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2. April 2007
Für Länder mit hohem materiellen Wohlstand stellt sich die Frage, welche Prioritäten man für die Zukunft setzen will und welche Ziele die Reformpfade haben sollen. Ein Ziel könnte die glückliche Variante des Kapitalismus sein, die sich mit Hilfe der Glücksforschung identifizieren lässt. Länder der glücklichen Variante sind heute Australien, die Schweiz, Kanada, Großbritannien, die USA, Dänemark, Schweden, Norwegen und die Niederlande. Sie alle charakterisiert ein Bündel von Gemeinsamkeiten, zu denen niedrige Arbeitslosigkeit, ein hohes Bildungsniveau, eine hohe Beschäftigungsquote Älterer und hohe wirtschaftliche Freiheit gehören. [mehr]
Die glückliche Variante des Kapitalismus - charakterisiert durch ein Bündel von Gemeinsamkeiten Globale Wachstumszentren Aktuelle Themen 380 Autor Stefan Bergheim +49 69 910-31727 stefan.bergheim@db.com Editor Stefan Schneider Publikationsassistenz Bettina Giesel Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland Internet: www.dbresearch.de E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 DB Research Management Norbert Walter 2. April 2007 Fast alle OECD-Länder haben heute einen hohen materiellen Wohlstand erreicht. Nun stellt sich für Individuen und Gesellschaften die Frage, welche Prioritäten man in der Zukunft setzen will, zu welchem Ziel die Reformpfade führen sollen und wie Reformen motiviert und kommuniziert werden – denn: Kapitalismus ist nicht gleich Kapitalismus. Orientierung auf dieser Suche kann die Glückforschung bieten. Die glückliche Variante des Kapitalismus ist eine von vier Varianten, die eine systematische Ana- lyse von 22 reichen Ländern ergibt. Die glückliche Variante des Kapitalismus: Australien, die Schweiz, Kana- da, Großbritannien, die USA, Dänemark, Schweden, Norwegen und die Nieder- lande sowie eingeschränkt auch Finnland und Neuseeland haben Gesellschaft und Institutionen so organisiert, dass die für die Lebenszufriedenheit der Men- schen wichtigen Bedingungen gegeben sind. Die weniger glückliche Variante des Kapitalismus: Deutschland, Spanien, Frankreich, Belgien und Österreich liegen in einigen gesellschaftlichen und wirt- schaftlichen Aspekten hinter den glücklichen Ländern zurück und die Menschen sind weniger glücklich. Die unglückliche Variante des Kapitalismus: Portugal, Italien und Grie- chenland haben es bisher nicht geschafft, die für das Glück der Menschen wichti- gen Aspekte voranzubringen. Die ostasiatische Variante: Japan und Korea gestalten Gesellschaft und Insti- tutionen ganz anders als die anderen betrachteten Länder. In den letzten zehn Jahren haben vor allem Irland, Spanien und die Skandinavier erhebliche glücksfördernde Veränderungen geschafft. Wenn die richtigen Prioritä- ten gesetzt werden, dann sind in der Zukunft auch in anderen Ländern entspre- chende Fortschritte möglich. Die glückliche Variante des Kapitalismus ... charakterisiert durch ein Bündel von Gemeinsamkeiten Die Eigenschaften der glücklichen Variante Ergebnis einer Clusteranalyse für 22 Länder 1. Hohes Vertrauen in die Mitmenschen 2. Niedrige Korruption 3. Niedrige Arbeitslosigkeit 4. Hohes Bildungsniveau 5. Hohes Einkommen 6. Hohe Beschäftigungsquote Älterer 7. Kleine Schattenwirtschaft 8. Hohe wirtschaftliche Freiheit 9. Niedriger Arbeitsplatzschutz 10. Hohe Geburtenrate Quelle: Deutsche Bank Research Aktuelle Themen 380 2 2. April 2007 Inhaltsverzeichnis Seite 1. Glückliche Variante des Kapitalismus Die vier Varianten des Kapitalismus..................................................................................................... 3 Bündel von Gemeinsamkeiten der glücklichen Variante...................................................................... 4 2. Glück ist messbar und vergleichbar ................................................................................... 5 3. Die Varianten des Kapitalismus ............................................................................................ 6 4. Die 10 Indikatoren für die glückliche Variante 1. Hohes Vertrauen in die Mitmenschen ............................................................................................. 8 2. Niedrige Korruption ......................................................................................................................... 8 3. Niedrige Arbeitslosigkeit................................................................................................................ 10 4. Hohes Bildungsniveau .................................................................................................................. 10 5. Hohes Einkommen........................................................................................................................ 12 6. Hohe Beschäftigungsquote Älterer ............................................................................................... 14 7. Kleine Schattenwirtschaft.............................................................................................................. 14 8. Große wirtschaftliche Freiheit ....................................................................................................... 14 9. Niedriger Arbeitsplatzschutz.......................................................................................................... 14 10. Hohe Geburtenrate ...................................................................................................................... 15 5. Glückliches Australien Zwei Berichte über das Wohlergehen der Australier.......................................................................... 18 6. Glücksfördernde Veränderungen sind möglich ........................................................... 18 7. Politik für eine glücklichere Variante ................................................................................. 20 Die 2-stelligen ISO-Ländercodes Code Land Code Land AT Österreich IE Irland AU Australien IT Italien BE Belgien JP Japan CA Kanada KR Korea CH Schweiz NL Niederlande DE Deutschland NO Norwegen DK Dänemark NZ Neuseeland ES Spanien PT Portugal FI Finnland SE Schweden FR Frankreich UK UK GR Griechenland US USA Quelle: International Organization for Standardization Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 3 Entscheidung über Ziel eines Reform- pfades Materielles Wohlergehen wird relativ weniger wichtig Die Geschichte ist nicht zu Ende Glücksforschung kombiniert mit Varianten des Kapitalismus Vier unterschiedlich glückliche Varian- ten des Kapitalismus 1. Glückliche Variante des Kapitalismus Viele Gesellschaften in Europa und rund um den Globus stehen vor der Frage, in welche Richtung sie sich weiterentwickeln wollen. Dies gilt insbesondere für viele Länder in Mittel- und Osteuropa, die zwi- schen dem amerikanischen und den verschiedenen europäischen Modellen schwanken. Klar ist, dass sich ein Reformpfad nicht ohne ein klares Ziel formulieren lässt. 1 Auch die Kommunikation von Re- formen wird deutlich leichter, wenn alle Beteiligten ein vorab formu- liertes, attraktives Ziel vor Augen haben. Zudem können sich die Prioritäten im Zeitablauf verschieben. In Ländern mit niedrigem Einkommen liegt das Hauptaugenmerk auf materiellem Wohlergehen: heutige Schwellenländer oder Europa in den 50er Jahren. Doch seit der Veröffentlichung von Ludwig Erhards „Wohlstand für Alle“ vor 50 Jahren hat sich das pro Kopf Einkommen zum Beispiel in Deutschland mehr als vervierfacht. Es ist wahr- scheinlich, dass im Laufe dieser Jahre andere Faktoren für die Menschen relativ wichtiger wurden: stabile soziale Beziehungen, Arbeitszufriedenheit, Gesundheit usw. Bereits 1960 forderte Alfred Müller-Armack in einem gleichnamigen Artikel eine „zweite Phase der Sozialen Marktwirtschaft“, in der eine ganzheitliche gesellschaft- liche Konzeption zu entwickeln sei. 2 Im weltweiten Systemvergleich stellt sich die Frage, ob die Ge- schichte wirklich mit dem Fall der Berliner Mauer zu Ende gegangen ist, wie Francis Fukuyama behauptete. 