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24. September 2001
Die vorliegende Ausgabe beschäftigt sich mit zwei Aspekten aus dem Themenkreis Produktivität und New Economy in den USA. Sicherlich haben sich die konjunkturellen Risiken in den USA angesichts der dramatischen Ereignisse durch die jüngsten Terroraktionen merklich erhöht. Wachstumsprognosen sind derzeit alles andere als einfach. Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die Einschätzung hinsichtlich der Produktivitätsentwicklung in den nächsten Quartalen. Der Fokus dieser Publikation liegt jedoch auf langfristigen bzw. strukturellen Aspekten und bleibt insofern aktuell. [mehr]
Fokus: New Economy und Produktivität Die vorliegende Ausgabe beschäftigt sich mit zwei Aspekten aus dem Themenkreis Produktivität und New Economy in den USA. Sicherlich haben sich die konjunkturel- len Risiken in den USA angesichts der dramatischen Ereignisse durch die jüngsten Terroraktionen merklich erhöht. Wachstumsprognosen sind derzeit alles andere als einfach. Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die Einschätzung hinsichtlich der Produktivitätsentwicklung in den nächsten Quartalen. Der Fokus dieser Publikation liegt jedoch auf langfristigen bzw. strukturellen Aspekten und bleibt insofern aktuell. New Economy: „Produktivitätswunder“ in den USA nur ein statistisches Phänomen?  Bei der Messung der Produktivitätsentwicklung spielt der zur Ermittlung des rea- len Outputs verwendete Preisdeflator eine wichtige Rolle. Während in den USA hedonische Preisindizes verwendet werden, finden in Deutschland traditionelle Methoden Anwendung. Dabei zeigen sich vor allem bei der Preisentwicklung von Computern diesseits und jenseits des Atlantiks erhebliche Unterschiede.  Unter Verwendung deutscher Methoden wären das Wachstum und die Produktivi- tätsentwicklung in den USA seit 1996 spürbar geringer als nach amtlicher Statistik ausgefallen. Das Wachstumsgefälle zwischen den USA und Euroland und die Tech- nologielücke wären somit geringer, das umstrittene Phänomen einer New Economy zumindest in Teilen in Frage gestellt.  Dennoch bleibt die US-Produktivitätsentwicklung beachtlich. Im Gegensatz zu den meisten anderen Industrieländern hat sie sich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre beschleunigt, was prinzipiell für die Existenz einer New Economy spricht. Produktivität, Löhne & Gewinne: New Economy in den USA wirkt, allerdings schwächer als gedacht  Während Produktivität und Gewinne in den USA bis Anfang der 90er Jahre einen engen Zusammenhang aufwiesen, ist die Beziehung seither weniger stark ausge- prägt und scheint sich sogar seit Mitte der 90er Jahre umgekehrt zu haben.  Dafür waren vor allem die Lohnkosten verantwortlich, die spürbar stärker als die Produktivität gestiegen sind. Es zeigt sich, dass der von den Befürwortern der New Economy in Frage gestellte Zusammenhang zwischen der Veränderung der Arbeitslosigkeit und den Lohnsteigerungen nach wie vor existiert.  Da der Einfluß der New Economy aufgrund eines intensivierten Wettbewerbs zwar die ”Pricing-Power” der Unternehmen reduzierte, nicht aber die des Faktors Ar- beit, verschob sich die Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer.  Für die längerfristigen Gewinnaussichten bleibt das Produktivitätswachstum eine kritische Größe. Unklar ist derzeit noch, ob ein Tempo wie in der zweiten Hälfte der 90er Jahre (2 ½% p.a.) gehalten werden kann. Bernhard Gräf, +49 69 910-31738 (bernhard.graef@db.com) Jessica Röding, +49 69 910-31736 (jessica.roeding@db.com) Editor: Stefan Schneider +49 69 910-31790 stefan-b.schneider@db.com Publikationsassistenz: Anke Jeschke +49 69 910-31721 anke.jeschke@db.com Internet: http://www.dbresearch.de conomics 19. September 2001 Nr. 18 Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 Managing Directors Axel Siedenberg Norbert Walter Internet-Revolution und “New Economy” Fokus: New Economy und Produktivität Internet & „New Economy“ Economics 2 Economics Deutsche Bank Research conomics New Economy: “Produktivitäts- wunder” in den USA nur ein stati- stisches Phänomen? In den USA hat sich das Wirtschaftswachstum in jüngster Zeit zwar drastisch abgeschwächt, die Performance der US-Wirtschaft war aller- dings seit Mitte der 90er Jahre außergewöhnlich. Das Wirtschafts- wachstum beschleunigte sich und erreichte in den letzten fünf Jahren durchschnittlich gut 4% p.a. (gegenüber rund 3% p.a. in den ersten vier Aufschwungsjahren nach der Rezession 1990/91), die Arbeitslo- senquote ging seit Anfang 1996 um fast 2%-Punkte auf zeitweise un- ter 4% zurück und die Inflation blieb trotz drastischem Ölpreisanstieg moderat. Das Phänomen einer bei niedriger Inflation kräftig expandierenden Wirtschaft wird aus makroökonomischer Sicht häufig als ein Haupt- aspekt der “New Economy” bezeichnet. Neben den Liberalisierungs- effekten, den Auswirkungen der zunehmenden Globalisierung sowie der flexibleren Arbeitsmärkte wird zur Erklärung der außergewöhnli- chen US-Entwicklung vor allem auf eine breit angelegte, IT-getriebene Produktivitätsbeschleunigung verwiesen, die ein dauerhaft höheres Trendwachstum ermöglicht. Diskussion um New Economy hat sich jüngst intensi- viert Mit den kürzlich veröffentlichten Zahlen zur Produktivitätsentwicklung in Q2 und vor allem der