1. Research
  2. Produkte & Themen
  3. Publikationsreihen
  4. Deutschland-Monitor
18. August 2008
Früher galt das Bruttoinlandsprodukt als alleiniges Fortschrittsmaß, doch zunehmend gewinnen breiter angelegte Maße für Wohlergehen an Bedeutung. Die Theorien gesellschaftlichen Fortschritts verwenden vielfach ähnliche Variablen, die sich tendenziell Hand in Hand entwickeln: Lebenszufriedenheit, Freiheit, Vertrauen, Bildungsniveau, Einkommen, Beschäftigung, Effektivität des Staates, Stand der Demokratie, Korruptionsabbau, Toleranz, Engagement und Innovation. Während z.B. skandinavische Länder in vielen Bereichen führen, hat Deutschland Verbesserungspotenzial, besonders in den Bereichen Bildung, Beschäftigung, Effektivität des Staates, Korruption und Qualität der Demokratie. Um nachhaltigen Fortschritt zu erzielen, sind alle gefragt: Bund und Länder, Gemeinden, Unternehmen und Individuen. [mehr]
Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts: Freiheit, Vertrauen, Toleranz, Bildung und vieles mehr *********** * **** * ************** * *** * Autor Stefan Bergheim +49 69 910-31727 stefan.bergheim@db.com Editor Stefan Schneider Publikationsassistenz Pia Johnson Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland Internet: www.dbresearch.de E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 DB Research Management Norbert Walter 18. August 2008 Fortschritt wird immer seltener allein mit dem Bruttoinlandsprodukt gemessen. Gleichzeitig geht die Suche nach den tiefen Wurzeln wirtschaftlichen Wachstums weiter. An der Schnittstelle dieser beiden Entwicklungen und verschiedener Di s- ziplinen ergeben sich interessante Einblicke. ******** ************** ********** **** ******* ************** * ********** ******* Aus der Sicht von Nelson und Winter, Hayek, Sen sowie Inglehart und Welzel entwickeln sich eine Vielzahl von Variablen tendenziell Hand in Hand: Lebenszufriedenheit, Freiheit, Vertrauen, Bildungsniveau, Einkommen, Beschäftigung, Effektivität des Staates, Stand der Demokratie, Korruptionsabbau, Toleranz, Engagement und Innovation. ********** **!*" #$*%&**** *'***********(* *** ******'******** ******** **** *****)* **!!** * Skandinavische Länder, aber auch einige angelsächsische Länder und die Niederlande liegen in vielen Bereichen vorne. *************************+ ,* **'**********+********** Besonders in den Bereichen Bildung, Beschäftigung, Effektivität des Staates, Korruption und Qualität der Demokratie besteht im internationalen Vergleich Verbesserungspotenzial. ** **** ************* * ********* ***** *-**** ************ ****** **.*** **********/***** ** Fortschritt ist nachhaltig, wenn viele Berei- che auf mehreren Ebenen gleichzeitig und konsistent angegangen werden: Bund und Länder, Gemeinden, Unternehmen und Individuen sind alle gefragt. In den letzten 10 Jahren haben Spanien, die Niederlande und Australien in vielen Berei- chen besonders deutliche Fortschritte gemacht. ***** *****0**** ********* *********** **** ***** Freiheit, Vertrauen, Toleranz, Bildung und vieles mehr 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: Weltbank, Eurobarometer & World Database of Happiness #*********1**** *************** *2** ********* Horizontal: Lebenszufriedenheit in 2005; vertikal: Effektivität des Staates in 2006 DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Lebenszufriedenheit der Menschen CA AU FI Effektivität des Staates IE CH BE AT Aktuelle Themen 426 2 18. August 2008 * ****% **********34" *&* *** ** *** Code Land Code Land AT Österreich GR Griechenland AU Australien IE Irland BE Belgien IT Italien CA Kanada NL Niederlande CH Schw eiz NO Norw egen DE Deutschland NZ Neuseeland DK Dänemark PT Portugal ES Spanien SE Schw eden FI Finnland UK UK FR Frankreich US USA Quelle: International Organization for Standardization Inhaltsverzeichnis I. Einleitung..................................................................................3 II. Vier mal 10 Empfehlungen ......................................................4 III. Theorien wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung............................................................................8 IV. Den Fortschritt quantifizieren ...............................................12 V. Veränderungen sind möglich.................................................14 VI. Die Variablen im Einzelnen ..................................................16 1. Lebenszufriedenheit.........................................................16 2. Freiheit und Kontrolle.......................................................17 3. Vertrauen in die Mitmenschen .........................................18 4. Hochschulausbildung.......................................................19 5. Mehr Einkommen öffnet Möglichkeiten............................20 6. Beschäftigung tut gut .......................................................21 7. Geburtenrate – Vertrauen über Generationen.................22 8. Effektiver Staat setzt Prioritäten.......................................23 9. Funktionierende Demokratien im Vorteil..........................24 10. Korruption bremst Fortschritt .........................................25 11. Toleranz – Talente – Technologie...................................26 12. Engagement für die Allgemeinheit .................................27 13. Vernetzung: