrendorf, dass die wirtschaftlichen Tatsachen im Allgemeinen diese Theorie bestä- tigen und sie, trotz der fremd und unglaublich anmutenden Voraus- setzungen, den Wirtschaftswissenschaftlern richtige Prognosen erlaubt. 20 In dieser Einschätzung wird die Rolle des Homo Oeconomicus in der Wirtschaftswissenschaft deutlich: Es geht nicht darum, individuelles Verhalten zu erklären, sondern fundierte Prog- nosen für volkswirtschaftliche Größen, wie beispielsweise den Kon- sum, der eine Aggregation von Einzelentscheidungen ist, zu ermög- lichen. Spätestens durch den Ökonomen Thorstein Veblen wurde das theo- retische Konstrukt des Homo Oeconomicus Ende des vorletzten Jahrhunderts einer fundamentalen Kritik unterzogen. Seit den fünf- ziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind die Annahmen der Öko- nomen zum menschlichen Verhalten durch die Psychologie syste- matisch überprüft worden. Experimente zu menschlichen Denk- und Entscheidungsprozessen und in jüngster Zeit auch funktionale MRIs 21 , mit deren Hilfe Prozesse im menschlichen Gehirn sichtbar 16 Fehl, Ulrich und Peter Oberender (1976). Grundlagen der Mikroökonomie. Mar- burg. 1. Januar 1976. 17 Siehe hierzu das Konzept der begrenzten Rationalität von Herbert Simon (1955/56). 18 Stigler, George J. (1961). The Economics of Information. The Journal of Political Economy. Juni 1961. 19 Kirchgässner, Gebhard. A.a.O. 20 Dahrendorf, Ralf (1968). Homo Sociologicus. Tübingen. 21 MRI = magnetic resonance imaging. Dabei kann aufgrund der magnetischen Eigenschaften des roten Blutfarbstoffes zwischen sauerstoffangereichertem und nicht angereichertem Blut unterschieden werden, was einen Hinweis auf die Aktivi- tät der betreffenden Hirnregion erlaubt. Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 7 Menschliches Verhalten wird mit den Lösungen der Wahrscheinlich- keitstheorie verglichen Prospect Theory als alternatives Ent- scheidungsmodell Verhalten widerspricht den Annah- men des Homo Oeconomicus gemacht werden, bestätigen den Verdacht, dass der Mensch in der realen Welt deutlich anders funktioniert. 3. Homo Oeconomicus trifft Homer Simp- son – die Erkenntnisse der Psychologie Nachdem im vorherigen Abschnitt der Homo Oeconomicus mit sei- nen Charaktereigenschaften vorgestellt wurde, werden nun diese Modellannahmen anhand von Ergebnissen von Experimenten über- prüft. Diese Experimente wurden zunächst hauptsächlich von Psy- chologen durchgeführt. Mittlerweile beschäftigen sich aber auch viele Ökonomen mit derartigen Fragestellungen. Daraus ist die neue Transdisziplin behavioral economics entstanden. Die Experimente basieren häufig auf Fragestellungen aus der Wahrscheinlichkeits- rechnung, die in Form von Spielen, wie zum Beispiel dem Münzwurf oder einer Lotterie, dargestellt werden. Die in den Experimenten untersuchten Entscheidungen können aber auch in ganz unter- schiedliche narrative Kontexte eingebettet sein. Hierbei lassen sich mithilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie, zum Beispiel über die Be- rechnung von Erwartungswerten, optimale Lösungen finden, für die sich der Homo Oeconomicus entscheiden würde. Der Vergleich dieser Lösungen mit den Resultaten der Experimente, ermöglicht dann Aussagen über die Rationalität des beobachteten Verhaltens. Den ersten Frontalangriff auf die Theorie des erwarteten Nutzens und damit auch auf den Homo Oeconomicus lieferten die beiden Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, von denen Da- niel Kahneman später den Nobelpreis bekam, in einem Aufsatz in dem Journal Econometrica bereits im Jahre 1979. 22 Darin stellten sie ein alternatives Entscheidungsmodell vor, das sie prospect the- ory nannten. Dabei zeigen Menschen eine Präferenz für eine siche- re Alternative gegenüber einer nur wahrscheinlichen, auch wenn diese einen höheren Erwartungswert besitzt. Menschen ignorieren Eigenschaften, die allen Entscheidungsalternativen gemein sind und basieren ihre Entscheidungen nicht auf dem erwarteten Nutzenni- veau, sondern auf den erwarteten Gewinnen bzw. Verlusten. Insbe- sondere der letzte Punkt und die nicht-linearen Eigenschaften der verwandten Entscheidungsmodelle stehen in krassem Gegensatz zur Nutzentheorie. Im Folgenden werden die Ergebnisse von Expe- rimenten dargestellt, die vermuten lassen, dass menschliches Han- deln keineswegs rational im Sinne des Homo Oeconomicus ist. Es zeigt sich, dass 1. Entscheidungen abhängig von der Darstellung bzw. der Formu- lierung des Problems sind 2. Menschen häufig risikoavers handeln 3. Präferenzen nicht stabil sind 4. Präferenzen von der Art der Messung beeinflusst werden 5. Der Besitz eines Gutes dessen Wertschätzung erhöht 6. Ein Verlust absolut schwerer wiegt als ein gleichhoher Gewinn 7. Menschen die Tendenz haben, den Status quo zu präferieren 8. Menschen nicht immer ihren Nutzen maximieren 9. Menschen häufig uneigennützig handeln 22 Kahneman, Daniel und Amso Tversky (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica. Volume 47. Number 2. März 1979. Aktuelle Themen 480 8 30. April 2010 Rationalität kann anhand normativer Theorien überprüft werden ... ... z.B. dem Erwartungswert oder dem persönlichen Nutzen Entscheidungen sind konsistent wenn Beschreibungsinvarianz und prozedurale Invarianz gegeben sind Die „Messung“ von Rationalität Der Homo Oeconomicus handelt immer rational. Er wählt systema- tisch innerhalb seiner Handlungsalternativen aus und entscheidet sich für die Alternative, die mit dem geringsten Aufwand den größten Nutzen ermöglicht. In psychologischen Experimenten zeigt sich allerdings, dass der Mensch häufig nicht die für ihn günstigste Alter- native wählt. Ob eine Person rational handelt, kann anhand zweier Kriterien überprüft werden. Zum einen kann die interne Konsistenz der Hand- lungen anhand ihrer Transitivität überprüft werden. Wenn eine Per- son die Alternative A gegenüber B und B gegenüber C vorzieht, so muss sie auch A gegenüber C präferieren. Zum anderen kann die Rationalität anhand normativer Theorien überprüft werden. Diese Theorien ermöglichen anhand unterschiedlicher Kriterien eine Be- wertung der verschiedenen Optionen sowie die Bestimmung der optimalen Lösung. Ein häufig verwandtes Kriterium aus der Wahr- scheinlichkeitsrechnung ist die Maximierung des Erwartungswertes. Der Erwartungswert ergibt sich – zum Beispiel bei einer Lotterie – indem die Eintrittswahrscheinlichkeit mit dem erwarteten Gewinn multipliziert wird. Hat eine Person beispielsweise zwei Optionen: A eine 50% Chance USD 50 zu gewinnen und B: eine 25% Chance USD 110 zu gewinnen, so würde sie mit der Option B den Erwar- tungswert maximieren. Denn der Erwartungswert der Option B ist USD 27,50 (0,25 * USD 110) während der Erwartungswert der Opti- on A nur USD 25 (0,5 * USD 50) beträgt. Optionen können auch anstatt ihres rein monetären Wertes mit dem persönlichen Nutzen bewertet werden, was zu einer anderen Ent- scheidung führen kann. So kann ein Individuum im folgenden Bei- spiel mit zwei Optionen A: 0,85 Wahrscheinlichkeit eines Gewinns von USD 10 (Erwartungswert = USD 8,50) B: 0,25 Wahrscheinlichkeit eines Gewinns von USD 45 (Erwartungswert = USD 11,25) die Option A trotz ihres geringeren Erwartungswertes vorziehen, wenn es auf die USD 10 angewiesen ist, um sich etwas zu essen zu kaufen. Somit stiftet A mit seiner höheren Eintrittswahrscheinlichkeit einen höheren Nutzen. 1. Heute so, morgen so – die Darstellung kann entscheiden! Ob ein Mensch rational entscheidet kann also – wie gerade darge- stellt – anhand des Kriteriums Erwartungswertmaximierung beurteilt werden. Die Rationalität einer Entscheidung kann aber auch anhand ihrer Konsistenz überprüft werden. Dazu können neben der Transitivität folgende Kriterien genutzt werden: 1. Beschreibungsinvarianz, d.h. es wird immer die gleiche Ent- scheidung getroffen, unabhängig von der Darstellung des Prob- lems; 2. Prozeduralen Invarianz, d.h. die Entscheidung ist unabhängig von der Art und Weise, wie die Präferenzen gemessen werden. In einer Vielzahl von Studien konnte gezeigt werden, dass das menschliche Verhalten häufig diese beiden Kriterien nicht erfüllt. Das Prinzip der Beschreibungsinvarianz untersuchten die Nobel- preisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky in einem Experi- ment, in dem sie die Teilnehmer in zwei Gruppen unterteilten und mit folgenden Problemen konfrontierten (die Zahl in Klammern gibt den Prozentsatz der Teilnehmer an, die die Option gewählt haben). Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 9 Framing Sicherheitseffekt Beispiel 1: Präsentationseffekt und Verlustaversion Gruppe 1: Sie bekommen USD 300, müssen aber zusätzlich eine der beiden folgenden Optionen wählen: A: 100% Wahrscheinlichkeit USD 100 zu bekommen (72%) B: 50% Wahrscheinlichkeit USD 200 zu gewinnen bzw. 50% Wahrscheinlichkeit nichts zusätzlich zu bekommen (28%) Gruppe 2: Sie bekommen USD 500, müssen aber zusätzlich eine der beiden folgenden Optionen wählen: A: 100% Wahrscheinlichkeit USD 100 zu verlieren (36%) B: 50% Wahrscheinlichkeit nichts zu verlieren bzw. 50% Wahrscheinlichkeit USD 200 zu verlieren (64%) Dabei ergibt sich für beide Gruppen für die beiden Varianten A und B jeweils ein identischer Erwartungswert von USD 400. Allerdings präferierte Gruppe 1 die sichere Variante, die zu einer Auszahlung von USD 400 führt, während Gruppe 2 die riskantere Variante B bevorzugte. Das Ergebnis legt die Vermutung nahe, dass die Art der Darstellung bzw. die Fragestellung einen Einfluss auf die Entschei- dung hat, das Prinzip der Beschreibungsinvarianz also nicht erfüllt ist. Dieses Phänomen wird Framing (Präsentationseffekt) ge- nannt. Erklärt werden kann das unterschiedliche Verhalten der beiden Gruppen dadurch, dass die Teilnehmer beider Gruppen jeweils ver- suchen, einen Verlust zu vermeiden. In der Gruppe 1 durch die Wahl der sicheren Option A. In der Gruppe 2 durch die Option B, bei der die Wahrscheinlichkeit eines Verlust mit 50% nur halb so hoch ist wie bei der Option A (100%). Dies kann auf die in vielen Experimen- ten nachgewiesene Verlustaversion zurückgeführt werden. Perso- nen empfinden den Verlust von Etwas doppelt so schmerzhaft, wie die Freude, dieses Etwas zu gewinnen. 23 (Dazu mehr im Abschnitt über Präferenzen.) 2. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach Der rationale Homo Oeconomicus würde bei seinen Entscheidun- gen immer den Erwartungswert – also das Produkt aus Gewinnen und Eintrittswahrscheinlichkeit – optimieren. Dabei spielt die Höhe der Eintrittswahrscheinlichkeit für sich genommen keine Rolle für die Entscheidung. In entsprechenden Experimenten konnte allerdings gezeigt werden, dass bei der Auswahl zwischen unterschiedlich sicheren Optionen, die Teilnehmer systematisch die sicherere Opti- on gegenüber der unsichereren bevorzugen, auch wenn diese einen niedrigeren Erwartungswert besitzt. Dieses Phänomen wird Sicher- heitseffekt (certainty effect) genannt und wird anhand des folgen- den Experiments deutlich. Beispiel 2: Sicherheitseffekt Die Teilnehmer haben bei zwei Fragen folgende Optionen zur Aus- wahl: (die Zahlen in Klammern geben wiederum den Anteil derer an, die diese Option gewählt haben). 23 Thaler, Richard H. und Cass R. Sunstein (2008). Nudge: Wie man kluge Entschei- dungen anstößt. Aktuelle Themen 480 10 30. April 2010 Sicherheitseffekt ist bei Gewinnen stärker als bei Verlusten Frage 1: A: eine Auszahlung von 4.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 80% (20%) oder B: eine Auszahlung von 3.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% (80%) Frage 2: C: eine Auszahlung von 4.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 20% (65%) oder D: eine Auszahlung von 3.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 25% (35%) Man beachte, dass die Erwartungswerte der Optionen C und D je- weils ein Viertel der Erwartungswerte der Optionen A und B sind, die relativen Erwartungswerte der in den beiden Fragen angebotenen Optionen also identisch sind. 24 Der Homo Oeconomicus würde also nicht nur bei der Frage 2 die Option C (Erwartungswert 4.000 * 0,2 = 800), sondern auch bei der ersten Frage die Option A wählen, deren Erwartungswerten mit 4.000 * 0,8 = 3200 über dem der Option B (3.000) liegt. Tatsächlich bevorzugen die Teilnehmer der Frage 1 aber die sichere Option B. Dieser Sicherheitseffekt oder anders formuliert die Risikoaversion konnte auch in einem anderen Experiment nachgewiesen werden. Zusätzlich zeigte sich in diesem Experiment, dass sich die Teilneh- mer bei der Auswahl zwischen Gewinnen risikoavers verhalten, während sie bei der Auswahl zwischen Verlusten risikofreudiger sind. Beispiel 3: Sicherheitseffekt bei Gewinnen und Verlusten Zur Auswahl stehen unterschiedliche Programme zur Bekämpfung einer ansteckenden Krankheit, die ohne Gegenmaßnahmen wahr- scheinlich 600 Todesopfer fordern würde. Gruppe 1 konnte zwischen folgenden Programmen wählen: A: Würde 200 Leben retten (72%) B: Würde mit einer Wahrscheinlichkeit von ⅓ 600 Leben retten und mit einer Wahrscheinlichkeit ⅔ keinerlei Leben retten (28%) Gruppe 2 hatte folgende Alternativen: C: Würde zum Tod von 400 Menschen führen (22%) D: Würde mit einer Wahrscheinlichkeit von ⅓ alle 600 Menschen retten und mit einer Wahrscheinlichkeit von ⅔ zum Tode aller 600 Menschen führen (78%) Die Gruppe 1 hatte die Auswahl zwischen Gewinnen (200 Leben mit 100% Wahrscheinlichkeit, bzw. 600 mit ⅓ Wahrscheinlichkeit). Die Sicherheit, 200 Leben zu retten, erschien 72% der Befragten attrak- tiver als die riskantere Variante mit dem gleichen Erwartungswert (d.h. 200 Leben zu retten). Die Gruppe 2 hatte die Auswahl zwi- schen den gleichen Alternativen, allerdings war die Option C im Gegensatz zur Option A der Gruppe 1 als „Verlust“ formuliert. Dies führte dazu, dass sich 78% für das risikobehaftete Programm D entschieden, da ihnen der sichere Tod (Verlust) von 400 Menschen (Option C) weniger akzeptabel schien als die Wahrscheinlichkeit von ⅔, dass 600 Menschen sterben. 25 24 Kahneman, Daniel und Amso Tversky. A.a.O. 25 Tversky, Amos und Daniel Kahnemann (1981). The Framing of Decisions and the Psychology of Choice. Science. Volume 211, Nr. 4481. 30. Januar 1981. Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 11 Das unterschiedliche Verhalten der beiden Gruppen kann durch ihre widersprüchliche Einstellung zum Risiko, je nachdem ob es sich um Gewinne oder Verluste handelt, erklärt werden. Handelt es sich bei der Auswahl um Gewinne, fallen die Entscheidungen generell risi- koavers aus, geht es um Verluste, wird häufiger die risikoreichere Option gewählt. In weiteren Experimenten zeigte sich, dass Wahrscheinlichkeiten nicht nur unterschiedlich bewertet werden je nachdem, ob es um mögliche Gewinne oder Verluste geht, sondern dass, kleinere Wahrscheinlichkeiten im Verhältnis zu großen Wahrscheinlichkeiten systematisch überbewertet werden. Der Unterschied zwischen einer 97%- und 98%-Chance wird also geringer erachtet als der Unter- schied zwischen einer 3%- und 4%-Chance, was allerdings zumin- dest bei relativer Betrachtung auch der Fall ist. 3. Der Mensch weiß nicht immer was er will (stabile Präferen- zen?) 26 In der mikroökonomischen Theorie werden Präferenzen anhand von Indifferenzkurven in einem vereinfachenden Zwei-Gütermodell dar- gestellt. Indifferenzkurven, die konvex zum Ursprung sind, beschrei- ben Kombinationen von Gütern x und y, die für die betreffende Per- son den gleichen Nutzen stiften, mit anderen Worten, die Person ist indifferent. Dahinter liegt die Annahme, dass die Bewegungen auf der Indifferenzkurve ohne Nutzeneinbußen reversibel sind. Der Ho- mo Oeconomicus hat klar definierte Präferenzen, die in Form dieser Indifferenzkurven dargestellt werden können. D.h., wenn beispiels- weise die Güterkombinationen 5x,3y und 3x,5y auf einer Indifferenzkurve des Homo Oeconomicus liegen, so wird er – aus- gehend von der Position 5x, 3y – für die Aufgabe von 2x entspre- chend 2y verlangen, da die daraus resultierende neue Position 3x, 5y auf der gleichen Indifferenzkurven liegt und ihm damit den glei- chen Nutzen stiftet. Würde er beispielsweise 3y verlangen, bedeutet das, dass sich die Indifferenzkurven schneiden, was eine massive Verletzung des Indifferenzkurvenkonzepts wäre. Experimente haben allerdings gezeigt, dass die Bewegungen auf Indifferenzkurven im richtigen Leben nicht immer reversibel sind und, dass sich Indifferenzkurven mitunter schneiden können. Die wichtigsten Phänomene in diesem Zusammenhang sind der Besitz- effekt (endowment effect), die Verlustaversion (loss aversion) so- wie der status quo bias. 27 Zudem lassen die Ergebnisse von Expe- rimenten vermuten, dass Entscheidungen erheblich von der Wahr- nehmung der Entscheidungssituation abhängen, die wiederum von der Fragestellung bestimmt wird (framing, siehe vorne). 4. Präferenzen: Entscheidend ist, wie man misst! Der Homo Oeconomicus versucht bei seinen Entscheidungen die Erreichung seiner Ziele bzw. die Erfüllung seiner Präferenzen zu maximieren und zwar unabhängig davon, wie seine Präferenzen gemessen werden. Diese „prozedurale Invarianz“, Ausdruck der Rationalität der Entscheidung, stellt sich dagegen im richtigen Le- ben häufig nicht ein. So unterscheidet sich häufig die offenbarte Rangfolge der Präferenzen, je nachdem, ob die Person sie durch Auswahl zwischen den Alternativen oder durch „Bepreisung“ der 26 Wie im Abschnitt „Nutzenmaximierung – immun gegen Falsifizierung“ dargestellt, ist es auch bei diesen Experimenten schwierig, zwischen Verhaltens- und Präfe- renzeffekten zu unterscheiden. 27 Kahneman, Daniel, Jack L. Knetsch und Richard H. Thaler (1991). Anomalies: The Endowment Effect, Loss Aversion, and Status Quo Bias. The Journal of Economic Perspectives. Volume 5, Nr. 1. Seiten 193-206. Winter 1991. 