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29. Mai 2018
Die digitale Transformation von Gesellschaft und Arbeitswelt erfordert dringend eine Aufwertung der Bildungspolitik. Sie beugt einer digitalen Spaltung der Gesellschaft vor, indem sie den Nutzen des digitalen Fortschritts für alle spürbar macht, also für jeden Einzelnen, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Dafür sind rasch höhere Bildungsinvestitionen auf allen Ebenen nötig. Mittelfristig dürfte sich wohl kaum ein Investment für alle Teilnehmer so gut verzinsen wie Bildungsengagements. [mehr]
Deutschland-Monitor Die digitale Transformation von Gesellschaft und Arbeitswelt erfordert dringend eine Aufwertung der Bildungspolitik. Im Kern geht es darum, das humboldtsche Bildungsideal der Allgemeinbildung, auf dem die pädagogischen Ziele deutscher Bildungspolitik basieren, aufzuwerten zu „Humboldt 4.0“. Bildung bedeutet heute lebenslanges und lebensbegleitendes Lernen, sie fängt schon vor der Schule an und endet nicht mit dem Eintritt ins Erwerbsleben. Eine zeitgemäß intelligente Bildungspolitik beugt einer digitalen Spaltung der Gesellschaft vor , indem sie den Nutzen des digitalen Fortschritts für alle spürbar macht, also für jeden Einzelnen, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Um die Wohlfahrtsgewinne des digitalen Fortschritts zu heben, sind rasch höhere Bil- dungsinvestitionen auf allen Ebenen nötig. Mittelfristig dürfte sich wohl kaum ein Investment für alle Teilnehmer so gut verzinsen wie Bildungsengagements. Digitales Lernen beginnt bereits im Vorschulalter. Eltern und Pädagogen sollten Kinder bei ihren digitalen Erstkontakten noch intensiver begleiten als bisher. Die Lücke bei Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, insbesondere Kitas, für den frühkindlichen Bereich sollte schleunigst geschlossen werden. Schulen sind Brennpunkt des digitalen Wandels . Digital bremsend wirken struk- turelle Disparitäten und der ungedeckte Lehrkräftebedarf. Damit Schüler mehr digitales Know-how und Medienkompetenz erlangen, bedarf es moderner Digi- talausstattung sowie digital noch besser ausgebildeter Lehrer/innen. Privatschu- len sollten öffentliche Schulen nicht digital abhängen. Mancher Hochschule wäre geholfen, gewichtete die Leitungsebene die digitalen Potenziale höher (Lehrplan, Lernmittel, Personal). Digitaler Fortschritt ist im Lehrbetrieb möglich, sollte aber auch Forschung und Entwicklung Mehrwert stif- ten. Künftig ist mehr und intensiverer digitaler Wissenstransfer zwischen Leh- renden, Lernenden sowie Lehrstühlen im In- und/oder Ausland absehbar. MINT- Fächer und Digitalkompetenz für Lehrer müssen ausgebaut werden. Die berufliche Aus- und Weiterbildung sollte digital aufgewertet werden. Die Ko- operation von Betrieben, Berufsschulen und überbetrieblichen Bildungsstätten muss intensiviert werden. Attraktiver sollte die Qualifizierung zu MINT- Facharbeiter/innen werden; hier winken überdurchschnittlich günstige Jobchan- cen am Technologiestandort Deutschland. Für Aus- und Weiterbilder könnte die Identifikation digitalbedingt neuer Berufe ein lohnendes Zukunftsfeld sein. Autor Josef Auer +49 69 910-31878 josef.auer@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider 29. Mai 2018 Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle Mehr Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftliche Stabilität Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 2 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor Alle Parteien wollen mehr für Bildung tun Der letzte OECD-Bildungsvergleich zeigt erneut, Deutschland hinkt bei den Bil- dungsausgaben international hinterher. OECD-weit wurden zuletzt 5,2% des BIP in Bildung investiert, in Deutschland aber nur 4,3%. 1 Der in der letzten De- kade relativ konstante Abstand ist immer wieder Grund zur Kritik. 2 Auch deshalb wollte bereits die nach der Bundestagswahl 2017 zunächst beabsichtigte Ja- maika-Koalition aus CDU, CSU, FDP und Grünen eine Bildungsinitiative starten. Im Zuge der erneuten Großen Koalition (Groko) von CDU, CSU und SPD wird Bildung im Lichte der Digitalisierung zum Megathema und gewinnt Kontur. Der Koalitionsvertrag konkretisiert die beabsichtigten Bildungsanstrengungen. Ausgangspunkt sind die für die Jahre 2018 bis 2021 geplanten Gesamtausga- ben des Bundes von EUR 1,392 Billionen (51. Finanzplan). Zusätzlich zu den dort geplanten Bildungsausgaben wird der Spielraum der nächsten vier Jahre (also von 2018-21) im Schwerpunktbereich „Bildung, Forschung, Hochschulen, Digitalisierung“ durch Zukunftsinvestitionen von EUR 5,95 Mrd. erhöht. Setzt man die zusätzlichen Bildungsausgaben in Relation zu den Bildungsaus- gaben allein des Bundes (Stand 2016 und für vier Jahre konstant angesetzt), so zeigt sich eine durchaus beachtliche Ausgabensteigerung um rund 14%. Dies überzeichnet allerdings den tatsächlichen Anstieg der Bildungsinvestitionen. Da das Bildungspaket auch auf eine Verbesserung der Bildung in bisherigen Län- der- und Kommunalzuständigkeiten abzielt, können auch deren Ausgaben für das Bildungswesen in die Referenzgröße einbezogen werden. Setzt man aber die zusätzlichen Ausgaben für das Bildungspaket (also EUR 5,95 Mrd.) ins Ver- hältnis zu den Bildungsausgaben aller Gebietskörperschaften (also zusätzlich zu denen des Bundes auch jenen der Länder und Kommunen; zusammen sind dies dann rd. EUR 530 Mrd.), steigen die Bildungsausgaben im Betrachtungs- zeitraum nur um wenig mehr als 1%. Konkret beabsichtigt die Koalition ein Programm Ganztagsschule (EUR 2 Mrd.), eine Aufstiegsfortbildung in der beruflichen Bildung (EUR 0,35 Mrd.), eine BA- föG-Reform (EUR 1 Mrd.), eine Nachfolge Hochschulpakt (EUR 0,6 Mrd. ab 2021), einen Anteil des Bundes am schrittweisen Erreichen des 3,5%-Ziels für Forschung und Entwicklung bis 2025 (EUR 2 Mrd.) sowie den Breitbandausbau. Hier sind im Rahmen eines „Digitalpakts Schule“ seitens des Bundes in fünf Jahren EUR 5 Mrd. für den Ausbau der Digital-Infrastruktur an allen Schulen, eine gemeinsame Cloud-Lösung für Schulen sowie die notwendige Qualifizie- rung der Lehrkräfte vorgesehen 3 . Davon soll der Bund in der laufenden Legisla- turperiode EUR 3,5 Mrd. bereitstellen, welche die Länder- und Kommunalinves- titionen nicht ersetzen, sondern ergänzen. 4 So abgegrenzt umfasst die Investiti- onsoffensive Bildung der Groko rund EUR 10 Mrd. Eine beherzte Initiative für Bildung, Digitalisierung, Forschung und Hochschulen ist überfällig. Die politischen Zielgebiete bedingen und befruchten sich gegen- seitig: So sind Forschungserfolge in der Regel Ergebnis gut gebildeter, ambitio- nierter Persönlichkeiten und deren Teams. Und die zunehmende Digitalisierung 1 Vgl. OECD. Ländernotiz Deutschland. Bildung auf einen Blick 2017. S. 10. OECD. Education at a Glance 2017. OECD Indicators. Fig. B2.1. 2 Siehe z.B. Gillmann, Barbara. OECD-Studie. 30 Milliarden Euro zu wenig für Bildung, pro Jahr. Handelsblatt. 12.09.2017. 3 Laut ifo Institut plädieren 80% der Befragten (also eine klare Mehrheit) für eine Ausstattung aller Schulen mit Breitband-Internetzugang, WLAN und Computern. Bisher wurde der „Digitalplan D“ des Bundesbildungsminis- teriums aus der letzten Legislaturperiode, der in den kommenden 5 Jahren Investitionen von EUR 5 Mrd. u.a. für den Ausbau der IT-Infrastruktur vorsah, noch nicht umgesetzt; vgl. dazu Haaß, Wolfgang. Digitalisierung der Schule. Mit WLAN ist es nicht getan. In: Bankenverband. Interesse. Ausgabe 5. 2017. S. 7/8. 4 Vgl. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. Finale Fassung. 