Technologie hilft.........................................28 14. Innovation braucht passendes Umfeld ..........................29 15. Zugang zu Kapital ..........................................................30 VII. Viel mehr Variablen.............................................................31 Literaturüberblick.......................................................................32 Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 3 Fokus auf wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt Langfristige Wachstumsanalyse Glückliche Variante des Kapitalismus Deutschland 2020 Reformstau Deutschland Schritte auf dem Weg zur glücklichen Variante des Kapitalismus 16 Variablen für 20 Länder Kombination von „harten“ und „weichen“ Daten Fortschritt durch Versuch und Irrtum 3* *# ******* ** * Mit den schwierigen Themen rund um wirtschaftlichen und gesell- schaftlichen Fortschritt beschäftigt sich Deutsche Bank Research seit Jahren. Dennoch blieben viele Fragen offen, von denen einige in dieser Studie aufgegriffen werden. — Die empirische Wachstumsanalyse hat gezeigt, dass sich Ein- kommen, Sachkapital, Humankapital und die Qualität der Institu- tionen innerhalb eines Landes alle Hand in Hand miteinander entwickeln. Offen blieb jedoch, warum die Entwicklung in man- chen Ländern schneller voran geht als in anderen. — „Die glückliche Variante des Kapitalismus“ hat gezeigt, dass die Länder mit hoher Lebenszufriedenheit der Menschen viele Ge- meinsamkeiten aufweisen. Offen blieb aber, wie ein Land von der „weniger glücklichen“ zur „glücklichen Variante“ des Kapitalismus kommen kann. — Im Projekt „Deutschland im Jahr 2020“ wurde ein Strukturwandel skizziert und konkrete Politikmaßnahmen empfohlen. Für intensi- ve Vergleiche Deutschlands mit anderen Ländern blieb jedoch nicht genügend Raum. — Der Reformstau in Deutschland wird teilweise auf das niedrige Vertrauen in die Mitmenschen zurückgeführt. Selten wird analy- siert, ob und wie Reformen vertrauensfördernd wirken können. Fokus auf Handlungsempfehlungen und Theorie Schwerpunkte der vorliegenden Studie sind erstens Handlungsemp- fehlungen, die Deutschland in Richtung der „glücklichen Variante des Kapitalismus“ und gleichzeitig auf einen steileren Wachstums- pfad bringen können. Zweiter Fokus sind Theorien des gesellschaft- lichen und wirtschaftlichen Fortschritts, die sich mit den tiefen Wur- zeln von Entwicklung beschäftigen. Mit ihnen soll das ganze Spekt- rum relevanter Größen identifiziert werden. Auf die beiden kurzen Kapitel zu den Handlungsempfehlungen und zu den Theorien folgt ein ausführlicher Datenteil. Für 20 OECD- Länder werden 16 Variablen vorgestellt, die alle sowohl theoretisch als auch empirisch eine Verbindung zum Wohlergehen der Men- schen aufweisen. Ein Schwerpunkt liegt auf den Interaktionen zwi- schen den verschiedenen Variablen; ein zweiter auf der Stellung Deutschlands im internationalen Vergleich. Die Studie verwendet eine Mischung aus „weichen“ Umfragedaten und „harten“ volkswirtschaftlichen Daten. Sie verbindet Einblicke aus der Wachstumsanalyse, der Glücksforschung, der Sozialkapitalfor- schung, sowie von Historikern, Soziologen, Psychologen, Politolo- gen und Philosophen. Die Quervernetzung verschiedener Themen und Disziplinen soll Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzeigen. Nicht alle Aussagen lassen sich im klassischen Sinne wissenschaft- lich beweisen. In vielen Aspekten handelt es sich hier um „Mode 2“- Forschung, wie sie von Michael Gibbons und Kollegen beschrieben wurde: problemorientiert, interdisziplinär und realitätsnah. Auch Hayek hielt es für unmöglich, immer beweisbare Ergebnisse zu fin- den: Versuch und Irrtum entwickeln die spontane Ordnung weiter. Am Ende der Studie findet sich ein kommentiertes Quellenverzeich- nis, sodass zur leichteren Lesbarkeit auf Fußnoten im Text verzich- tet werden kann. Aktuelle Themen 426 4 18. August 2008 Vier Filter für die Handlungs- empfehlungen Theorie, Daten, Literatur und Erfahrungen aus anderen Ländern 33* **** **** 5! *#*6** ****** * * Kernelement dieser Studie sind Handlungsvorschläge für Deutsch- land, für deren Auswahl vier Filter verwendet wurden. (1) Was sind die wirklich wichtigen und relevanten Aspekte von Fortschritt und Lebenszufriedenheit? (2) Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich relativ schlecht da? (3) Wo können Veränderungen ganz konkret ansetzen? (4) Wo haben Veränderungen aufgrund der en- gen Verbindungen zwischen den verschiedenen Variablen mögli- cherweise besonders deutliche Langfristwirkungen, da sie Verbes- serungen in anderen Bereichen nach sich ziehen können? Die Empfehlungen berücksichtigen die Datenlage, wie sie auf den Seiten 12 bis 31 dargestellt ist, die Theorien gesellschaftlicher Ent- wicklung (Seiten 8 ff), die Erfahrungen anderer Länder und die aka- demische Literatur (siehe den kommentierten Literaturüberblick auf den Seiten 32 bis 35). Nachhaltige Veränderungen sind nur möglich, wenn viele Bereiche auf mehreren Ebenen gleichzeitig und konsis- tent angegangen werden: Bund und Länder, Gemeinden, Unter- nehmen und Individuen sind alle gefragt. Die Empfehlungen können unmöglich allumfassend sein, sollen aber auf die Vielzahl von Akteu- ren und Handlungsfeldern hinweisen. 