merklichen Abwärtsrevision für das vergange- ne Jahr hat die Diskussion um die Existenz der New Economy in den USA neuen Schwung erhalten. Während die Befürworter der New Economy die markante Abschwächung der Produktivitätszunahme in den vergangenen 3 Quartalen vor allem zyklisch begründen und ihre Ansicht auch durch die Revision des Produktivitätsanstiegs für das vergangene Jahr von 4,3% auf nur noch 3,0% nicht grundlegend in Frage gestellt sehen, fühlen sich ihre Kritiker durch die Daten bestä- tigt. Sie weisen darauf hin, dass das Trendwachstum der US-Wirtschaft wohl doch merklich niedriger ist als bislang veranschlagt. Für sie bleibt weiter offen, ob es einen dauerhaften, breit angelegten und vor allem IT-getriebenen Produktivitätsschub gibt und damit die US-Wirtschaft auf ein nachhaltig höheres Trendwachstum eingeschwenkt ist. Ihrer Ansicht zufolge muss erst die Zukunft, d.h. der nächste Aufschwung, zeigen, ob sich die These der New Economy bewahrheitet. Unterschiedliche Messkonzepte diesseits und jen- seits des Atlantiks Doch nicht nur der nach der Revision nun deutlich niedrigeren Produk- tivitätsfortschritte im vergangenen Jahr, sondern auch die Messung der Produktivitätsentwicklung in den USA werfen kritische Bemerkun- gen zur New Economy auf. So zeigt sich, dass die Beschleunigung der Produktivitätsentwicklung in der zweiten Hälfte der 90er Jahre spür- bar geringer ausgefallen wäre, wenn zum Beispiel deutsche Metho- den zur Ermittlung herangezogen worden wären. Gleichwohl muss jedoch anerkannt werden, dass sich die Produktivität in den USA seit Mitte der 90er Jahre selbst unter diesen Bedingungen noch erhöht hat, während sie in vielen anderen Industrieländern zurückging. Dies spricht prinzipiell für eine New Economy. Allerdings sind die Effekte der New Economy merklich geringer anzusetzen, als ihr üblicherweise -2 -1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 Wachstum, Inflation & Arbeitslosigkeit BIP (real), % gg.Vj. Inflation % gg.Vj. Arbeitslosenquote, % 0 1 2 3 4 5 6 97 98 99 00 01 Produktivitätsentwicklung % gg.Vj. Außerhalb der Landwirtschaft Nach der Revision Vor der Revision 3 Economics Deutsche Bank Research conomics zugeschrieben werden. Zudem wären die Technologielücke und das Wachstumsgefälle zwischen den USA und Euroland weit weniger aus- geprägt, als es die amtlichen Statistiken ausweisen mit möglicherwei- se weitreichenden Implikationen für den EUR/USD-Wechselkurs. Die amtliche Statistik: Produktivität in der zweiten Hälfte der 90er Jahre beschleunigt gestiegen Der Zuwachs der Arbeitsproduktivität hat sich in den USA etwa seit Mitte der 90er Jahre beschleunigt. Außerhalb der Landwirtschaft nahm sie seit 1996 um 2 ½% p.a. zu, wobei der Anstieg in 2000 sogar 3% erreichte. Im Zeitraum 1990 bis 1995 betrug die durchschnittliche Zu- nahme dagegen lediglich 1 ½% (ebenso wie in der Dekade zuvor), was auf den ersten Blick die These einer neuen Ökonomie zu bestätigen scheint. Oliner/Sichel kommen in ihrer Studie (auf Basis der alten Zah- len) zu dem Ergebnis, dass etwa ½%-Punkt der gesamtwirtschaftli- chen Produktivitätsbeschleunigung seit 1996 auf die Nutzung von Com- putern zurückzuführen ist [OlSi00, 21]. Bei ihrer Untersuchung verwen- den sie eine Produktionsfunktion, die im Kapitalstock explizit Compu- ter, Software und Kommunikationsausrüstungen berücksichtigt. Ein Blick auf die sektorale Produktivitätsentwicklung zeigt allerdings, dass die beschleunigte Produktivitätszunahme vor allem auf die Ent- wicklung im Bereich der Computerfertigung bzw. der IT-nahen Bran- chen selbst zurückzuführen ist, die seit 1996 Produktivitätszuwächse von 25 bis 45% p.a. aufweisen. In nahezu allen anderen Sektoren der US-Wirtschaft verlief die Produktivitätsentwicklung dagegen moderat und lag kaum über den Zuwächsen der vorangegangenen Fünf-Jahres- Periode. Dies verstärkt die Zweifel an der von den Befürwortern der “New Economy” vorgebrachten These einer breit angelegten Produkti- vitätsbeschleunigung. Ein “spill-over” hat danach noch nicht bzw. noch nicht in dem Umfang stattgefunden, dass schon jetzt ohne Zweifel von einer “New Economy” gesprochen werden kann. Einer der populär- sten Kritiker der “New Economy”, Robert J. Gordon, erklärt die beschleu- nigte (gesamtwirtschaftliche) Produktivitätszunahme seit Mitte der 90er Jahre durch verbesserte Methoden bei der Ermittlung der Preisdeflato- ren (die bei der Berechnung der realen Ausgaben zugrunde gelegt wer- den und Qualitätssteigerungen explizit berücksichtigen), die zyklische Zunahme (die in Zeiten normal ist, in denen das Wirtschaftswachstum das Trendwachstum übersteigt) und vor allem durch kräftige Produktivi- tätsfortschritte bei der Produktion von Computern bzw. IT-Gütern selbst [Gord99, 3-5]. Produktivitätsentwicklung in den USA: Output pro Beschäftigten Manufacturing Mining Total Non- Durable durable Stone, Primary Fabricated Industrial Machinery Electrical Transportation Instru- Clay, Metals Metal & Equipment Machinery Equipment ments Glass Products darunter darunter Products Computer Motor ......................................................................................% p.a. .................................................................................................. 