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22. November 2018
Thema:
Seit dem Preisboom im Jahr 2017 sind die Schlagwörter Bitcoin und Blockchain in der Gesellschaft allgegenwärtig. Trotzdem ist das Verständnis vom Potenzial der Technologie oft rudimentär. Um die Diskussion zu schärfen, diskutieren wir sowohl die vielen technologischen Facetten als auch die mit der Technologie möglicherweise einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen. Anschließend benennen wir die technischen, aber auch gesellschaftlichen Hindernisse, die der Revolution im Wege stehen. [mehr]
EU-Monitor Digitale Ökonomie und struktureller Wandel Seit dem Preisboom im Jahr 2017 sind die Schlagwörter Bitcoin und Blockchain in der Gesellschaft allgegenwärtig. Trotzdem ist das Verständnis vom Potenzial der Technologie oft rudimentär. Um die Diskussion zu schärfen, diskutieren wir sowohl die vielen technologi- schen Facetten als auch die mit der Technologie möglicherweise einhergehen- den gesellschaftlichen Veränderungen. Wir beschreiben zehn Stufen, die jede für sich eine kleine gesellschaftliche Revolution darstellt. Alle Stufen zusammen erklären, warum die Enthusiasten von der globalen Blockchain-Revolution träu- men. Nur zwei der zehn Stufen stellen dabei eine Revolution unseres Geldsystems dar. Denn die Kerninnovation einer Blockchain ist das Fixieren von Informatio- nen. Somit erhält man eine verlässliche Datenbasis für deutlich mehr als nur Geld. Zum Beispiel könnten auf Blockchains Eigentumsrechte geregelt werden. Die Kommunikation zwischen Fahrzeugen, Maschinen und Robotern könnte ebenfalls über Blockchains erfolgen. Durch die Speicherung komplexer und codebasierter Wenn-Dann-Logik könnten schließlich auch Verträge fixiert und ausgeführt werden. Genauso wäre es theoretisch möglich, verlässliche Abstim- mungen aller Art über Blockchains zu organisieren. Nachdem wir die Utopie aufgezeigt haben, benennen wir die technischen, aber auch gesellschaftlichen Hindernisse, die der Revolution im Wege stehen. Eine rasante Umsetzung erwarten wir nicht. Vielmehr dürfte es noch viele Jahre, viel- leicht sogar Jahrzehnte dauern, bis die neue Technologie eine hohe Markt- durchdringung erzielt und ganz selbstverständlich in unserem Alltag eingebun- den ist. Autor Jochen Möbert +49 69 910-31727 jochen.moebert@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider 22. November 2018 Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution Oder einmal Kryptohype und zurück Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 2 | 22. November 2018 EU-Monitor 1. Stufe: Ein außerstaatliches Zahlungsmittel Eine Gruppe von libertären Computerexperten, die sich Cypherpunks nennen, entwickelt schon seit Jahrzehnten außerstaatliches Geld. Doch alle Versuche, solche alternativen Zahlungsmittel zu etablieren, scheiterten. Eine Ursache für das Misslingen war die Zentralität der Systeme, denn wie viele Innovationen waren sie juristisch an die Existenz eines Unternehmens gekettet. Daher versagten viele dieser Bitcoin-Vorläufer nicht nur an der fehlenden Markt- durchdringung, sondern auch an Refinanzierungsrisiken und staatlichen Verbo- ten. Die vielen negativen Erfahrungen der Cypherpunks vor dem Jahr 2009 flos- sen wohl in die Entwicklung von Bitcoin ein. Denn wenngleich die Identität hinter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto weiterhin unbekannt ist, belegen viele Indi- zien die intellektuelle Nähe zu den Cypherpunks. Zweifellos hat auch Bitcoin als Zahlungsmittel bis heute eine niedrige Marktdurchdringung. Die maximale Zahl lag bei rund 1 Mio. Bitcoin-Transaktionen pro Woche, also 200.000 Transaktio- nen pro Tag. Wenn eine Person durchschnittlich zehn Transaktionen pro Tag auslöst, dann war das globale Zahlungsmittel Bitcoin immerhin in der Lage, eine 20.000 Einwohner große Kleinstadt zu versorgen. Neben diesen sogenannten on-chain Transaktionen ist seit Anfang des Jahres 2018 auch das Lightning Net- work live gegangen. Diese off-chain Transaktionen werden hauptsächlich für kleine alltägliche Einkäufe und Mikropayments verwendet. Standardbeispiele sind der Kauf eines Kaffees oder die sekundengenaue Abrechnung von Streamingdiensten, wie zum Beispiel beim Anschauen von Videos. Aktuelle Sta- tistiken zeigen ein rasantes Wachstum der Knoten und Payment Channels im Lightning Netzwerk. Trotzdem liegt die monetäre Kapazität des Lightning Net- works bei nur rund 100 Bitcoins, was bei aktuellen Marktkursen deutlich weniger als EUR 1 Mio. entspricht. Führt in unserer 20.000 Einwohner großen Kleinstadt jeder EUR 100 Bargeld für alltägliche Transaktionen mit sich, dann liegt der Bar- geldumlauf dieser Stadt bei EUR 2 Mio. und damit mehr als doppelt so hoch wie die „Kaufkraft“ des Lightning Networks. Sowohl on-chain als auch off-chain ist das globale Zahlungsmittel Bitcoin also zumindest bis heute im besten Fall eine Nische 1 . 