7. Februar 2018. Insb. S. 11/12, 29, 67. Zu den weiteren Schwerpunkten (u.a. Familien, Bauen) vgl. dito, S. 67/68 . Neue Bildungschancen durch Digitalisierung 0 2 4 6 8 AU AT BE CA CL CZ DK EE FI FR DE HU IS IE IL IT JPY KR LV LU MX NL NZ NO PL PT SK SI ES SE CH TR GB US OECD Private u. öffentliche Bildungsausgaben in % des BIP, 2014 Quelle: OECD 2017 Bildungsausgaben: Nachholbedarf in DE 1 Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 3 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor erleichtert nicht nur Forschungsvorhaben, sie ermöglicht immer häufiger auch neue Einsichten in Zusammenhänge (Stichwort Big Data). Der aktuelle Digitali- sierungstrend bietet zudem allen relevanten Bildungsebenen – von den Schulen über die Hochschulen bis hin zur beruflichen Aus- und Weiterbildung – Möglich- keiten, noch qualifizierter und besser zu werden. Die vorliegende Ausarbeitung skizziert die vielfältigen Möglichkeiten des digita- len Bildungsfortschritts. Die Nutzung der neuen digitalen Instrumente im Bil- dungswesen ist zum einen Voraussetzung für die Aufrechterhaltung und weitere Verbesserung der deutschen Leistungsfähigkeit im absehbar künftig noch inten- siveren internationalen Wettbewerb. Zum anderen kann eine digital moderni- sierte Bildungslandschaft einen wichtigen Beitrag für mehr Chancengleichheit leisten und damit für die - über alle Parteigrenzen hinweg - angestrebte gesell- schaftliche Stabilität sorgen. „Humboldt 4.0“ mindert Gefahr der digitalen Spaltung In kaum einem anderen Land der Erde wird wohl so engagiert, prinzipiell und leidenschaftlich über Bildung diskutiert wie in Deutschland. Dabei geht es um so grundlegende Fragen wie was Bildung überhaupt ist, was deren Inhalt, Sinn und Zweck ist. Die Mehrheit folgte über zwei Jahrhunderte hinweg dem Bildungs- ideal von Wilhelm von Humboldt (1767-1835), dem wohl bedeutendsten Bil- dungsreformer Deutschlands. Humboldt verstand unter Bildung „die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfal- ten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit füh- ren“ 5 . Prägend für ganz Deutschland wurde die von Humboldt initiierte Bildungs- reform in Preußen im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, die die Basis des dreigeteilten Bildungswesens legte. Dieses setzte sich zusammen, erstens, aus der Elementarschule für alle, zweitens, dem humanistischen Gymnasium und, drittens, der Universität als Gemeinschaft der Lernenden und Lehrenden. Das humboldtsche Bildungsideal strebte weitaus mehr als nur Ausbildung an, verfolgte keineswegs nur einen berufsbezogenen Zweck oder diente gar aus- schließlich den Erfordernissen der Wirtschaft. Humboldts größtes Verdienst be- stand wohl darin, die Einheit der Allgemeinbildung über alle Bildungsebenen hinweg – also vom Schuleintritt bis zum Hochschulabschluss – zu thematisieren und einzufordern. Zur damaligen Zeit waren höhere Bildungseinrichtungen noch wenigen Privilegierten vorbehalten. Und deutsche Universitäten gestatteten Frauen erst Ende des 19. Jahrhunderts die Immatrikulation – also viele Jahre nach Humboldts Tod. Digitalisierung erfordert Humboldt 4.0 In der heutigen Zeit der zunehmenden Digitalisierung, in der sich Arbeitspro- zesse, Anforderungsprofile und Wertschöpfungsketten nicht nur permanent, sondern auch immer rascher verändern, sollten wir den Bildungsrahmen Hum- boldts erweitern: Bildung bedeutet in der modernen Welt lebenslanges und damit lebensbeglei- tendes Lernen. Bildung fängt keineswegs erst in der Schule an und sie endet auch nicht mit dem Eintritt ins Erwerbsleben. Bereits in der frühen Kindheit wer- den Bildungsinhalte über die Erziehung vermittelt. Dauerhaft prägend wirken je nach Elternhaus, Religionszugehörigkeit und Kindergarten spezifische Werteka- nons. Fraglos startet ein Kind, das etwa zwischen dem sechsten Monat und 5 Von Humboldt, Wilhelm (1792). Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestim- men. In: von Humboldt, Wilhelm. Schriften zur Anthropologie und Geschichte (Werke). Flitner/Giel (Hrsg.). 1960. S. 56-233. Humboldtsches Bildungsideal Bildung beginnt schon vor der Schule 0 20 40 60 80 100 120 140 160 1995 2000 2005 2010 2016 Bund Länder Kommunen Staat ges. Bildungsausgaben des Staates (VGR) 2 EUR Mrd. Quellen: Destatis, Deutsche Bank Research Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 4 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor dem sechsten Lebensjahr eine trilinguale Kindertagesstätte (z.B. Deutsch/Fran- zösisch/Englisch nach der Immersionsmethode) besucht, anders vorbereitet in den späteren Bildungsalltag als eines ohne einen solchen Erfahrungsschatz aus seiner Startphase. Hinzu kommt, dass berufliche Aus- und Weiterbildung immer wichtiger werden. Das gilt für praktisch alle Arbeitsfelder und Berufe, da Digitalisierung nahezu alle Wirtschaftszweige verändert. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitali- sierung und ihrer vielfältigen Einflüsse auf unsere Lebens- und Arbeitswelten sollte das humboldtsche Bildungsideal neu interpretiert 6 und um die Aus- und Weiterbildung erweitert zu einem „Humboldt 4.0“ werden. 7 Die polarisierende Bildungsdebatte ist nicht mehr zeitgemäß. Die Digitalisierung verlangt eine erweiterte Interpretation von (Allgemein-)Bildung. Statt digitaler Spaltung besser digitale Genese Es wird schon lange eine digitale Polarisierung zwischen Industrie- und Entwick- lungsländern infolge des unterschiedlichen Zugangs zu und in der Nutzung von digitaler Kommunikationsinfrastruktur befürchtet. Selbst in fortschrittsoffenen Ländern wie Deutschland findet eine Debatte über eine mögliche digitale Spal- tung innerhalb der Gesellschaft („Digital divide“) statt. Demnach führe der unter- schiedliche Zugang zu den modernen IuK-Technologien und neuen Medien letztlich zu einer Benachteiligung einkommensschwacher und bildungsferner Gruppen. Die Debatte ist ernst zu nehmen. Die vorliegende Arbeit versucht aufzuzeigen, worauf es auf den einzelnen Bildungsebenen ankommt, damit eine solche Spal- tung nicht eintritt und letztlich der Nutzen des digitalen Fortschritts für alle spür- bar wird. Digitalisierung ermöglicht Fortschritt auf allen Bildungs- ebenen Bei der Erziehung von Kindern werden im digitalen Zeitalter schon wichtige Wei- chen für den Bildungserfolg gestellt, sodass auch die Vorschulzeit Gegenstand dieser Betrachtung ist. Danach folgt eine Erörterung der drei nachgelagerten Bildungsebenen, also Schule, Hochschule sowie Aus- und Weiterbildung. Grundsätzlich sind alle Ebenen wichtig für die intendierten digital-basierten Fort- schritte in der Bildungslandschaft. Bereits in den Vorschuljahren ist Digitalisierung ein wichtiger Bau- stein Heute beginnt für viele Kinder das digitale Lernen bereits im Vorschulalter. Hier kommt es darauf an, den spielerischen Zugang zu PC, Tablets, Spielkonsolen, Smartphones sowie altbekannten Medien wie TV, CD, DVD und Radio erziehe- 6 Für eine erweiterte Interpretation Humboldts durch Einbeziehung auch des Bologna-Prozesses, also der 1999 begonnenen Hochschulreform, die auf ein harmonisiertes Bildungssystem in Europa abzielte, plädiert z.B. Schurk, Hans-E. Von Humboldt nach Bologna: Übergang oder Irrweg. Augsburg 2012. 