3 Die vorliegende Studie deu- tet an, dass sich auch heute noch verschiedene gesellschaftliche und wirtschaftliche Systeme gegenüber stehen – zum Glück nicht militärisch wie im Kalten Krieg. Somit müssen sich Gesellschaften auch heute noch entscheiden, wohin sie sich entwickeln möchten. Die vier Varianten des Kapitalismus Diese Publikation stellt vier Varianten des Kapitalismus vor, die glückliche, die weniger glückliche, die unglückliche und die ostasia- tische, wobei eine klare Präferenz für Entwicklungen hin zur glückli- chen Variante ausgedrückt wird. Um die verschiedenen Varianten zu unterscheiden, werden erstmals Einblicke aus der Glücksforschung (zusammengefasst auf Seite 5) mit Erkenntnissen und Methoden der Analyse der Varianten des Kapitalismus (zusammengefasst auf Seite 6) kombiniert und auf 22 Länder angewandt. Es stellt sich heraus, dass es nicht das eine europäische Modell gibt, sondern innerhalb der EU weiterhin erhebliche Heterogenität vorherrscht. (1) Die glückliche Variante des Kapitalismus. Australien, die Schweiz, Kanada, Großbritannien, die USA, Däne- mark, Schweden, Norwegen und die Niederlande sowie einge- schränkt auch Finnland und Neuseeland haben Gesellschaft und Institutionen so organisiert, dass die für die Lebenszufriedenheit der Menschen wichtigen Bedingungen gegeben sind. Und die Men- schen sind im Durchschnitt tatsächlich glücklicher als in den ande- ren Ländern. (2) Die weniger glückliche Variante des Kapitalismus Deutschland, Spanien, Frankreich, Belgien und Österreich liegen in einigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten hinter den 1 Siehe Bergheim, Neuhaus und Schneider (2004). 2 Siehe auch Schneider (2004). S. 148ff. 3 Englisch: “end point of mankind's ideological evolution”. Aktuelle Themen 380 4 2. April 2007 Überraschung Spanien Viele Variablen wichtig für Glück Koinzidenz und Komplementarität glücklichen Ländern zurück und die Menschen sind weniger glück- lich. (3) Die unglückliche Variante des Kapitalismus Portugal, Italien und Griechenland haben es bisher nicht geschafft, die für das Glück der Menschen wichtigen Aspekte voranzubringen. Die Menschen schätzen sich selbst als weniger glücklich ein, als die Menschen in den ersten beiden Varianten. (4) Die ostasiatische Variante Japan und Korea gestalten Gesellschaft und Institutionen ganz an- ders als die anderen betrachteten Länder. In einigen glückrelevan- ten Dimensionen stehen sie sehr gut da, in anderen dagegen eher schlecht. Und die Menschen geben an, relativ unglücklich zu sein. Hier ist allerdings nicht klar, wie viel des Unterschiedes auf verschie- dene Definitionen von Glück in den Kulturkreisen zurückzuführen ist, den beispielsweise Diener und Tov (2007) insbesondere für das buddhistische und kollektivistische Japan betonen. Außerdem ließe sich noch eine „Mittel- und Osteuropäische Varian- te“ identifizieren, da in diesen Transformationsländern der Umbruch zu sehr niedrigen Werten der Zufriedenheit geführt hat und viele glücksrelevante Variablen eher schwach ausgeprägt sind. Die Aufteilung der 22 Länder auf die vier Varianten des Kapitalismus birgt die eine oder andere Überraschung. So findet sich Spanien in einer Gruppe mit den Rheinischen Ländern statt mit den anderen Südeuropäern. Und vor allem kann nicht zwischen den skandinavi- schen und angelsächsischen Ländern unterschieden werden – die beiden Modelle unterscheiden sich durch Merkmale, die für die Le- benszufriedenheit der Menschen nicht wirklich relevant sind, wie Staatsanteil und Einkommensungleichheit. Bündel von Gemeinsamkeiten der glücklichen Variante Die Entscheidung, welche Länder zu welcher Variante des Kapita- lismus zählen, fiel mit Hilfe einer Reihe von Variablen. Es stellt sich heraus, dass die glücklichen Länder durch ein ganzes Bündel an Gemeinsamkeiten charakterisiert sind. Die zehn Gemeinsamkeiten – neben einem hohen Niveau an Lebenszufriedenheit – sind: Hohes Vertrauen in die Mitmenschen, niedrige Korruption, niedrige Arbeitslosigkeit, hohes Bildungsniveau, hohes Einkommen, hohe Beschäftigungsquote Älterer, kleine Schattenwirtschaft, hohe wirt- schaftliche Freiheit, niedriger Arbeitsplatzschutz, hohe Geburtenrate. Die Frage nach der Kausalität ist hier nicht entscheidend, wichtig ist die Koinzidenz. Auch lassen sich keine Rangfolge oder Gewichte für die einzelnen Elemente bestimmen; da es sich um Komplementäre handelt, ist dies auch nicht relevant – in glücklichen Gesellschaften sind alle Eigenschaften erfüllt. Die lange Liste zeigt, dass eine ganz- heitliche Betrachtung von Gesellschaft, Wirtschaft, Institutionen und Politik notwendig ist. Natürlich ist diese Liste nicht vollständig, son- dern es gibt viele andere relevante Variablen und Aspekte. Und na- türlich ist sie teilweise subjektiv und von der Vorprägung des Autors bestimmt. Aber Abschnitt 4 wird zu jeder Variablen den theoreti- schen Zusammenhang zum Glück aufzeigen und den empirischen Zusammenhang belegen. Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 5 Glücksforschung wird immer mehr beachtet 2. Glück ist messbar und vergleichbar Die interdisziplinäre Glücksforschung hat in den letzten Jahren er- heblich an Bedeutung gewonnen und ist mittlerweile auch in erst- klassigen wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften wie dem Jour- nal of Economic Perspectives oder dem Economic Journal präsent. Seit 2000 gibt es auch ein Journal of Happiness Studies. Deutsche Bank Research hat im Oktober 2006 auf die zunehmende Bedeu- tung der Glücksforschung für Wissenschaft und Politik hingewiesen – und darauf, dass das Glück für den Einzelnen ohnehin schon im- mer ganz oben auf der Wunschliste steht. 4 Vorgehensweise und Ergebnisse der Glücksforschung unterschei- den sich teilweise erheblich von denen der Lehrbuchökonomie. Statt wie Ökonomen nur zu beobachten was Menschen tun, hören sich die Glücksforscher an was die Menschen zu sagen haben. Gemein- sam sind Psychologen, Soziologen, Mediziner und Volkswirte zu dem Schluss gekommen, dass Glück oder Lebenszufriedenheit tatsächlich messbar und zwischen Personen vergleichbar sind. 5 Vor diesem Vergleich der Lebenszufriedenheit haben sich die Volkswirte bisher gescheut. Gefragt wird zum Beispiel: „Auf einer Skala von 1 bis 10, wie zufrie- den sind Sie insgesamt mit Ihrem Leben?“ Menschen, die selbst angeben relativ zufrieden oder glücklich zu sein, werden auch von ihren Freunden und Bekannten so eingeschätzt, sie entwickeln mehr Aktivitäten in der vorderen linken Hirnrinde und haben seltener Bluthochdruck. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich das Glücksniveau – im Gegensatz zum BIP – kaum erhöht. Dies mag daran liegen, dass die Menschen heute nicht mehr Zeit als früher mit Aktivitäten verbringen, die wirklich glücksfördernd sind (siehe Tabellen 1 und 2 mit Listen von Aktivitäten). 6 Ein anderer Grund könnte sein, dass die vorgegebene Skala immer zwischen 1 und 10 (oder 1 bis 3 o.ä.) fixiert blieb und sich die Interpretation der Ska- lenwerte im Zeitablauf veränderte. Während in den 60er Jahren ein großes Auto noch ein echtes Statussymbol war, ist es mittlerweile in vielen Ländern fast Standard. Für diese Studie ist es aber nicht so wichtig, ob das Glück im Zeitablauf zunimmt: Im Fokus steht der Vergleich zwischen Ländern im Jahr 2005. Auch viele andere Schlussfolgerungen der Glücksforschung sind nicht mit Standardmodellen der Ökonomen konsistent. So scheinen Präferenzen nicht konstant zu sein, sondern hängen vom Umfeld und sogar vom Einkommen ab: 7 Der Vergleich mit anderen Perso- nen ist durchaus relevant. Auch scheinen Menschen gewissen Illu- sionen zu unterliegen, die sie zu Fehlentscheidungen veranlassen können: die Illusion, dass Einkommen und Konsum glücklich ma- chen verleitet manchen dazu, zu viel zu arbeiten und das für Glück wirklich wichtige Privatleben zu vernachlässigen. 8 Aber es gibt Faktoren, die für das Glück der Menschen wichtig sind und über die man seine Lebenszufriedenheit beeinflussen kann: eine gute Ausbildung, Gesundheit, stabile soziale Beziehungen (Familie und Freunde) oder Engagement in Arbeit und Freizeit. 4 BIP allein macht nicht glücklich. Aktuelle Themen 367. 5 Gute Zusammenfassungen finden sich im Buch von Bruni und Porta (2005) oder in Di Tella und MacCulloch (2006). 6 Erklärungsvorschlag von Kahneman et al. (2006). 7 Layard (2006), S. C30. 8 Kahneman et al. (2006) nennen es “focusing illusion”. Auswirkung von Aktivitäten Zeit Wirkung Enge Freundschaften 0,2 4,74 Ausgehen nach der Arbeit 1,2 4,12 Abendessen 0,8 3,96 Entspannen 2,2 3,91 Mittagessen 0,5 3,91 Sport 0,2 3,82 Beten 0,5 3,76 Kontakt am Arbeitsplatz 1,1 3,75 Fernsehen 2,2 3,62 Daheim telefonieren 0,9 3,49 Mittagsschlaf 0,9 3,27 Kochen 1,1 3,24 Einkaufen 0,4 3,21 Hausarbeit 1,1 2,96 Kinderbetreuung 1,1 2,95 Pendeln am Abend 0,6 2,78 Arbeiten 6,9 2,65 Pendeln am Morgen 0,4 2,03 Quelle: Kahneman et al. (2004) Repräsentativumfrage: 909 Frauen in Texas, Zeit in Stunden. 