1. Bund und Länder 1.1 Mehr Verantwortung für Städte und Gemeinden. Bund und Länder könnten noch mehr loslassen, Freiraum geben und Subsidi- arität leben. Sie selbst sollten sich stärker auf die Formulierung von übergreifenden Zielen konzentrieren sowie auf Beobachtung und Vergleiche (Evaluation). 1.2 Dem Einzelnen mehr Verantwortung überlassen. Im Zweifel lieber dem Staat weniger Verantwortung zugestehen und stattdes- sen die Rolle des Einzelnen stärken. 1.3 Hochschulabsolventenquote von 40% anstreben. Bildung stellt sich immer wieder als Schlüssel für Entwicklung heraus. In Deutschland absolvieren momentan nur etwa 25% eines Jahrgangs ein (Fach-)Hochschulstudium (inklusive Meister) erfolgreich, anders- wo sind es teilweise doppelt so viele. 1.4 Arbeitslosenquote auf 4% senken. Andere Länder zeigen, wie Vollbeschäftigung zu erreichen ist. 1.5 Mehr direkte Demokratie zulassen. Bürger- und Volksbegeh- ren (und Entscheide) über lokale und regionale Themen sollten noch leichter werden und häufiger angewendet werden. Mitsprache ist unmittelbar glücksfördernd und Bürger haben oftmals ein gutes Ge- spür dafür, was gut und richtig ist bzw. fördern Probleme an anderer Stelle zutage. Voraussetzung dafür – aber auch positive Nebenwir- kung – wäre eine qualitativ höherwertige Medienberichterstattung. 1.6 Breitbandzugang für alle. Vernetzung ist im 21. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht wichtig, ähnlich wie der Autobahnanschluss im 20. Jahrhundert. In Deutschland hatten 2006 nur 15% der Haushalte einen Breitbandanschluss. 1.7 Den dritten Sektor stärken. Die Zivilgesellschaft hilft auch, die Wünsche der Menschen zu aggregieren. Ein breiteres Spektrum an Organisationen und Themen kann hier hilfreich sein. 1.8 Asymmetrische Sanktionen in der Korruptionsbekämpfung stärken. Forscher zeigen, dass der Schutz von Hinweisgebern und Informanten entscheidend ist. Wenn Empfänger von Bestechungs- Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 5 Politikgestaltung in Städten und Gemeinden geldern keine Strafe befürchten müssen, werden sie eher zur Aus- sage bereit sein. 1.9 Akzeptanz staatlicher Systeme stärken. Das Vertrauen in die deutschen Sozialversicherungssysteme leidet darunter, dass die Regeln zu kompliziert und nicht für alle gleich sind. Laut Rothstein und Stolle sind universelle Systeme vertrauensbildend, in denen jeder nach einfachen Regeln behandelt wird – immer mit der Option einer privaten Zusatzversorgung. Im Bildungs-, Gesundheits- und Rentensystem Deutschlands scheint es Potenzial für Veränderun- gen in Richtung nicht-diskriminierender Systeme zu geben. 1.10 Breitere Politikfolgenabschätzung. Oft genug werden politi- sche Maßnahmen höchstens hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Staatshaushalt oder das Wirtschaftswachstum bewertet. In moder- nen Gesellschaften sollten die Auswirkungen auf Lebenszufrieden- heit, individuelle Freiheit und Vertrauen in die Mitmenschen eben- falls diskutiert werden. Eine ressortübergreifende Politik ist dafür unabdingbar. 2. Städte und Gemeinden Während Bund und Länder den rechtlichen Rahmen und eventuell nationale Ziele vorgeben, bleibt die Ausgestaltung vieler wichtiger Politikbereiche am besten den Städten und Gemeinden überlassen. 2.1 Befragen. Manche Städte und Gemeinden erfassen nicht sys- tematisch, welche Sorgen ihre Bürger haben. Befragungen – am besten auf vergleichbarer Basis – können das ändern. Nur was ge- messen wird, kann auch gesteuert werden. In Großbritannien wur- den damit gute Erfahrungen gemacht: Würden Sie gerne wegzie- hen? Wie wohl fühlen Sie sich? 2.2 Frühkindliche Erziehung stärken. Bildung nährt Bildung, Le- benszufriedenheit, Engagement und vieles mehr. Nicht alle Familien können das ihren Kindern selbst mitgeben. Daher ist ein Ausbau der staatlichen und privaten Kinderbetreuung essenziell. 2.3 Schulabbrecherquote minimieren. Noch immer verlassen etwa 8% eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss. Eine enge Zusammenarbeit staatlicher und privater Institutionen kann helfen, diesen Anteil deutlich zu reduzieren. 2.4 Schulen zu Zentren des Engagements weiterentwickeln. Eine intensive Einbindung von Eltern, Vereinen und privaten Anbie- tern kann noch mehr Schulen zu Orten machen, an denen die gan- ze Woche über Bildung und Zusammenhalt gelebt werden. 2.5 Neue Erdenbürger begleiten. Die ersten Lebensjahre sind prägend für das Vertrauen, das Kinder in ihre Mitmenschen setzen. Ein Angebot an Familienbetreuern wie in Skandinavien kann den Eltern den Weg durch den Dschungel von Formularen, Institutionen und anderen Herausforderungen erleichtern. 2.6 Zugezogene aktiver begrüßen. Mobilität kann zu Anonymität in modernen Großstädten führen. Städte und Gemeinden sollten ihre Angebote für Zugezogene ausbauen: informative Webseiten, Ver- netzung mit (Alt-)Einwohnern, Veranstaltungen, gemeinsame Pake- te von Stadt, Vereinen und Schulen. www.upmystreet.com ist ein interessantes Beispiel. 2.7 Mentoring und Austauschprogramme stärken. Für Alt und Jung, Wirtschaft und Wissenschaft können sich hier neue Perspekti- ven eröffnen, wenn Erfahrungen an andere weitergegeben werden. Aktuelle Themen 426 6 18. August 2008 Verantwortung der Unternehmen 2.8 Identifikation mit der Gemeinde stärken. Feste, gemeinsame Projekte, Sportveranstaltungen usw. können Kennenlernen und Zusammenhalt in der Gemeinde verbessern. 