7 Dies ist angelehnt an den heute gebräuchlichen Begriff „Industrie 4.0“, der für die Modernisierung der industriel- len Produktion infolge und mittels moderner IuK-Technik steht. „Humboldt 4.0“ geht explizit darüber hinaus, weil er alle Bildungsbereiche umfasst; also auch jene jenseits der „Industrie“ und auch jene ohne direkten ökonomi- schen Nutzen. Aufbau erster digitaler Kompetenzen nicht dem Zufall überlassen Digitaler Spaltung kreativ begegnen Bedeutende Weichenstellungen bereits in der Kindheit Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 5 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor risch zu begleiten. Zum Aufbau erster Kompetenzen für den intelligenten Um- gang mit Medien gehört die Vermittlung grundlegender Qualitäts- und Werte- standards. Die Bildungsangebote für Kinder und ihre Familien haben sich seit mehr als ei- nem Jahrzehnt dank des Ausbaus von Einrichtungen spürbar verbessert. Trei- ber auf der Nachfrageseite ist nicht zuletzt die steigende Zahl Alleinerziehender, die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen, das politische Bestreben, so- zial bzw. familiär bedingten Ungleichheiten früh entgegenzuwirken sowie die Er- kenntnis, dass Bildung in der Kindheit sehr viel wichtiger ist als bisher angenom- men wurde. Dank des massiven Ausbaus der Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsange- bote haben sich die Rahmenbedingungen nicht zuletzt im frühkindlichen Bereich (Kinder unter 3 Jahre) merklich verbessert. So fanden 2015 fast 594.000 Kinder in Tageseinrichtungen Platz; dies waren mehr als doppelt so viele Kinder wie im Jahr 2006. 8 Im gleichen Zeitraum verdreifachte sich die Zahl der Kinder in Ta- gespflege auf rund 99.700. Trotz des erkennbaren Fortschritts bleiben einige Betreuungswünsche der Eltern unerfüllt. Für die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit verantwortlich ist dabei nicht nur der zögerliche Ausbau der Ange- botsseite. Auf der Nachfrageseite äußerten 2006 erst 35% der befragten Eltern einen Betreuungswunsch, 2015 waren es schon über 43%; mithin stieg die Ge- samtnachfrage. Eine Rolle spielt überdies der immer häufiger von Eltern geäu- ßerte Wunsch nach weiteren Angeboten. In Zukunft werden im Elementarbe- reich Erziehungspartnerschaften zwischen den Erziehungsberechtigten und Fachkräften (vor allem von Erziehungseinrichtungen) immer wichtiger. In Deutschland fehlen mehrere Jahre, nachdem die Bundesregierung den Eltern für ihre Kinder einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz eingeräumt hat, also im August 2013, immer noch gut 293.000 Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren. Die Lücke hat sich gegenüber 2015 sogar um gut 80.000 vergrö- ßert. Eine Ursache für die gewachsene Diskrepanz ist, dass der 2013 verein- barte Kita-Zubau von 750.000 Plätzen nicht vollständig erreicht wurde. 9 Eine große Rolle spielte zudem der gestiegene Betreuungsbedarf. Dieser resultiert aus dem verbesserten Image frühkindlicher Betreuung, dem Wunsch vieler Er- ziehender (in der Regel Frauen) nach früherer Rückkehr ins Arbeitsleben, aber auch aus der Tatsache, dass viele Zuwanderer der letzten Jahre kleine Kinder haben. Das vom Bundestag im April 2017 beschlossene vierte Investitionspro- gramm zur Finanzierung der Kinderbetreuung, das bis 2020 zusätzliche 100.000 Betreuungsplätze für Kinder im Vorschulalter schaffen soll, dürfte nicht ausreichen. Deshalb ist die Kritik des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) be- rechtigt, wonach das Programm dringend ausgeweitet 10 ,– und die mancherorts nicht akzeptable Qualität verbessert werden sollte. Hinzu kommt, dass eine leis- tungsfähigere Infrastruktur zu etablieren ist, die schon im frühkindlichen Alter eine individuelle Förderung und erste Digitalkontakte ermöglicht. Ganztagseinrichtungen sind besonders gut geeignet, um auch benachteiligten Kindern eine Teilhabe an der modernen Digitalwelt zu ermöglichen. Dies sollte sich stärker in der Ausgestaltung der Förderinfrastruktur spiegeln. 11 Intelligente 8 Zu Details vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016). Bildung in Deutschland 2016. Berlin. S. 54/55. 9 Vgl. IW. Bund muss Kita-Lücken schließen. 18.05.2017. 10 Konkret fordert das IW: „Zum jüngst von der Politik beschlossenen Ausbau von 100.000 Kita-Plätzen sollten weitere 100.000 Plätze geschaffen werden. Dazu sollte die Qualität der Kitas erhöht werden. Insgesamt sind für die Maßnahmen nach der Ausbauphase jährlich rund EUR 5 Mrd. zusätzlich notwendig.“ IW. Bildungsmonitor 2017. Köln 2017. S. 187. Nach IW-Analyse existiert in Deutschland ein Mehrbedarf an öffentlichen Bildungs- ausgaben von EUR 12 Mrd. jährlich. Neben dem Investitionsbedarf für frühkindliche Bildung (s.o.) seien jährlich Bildungsinvestitionen zusätzlich erforderlich für die Integration EUR 3,5 Mrd., Ganztagsschulen EUR 2,7 Mrd. sowie Studierende aus dem Ausland an deutschen Hochschulen EUR 0,8 Mrd. Dito, S. 187/188. 11 Erst Anfang 2018 hat OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher Union und SPD „zu deutlich mehr Unterstüt- zung für Deutschlands Schulen“ aufgerufen; vgl. OECD fordert mehr Unterstützung für Schulen. Zeit online. 28. Januar 2018. Viele Gründe für Lücke zwischen Angebot und Nachfrage Steigender Kita-Betreuungsbedarf erfordert Angebotsausweitung Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 6 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor Investitionen in frühkindliche digitale Erlebniswelten dürften sich längerfristig für alle Beteiligten lohnen. Digitaler Fortschritt in der schulischen Bildung Digitalisierung kann auch bei der Bewältigung weiterer Herausforderungen hel- fen: — Chancengleichheit: Eine Kernaufgabe des Bildungswesens ist die Ermögli- chung bzw. Verbesserung von Chancengleichheit. Immer noch gibt es, so eine aktuelle Analyse des Stifterverbands, eine „soziale (Selbst-)Selektion“, die Nichtakademikerkinder benachteiligt. 12 Eine wichtige Zukunftsaufgabe besteht darin, das Bildungswesen noch chancengerechter zu machen. 13 — Demografie: Die künftig rückläufigen Schülerzahlen erfordern strukturelle Schulreformen insbesondere in ländlichen Regionen, wo arbeitsplatzbedingt ganze Familien abwandern. — Inklusion: Mittlerweile ist für Schulen rechtlich verbindlich festgelegt, dass sie ein gemeinsames Lernen von Kindern ohne und mit Behinderung er- möglichen und fördern. — Abbau schulischer Disparitäten: Im traditionellen Schulwesen ist der Anteil älterer Lehrkräfte relativ hoch, was Zukunftsfragen aufwirft. Überdies be- steht seit Jahren ein Einstellungsbedarf für Lehrkräfte, der nicht gedeckt wird; dieser wird aktuell vergrößert, denn es gibt viele Schulpflichtige mit Migrationshintergrund. — Wandel der Arbeitsmarkt- und Ausbildungserfordernisse durch Digitalisie- rung: führt zu permanentem Wandel der Qualifikationsanforderungen von Wirtschaft, Behörden, Verbänden sowie weiterbildenden Hochschulen. Lehrkräfteausbildung digital akzentuieren und nicht nur mehr MINT Der große Anteil älterer Lehrkräfte und der ungedeckte Lehrkräftebedarf brem- sen die digitale Neuausrichtung der Schulen und limitieren die Zukunftsperspek- tiven der Schüler. Zwar bilden sich viele Ältere weiter und begegnen den aktuel- len Digitalisierungstrends sehr aufgeschlossen. Im Unterschied dazu sind jün- gere Lehrkräfte aber zumeist affiner gegenüber digitalen Techniken. Allein schon eine Anpassung des Altersdurchschnitts brächte somit mehr digitales Know-how an die Schulen. Eine weitere Stellschraube ist die Lehrerausbildung. Alle Pädagogikstudien- gänge sollten um ein zusätzliches Schwerpunktfach Digitalisierung erweitert werden. Die Digitalisierung betrifft nicht nur die typischen MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, sondern sollte auch in Schulfächer wie Kunst, Religion oder Sprachen integriert werden. 