2. Stufe: Ein schwer zu regulierendes Spekulationsobjekt Tatsächlich dürfte Bitcoin als Zahlungsmittel, also Bitcoin gegen Ware oder Dienstleistung, noch unbedeutender sein, als wir es dargelegt haben. Denn Bit- coin ist vor allem ein Spekulationsobjekt und das erste Vehikel einer neuen An- lageklasse. Entsprechend wollen die Anleger ihre erhofften Gewinne später wie- der in staatliches Geld tauschen, was sie auch teilweise müssen, z.B. um Steu- ern zu bezahlen. Die Kryptoinvestoren hoffen weiterhin auf hohe Renditen, die sich aus steigenden Nutzer- und Anlegerzahlen ergeben sollen. Tatsächlich stieg deren Zahl in der Vergangenheit mit dem Ausbau der Infrastruktur rund um die Kryptowährungen an. Zunächst erfolgte der Aufbau von Kryptobörsen, um Bitcoin gegen Euro und US-Dollar zu tauschen. Wenig später entstanden traditi- onelle Investitionsvehikel, wie geschlossene Fonds und ETNs (Exchange-Tra- ded Notes), die Investitionen in den Kryptomarkt erlauben und zwar ganz ohne den Aufbau von Fachwissen. Im Jahr 2017 entstanden Futures-Märkte mit Cash-Settlement, d.h. Verluste aus den Futures-Positionen werden in US-Dollar beglichen. Für das Jahr 2019 plant die Intercontinental Exchange die Einfüh- 1 Möbert, Jochen (2018). Bitcoin: Meinungen, Mythen und Missverständnisse. EU-Monitor. Deut- sche Bank Research. 0 30 60 90 120 November 2018: Kapazität des Lightning Networks 1 Quellen: 1ML, Deutsche Bank Research in Bitcoin 110 Bitcoins = rund EUR 500.000 am 22. November 2018 -0,03 0,00 0,03 0,06 0,09 [-1,+1] Quellen: Deutsche Bank Research, IHS Global GmbH 5jährige Korrelationen: Bitcoin vs. Finanzmarktindizes 2 Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 3 | 22. November 2018 EU-Monitor rung von Futures-Märkten mit physischem Settlement, d.h. Verluste aus den Fu- tures-Geschäften werden direkt in Kryptowährungen beglichen. Entsprechend haben viele Investoren die Hoffnung, dass bald eine Massenadaption erfolgt, beispielsweise wenn die US-Behörden ETFs erlauben oder auf andere Art und Weise Kryptowährungen als Anlageklasse bei den Family Offices und institutio- nellen Investoren Anerkennung finden. Neben der Hoffnung auf weitere Rendi- tesprünge können Kryptowährungen auch als Absicherung gegen Finanzmarkt- risiken dienen. Die hohen staatlichen und privaten Schulden in vielen Ländern dürften neue Krisen generieren, wodurch außerstaatliche Geldsysteme an At- traktivität gewinnen könnten. Aber auch außerhalb von Krisenzeiten weisen Kryptowährungen eine geringe Korrelation mit Aktien, Anleihen und Immobilien auf. Durch die Beimischung von Kryptowährungen könnten Portfolios ein besse- res Risiko-Rendite-Verhältnis aufweisen. Jedoch dürfte aufgrund der hohen Volatilität von Kryptowährungen und aufgrund des hohen Risikos eines Total- ausfalls der optimale Portfolioanteil bei vielen Kunden eher im (sehr) niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen. 3. Stufe: Informationen zementieren Die Blockchain ermöglicht es, ein funktionierendes, relativ langlebiges globales außerstaatliches Zahlungssystem und ein schwer zu regulierendes Spekulati- onsobjekt zu erschaffen. Da das ganze System zudem ohne zentrale Institution auskommt, zieht es einige Aufmerksamkeit auf sich – zumal diese Entwicklung historisch einzigartig ist. Aber das Innovationspotenzial der Technologie ist deutlich größer. Dies wird klar, wenn man Blockchain als Informationskette mit zwei wesentlichen Eigenschaften versteht: · Erstens ist die gesamte Historie jeder Informationskette von ihrer Ent- stehung bis heute jederzeit abrufbar. · Zweitens kann die Informationskette dank Kryptografie und tausender Kopien, die auf Rechnern in vielen Ländern gespeichert sind, nicht ma- nipuliert werden. Mit einem solchen System kann man also Informatio- nen „zementieren“ und folglich eine Vertrauensbasis schaffen. Wenn Bitcoin nur eine digitale Information ist, wieso halten dann alle diese ein- zelne Information für einen Coin einer Währung? Die Antwort lautet: Nur des- halb, weil alle denken, dass alle glauben, dass die Information eine Währung ist. Die Währung entsteht folglich aus dem Nichts. Stellen Sie sich jetzt vor, eine Gesellschaft definiert eine Information nicht als Coin, sondern als Grundstück. Wenn alle denken, dass alle glauben, dass die Information einer