0 1 2 3 4 5 6 7 8 012345678 Indifferenzkurve Quelle: DB Research (2-Güter-Fall) Gut x Gut y 1 2 2 Aktuelle Themen 480 12 30. April 2010 Prozedurale Invarianz Beschreibungsinvarianz Besitztumeffekt unterschiedlichen Alternativen zum Ausdruck bringt. Damit ist das Präferenzsystem nicht widerspruchsfrei. Beispiel 4: Messung von Präferenzen (I) In einem Experiment konnten die Teilnehmer zwischen folgenden Optionen wählen: A: 89% Wahrscheinlichkeit USD 4 zu gewinnen oder B: 11% Wahrscheinlichkeit USD 40 zu gewinnen Dabei wählen 71% die Option A, obwohl sie einen geringeren Er- wartungswert als B besitzt. Werden die Teilnehmer dagegen aufge- fordert, einen Mindestpreis anzugeben, für den Sie diese Optionen verkaufen würden, verlangen 67% einen höheren Preis für die Opti- on B. 28 In einem anderen Beispiel zeigt sich ebenfalls, dass die Teilnehmer bei der gleichen Fragestellung zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wenn andere Bewertungskriterien abgefragt werden. Beispiel 5: Messung von Präferenzen (II) Die Teilnehmer sollen sich zwischen zwei Programmen zur Redukti- on von Verkehrsunfällen entscheiden. Programm A kostet USD 55 Millionen und würde die Zahl der Unfälle in einem bestimmten Zeit- raum auf schätzungsweise 500 begrenzen. Programm B kostet USD 12 Millionen, würde aber eine höhere Unfallzahl von schät- zungsweise 570 zur Folge haben. Die meisten Probanden entschieden sich für die wesentlich teurere Option A. In einer anderen Formulierung des Problems wurde den Probanden lediglich die Anzahl der Unfälle dargestellt und sie wur- den nach dem Preisaufschlag gefragt, der ein Programm zur Ver- meidung weiterer 70 Unfälle rechtfertigen würde. Nahezu alle Teil- nehmer erachteten die zusätzlichen USD 43 Millionen als zu hoch für die Vermeidung von „lediglich“ 70 Unfällen. 5. Drei, zwei, eins, meins! Der Homo Oeconomicus beurteilt den Wert eines Gutes unabhängig davon, ob er es besitzt oder nicht. Im richtigen Leben dagegen wird der Wert eines Gutes systematisch höher eingeschätzt, wenn der Befragte im Besitz dieses Gutes ist. Beispiel 6: Besitztumeffekt (I) In einem Experiment erhält die Hälfte der Teilnehmer einen Stift, die andere Hälfte einen Geschenkgutschein. Am Ende des Experimen- tes konnten alle Teilnehmer zwischen einem Stift und zwei Schoko- ladenriegeln wählen. 56% derjenigen, die zu Beginn einen Stift be- kommen hatten, entschieden sich für den Stift, bei den übrigen Teil- nehmern waren es dagegen nur 24%. Beispiel 7: Besitztumeffekt (II) In einem anderen Experiment wurde den Teilnehmern eine Kaffee- tasse präsentiert und der einen Hälfte gesagt, dass sie diese am Ende des Experiments behalten können. Dann mussten alle Teil- nehmer den Wert der Tasse schätzen. Lag dieser über dem Markt- wert der Tasse, der am Ende des Experiments bekannt gegeben wurde, erhielt der Teilnehmer die Tasse, lag seine Schätzung unter dem Marktwert, bekam er das Geld. Interessanterweise haben die Teilnehmer, denen die Tasse am Anfang des Experiments verspro- 28 Willingham, Daniel T. A.a.O. Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 13 V erlustaversion Status quo Effekt chen wurde, ihr einen deutlich höheren Wert (USD 7,12) zugeordnet als diejenigen, denen sie lediglich gezeigt wurde (USD 3,12). Offen- sichtlich haben beide Gruppen die Transaktionen unterschiedlich gesehen. Die Gruppe, der die Tasse nur gezeigt wurde, hatte die Erwartung entweder eine Tasse oder Geld zu bekommen. Die ande- re Gruppe fühlte, dass sie die Tasse „hergeben“ musste, um Geld zu bekommen. Aufgrund ihrer Verlustaversion verlangte sie dafür einen höheren Preis. 6. Der Verlust schmerzt doppelt! Generell stellte sich bei Experimenten zur Verlustaversion heraus, dass Personen ihren Nutzen nicht an der Veränderung von Reich- tum und Wohlstand festmachen, sondern relativ zu einer neutralen Referenzsituation. Außerdem wird für kleine bis mittlere Geldbeträge ein Verlust als etwa doppelt so hoch empfunden wie ein Gewinn. Beispiel 8: Verlustaversion Eine Person muss ihren derzeitigen Arbeitsplatz aufgeben und hat die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Jobangeboten, bei denen sich die Person jeweils bezüglich eines Aspektes verbessern konn- te, dafür aber eine Verschlechterung beim zweiten Aspekt in Kauf nehmen musste. Das Experiment wurde in 2 Varianten durchgeführt, bei denen jeweils die beiden gleichen neuen Arbeitsplatzvarianten zur Wahl standen, die sich aber hinsichtlich der Charakteristika des aufzugebenden Jobs unterschieden. In der ersten Variante wählten 70% den Job A, in der zweiten Vari- ante dagegen nur 33%. Entscheidend in der Variante 1 war offen- sichtlich die Verschlechterung bei der Anfahrtszeit relativ zum aktu- ellen Arbeitsplatz (dem Referenzpunkt), die die Verbesserung der sozialen Kontakte überwog. In der Variante 2 beinhaltete das Job- angebot B aufgrund der „moderaten Kontakte mit anderen“ die ge- ringere relative Verschlechterung zum derzeitigen Arbeitsplatz und wurde deshalb präferiert. Die mögliche deutliche Reduktion der An- fahrtszeit, die bei der Wahl des Jobs A möglich wäre, wurde hinge- gen als weniger wichtig bewertet. Dies zeigt, dass die Probanden sensitiver bezüglich des Aspektes reagieren, bei dem sie sich relativ zum Referenzpunkt verschlechtern. 7. Im Zweifel alles beim Alten lassen (Status quo Effekt) Die Verlustaversion spielt auch eine große Rolle beim sogenannten Status quo Effekt, da die Nachteile einer Veränderung größer als die möglichen Vorteile erscheinen. In einem Experiment hatten Pro- banden die Aufgabe, ein geerbtes Portfolio zu verwalten, das in unterschiedlich riskanten Vermögensklassen angelegt werden konn- te. Dabei zeigte sich eine starke Neigung, die ursprüngliche Struktur des Portfolios nicht zu verändern und zwar unabhängig davon, ob Job Kontakt mit anderen Anfahrtszeit Derzeitiger Arbeitsplatz: Variante 1 Weitgehend isoliert 10 min Variante 2 Viele soziale Kontakte 80 min Neuer Arbeitsplatz: Job A Geringer Kontakt mit anderen 20 min Job B Moderater Kontakt mit anderen 60 min Aktuelle Themen 480 14 30. April 2010 Satisficing Menschen verhalten sich kooperati- ver als die Eigennutzhypothese er- warten lässt es eher konservativ oder risikofreudig ausgerichtet war. 29 Es stellte sich sogar heraus, dass die Attraktivität des Status quo mit der An- zahl der verfügbaren Alternativen stieg. 8. Nutzenmaximierung – es muss nicht immer das Beste sein Um bei einer komplexen Entscheidung, wie zum Beispiel dem Kauf eines Autos, seinen Nutzen zu maximieren, müsste man den Nutzen der verschiedenen Aspekte des Autos normieren, d.h., in einer ge- meinsamen Einheit, zum Beispiel Geld, bewerten. Damit wäre man in der Lage, den Nutzen unterschiedlicher Ausstattungen, wie zum Beispiel Ledersitze, Airbags oder eine Sonderlackierung, zu verglei- chen. Dies müsste dann für alle am Markt erhältlichen Fahrzeuge erfolgen; offensichtlich ein unmögliches Unterfangen, dessen Kos- ten den zu erzielenden Nutzenzuwachs bei weitem übertreffen wür- den. Herbert Simon hat 1957 die These aufgestellt, dass Menschen anstatt ihren Nutzen zu maximieren eher ein bestimmtes Maß an Zufriedenheit erreichen wollen. Er nannte dies „satisficing“. Am Bei- spiel des Autokaufs bedeutet dies, dass der Käufer wichtige Kriteri- en definiert und nur so lange sucht, bis er ein Fahrzeug gefunden hat, das diese Kriterien erfüllt. Diese Heuristik wird auch als „einge- schränkte Rationalität“ bezeichnet. 9. Eigennutz – der Mensch ist keine Insel Der eingangs erwähnte Snob- bzw. Vebleneffekt hat schon gezeigt, dass der Mensch sich bei seinem Verhalten durch das Verhalten der Anderen beeinflussen lässt. George Ackerlof und Robert Shiller führen in ihrem Buch Animal Spirits sogar ganze Konjunkturzyklen und Boom-Bust Zyklen an den Finanzmärkten auf die pandemische Ansteckung durch Optimismus, Einschätzungen zu Fairness und die Verbreitung illegalen Verhaltens zurück. Bei der Überprüfung der Eigennutzhypothese stellt sich ähnlich wie bei der Nutzenmaximie- rungshypothese das Problem, dass nur die Handlungen zu be- obachten sind, die Motive aber im Dunklen bleiben. Die Evolutions- psychologie argumentiert, dass Menschen durchaus rational han- deln, wenn sie individuellen Nutzen für einen Nutzengewinn anderer aufgeben, also altruistisch handeln. In ihrer Grundidee zeigen das neo-klassische Modell des eigennüt- zigen Homo Oeconomicus und die These der Evolutionspsychologie mit ihrer Annahme, das einzige Interesse der Gene sei ihre eigene Reproduktion, gewisse Parallelen. So haben nach der theory of kin selection Menschen eine hohe Präferenz, für nahe Angehörige Op- fer zu bringen. Es zeigt sich aber auch, dass Personen sich bei Ex- perimenten, in denen es um den Tausch geht, sich – auch gegen- über Nichtverwandten – wesentlich kooperativer verhalten, als es die Prämissen des Homo Oeconomicus erwarten lassen. Diesen sollte beim Tausch nur die Maximierung des eigenen Nutzens inte- ressieren und nicht, ob der Tauschpartner eventuell übervorteilt wird. Ein wichtiger Grund für das Verhalten gegenüber Mitmenschen dürf- te der persönliche Kontakt der Akteure sein, der sie dazu veranlasst, sich anders als in einer anonymen Situation zu verhalten. Insbeson- dere da derartige Interaktionen im richtigen Leben nicht ohne eine Vergangenheit und eine Zukunft stattfinden. 