2.9 Mehr Autonomie für die Stadtteile. Eigene Budgets stärken Verantwortung und Zusammenhalt. 2.10 Freiwilligentätigkeit stärken. Plattformen, Informationen, Aus- zeichnungen und vieles mehr können zu verstärkter Freiwilligentä- tigkeit beitragen. 3. Die Unternehmen Auch die Unternehmer und Unternehmen haben eine Verantwortung für den gesellschaftlichen Fortschritt des Landes. Sie können sich intern auf die neuen Anforderungen einstellen und sich extern mit anderen Akteuren vernetzen, um das gegenseitige Vertrauen zu stärken. 3.1 Anti-Korruption fest verankern und durchsetzen. Höchste interne Standards in Unternehmen sind wichtig, eventuell ergänzt um externe Verpflichtungserklärungen. Gemeinsames Ziel könnte sein, Deutschland im Ranking von Transparency International unter die ersten 5 zu bringen, also mit Schweden und der Schweiz gleich- zuziehen (siehe Seite 25). 3.2 Mitarbeiter weiterbilden bzw. Eigeninitiative fördern. Auch wenn es zuletzt in Deutschland viele Veränderungen gab, so bleibt lebenslanges Lernen unterentwickelt. Mehr Information und Akzep- tanz können dazu führen, dass Weiterbildung nicht nur in Gesetzen und Werbebroschüren vorkommt, sondern gelebt wird – immer im Zusammenspiel mit der Verantwortung des Einzelnen für sein Hu- mankapital. 3.3 Mehr ältere Mitarbeiter beschäftigen. Die noch immer zu nied- rige Beschäftigungsquote Älterer hat viele Gründe. Die Unterneh- men sind gefragt, flexible Entlohnungs- und Beschäftigungsstruktu- ren auszubauen, die es beispielsweise auch einem 60-Jährigen ehemaligen Dachdecker ermöglichen, an der Supermarktkasse zu arbeiten. 3.4 Projektwirtschaft leben. Vertrauensvolle und vertrauensbilden- de Zusammenarbeit über Team-, Disziplinen- und Firmengrenzen hinweg kann neue Werte für das eigene Unternehmen schaffen. 3.5 Partnerschaften mit Bürgerinitiativen am Unternehmens- standort, um den Wissensaustausch mit der Zivilgesellschaft zu pflegen. 3.6 Offene, hierarchiefreie Kommunikationskultur pflegen. Im- mer mehr Menschen schätzen ihre Freiheit und Selbständigkeit. In hierarchisch strukturierten Organisationen können die Potenziale dieser Menschen nicht richtig genutzt werden. Wirtschaftliche Frei- heit und Mitsprache beginnen ganz unten. 3.7 Vertrauensstärkende Personalpolitik. Moderne Organisatio- nen stärken das Vertrauen der Mitarbeiter untereinander und zur Firma. Wertschätzung, neue berufliche Perspektiven, Vernetzung sind wichtig für Produktivität und Loyalität der Mitarbeiter. 3.8 Bildung fördern, beispielsweise mit Stipendien für begabte Kinder aus ärmeren Familien. 3.9 Kreativitätskultur pflegen. Freiraum für die Entdeckung und die Entwicklung von Neuem und Ungewöhnlichem geben. 3.10 Freiwilliges Engagement der Mitarbeiter unterstützen, bei- spielsweise mit Sonderurlaub. Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 7 Die Menschen treiben die Veränderung 4. Jeder Einzelne Ohne die Menschen ist wirkliche Veränderung nicht möglich. Fort- schritt muss tief verankert sein, von den Menschen getragen werden und sie mitnehmen. Ein Blick über die Landesgrenzen kann helfen: Nicht jeder weiß, was in anderen Ländern gelebt wird. Und Psycho- logie und Glücksforschung zeigen, dass der Einzelne nicht immer das tut, was seinem Glück wirklich zuträglich ist. 4.1 Mehr Verantwortung für das eigene Leben übernehmen. Die Deutschen werden vermutlich nie so viel Eigenverantwortung an- nehmen wie die Amerikaner oder die Kanadier. Aber auch in Deutschland sollte es möglich sein, öfter selbst die Verantwortung für z.B. die berufliche oder materielle Situation zu übernehmen, statt sie anderen oder einem größeren Kollektiv zuzuschreiben (siehe Seite 17). 4.2 (Weiter)bilden. Jeder Mensch trägt selbst die Verantwortung für sein Humankapital bzw. seine Beschäftigungsfähigkeit und die Situ- ation seiner Kinder. Eine möglichst hohe Bildung für sich und seine Kinder anzustreben ist essenziell. 4.3 Engagieren. Demokratie funktioniert dann gut, wenn sich die Menschen auf allen Ebenen engagieren. Eine E-Mail an den Bun- destagsabgeordneten, ein Brief an die Stadtverwaltung oder das Engagement in einer (lokalen) Bürgerinitiative sind für jeden Bürger möglich und sorgen dafür, dass Kontrolle über den politischen Pro- zess und die Eliten ausgeübt wird. 4.4 Soziales Umfeld pflegen. Zufriedenheit und Vertrauen haben ihre Wurzeln im unmittelbaren Umfeld. Freunde und Familie sind in allen Gesellschaften wichtige Quellen des Glücks – und brauchen viel Zeit und Pflege. 4.5 Bis in höheres Lebensalter arbeiten. Und das nicht notwendi- gerweise im 40 Jahre zuvor erlernten Beruf. 4.6 Brücken schlagen. Das Zusammensein mit Gleichen ist relativ leicht und sicherlich glücksfördernd. Schwieriger, vermutlich aber gesellschaftlich mindestens ebenso relevant, ist der Brückenschlag zu Menschen die etwas anders sind – ob in Hautfarbe, Bildungs- stand oder Alter. 4.7 Weniger Fernsehen. Wer weniger fernsieht ist glücklicher, ge- sünder und hat mehr Zeit für Freunde und für andere Aktivitäten. 4.8 Erziehung zu Vertrauen. Eltern haben einen entscheidenden Einfluss auf die Lebenseinstellung ihrer Kinder. Eine vertrauensvol- le, offene Erziehung zu (Selbst-)Respekt und Toleranz trägt jahr- zehntelang Früchte. 