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20. Juli 2020
Die deutsche Exportindustrie kämpfte die letzten Jahre mit vielen Herausforderungen. „Hausgemachte“ Probleme insbesondere im Autosektor gehörten hier ebenso dazu wie die Neuausrichtung der US-Handelspolitik. Auch die immer stärker in den Blickpunkt rückende Klimakrise implizierte massive Veränderungen. Entsprechend war die langfristige Ausrichtung vieler Sektoren des Verarbeitenden Gewerbes mit etlichen Fragezeichen versehen. Die Corona-Krise erhöht die Unsicherheit nun um ein Vielfaches. Wir denken, eine Reihe von Entwicklungen sprechen für unsere These, dass kontinentale Wertschöpfungsketten an Bedeutung gewinnen. [mehr]
PROD0000000000510469 1   |    20. Juli 2020 Aktueller Kommentar 20. Juli 2020 Globaler Gegenwind macht konti nentale Wertschöpfungsketten attraktiver Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Jochen Möbert +49(69)910-31727 jochen.moebert@db.com Die deutsche Exportindustrie kämpfte die letzten Jahre mit vielen Herausfor derungen. „Hausgemachte" Probleme insbesondere im Autosektor gehörten hier ebenso dazu wie die Neuausrichtung der US-Handelspolitik. Auch die im mer stärker in den Blickpunkt rückende Klimakrise implizierte massive Verän derungen. Entsprechend war die langfristige Ausrichtung vieler Sektoren des Verarbeitenden Gewerbes mit etlichen Fragezeichen versehen. Die Corona- Krise erhöht die Unsicherheit nun um ein Vielfaches. Wir denken, eine Reihe von Entwicklungen sprechen für unsere These, dass kontinentale Wertschöp fungsketten an Bedeutung gewinnen. ESG-Debatte hinterfragt globale Wertschöpfungsketten. Humanitäre, soziale und ökologische Fragen stehen immer mehr im Fokus. Die „Fridays for Future"-Generation hält den Unternehmenslenkern schon heute medienwirksam Umwelt- und Klimasünden vor. Es herrscht ein großer gesellschaftlicher Konsens über den hohen Stellenwert des Klimaschutzes in den aktuellen Konjunkturpaketen. Ein weiteres Thema, welches die Kosten struktur der Industrie verändern würde, wäre die Einführung von CO -Zöllen. Ökonomen haben im Rahmen der Klimapolitik dieses Instrument diskutiert. Im Rahmen der Debatte über die Ausgestaltung des EU-Wiederaufbaufonds wurden CO -Zölle als mögliches Lenkungs- und Finanzierungsmittel vorge schlagen. Trotz des tiefsten Wirtschaftseinbruchs seit dem 2. Weltkrieg hinterfragen Verbraucher zunehmend ihre Konsummuster. Konsumenten sanktionieren zu nehmend - wenngleich noch in zu geringer Zahl - Produkte, die unter Miss achtung von Sozialstandards oder gar unter menschenverachtenden Bedin gungen hergestellt werden. Das aktuell von der Regierung beratene Liefer kettengesetz unterstreicht die gesellschaftliche Relevanz. Es soll die Unter nehmen zu umfangreichen Kontrollen über ihre globalen Wertschöpfungsket ten verpflichten und somit garantieren, dass Sozial- sowie Umwelt- und Kli maschutzstandards auch global eingehalten werden. Eine Mammutaufgabe. Angesichts der drohenden Corona-bedingten Insolvenzwelle und der Kosten, die das Lieferkettengesetz mit sich bringen dürfte, kommt es für die Unter nehmen zur Unzeit. Damit einhergehende Risiken könnten nicht nur mittel ständische Unternehmen dazu veranlassen, bestimmte Länder zu meiden. 2 2 Globaler Gegenwind macht kontinentale Wertschöpfungsketten attraktiver 2   |    20. Juli 2020 Aktueller Kommentar Geopolitische Spannungen verringern die Attraktivität globaler Wertschöp fungsketten. Die aus deutscher Sicht wichtigsten Absatzmärkte außerhalb Europas waren im Jahr 2019 mit weitem Abstand die USA mit einem Exportanteil von fast 9% und China mit etwas mehr als 7%. Beide Länder sind auch als Produkti ons- und Forschungsstandort bedeutend. Die zunehmenden geopolitischen Spannungen kommen für die deutsche Exportindustrie zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Denn die kräftige konjunkturelle Erholung in China könnte helfen, die wirtschaftliche Lage in Deutschland zu stabilisieren und damit auch Arbeitsplätze erhalten. Gleichzeitig sehen die Absatzchancen in die USA aufgrund der sich verschlechternden epidemiologischen Lage zu mindest für die kommenden Monate weiterhin eher mau aus. Folgerichtig könnte China nicht nur im April und Mai unser wichtigster Absatzmarkt gewe sen sein, sondern auch im weiteren Jahresverlauf. Die wirtschaftliche Diver genz zwischen beiden Weltmächten dürfte vermutlich auch unabhängig vom Ausgang der US-Präsidentenwahl am 3. November auf der politischen Tages ordnung bleiben. Deutschland wird damit zunehmend in eine Situation ge drängt, sich zwischen Sicherheits- und Wirtschaftsfragen entscheiden zu müssen. Diese geopolitischen Tendenzen und die zunehmende Bedeutung von ESG- Themen deuteten zumindest langfristig schon vor der Corona-Krise eine mas sive Veränderung der Lieferketten an. Die durch die Corona-Krise ausgelös ten Lieferengpässe steigern nun das Sicherheitsbedürfnis erheblich. Es gibt folglich große Anreize, die auf Effizienz getrimmten globalen Lieferketten zu rückzubauen und in Zukunft stärker regional auszurichten. Dies wird kurzfris tig die Kosten der Unternehmen erhöhen und mittelfristig das Produktivitäts wachstum in der Welt reduzieren. Auf der Habenseite könnte angesichts der vielen globalen Herausforderungen aber eine weniger krisenanfällige Wirt schaft stehen.   2020 Deutschland: Top 4 Bilaterale Exporte Quellen: Deutsche Bank Research, Statisti sches Bundesamt Globaler Gegenwind macht kontinentale Wertschöpfungsketten attraktiver 3   |    20. Juli 2020 Aktueller Kommentar © Copyright 2020. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ih rer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. 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