12 Reformbedarf resultiert u.a. aus der Tatsache, dass von 100 Nichtakademikerkindern nur 21 Studienanfänger werden ggü. 74 der gleichen Ausgangszahl von Akademikerkindern. Vgl. dazu und zu weiteren Details Stifter- verband/McKinsey. Höhere Chancen durch höhere Bildung? Hochschul-Bildungs-Report 2020. 20. November 2017. Insb. S. 10-15. 13 Mutige Schulreformen, die die soziale Kluft zwischen den Schulen ausbalancieren, könnten Kompositionseffek- ten und sozialer Segregation entgegenwirken; vgl. Spiewak, Martin. Mehr Ungleichheit, bitte! Die Zeit. Nr. 52. 14.12.2017. S. 39/40. Digitalisierung kann das Schulwesen vielfach verbessern Junge Lehrkräfte bringen digitales Know-how an die Schulen Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 7 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor Lehrkräftelücke schließen und Schulangebote modernisieren Würden Lehramtsstudierende künftig vermehrt MINT-Fächer wählen und auch in anderen Schulfächern digital ausgebildet, könnte der Unterricht an den Schu- len digital verbessert werden. Eine Rolle sollte zudem spielen, dass diese Seg- mente wohl auch künftig überdurchschnittlich günstige Jobmöglichkeiten ver- sprechen – außerhalb der Schulen, aber auch in allen Schulzweigen. In Zukunft werden Schulangebote bedeutsamer, „die ein längeres gemeinsames Lernen ermöglichen, mehrere Abschlussoptionen eröffnen und so die Durchläs- sigkeit des Schulwesens tendenziell erhöhen“ 14 . Die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten für flexiblere Unterrichtsformen als bisher, aber auch die Nutzung gelegentlich unterschätzter non-formaler Lernwelten im Jugendalter 15 . So können digital bereicherte Schulangebote die Inklusion fördern. Selbst für Hochbegabte, die der übliche Schulbetrieb gelegentlich unterfordert, bieten sich neue digitale Chancen. Mittlerweile können solche Schüler/innen neben dem üblichen Schulunterricht erste Vorlesungen an Hochschulen besuchen; dies di- gital oder durch persönliche Anwesenheit. Freie Trägerschaft ernst nehmen, zeitgemäße digitale Ausstattung nötig Richtungweisend und u.E. beispielhaft für weitere Bundesländer ist in diesem Kontext der „Digitalplan Bayern“ des Zukunftsrats der Bayerischen Wirtschaft: Konkret soll demnach bis 2022 an allen bayerischen Schulen das digitale Klas- senzimmer Realität sein. Kernpunkte für die digitale Schule sind nicht nur die volle Netzanbindung und Verfügbarkeit digitaler Geräte 16 . Bis 2022 sollen auch das Lehrpersonal digital aus- bzw. weitergebildet sein und neue Lehrpläne ste- hen. Im Ergebnis sind so unterschiedliche Konzepte wie Lernen mit unter- schiedlichen Geschwindigkeiten oder neue virtuelle Lernformen verfügbar. In den Schulen wird die Einbindung von Fachleuten für digitale Techniken ange- strebt. 17 Eindeutig geklärt werden sollen nicht nur Inhalt, Methodik und Rechtsfragen (incl. Datenschutz und Urheberrecht). Mittels architektonischer Optimierung sol- len künftig die je nach herkömmlicher bzw. digitaler Lernsituation erforderlichen Räumlichkeiten bis hin zu Lerninseln und Lernfabriken verfügbar sein. Wert wird überdies auf wissenschaftliche Begleitforschung und einen interdisziplinären Ex- perten-Beirat aller Bildungsebenen und der Wirtschaft gelegt. Für Schüler mehr digitales Know-how, Medien- und Sozialkompetenz Der Aufbau digitaler Kompetenzen 18 ist hilfreich für die Bewältigung künftiger Bildungsetappen und Arbeitswelten. Medienkompetenz erleichtert die qualitative 14 Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016). S. 72. 15 Zu einem Überblick über Bildungschancen im non-formalen Bereich vgl. z.B. Thimmel, Andreas. Bildungsgele- genheiten im non-formalen Bereich. Berlin. 19. Mai 2011 . 16 Im Digitalisierungskontext beurteilt der Sachverständigenrat (SVR) den Vorschlag der Kultusministerkonferenz (KMK) von 2016, bis 2021 jedem Schüler einen Internetzugang zu verschaffen, als wenig ambitioniert, vgl. SVR (2017). Für eine Zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik. Jahresgutachten. S. 398. 17 Vgl. Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft (2017). Neue Wertschöpfung durch Digitalisierung. Analyse und Handlungsempfehlungen. Juni. S. 82/83. 18 Jedes fünfte Kind in Deutschland verlässt die 4. Klasse mit Leseschwäche. Damit fehlt den Betroffenen eine für den zunehmend digitalisierten Schul-, Ausbildungs- und Hochschulbetrieb sowie die eigentlich anzustrebende Teilhabe am modernen gesellschaftlichen Leben entscheidende Grundvoraussetzung. Die Bildungspolitik sollte dieses Manko mittels gezielterer Schulung umgehend beseitigen, denn ohne Lesen in der Regel auch kein Ler- nen, was wiederum soziale Ausgrenzung und Konflikte zeitigen kann. Zu Details und bildungspolitischen Folge- rungen vgl. IGLU 2016. Lesekompetenz von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Dezember 2017. S. 11-324. Mehr MINT-Lehrer erwünscht Digitalisierung ermöglicht flexibleren Unterricht Digitalplan Bayern nachahmenswert Selbst Architektur digitalgerecht anpassen Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 8 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor Beurteilung digitaler Informationen. Da einfache Digitalkenntnisse schnell veral- ten können, ist ein fächerübergreifender, interdisziplinärer und damit möglichst allgemeiner Kompetenzaufbau anzustreben. Die lange Historie der Industriali- sierung und die ersten Erfahrungen rund um die Digitalisierung zeigen, dass im Arbeitsleben zumeist mittlere Tätigkeiten besonders gefährdet sind 19 – in der In- dustrie früher durch das Fließband, aktuell durch Automation und Robotertech- nologien. Allgemeinbildung hat gegenüber Spezialwissen den Vorteil der Flexi- bilität und multipler Nutzungsmöglichkeiten. Oft wird übersehen, dass gerade die neue Digitalzeit besondere Sozialkompe- tenz 20 erfordert. In der modernen Wissens- und Arbeitswelt wird zumeist in Teams gearbeitet. Heute sind viele neue Produkte oder gar Nobelpreise das Er- gebnis intensiver Zusammenarbeit von Gruppen und keineswegs Output nur einzelner Visionäre. Einen möglichst großen Nutzen aus der Digitalisierung zu gewinnen, erfordert Sozialkompetenz möglichst aller Teilnehmer. Anzustreben ist ein möglichst früher Aufbau solcher Kompetenzen. In Volkswirtschaften, in denen solche Kompetenzen reichlich vorhanden und gereift sind, dürfte der digi- tale Wandel besser gelingen. Neue Bildungschancen für Hochschulen dank Digitalisierung Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist das Hochschulsystem ein Kernbau- stein des Fortschritts. Deutsche Hochschulen sehen sich heute einer Vielzahl anspruchsvoller Herausforderungen gegenüber, deren Bewältigung Zeit erfor- dert und Kosten verursacht. 21 Dazu zählen die steigende Zahl und wachsende Heterogenität der Studenten, die zunehmende Internationalisierung der Wissen- schaften und Intensivierung des Wettbewerbs sowie Fördermaßnahmen wie der Hochschulpakt, der Pakt für Forschung und Innovation sowie die Exzellenzinitia- tive. Der Themenkomplex Digitalisierung, der die Konkurrenz zwischen staatli- chen und oftmals besser finanzierten privaten Hochschulen verschärft, zählt auch dazu und verdient mehr Beachtung. Die Thematik ist für Hochschulen keineswegs Neuland, denn mit Digitalisie- rungsfragen beschäftigen sie sich bereits seit über zwei Dekaden. 22 Doch we- sentliche Treiber – digitale Techniken, Software und Medien bis hin zu Apps – haben gerade in den letzten Jahren sprunghaft an Dynamik gewonnen. Gele- gentlich unterschätzt wird, dass der digitale Fortschritt neue und bessere Lösun- gen für die genannten Herausforderungen der Hochschulen ermöglichen kann. Digitale Infrastruktur wo noch nötig ausbauen – Didaktik hat Luft nach oben Voraussetzung für den digitalen Fortschritt an den Hochschulen ist die Verfüg- barkeit moderner digitaler Infrastruktur. Laut Hochschul-Monitor zeigen sich von den befragten Hochschullehrenden 80% mit der medientechnischen Ausstat- tung ihrer Institutionen zum digitalen Lernen eher zufrieden. Und sogar 60% be- werteten die Ausstattung mit den Schulnoten 1 oder 2. 