4.9 Freundlicher Umgang mit anderen Menschen. Ob an der Supermarktkasse, im Straßenverkehr oder anderswo: Ein freundli- cher Umgang mit anderen kann positive Rückwirkungen haben, das Vertrauen zwischen den Menschen stärken, mit wenig Aufwand ein höheres Gleichgewicht erreichen und auf viele andere Bereiche ausstrahlen. 4.10 Vertrauen und Kontrollieren. Volkszählung und digitale Ge- sundheitskarte sind für Effizienz und Steuerung eines Landes wich- tig. Notwendig hierfür sind Vertrauen in die richtige Verwendung der Daten und wo nötig eine durchführbare Kontrolle. Aktuelle Themen 426 8 18. August 2008 Theoretisches Fundament der Hand- lungsempfehlungen Variablen entwickeln sich Hand in Hand Evolution ist Selbsttransformation zu mehr Komplexität Alte Routinen über Bord werfen 333*** *** *** *** ** *** ***** * ********** *% *** ****** * *#********** * * Die oben aufgeführten Handlungsempfehlungen stehen auf einem theoretischen Fundament, welches hier kurz skizziert werden soll. Der Fokus der Darstellung liegt auf dem Glück oder der Lebenszu- friedenheit der Menschen, welches in einem engen Zusammenhang zu vielen anderen Variablen steht. Es zeigt sich, dass die verschie- denen Theorien gesellschaftlicher Entwicklung immer wieder die gleichen Variablen verwenden, wie im Schaubild unten skizziert. Zudem ist allen Theorien gemeinsam, dass sie die Komplementari- tät der verschiedenen Variablen und Aspekte der Entwicklung beto- nen. Die relevanten Variablen entwickeln sich Hand in Hand. So wird es beispielsweise ohne Bildung in der Regel kein hohes Ein- kommen geben. „Evolutionäre Theorie wirtschaftlichen Wandels“ von Nelson und Winter Ökonomen befassen sich seit Jahrzehnten mit Theorien des wirt- schaftlichen Fortschritts. Einen systematischen und realistischen – jedoch schwer quantitativ zu fassenden und somit leider wenig pro- minenten – Beitrag lieferten Richard Nelson und Sidney Winter mit ihrem 1982 erschienenen Buch „An evolutionary theory of economic change“. Evolution kann definiert werden als die Selbsttransformati- on eines Systems im Zeitablauf, in der Regel von niedriger Komple- xität zu höherer Komplexität. Aufbauend auf Josef Schumpeter modellieren sie eine Volkswirt- schaft, in der Unternehmen zunächst den Routinen und Daumenre- geln der Vergangenheit folgen (und eben nicht jeden Moment ihren Gewinn optimieren). Wenn auf Grund niedriger Gewinne die Not- wendigkeit besteht und/oder sich aus dem Umfeld der Firmen leich- te Gelegenheiten bieten, so imitiert ein Unternehmen die Technik eines erfolgreicheren Konkurrenten oder wirft sogar mit Hilfe eigener Innovation die alten Routinen über Bord. Mehr Unternehmen ver- wenden nun eine bessere Technologie (Routine) als zuvor, Produk- tivität und Gewinne steigen, aber auch der Druck auf die Unterneh- men, die nun die relativ schlechten Routinen verwenden. Effektiver Staat Engagement Vernetzung Toleranz Zufriedenheit Geburtenrate Freiheit & Kontrolle Einkommen Wenig Korruption Demokratie Bildung Kapitalmarktzugang Innovation Vertrauen Sen Inglehart & Welzel Nelson & Winter Hayek Beschäftigung Effektiver Staat Engagement Vernetzung Toleranz Zufriedenheit Geburtenrate Freiheit & Kontrolle Einkommen Wenig Korruption Demokratie Bildung Kapitalmarktzugang Innovation Vertrauen Sen Inglehart & Welzel Nelson & Winter Hayek * *** *** **** **** ******** #******* * ** ** 7 ** ***** Quelle: Deutsche Bank Research Effektiver Staat Engagement Vernetzung Toleranz Zufriedenheit Geburtenrate Freiheit & Kontrolle Einkommen Wenig Korruption Demokratie Bildung Kapitalmarktzugang Innovation Vertrauen Sen Inglehart & Welzel Nelson & Winter Hayek Beschäftigung Effektiver Staat Engagement Vernetzung Toleranz Zufriedenheit Geburtenrate Freiheit & Kontrolle Einkommen Wenig Korruption Demokratie Bildung Kapitalmarktzugang Innovation Vertrauen Sen Inglehart & Welzel Nelson & Winter Hayek * *** *** **** **** ******** #******* * ** ** 7 ** ***** Quelle: Deutsche Bank Research 5 * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 9 Wettbewerb, Bildung, Innovation, Wohlstand Mehr als nur wirtschaftliche Aspekte Existierendes System allmählich weiterzuentwickeln Hume, Smith und Darwin als geistige Väter Lernen von anderen Fokus auf Vertrauen, Freiheit, Vernetzung und Innovation Breite Verwirklichungschancen Freiheit ist Ziel von und Vorausset- zung für Entwicklung Veränderung, wirtschaftliche Entwicklung und Fortschritt sind die zentralen Fragestellungen dieser Theorie. Wie kann Fortschritt be- schleunigt werden? Durch mehr/klügeren Wettbewerb/Selektion, bessere Ausbildung und leichtere Innovation, was dann zu höherem Einkommen und Wohlstand führt. Offen lassen Nelson und Winter jedoch, welche tieferen gesellschaftlichen Bedingungen für diesen Fortschritt gegeben sein müssen. Die „Kulturelle Evolution“ von Hayek Auch Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) hat sich intensiv damit befasst, wie sich Gesellschaften entwickeln. Seine Theorie der kulturellen Evolution, wie in „The fatal conceit“ von 1988 skiz- ziert, geht über die rein wirtschaftlichen Aspekte von Nelson und Winter – die er nicht zitiert – hinaus. Sie entstand in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund des Sys- temwettbewerbs mit dem damals noch real existierenden Sozialis- mus. Hayeks Grundthese ist, dass man gesellschaftliche Systeme nicht im Kopf oder auf dem Reißbrett entwickeln kann. Vielmehr können wir uns höchstens bemühen, ein existierendes System allmählich