2 Glücksfördernde Aktivitäten Neues Fitness-Programm anfangen Freundlich mit anderen umgehen Enge Freundschaften pflegen Sich sein Glück bewusst machen Dinge positiv sehen Sich motivierende Ziele setzen Anspruchsvolle Arbeit machen Abwechslung ins Leben bringen Persönlichkeit weiterentwickeln Quelle: Lyubomirsky et al. (2005) 1 Aktuelle Themen 380 6 2. April 2007 Unterschiede zwischen Gesellschaf- ten im Blickpunkt Unterscheidungen von Esping- Andersen und von Hall & Soskice Liberale vs. koordinierte Marktwirt- schaften Glück ist beeinflussbar, indem die Schwerpunkte auf diese Bereiche gelegt werden. Empirische Analysen in der Glücksforschung konzentrieren sich in der Regel auf Individuen: Ist eine Person glücklicher, wenn sie ver- heiratet ist, ein größeres Auto kauft oder eine Gehaltserhöhung be- kommt? Für den hier angestrebten Vergleich zwischen ganzen Län- dern sind vor allem die Variablen wichtig, die im Aggregat messbar sind, wie die Arbeitslosigkeit, das Bildungsniveau und das Einkom- men. 3. Die Varianten des Kapitalismus Seit Jahrzehnten versuchen Ökonomen, Politikwissenschaftler und Soziologen die unterschiedlichen Ausprägungen des Kapitalismus zu analysieren und zu kategorisieren. Angesichts der enormen ge- sellschaftlichen Unterschiede beispielsweise zwischen Schweden und den USA ist das ein nur zu verständliches Anliegen. Aus dieser Literatur ist für die Analyse der glücklichen Variante vor allem die Methode der Clusteranalyse wichtig, die verwendeten Variablen und Unterscheidungskategorien sind dagegen völlig andere. Auch die gefundenen Ländergruppen unterscheiden sich deutlich von den hier vorgestellten. Esping-Andersen skizzierte im Jahr 1990 drei Welten des Wohl- fahrtskapitalismus: 9 erstens die liberale, angelsächsische Welt (USA, Großbritannien etc.), zweitens die konservative, korporatisti- sche, kontinentaleuropäische (Deutschland, Frankreich, Belgien, Österreich) und drittens die sozialdemokratische, skandinavische Welt (Schweden etc.). Nicht in diese Typologisierung passen aller- dings Japan und die südeuropäischen Länder Italien, Griechenland, Spanien und Portugal. Hall und Soskice gingen 2001 noch einen Schritt weiter und ver- suchten zu erklären, warum angelsächsische Länder wie die USA auf Märkten für Spitzentechnologiegüter so erfolgreich sind. 10 Sie unterscheiden zwischen einer liberalen Marktwirtschaft (LME, ideal- typisch: die USA), die sich auf Grund ihrer gesellschaftlichen und institutionellen Strukturen auf Spitzentechnologiegüter spezialisiert und der koordinierten Marktwirtschaft (CME, Beispiel: Deutschland), die sich auf inkrementelle Innovation in Branchen der höherwertigen Technologie spezialisiert. Tabelle 3 zeigt ihre Einteilung der Länder. Die fünf Unterscheidungskategorien von Hall und Soskice sind das Ausbildungssystem (Hochschule vs. betrieblich), das Finanzsystem (Börse vs. Bank), die Beziehungen zwischen Unternehmen (Wett- bewerb vs. Verbände/Kooperation), die Lohnsetzung (dezentral vs. zentral), und die Unternehmensorganisation (Managemententschei- dung vs. Konsens). In der LME läuft die Aktivität auf allen Ebenen eher über den Markt, Wettbewerb, Preise und Transparenz. Dage- gen liegt der Schwerpunkt in der koordinierten Marktwirtschaft auf langfristigen Beziehungen, Netzwerken, Vertrauen und Zusammen- arbeit. Diese Kategorien unterscheiden sich erheblich von den in der Glücksforschung verwendeten Variablen. Sie werden daher unten nicht weiter verfolgt. Empirische Analysen identifizieren neben Deutschland in der Regel noch Österreich, Belgien und Frankreich als klare CME-Länder. Großbritannien, Kanada, Neuseeland, Irland und Australien sind 9 Esping-Anderson (1990). The three worlds of welfare capitalism. 10 Hall und Soskice (2001). Varieties of capitalism. Varianten des Kapitalismus laut Hall und Soskice Liberale Marktwirtschaften (LME) Australien Neuseeland Kanada UK Irland USA Koordinierte Martwirtsch. (CME) Österreich Japan Belgien Niederlande Dänemark Norwegen Finnland Schweden Island Schweiz Deutschland Quelle: Hall & Soskice (2001), Seite 20 3 Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 7 weitere LME-Länder. 11 Schweden, die Schweiz, die Niederlande und Finnland haben in den 90er Jahren eine Tendenz hin zur LME- Variante gezeigt, während Japan keiner Variante zuzuordnen ist. Spanien, Portugal, Italien und Griechenland bilden eine mediterrane Variante, die sich ebenfalls nicht nach der LME-CME Kategorisie- rung zuordnen lässt. Dies reduziert die Anwendbarkeit des Ansatzes natürlich. Es verdeutlicht aber auch, dass es – genau wie in der Analyse der glücklichen Varianten kein einheitliches „europäisches Modell“ gibt . Für Hall und Soskice gibt es keine optimale Kombination, auf die sich alle Länder zu bewegen, sondern die verschiedenen Varianten können nebeneinander existieren. Eine Konvergenz zu einem Typ muss also nicht stattfinden. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass das idealtypische CME-Land Deutschland in den letzten zehn Jah- ren einige Elemente der CME-Seite abgeschwächt hat – ohne je- doch bisher konsequent und bewusst die Elemente der LME-Seite durchzusetzen. Eine ähnliche Frage kann man auch über die glück- liche Variante des Kapitalismus stellen: Bewegen sich die anderen Länder auf sie zu? Die Antwort ist ein vorsichtiges „ja“, wie Abschnitt 6 andeutet. 11 Siehe z.B. Panuescu und Schneider (2004). Aktuelle Themen 380 8 2. April 2007 Zufriedenheit wird durch Umfragen erfasst Enger Zusammenhang: Vertrauen und Korruption Skandinavier vertrauen ihren Mitmenschen Korruption als Maß für die Qualität der Institutionen Empirische Analyse der Zufriedenheit 4. 10 Indikatoren der glücklichen Variante Die auf Seite 3 dargestellte Klassifizierung in die vier Varianten des Kapitalismus ist das Resultat einer empirischen Analyse, in die das Niveau der Lebenszufriedenheit eingegangen ist, sowie die ersten fünf Variablen der Liste auf Seite 4. Diese Variablen (Vertrauen, Korruption, Arbeitslosigkeit, Bildungsniveau und Einkommen) wei- sen laut Glücksforschung einen engen Zusammenhang mit der Le- benszufriedenheit der Menschen auf. Daneben gibt es einige Vari- ablen, die die resultierende Klassifizierung untermauern und für die auch ein Zusammenhang zur Zufriedenheit plausibel erscheint. Die- se stehen in der Liste auf Seite 4 auf den Positionen 6 bis 10: Be- schäftigungsquote Älterer, Anteil der Schattenwirtschaft, wirtschaftli- che Freiheit, Arbeitsplatzschutz und die Geburtenquote. Letztlich dreht sich alles um die Kernvariable Glück. Da es noch keine internationale Organisation gibt, die Befragungen zum glei- chen Zeitpunkt mit den gleichen Fragen und den gleichen Skalen durchführt, mussten hier verschiedene Umfragen kombiniert wer- den. 12 Für Europa stammen die Daten für die Lebenszufriedenheit aus dem Eurobarometer der EU für 2005. Für andere Länder wur- den die nationalen Umfragen verwendet, teilweise wurde die Skalie- rung auf 1 bis 10 umgerechnet. Alle Daten stammen aus der World Database of Happiness. 13 Da die Messbarkeit und Vergleichbarkeit von Lebenszufriedenheit teilweise noch umstritten ist – insbesondere, wenn sehr unterschied- liche Kulturen verglichen werden – sollen hier der Glücksvariablen andere Größen zur Seite gestellt werden, für die regelmäßig inner- halb von Gesellschaften ein enger empirischer Zusammenhang zum Glück aufgezeigt wird, die aber aus unterschiedlichen Quellen kom- men. 1. Hohes Vertrauen in die Mitmenschen Vertrauen in die Mitmenschen ist ein gutes Maß für die Stabilität der sozialen Verhältnisse eines Landes – und damit ein wichtiges Ele- ment der persönlichen Lebenszufriedenheit. Im World Values Sur- vey 14 ,das alle 10 Jahre stattfindet, wird unter anderem gefragt ob man den meisten Menschen vertrauen kann (im Gegensatz zu: „Man kann nicht vorsichtig genug sein“). Im Jahr 1999 war das Ver- trauen in die Mitmenschen in Skandinavien, den Niederlanden und Neuseeland besonders hoch – alles Länder, die auch in der oberen Hälfte der Glücksrangfolge liegen. Besonders niedrig war das Ver- trauen in Frankreich, Griechenland und Portugal. Die Ellipsen in Grafik 4 grenzen die vier verschiedenen Varianten des Kapitalismus gegeneinander ab. 2. Niedrige Korruption Korruption ist ein Zeichen für schlecht funktionierende soziale und politische Institutionen und somit ebenfalls ein sinnvoller Indikator für das Zusammenleben und Wohlergehen der Menschen. 15 Transparency International fasst seit 2004 auf der Basis von 12 Auch die Terminologie ist noch nicht einheitlich. In der Literatur und hier werden Wohlergehen, Glück und Lebenszufriedenheit verwendet, um die gleiche Idee zu bezeichnen. Der Philosoph Dan Haybron (2007) zeigt dass es sich zwar um unter- schiedliche Konzepte handelt, die Korrelation aber vermutlich sehr hoch ist. 13 www1.eur.nl/fsw/happiness/ 14 www.worldvaluessurvey.org 15 Helliwell (2003). Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 9 Vertrauen in die Mitmenschen ist in Skandinavien besonders groß Relativ hohe Korruption in Asien und Südeuropa 4% Arbeitslosenquote sind möglich 0 2 4 6 8 10 12 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: World Database of Happiness, OECD Arbeitslosigkeit ist schlecht für die Zufriedenheit Glück bzw. Lebenszufriedenheit (Skala 1 bis 10) Arbeitslosigkeit, % Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage ca. 2005; vertikal: Standard- isierte Arbeitslosenquote 2005 (in %) FI DE FR ES AT BE DK CH CA US AU NZ UK KR JP IT PT GR NO IE NL 6 0 10 20 30 40 50 60 70 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Weniger glückliche Variante Unglückliche Variante Quellen: World Database of Happiness, World Values Survey Zufriedene Menschen trauen ihren Nachbarn Glück bzw. Lebenszufriedenheit (Skala 1 bis 10) Vertrauen, % Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage; vertikal: Anteil der Menschen, die sagen, dass man den meisten Menschen trauen kann, ca. 2000 (in %) CA AU NZ FI CH NL SE DK AT BE UK IE US DE IT PT GR JP KR ES Glückliche Variante Ostasiatische Variante FR 4 3 4 5 6 7 8 9 10 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: World Database of Happiness, Transparency International Niedrige Korruption in glücklichen Ländern Glück bzw. Lebenszufriedenheit (Skala 1 bis 10) Korruption Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage; vertikal: Korruptionsindex 2006 von Transparency International (Skala 0 bis 10, bester Wert ist 10). DK AU NL NO UK IE US NZ FI SE CH JP AT FR DE BE ES CA GR PT IT KR 5 Aktuelle Themen 380 10 2. April 2007 Arbeitslosigkeit ist eine persönliche Katastrophe Skandinavier und Angelsachsen mit niedriger Arbeitslosenquote Gebildete Menschen legen mehr Wert auf glücksbringende Aktivitäten Umfragen auf einer Skala von null bis zehn (keine Korruption) jähr- lich für über 160 Länder die Einschätzung über die Korruption zu- sammen. 16 Die Organisation sieht einen klaren Zusammenhang zwischen Korruption und Armut, geht aber nicht auf den Zusam- menhang zwischen Korruption und allgemeinem Wohlergehen ein. Im Jahr 2006 war die wahrgenommene Korruption in den skandina- vischen und in vielen angelsächsischen Ländern besonders niedrig (hohe Werte zwischen 8 und 10). Im Durchschnitt der weniger glück- lichen Variante lag der Wert unter 8 und für die unglückliche Varian- te unter 6. Der einfache Korrelationskoeffizient zwischen Glück und Korruption beträgt über alle 22 Länder 0,74. Grafik 5 zeigt wiederum eine klare Abgrenzung zwischen den vier verschiedenen Varianten. 3. Niedrige Arbeitslosigkeit Arbeitslosigkeit ist enorm schädlich für die Lebenszufriedenheit des direkt Betroffenen, aber auch der gesamten Gemeinschaft. Das hat eine Vielzahl von Studien seit Mitte der 90er Jahre immer wieder belegt. Den Abstand in der Lebenszufriedenheit zwischen Arbeits- losen und Erwerbstätigen in Europa konnte auch der Ausbau der Arbeitslosenunterstützung seit den 70er Jahren nicht verringern. Die Glücksforschung zeigt, dass Arbeitslosigkeit eine persönliche Katastrophe ist und bleibt und nicht – wie viele Ökonomen argumen- tieren – primär das rationale Ergebnis einer Optimierungsrechnung zwischen Arbeit und staatlicher Unterstützung. Laut der harmonisierten Arbeitslosenstatistik wiesen im Jahr 2005 zehn der 22 Länder Quoten zwischen 4% und 5% auf (siehe Grafik 6). Dieses Niveau scheint auch für große Länder erreichbar zu sein, was unterstreicht, wie falsch die These „die Arbeit geht uns aus“ ist, die in Deutschland noch oft vertreten wird. Grafik 6 zeigt eine schar- fe Abgrenzung zwischen der glücklichen und der weniger glückli- chen Variante mit den Ausnahmen Österreich und Finnland. In die- ser Grafik wird besonders deutlich, welche besondere Konstellation in Japan und Korea zu beobachten ist: niedrige Arbeitslosigkeit aber dennoch niedrige Lebenszufriedenheit. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Arbeitslosigkeit in diesen Ländern in den Un- ternehmen versteckt bleibt und nicht in den offiziellen Statistiken erscheint. Die niedrige Arbeitsproduktivität in Japan und Korea ist konsistent mit dieser These. 4. Hohes Bildungsniveau Ausbildung weist in allen empirischen Untersuchungen einen positi- ven Zusammenhang zum Glücksniveau auf. Dies mag damit zu tun haben, dass gut ausgebildete Menschen eher Prioritäten auf glücks- bringende Aktivitäten setzen oder sich öfters bewusst machen, wie gut es ihnen geht. Das umfassendste Maß für das Ausbildungsni- veau ist die durchschnittliche Zahl der Ausbildungsjahre, wie sie von der OECD jährlich in „Bildung auf einen Blick“ veröffentlicht wird. Die Korrelation mit der Lebenszufriedenheit und auch mit dem Einkom- men pro Kopf beträgt 0,7, die mit der Korruption 0,6. Im Durchschnitt weisen die glücklichen Länder etwa 13 Ausbildungsjahre auf, wäh- rend es in den unglücklichen Ländern weniger als 10 Jahre sind. Auf Grund seines dualen Ausbildungssystems weist Deutschland eine hohe Zahl an formalen Bildungsjahren auf – das Niveau der Le- benszufriedenheit ist aber relativ niedrig, wie Grafik 7 zeigt. 16 www.transparency.org Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 11 Glückliche Länder haben viel Human- kapital Ab 25.000 USD kaum Zusammenhang zwischen Einkommen und Zufrieden- heit Australien und Portugal sehr weit voneinander entfernt Dendrogramm der Clusteranalyse Quelle: Deutsche Bank Research Australien Kanada Schweiz Österreich UK Irland Norwegen USA Dänemark Schweden Niederlan. Finnland Italien Japan Korea Portugal Neuseel. Belgien Frankreich Spanien Deutschl. Griechenl. Maß für die Ungleichheit Methode der durchschnittlichen Abstände Glückliche Variante Weniger glückliche V. Unglückliche V. Dendrogramm der Clusteranalyse Quelle: Deutsche Bank Research Australien Kanada Schweiz Österreich UK Irland Norwegen USA Dänemark Schweden Niederlan. Finnland Italien Japan Korea Portugal Neuseel. Belgien Frankreich Spanien Deutschl. Griechenl. Maß für die Ungleichheit Methode der durchschnittlichen Abstände Glückliche Variante Weniger glückliche V. Unglückliche V. 9 8 9 10 11 12 13 14 15 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: World Database of Happiness, OECD Gebildete Menschen sind zufriedener Glück bzw. Lebenszufriedenheit (Skala 1 bis 10) Ausbildungsjahre Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage; vertikal: Durchschnittliche Zahl der Ausbildungsjahre 2004 CA AU NZ FI CH NL SE DK AT BE UK IE US DE IT PT GR JP KR ES FR NO 7 15000 20000 25000 30000 35000 40000 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: World Database of Happiness, EC AMECO Glückliche Länder mit hohem Einkommen Glück bzw. Lebenszufriedenheit (Skala 1 bis 10) Einkommen Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage; vertikal: Nettonational- produkt 2005 pro Kopf (in USD) DK AU NL NO UK IE US NZ FI SE CH JP AT FR DE BE ES CA GR PT IT KR 8 Aktuelle Themen 380 12 2. April 2007 Gewöhnungseffekte Richtung der Kausalität nicht klar Nettonationaleinkommen ist relevantes Maß Technik der Clusteranalyse Die Analyse der Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern umfasst in dieser Studie zunächst sechs Dimensionen, von denen die Grafiken 4 bis 8 jeweils nur zwei abbilden konnten. Mit einer Clusteranalyse lassen sich dagegen die Muster über alle sechs Dimensionen hinweg erkennen. Die Frage nach der Exogenität muss dafür nicht gestellt werden. Die Grund- idee ist es, Elemente, die sich relativ nahe sind, zu neuen Elementen zusammenzufassen und im Folgenden wie alle anderen Elemente zu behandeln. In Grafik 6 stehen beispielswei- se Australien und die Niederlande nahe bei- einander. Als nächstes würden die USA und Norwegen zusammengefasst. Die Clusterana- lyse ist auch dann sinnvoll, wenn die einzelnen Daten keine hohe Korrelation aufweisen, wie es z.B. in Grafik 6 der Fall ist. Für diese mehr- dimensionale Analyse müssen die Rohdaten zunächst standardisiert werden als Abwei- chung vom jeweiligen Mittelwert, ausgedrückt in Anzahl der Standardabweichungen (in der zweidimensionalen Grafik übernimmt diese Aufgabe die unterschiedliche Skalierung). Für die Clusterbildung wurde hier die Methode der durchschnittlichen Abstände (average linkage) verwendet. Die grafische Darstellung der Ergebnisse im Dendrogramm zeigt an, wie unterschiedlich die jeweils zusammengefass- ten Elemente sind. 5. Hohes Einkommen Einkommen zeigt im internationalen Vergleich nur eine geringe Kor- relation mit der Lebenszufriedenheit, insbesondere für höhere Ein- kommen. Dies ist ein wohlbekannter Befund aus der Glücksfor- schung. Als Erklärung für den schwachen Zusammenhänge werden Gewöhnungseffekte angeführt und die Beobachtung, dass die rela- tive Einkommensposition wichtiger ist, als das absolute Einkommen. Innerhalb eines Landes sind jedoch reichere Menschen tendenziell zufriedener als arme Menschen. Allerdings ist hier nicht ganz klar, in welche Richtung die Kausalität geht: Manche Studien zeigen, dass glücklichere Jugendliche später in ihrem Leben ein höheres Ein- kommen erzielen. Auf gesamte Volkswirtschaften angewandt würde das bedeuten, dass man zuerst für ein glückliches Umfeld sorgen müsste und ein Teil des Ertrages später in Form eines höheren Volkseinkommens erzielbar wäre. Da im Bruttoinlandsprodukt viele Elemente enthalten sind, die weder die heutigen noch die zukünftigen Konsummöglichkeiten der Ein- wohner eines Landes abbilden, wird hier das Nettonationaleinkom- men verwendet. 