23 19 Dabei verliefen die Polarisierungstendenzen auf dem deutschen Arbeitsmarkt in Relation zu denen anderer In- dustrieländer weniger stark. Vgl. SVR (2017). Insb. S. 374-376. 20 Für eine Stärkung allgemeiner und sozialer Kompetenzen spricht sich auch der SVR aus. Vgl. dazu SVR (2017). S. 396/397. 21 Für ein Plädoyer für mehr soziale Innovationen vgl. Birgitta Wolff/Corina Niebuhr. Wir müssen ergebnis- und themenoffener forschen. In: Merton Magazin. Forschungsgipfel 2017. 18.04.2017. 22 Vgl. Centrum für Hochschulentwicklung/Bertelsmann Stiftung (2017). Die Hochschulen im digitalen Zeitalter. Monitor Digitale Bildung. März. S. 20. 23 Vgl. Centrum für Hochschulentwicklung/Bertelsmann Stiftung (2017). Die Hochschulen im digitalen Zeitalter. Monitor Digitale Bildung. März. S. 14. Sozialkompetenz erhöht digitalen Nutzen Digitalisierung ist eine zusätzliche Herausforderung deutscher Hochschulen Digitaler Fortschritt ermöglicht neue Hochschulkonzepte Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 9 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor Alle Hochschulen sollten über eine vollfunktionsfähige WLAN-Ausstattung mit bester Qualität der drahtlosen Netze verfügen. 24 Nur auf der Basis einer leis- tungsfähigen Infrastruktur können die Nutzerendgeräte von Lehrenden, Lernen- den und unterschiedlichen universitären oder außeruniversitären Communitys verdrahtet und Wissen ausgetauscht werden. Das Fehlen einer leistungsfähigen IT-Infrastruktur limitiert den Austausch zwischen den Hochschulen bzw. Lehr- stühlen unterschiedlicher Forschungs- und Entwicklungsgebiete. Im Lehrbetrieb werden die neuen digitalen Potenziale noch keineswegs überall ausgeschöpft. Insgesamt, so der Hochschul-Monitor, zeigen sich die meisten Hochschulen zwar zufrieden mit dem derzeitigen Status Quo der Digitalisierung der Lehre. Ein Problem bezüglich des digitalen Fortschritts der Hochschulen be- steht jedoch darin, dass sich – wie der Hochschul-Monitor betont – gerade auf der Ebene Hochschulleitungen und Verwaltungsmitarbeiter „zwei nahezu gleich große Lager“ konsequenter Digital-Verfechter und analoger Skeptiker gegen- überstehen. Wir sehen in dieser polarisierten Situation auf den Leitungsebenen der Hochschulen ein aus mehreren Gründen dringend zu bewältigendes Prob- lem. Das Zukunftsthema Digitalisierung erlangt in der konkreten Hochschulpoli- tik nicht den Stellenwert, den es u.E. verdient, da die Leitungsebene dem Digita- lisierungsthema lediglich „eine mittlere strategische Bedeutung“ beimisst. 25 Die unzureichende Situation auf der Leitungsebene strahlt auf die Lehrpläne aus und bremst die Budgetvergabe sowie die fachzweigspezifische Ausstattung mit digitalen Lernmitteln. Lehrende und Studenten haben unterschiedliche Digitalinteressen Die kaum befriedigende Situation auf der Leitungsebene legt die Vermutung nahe, die durch den Monitor gestützt wird, dass die eigentlichen Treiber der Di- gitalisierung der Hochschullehre die Studierenden selbst sowie deren jeweilige Lehrer sind. Eine Herausforderung besteht darin, dass die Präferenzen beider Gruppen nicht immer deckungsgleich sind. Lehrende sind zwar bestrebt, ihren Wissenstransfer mittels digitaler Medien auf- zufrischen und abwechslungsreicher zu präsentieren; dies aber ohne Preisgabe altbekannter Lehrsituationen. So werden für die Modernisierung und Auflocke- rung klassischer Vorlesungen und Vorträge allenfalls Videosequenzen, PDFs, PowerPoint und Lernmanagementsysteme genutzt. Hinsichtlich anderer Lern- ziele wie dem Aufbau von Sozialkompetenz oder der Befähigung zu selbststän- digem Lernen zeigen sich Lehrende aufgeschlossener gegenüber dem digitalen Fortschritt. Bereitwillig wird fast die ganze Vielfalt digitaler Medien genutzt. Dazu zählen moderne Software, Selbstlernprogramme, Lernplattformen und Lernma- nagementsysteme. 26 Heute Studierende sind mit digitalen Medien aufgewachsen. Daher nutzen sie prinzipiell alle ihnen zugänglichen Medien von Apps bis Lernprogramme. Stu- dierende bevorzugen vor allem einen Methodenmix multimedialer Formate. Ge- rade dies ist es, was Lehrende häufig allenfalls für die eigene Vorbereitung oder Fortbildung nutzen und für den eigentlichen Lehrbetrieb als wenig tauglich er- achten. Zu diesen Digitalformaten zählen neben Open Educational Resources (OER) vor allem offene Online-Kurse (sog. Massive Open Online Courses, MOOCs). Beide Digitalformate, deren Ursprünge in den USA liegen, werden in der akademischen Lehre in Deutschland bis dato kaum oder nur ergänzend ge- nutzt. Gleichwohl messen einzelne Lehrende den MOOCs hohes Potenzial 24 80% der Lehrenden sind mit der Qualität der drahtlosen Netze zufrieden. Vgl. Centrum für Hochschulentwick- lung/Bertelsmann Stiftung (2017). Die Hochschulen im digitalen Zeitalter. Monitor Digitale Bildung. März. S. 14. 25 Vgl. Centrum für Hochschulentwicklung/Bertelsmann Stiftung (2017). Die Hochschulen im digitalen Zeitalter. Monitor Digitale Bildung. März. S. 6. 26 Vgl. Centrum für Hochschulentwicklung/Bertelsmann Stiftung (2017). Die Hochschulen im digitalen Zeitalter. Monitor Digitale Bildung. März. S. 20/21. Polarisierte Situation auf Leitungs- ebenen bremst Hochschulen Lehrende sollten altbekannte Lehrsi- tuationen überdenken MOOCs haben hohes Potenzial Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 10 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor bei. 27 Gelänge es künftig besser, die neuen digitalen Multimediaformate in den Lehralltag deutscher Hochschulen zu integrieren, würde dies zu einer größeren gesellschaftlichen Öffnung und Teilhabe der Hochschulen beitragen. Mehr MINT und mehr digitale Kompetenz der Lehramtsstudierenden wichtig Für Hochschulabsolventen wird der digitale Strukturwandel künftig ein dauern- der Wegbegleiter. 28 Uns erscheint es deshalb wichtig, dass die Hochschulen eine zeitgerechte Schwerpunktverlagerung im Lehrbetrieb vornehmen. Als zu- kunftsträchtig und lohnend dürften sich – aus unterschiedlichen Gründen – ins- besondere eine Stärkung der MINT-Fachbereiche 29 sowie eine bessere Schu- lung der Lehramtsstudierenden im Umgang mit den neuen Medien und deren Nutzung im künftigen Unterricht erweisen. Hinzu kommt, dass die Berufsperspektiven dieses Fächerkanons besonders günstig erscheinen. Mehr MINT hätte daher einen doppelten Vorteil: Zum einen günstige Jobperspektiven für die Studierenden dieser Fachrichtungen; zum an- deren auch für die Gesamtgesellschaft, da der Wirtschaftsstandort gestärkt wird. Zudem sind die absehbaren demografischen Herausforderungen am deutschen Arbeitsmarkt mittels des technischen Fortschritts und mehr MINT besser zu be- wältigen. 30 Überdies wäre ein Abbau des Frauenmangels in den MINT-Berufen hilfreich. Dafür sind, wie auch das DIW betont, insbesondere stärkere Anstren- gungen durch Lehrkräfte und Eltern bereits in der Grundschulzeit geboten. 