weiterzuentwickeln. Gestaltung und Veränderung sind möglich, aber nicht einfach. Hayek baut auf den Ideen von David Hume, Adam Smith und Charles Darwin auf: Gesellschaften prosperieren, wenn ihre Struktu- ren sie in die Lage versetzen, relativ gut auf Veränderungen in ihrem Umfeld zu reagieren. Es setzen sich die Fähigkeiten und Prozesse durch, die sich im alltäglichen Wettbewerb bewähren. Im Unterschied zur biologischen Evolution ist gesellschaftliche Ent- wicklung jedoch nicht nur auf Vererbung von guten Genen oder Mutationen angewiesen. Vielmehr können wir erprobte, erfolgreiche Qualitäten relativ schnell von einer großen Zahl von Ahnen über- nehmen. Im 21. Jahrhundert ermöglichen uns zudem moderne In- formations- und Kommunikationstechniken, auch von weiter entfern- ten Gesellschaften zu lernen. Was sind nun laut Hayek die Eigenschaften und Erfolgsmerkmale einer prosperierenden Gesellschaft? Er nennt Privateigentum, Rechtssicherheit (Vertrauen), individuelle Freiheit, Kooperation (Vernetzung), Innovationsfähigkeit, hohes Einkommen und Bevölke- rungswachstum. „Entwicklung als Freiheit“ laut Amartya Sen Während bei Nelson und Winter das Unternehmen im Mittelpunkt der Analyse steht und bei Hayek die Gesellschaft als Ganzes, dreht sich beim Nobelpreisträger Amartya Sen – der Hayek intensiv zitiert – alles um den Menschen. Ein hoher Entwicklungsstand ist für ihn gleichbedeutend mit einem hohen Maß an Freiheit und Verwirkli- chungschancen des Einzelnen. Soziale, ökonomische und politische Chancen sowie sozialer Schutz und ökologische Sicherheit sind das Umfeld, in dem Menschen ihre individuellen Potenziale nutzen kön- nen. Freiheit in all ihren Dimensionen ist gleichzeitig Ziel von und Voraussetzung für Entwicklung. Mit seinen fünf Freiheiten deckt Sen ein breites Spektrum an Variab- len ab: 1. Wirtschaftliche Möglichkeiten: materielle Ressourcen und Ein- kommen, aber auch Zugang der Unternehmen zu Finanzkapital. 2. Politische Freiheit: Mitspracherechte und Wahlmöglichkeiten. Aktuelle Themen 426 10 18. August 2008 Gemeinsame Entwicklung der verschiedenen Institutionen In Richtung empirische Analyse Sozioökonomische Entwicklung, emanzipatorischer kultureller Wandel und Demokratisierung Mehr Wahlmöglichkeiten Kausalität von Wirtschaft zu Kultur und dann zu Institutionen 3. Soziale Chancen: Bildung, Gesundheitsversorgung und andere Einrichtungen, die aus sich selbst heraus wichtig sind, aber auch die wirtschaftliche und politische Beteiligung erleichtern. 4. Transparenz: Offenheit, die Vertrauen ermöglicht und Korruption verhindert. 5. Absicherung: Ein Sicherheitsnetz, das extreme Not verhindert wenn sich das Umfeld des Einzelnen massiv verschlechtert. Sen gesteht aber selbst ein, dass es keinen Königsweg zur Bewer- tung von Wirtschafts- und Sozialpolitik gibt. Angesichts der vielen miteinander verbundenen Freiheiten spricht er sich dafür aus, die verschiedenen Institutionen gemeinsam zu entwickeln: Demokratie, rechtlicher Rahmen, Marktstrukturen, Bildungs- und Gesundheits- system, Medien, Kommunikationskanäle und vieles mehr. Die Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung von Inglehart und Welzel Ronald Inglehart und Christian Welzel verwenden in ihrer Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung (oder: Humanentwicklung) sehr ähnliche Ideen wie Hayek, auch wenn sie in ihren Publikationen von 2003 und 2005 weder ihn noch Nelson und Winter zitieren. Die Ver- bindung zur Ideenwelt von Sen ist dagegen explizit. Die Analyse von Inglehart und Welzel ist eher empirischer Art: Sie verwenden inten- siv die Daten des von ihnen betreuten World Values Survey. Für Inglehart und Welzel ist gesellschaftliche Entwicklung bzw. sozi- aler Fortschritt durch drei eng miteinander verschränkte Elemente charakterisiert: sozioökonomische Entwicklung, emanzipatorischer kultureller (Werte-)Wandel und Demokratisierung (siehe Grafik 2). Gemeinsam ist diesen drei Elementen, dass sie die Wahlmöglichkei- ten der Menschen durch mehr individuelle Ressourcen (Einkom- men), zusätzliche Prioritäten und mehr Freiheit erweitern. Diese Definition von Fortschritt umfasst auch den Entwicklungsbegriff Sens, die Verwirklichungschancen. Auch Inglehart und Welzel sehen die Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung. Ihre Analysen zeigen, dass die Kausalität von stei- gendem Einkommen und emanzipatorischem Wertewandel hin zu mehr Freiheit läuft. In der Grafik unten wird dies durch den Pfeil angedeutet, der von der Sphäre der Ressourcen über die Werte zu den Regeln führt. Möglich und effektiv wird dieser Wandel jedoch nur durch die Unterstützung integerer Eliten. Korruption ist für Ingle- hart und Welzel ein Zeichen, dass Eliten der Bevölkerung Rechte vorenthalten, wodurch gesellschaftlicher Fortschritt behindert wird. Wirtschaftlich Prozess Kulturell Institutionell Wirtschaftliche Entwicklung Komponenten Empanzipato- rische Werte Individuelle Ressourcen Freiheits- rechte Erweitert Prioritäten Erweitert Möglichkeiten Erweitert Rechte Demokratisierung Wirkung Kausalität Von Ressourcen zu Werten und dann zu Regeln ** *. *'******* *** ********** *#* ******* ** Quelle: Welzel, Inglehart & Klingemann (2003) S. 346 und Inglehart & Welzel (2005) S. 3, Zusammenstellung und Übersetzung von Deutsche Bank Research Wirtschaftlich Prozess Kulturell Institutionell