17 Das BIP pro Kopf zu Kaufkraftparitäten wird um die Höhe der Nettoeinkommen an Ausländer und die Abschreibun- gen korrigiert. Vor allem in Irland, Neuseeland und Japan liegt das Nettonationaleinkommen (NNE) pro Kopf deutlich niedriger als das BIP pro Kopf. Grafik 8 zeigt einen leicht positiven Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenszufriedenheit, der allerdings ab etwa USD 25.000 sehr schwach wird. Mit Ausnahme von Neusee- land haben alle Länder der glücklichen Variante auch ein über- durchschnittlich hohes Pro-Kopf-Einkommen. Zwischenstand: sechs Variablen und vier Varianten Lebenszufriedenheit und die fünf soeben beschriebenen gesamt- wirtschaftlichen Variablen, die laut Glücksforschung einen engen Zusammenhang mit Zufriedenheit haben, sind die Kerngrößen, mit denen entschieden wurde, wie viele Varianten des Kapitalismus zu unterscheiden sind und welches Land zu welcher Variante gehört. Die grafische Analyse in den Abbildungen 4 bis 8 war für die Eintei- lung entscheidend, aber auch alle anderen Kombinationen der sechs Variablen wurden betrachtet. Wenn beispielsweise die Ar- beitslosenquote gegen das Ausbildungsniveau aufgetragen wird, so lässt sich die ostasiatische Variante nicht mehr von der glücklichen Variante unterscheiden. Auch sind Finnland und Österreich als Aus- reißer zu erkennen. Die grafische Analyse wurde durch eine Clusteranalyse ergänzt (siehe Methodenkasten). Die Baumstruktur im Dendrogramm (Grafik 9) zeigt minimale Abweichungen von der für diese Studie gewählten Klassifizierung. So steht Österreich hier inmitten von Ländern der glücklichen Variante. Verantwortlich hierfür ist die niedrige Arbeitslo- sigkeit und das relative hohe Einkommen: In Grafik 6 könnte man Österreich auch der glücklichen Variante zuschlagen. Zudem fasst die Clusteranalyse zuerst Japan und Korea mit einigen europäi- schen Ländern zusammen und bezieht Portugal erst ganz am Schluss ein. Diese Entscheidung ist konsistent mit den Grafiken, wurde hier aber zugunsten der Unterscheidung zwischen unglückli- cher und ostasiatischer Variante überschrieben. Sechs weitere Clusteranalysen mit nur fünf der sechs Variablen unterstützen diese Entscheidung. 17 Wie schlecht das BIP als Wohlstandsmaß geeignet ist, wurde in “BIP allein macht nicht glücklich” diskutiert (Bergheim, 2006). Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 13 Frühverrentung macht nicht wirklich glücklicher Größe der Schattenwirtschaft unter- scheidet sich erheblich Wirtschaftliche Freiheit ist keine Bedrohung 20 30 40 50 60 70 80 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Glückliche Menschen gehen später in Rente Glück bzw. Lebenszufriedenheit (Skala 1 bis 10) Erwerbstätigenquote Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage; vertikal: Beschäftigungs- quote Alter 55 bis 64 Jahre in 2005 (in %) CA AU NZ FI CH NL SE DK AT BE UK IE US DE IT PT GR JP KR ES FR NO Quellen: World Database of Happiness, OECD 10 8 11 14 17 20 23 26 29 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: World Database of Happiness, Schneider & Klinglmair (2004) Kaum Schattenwirtschaft in glücklichen Ländern Glück bzw. Lebenszufriedenheit Schattenwirtschaft Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage; vertikal: Schattenwirtschaft 2002/03 (in % des BIP) DK AU NL NO UK IE US NZ FI SE CH JP AT FR DE BE ES CA GR PT IT 11 1,4 1,6 1,8 2,0 2,2 2,4 2,6 2,8 3,0 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: World Database of Happiness, Heritage Foundation Freiheit und Glück gehen Hand in Hand Glück bzw. Lebenszufriedenheit (Skala 1 bis 10) Wirtschaftliche Freiheit Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage; vertikal: Wirtschaftliche Freiheit 2006 (Skala 1 bis 5, 1 ist bester Wert) DK AU NL NO UK IE US NZ FI SE CH JP AT FR DE BE ES CA GR PT IT KR 12 Aktuelle Themen 380 14 2. April 2007 Erwerbsquoten Älterer sind in glückli- chen Ländern höher Hohe Korrelation zwischen Schatten- wirtschaft, Korruption und Arbeitslosigkeit Länder der glücklichen Variante ha- ben viel wirtschaftliche Freiheit Arbeitsplatzschutz macht langfristig nicht glücklich Die folgenden fünf Variablen unterstützen die gefundene Einteilung. Sie haben in der Glücksforschung keinen prominenten Platz, was unter anderem daran liegen mag, dass es sich um gesamtwirtschaft- liche Größen handelt, während der Schwerpunkt der Glücksfor- schung auf Charakteristika von Individuen liegt. Eine theoretische Verbindung zur Lebenszufriedenheit lässt sich aber schnell finden. 6. Hohe Beschäftigungsquote Älterer Die Integration von Menschen in die Gesellschaft und in das Arbeits- leben ist ein wichtiges Element in glücklichen Gesellschaften – dies gilt auch für ältere Menschen. In der Tat sind die Erwerbsquoten der 55 bis 64-jährigen in den glücklichen Ländern mit 59% mehr als 20 Prozentpunkte höher als in den weniger glücklichen Ländern, wie Grafik 10 auf Seite 13 zeigt. 7. Kleine Schattenwirtschaft Auch das Ausmaß der Schattenwirtschaft dürfte ein Indiz für das Funktionieren gesellschaftlicher und politischer Institutionen und den Zusammenhalt der Gesellschaft sein. Die Daten von Schneider und Klinglmair (2004) für die Jahre 2002/03 weisen für die Länder der unglücklichen Variante eine sehr große Schattenwirtschaft aus, die gut ein Viertel des ausgewiesenen BIP beträgt (siehe Grafik 11). Die weniger glücklichen Länder zeigen ein breites Spektrum von 11% bis 22%, während das Band in den glücklichen Ländern mit 8,6% bis 18,7% tiefer liegt. Eine besonders hohe Korrelation besteht zwi- schen dem Ausmaß der Schattenwirtschaft und der Korruption so- wie der Arbeitslosenquote. 8. Große wirtschaftliche Freiheit Wirtschaftliche Freiheit scheint für Menschen in verschiedenen Län- dern unterschiedliche Konnotationen zu haben. Mancherorts wird sie eher als Bedrohung empfunden, da Risiken zunehmen – man ruft nach staatlichem Schutz. Andernorts wird wirtschaftliche Freiheit als Chance zur eigenen wirtschaftlichen und persönlichen Entfaltung gesehen – Staatseingriffe werden eher abgelehnt. Grafik 12 zeigt aber, dass alle Länder der glücklichen Variante auch Länder mit hoher wirtschaftlicher Freiheit sind (Ausnahme Norwegen). Laut Heritage Foundation war die Freiheit 2006 in Irland, Großbritannien und Dänemark besonders groß. Die Beobachtung, dass wirtschaftliche Freiheit viel mit der Lebens- zufriedenheit der Menschen zu tun hat, könnte in den weniger glück- lichen und unglücklichen Ländern in der Kommunikation gesell- schaftlicher und wirtschaftlicher Reformen eingesetzt werden. Die Betonung sollte hier vor allem auf der neuen Chance für den Einzel- nen liegen. In der Subkomponente (niedrige) „Regulierung“ des Economic Freedom Index schneiden nur die glücklichen Länder gut ab. 9. Niedriger Arbeitsplatzschutz Wie wichtig ein gut funktionierender Arbeitsmarkt für das Glück der Menschen ist, wurde bereits oben deutlich und ist ein wiederkeh- rendes Thema in der Glücksforschung. Allerdings gibt es in vielen Ländern nach wie vor unterschiedliche Ansichten darüber, was ei- nen gut funktionierenden Arbeitsmarkt darstellt. Manche Länder greifen zu hohen staatlichen und betrieblichen Schutzmaßnahmen, die die OECD in ihrem „Employment protection index“ zusammen- fasst (Grafik 13). Die Werte für das Jahr 1998 weisen einen ein- Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 15 Mehr Flexibilität auf den Arbeits- märkten Geburtenrate ist in der glücklichen Variante höher Hohe Geburtenrate in den glücklichen Ländern deutig negativen Zusammenhang zur Lebenszufriedenheit sowie zur Korruption und einen positiven zur Arbeitslosigkeit auf: Glückliche Länder mit wohl funktionierenden Arbeitsmärkten haben niedrigen Kündigungsschutz, wenig Korruption und eine niedrige Arbeitslosig- keit. Auch hier besteht erhebliches Potenzial für die Kommunikation von Reformen in den unglücklichen und weniger glücklichen Län- dern. 10. Hohe Geburtenrate Familie und stabile soziale Beziehungen im Allgemeinen werden in der Glücksforschung immer wieder als entscheidend für das Glück des Einzelnen identifiziert – auch wenn Kinder selbst nicht unbe- dingt als