31 Die Trends zu Digitalisierung, Automatisierung und verstärktem Robotereinsatz betreffen Arbeitsplätze mit eher mittlerer Qualifikation wesentlich stärker als die- jenigen der Hochqualifizierten und einfache Tätigkeiten. Insofern erscheint es zweckmäßig, auch an den Hochschulen Bildung und Ausbildung möglichst all- gemein auszurichten und durch gute Schlüsselkompetenzen zu verbessern. Den so qualifizierten Studenten dürfte es später leichter fallen, sich an die sich stetig und beschleunigend ändernden Anforderungsprofile anzupassen. Die Umfrage des Hochschul-Monitors, wonach Lehramtsstudierende bei den In- dikatoren „Nutzung digitaler Medien in Lehrveranstaltungen“, „Nutzung digitaler Medien anderweitig – für das Studium“ sowie „Motivation durch digitales Lernen“ nur den letzten bzw. vorletzten Platz belegen, ist ernüchternd. 32 Insofern er- scheint es dringend geboten, die Pädagogikfächer mit Digital-Know-how anzu- reichern und damit zu modernisieren. Dank solcher additiver Kenntnisse könn- ten die Lehramtsstudierenden künftig ihre schulischen und damit auch gesamt- gesellschaftlichen Aufgaben besser bewältigen. Digitalisierung darf gerade für Lehramtsstudierende kein Nebenfach bleiben, denn ihre mangelnde Qualifika- tion rächt sich im digitalen Zeitalter multiplikativ über ihre für die Zukunft nur un- zureichend qualifizierte Schülerschaft. 27 Vgl. Centrum für Hochschulentwicklung/Bertelsmann Stiftung (2017). Die Hochschulen im digitalen Zeitalter. Monitor Digitale Bildung. März. S. 8, 18/19. Im Rahmen der digitalen akademischen Weiterbildung wird MOOCs mehr Zukunftspotenzial bescheinigt; sie spielen hier aber ebenfalls noch keine tragende Rolle (dito, S. 18). 28 Zu einer Einschätzung des absehbaren Strukturwandels und dessen Arbeitsmarktimplikationen vgl. SVR (2017). Für eine Zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik. Jahresgutachten. S. 374-384. 29 Für mehr MINT-Forschungsaktivitäten rund um Datenanalyse, 3D-Druck, künstliche Intelligenz, Sensorik und Sicherheitsfragen plädiert z.B. auch der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft (2017). S. 86/87. Er plädiert überdies für eine Stärkung der betriebswirtschaftlichen und juristischen Forschung zu Digitalthemen . 30 Stifterverband/McKinsey bewerten die steigende Zahl der MINT-Studienanfänger seit 2010 positiv, sprechen sich aber für eine weitere Stärkung aus, da dies „vor allem einen großen gesellschaftlichen Wert“ habe. Zu De- tails siehe Stifterverband/McKinsey (2017). S. 14, 64-72. 31 Zu einer Analyse der Ursachen des MINT-Frauenmangels vgl. DIW (2017). Ursache für Frauenmangel in MINT-Berufen? Mädchen unterschätzen schon in der fünften Klasse ihre Fähigkeiten in Mathematik. Wochen- bericht Nr. 45. S. 1009-1015. 32 Vgl. Centrum für Hochschulentwicklung/Bertelsmann Stiftung (2017). Die Hochschulen im digitalen Zeitalter. S. 38/39. MINT-Fachbereiche stärken Frauenmangel in MINT-Berufen beseitigen Arbeitsplätze mit mittlerer Qualifika- tion gefährdet Mehr Digital-Know-how für Pädagogikfächer Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 11 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor Kultur des Wissenstransfers und der Forschungsverwertung verbessern Die Digitalisierung ermöglicht erheblichen Fortschritt für die Hochschullehre, Forschung und Entwicklung. Der Transfer des Wissens beschränkt sich keines- wegs auf die Beziehung Lehrende-Lernende. Die neuen digitalen Medien er- leichtern auch den Wissenstransfer zwischen den Hochschullehrenden. Dieser reicht von Präsentationen und sonstigem Lernmaterial für Vorlesungen bis hin zum Austausch von Versuchs- bzw. Forschungsergebnissen. Forschungsfortschritte und -erfolge haben auch einen wirtschaftlichen Wert. Verfügen die Hochschulen bzw. -lehrer allerdings nicht über ausreichende Ver- wertungskompetenzen, wird Wissensfortschritt nicht oder nicht ausreichend ma- terialisiert; dies limitiert wiederum die Hochschulen. Hilfreich wäre es, wenn sich die Hochschulen gerade im Digitalisierungszusammenhang ökonomisch weiter- qualifizierten. Der Aufbau einer lebendigen Verwertungskultur (von Aus- bzw. Neugründungen bis hin zur Akquise von Drittmitteln) könnte allen Hochschul- ebenen zugutekommen: Lehrende und Wissenschaftspersonal werden für For- schungserfolge (z.B. über deren Verwertung über Start-ups) belohnt; die Repu- tation der Hochschule steigt, ihre Finanzierung/Sanierung wird erleichtert, die Motivation einbezogener Lernender steigt – und, nicht zu unterschätzen, gele- gentlich wird auch eine für Studierende künftig privat (z.B. mittels Unterneh- mensgründung) verwertbare Geschäftsidee generiert. Berufliche Aus- und Weiterbildung digital anreichern Das deutsche System der Aus- und Weiterbildung ist ein Schlüssel zum Erfolg des Wirtschaftsstandorts Deutschland und seines Aufstiegs. Ein wichtiger Bau- stein ist das Konzept der dualen Berufsausbildung der Auszubildenden in ihrem jeweiligen Betrieb und der Berufsschule. 33 Die duale Bildung ermöglicht einen lebendigen Austausch von Theorie und Praxis. Aus- und Weiterbildung werden künftig noch wichtiger. Was Deutschland betrifft, existieren mittlerweile viele Studien: Unterschiede bestehen bezüglich der Ba- sisannahmen, erwarteten Anpassungsreaktionen und damit auch konkreter Zu- kunftsszenarien. Gemeinsam ist allen Studien jedoch, dass sie mit massiven Auswirkungen der Digitalisierung auf traditionelle Arbeitsplätze rechnen. Trotz der in Deutschland im internationalen Vergleich relativ hohen Löhne, so lautet die Kernbotschaft, sind die Perspektiven am deutschen Arbeitsmarkt keines- wegs so schlecht wie der zunehmende Robotereinsatz und die Automatisierung befürchten lassen. Entlastend wirken nicht zuletzt zwei Ausgleichseffekte: Lin- dernd wirkt erstens die demografische Abschwächung des Arbeitsangebots 34 , da in den nächsten beiden Dekaden viele Arbeitnehmer in Rente gehen und re- lativ dazu weniger Personen eine Arbeit aufnehmen. Der zweite Ausgleichsfak- tor unterstreicht die Bedeutung des Themas dieser Arbeit. Dank der Stell- schraube Aus- und Weiterbildung ist es möglich, dass Arbeitnehmer, die vom technologischen Wandel betroffen sind (bzw. werden könnten), sich weiterquali- fizieren. Hinsichtlich des tatsächlichen Nettoeffekts, also ob Deutschland in der Summe überhaupt Arbeitsplätze einbüßen wird, und, wenn ja, wie hoch dieser Beschäftigungsverlust ausfallen wird, darüber kursieren derzeit unterschiedliche Einschätzungen. Zwei Beispiele dokumentieren dies: 33 2017 (Stichtag 30. September) wurden 572.226 duale Ausbildungsstellen angeboten (1,5% mehr als 2016). Die Ausbildungsnachfrage stieg erstmals seit 2011 (damals 641.796) und erreichte 603.510 (+0,4% gg. 2016). Ein wichtiger Grund ist, dass mehr Flüchtlinge eine Ausbildung anstreben. Zu Details vgl. Bundesinstitut für Berufs- bildung (BIBB; 2017). Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Jahr 2017. 13. Dezember. S. 4-14. 34 Künftig gleicht selbst die steigende Erwerbsbeteiligung die sich abzeichnende demografische Lücke nicht aus; zu Details und Szenarien vgl. DIW (2017).Steigende Erwerbsbeteiligung wird künftig kaum ausreichen, um den demographischen Wandel in Deutschland zu meistern. Wochenbericht Nr. 35. S. 675-685 . Digitalisierung erleichtert Wissenstransfer Erfolgsfaktor duale Berufsausbildung Aus- und Weiterbildung werden noch wichtiger Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 12 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor — Der Sachverständigenrat kam 2016 zu dem Ergebnis, dass die Automatisie- rung in Deutschland in den nächsten 20 Jahren etwa 12% aller Arbeits- plätze trifft. Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe würden bis 2030 etwa 420.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Da im Betrachtungszeitraum aber 360.000 neue Arbeitsstellen entstünden, wären netto 60.000 tatsächlich be- troffen. Allerdings, so die Verfasser, ist die Modellierung „mit großer Vor- sicht zu interpretieren“. 