1960-69 3.6 3.8 3.4 2.0 3.2 1.2 3.4 7.5 5.0 3.3 3.5 4.5 5.0 1970-79 2.8 3.3 2.4 2.3 1.4 1.7 3.2 13.4 4.8 2.5 2.8 5.1 -3.3 1980-89 3.2 2.4 3.8 1.8 3.2 2.1 5.7 21.3 6.5 3.1 3.0 3.0 3.0 1990-00 4.5 2.4 6.4 1.9 3.2 1.8 8.6 32.7 18.8 3.0 3.4 3.8 2.0 1960-90 3.1 3.1 3.2 2.0 2.6 1.6 3.9 13.7 5.5 2.9 3.0 4.1 1.5 1991-95 3.9 2.0 5.5 1.7 3.6 2.6 7.9 26.9 14.4 3.3 3.9 4.6 3.5 1996-00 5.8 3.1 8.3 2.5 3.2 1.7 11.4 44.4 25.7 3.2 3.6 3.2 1.0 -1 0 1 2 3 4 5 6 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 % gg.Vj. Output pro Stunde außerhalb der Landwirtschaft Produktivitätsentwicklung Durchschnitt 1990-95 1996-00 p.a. -2 0 2 4 6 8 10 12 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 % gg.Vj. Produktivitätsentwicklung im verarbeitenden Gewerbe Verarbeitendes Gewerbe, insgesamt Gebrauchsgüterindustrie Verbrauchsgüterindustrie 4 Economics Deutsche Bank Research conomics 0 20 40 60 80 100 92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 1992 Q1=100 Deutschland *) USA **) Computerpreise * Index der Erzeugerpreise, Büromaschinen, Datenverarbeitungs- geräte und -einrichtungen ** Deflator für Computer und Peripheriegeräte gemäß VGR, hedonische Basis Produktivitätsparadoxon zumindest teilweise gelöst Nach den Ergebnissen der Studie von Oliner/Sichel wäre das Produkti- vitätsparadoxon, das durch die Aussage von Robert Solow “You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics” [Solo87] weltweit Beachtung fand, gelöst. Das Produktivitätsparado- xon ist eine empirisch vor allem auf den Zeitraum bis Mitte der 90er Jahre gestützte These, wonach trotz steigender Rechnerleistung, stei- gender IT-Investitionen und zunehmendem IT-Einsatz in Unternehmen die Produktivität nicht entsprechend steigt. Den Untersuchungen von Gordon zufolge löst sich das Produktivitätsparadoxon jedoch nur für den Bereich der Computerherstellung selbst und die IT-nahen Produk- tionssektoren, während es für die anderen Bereiche der Wirtschaft weiter seine Gültigkeit besitzt. Preismessung bedeutend für die Produktivitätsbe- stimmung Unter der Arbeitsproduktivität versteht man das Verhältnis von Output zu eingesetzter Arbeit pro Periode. Sie kann prinzipiell als Output pro geleistete Arbeitsstunde oder als Output pro Beschäftigten gemes- sen werden. In beiden Fällen ist außer den geleisteten Arbeitsstunden bzw. der Anzahl der eingesetzten Arbeitskräfte (beide Größen können statistisch relativ einfach und genau bestimmt werden) vor allem die Kenntnis des realen, d.h. preisbereinigten Outputs notwendig. D.h. die Produktivität ist außer vom nominalen Output und der einge- setzten Arbeit auch vom Preisdeflator bzw. der Preisentwicklung in Periode t abhängig. Somit kommt der “richtigen” Preiserfassung bei der Ermittlung des realen Outputs und damit bei der Berechnung der Produktivität eine zentrale Rolle zu [Schr00, 11]. Dies gilt insbesondere dann, wenn nachhaltige, drastische Preis- bzw. Qualitätsänderungen stattgefunden haben bzw. weiter stattfinden, wie zum Beispiel bei Computern. Drastischer Preisrückgang von IT-Gütern in den USA Ein Blick auf die amtlichen Statistiken zeigt, dass Computer und Peri- pheriegeräte gemäß der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in den USA seit 1991 qualitätsbereinigt um weit mehr als vier Fünftel billiger geworden, während die Preise vergleichbarer Produkte in Deutsch- land entsprechend dem Index der Erzeugerpreise für Büromaschinen, Datenverarbeitungsgeräte und –einrichtungen (nach OECD-Einschät- zungen kommt dieser dem US-Pendant relativ nahe [Schr00, 11]) nur um gut ein Fünftel gesunken sind. Angesichts des Gesetzes eines einheitlichen Preises bei international handelbaren Gütern überrascht dieses Ergebnis. Dies spricht dafür, dass die drastische Abweichung der Preisentwicklung in beiden Län- dern zu einem großen Teil auf methodischen Unterschiede bei der Er- mittlung der Preise basiert [Oecd00a, 203]. Bei der vor allem in Europa üblichen Methode der Inflationsbestim- mung wird der Preis eines Gutes zu zwei unterschiedlichen Zeitpunk- ten ermittelt. Dieser Methode sind vor allem dann Grenzen gesetzt und sie führt zu Fehlern, wenn das betrachtete Gut vor allem aufgrund qualitativer Veränderungen nicht mehr mit dem Gut vor einem Monat bzw. Jahr verglichen werden kann. Dies trifft vor allem auf Computer und IT-Güter zu, deren Leistungen und damit “Qualität” sich in den letzten Jahren drastisch verbessert haben. So hat sich die Verarbei- tungsgeschwindigkeit der gängigen Mikroprozessoren in den 90er Jah- Preisentwicklung und Produktivität Es gilt: (1) P t = OR t /A t mit P t = (Arbeits)Produktivität in Periode t OR t = realer Output in Periode t A t = eingesetzte Arbeit in Periode t und (2) OR t = ON t / D t mit ON t = nominaler Output in Periode t D t = Preisdeflator in Periode t somit folgt (3) P t = ON t / (D t * A t ) 5 Economics Deutsche Bank Research conomics ren um mehr als das 16-fache und die Standardspeicherkapazität um mehr als das 200-fache erhöht. Ähnliche Entwicklungen haben sich auch bei den Telekommunikationsausrüstungen (Beispiel Mobilfunktelefone) vollzogen [Oecd00a, 203]. Wie schwierig die Messung der Preisent- wicklung für einen PC ist, kann folgendes Beispiel zeigen. Ein PC-Paket für den Einsteiger kostet in Deutschland rund DEM 2000. Dies galt für einen 386er PC (Einführung 1985) genauso wie für einen 486er (1989), Pentium I (1993), Pentium II (1997) und Pentium III (1999), um nur eini- ge Beispiele zu nennen. Damit blieb der Einsteiger-Preis für einen PC nahezu konstant, seine Leistungsfähigkeit stieg jedoch enorm an. Zu- dem war mit Einführung einer neuen PC-Generation die alte kaum mehr auf dem Markt verfügbar, so dass traditionelle Preisvergleiche im Zeit- ablauf nicht mehr möglich waren. Dass Qualitätsveränderungen bei der Preisentwicklung berücksichtigt werden müssen, steht außer Zweifel. Während man sich in Deutsch- land bisher auf eher traditionelle Methoden zur Bewertung von Quali- tätsänderungen stützt (der Geldwert der Qualitätsänderung wird nach Maßgabe von Regeln, die das Statistische Bundesamt aufgestellt hat, fallweise geschätzt [Buba00, 8]), wird in den USA ein “hedonischer” Preisindex verwendet [Grim98]. Hinter der auf ökonometrischen Verfahren basierenden hedonischen Preisschätzung steht die Annahme, dass sich ein Gut oder eine Dienst- leistung durch eine Kombination von Produkteigenschaften beschrei- ben und sich damit die Preis- und Qualitätsentwicklung dieses Gutes durch die Preisentwicklung der einzelnen Produkteigenschaften abbil- den läßt. Damit wird ein Gut im Warenkorb des Konsumentenpreisin- dexes nicht als Ganzes erfasst, sondern in qualitätsrelevante Eigen- schaften zerlegt und der reine Preiseffekt vom Qualitätseffekt statistisch isoliert. So gehen bei der hedonischen Preisbestimmung für Computer beispielsweise die Taktfrequenz des Prozessors sowie die Kapazitäten des Arbeitsspeichers und der Festplatte als erklärende Variablen expli- zit in die Preisgleichung ein. Qualitätsverbesserung = Preisrückgang? Sicherlich erfordern neue Entwicklungen (vor allem im IT-Bereich) und damit eine “New Economy” neue Methoden auch bei der Preisermitt- lung. Die in Deutschland verwendeten traditionellen Ansätze stoßen im IT-Bereich an ihre Grenzen. Es spricht einiges dafür, dass dadurch die Qualitätsentwicklung vor allem im IT-Bereich, der sich im besonde- ren durch rasche und umfangreiche Leistungssteigerungen auszeich- net, tendenziell unterschätzt und damit die Preisentwicklung überschätzt wird. Grundsätzlich sind neue Maße der Inflationsmessung, die mit verfeinerten Methoden eine “exaktere” Qualitäts- und damit Preisbe- stimmung erlauben, den bisherigen Verfahren vorzuziehen. Allerdings zeigen auch die Erfahrungen in den USA, dass einige Zweifel hinsicht- lich der neuen Meßmethoden angebracht erscheinen. Beispielsweise stellt sich die Frage, wie Qualitätsverbesserungen einzuschätzen sind, die der Konsument nicht nutzt. So ist beispielsweise vorstellbar, dass ein PC-Nutzer – nur um kompatibel mit anderen zu sein bzw. zu bleiben – bei einem Update einer Software auch einen neuen PC braucht (weil die neue Software auf dem alten Rechner nicht mehr läuft), er mit der neuen Software aber die gleiche Arbeit wie früher erledigt. Ein zweites Beispiel soll diese Problematik noch deutlicher machen: Stellt ein “Han- dy” mit Videospielen und anderen Funktionen (z.B. Internetzugang) für einen Mobilfunknutzer, der nur telefonieren will, wirklich eine Quali- tätsverbesserung dar? Wie stark nominale und reale Entwicklung von Computerinvestitionen durch die Berücksichtigung von Qualitätsverbes- serungen voneinander abweichen, zeigt nebenstehende Grafik. -40 -20 0 20 40 60 80 100 81 85 89 93 97 01 Computerinvestitionen % gg.Vj. Nominal Real 6 Economics Deutsche Bank Research conomics Auch außerhalb des IT-Bereichs gibt es Qualitätsverbesserungen, die in die Preisentwicklung mit einfließen. Beispielsweise werden Autos oft mit umfangreichen Ausstattungspaketen, z.B. Radio und Klimaan- lage, zu Preisen nur leicht über dem Grundmodell angeboten. Die Mehr- ausstattungen rechtfertigen sicherlich, dass das Auto “real” höher be- wertet wird, als das Grundmodell ohne diese Extras. Allerdings halten sich die Qualitätsverbesserung im Automobilbereich (und damit ihr Ein- fluss auf die reale Produktion) in engen Grenzen und sind kaum mit denen im Computer- bzw. IT-Bereich vergleichbar. Alles in allem dürften hedonische Methoden – im Gegensatz zu den traditionellen Ansätzen – die Preisentwicklung daher eher unterschät- zen, sodass die “wahre” Preisentwicklung für IT-Güter wohl irgendwo zwischen der aufgezeigten Entwicklung diesseits und jenseits des At- lantiks liegen dürfte. Eine Alternativrechnung für Wachstums- & Produkti- vitätsentwicklung: Der Einfluss hedonischer Preisin- dizes Hedonische Preisindizes überzeichnen möglicherwei- se das Wirtschaftswachstum ... Um den Einfluß hedonischer Preisindizes für Computer und IT-Güter auf das Wirtschaftswachstum und die Produktivitätsentwicklung in den USA abzuschätzen, haben wir die nominalen Investitionen in Compu- ter und Peripheriegeräte in den USA mit dem deutschen Erzeuger- preisindex für gewerbliche Produkte, Gütergruppe Büromaschinen, Da- tenverarbeitungsgeräte und –einrichtungen, deflationiert, d.h. in reale Größen umgerechnet. Während die IT-Investitionen von 1996 bis 2000 nach der amerikanischen VGR nominal um durchschnittlich 11 ½ % p.a. zunahmen und bei einem Preisrückgang (auf hedonischer Basis) von 22% p.a. real um etwa 43% p.a. expandierten, hätten sie sich unserer Rechnung zufolge bei Verwendung der deutschen Preisent- wicklung (-5% p.a.) real lediglich um 17 % p.a. erhöht. Das unter die- sen Bedingungen ermittelte US-Wirtschaftswachstum wäre danach seit 1996 um 0,4%-Punkte p.a. niedriger ausgefallen, als es nach den amt- lichen Statistiken der Fall war. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt auch eine Studie der Bundesbank, die den umgekehrten Weg gegangen ist. Bei Deflationierung der deut- schen IT-Investitionen mit dem US-Deflator für Computer und Periphe- riegeräte würde sich der reale Anstieg der deutschen IT-Investitionen von 1992 bis 1999 nicht wie nach dem traditionellen Ansatz auf rund 6%, sondern jährlich auf 27 ½% belaufen [Buba00, 8]. Der Effekt auf das US-Wirtschaftswachstum erhöht sich noch durch die Preiseffekte auf den Export. Da die USA in erheblichem Umfang High-Tech-Güter ausführen, hätte ein schwächerer Preisrückgang für IT-Güter bei gleicher nominaler Zunahme einen geringeren realen Ex- portzuwachs und damit ein niedrigeres Wirtschaftswachstum zur Fol- ge. Je nach Abgrenzung entfallen zwischen 10% und 20% des ameri- kanischen Exports auf Computer und IT–Ausrüstungen. Unter der Prä- misse, dass die entsprechenden Preise nicht wie nach der US-Stati- stik um 22%, sondern lediglich um knapp 5% p.a. zurückgegangen wären, hätte das Exportwachstum seit 1996 jährlich zwischen 2% (bei einem Anteil von Computern am Gesamtexport von 10%) und 4%- Punkten (bei einem Anteil von 20%) und damit das US-Wirtschafts- wachstum zwischen 0,2% und 0,4%-Punkten p.a. niedriger gelegen. Dieser Effekt könnte etwas niedriger sein, wenn auch auf der Import- seite hedonische Preisindizes verwendet werden. -40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 Nominal (11.4% p.a.) Preis- index USA -21.9% p.a. Preisindex Deutschland -4.9% p.a. Real (mit US Deflator) 44.6% p.a. Real (mit deutschem Deflator) 16.9% p.a. Q1 1996 - Q4 2000 USA: Computerinvestitionen 7 Economics Deutsche Bank Research conomics Insgesamt summieren sich die Effekte eines schwächeren Preisrück- gangs bei IT-Gütern auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum in den USA auf jährlich 0,6 bis 0,8%-Punkte, so dass das BIP-Wachstum seit 1996 mit dann nur noch gut 3 ¼% p.a. (statt durchschnittlich gut 4 % nach amtlicher Statistik) weit weniger erklärungsbedürftig hoch ausge- fallen wäre und wohl eher in Einklang mit dem bisher angenommenen Trendwachstum gestanden hätte. ... und die Produktivitätsentwicklung Ebenfalls deutlich schwächer wären die Produktivitätsfortschritte in der “New Economy” ausgefallen. Die Zunahme der Arbeitsproduktivität hätte der Alternativrechnung zufolge seit 1996 nur noch zwischen 1 ¾% und 2% p.a. gelegen, gegenüber durchschnittlich 2 ½%, wie es die amtliche Statistik ausweist. Damit hätte sich die Produktivitätsent- wicklung lediglich um ½%-Punkt jährlich gegenüber dem Durchschnitt von 1990 bis 1995 (1,5%) beschleunigt und wäre damit nur noch halb so hoch wie nach den amtlichen Statistiken ausgefallen. Da der Unter- schied zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Preisdefla- tor vor allem ein Phänomen der 2. Hälfte der 90er Jahre ist, ist eine Korrektur der Produktivitätsentwicklung von 1990 bis 1995 bei dieser Schätzung entbehrlich. Trotz möglicher Überzeichnung: US-Produktivitäts- entwicklung beachtlich Trotz dieser deutlich niedrigeren Zahlen bleiben die US-Produktivitäts- entwicklung und damit die Phänomene der “New Economy” beacht- lich. So gehören die USA auch unter den Ergebnissen der Alternativ- rechnung immer noch zu den wenigen Ländern, deren Zunahme der Arbeitsproduktivität sich spürbar beschleunigt hat. Ebenso ist dieser Anstieg nicht mehr auf methodische Unterschiede zurückzuführen und hebt sich deutlich von der Entwicklung anderer wichtiger Industrielän- der (wie Japan, Deutschland, Frankreich und Italien) ab, wo das Tempo des Produktivitätsfortschritts zum Teil merklich abgenommen hat [GuMa00, 671]. Gemäß Berechnungen der EZB betrug die Produktivi- tätszunahme in Euroland im Zeitraum 1996 bis 2000 nur noch 1,2% p.a. gegenüber 1,6% in der ersten Hälfte der 90er Jahre. Dies könnte daran liegen, dass die neuen Technologien in Euroland noch ein zu ge- ringes Gewicht in der Wirtschaft haben und andere produktivitätsstei- gernde Faktoren, wie beispielsweise flexible Arbeitsmärkte, nicht in dem Umfang wie in den USA vorhanden sind [Feld00, 191]. Während der IT-Sektor in den USA 1999 knapp 7% zum nominalen Sozialprodukt beitrug, lag der vergleichbare Anteil beispielsweise in Deutschland bei unter 4% [Euro00, 115]. Fazit Die im Vergleich zu Europa sehr unterschiedliche Methode bei der Er- mittlung der Preisentwicklung, die der Berechnung der realen Produkti- on von IT- und Kommunikationsgütern in den USA zugrunde liegt, ist für das amerikanische “Produktivitätswunder” von großer Bedeutung. Eine Alternativrechnung mit deutschem Deflator zeigt, dass die Pro- duktivitätsentwicklung seit 1996 deutlich schwächer ausgefallen wäre. Die Produktivitätszunahme hätte aber in diesem Zeitraum – im Gegen- satz zu vielen anderen Industrieländern – immer noch über dem durch- schnittlichen Anstieg in der ersten Hälfte der 90er Jahre gelegen, so dass methodische Unterschiede zur Erklärung des amerikanischen Pro- duktivitätswunders alleine nicht ausreichen. Dies spricht prinzipiell für die Existenz einer “New Economy”, deren Effekte aber