Blockchain ein Grundstück repräsentiert, dann erfolgt der Eigentumstransfer eines Grundstücks ganz ohne Notare und vor allem ohne Notargebühren. Das klingt zweifellos uto- pisch. Doch es gibt eine Reihe von Ländern, die an Pilotprojekten arbeiten, um in einer wohl eher fernen Zukunft Eigentumsübertragungen von Grundstücken und Gebäuden auf einer Blockchain zu verwalten. Wenn Informationen auf der Informationskette sowohl eine Kryptowährung als auch ein Grundstück repräsentieren können, welche Informationen können noch mit einer Blockchain verwaltet werden? Wenn Eigentumsübertragungen von Grundstücken möglich sind, dann dürften auch Aktien, Anleihen und Derivate auf der Blockchain handelbar sein. Gleiches gilt für staatliches Krypto-Geld, also Krypto-Euros oder Krypto-Dollar. Aber auch Copyright-Rechte an Liedern und Filmen, persönliche Gesundheitsdaten oder gleich komplette digitale Identitäten, wobei die Personen dank Kryptografie – im Gegensatz zum Status quo – die volle Kontrolle über ihre Daten behalten. Die Blockchain-Enthusiasten würden auf die Frage, welche Informationen noch mit einer Blockchain verwaltet werden Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 4 | 22. November 2018 EU-Monitor können, antworten: „alle!“. Folglich erwarten sie eine Revolution, die alle Infor- mationen des Dienstleistungssektors auf die Blockchain hebt und potenziell alle zentralen Akteure, insbesondere in der Verwaltung und Überprüfung von Infor- mationen, obsolet macht. 4. Stufe: Maschinenkommunikation über IT-Systeme hinweg Doch die Blockchain-Revolution könnte nicht nur den Dienstleistungssektor auf den Kopf stellen, sondern ebenso das Verarbeitende Gewerbe. Maschinenkom- munikation oder neudeutsch „Internet of Things“ (IoT 2 ) findet heute vor allem in- nerhalb von Fabriken und damit innerhalb eines Unternehmens statt. Beispiels- weise, wenn der eine Greifarm am Fertigungsband seinen „Roboterkollegen“ meldet: „Das ist mein Revier, wartet bis ich meine Arbeit erledigt habe.“ Inner- halb einer Fabrik und damit innerhalb einer zentral gesteuerten Hierarchie kön- nen diese Regeln einfach angeordnet werden. Kommunizieren Maschinen je- doch miteinander über verschiedene IT-Systeme und juristische Einheiten hin- weg oder gleich im öffentlichen Raum, benötigt man eine digitale Vertrauensba- sis. Die nicht manipulierbaren Blockchains könnten genau diese Basis darstel- len, auf die sich die Maschinen bzw. ihre Programmierer verlassen. Folglich könnten beispielsweise die verschiedenen Autobauer gemeinsam einen Kom- munikationsstandard etablieren, der ihr Auto sowie den gesamten Straßenver- kehr über eine Blockchain steuert. Solche dezentralen Lösungen könnten auch einen digitalen Systemkollaps und dessen potenziell katastrophale Unfallfolgen verhindern oder diesen im Vergleich zu einer zentralen Lösung zumindest deut- lich unwahrscheinlicher machen. Blockchains sind quasi prädestiniert zur Steue- rung kritischer Infrastruktur, da sie dank dezentraler Informationsverteilung auch robuster gegenüber Cyberattacken sind als traditionelle IT-Systeme. Die Umset- zung dezentraler Lösungen im Straßenverkehr ist noch ferne Zukunftsmusik, wenngleich es auch hier erste Pilotprojekte gibt. Der Schienenverkehr könnte dagegen schon deutlich früher von Blockchain-Lösungen profitieren. Die Deut- sche Bahn arbeitet intensiv daran, die mehrere hundert in Deutschland gemel- deten Bahnunternehmen über eine gemeinsame Blockchain zu steuern und praktisch in Echtzeit die Unternehmen für ihre erbrachten Dienstleistungen zu entlohnen. 5. Stufe: Smarte Verträge unwiderruflich festschreiben Für eine flexible Handhabung einer komplexen Steuerung ist die Zementierung von Informationen hilfreich. Doch auf einer Blockchain können auch komplette und komplexe Wenn-Dann-Logiken abgelegt werden. Verträge können folglich von Programmieren in Code übersetzt und auf einer Blockchain unwiderruflich festgeschrieben werden. Im juristischen Sinne kommen diese sogenannten „Smart Contracts“ durch inhaltlich übereinstimmende Willenserklärungen zu- stande – also wie jeder andere Vertrag auch. Was wäre es für ein Fortschritt, wenn es eine Versicherung für Zugverspätungen gäbe, deren Vertrag auf einer Blockchain abgelegt würde und die im Versicherungsfall dank Smart-Contract- Lösung automatisch und unbürokratisch eine Entschädigung auszahlte. Für Flugverspätungen ist eine solche Blockchain-basierte Versicherung bereits im- plementiert. Eine intensive Nutzung von Smart Contracts könnte unseren Alltag in vielerlei Hinsicht verändern und vereinfachen. 