35 — McKinsey sah unlängst in einem Szenario bis 2030 12 Mio. deutsche Ar- beitsplätze (33% der Arbeitsbevölkerung) von Automatisierung und Robo- tern betroffen, hält aber gleichfalls positive Anpassungen (Demografie; neu- artige Arbeitsplätze, Verlagerung) für wahrscheinlich. 36 Beide Prognosen unterstreichen, dass in der Zeit des digitalen Wandels Aus- und Weiterbildungsangeboten eine große Bedeutung zukommt. Fraglich ist al- lerdings, was bezüglich der komplexen Zusammenhänge tatsächlich zu unter- nehmen ist, um für die digitale Zukunft möglichst gut gerüstet zu sein. Lebenslanges Lernen wird zur Überlebensstrategie In der Nachkriegszeit waren Erwerbs- und Arbeitsbiographien relativ statisch. In Westdeutschland kennzeichneten Normalbiographien eine Ausbildungsphase, der eine Vollbeschäftigung im erlernten Beruf in einem Betrieb der Wahl mit Kar- riere folgte. Letztlich mündete dies in eine Ruhestandsphase mit zumeist aus- kömmlicher Rente. Heute ist ein solcher Verlauf vielerorts nicht mehr typisch. Hinzu kommen Trends wie die zunehmende Akademisierung (d.h. immer mehr und immer besser Qualifizierte) und Rationalisierung von Arbeitsabläufen, die durch die Globalisierung zusätzliche Impulse erhielt. Schon aus dem Zusam- menspiel dieser Einflussfaktoren resultierte ein steter, zuweilen aber auch ab- rupter Wandel der Erwerbsbiographien. Der Digitalisierungstrend, der zuletzt an Dynamik gewinnt, verstärkt all dies und sorgt für völlig neuartige Erwerbs- und Arbeitsbiographien. Der sich infolge der Digitalisierung ergebende Wandel der Qualifikations- und Arbeitsanforderungen erfordert vor allem lebenslanges Lernen. Der digitale Wandel der Arbeitswelten lässt immer wieder neue Anforderungsprofile entste- hen, die sich im Zeitablauf erneut ändern können. Lebenslanges Lernen wird damit zu einer – womöglich sogar „der“ – Überlebens- und Erfolgsstrategie für die neue Zeit der digitalen Transformation. Erforderte früher eine dauerhafte Beschäftigung oftmals nur, dass Arbeitskräfte möglichst flexibel hinsichtlich Arbeitsort und -zeit sind, so meint heute Flexibilität auch deren Lernfähigkeit, dank derer sie rasch neue Qualifikationen aufbauen können und damit für unterschiedliche Tätigkeiten einsetzbar sind. Lebenslan- ges Lernen kann selbst dazu helfen, den sich ändernden Beschäftigungsver- hältnissen – von De-Standardisierung bis mehr Teilzeit oder Solo-Selbständig- keit – zu begegnen. Ausbildung fit für digitalen Wandel machen Heute ist die Arbeitswelt der meisten Beschäftigten dadurch gekennzeichnet, dass analoge und digitale Realitäten interagieren. Der digitale Wandel erfordert eine stete Modernisierung der dualen Ausbildung: 35 Zu Details vgl. Sachverständigenrat (2016). Bedingt abwehrbereit: Deutschland im digitalen Wandel. Juli. S. 12/13. 36 Zu Details vgl. McKinsey (2017). Jobs lost, jobs gained: workforce transitions in a time of automation. Decem- ber. Unterschiedliche Einschätzungen digitaler Arbeitsplatzgefährdung Digitalisierung bewirkt Wandel der Erwerbs- und Arbeitsbiographien Flexibiltät wird heute anders definiert Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 13 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor Explizit positiv zu bewerten ist die Ende 2016 gestartete Ausstattungsinitiative mit dem Schwerpunkt Berufsausbildung, die ein Kernbestandteil eines umfas- senden Bund/Länder-Gesamtkonzepts zur Förderung der digitalen Bildung sein soll. Bundesweit trägt die Initiative den Titel „1.000 Berufsschulen 4.0”. Das Megathema unserer Zeit Industrie 4.0 ließ zu lange eine modernisierte Be- rufsschulausbildung 4.0 vermissen. Zur Erfüllung dieses Bildungsauftrags soll- ten alle Berufsschulen auf „Lernfabriken 4.0“ zugreifen können. Die vom BMWi geförderten Kompetenzzentren mit eher regionalem Fokus wie „Mittelstand 4.0“ und „Digitales Handwerk“ geben der Berufsausbildung zusätzliche Impulse. Die Informations-, Schulungs- und Trainingsprogramme rund um die neuen digitalen Technologien bis hin zu Industrie 4.0 qualifizieren die Auszubildenden für zu- künftige Herausforderungen und neue technische Möglichkeiten. Interessant und richtungweisend sind gezielte Einzelinitiativen wie das 2017 ge- startete Pilotprojekt Elektrohandwerk, das der Zentralverband des Elektrohand- werks initiierte und vom BMWi gefördert wird. Mittels moderner Lernmethoden werden Auszubildenden die Funktionsweise, Möglichkeiten und Handhabe von Smart Grid, Smart Home und Fernwartung vermittelt. Glückt die Erprobung, soll das Projekt auch für andere Gewerke eine Blaupause sein, also letztlich den ge- samten Ausbildungsstandort Deutschland voranbringen. Künftig zeichnen sich Engpässe 37 insbesondere bei den Ausbildungsberufen mit technischem Hintergrund ab. Die Qualifizierung zum MINT-Facharbeiter muss attraktiver werden, um deren Zahl zu steigern und den Technologiestandort zu behaupten. 38 Deshalb erscheint die BMWi-Initiative 39 zweckmäßig, die Spezial- themen IT-Sicherheit und Software-Entwicklung in die Berufsausbildung von IT- Systemelektronikern, Fachinformatikern, IT-System- sowie Informatikkaufleuten zu integrieren. Als zielführend erweisen dürfte sich überdies das BMWi-Engage- ment für eine „engere Kooperation von Betrieb, Berufsschule und überbetriebli- chen Bildungsstätten“ sowie dessen Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Ge- werkschaften bei der Identifikation neuer digitaler Berufe (z.B. E-Commerce- Kaufmann). Auszubildende mehr für Digitalisierung begeistern Auszubildende sollten so unterrichtet werden, dass sie den digitalen Wandel nicht nur als Bedrohung bestehender Strukturen wahrnehmen, sondern dessen viele Vorzüge erkennen, möglicherweise neuartige digitale Geschäftsideen ent- wickeln oder für den Betrieb interessante Innovationen anstoßen können. The- men jeder Ausbildung sollten sein: der effiziente Umgang mit Daten (also Erfas- sung, Analyse, Bewertung) sowie die Nutzung der technischen Möglichkeiten und Lösungen. Die breite Palette umfasst das Management neuer Steuerungs- und Überwachungsaufgaben, aber auch die Handhabe moderner digitaler Prob- lemlösungen, also innovativer Technologiekonzepte rund um IT, Software, Mo- bilität bis hin zu intelligenten Maschinen. Digitales Know-how erzielt höhere Marktpreise und macht flexibel – im Betrieb und ggf. darüber hinaus. Kein Wunder, dass die für Deutschland typische Interaktion aller Beteiligten im dualen Ausbildungssystem in Bezug auf die digitalen Herausforderungen auch 37 „2030 könnten Prognosen zufolge – über alle Berufe hinweg – bis zu zwei Millionen Gesellen fehlen“; Gillmann, Barbara. Erosion der Lehre. Handelsblatt. 19.12.2017. S.14 . 38 Laut IW weisen MINT-Facharbeiter 2017 die größten Engpässe auf. Bereinigt um den „qualifikatorischen Mis- match“ lag die MINT-Facharbeiterlücke im September 2017 bei 142.400 Personen, also fast so hoch wie die Lücken für MINT-Akademikerberufe (97.600) und MINT-Spezialisten (Meister-/Technikerberufe; 50.900) zu- sammen; zu Details vgl. IW (2017). MINT-Herbstreport 2017. 16. November. S. 33-36. 39 Vgl. BMWi (2016). Digitale Bildung. Der Schlüssel zu einer Welt im Wandel. 16. November. S. 15/16 . Digitales Handwerk Attraktivität von MINT- Fachausbildung steigern Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 14 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor seitens anderer europäischer Ländern immer mehr Beachtung und auch Nach- ahmung erfährt. 