Wirtschaftliche Entwicklung Komponenten Individuelle Ressourcen rechte Erweitert Erweitert Möglichkeiten Erweitert Rechte Emanzipato- Demokratisierung Wirkung Kausalität Von Ressourcen zu Werten und dann zu Regeln rischer Wandel Wirtschaftlich Prozess Kulturell Institutionell Wirtschaftliche Entwicklung Komponenten Empanzipato- rische Werte Individuelle Ressourcen Freiheits- rechte Erweitert Prioritäten Erweitert Möglichkeiten Erweitert Rechte Demokratisierung Wirkung Kausalität Von Ressourcen zu Werten und dann zu Regeln ** *. *'******* *** ********** *#* ******* ** Quelle: Welzel, Inglehart & Klingemann (2003) S. 346 und Inglehart & Welzel (2005) S. 3, Zusammenstellung und Übersetzung von Deutsche Bank Research Wirtschaftlich Prozess Kulturell Institutionell Wirtschaftliche Entwicklung Komponenten Individuelle Ressourcen rechte Erweitert Erweitert Möglichkeiten Erweitert Rechte Emanzipato- Demokratisierung Wirkung Kausalität Von Ressourcen zu Werten und dann zu Regeln rischer Wandel * * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 11 Viele Variablen: Einkommen, Bildung, Toleranz, Vertrauen, Demokratie, Korruption… Prioritäten für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Europas Größe und Verteilung des Kuchens Die Theorie ist sehr umfassend und verwendet in den drei Berei- chen eine Vielzahl von Maßen: (i) Sozioökonomische Entwicklung: Einkommen, Bildung, Inno- vation, Gesundheit usw. (ii) Emanzipatorischer Wandel: Traditionelle Konformität, Unterord- nung und Hierarchie wird immer mehr durch moderne Emanzipa- tion, Freiheit und Wahl des Einzelnen ersetzt. Toleranz und Ver- trauen werden stärker. (iii) Demokratisierung: v.a. mehr ziviles Engagement, direkte Demo- kratie und Abwesenheit von Korruption sorgen für immer effekti- vere Demokratie. Die soziale Realität und Europas Entwicklung Im Zuge der Versuche der OECD und der Europäischen Kommissi- on, Fortschritt und Wohlergehen breiter zu messen, hat das Bureau of European Policy Advisors (BEPA) gemeinsam mit dem Centre for Research on Lifelong Learning (CRELL, JRC) versucht, Prioritäten für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Europas herauszuarbeiten. Auch wenn keine der oben zusammengefassten Theorien erwähnt wird, so sind die Schlussfolgerungen doch mit ihnen konsistent. Die Autoren wehren sich gegen die alte Logik, dass wirtschaftliche Aktivitäten die Größe des Kuchens, die Sozialpolitik aber dessen Aufteilung bestimmt. Die heute wichtigsten Politikbereiche entschei- den sowohl über die Größe als auch über die Verteilung des Ku- chens – und haben aus Sicht der Autoren weitergehende gesell- schaftliche Auswirkungen: Priorität sollten bekommen: — die höchstmögliche Bildung für alle, — höchstmöglicher Arbeitseinsatz, — Integration von Migranten, — gesunde Bürger und — Bürger, die an der Zivilgesellschaft teilhaben. Natürlich haben viele Veränderungen Obergrenzen, die nicht zuletzt durch die 24 Stunden des Tages gesetzt werden. An allen Politikbereichen sind sowohl die Bürger als auch der Staat beteiligt. So ist jeder Einzelne dafür verantwortlich sein Humankapi- tal zu erneuern, während der Staat Verantwortung für ein effizientes Bildungssystem trägt. Einige der Empfehlungen auf den Seiten 4 bis 7 spiegeln diese Einsichten wider. Aktuelle Themen 426 12 18. August 2008 Daten unterstützen theoretische Einblicke… … Variablen entwickeln sich Hand in Hand 3*** ****** **** ****8* *****'** ** * Die Theorien wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung haben gezeigt, wie vielschichtig Fortschritt ist (Seiten 8-11). Die verschiedenen Komponenten gehen Hand in Hand – sie sind kom- plementär: Es gibt kein armes Land mit einer gut ausgebildeten Be- völkerung und hoher wirtschaftlicher Freiheit. Nun bleibt die Heraus- forderung, die Theorien mit Daten zu untermauern, mit denen dann Stärken und Schwächen von Ländern analysiert werden sollen. Die Analyse volkswirtschaftlicher Daten im Zeitablauf unterstützt die Einschätzung, dass sich die wichtigsten Variablen Hand in Hand entwickeln. Und eine Analyse verschiedener Gesellschaften zu ei- nem Zeitpunkt zeigt viele Gemeinsamkeiten der hoch entwickelten Länder mit zufriedenen Menschen. Kausale Zusammenhänge sind somit schwer zu identifizieren. Daher erscheint eine Analyse der Korrelation sinnvoll. Dieser Abschnitt gibt einen ersten Überblick über die Datenquellen und die Korrelationen. Auf den Seiten 16 bis 30 wird dann jede Vari- able einzeln vorgestellt, der spezifische theoretische Hintergrund erläutert und eine Verbindung zu den Handlungsempfehlungen her- gestellt. Die Empfehlungen auf den Seiten 4 bis 7 erfolgten auf Ba- sis dieser Daten. 