30 Außerdem wären ohne ein gewisses Grundvertrauen in die Ehrlichkeit und Fairness des Gegenübers die komplexen Interaktionen einer modernen Ge- sellschaft nicht möglich. Die hohen Kontrollkosten würden viele Akti- 29 In dem Experiment wurde von Transaktionskosten abgesehen. 30 Smith, Vernon L. Bargaining Theory, Behavior and Evolutionary Psychology. Zitiert nach C. Athena Aktipis, Robert O. Kurzban, Homo economicus extinct. Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 15 Fairness Systematische Fehler durch Verwen- dung von Heuristiken vitäten, wie z.B. Verträge, bei denen die Gegenleistung nicht zeit- gleich erfolgt, erheblich erschweren. In Befragungen auch im Rahmen der Glücksforschung zeigen Men- schen ein starkes Interesse an Fairness. Dies wird auch in entspre- chenden Experimenten deutlich, die auf der Wirkung des Besitzef- fekts basieren. Beispiel 9: Fairness Bei einem populären Automodell ist es zu Produktionsengpässen gekommen, es entstehen Wartezeiten von 2 bis 3 Monaten. Einem Teil der Probanden wurde erzählt, dass der Händler als Reaktion den Preis um USD 200 über den Listenpreis angehoben hat. Dies wurde von 71% als unfair bewertet. Einer zweiten Gruppe wurde erzählt, dass der Händler einen bis dato gegebenen Rabatt von USD 200 nicht mehr gibt. Dieses Verhalten war für 58% akzeptabel. Der Preisaufschlag, der als Verlust interpretiert wird, wird als schlimmer erachtet als die Abschaffung des Preisnachlasses, was als Verringerung des Gewinns erachtet wird. Hierbei spielt natürlich auch wieder der Framing-Effekt eine Rolle. Dieses Beispiel könnte erklären, warum Reallohnkürzungen, die bei hoher Inflation mit einem Nominallohnanstieg einhergehen können, leichter durchzusetzen sind als eine unmittelbare Kürzung des No- minallohns. In einem Experiment erachteten 78% der Befragten einen Lohnanstieg von 5% trotz einer Inflationsrate von 12% als fair, während in einem Szenario ohne Inflation eine Lohnkürzung von 7% als unfair betrachtet wurde. Während Ökonomen gewöhnlich „Geld- illusion“, also das Außerachtlassen der Kaufkraftreduktion durch Inflation, als Erklärung für dieses widersprüchliche Verhalten anfüh- ren, könnte man dies auch durch den psychologischen Besitzeffekt (mentale Kosten) und den Framing-Effekt erklären. Insgesamt machen die in diesem Abschnitt vorgestellten Experimen- te deutlich, dass das Verhalten des einzelnen Menschen häufig nicht dem des Homo Oeconomicus entspricht. Seine Entscheidun- gen und Bewertungen genügen nur selten formalen Rationalitätskri- terien, häufig begeht er sogar systematische Fehler. Bevor im fünf- ten Abschnitt untersucht wird, wie diese Erkenntnisse bei Investiti- onsentscheidungen berücksichtigt werden können, werden zunächst mögliche Ursachen dieser systematischen Fehler dargestellt. 4. Wieso machen Menschen „Fehler“? 31 For once in my life I’m confused 32 oder das Leben ist einfach zu kompliziert Der Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker Rupert Riedl beklagt, dass der Mensch letzten Endes mit dem Gehirn der prähistorischen Zeit auf das Industriezeitalter losgelassen worden ist. Seine geisti- gen Kapazitäten sind begrenzt. Er kann bei vielen Problemen nicht alle möglichen Alternativen „durchrechnen“ und dann nach dem Erwartungswert entscheiden, sondern ist häufig darauf angewiesen, Heuristiken zu verwenden. Das sind Näherungsverfahren, die meist recht gute Ergebnisse liefern, aber in bestimmten Situationen zu systematischen Fehlern führen. 31 Grundlage der folgenden Ausführungen: Willingham, Daniel T. Cognition (2003): The Thinking Animal. Insbesondere Kapitel 11 und 12. 32 „Hier bin ich mal verwirrt“. Ausspruch von Homer Simpson in der amerikanischen Komikserie „Die Simpsons“. Aktuelle Themen 480 16 30. April 2010 Abkürzungen, die das Leben und das Einschleichen von Fehlern erleichtern Diese Heuristiken sind zumeist einfache Regeln mit geringem In- formations-und Rechenaufwand, die in der Regel brauchbare Lö- sungen liefern. Dabei werden Erfahrungen aus der Vergangenheit und Kontextinformationen genutzt, um Entscheidungsprobleme zu lösen. Dieses Erfahrungswissen speist sich häufig aus dem Bauch- gefühl, emotionale Erfahrungen (Schemata) oder bookmarks 33 , die im limbischen Teil des Gehirns abgespeichert sind und wesentlich schneller zur Verfügung stehen als rationale Überlegungen des Großhirns. Besonders in Stresssituationen können diese emotiona- len bookmarks rationale Überlegungen verdrängen. In entsprechen- den Experimenten zeigte sich auch, dass unter Stress selbst offen- sichtliche Signale (Objekte, Geräusche etc.) nicht wahrgenommen werden. Im Folgenden wird dargestellt, wie die diesen Heuristiken zu Grunde liegenden Vereinfachungen zu systematischen Fehlern führen. 1. Repräsentativität – verführerisches Schubladendenken Menschen müssen kategorisieren. Kann ein Objekt aufgrund einiger Merkmale (beispielsweise: hat Federn) einer Kategorie (Vögel) zu- geordnet werden, können durch Analogieschlüsse weitere Aussagen gemacht werden (legt Eier). Allerdings ordnen Menschen häufig vorschnell ein Objekt einer Kategorie zu, wenn sie bei einigen As- pekten Übereinstimmungen erkennen. So wird eine Folge von Münzwürfen, die viermal in Folge Zahl ergibt, von vielen als nicht zufallsverteilt interpretiert, obwohl dieses Ergebnis bei einer derart niedrigen Zahl von Beobachtungen durchaus vorkommen kann. 34 Ähnlich der sogenannte Trugschluss des Spielers (gambler’s fallacy), der glaubt, dass eine Zahl oder Karte, die lange nicht ge- spielt wurde, „an der Reihe sei“. 2. Verfügbarkeit – trügerisches Gedächtnis … Es bereitet Menschen große Probleme, mit Wahrscheinlichkeiten zu rechnen. In Untersuchungen zeigte sich, dass Probanden mit einer Aussage wie, dieses Ereignis tritt im Schnitt alle 5 Jahre ein, deut- lich mehr anfangen können als mit der inhaltlich gleichen Aussage, „die jährliche Eintrittswahrscheinlichkeit liegt bei 20%“. Auch bei Experimenten, in denen logische Schlussfolgerungen gezogen wer- den sollen, zeigt sich, dass die Ergebnisse deutlich besser werden, wenn das Problem in einem geläufigen Kontext geschildert wird. Müssen Menschen Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen einschät- zen, so suchen sie in ihrem Gedächtnis nach entsprechenden Bei- spielen. Je präsenter die Erinnerung ist, desto höher wird die Wahr- scheinlichkeit eingeschätzt. So kann häufig ein Nachfrageanstieg nach Schadensversicherungen festgestellt werden, wenn in den Medien über ein Hochwasser, Sturmschäden oder eine Massenka- rambolage auf der Autobahn berichtet wurde. Für die USA wurde sogar ein Zusammenhang zwischen ereigneten Katastrophen und einem Anstieg der abgeschlossenen Lebensversicherungen in einer vergleichenden Studie zwischen verschiedenen Bundesstaaten nachgewiesen. 35 Der Verfügbarkeits-Bias könnte auch die Prozyklität des Anlegerverhaltens erklären. Wenn die Aktienkurse 33 Gonzales, Laurence (2003). Deep Survival. Seite 48. 34 Da es sich um unabhängige Ereignisse handelt, ergibt sich nach dem Multiplikati- onstheorem die Wahrscheinlichkeit durch Multiplikation der einzelnen Wahrschein- lichkeiten, bei einem Wurf „Zahl“ zu erhalten. Also: 0,5 * 0,5 * 0,5 * 0,5 = 6 ¼%. 35 Fier, Stephen G. und James M. Carson (2009). Catastrophes and the Demand for Life Insurance. Florida State University. 9. Juli 2009. 0 10 20 30 40 50 60 70 94 95 96 97 98 99 00 01 02 03 04 US-Staaten mit Katastrophenereignis US-Staaten ohne Katastrophenereignis Quelle: Stephen G. Fier. Catastrophes and the Durchschn. Anzahl ('000) an ausgeg. LV-Policen, pro Mio. Einwohnerzahl Katastrophenereignisse, wie für die Quellstudie definiert, fanden nicht in 1997 und 2000 statt. Lebensversicherungen und Katastrophen Demand for Life Insurance 3 0 2000 4000 6000 8000 10000 -40 -30 -20 -10 0 10 20 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 Aktienkäufe privater Haushalte, netto (links) Dax (rechts) Quellen: Global Insight, DB Research Aktienkäufe und Dax EUR Mrd. (links), Index (rechts) 4 Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 17 schon seit längerer Zeit gestiegen sind und darüber im Freundes- kreis und in den Medien berichtet wird, steigt die Bereitschaft, in Aktien zu investieren. Sind die Aktien dagegen deutlich gefallen, möchten Anleger nichts von Aktien wissen, auch wenn sie persön- lich gar keine Kursverluste erlitten haben und die niedrigeren Kurse die bessere Kaufgelegenheit wären. Eine Untersuchung zu den Inflationserwartungen im Vereinigten Königreich hat gezeigt, dass ein Anstieg der aktuellen Inflationsrate um einen Prozentpunkt zu einem Anstieg der Inflationserwartungen um rund einen 3/4 Pro- zentpunkt führt. 