2 Auer, Josef (2018). Industrie 4.0 – Digitalisierung mildert demografische Lasten. Deutschland- Monitor. Deutsche Bank Research. Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 5 | 22. November 2018 EU-Monitor 6. Stufe: Smart Contracts plus künstliche Intelligenz (KI) Haben sich Smart Contracts erst einmal fest in unserem Alltag etabliert, liegt die nächste Revolution nur einen Steinwurf entfernt. Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz könnte der Anwendungsbereich von Smart Contracts explodieren. So könnte ein mit Kameras und Sensoren vollgepacktes Unfallauto in Zukunft dank intelligenter Algorithmen einen Unfallhergang rekonstruieren. Aufwändige juristi- sche Verfahren könnten so überflüssig werden. Die künstliche Intelligenz könnte nahezu zeitgleich mit dem Unfall den Krankenwagen rufen und noch vor dessen Eintreffen die Schadensregelungen einleiten. Die Geschädigten verfügten also sofort über die finanziellen Mittel, um Arztrechnungen zu bezahlen und den Ar- beitsausfall auszugleichen. 3 Zahlreiche weitere Alltagsbeispiele existieren. Die Pharmaindustrie, Kranken- kassen und der Endverbraucher könnten deutlich effizienter miteinander kom- munizieren und mehr voneinander profitieren als heute. Die Einnahme von Me- dikamenten könnte beispielsweise über Sensoren am Handgelenk mittels regel- mäßiger Puls- und Blutdruckmessung oder auch im Sanitärbereich auf einer Blockchain erfasst werden. Krankenkassen könnten den Patienten für die ver- ordnungsgemäße Einnahme belohnen. Gleichzeitig könnte dem Produzenten eine Vielzahl von Informationen gemeldet werden, beispielsweise die eingenom- mene Medikamentenmenge, Einnahmehäufigkeit, Uhrzeit und vieles mehr. Er- folgt die Auswertung dieser Daten mittels künstlicher Intelligenz könnte die künf- tige Einnahme der Medikamente durch die Berücksichtigung individueller Pati- entenmerkmale individualisiert und somit optimiert werden. Dabei garantiert die kryptografisch abgesicherte Speicherung dieser Informationen auf einer Block- chain die Einhaltung der Datenschutzbestimmungen. Der Patient gewährt bei- spielsweise seiner Krankenkasse lediglich Zugang zu der Information: Alle Me- dikamente wurden verordnungsgemäß eingenommen. Dem Pharmaproduzen- ten stellt der Patient dagegen die individuellen, aber anonymisierten Patienten- daten gegen Bezahlung zur Verfügung. Auch die Rolle des Arztes könnte so neu definiert werden. Verläuft der Heilungsprozess wie erwartet, reduziert sich die Zahl der Arztbesuche. Bei unerwarteten Krankheitsverläufen könnte der Pa- tient automatisch einen zusätzlichen Arzttermin angeboten bekommen. Folglich könnte die Vertrauensbasis Blockchain auch sensible Daten in kontrollierter Form der Gesellschaft zur Verfügung stellen. Viele weitere Kombinationen von Smart Contracts und künstlicher Intelligenz könnten bedeutende Bausteine der Blockchain-Zukunft sein. 7. Stufe: Die globale KI-Gesellschaft Blockchains könnten zusammen mit künstlicher Intelligenz aber nicht nur im All- tag Anwendungen finden, sondern auch die Grenzen unserer Wissensgesell- schaft verschieben. Viele komplexe wissenschaftliche Fragestellungen, zum Beispiel bei der Entwicklung neuer chemischer Stoffe oder der Berechnung von Klimamodellen erfordern die Auswertung großer Datenmengen. Diese Algorith- men könnten künftig zunehmend über global vernetzte Computer anstatt über zentrale Großrechner oder Supercomputer erfolgen. So kann eine ungeheure Rechenkapazität auf flexible Art und Weise vorgehalten, ausgelastet und weiter- entwickelt werden. Gleichzeitig erlaubt dieser Ansatz eine hohe Spezialisierung einzelner Computer oder eines Teils des Netzwerkes auf spezifische KI- Algorithmen. Diese Spezialisierung kann einerseits die Effizienz des gesamten Netzwerkes erhöhen, andererseits können komplexe Berechnungen in Teilprob- 3 Otto-Schleicher, Daniel und Florian Bauer (2018). Die wahren Treiber der Blockchain-Revolution. capital.de. Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 6 | 22. November 2018 EU-Monitor leme zerlegt, von den spezialisierten Algorithmen berechnet und als Teillösun- gen dem Gesamtnetzwerk gemeldet werden. Die Blockchain-Technologie kann die Erschaffung und Fortentwicklung solcher globalen Computer- und Informa- tionsnetzwerke massiv erleichtern. Eine Kryptowährung kann eine effiziente Al- lokation von Rechenproblemen auf die verschiedenen Algorithmen ermöglichen, folglich die dahinterstehenden Programmierer belohnen und Anreize setzen, das System stetig zu verbessern. Zudem können die durch die Algorithmen be- rechneten Teilergebnisse auf einer Blockchain gespeichert und so verlässlich