glücksfördernd identifiziert werden. Die Geburtenraten sind in den glücklichen Ländern deutlich höher als in den anderen drei Varianten, wie Grafik 14 ausweist. Dort sind gesellschaftliche Institu- tionen und der soziale Zusammenhalt wohl so gut, dass sich viele Menschen für Kinder entscheiden. In manchen Ländern mag zudem die relativ hohe Geburtenrate der großen Einwanderergruppen eine 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: World Database of Happiness, OECD Glückliche Länder schützen Arbeitsplätze weniger Glück bzw. Lebenszufriedenheit Arbeitsplatzschutz Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage; vertikal: Arbeitsplatzschutz laut OECD im Jahre 1998 CA AU NZ FI CH NL SE DK AT BE UK IE US DE IT PT GR JP ES FR NO 13 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 1,8 1,9 2,0 2,1 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: World Database of Happiness, Eurostat Mehr Kinder in den glücklichen Ländern Glück bzw. Lebenszufriedenheit Geburtenrate Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage; vertikal: Geburtenrate 2005 (Kinder pro Frau) DK AU NL NO UK IE US NZ FI SE CH JP AT FR DE BE ES CA GR PT IT KR 14 Aktuelle Themen 380 16 2. April 2007 11. Element: Beschäftigung mit dem Glück Neue Wege beschreiten, um den nachhaltigen Fortschritt zu messen und zu bewerten Zahlreiche Initiativen in den glückli- chen Ländern Kriminalität, Gesundheit und Umwelt sind wohl ebenfalls wichtig Rolle spielen. Die große Ausnahme ist Frankreich, wo eine aktive Frauen- und Familienpolitik die Geburtenrate weit über das Niveau in den anderen weniger glücklichen Ländern gehoben hat. Davon abgesehen zeigt die Gesamtanalyse der 10 für Glück relevanten Elemente in dieser Studie, dass eine wirklich erfolgreiche Familien- politik normalerweise mit guten Bedingungen in vielen anderen Be- reichen, wie dem Arbeitsmarkt, einhergeht. Glückliche Länder beschäftigen sich mit dem Glück Eine weitere Gemeinsamkeit der glücklichen Länder ist, dass sie sich auch intensiv mit der Frage beschäftigen, was für das Wohler- gehen ihrer Bürger wichtig ist und wie dieses sich entwickelt. Auch hier ist die Kausalität nicht klar: Gehören diese Länder zur glückli- chen Variante, weil sie sich damit auseinandersetzen oder beschäf- tigen sich glückliche Länder einfach relativ gerne mit ihrem Glück? Auf jeden Fall scheint diese Beschäftigung teil des Bündels von Gemeinsamkeiten der glücklichen Länder zu sein. Diese Länder erfüllen Forderungen, die die World Commission on Environment and Development (Brundtland Commission) der Ver- einten Nationen bereits 1987 formuliert hat: neue Wege beschreiten, um den nachhaltigen Fortschritt von Ländern zu messen und zu bewerten. Diener und Seligman (2004) fordern, dass Wohlergehen ein primärer Fokus der Politik werden sollte, wobei das breit ange- legte Wohlergehen nicht das BIP ersetzen, sondern ergänzen soll. Layard (2003) sieht die Hauptaufgabe der Sozialwissenschaften darin, herauszufinden, was Glück fördert oder hemmt. 18 Australien verfolgt verschiedene Initiativen, auf die hier ab Seite 17 näher eingegangen wird. Vorne dabei ist auch Großbritannien, das schon seit 1999 „A better quality of life“ zum Ziel der Politik gemacht hat und über Prioritäten und Fortschritte jährlich berichtet. 19 Als Mo- tivation gab Premierminister Tony Blair damals an, es werde immer deutlicher, dass sich echter Fortschritt nicht durch Geld allein mes- sen lässt. 20 Das irische Statistikamt veröffentlicht seit 2003 jährlich einen Bericht mit dem Titel „Measuring Ireland’s Progress“, der auch auf Bereiche wie sozialen Zusammenhalt, Kriminalität und Umwelt eingeht. Das US Government Accountability Office hat 2004 einen Bericht mit dem Titel „Informing Our Nation: Improving How to Un- derstand and Assess the USA’s Position and Progress“ vorgelegt und das Gesundheitsministerium will einen National Well-Being Account veröffentlichen. Das dänische Finanzministerium hat im Jahr 2000 einen Bericht zum „Structural Monitoring – International Benchmarking of Denmark“ veröffentlicht. Auf europäischer Ebene liefern das Eurobarometer und die Europäische Stiftung zur Verbes- serung der Lebens- und Arbeitsbedingungen wertvolle Daten und Analysen. 21 Aus den weniger glücklichen oder unglücklichen Län- dern sind uns keine vergleichbaren Initiativen oder Berichte be- kannt. Andere Elemente: Nicht messbar oder nicht relevant Neben den 10 oben verwendeten Indikatoren gibt es eine Vielzahl von Aspekten der Lebensqualität, die sicherlich relevant sind, die sich aber nur schwer messen lassen oder deren Vergleichbarkeit für 18 „the prime purpose of social science should be to discover what helps and hinders happiness.” C32. 19 www.sustainable-development.gov.uk 20 Original: “a growing realisation that real progress cannot be measured by money alone.” 21 www.eurofound.eu.int Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 17 Fallbeispiel Australien Gute Werte in allen 10 Dimensionen die Zwecke dieser Analyse nicht hoch genug ist. So ist beispielswei- se Kriminalität sicherlich ein Aspekt, der sich negativ auf die Le- bensqualität auswirkt. Jedoch sind Definitionen und Erfassungsprak- tiken so unterschiedlich, dass internationale Vergleiche nicht unbe- dingt sinnvoll sind. Ebenso ist Gesundheit sehr wichtig für die Le- benszufriedenheit des Einzelnen. Die Gesundheitsausgaben sind jedoch ein ungeeignetes Maß. Die Lebenserwartung wird von ande- ren Faktoren, wie Klima und Ernährungsgewohnheiten, mitbestimmt und auch die Selbstmordraten scheinen von anderen Faktoren ab- zuhängen. Ähnlich schwer zu bekommen ist ein zusammenfassen- der Wert für die Qualität der Umwelt. Daneben gibt es viele Daten, die zwar verfügbar sind und oft in in- ternationalen Ländervergleichen verwendet werden, die aber keinen empirischen Zusammenhang zur Lebenszufriedenheit aufzeigen. Dies gilt zum Beispiel für die Größe des Staatssektors, die Einkom- mensungleichheit, die Forschungsausgaben und die Religiosität. Religiosität kann die Auswirkungen negativer Schicksalsschläge etwas abfedern und daher positiv für die Lebenszufriedenheit sein. Allerdings zeigen die Daten aus dem World Values Survey keine Korrelation mit den anderen hier verwendeten Variablen: So geben in Portugal, Griechenland und Italien 80% und mehr der Menschen an, religiös zu sein, während es in Schweden und Großbritannien nur 40% sind. Nur die USA, Dänemark und Irland sind sowohl durch hohe Religiosität als auch hohe Lebenszufriedenheit gekennzeich- net. Inflation wird oft als negativ mit Zufriedenheit korreliert gesehen, ist aber für die hier betrachteten 22 Länder ohnehin stabil und nied- rig. 5. Glückliches Australien Ein Land sticht in der Analyse der letzten Abschnitte heraus: Austra- lien. In allen betrachteten Variablen schneidet es sehr gut ab, wie die Grafiken 4 bis 14 zeigen – und das Land beschäftigt sich inten- siv mit der Frage, was für das Wohlergehen der 20 Millionen Ein- wohner wichtig ist. In der Clusteranalyse setzt Australien daher auch den Kontrapunkt zu Portugal und steht in der Grafik 9 ganz links. Es verwundert somit nicht, dass im Jahr 2004 trotz der großen Distanz knapp 2200 Deutsche nach Australien zogen. 22 Die Lebenszufriedenheit der Australier von 7.71 Punkten auf der Skala von 1-10 wurde im Jahr 2005 nur von den Kanadiern, Dänen und Schweizern übertroffen. 23 Das Vertrauen in die Mitmenschen ist zwar nicht so hoch wie in den skandinavischen Ländern, aber höher als in fast allen anderen angelsächsischen Ländern. Ähnliches gilt für die Korruption, wo andere Angelsachsen mit Ausnahme Neusee- lands schlechter abschneiden. Die Arbeitslosenquote von 5% im Jahr 2005 lag im Mittelfeld der glücklichen Länder und ist seitdem sogar auf 4,5% gesunken. Die durchschnittlich 12,6 Ausbildungsjah- re der Bevölkerung sind zwar kein Spitzenwert, aber der Anstieg der Hochschulabsolventenquote auf 36% unter den 25 bis 34-Jährigen (Deutschland: 23%) deutet auf einen kräftigen Anstieg in den kom- menden Jahren hin. Das Einkommen pro Kopf, Erwerbsbeteiligung der Älteren, Schattenwirtschaft und Geburtenrate liegen im Mittelfeld der glücklichen Länder – hier scheint noch Spielraum für Verbesse- 22 1335 Deutsche kamen zurück, sodass die Nettoauswanderung 855 betrug. 23 Australian Unity Wellbeing Index, Australian Center on Quality of Life, 2005, Mel- bourne, Australia. 