36 Während eine derartige Anpassung der Prognose an die Entwicklung der unmittelbaren Vergangenheit bei Inflations- prozessen aufgrund der Pfadabhängigkeit durchaus sinnvoll sein könnte, sind ähnliche Phänomene, beispielsweise bei den Konsen- sus-Schätzungen der USD/EUR-Wechselkursentwicklung oder des S&P 500, schwieriger zu erklären. … und trügerische Plausibilität Der Verfügbarkeits-Bias beeinflusst nicht nur unsere Schätzung von Eintrittswahrscheinlichkeiten auf Basis unserer Erinnerung. Wie die Verfügbarkeit entsprechender Ereignisse im Gedächtnis, so kann auch die scheinbar durch die erzählte „Geschichte“ vermittelte Plau- sibilität eines Ereignisses unsere Einschätzung der Eintrittswahr- scheinlichkeit beeinflussen. Beispiel 10: Plausibilitäts-Bias Es wurden zwei Szenarien vorgestellt, für die Wahrscheinlichkeiten geschätzt werden sollten: A: Eine schwerwiegende Überschwemmung irgendwo in Amerika mit mehr als tausend Toten. B: Ein Erbeben in Kalifornien, das zu Überschwemmungen mit mehr als tausend Toten führt. Die Befragten schätzten das Szenario A als weniger wahrscheinlich als B ein. Obwohl B nur eine Teilmenge von A ist – es könnten si- cherlich folgenschwere Überschwemmung durch andere Ursachen oder anderswo in Amerika entstehen –, erschien ihnen das Szenario B durch die mitgelieferte Begründung plausibler und damit wahr- scheinlicher. 3. Anker und Anpassung – gib mir eine Zahl Wenn Menschen quantitative Einschätzungen machen, z.B. die Einwohnerzahl einer unbekannten Stadt oder den Wert einer Immo- bilie schätzen müssen, suchen sie zunächst einen Anker. Im ersten Beispiel etwa die Einwohnerzahl einer Stadt, die sie kennen. Diesen Anker setzen sie dann ins Verhältnis zu der zu schätzenden Größe und nehmen entsprechende Auf- oder Abschläge vor. In Experimen- ten wurde nachgewiesen, dass diese Anpassungen systematisch zu gering ausfallen. Außerdem zeigte sich, dass die Wahl des Ankers, z.B. bei der Abschätzung von Preisen unbekannter Produkte, sehr zufällig ist. In einem Experiment mussten Studenten zunächst die letzten drei Stellen ihrer Sozialversicherungsnummer niederschrei- ben und dann ein Preisgebot abgeben. Teilnehmer, deren letzten drei Ziffern eine hohe Zahl ergaben, gaben dabei signifikant höhere Gebote ab. Generell zeigt sich in derartigen Experimenten, dass die Zahlungsbereitschaft sehr einfach manipuliert werden kann, da sich Menschen häufig über ihre eigenen Präferenzen nicht im Klaren 36 Bakhshi, Hasan und Anthony Yates (1998). Are UK inflation expectations rational?, Bank of England. 0 250 500 750 1000 1250 1500 1750 90 92 94 96 98 00 02 04 06 08 S&P 500 Aktienindex Prognose in 1 Jahr S&P 500: Aktueller Wert Quellen: Federal Reserve Bank of Philadelphia und Livingston Survey und Prognose für 1 Jahr 6 -2 0 2 4 6 8 10 12 1981 1987 1993 1999 2005 Jahresdurchschnitt in 1 Jahr Jahresdurchschnitt in 2 Jahren Aktuelle Inflationsrate USA: Inflationsprognose Quellen: Federal Reserve Bank of Philadelphia und Datastream % gg. Vj. und aktuelle Inflationsrate 5 Aktuelle Themen 480 18 30. April 2010 sind. Dies gilt auch für Preisverhandlungen, bei denen es immer von Vorteil ist, als erster einen Preis zu nennen, der dann als Anker für den Verhandlungsprozess dient. 4. Falscher Umgang mit Informationen In Entscheidungssituationen machen Menschen häufig Fehler, in- dem sie relevante Informationen ignorieren, irrelevante Informatio- nen berücksichtigen oder verschiedene Informationen nicht ins rich- tige Verhältnis zueinander setzen. Noch schlimmer, wurde erst ein- mal ein Erklärungsmodell formuliert oder gar eine Entscheidung getroffen, so wird bei der Verarbeitung neuer Informationen konfirmatorische Information systematisch gegenüber dem Modell oder der Entscheidung widersprechender bevorzugt. Außerachtlassen von Informationen Zu Informationen, die systematisch ignoriert werden, gehören die Größe der Grundgesamtheit und die Häufigkeit eines Ereignisses. So ist zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, dass große Grundgesamtheiten eine deutliche Abweichung von der Normalver- teilung aufweisen, deutlich geringer als bei einer kleineren Grund- gesamtheit . Beispiel 11: Vernachlässigung der Größe der Grundgesamtheit Gefragt wurde, ob Tage mit einem Jungenanteil von 60% oder mehr in einem großen Krankenhaus mit 45 Geburten pro Tag (A) oder in einem kleinen mit nur 15 Geburten (B) wahrscheinlicher seien, oder ob die Wahrscheinlichkeiten in etwa gleich seien (C). Jeweils 22% entschieden sich für A bzw. B während 56% die Wahrscheinlichkei- ten als in etwa gleich erachteten (C). Die Antwort C basierte wohl auf dem Wissen, dass bei der einzelnen Geburt die Wahrscheinlichkeiten bezüglich des Geschlechts in der Tat in etwa 50:50 sind. Allerdings ist die Chance, dass sich eine abweichende Verteilung einstellt, bei einer geringen Zahl von Be- obachtungen deutlich höher. 37 Im Beispiel 11 ging es lediglich um die Abschätzung der Wahr- scheinlichkeit eines bestimmten Ereignisses. Häufig sind Menschen aber mit Situationen konfrontiert, bei denen die Wahrscheinlichkei- ten verschiedener Aspekte des Problems miteinander verknüpft werden müssen, um die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Er- eignisses zu bestimmen. Dieses Problem tritt häufig bei diagnosti- schen Fragestellungen auf, wenn es beispielsweise darum geht, die Wahrscheinlichkeit eines positiven Befunds zu bewerten. Dabei spielt neben der Treffsicherheit des Tests für eine bestimmte Krank- heit die Häufigkeit, mit der diese Krankheit tatsächlich auftritt, eine entscheidende Rolle. Angenommen unter 100 positiven Testergeb- nissen befindet sich ein „falsch-positives“ Ergebnis, dann spielt es für die Bewertung des Testes eine entscheidende Rolle, ob die Auftrittswahrscheinlichkeit der Krankheit 1:1.000 oder 1:100.000 ist. 38 Das folgende, klassische Beispiel zeigt dies. 37 So hat das Ergebnis „Nur Jungen“ bei zwei Geburten eine Wahrscheinlichkeit von 25%, bei drei Geburten sinkt die Wahrscheinlichkeit auf 12,5%. 38 Im ersten Fall kommen auf einen Krankheitsfall 10 „falsch-positive“ Befunde, die Wahrscheinlichkeit bei einem positiven Befund tatsächlich krank zu sein, liegt also bei 1:10. Im zweiten Fall kommen auf einen Krankheitsfall 1.000 „falsch-positive“ Befunde, die Wahrscheinlichkeit bei einem positiven Befund tatsächlich krank zu sein, liegt also bei 1:1.000. Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 19 Relativität Beispiel 12: Vernachlässigung der Häufigkeit In einer Stadt sind 85% der Taxen blau und 15% grün. Bei einem Unfall mit Fahrerflucht sagte ein Zeuge aus, dass er glaubt, ein grü- nes Taxi erkannt zu haben. Ein Sehtest zeigt, dass der Zeuge bei ähnlichen Sichtverhältnissen mit einer Wahrscheinlichkeit von 80% die Farbe Grün richtig identifizierte. Die Chance, dass es sich tat- sächlich um ein grünes Taxi gehandelt hat, liegt nicht, wie man mei- nen könnte, bei 80%, sondern lediglich bei rund 40%. 39 Dieses Beispiel lässt sich auch in eine finanzmarktbezogene Frage- stellung transformieren: Ein Aktienindex setzt sich aus 100 Einzeltiteln zusammen. Davon zeigen in einem Jahr 85 eine eher schwache Performance, während 15 Titel sich jeweils mehr als verdoppeln. Ein Anlageberater be- hauptet, dass er mit 80 prozentiger Wahrscheinlichkeit einen „Verdoppler“ identifiziert. Er empfiehlt eine bestimmte Aktie. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Wert dieser Aktie tat- sächlich verdoppelt? Sich auf einzelne Aspekte konzentrieren Bei einer Auswahl zwischen Alternativen besteht die Neigung, sich auf einen anscheinend wichtigen Unterschied zu fokussieren und dabei weitere Unterschiede oder Gemeinsamkeiten außer Acht zu lassen. Dieses Phänomen wird Isolationseffekt (isolation effect 40 ) genannt. Beispiel 13: Isolationseffekt In einem zweistufigen Spiel besteht eine 25% Chance, die zweite Runde zu erreichen. In der zweiten Runde besteht die Auswahl zwi- schen einer Auszahlung von 4.000 mit 80% Wahrscheinlichkeit und einer sicheren Auszahlung von 3.000. Die Entscheidung darüber muss aber schon vor der ersten Runde getroffen werden! Die Erwar- tungswerte dieser beiden Optionen sind: A: 0,25 * 0,8 = 20% Chance 4.000 zu gewinnen (Erwartungswert: 800) B: 0,25 * 1 = 25% Chance 3.000 zu gewinnen (Erwartungswert: 750) Dies entspricht letztlich der Frage 2 des Beispiels 2 zum Sicher- heitseffekt (Seite 9/10). Während sich dort 65% für die Alternative A (20% Chance 4.000 zu gewinnen) entschieden haben, wählten in der hier vorgestellten zweistufigen Formulierung 78% die Alternative B (25% Chance 3.000 zu gewinnen). Der Unterschied liegt darin, dass auf Seite 10 zwischen zwei wahrscheinlichen Ereignissen ge- wählt wird. Im zweistufigen Beispiel erachten die Probanden, unter der impliziten Annahme, die Stufe zwei zu erreichen, den Gewinn der 3.000 als sicheres Ereignis, dem sie aufgrund des Sicherheitsef- fektes den Vorzug geben, obwohl der Erwartungswert niedriger ist, wenn die 25% Wahrscheinlichkeit die Stufe 2 zu erreichen mit in Betracht gezogen wird. Informationen in falsche Beziehungen setzen Häufig werden zwei Informationen miteinander in Bezug gesetzt, obwohl sie eigentlich unabhängig voneinander zu bewerten sind. 39 Bei insgesamt hundert Taxen liegt die Zahl der richtig als grün erkannten Taxen bei 15 * 0,8 = 12, die Anzahl der fälschlich als grün bezeichneten blauen Taxen ist 85 * 0,2 = 17. Setzt man die richtig als grün erkannten Taxen zu den insgesamt als grün erkannten Taxen ins Verhältnis so ergibt sich 12 / (12+17) = 0,414 oder 41%. 