dem globalen Computernetzwerk zur Verfügung gestellt werden. In diesem Kon- text könnten Blockchains ein wesentlicher Baustein der zunehmenden Bedeu- tung von künstlicher Intelligenz für die Gesellschaft und Wirtschaft der Zukunft sein. 8. Stufe: Erhoffte Entpolitisierung durch Blockchains Eine weitere Entwicklungsstufe der Blockchain-Revolution ist die Vorstellung, dass eine völlig neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung in der Zukunft möglich sein könnte. Dies ist keine zufällige Entwicklung. So war es von Anfang an ein Anliegen der Cypherpunks, alle menschlichen Beziehungen ganz ohne Dritte und ganz ohne zentrale – insbesondere staatliche – Institutionen zu er- möglichen. Sie träumten und träumen davon, die heute Vertrauen schaffenden Institutionen, in denen sich aus ihrer Sicht eine zu hohe Machtkonzentration bündele, durch unbestechliche, niemals korrupte und niemals politisch gefärbte Blockchain-Lösungen zu ersetzen. 9. Stufe: Digitale Demokratie ermöglichen Diese Entpolitisierung der Gesellschaft könnte mittels Blockchains auch über mehr direkte Demokratie erfolgen. Wie wir oben beschrieben haben, können auf einer Blockchain Informationen zementiert werden, beispielsweise die Stimmab- gabe bei einer Wahl. 4 Die Kryptografie garantiert dank Verschlüsselung die Ein- haltung des Wahlgeheimnisses und dank individueller Entschlüsselung das je- derzeitige nachträgliche Verifizieren der eigenen Stimmabgabe. Die Blockchain- Technologie könnte die Wahlkosten massiv senken und hat das Potenzial, so- wohl die Wahl per Brief als auch im Wahllokal überflüssig zu machen. Doch be- deutender als das Einsparungspotenzial könnten die gesellschaftlichen Implika- tionen sein. In den demokratischen Ländern könnte die Forderung, die Bürger intensiver an politischen Entscheidungen zu beteiligen, mehr Gewicht erhalten. Theoretisch wäre eine direkte Demokratie vorstellbar, in der die Bürger regelmä- ßig abstimmen und die parlamentarischen Entscheidungen ergänzen oder gar teilweise ersetzen. 10. Stufe: Dezentrale autonome Organisationen (DAO) Wenn viele Menschen effizient und nachvollziehbar ihre politische Stimme ab- geben können, dann ist die nächste Revolution nicht fern. Blockchain-Lösungen machen die alte Redensart „Viele Köche verderben den Brei“ womöglich obso- let. Denn so wie Demokratien den Wählerwillen schnell und effizient 4 So hat der US-Bundesstaat Maine im Frühjahr 2017 eine Kommission eingesetzt, um zu untersu- chen, ob neben der klassischen Abstimmung mit Zettel und Stift parallel auch Wahlen auf der Blockchain abgehalten werden sollen. https://legislature.maine.gov/legis/bills/bills_128th/bill- texts/SP030501.asp Tech Talk: Die Blockchain Revolution – Kryptowährungen, Video 1/3 5 Quelle: Deutsche Bank Research Tech Talk: Die Blockchain Revolution – Gesellschaftliche Implikationen, Video 2/3 6 Quelle: Deutsche Bank Research Tech Talk: Die Blockchain Revolution – Geschäftsideen und Lösungen für die Wirt- schaft, Video 3/3 7 Quelle: Deutsche Bank Research Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 7 | 22. November 2018 EU-Monitor über Blockchains erfassen könnten, so ließe sich auch zumindest die Entschei- dungsfindung großer Organisationen steuern. Potenziell könnten Vereinsmitglie- der gemeinsam über eine Blockchain ihren Verein leiten oder Eigentümer we- sentliche Entscheidungen eines Unternehmens ohne Management treffen. Sol- che sogenannten DAO könnten unser Handeln und Wirtschaften neu definieren. Neben den klassischen hierarchischen Systemen, die unsere gesamte Gesell- schaft seit jeher prägen, ist im Zuge der Blockchain-Revolution eine Etablierung dezentraler Entscheidungssysteme zumindest theoretisch vorstellbar. Das war die Utopie. Nun ist es Zeit für eine kritische Einordnung: Die Blockchain-Revolution dürfte noch auf sich warten lassen! Den Traum haben wir aufgezeigt und sind selbst von den heutigen und künfti- gen technischen Möglichkeiten durchaus begeistert. Doch es bestehen unserer Ansicht nach eine Reihe von Engpässen, welche die globale Blockchain-Revo- lution ausbremsen: Blockchains (1) sind sehr teuer, (2) können von nur wenigen entwickelt und programmiert werden, (3) weisen oft eine geringe Skalierbarkeit auf (4) und viele Kryptoprojekte sind überambitioniert. (5) Folglich gibt es immer wieder digitale Cyberattacken. Neben diesen technischen und wirtschaftlichen Hindernissen wird in diesem Kontext oftmals auch der hohe Energiebedarf der Kryptowährungen genannt. Dieses moralische Problem ist aus Natur- und Umweltschutzgedanken zu Recht zu betonen. Jedoch dürften unsere sonstigen alltäglichen Konsumgewohnheiten in puncto Energieverschwendung die Kryptowährungen wohl noch übertreffen. Wie teuer sind Blockchain-Lösungen? Blockchains sind extrem teuer. Jüngst hat der wohl bekannteste Kryptoentwick- ler nach Satoshi Nakamoto, der Gründer von Ethereum, Vitalik Buterin, die Kos- ten berechnet. 