40 Insbesondere für Länder, die seit Jahren unter verstärkter Ju- gendarbeitslosigkeit leiden, scheint das deutsche Ausbildungssystem einen Weg aus der Strukturkrise zu weisen. Betriebe sollten Mitarbeiterfort- und Weiterbildung fördern Stete Weiterbildung 41 klingt wenig innovativ, ist jedoch in der neuen Zeit der Di- gitalisierung, die auf alle Fertigungs- und Wertschöpfungsketten sowie Dienst- leistungsebenen ausstrahlt, eine Conditio sine qua non für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit – jedes Einzelnen, der Betriebe sowie des gesamten Wirtschaftsstandorts. Da eine gezielte Weiterbildung per Saldo im Interesse al- ler Gruppen ist, sollte diese auch von allen unterstützt und genutzt werden. Problem: vier Fünftel der Unternehmen sprechen sich angesichts der digital ver- ändernden Arbeitswelt für die Weiterbildung ihrer Fachkräfte aus, aber nur drei Fünftel der Beschäftigten erfahren tatsächlich Weiterbildung. Dazu kommt, dass bei betrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen Personengruppen mit mäßigem Schul- bzw. Berufsschulabschluss, Ältere und Teilzeitbeschäftigte unterreprä- sentiert sind. Fortschritt könnte erzielt werden, wenn auf die Gründe der Unter- nehmen für die unzureichende digitale Weiterbildung – zu teuer, Qualität kaum beurteilbar, fehlender Überblick über Angebote, mangelnde Abstimmung der Angebote auf Unternehmensbedürfnisse – stärker eingegangen werden würde und damit ein Upgrade der Weiterbildung stattfände. 42 Ansatzpunkte einer modernisierten Weiterbildung 4.0 Die Vermittlung digitaler Kompetenzen zählt mittlerweile zu den Zielen in prak- tisch allen Ausbildungsberufen. Damit ist es keineswegs dauerhaft getan. Der digitale Wandel verkürzt Produktzyklen, führt zu immer neuen Innovationen und erfordert daher eine stete Weiterbildung der Beschäftigten. Die Kernkompeten- zen im Berufsleben müssen immer wieder aktualisiert und fortentwickelt werden. Die Weiterbildung kann direkt am Arbeitsplatz, über das Internet, spezialisierte Plattformen oder traditionelle, digital ausgestattete Bildungsstätten stattfinden. Für Betriebe mit absehbar hohem Bedarf an Fachkräften ist die eigene Mitarbei- terfort- bzw. -weiterbildung besonders interessant, denn im Regelfall sind die ei- genen Beschäftigten besonders loyal und bauen auf einen längerfristig stabilen Arbeitsplatz. Lohnend erscheint auch die Weiterbildung älterer Mitarbeiter, da gerade diese zumeist über wertvolles Know-how und einen breiten Erfahrungs- schatz rund um die firmenspezifischen Produkte und Geschäftsaktivitäten verfü- gen. Weiterbildungsbedarf besteht absehbar in praktisch allen Berufsfeldern und Branchen. Weiterbildung ist überdies eine Chance, einem regional und/oder branchenspe- zifisch drohenden Auseinanderdriften von Jobangeboten und -nachfrage zu be- gegnen. Neben der Zielgruppe älterer Personen, die mittels Weiterbildung fit für neue Arbeitsplätze gemacht werden können, verdient das Thema Nachqualifi- zierung mehr Beachtung. Unterschiedliche Zielgruppen sind denkbar, z.B. Per- sonen ohne Ausbildung bzw. Schulabschluss, aber auch Geflüchtete ohne Aus- 40 So unterhält die deutsche Zentralstelle für internationale Berufsbildungskooperation im BIBB eine Vielzahl von Kooperationsvereinbarungen mit Einrichtungen aus aller Welt. Austauschprogramme bzw. Pilotprojekte gibt es u.a. mit Frankreich, Griechenland, Italien, Lettland, Portugal, der Slowakei, China, Indien sowie selbst der US- Automobilindustrie. 41 Zu Details rund um die berufliche Weiter- und Fortbildung vgl. Bundesinstitut für Berufsbildung (2017). Datenre- port zum Berufsbildungsbericht 2017. Bonn. S. 345-418. 42 Zu den Zahlen und Gründen vgl. BMWi (2016). Digitale Bildung. Der Schlüssel zu einer Welt im Wandel. 16. November. S. 6/7. Digitales Upgrade der Weiterbildung möglich Mit Weiterbildung Arbeitsmarkt- disparitäten begegnen Digitalisierungstrend begünstigt Bildung für alle 15 | 29. Mai 2018 Deutschland-Monitor bildung oder digitale Kenntnisse. Die Bedeutung des Themas Nachqualifizie- rung reicht weit über reine Betriebsinteressen hinaus: Für den Einzelnen kann Nachqualifizierung zum Nachholen eines Schul- bzw. Ausbildungsabschlusses führen. Geflüchteten kann sie die gesellschaftliche Integration erleichtern. Zu begrüßen ist, dass das BMWi die Weiterbildung für die Digitalisierung auf ho- hem Niveau aufwerten möchte und multifunktionalen Bildungszentren die Mitt- lerfunktion zwischen Forschung und Praxis überträgt. Allerdings scheinen die diesen Zentren „in den Jahren 2016 bis 2018 zusätzlich acht Millionen Euro pro Jahr und somit insgesamt 37 Millionen jährlich für notwendige Ausstattungsin- vestitionen (…) z.B. für 3D-Drucker, CNC- und CAM-Maschinen sowie mobile Endgeräte“ 43 aus heutiger Perspektive relativ knapp bemessen zu sein. 44 Fazit: Intelligente Bildung 4.0 hat nur Vorteile Die Ausarbeitung zeigt, dass der Megatrend Digitalisierung vielfache Herausfor- derungen für die Bildung in Deutschland birgt. Doch obwohl der digitale Wandel ohne Zweifel auf alle heutigen und künftigen Arbeitsprozesse ausstrahlt, scheint mancherorts zu viel Skepsis zu herrschen. Letztlich geht es darum, die neuen digitalen Realitäten nicht allein als Bedrohung zu begreifen, sondern deren neue Möglichkeiten und Chancen zu gewichten. Folgen im wohlverstandenen Einver- nehmen alle für die Bildung und deren Weiterentwicklung zuständigen Gruppen – insbesondere die politischen Parteien, Verbände und Gewerkschaften – dem Leitbild eines modernen Humboldt 4.0, sollte die Gefahr einer digitalen Spaltung in Deutschland abgewendet werden. Ganz im Gegenteil: Eine mutig digitali- sierte Bildungspolitik auf allen vier vorgestellten Bildungsebenen kann die ent- scheidende Stellschraube für die Fortsetzung von Wohlstand, Wettbewerbsfä- higkeit und Wachstum Deutschlands sein. Da dies im Interesse aller Betroffenen sein dürfte – von Schülern, Auszubildenden, Hochschulabsolventen, Arbeitneh- mern bis hin zu den in scharfem internationalen Wettbewerb stehenden Unter- nehmen – sollte die Schlussfolgerung lauten: Mehr digitale Bildung für alle, dann wird Digitalisierung zu einem gesamtgesellschaftlichen Gewinn. Josef Auer (+49 69 910-31878, josef.auer@db.com) 43 BMWi (2016). Digitale Bildung. Der Schlüssel zu einer Welt im Wandel. S. 20. 44 Für ein Plädoyer für mehr „professionelles Personal“ zur Aufwertung der Weiterbildung und höhere Investitio- nen in diesen Bereich s. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016). S. 160. Bildung 4.0 verhindert digitale Ausdif- ferenzierung und ermöglicht gesamt- gesellschaftlichen Fortschritt In der Reihe „Deutschland-Monitor“ greifen wir politische und strukturelle Themen mit großer Bedeutung für Deutschland auf. Darunter fallen die Kommentierung von Wahlen und politischen Weichenstellungen sowie Technologie- und Bran- chenthemen, aber auch makroökonomische Themen, die über konjunkturelle Fragestellungen – die im Ausblick Deutsch- land behandelt werden – hinausgehen. Deutschland-Monitor © Copyright 2018. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. 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Januar 2018 * Vox populi, vox dei oder etwa nicht? ................... 12. Dezember 2017 * Rekorde am deutschen Aktienmarkt – alles bestens, oder? ............................................ 20. November 2017 * Deutsche Arbeitsmarktpolitik: Es gibt noch genug zu schaffen! ............................. 30. Oktober 2017 * Bundestagswahl-Spezial 2017: The final countdown ........................................... 19. September 2017 * Deutsche Industriepolitik – Grundsätzliche Zurückhaltung lobenswert, aber wichtige Baustellen werden vernachlässigt ....... 30. August 2017
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