40 Kahneman, Daniel und Amos Tversky. A.a.O. Aktuelle Themen 480 20 30. April 2010 Mentale Kosten Sunk Cost Bestätigungs-Bias Dieses Phänomen wird „Relativität“ genannt. 41 Beispielsweise wä- ren beim Kauf eines Füllhalters im Wert von USD 25 die meisten Befragten zu einer fünfzehnminütigen Fahrt in ein anders Geschäft der Stadt bereit, wenn sie dadurch USD 7 sparen können. Beim Kauf eines Anzuges für USD 455 würde kaum jemand eine fünf- zehnminütige Fahrt auf sich nehmen, um die gleiche Ersparnis von USD 7 zu erzielen. Hier wird die Ersparnis in Relation zur Ausgabe betrachtet, eigentlich müsste sie aber relativ zu der jeweils fünf- zehnminütigen Fahrt durch die Stadt gesehen werden. Ein weiteres Beispiel für Relativität, die dem Homo Oeconomicus vollkommen fremd ist, basiert auf der Kategorisierung von Geld, die Menschen für getätigte oder geplante Ausgaben vornehmen, so genannte mentale Kosten. So kann zum Beispiel ein bestimmtes Kleidungsstück als zu teuer bzw. als Luxus erachtet werden, wenn es darum geht, es sich selbst zu kaufen. Schenkt dagegen der Ehe- partner, mit dem man ein gemeinsames Konto hat, das Kleidungs- stück, so wird es nicht mehr als „Luxus“, sondern als „Geschenk“ kategorisiert und erscheint gar nicht mehr so teuer. Einbeziehen von irrelevanter Information Häufig beeinflussen uneinholbare Ausgaben der Vergangenheit, so genannte „sunk cost“, – zumeist für Investitionen, die sich nicht aus- gezahlt haben – Entscheidungen, obwohl sie eigentlich keine Rolle spielen sollten. Es zeigt sich, dass beispielsweise mit der Höhe des Preises, der für eine Konzertkarte, ein Menü oder eine andere Dienstleistung bezahlt wurde, die Bereitschaft steigt, diese vollstän- dig in Anspruch zu nehmen, obwohl einem das Angebot eigentlich nicht zusagt und man seinen persönlichen Nutzen dadurch erhöhen könnte, wenn man das Konzert vorzeitig verlässt bzw. das Essen stehen lässt. Ähnliches lässt sich in der Politik oder bei Unterneh- men beobachten, wo häufig der Unwille, ein nicht mehr sinnvolles Projekt zu beenden, mit der Höhe der bereits getätigten Ausgaben zunimmt. Zwanghafte Suche nach konfirmatorischer Information Überdies unterliegen die Menschen bei der Verarbeitung von Infor- mationen für ihre Entscheidungsfindung einem noch viel fundamen- taleren Problem: dem Bestätigungs- oder confirmation bias. Ist erst einmal eine erfolgversprechende Heuristik entwickelt oder eine Ent- scheidung getroffen worden, werden neue Informationen asymmet- risch bewertet: die hypothesenbestätigende Information wird syste- matisch überbewertet, während widersprechende Informationen tendenziell ignoriert werden, oder als eine Ausnahme zur Seite ge- wischt werden, auf die die Hypothese nicht angewandt werden kann. Dietrich Dörner spricht hier von einer „progressiven Konditionalisierung“, mit der die Hypothese gegen kontradiktorische Evidenz immunisiert werden kann. 42 5. Logische Fehler bei der Inversion von Aussagen Dieser klassische Fehler wird häufig als der „Trugschluss des Staatsanwalts“ (prosecutor‘s fallacy) bezeichnet und wurde – aller- dings vom Verteidiger – sogar in einem der publikumswirksamsten Strafverfahren der letzten Dekade begangen, in dem der berühmte amerikanische Footballstar O. J. Simpson des Mordes an seiner Exfrau Nicole angeklagt war. Der Behauptung des Staatsanwaltes, dass die früheren Beispiele von Gewalt gegenüber seiner Exfrau Nicole die Schuld O.J.‘s offensichtlich machten, entgegnete die Ver- 41 Ariely, Dan (2008). Predictably Irrational. 42 Dörner, Dietrich (2007). Die Logik des Mißlingens. Seite 211. Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 21 teidigung, dass in den USA jährlich etwa 4 Millionen Frauen von ihren Lebenspartnern geschlagen werden. Allerdings gab es im Jahre 1992 lediglich 1.432 Mordfälle, in denen die Frauen von ihren Lebenspartnern getötet wurden. Dies ergebe eine Wahrscheinlich- keit von 1 zu 2.500. Im Gegensatz zur Argumentation der Verteidi- gung wäre die richtige Frage gewesen, wie hoch die Wahrschein- lichkeit ist, dass eine ermordete Frau, die geschlagen wurde, von ihren Lebenspartnern geschlagen wurde. Diese Wahrscheinlichkeit lag in den USA im Jahr 1993 bei rund 90%. 43 6. Die Illusion von Mustern und das Muster von Illusionen 44 Ein grundlegendes Problem bei der Verarbeitung von Informationen ist die Frage, ob es sich bei der Information um ein zufallverteiltes Phänomen handelt, oder ob die Ereignisse einem bestimmten Mus- ter in Abhängigkeit von ihrer Vergangenheit und/oder des Umfelds folgen und damit beispielweise mit Methoden der Zeitreihenanalyse untersucht werden können. Menschen sind notorisch schlecht wenn es darum geht, zufallsbedingte Entwicklungen als solche zu erken- nen. Entwicklungspsychologen erklären dies durch den Selektions- mechanismus. Die Fähigkeit, beispielsweise den Zusammenhang zwischen der Bauchfülle eines Säbelzahntigers und seiner Angriffs- lust zu erkennen, dürfte sich in der Evolution als Vorteil erwiesen haben, der gegebenenfalls weiter vererbt werden konnte. Unser Wahrnehmungsmechanismus ist darauf getrimmt, Zusammenhänge und Muster zu identifizieren. Überdies zeigen Experimente und Bei- spiele von Menschen, die sich längere Zeit in einer extremen Situa- tion befanden (Gefangene, Verschollene), dass der Mensch ein gewisses Maß an Ordnung in seiner Umwelt braucht, das ihm das Gefühl einer zumindest passiven Kontrolle bzw. Prognostizierbarkeit vermittelt. Haben Menschen das Gefühl keinerlei Einfluss auf ihre chaotische Umwelt zu haben, verzweifeln sie. Muster und erkannte kausale Beziehungen zwischen Elementen und Ereignissen dage- gen reduzieren Komplexität, Informationen können leichter verarbei- tet, abgespeichert und erinnert werden. 7. Schwierigkeiten mit nicht-linearen Prozessen Ein klassisches Beispiel für nicht-lineare Prozesse ist das Kinderrät- sel zum Wachstum eine Seerose, die innerhalb einer Woche ihre Blütenzahl verdoppelt und nach 16 Wochen den halben Teich be- deckt und mit der Frage abschließt, wie lange es noch dauert bis der Teich vollständig bedeckt ist. Die Tendenz exponentiell Wachs- tumsverläufe zu unterschätzen konnte auch in Experimenten nach- gewiesen werden. 45 Dietrich Dörner stellte Probanden vor die Auf- gabe abzuschätzen, wie viele Traktoren ein Werk, das zu Beginn 1.000 Stück produziert, und dessen Produktion jährlich um 6% steigt, in 25, 50 und 100 Jahren produzieren würde. Dabei ent- sprach die durchschnittliche Schätzung für die Produktion in 100 Jahren weniger als einem Siebtel des tatsächlichen Wertes. Diese Art von Prozessen, die der Zinseszinsformel entsprechen, spielen bei fast allen Investitionsentscheidungen eine Rolle und werden im abschließenden Kapitel wieder aufgegriffen. 43 Nach der Theorie von Bayes ist die Wahrscheinlichkeit, dass A eintritt, wenn B eingetreten ist, in der Regel ungleich die Wahrscheinlichkeit, dass B eintritt, wenn A angetreten ist. 44 Mlodinow, Leonard (2008). The Drunkard's Walk: How Randomness Rules Our Lives. 45 Dörner, Dietrich (2007). Die Logik des Mißlingens. Seite 168. 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 0 2 04 06 08 01 0 0 Schätzung Tatsächlicher Verlauf W achstumsraten Anzahl in 100.000 Quelle: Dietrich Dörner. Die Logik des Mißlingens Jahre 7 Aktuelle Themen 480 22 30. April 2010 Sind wir wirklich Homer so ähnlich? Der amerikanische Entwicklungspsychologe Steven Pinker warnt davor, die Schwächen des menschlichen Denkens beim Umgang mit Fragen der Aussagelogik und der Wahr- scheinlichkeitsrechnung als Beispiel mensch- licher Irrationalität zu interpretieren.