5 Seiner Berechnung nach ist die Ethereum-Blockchain rund eine millionmal teurer als zentralisierte Webserver. Ursächlich hierfür ist der hohe Synchronisationsbedarf aller Server in einer Blockchain. Eine Blockchain spei- chert neben der kryptografischen Verschlüsselung auch deshalb zuverlässig und unveränderbar eine Information, weil es hunderte oder tausende Kopien gibt. Entsprechend hoch ist der Synchronisationsbedarf und entsprechend auf- wändig und kostspielig sind potenzielle Systemänderungen. 5 Buterin, Vitalik (2018). Blockchains and Tradeoffs. Deconomy Day2. https://www.youtube.com/watch?v=JQ8SoCd0n3c Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 8 | 22. November 2018 EU-Monitor Entwickler und Programmierer sind rar und daher teuer Doch der hohe Synchronisationsbedarf, ebenso wie die Anwendung von Krypto- grafie – und dies alles in einem komplett auf Konsens setzenden Ökosystem – erklärt die systeminhärente Komplexität von Blockchain-Lösungen. Entspre- chend gibt es wenige Entwickler und Programmierer, die die Systeme pflegen und weiterentwickeln können. Die vielen hundert Kryptoprojekte konkurrieren folglich um wenige Spezialisten. Besonders begehrt sind dabei Solidity-Pro- grammierer. Solidity ist eine der wichtigsten Computersprachen, um Smart Contracts zu programmieren. Die Sprache selbst ist erst zusammen mit der Kryptowährung Ethereum vor wenigen Jahren entstanden. Entsprechend sind viele Funktionalitäten, die in anderen Sprachen Standard sind, noch nicht imple- mentiert oder die Dokumentation ist noch nicht vollständig. Das Programmieren mit Solidity ist also eine Herausforderung, weshalb die raren Solidity-Program- mierer exzellent bezahlt werden. Blockchains haben geringe Skalierbarkeit Eine schnelle Massenadaption der Blockchain-Technologie ist schon deshalb nicht zu erwarten, weil die Transaktionskapazität bisher gering ist. Während die zentralisierten Bezahlsysteme täglich mehrere tausend Transaktionen pro Se- kunde und in Stoßzeiten auch mehrere 10.000 Transaktionen pro Sekunde ab- wickeln können, stoßen die dezentralisierten Kryptowährungen aktuell bei ein- bestenfalls zweistelligen Transaktionen pro Sekunde an ihr Limit. Um diese technologische Grenze zu erhöhen, wird eifrig an Lösungen gefeilt. Es gibt zahl- reiche Ansätze, um mehr Transaktionen pro Sekunde zu ermöglichen. Das be- kannteste dürfte das eingangs bereits diskutierte Lightning Network sein. Dabei könnte die Skalierbarkeit insbesondere über die Vernetzung von Lightning Technologien verschiedener Kryptowährungen rasant ansteigen. Angesichts der weit über den Zahlungsmittelsektor hinausgehenden Anwendungsmöglichkeiten von Blockchains – wir erinnern an unsere Diskussionen rund um Internet of Things, Smart Contracts, künstliche Intelligenz etc. – wären auch die heutigen zentralisierten Zahlungsverkehrssysteme nicht leistungsfähig genug. Denn man benötigt womöglich mehrere Millionen Transaktionen pro Sekunde, um viele der oben beschriebenen Technikträume zu realisieren. Die schnelle und weitrei- chende Umsetzung von Blockchain-Projekten dürfte also noch einige Zeit allein an der fehlenden technologischen Skalierbarkeit scheitern. Viele Kryptoprojekte sind überambitioniert Es gibt bereits eine ganze Reihe von Kryptoprojekten, die nie das Licht der Welt erblickten. Andere Projekte, oft initiiert von sehr ambitionierten, relativ jungen Unternehmern, starten mit viel Elan, ohne anschließend wesentliche Fortschritte zu machen. Selbst relativ bekannte Projekte verfehlen immer wieder ihre selbst gesteckten Ziele. Einen hohen Bekanntheitsgrad weisen nur ganz wenige Kryp- towährungen auf, eine hohe Marktdurchdringung kann wohl keine Blockchain- Lösung vorweisen und von relativ vielen Projekten ist nur noch ein Eintrag bei deadcoins.com übrig. Neben der Komplexität der Blockchain-Technologie sind für diese Fehlentwicklung, vor allem überambitionierte Ziele und fehlende Pro- jektmanagement-, aber auch Lebenserfahrung anzuführen. So wollen einige Projektentwickler nicht nur die Blockchain-Technologie von Bitcoin verbessern, sondern gleichzeitig von der binären – also der Strom fließt oder fließt nicht – Hardware-Architektur auf eine tertiäre Architektur umstellen. Andere Projektent- wickler träumen direkt von der