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23. Mai 2018
Das BIP-Wachstum in Deutschland fiel im 1. Quartal 2018 mit einem Plus von 0,3% gg. Vq. deutlich geringer aus als 2017, als das BIP im Durchschnitt um 0,7% pro Quartal zulegte. Dies lag zum Teil an temporären Einflüssen, aber die hohe Zahl nicht besetzter Stellen entwickelt sich zunehmend zu einem Hemmschuh für das Wirtschaftswachstum. Im Verarbeitenden Gewerbe hat sich die Situation zuletzt besonders verschärft. Hier lag die Zahl der offenen Stellen im 1. Quartal 2018 um 38% über Vorjahresniveau. [mehr]
PROD0000000000469100 1   |    23. Mai 2018Aktueller Kommentar 23. Mai 2018 Fachkräftemangel in der In­ dustrie hemmt Wachstum Autoren www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Eric Heymann +49(69)910-31730 eric.heymann@db.com Constantin Pracht Das BIP-Wachstum in Deutschland fiel im 1. Quartal 2018 mit einem Plus von 0,3% gg. Vq. deutlich geringer aus als 2017, als das BIP im Durchschnitt um 0,7% pro Quartal zulegte. Dies lag zum Teil an temporären Einflüsse, aber die hohe Zahl nicht besetzter Stellen entwickelt sich zunehmend zu einem Hemm­ schuh für das Wirtschaftswachstum. Im Verarbeitenden Gewerbe hat sich die Situation zuletzt besonders verschärft. Hier lag die Zahl der offenen Stellen im 1. Quartal 2018 um 38% über Vorjahresniveau. Im 1. Quartal 2018 lag die Zahl der offenen Stellen in Deutschland insgesamt um 12% über dem Wert des Vorjahres. Knapp 1,2 Mio. Stellen in Deutschland waren laut IAB nicht besetzt, so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Im Verarbeitenden Gewerbe fiel der Zuwachs bei den offenen Stellen (+38% gg. Vj.) besonders kräftig aus (gut 160.000 offene Stellen). Die Indizien mehren sich, dass sich der Fachkräftemangel in Deutschland im­ mer mehr zu einem Engpass für das Wirtschaftswachstum entwickelt. Dafür spricht u.a. die jüngste IAB-Stellenerhebung: Danach gab es 2017 bei knapp 43% aller Neueinstellungen Schwierigkeiten, die Stellen zu besetzen – ein neu­ er Höchstwert. Die geringe Zahl an Bewerbern gaben die Unternehmen als wichtigsten Grund für die Besetzungsschwierigkeiten an (31%). 2010 war das für nur 14% der Grund. Auf Platz 2 (23%) folgt die unzureichende Qualifikation der Bewerber. Weniger wichtig (15%) sind dagegen die Lohn­ und Gehaltsfor­ derungen. Ein weiteres Argument: Laut DIHK-Konjunkturumfrage von Anfang 2018 liegt im Fachkräftemangel das mit Abstand größte Geschäftsrisiko. 60% der befragten Unternehmen sahen sich hier betroffen. Anfang 2010 lag der Wert noch bei 16%. Im Bericht des DIHK heißt es sehr eindeutig: „Der Fachkräftemangel wird zum echten Hemmnis für das Wachstum der Zukunft.“ Tatsächlich dürfte der Fachkräftemangel das Wachstum in Deutschland bereits bremsen. So wuchs das BIP in Deutschland im 1. Quartal 2018 saisonbereinigt nur um 0,3% gg. Vq. 2017 legte es noch durchschnittlich um 0,7% pro Quartal zu. Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe nahm im 1. Quartal sogar nur um 0,1% gg. Vq. zu. 2017 konnte die Industrie im Mittel dagegen ein Plus von 1,3% pro Quartal verzeichnen. Zahl der Arbeitsstunden pro Kopf sinkt Quelle: Statistisches Bundesamt Fachkräftemangel in der Industrie hemmt Wachstum 2   |    23. Mai 2018Aktueller Kommentar Das geringere Wachstum hat zwar viele Gründe (u.a. Sondereffekte wie Streiks und Grippewelle). Unsere Erwartung, dass der Höhepunkt im aktuellen Kon­ junkturzyklus überschritten ist, hängt allerdings auch mit dem Engpass beim Ar­ beitsangebot zusammen. Bei gut gefüllten Auftragsbüchern (nicht nur) in der In­ dustrie ist es jedenfalls nicht förderlich, wenn offene Stellen mangels geeigneter Bewerber unbesetzt bleiben. So müssen laut jüngstem DIHK-Arbeitsmarktreport 39% der Industrieunternehmen als Folge eines längeren Fachkräftemangels ihr Angebot einschränken oder Aufträge ablehnen. 