* Die Beispiele der Wahrscheinlichkeitsrechnung (Münzwurf, Roulette) sind vom Menschen konstruierte Maschinen, mit dem Ziel, zufälli- ge Ergebnisse zu produzieren. Viele Prozesse des täglichen Lebens sind keine Zufallsexpe- rimente und die Ereignisse sind nicht unab- hängig. So hängt das Wetter von morgen von dem heutigen ab, der Kurs einer Aktie von dem des Vortages und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elfmeterschütze „verwandelt“, hat sicherlich etwas damit zu tun, ob er das letzte Mal getroffen hat. Die Angabe einer Wahr- scheinlichkeit für ein singuläres Ereignis ist selbst unter Mathematikern umstritten. So kann ein einzelnes Ereignis nicht mit einer Wahrscheinlichkeit von 60% eintreten, entwe- der es tritt ein oder nicht. Die Menschen haben durch ihre eigene Erfahrung gelernt, Wahrscheinlichkeiten als relative Häufigkeiten über einen längeren Zeitraum und nicht als den Ausdruck subjektiven Vertrauens bezüg- lich eines einzelnen Ereignisses zu interpre- tieren. Menschen nutzen Logik und Wahr- scheinlichkeitsrechnung zur Lösung von Problemen im Kontext ihrer eigenen Erfah- rungen. Wenn ein starker Raucher angesichts der Tatsache, dass seine ebenfalls stark rauchenden Eltern beide über neunzig Jahre alt geworden sind, annimmt, dass seine Le- benserwartung nicht der durchschnittlichen von Rauchern entspricht, könnte er durchaus recht haben. Überhaupt ist die Auswahl der relevanten Stichprobe, aus der Wahrschein- lichkeitsaussagen abgeleitet werden, nicht trivial. Welche Eigenschaften müssen berück- sichtigt werden? Je spezifischer die Stichpro- be, desto geringer wird ihr Umfang, was wiederum ihre Aussagekraft reduziert. *Pinker, Steven. How the mind works. 1997 5. Systematische Fehler bei Anlageent- scheidungen – was zu beachten ist! Die in den beiden vorherigen Kapiteln beschriebenen Verhaltens- muster sind wohl vielfach bekannt und werden beispielsweise von Unternehmen in ihren Marketing- und Verkaufsstrategien berück- sichtigt. Auch der Staat kann sie nutzen, um seine Bürger bei ihren Entscheidungen – wohlmeinend – in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen. 46 So könnte man beispielsweise den Abschluss einer Riesterrente standardmäßig mit der Unterzeichnung eines Arbeits- vertrages verbinden, dem der Arbeitnehmer explizit widersprechen müsste. Bei Untersuchungen in den USA hat sich gezeigt, dass die Abschlussrate betrieblicher Altersversorgungen (401k) bei einer derartigen Umkehr der „Aktivitätslast“ signifikant gestiegen ist, was wohl auf den status-quo bias zurückzuführen ist. Im Folgenden wird untersucht, inwieweit diese Unzulänglichkeiten und systematischen Fehler, die Menschen typischerweise begehen, Anlageentscheidungen beeinflussen können und diskutiert, inwie- weit die Berücksichtigung dieser Fallstricke möglicherweise zu bessen Entscheidungen führen könnte. 1. Menschen sind keine rationalen Maschinen, aber sie sind (begrenzt) lernfähig Menschen machen systematische Fehler, insbesondere bei komple- xen Fragestellungen, wie z.B. Anlageentscheidungen. Die Reflexion des eigenen Verhaltens kann helfen, solche Unzulänglichkeiten zu vermeiden und eröffnet einen Weg aus systematischen Fehlern zu lernen. Dies setzt allerdings voraus, dass Entscheidung und Erfolg bzw. Misserfolg zeitlich nicht zu weit auseinander liegen und dass die Entscheidungssituation wiederholt auftritt. Bei wichtigen finan- ziellen Entscheidungen, wie zum Beispiel dem Abschluss einer Le- bens- oder Rentenversicherung oder dem Kauf und der Finanzie- rung einer Immobilie, sind beide Voraussetzungen zumeist nicht gegeben. Umso wichtiger ist es, diese sorgfältig vorzubereiten. In Experimenten zeigt sich, dass die Teilnehmer zwar bei anderen nicht-rationales Verhalten unterstellen, für sich selbst aber aus- schließen. Wenn beispielsweise Autofahrer ihr eigenes Fahrvermö- gen einschätzen sollen, bezeichnen sich regelmäßig 90% der Be- fragten als überdurchschnittlich gute Fahrer. Dieser „illusionäre Überlegenheit“ oder over-confidence genannte Effekt lässt sich auch bei anderen Eigenschaften, wie zum Beispiel dem Gesundheitszu- stand oder der Einschätzung der eigenen intellektuellen Fähigkei- ten, nachweisen. 2. Metawissen – wie gut weiß ich, was ich weiß? Durch Reflexion kann man nicht nur sein eigenes Verhalten analy- sieren, sondern sich auch der Qualität seines Wissens und des Wissens von Beratern bewusster werden. Wissen ist naturgemäß unvollständig und muss häufig revidiert werden. Das Wissen des durchschnittlichen Anlegers über Funktion und Risiken einer Fest- zinsanlage ist wohl deutlich besser als über ein strukturiertes Pro- dukt. Man sollte sich der unterschiedlichen Qualität seines Wissens bewusst sein und dies bei der Einschätzung des Risikos einer Anla- ge berücksichtigen. Derartige Überlegungen werden aber häufig durch positive und negative Erfahrungen der Vergangenheit (eigene oder fremde), sogenannte emotionale Muster (emotional book- 46 Siehe dazu: Thaler, Richard H. und Cass R. Sunstein (2008). Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 23 marks), in den Hintergrund gedrängt, ohne dass es dem Entschei- der bewusst ist. 3. Repräsentativitäts-Bias – der Schein kann trügerisch sein Komplexe strukturierte Produkte, aber auch Sparverträge, die be- sonders hohe Zinsen versprechen, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen manchmal als aktienbasiert. Anleger sollten nicht auf- grund des Produktnamens oder einiger in der Werbung hervorgeho- bener Eigenschaften die Produkte vorschnell einer Kategorie zuord- nen, sondern sich alle im Produkt liegenden Risiken bewusst ma- chen. 4. Verfügbarkeit – was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß Bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten sollte man nicht auf sein Gedächtnis vertrauen, das neuere Informationen tendenziell übergewichtet. Dies gilt insbesondere für die Einschätzung des Ge- winnpotenzials einer Investition. Viele Produkte, wie z.B. Aktien, schwanken um einen langfristigen Trend. Überdurchschnittlich gute Aktienjahre können die Risikobereitschaft erhöhen. Sie sind aber kein Indiz für ein weiteres gutes Jahr, sondern machen im Gegenteil eine Korrektur sogar wahrscheinlicher. Andererseits sind gerade die Zeitpunkte, wie z.B. im Frühjahr 2009, als man nur Schlechtes über den Aktienmarkt hörte, häufig gute Kaufgelegenheiten, die verpasst werden, weil man sich von der schlechten aktuellen Stimmung vom Kauf abhalten lässt. 5. Verlustaversion – wie hoch ist die Leidensfähigkeit? Man sollte sich seiner asymmetrischen Bewertung von Gewinnen und Verlusten bewusst sein, wenn man seine Risikobereitschaft bestimmt. Selbst Strategien, die über längere Zeit kontinuierliche, kleine Verluste abwerfen, die durch seltene aber entsprechend hohe Gewinne mehr als kompensiert werden, können emotional schwierig sein. 47 Angesichts der nicht bestehenden prozeduralen Invarianz sollte man bei einer Entscheidung durch unterschiedliche Fragestel- lungen versuchen, seine wahren Präferenzen zu ergründen. 6. Plausibilität – das hört sich doch gut an! Gute Stories und Hochglanzfotos von sympathisch wirkenden Per- sonen in Verkaufsprospekten und Unternehmensberichten mögen überzeugend klingen und aussehen. Sie bedeuten aber nicht, dass diese Informationen relevant für den Erfolg der Aktie oder der Im- mobilie sein müssen. Erfolgsgeschichten der Vergangenheit müssen nicht notwendigerweise das Ergebnis einer überragenden Strategie oder eines visionären Managements sein. Gerade die jüngste Fi- nanzkrise hat gezeigt, wie einige der vormals bewunderten Strate- gien dramatisch versagten. 7. Ankerung – unbegründete Erwartungen Häufig hat man bestimmte Renditeerwartungen im Kopf, deren Ur- sprung häufig nicht nachzuvollziehen ist. Diese müssen nicht kom- plett zufällig wie in den im vorherigen Kapitel beschriebenen Expe- rimenten sein. Aber Bundesanleihen rentieren schon lange nicht mehr über 7%, wie im Schnitt der achtziger Jahre. Auch Geschich- ten, in denen während der New-Economy-Blase Personen durch die Zeichnung von IPOs quasi über Nacht reich geworden sind, sollten nicht als Anker für die Renditeerwartung bezüglich des eigenen Portfolios dienen. Auch glauben viele immer noch, dass die deut- 47 Taleb, Nassim Nicholas (2007). The Black Swan: The Impact of the Highly Improbable. 0 2 4 6 8 10 12 80 85 90 95 00 05 10 Bundesanleihen 10J Durchschnitt 80er Quellen: Datastream und DB Research Rendite Bundesanleihen % 9 400 4000 80 83 86 89 92 95 98 01 04 07 10 Dax Expon. (Dax) Log. Darstellung Aktienindex Dax und Trend Quelle: Global Insight 8 Aktuelle Themen 480 24 30. April 2010 sche Wirtschaft im Schnitt mit 2 ½% wächst. Dies war in den achtzi- ger Jahren der Fall, mittlerweile liegt das Trendwachstum nur noch knapp über 1%. 