Erschaffung eines Weltcomputers. Wahrschein- lich ist das die eine oder andere Revolution zu viel. Diese Projekte nutzten ein- fach den Hype der letzten Jahre aus, um schnell Geld einzusammeln. Mit dem Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 9 | 22. November 2018 EU-Monitor Preisrückgang der letzten Monate sind bereits einige Träume geplatzt. Um die guten von den schlechten Projekten zu unterscheiden, bedarf es trotzdem einer hohen Fachkompetenz und dies nicht nur in Krypto- und IT-Fragen, sondern auch in puncto Marktdurchdringung beim Endkunden. Angesichts der vielen schlecht gesteuerten Projekte stellt sich unserer Ansicht nach die Frage, ob diese Entwicklungen letztlich nicht auch zu einem Systemversagen führen könn- ten. Denn viele Kryptosysteme sind technisch miteinander verbunden. Fehler in den Schnittstellen einzelner Kryptoprojekte und Kryptowährungen könnten letzt- lich nicht nur einen psychologischen, sondern auch einen technischen Preisef- fekt haben. Folglich gibt es immer wieder digitale Diebstähle Ein libertäres Prinzip ist die individuelle Eigenverantwortung. Die Verwendung außerstaatlichen Geldes impliziert damit direkt die persönliche Verwahrung und Verwaltung von PIN und TANs, also der Passwörter der digitalen Geldbeutel, den sogenannten Wallets. Da der Verlust von Zugangscodes ein alltägliches Phänomen ist, dürften sich auf absehbare Zeit nur wenige Menschen für die ei- genverantwortliche Verwahrung von Kryptowährungen begeistern. Aufgrund der überambitionierten Projekte, aber ebenso aufgrund der fehlenden Zahl von Blockchain-Experten und dem damit einhergehenden fehlerhaften Programmier- code ist die Zahl der gestohlenen Kryptowährungen kräftig angestiegen. Mit die- sen Diebstählen wird der libertäre Traum zum Alptraum. Weitere Gründe für eine nur schleichende Blockchain-Revolution Neben diesen systemimmanenten Hindernissen für eine schnelle Adaption gibt es eine Reihe weiterer Nachteile, die eine baldige Blockchain-Revolution un- wahrscheinlich machen. (1) Eine zu schnelle Adaption von dezentralen Lösungen hätte ein hohes disruptives Potenzial für die heutige Arbeitswelt und Gesellschaft. (2) Blockchains sind für den potenziellen Nutzer unsichtbar und diese da- her schwer zu überzeugen. (3) Auch das Internet erfüllte viele revolutionäre Erwartungen nur teilweise. Das hohe disruptive Potenzial der Dezentralität kann abschrecken Durch das Speichern von Informationen auf Blockchains können viele Kontroll- funktionen und administrative Tätigkeiten, zum Beispiel Behördengänge, in der Zukunft überflüssig werden. Zum Beispiel wenn die Blockchain-Technologie zum Speichern digitaler Identitäten genutzt wird. Entsprechend könnten viele traditionelle Arbeitsfelder und Jobs überflüssig werden. Wenngleich durch Digi- talisierung und die Einführung von Blockchains auch viele neue Jobs entstehen dürften, könnten bei einer zu schnellen Adaption weite Teile der Bevölkerung gegen die neuen Technologien votieren. Ein ähnlich disruptives Potenzial auf die Arbeitswelt und Gesellschaft dürfte auch von einer sehr schnellen Adaption von Kryptowährungen als globales Zahlungsmittel ausgehen. Wenn das heutige Nischenzahlungsmittel Bitcoin plötzlich bei neuen Verträgen eine hohe Rele- vanz aufwiese und sich global etablieren würde, dann könnte dies ungeahnte Folgen mit sich bringen. Müssten bei einer globalen Massenadaption alte Ar- beits- und Rentenverträge auf Bitcoin umgestellt werden? Wenn ja, zu welchem Kurs? Wie würde die Besteuerung einer globalen, dezentralen Währung erfol- gen? Derart grundlegende Fragen dürften bei vielen Menschen eher Angst als Begeisterung auslösen. Die von manchen herbeigesehnte globale Revolution Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 10 | 22. November 2018 EU-Monitor dürfte bei einer rasanten Massenadaption von vielen Menschen genauso rasant und strikt abgelehnt werden. Blockchains sind hauptsächlich ein abstraktes Konstrukt Oftmals wird die gesellschaftliche Wirkung der Blockchain-Technologie mit dem Internet verglichen. Da man Informationen auf einer Blockchain unveränderbar speichern kann, wirkt diese Technologie wie eine vertrauensbildende Maß- nahme, selbst zwischen Fremden. Hier wird aber bereits der große Unterschied zwischen Blockchain und dem Internet deutlich. Denn Vertrauen ist ein abstrak- ter Begriff. Man kann Vertrauen weder sehen noch anfassen. Lediglich die mit- telbaren Folgen von Vertrauen sind in Form von Handlungen beobachtbar. Das ist der große und womöglich entscheidende Nachteil bei einer Massenadaption der Blockchain-Technologie gegenüber