15 20 25 30 35 40 45 Dänemark Japan Schweden Norwegen Finnland Deutschl. Österreich Niederl. Korea Kanada Frankreich Belgien Schweiz Griechenl. Irland Spanien Australien Italien UK Neuseel. Portugal USA Quelle: World Development Indicators 2006 Einkommensungleichheit sehr unterschiedlich Gini Index, 2002/03 15 Aktuelle Themen 380 18 2. April 2007 Analyse mit Hilfe von Umfragen Erhebliche Fortschritte in Irland, Spanien, Finnland, Schweden und Dänemark rungen zu bestehen. Die wirtschaftliche Freiheit ist dagegen nur in Irland und Großbritannien deutlich größer und der Arbeitsmarkt nur in den USA, Großbritannien und der Schweiz deutlich flexibler. Zwei Berichte über das Wohlergehen der Australier Die breit angelegte Analyse des Wohlergehens der Australier blickt bereits auf eine erfolgreiche Tradition zurück und ist in der Politik gut verankert. Bereits im Jahre 1992 hat der „Council of Australian Go- vernments“ eine „Nationale Strategie der ökologisch nachhaltigen Entwicklung“ beschlossen. Seit 2002 veröffentlicht das Australische Statistikbüro ABS jedes zweite Jahr eine Studie, die den Fortschritt des Landes dokumentiert. 24 Motivation war damals der Konsens darüber, dass Länder und Regierungen eine umfassendere Sicht des Fortschritts entwickeln müssen, die über wirtschaftliche Indika- toren wie das BIP hinausgeht. Dadurch soll die öffentliche Diskussi- on über den Fortschritt stimuliert werden. Die jüngste Ausgabe von „Measures of Australia’s Progress“ aus dem Jahre 2006 umfasst 216 Seiten und deckt ein breites Spektrum an Indikatoren aus den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Um- welt ab, das weit über die hier diskutierten Variablen hinausgeht. Die Kernfrage ist: Wird das Leben in Australien besser? Im Zentrum steht das Konzept des „Fortschritts“, ein enger Verwandter von Le- benszufriedenheit, Wohlfahrt oder Glück. Präzise definiert wird der Fortschritt jedoch bewusst nicht. Es wurde aber auch gleich klarge- stellt, dass unmöglich jeder Teilaspekt abgebildet werden kann. Und das ABS versucht auch nicht, einen zusammenfassenden Index zu berechnen, mit dem die Entwicklung im Zeitablauf abgebildet wer- den kann. Vielmehr überlässt man es dem Leser, sich selbst auf Basis seiner eigenen Gewichte ein Bild vom Fortschritt des Landes zu machen. Die zweite Quelle ist der von der Deakin Universität und dem Versi- cherer Australian Unity errechnete Australian Unity Wellbeing Index, der einen subjektiven, umfragebasierten Ansatz verfolgt. Er umfasst einen Index für Individuen (Personal Wellbeing Index PWI) und ei- nen mit Fragen über die Nation (National Wellbeing Index NWI) und wird seit April 2001 auf Basis von Umfragen unter 2000 Australiern mindestens zweimal jährlich berechnet. Der PWI blieb in den letzten fünf Jahren weitgehend stabil, mit Spitzenwerten während der Olympiade 2004 und – für Europäer möglicherweise überraschend – kurz nach dem Beginn des Krieges im Irak. Der NWI ist deutlich volatiler und zeigt keinen Trend. Informativ sind auch die vielen Hin- tergrundfragen zur Rolle von Gesundheit, Ehen, Gewicht, Sport, Haustieren usw. für das Wohlergehen der Australier. 6. Glücksfördernde Veränderungen sind möglich – wie die Vergangenheit zeigt Kein Land ist für immer gefangen in seiner Variante des Kapitalis- mus. Einen Automatismus der Veränderungen oder eine klare Kon- vergenz gibt es nicht. Veränderungen müssen bewusst initiiert und erarbeitet werden. Fortschritt hin zur glücklichen Variante sind mög- lich, wie vor allem Irland, Spanien, Finnland, Schweden und Däne- mark in den letzten 10 Jahren gezeigt haben. Weniger glücksför- dernd war dagegen die Entwicklung in Korea, Japan und Österreich. Die Tabelle auf Seite 19 zeigt die Veränderung von 9 Variablen über 24 www.abs.gov.au Wie das ABS Australiens Fortschritt misst Dimensionen des Fortschritts Individuen Gesundheit Bildung Arbeit Wirtschaft Einkommen Wirtschaftliche Not Vermögen Wohnen Produktivität Umwelt Landschaft Luft Ozeane und Meere Miteinander leben Familie, Gemeinschaft & Zusammenhalt Kriminalität Demokratie und Regierung Quelle: Australian Bureau of Statistics 16 Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 19 Irische Erfolge mit mehr Freiheit verbunden Spaniens Fortschritt auf breitem Fundament den letzten verfügbaren 10-Jahres Zeitraum in standardisierter Form. 25 Die Länder sind sortiert nach der durchschnittlichen Verän- derung. In Irland ist nicht nur das Einkommen in den letzten 10 Jahren ge- stiegen. Die Arbeitslosenquote ist um 8,2 Prozentpunkte (oder 3,8 Standardabweichungen des Jahres 2005, siehe Tabelle) gesunken, die wirtschaftliche Freiheit hat kräftig zugenommen, das Bildungsni- veau ist gestiegen und es werden deutlich mehr Ältere beschäftigt. Während die (wirtschaftlichen) Erfolge Irlands mittlerweile wohlbe- kannt sind, werden die Erfolge Spaniens manchmal noch unter- schätzt. Es zeigt sich aber, dass Spaniens gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fortschritt auf einem breiten Fundament steht. Auch hier ist die Arbeitslosenquote kräftig gesunken – um knapp 10 Pro- zentpunkte. Einkommen, Bildungsniveau und wirtschaftliche Freiheit haben sich deutlich verbessert. Sogar die Geburtenrate ging nach oben und die Lebenszufriedenheit der Spanier nahm zu. Diese Ver- besserungen haben Spanien von der unglücklichen Variante in die Gruppe der weniger glücklichen Länder gebracht. Nur die Schat- tenwirtschaft und die Beschäftigung Älterer zeigten keine Fortschrit- te. Erstaunlich ist auch, dass diese Veränderungen möglich waren, ohne dass eine höhere Lebenszufriedenheit als Politikziel ausgeru- fen wurde oder – wie in den glücklichen Ländern – ein Institut mit der breit angelegten Messung des Fortschritts beauftragt wurde. 25 Für Korruption und Arbeitsplatzschutz liegen keine langen Zeitreihen vor. Veränderungen seit Mitte der 90er Jahre Land Durchschnitt Glück Vertrauen Arbeitslosigkeit Ausbildung Einkommen Besch. Älterer Schattenwirtsch. Wirtsch. Freiheit Geburtenrate Irland 1,3 0,1 -0,8 3,8 1,7 3,3 1,0 0,0 1,9 0,5 Spanien 1,2 0,7 0,3 4,5 1,9 1,5 -0,2 0,0 1,4 0,5 Finnland 1,1 0,4 0,6 3,9 0,1 1,6 1,5 0,1 1,7 0,0 Schweden 0,7 0,3 0,5 0,9 0,7 1,3 0,6 0,1 1,9 0,1 Australien 0,6 0,0 1,5 0,1 1,3 1,0 -0,1 0,9 0,1 Dänemark 0,6 0,0 0,6 0,9 1,1 1,0 0,8 0,1 1,2 0,0 Kanada 0,6 1,3 0,4 1,2 0,9 -0,1 0,6 -0,1 Neuseeland 0,5 1,2 0,5 0,7 1,7 -0,2 -0,2 -0,1 UK 0,5 0,2 -1,0 1,8 0,6 1,3 0,7 0,0 0,5 0,3 Norwegen 0,5 0,1 1,1 1,5 0,5 -0,1 0,5 -0,1 Niederlande 0,5 0,2 0,6 0,7 -0,5 1,1 1,2 0,2 0,1 0,7 Italien 0,4 -0,2 -0,1 1,7 0,8 0,6 0,2 0,0 0,3 0,5 Frankreich 0,4 0,5 0,0 0,7 0,7 0,9 0,6 -0,1 -0,5 0,7 Belgien 0,4 0,0 -0,1 0,6 0,7 1,0 0,8 0,0 0,0 0,3 Griechenland 0,4 0,8 0,0 -0,6 1,1 1,3 0,2 0,1 0,6 -0,1 USA 0,3 -0,1 0,0 0,2 0,3 1,4 0,5 0,0 0,5 0,2 Schweiz 0,2 1,0 -0,5 0,2 0,6 0,3 -0,3 0,3 -0,2 Deutschland 0,2 0,1 0,0 -1,0 0,2 0,6 0,8 -0,6 1,1 0,4 Portugal 0,2 -0,3 -0,7 -0,2 0,7 0,6 0,4 0,0 1,1 0,0 Österreich 0,1 -0,6 0,2 -0,3 0,5 1,1 0,3 -0,4 0,3 0,0 Japan 0,0 0,7 -0,3 -0,6 0,5 0,6 0,0 -0,1 -0,2 -0,1 Korea -0,4 -0,4 -0,8 1,2 -0,3 -1,6 Quelle: Deutsche Bank Research Werte sind die Veränderung zwischen 1995 und 2005 (bzw. etwas andere Zeiträume je nach Datenverfügbarkeit) geteilt durch die Standardabweichung der Variablen im Jahr 2005. Dadurch sind die Größen zwischen den Variablen besser vergleichbar. Ohne die Arbeitslosenquote ergibt sich eine fast identische Rangfolge. 17 Aktuelle Themen 380 20 2. April 2007 Ganzheitliche Politik gefragt Historische Wurzeln berücksichtigen Auch in glücklichen Ländern besteht noch Raum für Verbesserungen Auch Finnland, Schweden und Dänemark haben in den letzten 10 Jahren erhebliche Fortschritte in den Dimensionen der glücklichen Variante gemacht. In allen drei Ländern nahmen Lebenszufrieden- heit, Vertrauen, Bildung und wirtschaftliche Freiheit zu, die Arbeitslo- sigkeit und die Schattenwirtschaft dagegen deutlich ab. Wenig ver- ändert hat sich nur die ohnehin seit Jahren hohe Geburtenquote. 7. Politik für eine glücklichere Variante Die bisherige Analyse hat gezeigt, wie unterschiedlich die 10 aus- gewählten Indikatoren in den 22 betrachteten Ländern ausgeprägt sind – und dass Veränderungen im Zeitablauf durchaus möglich sind. Es wurde auch deutlich, dass die glückliche Variante des Kapi- talismus durch ein Bündel von Gemeinsamkeiten gekennzeichnet ist. Somit müssen gesellschaftliche Veränderungen in Richtung der glücklichen Variante ganzheitlich angelegt sein. Klar ist auch, dass Politik, Wirtschaft, gesellschaftliche Gruppen und Individuen ge- meinsam gefordert sind, wenn echte Fortschritte erreicht werden sollen. Eine neue Vorschrift gegen Schwarzarbeit oder eine Auffor- derung mehr Freiheit zu wagen verpuffen, wenn sie nicht in ein breit angelegtes Konzept eingebettet sind. 26 Wichtig ist, dass glückliche Gesellschaften ein Bündel von Gemein- samkeiten aufweisen – und dass die heute noch weniger glückli- chen Gesellschaften ein ganzes Bündel von Maßnahmen auf einmal in Angriff nehmen müssen, wenn sie Fortschritte machen wollen. Die aktuelle Situation der Länder hat tiefe historische Wurzeln und mag durch Verwerfungen und Strukturbrüche der letzten Jahre und Jahrzehnte mit erklärt sein. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Veränderungen möglich sind. Der Staat setzt heute schon Prio- ritäten, wie nicht zuletzt die großen Staatshaushalte von zum Teil über 40% des BIP erkennen lassen. Sind diese Prioritäten so wirk- lich heute noch von der Allgemeinheit gewollt? a) Politik für die glücklichen Variante Selbst in den Ländern der glücklichen Variante ist nicht alles eitel Sonnenschein. Einige Indikatoren haben keine natürliche Ober- oder Untergrenze und können somit weiter verbessert werden. Vor- rangiges Ziel dieser Länder ist es (bzw. sollte es sein), ihre jeweili- gen Schwächen zu identifizieren und zu beseitigen. Selbst Austra- lien hat Verbesserungspotenzial: die Erwerbsbeteiligung Älterer ist mit 54% ein gutes Stück von den 70% einiger anderer Länder ent- fernt. Auch das Vertrauen in die Mitmenschen könnte höher sein. In der Schweiz stechen als Schwächen die niedrige Geburtenrate und das niedrige Vertrauen in die Mitmenschen hervor. In Kanada sind es die hohe Arbeitslosenquote und die niedrige Geburtenrate. Schwächen Großbritanniens liegen in den Bereichen Vertrauen und teilweise in der Beschäftigung Älterer. In Irland und den USA scheint die Korruption relativ hoch und das Vertrauen relativ niedrig zu sein. Dänemark sollte sich fragen, wieso die Schattenwirtschaft 17,5% des BIP ausmacht. Schweden könnte seine Arbeitslosenquote redu- zieren – was auch mit weniger Arbeitsplatzschutz einhergehen dürf- te. In Finnland ist die Arbeitslosenquote mit über 8% noch sehr hoch und das Bildungsniveau relativ niedrig. Neuseeland liegt im Ein- 26 Ähnlich argumentiert auch Nobelpreisträger Edmund Phelps (2006): „A transforma- tion of the economy to one of dynamism… can be obtained only if the economic culture and possibly other „background conditions“ are conducive…” (S. 13). Die glückliche Variante des Kapitalismus 2. April 2007 21 Größere Anstrengungen in den weniger glücklichen Ländern nötig Priorität Arbeitsmarkt in Deutschland und Frankreich Neuorientierung wäre in den heute unglücklichen Gesellschaften nötig Empfehlungen sind nicht wachstums- feindlich Neue Wege der Kommunikation und Motivation kommen relativ niedrig und sollte versuchen, seine Produktivität zu erhöhen. b) Neue Prioritäten für die weniger glückliche Variante Für die Länder, die momentan noch in die Gruppe der weniger glücklichen Länder fallen, ist der Weg natürlich weiter und die ge- sellschaftlichen Anstrengungen müssen in allen Bereichen entspre- chend größer ausfallen, wenn man in einigen Jahren zu den glückli- chen Ländern gehören will. Für alle fünf Länder gilt, dass sie sich mehr mit dem Thema Wohlergehen auseinander setzen müssten, dass sie wie die glücklichen Länder Berichte darüber erstellen und die Zugehörigkeit zur glücklichen Variante als politisches Ziel ausru- fen müssten. Für den Pfad dorthin und die einzelnen Maßnahmen können dann zunächst die hier aufgeführten 10 Indikatoren und die glücklichen Länder als Orientierung dienen. Deutschland sollte sich eine Arbeitslosenquote von 4% zum Ziel setzen. Es ist möglich. Auch die niedrige Geburtenrate sticht hervor – und ist von der Regierung bereits als Schwäche erkannt worden. In Frankreich ist ebenfalls die Arbeitslosigkeit noch immer sehr hoch und die allgemeine wirtschaftliche Freiheit niedrig. Österreich scheint vor allem in den Bereichen Korruption und Beschäftigung Älterer erhebliches Verbesserungspotenzial zu haben. Schwächen Belgiens und Spaniens sind die niedrige Beschäftigung Älterer und die große Schattenwirtschaft. c) Der weite Weg für die unglückliche Variante Während das Ziel für die Länder der weniger glücklichen Variante nicht allzu weit weg ist, scheinen sich die Länder der unglücklichen Variante komplett neu orientieren zu müssen, wenn auch sie den Weg in Richtung glückliche Variante beschreiten wollen. Portugal, Griechenland und Italien schneiden in allen 10 Indikatoren schlecht ab. Mehr Bildung, weniger staatliche Regulierung, durchgreifende Arbeitsmarktreformen und viele andere, aufeinander abgestimmte Maßnahmen erscheinen hier notwendig – und angesichts der ver- fügbaren Vorbilder in anderen Ländern langfristig machbar. Die hier vorgestellten Politikempfehlungen sind keinesfalls wachs- tumsfeindlich. Im Gegenteil: Höhere Ausbildung, weniger Arbeitslo- sigkeit, mehr wirtschaftliche Freiheit und eine höhere Beschäftigung Älterer werden langfristig auch zu höherem Einkommen führen. Die Länder mit den größten Veränderungen entlang der glücksfördern- den Dimensionen in Tabelle 17 waren auch die Länder mit dem höchsten Wachstum des BIP pro Kopf in den Jahren 2001 bis 2005 (einzige Ausnahme ist Griechenland). Der Grundgedanke dieser Studie ist, dass das BIP um weitere Ele- mente ergänzt wird und somit eine ganzheitliche Politik möglich wird. Glück und Lebenszufriedenheit sollten explizit in den Zielen der Politik vorkommen. Manche Empfehlungen decken sich auch mit Standardratschlägen der Ökonomen – allerdings ist die Kommunika- tion und Motivation völlig anders. Stefan Bergheim (+49 69 910-31727, stefan.bergheim@db.com) Aktuelle Themen 380 22 2. April 2007 Literaturverzeichnis Bergheim, Stefan (2006). BIP allein macht nicht glücklich. Deutsche Bank Research, Aktuelle Themen 367. Frankfurt am Main. Bergheim, Stefan, Marco Neuhaus und Stefan Schneider (2004). Reformstau – Ursachen und Lösungen. Deutsche Bank Re- search, Aktuelle Themen 290. Frankfurt am Main. 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World Database of Happiness, Distributio- nal Findings in Nations, Erasmus University Rotterdam. www.worlddatabaseofhappiness.eur.nl Aktuelle Themen Globale Wachstumszentren Unsere Publikationen finden Sie kostenfrei auf unserer Internetseite www.dbresearch.de Dort können Sie sich auch als regelmäßiger Empfänger unserer Publikationen per E-Mail eintragen. Für die Print-Version wenden Sie sich bitte an: Deutsche Bank Research Marketing 60262 Frankfurt am Main Fax: +49 69 910-31877 E-Mail: marketing.dbr@db.com © Copyright 2007. Deutsche Bank AG, DB Research, D-60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informationszwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorstehenden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanz- dienstleistungsaufsicht verfügt. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die in Bezug auf Anlagegeschäfte im Vereinigten Königreich der Aufsicht der Financial Services Authority unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Limited, Tokyo Branch, genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privat- kunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen. Druck: HST Offsetdruck Schadt & Tetzlaff GbR, Dieburg ISSN Print: 1430-7421 / ISSN Internet: 1435-0734 / ISSN E-Mail: 1616-5640 Fundierte, langfristige Wachstumsprognosen stehen nach der New Economy-Euphorie und einigen Krisen in Schwellenländern wieder im Blickpunkt. Deutsche Bank Research analysiert mit einer innovativen Verzahnung von moderner Wachstumstheorie, neuesten Methoden der Wachstumsempirie und systematischer Trend- analyse die langfristigen Wachstumsperspektiven von 34 Ländern. Wir identifizieren Wachstumsstars, erklären die Ursachen der Erfolge und ziehen Schlussfolgerungen für Unternehmen, Anleger und Politiker. BIP allein macht nicht glücklich Wohlergehen messen ist sinnvoll, aber schwierig Nr. 367 ........................................................................................................................................... 4. Oktober 2006 Japan 2020 – ein steiniger Weg Schrumpfende Bevölkerung und langsame Öffnung bremsen das Wirtschaftswachstum Nr. 365 .................................................................................................................................... 18. September 2006 Inshoring-Ziel Deutschland Globale Vernetzung ist keine Einbahnstraße Nr. 346 ......................................................................................................................................... 28. Februar 2006 Hurra, wir leben länger! Gesundheit und langes Leben als Wachstumsmotoren Nr. 345 ......................................................................................................................................... 21. Februar 2006 Dynamische Branchen begünstigen globale Wachstumszentren Nr. 332 ...........................................................................................................................................26. August 2005
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