53% können ihr Wachstumspo­ tenzial nicht ausschöpfen. Schließlich dürfte auch die Bereitschaft der Unter­ nehmen sinken, in neue Maschinen oder Ausrüstungen zu investieren, wenn die notwendigen Mitarbeiter nicht eingestellt werden können. Kurzfristige Lösungen für Fachkräftemangel nicht in Sicht Was können die Unternehmen tun, um die steigende Zahl offener Stellen zu kompensieren? Kurzfristig könnten die Mitarbeiter ihr Arbeitsvolumen erhöhen. Dies wird in vielen Unternehmen jedoch schon praktiziert und lässt sich nicht beliebig ausweiten. Der Mehrarbeit durch die aktuelle Belegschaft sind also en­ ge (auch rechtliche) Grenzen gesetzt. Ohnehin ist festzuhalten, dass die durch­ schnittliche Zahl der Arbeitsstunden je Erwerbstätigen in den letzten Jahrzehn­ ten tendenziell sinkt. Diese erreichte 2017 einen neuen Tiefstand von 1.356 St­ unden, was einem Rückgang um 11% gegenüber 1995 entspricht. Es ist plausi­ bel anzunehmen, dass der Trend der sinkenden Arbeitsstunden im Durchschnitt dem Wunsch der Arbeitnehmer entspricht. Die jüngsten Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie haben gezeigt, dass die Beschäftigten durchaus ein geringeres Arbeitsvolumen präferieren. Durch längere Betreuungszeiten von Kindern könnten Eltern, die derzeit in Teil­ zeit arbeiten, ihre Arbeitszeit erhöhen. Fachkräfte aus der „stillen Reserve“ könnten ebenso wieder für den Arbeitsmarkt gewonnen werden. Solche Maß­ nahmen erfordern jedoch einen zeitlichen Vorlauf, bis sie positiv wirken. Daher dürften die kurz- und mittelfristigen Effekte begrenzt sein. Dies gilt auch für die generell gültige Forderung nach mehr und besserer Bildung sowie lebenslan­ gem Lernen. Die Zuwanderung nach Deutschland hat in den letzten Jahren da­ zu beigetragen, den Fachkräftemangel abzumildern. Dies gilt vor allem für Fachkräfte aus Europa, die vom boomenden deutschen Arbeitsmarkt angezo­ gen wurden. Mit der wirtschaftlichen Erholung in vielen EU-Länder dürfte der Impuls jedoch nachlassen. Um Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, ist in den meisten Fällen zunächst Zeit und Geld notwendig: Ihre Sprachkennt­ nisse und beruflichen Qualifikationen müssen an die Bedürfnisse der Unterneh­ men angepasst werden. Abgesehen von eher langfristig wirksamen Maßnahmen für eine bessere Quali­ fizierung (künftiger) Arbeitskräfte, adressiert die Bundesregierung das grund­ sätzliche Problem nur unzureichend. Stattdessen sieht ihr arbeitsmarktpoliti­ sches Programm mit den geplanten Einschränkungen bei befristeten Arbeits­ verträgen und dem Rückkehrrecht von Teilzeit­ in Vollzeitbeschäftigung zusätzli­ che Regulierungen vor, die dem Erfordernis unternehmerischer Flexibilität zuwi­ derlaufen und die bürokratischen Kosten vieler betroffener Unternehmen weiter steigern. Hingegen verwehrt die Regierung der Wirtschaft die geforderten flexi­ bleren Gestaltungsmöglichkeiten der täglichen Arbeitszeiten.   Zahl der offenen Stellen in der Indus­ trie steigt kräftig Quelle: Eurostat Fachkräftemangel in der Industrie hemmt Wachstum 3   |    23. Mai 2018Aktueller Kommentar © Copyright 2018. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vor­ behalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage­, Rechts­ oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die ak­ tuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer as­ soziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließ­ lich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informationszwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessen­ heit der vorstehenden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaub­ nis zur Erbringung von Bankgeschäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zen­ tralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird die­ ser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. 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