angesichts der 0.0 0.5 1.0 1.5 2.0 2.5 3.0 3.5 4.0 Produktivitätsentwicklung 1990/1995 1.5% p.a. 1¾ - 2%p.a. (Alternativ- rechnung) 1996/2000 2.5% p.a. 0.0 0.5 1.0 1.5 2.0 2.5 3.0 3.5 4.0 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00 USA Euroland % gg.Vj. Produktivitätsentwicklung in den USA & Euroland Durchschnitt 90-95 p.a. 96-00 p.a. 8 Economics Deutsche Bank Research conomics Literaturverzeichnis [Buba00] Deutsche Bundesbank, Monatsbericht 52 (2000) 8, Frank- furt 2000. [DaGr00] Dallmeyer, Jens; Gräf, Bernhard: “Produktivitätswunder” in den USA: Nur ein Computer-Phänomen? In: Deutsche Bank Research (Hrsg.): Aktuelle Themen Nr. 151, Frankfurt 9. Februar 2000. [Euro00] European Commission – Economic and Financial Afairs: EU economy: 2000 review, Nr. 71, Brüssel 2000. [Feld00] Felderer, Bernhard: Why do long-term economic trends in the U.S. differ from those in Europe? In: Österreichische Nationalbank (Hrsg.): Das neue Millennium – Zeit für ein neues ökonomisches Para- digma? 28. Volkswirtschaftliche Tagung 2000, S. 188-197, Wien 20000. 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CSLS Centre for the Study of Living Stan- dards, Ottawa, May 1998. vorliegenden Ergebnisse spürbar geringer – als ihr üblicherweise in den USA zugeschrieben werden – zu veranschlagen sind. Bei Anwen- dung gleicher Methoden diesseits und jenseits des Atlantiks wären die Technologielücke und das Wachstumsgefälle zwischen den USA und Euroland weit weniger ausgeprägt, als es die amtlichen Statisti- ken ausweisen – aber immer noch hoch genug, um in Euroland die Frage nach Produktivitätshemmnissen und den dringend notwendigen Strukturreformen auch weiterhin zu stellen. Bernhard Gräf, +49 69 910-31738 (bernhard.graef@db.com) 9 Economics Deutsche Bank Research conomics 0 2 4 6 8 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 Löhne & Produktivität Lohnkosten je Stunde Produktivität % gg.Vj. Produktivität, Löhne & Gewinne: New Economy in den USA wirkt, allerdings schwächer als gedacht Der breit angelegte, vor allem IT-getriebene Produktivitätsschub sorgt – so die vielfach vertretene These – in der New Economy für ein dauer- haft höheres Trendwachstum. Dabei sind aufgrund der Produktivitäts- fortschritte kräftige Lohnsteigerungen ohne eine Erhöhung der Lohn- stückkosten und somit gleichzeitig steigende Gewinne möglich. Zweifel an diesen zentralen Thesen der Anhänger der New Economy sind nicht erst kürzlich mit der kräftigen Abwärtsrevision der Produkti- vitätsstatistiken aufgekommen. Kritiker des Phänomens der New Eco- nomy weisen daraufhin, dass sich die Produktivitätsfortschritte vor al- lem auf die Produktion von Computern und den IT-Bereich selbst kon- zentrieren und dass der in den USA üblichen Methode der hedonischen Preismessung eine wichtige Rolle bei ihrer Ermittlung zukommt 1 . Zu- dem muss die These gleichzeitig steigender Löhne und Gewinne mit Blick auf die jüngsten Revisionen hinterfragt werden. Dabei zeigt sich, dass die der New Economy zugeschriebenen Effekte wohl niedriger als bislang unterstellt anzusetzen sind. So lag in den letzten Jahren auch seit Aufkommen der New Economy die Zunahme der Lohnko- sten pro Stunde deutlich über den Produktivitätsfortschritten. Überdies nahm die Schere zwischen beiden zu, so dass die Lohnstückkosten kräftig stiegen. Die US-Wirtschaft hatte damit im vergangenen Jahr ein erhebliches Lohnkostenproblem. Vor diesem Hintergrund ist der Ge- winnrückgang in der US-Wirtschaft sowie die enttäuschende Entwick- lung der Aktienkurse nicht verwunderlich. Produktivität & Gewinne: Enger Zusammenhang bis Anfang der 90er Jahre, niedrigere Gewinne trotz steigender Produktivität ab Mitte der 90er Jahre Bis Anfang der 90er Jahre zeigt sich ein enger Zusammenhang zwi- schen der Entwicklung der Produktivität und der Gewinne in der US- Wirtschaft. Mit steigender Produktivität (und damit rückläufigen Lohn- stückkosten) nahmen – wie zu erwarten war – die Gewinne zu und vice versa. Ab 1990 ist dieser Zusammenhang weniger stark ausgeprägt und etwa seit Mitte der 90er Jahre scheint er sich umgekehrt zu ha- ben: Bei steigender Produktivität nahmen die Gewinne ab. Während sich beispielsweise die Produktivitätszunahme von rund ½% (gg.Vj.) in Q1 1995 auf zeitweise fast 4% (Q2 2000) beschleunigte, hat sich die Zunahme der Gewinne merklich abgeschwächt (von +28% in Q1 1995) und sich zuletzt sogar umgekehrt. In Q1 2001 gingen die Gewinne (in der Abgrenzung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung) um 13% zurück, in Q2 sogar um 18%. Für dieses scheinbare Paradoxon sind vor allem die trotz der Produktivi- tätszunahmen gestiegenen Lohnstückkosten verantwortlich. Während sich Produktivität und Lohnstückkosten bis etwa zur Mitte der letzten Dekade invers entwickelten, besteht seither eine mehr oder weniger ausgeprägte Parallelbewegung. Der Grund dafür liegt darin, dass die Arbeitskosten spürbar stärker als die Produktivität gestiegen sind. In der Folge führten steigende Lohnstückkosten der Unternehmen zu merklichen Gewinneinbußen. 