8. Kategorisierung – tausend Euro sind nicht immer tausend Euro Häufig ist man mit selbst erworbenem Geld besonders vorsichtig. Bei der Anlage von früheren Gewinnen oder geerbtem Geld dage- gen sind Menschen häufig risikofreudiger. Dies kann durchaus rati- onal sein, wenn man beispielsweise das Geld eigentlich nicht braucht. Man sollte sich aber der Wirkung psychologischer Budgets bewusst sein. 9. Größe der Grundgesamtheit – die Mischung macht’s! Ein Portfolio, das auf nur wenige Werte setzt, die auch noch hoch korreliert sind, kann in einem Boomjahr außergewöhnlich hohe Ge- winne bescheren, besitzt aber ein sehr hohes Risiko, das in den folgenden Jahren überdurchschnittlich hohe Verluste verursachen kann. 10. Isolationseffekt – die zwei Seiten der Medaille Der Klassiker hier ist wohl der Zusammenhang zwischen Risiko und Ertrag, der immer wieder gerne ignoriert wird, wie das Beispiel der verbrieften US-subprime Hypotheken eindrucksvoll zeigte. Ähnliche Fehler können auftreten, wenn lediglich auf das Preisrisiko eines Investments abgestellt wird, dabei aber außer Acht bleibt, dass man im Falle des Falles eventuell keine Käufer findet (Marktrisiko). Dies könnte zum Beispiel bei der Entscheidung zwischen Aktien und Immobilien eine wichtige Rolle spielen. 11. Besitzeffekt – das ist doch mehr wert! Dieser Effekt kann beim Verkauf eines Assets zu übertriebenen Preiserwartungen führen, zu denen sich dann kein Käufer findet. Beim Verkauf einer Aktie mit Limit kommt es dann nicht zur Aus- übung. Allerdings bieten die Preise an der Börse einen unbarmher- zigen Realitätscheck, der Verkäufer wird wohl relativ schnell sein Limit reduzieren. Schwieriger gestaltet sich das Problem bei einem Auto oder einer Immobilie. Zum einen ist es aufgrund der Unter- schiedlichkeit des Produktes schwierig, einen Orientierungspreis zu finden, zum anderen spielen hier Emotionen eine erhebliche Rolle. 12. Confirmation bias – hab‘ ich es nicht immer schon gesagt? Dieses Problem kann den Investor in der Formulierungs- und Ent- scheidungsphase seiner Strategie treffen. Ist erst einmal eine Hypo- these formuliert, beispielsweise diese Jahr wird ein gutes Aktienjahr, dann springen einem diese Meinung bestätigenden Beispiele, z.B. Medienberichte, geradezu ins Auge. Mit widersprechenden Informa- tionen beschäftigt man sich dagegen eher ungern. Dies gilt auch nachdem eine Entscheidung getroffen wurde. Man braucht in beiden Fällen schon massive Evidenz, um sich einzugestehen, dass man eine Fehlentscheidung getroffen hat oder auch nur, dass sich die Situation verändert hat und damit die ursprüngliche Entscheidung nicht mehr sinnvoll ist. 13. Status-quo bias – auch wer nichts tut, kann Fehler machen Bei Investitionsentscheidungen, bei der Restrukturierung eines Port- folios und insbesondere bei Verkaufsentscheidungen sollte man sich bewusst machen, dass man eine inhärente Tendenz zum Nichtstun Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 25 hat. Man sollte sich klar machen, dass keine Entscheidung eben auch eine Entscheidung ist. 14. Sunk cost – Jammern war gestern Frühere Fehlentscheidungen zu korrigieren fällt so schwer, weil dies bedeutet, den finanziellen Verlust zu akzeptieren und abzuschrei- ben, wogegen man sich nicht zuletzt wegen der Verlustaversion sträubt. Aber bei der Entscheidung, ob man heute sein Kapital neu in einem gewinnversprechenden Investment anlegt, sollte die dazu notwendige Realisierung von Verlusten der Vergangenheit keine Rollen spielen. Andernfalls sitzt man immer noch auf seinen Verlus- ten, hat aber möglicherweise eine gute Gelegenheit verpasst, diese Verluste zumindest teilweise zu kompensieren. 15. Logische Inversion – ist doch logo! Die meisten ökonomischen Zusammenhänge lassen sich nicht in das rigorose Korsett der formalen Aussagelogik pressen. Aus A muss nicht immer zwingend B folgen und häufig auch nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Außerdem ist häufig, beispiels- weise beim Zusammenhang zwischen Preisen und Nachfrage, die Inversion der Aussage 1: bei steigender Nachfrage steigen die Prei- se, in die Aussage 2: bei steigenden Preisen steigt die Nachfrage unzutreffend. Dagegen ist der Umkehrschluss, dass bei steigenden Preisen die Nachfrage sinkt, richtig. Bei Investitionsentscheidungen könnte der Zusammenhang zwischen steigenden Gewinnen und dem Anstieg des Aktienkurses 48 eine logische Inversionsfalle dar- stellen. So dürften Aktieninvestoren während der New-Economy- Blase damit gerechnet haben, dass massive Kursanstiege ein Sig- nal für zukünftige Gewinnanstiege darstellten. 49 16. Der Glaube an Muster – was die Welt im Innersten zusam- menhält In einer strikten Interpretation zeichnet sich ein effizienter Markt dadurch aus, dass Investoren Muster sofort erkennen, diese durch ihre Investitionen „weg-arbitrieren“ und damit das erkannte Muster keinen Bestand hat. Diese Sicht entzieht landläufigen „Börsenre- geln“, die beispielsweise auf saisonale Muster abstellen, jede Grundlage. Dies könnte auch erklären, warum Wechselkursprogno- sen nahezu unmöglich sind. Zwar gibt es immer wieder Modelle, die zumeist für die jeweils jüngste Vergangenheit den Wechselkurs recht gut erklären können, allerdings scheitern diese meist recht schnell, wenn man sie für Prognosezwecke benutzt. Der berühmtes- te Fall, in dem der Glaube an – wenn auch hochkomplexe – Muster einen einstmals hochprofitablen Fonds zu Fall gebracht haben, ist wohl die Geschichte von Longterm-Capital Management (LTCM). Hier wurden mit Hilfe zweier Nobelpreisträger, die für ihre For- schung im Bereich der Optionsbewertung ausgezeichnet wurden, Korrelationen zwischen verschieden Teilmärkten für Arbitrage- geschäfte genutzt. Anfänglich machte LTCM unglaubliche Gewinne, bis dann durch die Russlandkrise in 1998 die gefundenen Korrela- tionen (Muster) zusammenbrachen und LTCM in den Ruin führten. Ein weiteres Beispiel, wie vermutete stabile Beziehungen manchmal eben nicht gelten, ist die berühmte Formulierung des ehemaligen Fed-Präsidenten Greenspan, der die ausbleibenden Reaktion der 48 Nach der discounted cash flow Analyse bestimmt sich der aktuelle Wert einer Aktie durch die zukünftigen, abgezinsten Ausschüttungen (Dividenden) des Unterneh- mens, die von den Gewinnen abhängig sind. 49 Eine alternative Erklärung ist, dass sie lediglich erwarteten, nach dem erhofften Kursanstieg, die Aktie mit Gewinn weiterverkaufen zu können. Aktuelle Themen 480 26 30. April 2010 amerikanischen langfristigen Zinsen auf die Serie von Leitzinsanhe- bungen der Fed in 2004 und 2005 als „conundrum“ (Rätsel) be- zeichnete. Diese Überlegungen und Beispiele bedeuten nicht, dass Kapital- marktprognosen generell unmöglich sind. Aktien- und Anleihenmärk- te werden prinzipiell von der Entwicklung von Konjunktur und Prei- sen in systematischer Weise beeinflusst 50 , aber als Investor tut man gut daran, sich zu vergegenwärtigen, dass diese Zusammenhänge nicht immer stabil sind und manche Zusammenhänge eben nur Scheinkorrelationen sind. 17. Nicht-lineare Prozesse – auch Kleinvieh kann Mist machen Bei Finanzentscheidungen hat man es häufig mit nicht-linearen Ver- läufen zu tun. Das ist insbesondere bei komplexen Optionen der Fall. Aber auch bei einfachen Produkten werden die langfristigen Effekte relativ niedriger jährlicher Wachstumsraten häufig unter- schätzt. Eine durchschnittliche, jährliche Inflationsrate von 2% hört sich gering an, man ist geneigt sie bei seiner Rentenplanung nicht zu berücksichtigen. Allerdings hat ein Vermögen von EUR 100.000 nach 20 Jahren ein Drittel seiner Kaufkraft eingebüßt. Umgekehrt führt dieser Effekt dazu, dass über die Zeit auch aus kleinen Spar- beträgen eine ordentliche Summe entstehen kann. Fazit Viele der aufgelisteten Punkte mögen selbstverständlich erscheinen. Allerdings wird der Einfluss der Psychologie und der Gefühle in ei- nem als sehr rational wahrgenommenen Umfeld wie der Wirtschaft und der Finanzwirtschaft doch häufig unterschätzt. Natürlich garan- tiert die Beachtung dieser Punkte, die in der Praxis wohl nicht immer so einfach sein dürfte, nicht den Investitionserfolg. Aber an der ei- nen oder anderen Stelle können dadurch sicherlich Fehler vermie- den werden. Ähnlich wie Homer Simpson, der mit der Erkenntnis, dass er verwirrt ist, die Wirkung der Psychologie auf sein Verhalten realisiert, können die hier dargestellten Phänomene helfen, die Wir- kung psychologischer Faktoren auf unsere Entscheidungen klarer zu erkennen. Stefan Schneider (+49 69 910-31790, stefan-b.schneider@db.com) 50 Allerdings haben Forscher der London Business School sogar eine leicht negative Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienmarktentwicklung gefunden. Credit Suisse Global Investment Return Yearbook 2010. 0 1 2 3 4 5 6 7 99 01 03 05 07 09 Fed Funds US-Staatsanleihen 10J Das amerikanische % Zinsrätsel Quelle: Thomson Reuters ? 10 Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? 30. April 2010 27 Literaturverzeichnis Akerlof, George A. und Robert J. Shiller (2009). Animal Spirits. Ariely, Dan (2008). Predictably Irrational. Bakhshi, Hasan und Anthony Yates (1998). Are UK inflation expectations rational?, Bank of England. Becker, Gary S. (1976). The Economic Approach to Human Behavior. Chicago. Blüm, Norbert (2009). Im goldenen Reich des Preisvergleichs. Die Zeit Nr. 37. 02.09.2009. Credit Suisse Global Investment Return Yearbook 2010. Dahrendorf, Ralf (1968). Homo Sociologicus. Tübingen. Dörner, Dietrich (2007). 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