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24. September 2018
Wir leben in Zeiten niedriger Inflation. So scheint es. Doch der Eindruck trügt, wie der Blick auf die langfristige Historie zeigt. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts stiegen die Preise nicht nur extrem langsam, sondern stagnierten sogar über lange Zeiträume. In Großbritannien zum Beispiel waren sie zwischen 1800 und 1938 nahezu unverändert. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts kam es wiederholt zu deutlichen Inflationsschüben, und das weltweit. In Großbritannien etwa sind die Preise seit 1938 auf das 50fache (+4885%) gestiegen. [mehr]
PROD0000000000477911 1   |    24. September 2018Weitere Research-Beiträge Das ist ein Auszug aus Long-Term Asset Return Study: The History (and Future) of Inflation... , veröffentlicht am 17. Sep­ tember 2018. 24. September 2018 Geschichte (und Zukunft) der Inflation Wir leben in Zeiten niedriger Inflation. So scheint es. Doch der Eindruck trügt, wie der Blick auf die langfristige Historie zeigt. Bis zu Beginn des 20. Jahrhun­ derts stiegen die Preise nicht nur extrem langsam, sondern stagnierten sogar über lange Zeiträume. In Großbritannien zum Beispiel waren sie zwischen 1800 und 1938 nahezu unverändert. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts kam es wiederholt zu deutlichen Inflationsschüben, und das weltweit. In Großbritannien etwa sind die Preise seit 1938 auf das 50fache (+4885%) gestiegen. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Ein Grund für den rasanten Preisauftrieb ist aus unserer Sicht das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, das im Zuge des explosionsartigen Wachstums der Weltbevölkerung seine Wirkung entfalte­ te. In den Jahrhunderten zuvor waren Währungssysteme – von kurzen Unter­ brechungen abgesehen – stets an Edelmetalle gebunden. Freilich käme es in einer Welt, in der MV=PQ ist, bei steigenden Bevölkerungszahlen (und in der Folge höherer Wirtschaftsleistung (Q)) zu einem Rückgang der Preisniveaus, wenn MV fest ist. Ein rapider Verfall der Preise wie unter dem Edelmetallstan­ dard, bei dem (die Geldmenge) M im Grunde festgelegt und (die Umlaufge­ schwindigkeit) V – wie von uns angenommen – mittelfristig unverändert ist, wür­ de in einer Demokratie aber kaum funktionieren, da im Gegenzug die Nominal­ löhne und Gewinne zwangsläufig sinken würden. Aus politischer Sicht wäre dies nicht tragbar. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts gerieten Edelmetallstandards zunehmend unter Druck. Viele Mitglieder traten vorübergehend aus den Währungsverbün­ den aus und lockerten ihre Geldpolitik. In der Folge stiegen die Preise. Zusätz­ lich verschärft wurde dieser Trend durch zwei Weltkriege und die Maßnahmen zur Bekämpfung der Großen Depression. Als 1968 das Wachstum der Weltbe­ völkerung schließlich seinen Höhepunkt erreichte, war angesichts des damit verbundenen (und infolge rasanter Produktivitätssteigerungen beispiellosen) Anstiegs der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage der Zusammenbruch des Bret­ ton­Woods­System der Nachkriegszeit nach unserem Dafürhalten bereits vor­ programmiert. Für eine Währungsordnung, die darauf basiert, dass Geld durch einen im begrenzten Umfang zur Verfügung stehenden Rohstoff gedeckt ist, wurde der Druck einfach zu hoch. Autoren www.dbresearch.de Jim Reid +44(20)754-72943 jim.reid@db.com Craig Nicol +44(20)754-57601 craig.nicol@db.com Nick Burns +44(20)754-71970 nick.burns@db.com Sahil Mahtani +44(020)754-51552 sahil.mahtani@db.com Deutsche Bank Research Geschichte (und Zukunft) der Inflation 2   |    24. September 2018Weitere Research-Beiträge Mit dem Scheitern des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1971 brach die Ära des Fiatgeldes und der Kreditschöpfung an. In den folgenden Jahrzehn­ ten stieg in der Folge fast überall die Kreditvergabe. Es kam zur Finanzialisie­ rung der Weltwirtschaft. Wie zu erwarten war, tendierten auch die Preise nach oben. Zumindest am Anfang. Ab den 1980er Jahren war die Teuerung aber wie­ der rückläufig. Grund hierfür ist wohl, dass sich das Wachstum der Weltbevölke­ rung, nachdem es 1968 seinen Hochpunkt erreicht hatte, allmählich wieder ab­ schwächte. Gleichzeitig nahm die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter massiv zu, da nun die Babyboomer der 1960er Jahre auf den Arbeitsmarkt drängten. Hinzu kam die Öffnung Chinas, wodurch