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29. Mai 2020
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Die Corona-Krise hat die europäischen Banken schon im ersten Quartal hart getroffen, sie haben diese aber bisher relativ gut überstanden. Weitere Belastungen sind allerdings mit Sicherheit zu erwarten. Während die Erträge und Kosten nur leicht sanken, schossen die Rückstellungen für Kreditausfälle in die Höhe und machten den Gewinn der Branche fast komplett zunichte. Die Kapitalquoten gingen im Quartalsvergleich zurück, jedoch weniger als befürchtet, da die Banken die Dividenden für 2019 gestrichen hatten. Das Bilanzsummenwachstum erreichte mit 10% gegenüber dem Jahresende einen neuen Rekord, was auf einen Anstieg der Unternehmenskredite, höhere Liquiditätsreserven bei den Zentralbanken und ein höheres Derivatevolumen zurückzuführen war. [mehr]
PROD0000000000508545 1   |    29. Mai 2020 Aktueller Kommentar 29. Mai 2020 Historisches Quartal für europäische Banken zu Beginn der Corona-Krise Die Corona-Krise hat die europäischen Banken schon im ersten Quartal hart getroffen, sie haben diese aber bisher relativ gut überstanden. Weitere Belas tungen sind allerdings mit Sicherheit zu erwarten. Während die Erträge und Kosten nur leicht sanken, schossen die Rückstellungen für Kreditausfälle in die Höhe und machten den Gewinn der Branche fast komplett zunichte. Die Kapitalquoten gingen im Quartalsvergleich zurück, jedoch weniger als be fürchtet, da die Banken die Dividenden für 2019 gestrichen hatten. Das Bi lanzsummenwachstum erreichte mit 10% gegenüber dem Jahresende einen neuen Rekord, was auf einen Anstieg der Unternehmenskredite, höhere Liqui ditätsreserven bei den Zentralbanken und ein höheres Derivatevolumen zu rückzuführen war. Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Jan Schildbach +49(69)910-31717 jan.schildbach@db.com Die 20 größten europäischen Banken wurden im ersten Quartal von der Coro navirus-Krise und der dadurch ausgelösten Rezession hart getroffen. Bisher ist es ihnen jedoch gelungen, die Auswirkungen zu begrenzen. Die Erträge waren aufgrund gegensätzlicher Trends insgesamt leicht rückläufig gegen über dem Vorjahr ( 1%). Einerseits handelten die Kunden, insbesondere wäh rend der Verwerfungen an den Finanzmärkten im März, mehr mit Aktien und Anleihen, was dem Provisionsüberschuss zugutekam (+9%). Andererseits litt das Handelsergebnis (-26%) unter höheren Anleihespreads und niedrigeren Aktienmarktbewertungen. Der Zinsüberschuss blieb unverändert, da sich ge ringere Margen und Volumenwachstum weitgehend ausglichen. Der Trend sinkender Verwaltungsaufwendungen setzte sich fort (-1%). Das durch schnittliche Aufwand-Ertrag-Verhältnis stieg dennoch um zwei %-Punkte auf 66%. Ein sprunghafter Anstieg der Rückstellungen für Kreditverluste hatte die stärksten unmittelbaren Auswirkungen auf die GuV. Sie stiegen auf das Zwei einhalbfache des Vorjahresniveaus - das allerdings vom Rekordtief nicht weit entfernt war. Darüber hinaus ist die Risikovorsorge im Vergleich zu US-ameri kanischen Banken eher gering. Dort stieg sie in Q1 auf das Viereinhalbfache des Wertes von 2019, obwohl die Rezession Europa stärker treffen dürfte als die USA. 2020 wird das BIP im Euroraum voraussichtlich um 12% und in Großbritannien um 11,5% einbrechen, verglichen mit 7% in den USA. Das ist ein wichtiger Maßstab für den wirtschaftlichen Schock, auch wenn sich dieser aufgrund struktureller Unterschiede und einer Vielzahl unterschiedlicher staatlicher Unterstützungsmaßnahmen, die die Ausfallwahrscheinlichkeiten beeinflussen, nicht eins zu eins in Kreditverlusten niederschlagen wird. Historisches Quartal für europäische Banken zu Beginn der Corona-Krise 2   |    29. Mai 2020 Aktueller Kommentar Die Entscheidungsträger haben die europäischen Banken aufgefordert, keine übermäßigen Rückstellungen zu bilden und die in den Bilanzierungsregeln enthaltene Flexibilität voll zu nutzen. Damit besteht allerdings die Gefahr, dass sich die bedenkliche Erfahrung nach der Finanzkrise wiederholt. Die Kre ditrisikovorsorge der US-Banken war bereits 2011/12 wieder auf Normalni veau. Ihre europäischen Wettbewerber brauchten dafür viel länger, nämlich bis 2014/15. Einer der Gründe dafür waren - abgesehen vom Zweitrundenef fekt der europäischen Staatsschuldenkrise - die erheblich niedrigere Risiko vorsorge in Europa und die entschlossenere Reaktion der US-Banken wäh rend und unmittelbar nach der Finanzkrise 2008-10. Die anhaltende Belas tung der europäischen Banken ermöglichte es ihren US-Konkurrenten, da vonzuziehen und Marktanteile zu gewinnen, insbesondere im Kapitalmarktge schäft. Unter dem Strich blieb in Q1 fast kein Gewinn mehr übrig (-84% gegenüber Vorjahr), da mehr als ein Drittel der europäischen Banken einen Nettoverlust verzeichnete (im Gegensatz zu ihren US-amerikanischen Konkurrenten, die al le in den schwarzen Zahlen blieben). Dem ging bereits ein reduzierter Gewinn im Vorjahr voraus. 