1 Vgl. hierzu den Artikel New Economy: “Produktivitätswunder” in den USA nur ein statistisches Phänomen? in diesem Heft 0 100 200 300 400 500 600 700 800 900 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 Unternehmensgewinne Mrd USD Insgesamt im Finanzsektor außerhalb des Finanzsektors -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 55 60 65 70 75 80 85 90 95 00 -4 -2 0 2 4 6 8 Gewinne & Produktivität Gewinne (links) Produktivität (rechts) % gg.Vj. % gg.Vj. 10 Economics Deutsche Bank Research conomics 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 83 85 87 89 91 93 95 97 99 01 Lohnkosten im verarbeitenden Sektor Löhne Insgesamt % gg.Vj. "Benefits" 1 2 3 4 5 6 7 8 9 83 85 87 89 91 93 95 97 99 01 Lohnkosten im Dienstleistungssektor Löhne Insgesamt % gg.Vj. "Benefits" Arbeitslosigkeit und Löhne: Zusammenhang existiert auch in der New Economy Es zeigt sich, dass der bislang von den Befürwortern der New Econo- my in Frage gestellte Zusammenhang zwischen einer Abnahme der Arbeitslosigkeit und dem Aufkommen eines Lohndrucks auch im Zeit- raum, der für die New Economy steht (1995 bis 2000) seine Gültigkeit besitzt. Dem Rückgang der Arbeitslosenquote unter die 5%-Marke in Q2 1997 und dem weiteren Absinken bis auf 3,9% (Oktober 2000) folgte eine Beschleunigung der Zunahme der Lohnkosten pro Stunde von 2,5% auf 7 ½% (!). Als Folge verdoppelte sich der Anstieg der Lohnstückkosten auf 5% (Q4 2000). Die bisherige Meinung, dass in der New Economy die Beschleunigung der Produktivitätsfortschritte die Lohnstückkostensteigerung in Grenzen hält, hat sich damit nicht bewahrheitet. Auch im bisherigen Jahresverlauf nahmen die Lohnstück- kosten um gut 4 ½% zu. Dass in der New Economy entgegen vielfältigen Erwartungen der tra- ditionelle Zusammenhang zwischen der Veränderung der Arbeitslosig- keit und den Lohnsteigerungen existiert, zeigt auch die jüngste Ent- wicklung. Sie verdeutlicht, dass auch die umgekehrte Richtung gilt: Mit steigender Arbeitslosigkeit bzw. geringerer Anspannung am Ar- beitsmarkt verlangsamt sich der Lohnanstieg. So hat sich die Arbeits- losenquote seit ihrem letzten Tiefstand wieder bis auf 4,5% erhöht und der Anstieg der Lohnkosten pro Stunde hat sich im gleichen Zeit- raum um etwa einen Prozentpunkt auf knapp 6 ½% zurückgebildet. Beschäftigungszunahme im aktuellen Zyklus merk- lich kräftiger Der in den letzten Jahren zu beobachtende überaus kräftige Anstieg der Lohnkosten pro Stunde kann mit der sogenannten „Effizienzlohn- theorie” erklärt werden. Danach sind die Unternehmen bereit, höhere Vergütungen zu zahlen, um qualifizierte Arbeitnehmer zum einen an- zulocken, zum anderen zum Verbleiben in der Unternehmung zu be- wegen. Damit wird die Fluktuation von Arbeitnehmern verringert, so dass Kosten für den Aufbau von betriebsspezifischem Humankapital seltener und möglicherweise merklich niedriger anfallen. Diese zwei Aspekte können dazu führen, dass der Stundenlohn, bei dem die Un- ternehmen ihr Gewinnmaximum erzielen, über dem vollbeschäftigungs- konformen liegt. Ein Hinweis darauf, dass die Unternehmen ihre Be- schäftigten halten wollten bzw. angesichts des engen Arbeitsmarktes und des Mangels an Fachkräften von anderen Unternehmen abgewor- ben haben, gibt die Entwicklung der Vergütungsstruktur. So nahmen sowohl im verarbeitenden Sektor als auch im Dienstleistungsbereich vor allem die „Benefits”, also die sonstigen Vergütungsanteile (wie z.B. bezahlter Urlaub, Bonuszahlungen, Vergütungen für besondere Arbei- ten, Zuzahlungen für private und staatliche Versicherungen) überaus kräftig zu, während die Stundenlöhne nur moderat stiegen. Aber auch die Überschätzung der Entwicklungspotenziale und Absatz- chancen sowie die Euphorie bzw. der Glaube an ein nahezu unbegrenz- tes Wachstum in der New Economy dürften zum problematischen Lohn- anstieg bei amerikanischen Unternehmen beigetragen haben, die ihre Kapazitäten und damit die Beschäftigung seit Anfang der 90er Jahre stark ausgeweitet hatten. So stieg die Beschäftigung in der privaten Wirtschaft beispielsweise von 1995 bis 2000 um knapp 13 Mio., durch- schnittlich wurden in diesem Zeitraum fast 220.000 neue Arbeitskräf- te pro Monat eingestellt. Damit lag der monatliche Beschäftigungsan- 0 1 2 3 4 5 6 7 8 85 89 93 97 01 3 4 5 6 7 8 Arbeitslosenquote & Lohnkosten Lohnkosten je Stunde, % gg.Vj. (rechts) Arbeitslosen- quote, % (links) 11 Economics Deutsche Bank Research conomics stieg zwar nur unwesentlich über dem im Wachstumszyklus der 80er Jahre. Damals (von 1983-1989) betrug das Wirtschaftswachstum mit durchschnittlich gut 4 ¼% p.a. jedoch rund einen ¼%-Punkt mehr als im Zeitraum 1996-2000. In Relation zum Wirtschaftswachstum, also gemessen an der Zunahme der Beschäftigten pro Wachstumsprozent, überstiegen die Neueinstellungen in der Spätphase des aktuellen Zy- klus mit 634.000 pro Jahr spürbar den Durchschnitt des Zeitraums 1983- 1989 (600.000). Dies bedeutet, dass der Einsatz zusätzlicher Arbeits- kräfte in der zweiten Hälfte der 90er Jahre weniger effizient war als damals. Preisauftrieb blieb jedoch moderat – ein Zeichen der New Economy Aufgrund des seit Aufkommen der New Economy intensivierten Wett- bewerbs sahen sich die Unternehmen wohl kaum in der Lage, die hö- heren Kosten auf die Verbraucher zu überwälzen. So blieb der Preisauf- trieb (gemessen an der Kerninflationsrate) in dieser Zeit nahezu kon- stant (er schwankte lediglich zwischen 2 und 2 ¾%). Damit gingen die gestiegenen Lohnkosten zu Lasten der Gewinne der US-Unternehmen. Die New Economy hat somit die „Pricing-Power“ der