sich das Arbeitskräfteange­ bot weltweit weiter kräftig erhöhte. Auch der Anstieg der Vermögenspreise war beispiellos, insbesondere im Zeitraum von 1950 bis 2000. Unserer Datenbank für traditionelle Vermögens­ werte zufolge verzeichneten Immobilien in Großbritannien bis 1939 und damit über einen Zeitraum von 649 Jahren – die längste verfügbare Zeitreihe – ein nominales Plus von 887% (Jahresrate von 0,4%). In den folgenden 79 Jahren waren es 41.363% (Jahresrate von 8%). Inflation geht anders. So waren die realen Hauspreise in Großbritannien zwischen 1290 und 1939 sogar um 49% rückläufig, während sie in den vergangenen 79 Jahren um 834% zulegten (Jah­ resrate von 3%). Ähnliches gilt für viele andere risikoreiche Vermögenswerte. Auch hier standen im Zeitraum zwischen 1950 und 2000 weltweit massive Zu­ wächse zu Buche – nominal und real. Wie ist der kurz- bis mittelfristige Ausblick? Denkbar ist, dass es zum Kon­ flikt zwischen sich weiter abschwächendem Bevölkerungswachstum (disinflatio­ när) und rückläufiger Erwerbsbevölkerung (inflationär) kommt. Wissenschaftli­ chen Studien zufolge drohen bei einer alternden Bevölkerung inflationäre Effek­ te, während Gesellschaften mit einem hohen Anteil an Personen, die dem Ar­ beitsmarkt noch lange zur Verfügung stehen (z.B. 1980­2015), disinflationär wir­ ken. Preisreihe für alle Länder, deren Datensatz bis 1900 zurückreicht, logarithmi­ sche Skala. Von hoch (Brasilien) bis niedrig (Schweiz) im untersuchten Zeit­ raum Quelle: Deutsche Bank, GFD, Anm: Basisjahr für alle Länderdaten ist 1900. Deutsche Bank Research Geschichte (und Zukunft) der Inflation 3   |    24. September 2018Weitere Research-Beiträge Ebenso vorstellbar ist ein Tauziehen zwischen Regierungen, die sich durch hö­ here Inflation aus der in den vergangenen 40­50 Jahren aufgebauten Schulden­ falle befreien wollen, und unseren derzeit unabhängigen Notenbanken mit ih­ rem auf Preisstabilität ausgerichteten Mandat. Sollte sich unsere Annahme be­ stätigen, dass die inflationären Kräfte stärker sind, könnte ein Test für die Unab­ hängigkeit der Notenbanken resp. deren aktuelle Mandate bevorstehen. Zwar leben wir auch weiterhin in der Ära des Fiatgeldes. Gleichwohl ist die Entschul­ dung durch Inflation eine allgegenwärtige Versuchung. Tatsächlich dürften – wie die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen – viele Länder zu diesem Mittel grei­ fen, um ihre Schulden abzubauen, was für langfristig hohe Staatsschulden und deren Monetisierung durch die Notenbanken spräche. In diesem Fall würden höhere Inflationsraten begleitet von zunehmenden Lohndruck infolge des schrumpfenden Erwerbspersonenpotenzials. Kurz- bis mittelfristig rechnen wir mit einem Anstieg der Inflation. Auf län­ gere Sicht hingegen dürfte als Gegenreaktion auf eine Entschuldung durch In­ flation die Rückkehr zu einer globalen Währungsordnung anstehen, die wieder an einen Sachwert gebunden ist. Für die nötige Architektur werden dabei wohl die Kryptowährungen der Zukunft sorgen. Bis dahin ist das Bevölkerungs­ wachstum wieder auf den stabilen Niveaus wie zu den Zeiten, als Währungs­ ordnungen auf Basis von Edelmetallen als tragfähiger und relativ erfolgreicher Standard dienten. Auch wenn auf sehr lange Sicht (30-100 Jahre) die Niedrig- oder Nullinfla- tion, wie sie vor Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte, wieder die Regel werden dürfte – für die vorhersehbare Zukunft gilt dies nicht. Womöglich werden Historiker den Zeitraum zwischen 1950 und 2000 aber als den großen Ausreißer in der Geschichte der Menschheit und der Finanzmärkte begreifen. For important disclosure information please see:  https://research.db.com/Rese­ arch/Disclosures/Disclaimer     Deutsche Bank Research Geschichte (und Zukunft) der Inflation 4   |    24. September 2018Weitere Research-Beiträge © Copyright 2018. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vor­ behalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage­, Rechts­ oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die ak­ tuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer as­ soziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließ­ lich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informationszwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessen­ heit der vorstehenden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. 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