2018 war das einzige Geschäftsjahr seit der Finanzkrise, in dem alle großen europäischen Banken profitabel waren. Daran dürfte sich vorerst auch nichts ändern. Die Bilanzsumme legte stark zu, um 8% gegenüber Vorjahr und in den letzten drei Monaten sogar um ganze 10%. Ein saisonaler Anstieg im ersten Quartal ist zwar üblich. Dieser ist aber beispiellos - es ist der stärkste in einem einzel nen Quartal seit Beginn dieser Zeitreihe 2005. Nicht einmal in den enormen Verwerfungen während der Finanzkrise in den Jahren 2007-09 oder in der europäischen Schuldenkrise verzeichneten die Banken ein derart massives Bilanzwachstum. Gründe hierfür waren höhere Liquiditätsreserven bei Zen tralbanken sowie höhere Interbankforderungen, höhere Derivatevolumina und ein kräftiges Plus bei (Unternehmens-)Krediten. Das unterstreicht die grundlegend andere, positivere Rolle der Banken in der aktuellen Krise: Män gel im Bankensystem standen im Mittelpunkt der Finanzkrise und der globa len Rezession. Schwache Bankensektoren in Ländern wie Irland, Spanien und Italien verschärften die Schuldenkrise von 2010-15. Jetzt hingegen können die Banken dazu beitragen, den wirtschaftlichen Schock zu mildern, der die Welt wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Sie können die Kunden weiterhin unterstützen und Unternehmen, Haushalte und Staaten finanzieren, selbst wenn sich deren Bonität verschlechtert und die Kapitalausstattung der Banken unter Druck gerät. So gesehen bietet die Corona-Krise der Banken branche eine Chance auf „Wiedergutmachung", d.h. die Möglichkeit, ihren Ruf als verantwortungsbewusster Teil der Gesellschaft ein Stück weit wieder herzustellen. Die risikogewichteten Aktiva (risk-weighted assets, RWA) stiegen in Q1 so wohl gegenüber dem Vorjahr als auch gegenüber dem Vorquartal um 2%. Zu rückzuführen war das in erster Linie auf das Bilanzwachstum, Ratingmigrati on, verschärfte Regulierung (regulatorische Inflation) bei Verbriefungspositio nen und höhere Marktrisiken aufgrund der extremen Finanzmarktvolatilität. Dadurch wurden einige Verkäufe von Vermögenswerten mehr als ausgegli chen, ebenso wie positive Wechselkurseffekte, da die Währungen vieler Schwellenländer gegenüber dem Euro abwerteten. Bilanzsumme der größten europäi schen Banken* Quellen: Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research Historisches Quartal für europäische Banken zu Beginn der Corona-Krise 3   |    29. Mai 2020 Aktueller Kommentar Originalfassung in Englisch vom 20. Mai 2020: ˮ Historic quarter for European banks at the onset of the corona crisis ˮ Das gesamte Eigenkapital stieg lediglich um 1% im Jahres- und Quartalsver gleich. Die durchschnittliche CET1-Quote lag mit 13,5% leicht über dem Ni veau von vor zwölf Monaten (+0,2 %-Punkte), ging jedoch seit Jahresende 2019 deutlich zurück (-0,4 %-Punkte). Die Aussetzung von (mitunter beträcht lichen) Dividenden für 2019, die bereits verbucht waren, aber nach den Emp fehlungen der EZB gestrichen oder zumindest zurückgestellt wurden, wurde durch den Anstieg der RWA sowie durch Nettoverluste bei einigen Instituten mehr als ausgeglichen, die zu niedrigeren Kapitalquoten beitrugen. Diese wä ren natürlich stärker gesunken, wenn die Kreditrisikovorsorge höher gewesen wäre. Ähnlich sah es bei der Leverage-Ratio aus, die mit 4,8% im Jahresver gleich unverändert blieb, im Quartalsvergleich jedoch um 0,3 %-Punkte sank. Damit ist die Kapitalausstattung insgesamt bislang robust geblieben. Die größten Belastungen stehen allerdings noch bevor, da die Rezession erst im laufenden Quartal voll zum Tragen kommt und wahrscheinlich nicht vor 2022 vollständig überwunden sein wird. Mit Blick auf die Liquidität gelang es den Banken trotz der heftigen Turbulenzen, die Mindestliquiditätsquote (Liquidity Coverage Ratio, LCR) mit im Durchschnitt soliden 146% gegenüber dem Vor quartal weitgehend stabil zu halten (-5 %-Punkte gegenüber Vorjahr). Siehe auch (auf Englisch): Crisis impact on bank balance sheets in the euro area Initial US bank performance in the corona crisis European banks in the corona crisis Historisches Quartal für europäische Banken zu Beginn der Corona-Krise 4   |    29. Mai 2020 Aktueller Kommentar © Copyright 2020. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ih rer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumen ten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. 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