dem Internet. Die Konsequenzen des Internets lassen sich dank der Übertragung von Bildern und Tönen unmittelbar erleben. Entsprechend war es leicht, auch Konservativen und Skeptikern die Vorteile zu verdeutlichen. Wenn sie als Nutzer eine Webseite besuchen, zum Beispiel um eine Flugverspätungsversicherung abzuschließen, bemerken sie keinen Unterschied zwischen einer Blockchain- und einer lediglich digitalen Lö- sung. Bei der Erzielung einer hohen Marktdurchdringung ist dies ein enormer Nachteil, denn während viele Experten von dem grundsätzlichen Potenzial der Blockchain-Technologie begeistert sind, weiß bis heute der Großteil der Bevöl- kerung nichts damit anzufangen. Ambivalente Wirkung des Internets auf Freiheit und Demokratie Anfang der 1990er Jahre wurde mit der Einführung des Internets viel über die Demokratisierung von Informationen gesprochen. Damals herrschte die Utopie vor, dass der universelle grenzüberschreitende Informationszugang und die da- mit verbundene Kommunikationsfreiheit eine gesellschaftliche Revolution aus- löse. Zudem hoffte man auf eine intensivere Teilhabe am demokratischen Pro- zess. Denn jeder könne Leser, Editor, Autor von politischen Beiträgen, Initiator von Abstimmungen und Wähler sein. Die naive Erwartung einer quasi automati- schen Intensivierung von Freiheit und Demokratie erfüllte sich nicht. Vielmehr hat das Internet, womöglich mehr als jede andere Technologie, zu einer stärke- ren Differenzierung der Gesellschaft beigetragen. Die Marktmacht der großen Internetfirmen und ihrer geschlossenen Plattformen, den sogenannten „Walled Gardens“, werden zunehmend negativ wahrgenommen. Entsprechend werden die Auswirkungen auf Freiheit und Demokratie heute durchaus ambivalent be- wertet. Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution 11 | 22. November 2018 EU-Monitor Zusammenfassung und Ausblick Es gibt immer noch sehr wenige Menschen, die das Potenzial von Bitcoin und Blockchain erfasst haben. Doch alle, die dieses Potenzial wenigstens erahnen und beginnen, die potenziellen gesellschaftlichen Auswirkungen der neuen Technologie zu erfassen, sind im positiven Sinne infiziert. Begeistert von der Vorstellung, in einer Welt zu leben, in der eine Technologie Vertrauen schafft bzw. einen Vertrauensmissbrauch verhindert. Wenngleich wir die Euphorie teil- weise teilen, haben wir auch zahlreiche Restriktionen aufgezeigt. Diese dürften zumindest auf kurze Sicht, womöglich aber auch über Jahre hinweg die Block- chain-Revolution bremsen 6 . In der Zwischenzeit arbeiten nicht nur die Macher der Kryptowährungen, sondern auch viele Unternehmen und staatliche Instituti- onen daran, die neue Technologie in ihre bestehenden Geschäftsfelder und den regulatorischen Rahmen einzubetten. Wie bei der Internetrevolution könnte schließlich ein Großteil der Angebote von privater Seite kommen. Die Block- chain-Welt von morgen könnte, analog zu der Internet-Revolution in den letzten Jahrzehnten, deutlich ambivalentere gesellschaftliche Auswirkungen haben, als es die Enthusiasten heute erwarten. Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) 6 Ahrens, Tobias (2018): Wer gewinnt das Rennen um die Blockchain-Revolution?, Capital.de EU-Monitor Unsere Publikationen finden Sie unentgeltlich auf unserer Internetseite www.dbresearch.de Dort können Sie sich auch als regelmäßiger Empfänger unserer Publikationen per E-Mail eintragen. Für die Print-Version wenden Sie sich bitte an: Deutsche Bank Research Marketing 60262 Frankfurt am Main Fax: +49 69 910-31877 E-Mail: marketing.dbr@db.com Schneller via E-Mail: marketing.dbr@db.com * Die multiplen Stufen der Blockchain-Revolution – oder einmal Kryptohype und zurück ..................... 22. November 2018 * Digitale Infrastruktur: Engpässe hemmen Europa ................................ 28. September 2018 * PSD 2, Open Banking und der Wert personenbezogener Daten ............................................. 19. Juni 2018 * Digitale Wirtschaft: Wie künstliche Intelligenz und Robotik unsere Arbeit und unser Leben verändern ..................... 18. Mai 2018 * Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems: Ein schwieriges Unterfangen ........................................ 12. April 2018 * Warum sollten wir Krypto-Euros nutzen? Digitales Bargeld von der Notenbank – die Sicht der Nutzer ..................... 8. März 2018 * EU-Haushalt nach dem Brexit: Streit ist vorprogrammiert .............................................. 2. März 2018 © Copyright 2018. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. 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