Unternehmen reduziert, nicht aber die des Faktors Arbeit. Die Einkommensverteilung verschob sich zugunsten der Arbeitnehmer. Die Entwicklung in den letzten Jahren zeigt, dass zwar die erste Dre- hung in der Arbeitslosigkeit-Lohn-Preisspirale erfolgte, die zweite Dre- hung und damit die Überwälzung auf die Konsumenten allerdings aus- blieb. Dies lässt darauf schließen, dass die NAWRU (Non Accelerating Wage Rate of Unemployment), also diejenige Arbeitslosenquote, de- ren Unterschreitung zu Lohndruck führt, in der Phase der New Econo- my nur leicht gesunken ist. Für die 90er Jahre veranschlagt die OECD diese kritische Arbeitslosenquote auf rund 5 ½%, gegenüber 6 ½% in den 80er Jahren. Dagegen ist die NAIRU (Non Accelerating Inflation Rate of Unemployment), also diejenige Arbeitslosenquote, deren Un- terschreiten zu einem Inflationsanstieg führt und für frühere Zeiten auf etwa 6% veranschlagt wurde, im Zeichen der New Economy in die Nähe von 4% gesunken ist. Dies geschah allerdings auf Kosten der Unternehmensgewinne. Ausblick: Produktivitätsentwicklung kritische Größe Wie geht es weiter? Welche Schlüsse können aus den Erfahrungen der letzten fünf Dekaden gezogen werden? Sicherlich, die New Economy lebt im Sinne eines höheren Produktivitätswachstums. Allerdings dürf- ten die ihr zugeschriebenen Auswirkungen wohl geringer anzusetzen sein, als ursprünglich von vielen Optimisten erwartet. Vor dem Hintergrund der wegen der schwächeren Konjunktur sowie der umfangreichen Kapazitätsanpassungen steigenden Arbeitslosigkeit ist zwar zu erwarten, dass sich die derzeit noch überaus dynamische Entwicklung der Lohnkosten pro Stunde abschwächt. Zudem ist auch damit zu rechnen, dass die Produktivitätszuwächse bei einem Wieder- aufschwung der amerikanischen Wirtschaft zunächst vor allem zyklisch bedingt wieder kräftig zunehmen. Ob allerdings auf längere Sicht ein Tempo von 2 ½% p.a. oder darüber gehalten werden kann und sich damit das Umfeld für die Gewinne auf längere Sicht positiv gestaltet, bleibt ungewiss. Schon die jüngste Revision der Produktivitätszahlen hat gezeigt, dass die Produktivitätsfortschritte in der Phase der New Economy spürbar kleiner als bislang vermutet ausgefallen sind. So wurde die Zunahme für das vergangene Jahr von 4,3% auf 3,0% nach -3000 -2000 -1000 0 1000 2000 3000 4000 5000 82 84 86 88 90 92 94 96 98 00 -4 -2 0 2 4 6 8 10 Wachstum & Beschäftigung Reales BIP % gg.Vj. (rechts) Veränderung der Beschäftigung (links) '000 1 2 3 4 5 6 85 89 93 97 01 3 4 5 6 7 8 Arbeitslosenquote & Kerninflation Kerninflation, % gg.Vj. (rechts) Arbeitslosen- quote, % (links) 68 69 70 71 72 73 74 75 85 89 93 97 01 Lohnquote Einkommen aus unselbständiger Arbeit in % des Volkseinkommens 12 Economics Deutsche Bank Research conomics © 2001. Deutsche Bank AG, DB Research, D-60272 Frankfurt am Main, Bundesrepublik Deutschland (Selbstverlag). Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“gebeten. Die in dieser Veröffentlichung enthaltenen Informationen beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen, die wir für zuverlässig halten. Eine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Angaben können wir nicht übernehmen, und keine Aussage in diesem Bericht ist als solche Garantie zu verstehen. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers/der Verfasser wieder und stellen nicht notwendigerweise die Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen dar. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Meinungen können sich ohne vorherige Ankündigung ändern. Weder die Deutsche Bank AG noch ihre assoziierten Unternehmen übernehmen irgendeine Art von Haftung für die Verwendung dieser Publikation oder deren Inhalt. Die Deutsche Banc Alex Brown Inc. hat unter Anwendung der gültigen Vorschriften die Verantwortung für die Verteilung dieses Berichts in den Vereinigten Staaten übernommen. Die Deutsche Bank AG London, die mit ihren Handelsaktivitäten im Vereinigten Königreich der Aufsicht durch die Securities and Futures Authority untersteht, hat unter Anwendung der gültigen Vorschriften die Verantwortung für die Verteilung dieses Berichts im Vereinigten Königreich übernommen. Die Deutsche Bank AG, Filiale Sydney, hat unter Anwendung der gültigen Vorschriften die Verantwortung für die Verteilung dieses Berichts in Australien übernommen. Druck: HST Offsetdruck GmbH, Dieburg. Print: ISSN 1430-7421 / Internet: ISSN 1435-0734 Alle Deutsche Bank Research-Produkte sind auch via E-mail erhältlich. Sie erhalten die elektronische Ausgabe im Durchschnitt vier Tage früher als die gedruckte Veröffentlichung. Wenn Sie Interesse am E-mail-Bezug haben, wenden Sie sich bitte an Ihren Kundenberater oder an das DB Research Marketing-Team: marketing.dbr@db.com unten revidiert. Die Beschleunigung des Produktivitätszuwachses in der zweiten Hälfte der 90er Jahre (von 1 ½% p.a. in 90-95 auf 2 ½% p.a.) fiel damit um einen ¼%-Punkt niedriger als bislang vermutet aus. Überdies ist derzeit noch fraglich, ob es sich tatsächlich um einen struk- turell bedingten, breit angelegten IT-getriebenen Produktivitätsschub handelt. Der eigentliche Test dafür steht noch aus. Bernhard Gräf, +49 69 910-31738 (bernhard.graef@db.com) Jessica Röding, +49 69 910-31736 (jessica.roeding@db.com)
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