16 Variablen für 20 Länder Verwendet werden 16 Variablen für 20 Länder. Ostasiatische Länder werden nicht berücksichtigt, da sie teilweise andere Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen haben. So wird z.B. in Japan und Korea ein großer Teil der Unterbeschäftigung in den Unternehmen gehalten, was zu niedriger Arbeitslosigkeit und niedriger Arbeitsproduktivität führt. Nimmt man die Mittel- und Osteuropäischen Länder mit in den Datensatz, so ändern sich die generellen Aussagen nicht. Dort sind fast alle Variablen schwächer ausgeprägt als in den 20 betrachteten Ländern. Die Daten kommen aus den verschiedensten Quellen und wurden über unterschiedliche Wege erhoben. Relativ harte Daten, wie das Bruttoinlandsprodukt, werden in Beziehung gesetzt zu eher „wei- chen“ Umfrageergebnissen. Dazu kommen zusammengesetzte Indikatoren, die aus mehreren Unterindikatoren bestehen. Die Vermutung ist, dass Theorien eher hilfreich und quantitative Ergebnisse eher belastbar sind, wenn sie von solch unterschiedli- chen Daten gestützt werden, statt nur z.B. das Bruttoinlandsprodukt zu erklären. Damit haben auch einzelne möglicherweise problemati- sche Daten oder Beobachtungen (wie z.B. die Hochschulabsolven- tenquote Kanadas, die in Grafiken als ungewöhnlich hoch hervor- sticht) weniger Bedeutung. Die Auswahl der Daten erfolgte in 2 Schritten: (1) Können sie eine der oben beschriebenen theoretischen Aspekt abbilden und (2) wei- sen sie eine enge Beziehung zu den anderen Daten und vor allem zur Lebenszufriedenheit auf? Variablen, die keine oder nur eine der Bedingungen erfüllen, werden in Abschnitt VII auf Seite 31 kurz vorgestellt. Quellen sind das World Values Survey, die OECD, das Fraser Insti- tute, Eurostat, das Groningen Growth and Development Centre, die Weltbank, die Economist Intelligence Unit, Transparency Internatio- nal, die Europäische Kommission, die Johns Hopkins University und das Milken Institute. ****** ********** ***** Aus Umfragen Zufriedenheit Kontrolle Vertrauen Toleranz "harte" Daten Hochschulquote BIP pro Kopf Beschäftigung 55-64 Geburtenrate Engagement Breitbandanschl. Zusammengesetzte Indikatoren Wirtsch. Freiheit Effektiver Staat Demokratieindex Korruption Innovationsindex Kapitalzugang Quelle: Deutsche Bank Research 9 * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 13 Hohe Korrelationen zwischen den Variablen Eine übergeordnete Dimension: Ge- sellschaftliches Entwicklungsniveau Neben der gezeigten einfachen Korrelations- matrix lassen sich auch komplexere Verfahren auf die Daten anwenden. Eine Faktorenanaly- se (Hauptkomponentenanalyse) überprüft die vorhandenen 16 Variablen auf Gemeinsamkei- ten und reduziert sie gegebenenfalls auf eine geringere Anzahl an Dimensionen/Faktoren. Die Faktorenanalyse mit den beschriebenen Daten führt zu einer Dimension, welche man als gesellschaftliches Entwicklungsniveau bezeichnen kann. Sie erklärt 57% der Gesamt- varianz der 16 Variablen (Eigenwert von 9,1). Alle Variablen laden durchgehend sehr hoch positiv auf diesen Faktor. Der zweite errech- nete Faktor erklärt nur 12% der Gesamtvarianz und kann somit vernachlässigt werden. Das Ergebnis, dass alle Variablen mit einer Dimension wiedergegeben werden können, bestätigt die Annahme, dass die Variablen Hand in Hand gehen und insgesamt als gesell- schaftliches Entwicklungsniveau betrachtet werden können. So weit wie möglich wurden Daten für das Jahr 2005 verwendet. Ausnahmen sind die drei Umfragen aus dem World Values Survey, für das die 2005er Daten erst Ende 2009 der Allgemeinheit zugäng- lich gemacht werden. Da sich die meisten Variablen jedoch nur sehr langsam ändern, erscheinen auch die heute verfügbaren Werte für 1999/2000 aussagekräftig und hilfreich. Viele hohe Korrelationen Die 16 mal 16 Matrix mit einfachen Korrelationen zeigt viele hohe Werte – obwohl hier nur eine kleine Gruppe relativ hoch entwickelter und somit ähnlicher Länder analysiert wird. Besonders hoch ist der Zusammenhang beispielsweise zwischen der Lebenszufriedenheit und der Hochschulabsolventenquote, der Effektivität des Staates und der Korruption mit Korrelationskoeffizienten von 0,8 und höher. Das Vertrauen in die Mitmenschen hat eine besonders enge Bezie- hung zur Qualität der Demokratie und zur Toleranz innerhalb von Gesellschaften. Um die Datenfülle leichter zugänglich zu machen, wird die unten abgebildete große Matrix in den folgenden Abschnitten in ihre Spal- ten aufgeteilt, die dann auch nach der Höhe der Korrelation sortiert werden. Aus der Matrix lassen sich leicht einzelne Forschungszwei- ge herausfiltern: — Die Glücksforschung sieht die Lebenszufriedenheit als abhängi- ge Variable und analysiert somit die erste Datenzeile der Matrix. — In der Sozialkapitalforschung liegt das Hauptaugenmerk auf dem Vertrauen in die Mitmenschen und somit auf der vierten Daten- zeile. — Die Wachstumsempirie beschäftigt sich mit dem BIP pro Kopf, also der sechsten Zeile. Allen Forschungszweigen gemeinsam ist, dass sie der Korrelation zwischen den „unabhängigen“ Variablen auf der rechten Seite von Regressionsgleichungen wenig Aufmerksamkeit widmen. +* *:* ** *** ** ***** *** ******************** ******#******** ** Einfache Korrelation für 20 Länder ca. 2005 Zufriedenheit Wirtsch. Freiheit Kontrolle Vertrauen Hochschulquote BIP pro Kopf Beschäft. 55-64 Geburtenrate Effektiver Staat Demokratieindex Korruption (niedrig) Toleranz Engagement Breitbandanschl. Innovationsindex Kapitalzugang Zufriedenheit 1,0 0,7 0,5 0,7 0,8 0,6 0,6 0,5 0,9 0,7 0,8 0,6 0,6 0,7 0,6 0,7 Wirtsch. Freiheit 0,7 1,0 0,8 0,3 0,5 0,3 0,6 0,4 0,7 0,4 0,7 0,4 0,4 0,5 0,6 0,7 Kontrolle 0,5 0,8 1,0 0,3 0,5 0,3 0,6 0,4 0,6 0,4 0,6 0,4 0,2 0,2 0,5 0,6 Vertrauen 0,7 0,3 0,3 1,0 0,5 0,5 0,6 0,4 0,7 0,9 0,7 0,8 0,4 0,7 0,5 0,4 Hochschulquote 0,8 0,5 0,5 0,5 1,0 0,6 0,5 0,5 0,7 0,5 0,5 0,5 0,6 0,5 0,4 0,6 BIP pro Kopf 0,6 0,3 0,3 0,5 0,6 1,0 0,3 0,4 0,5 0,4 0,3 0,2 0,5 0,4 0,3 0,5 Beschäftigung 55-64 0,6 0,6 0,6 0,6 0,5 0,3 1,0 0,5 0,7 0,6 0,6 0,5 0,3 0,5 0,5 0,6 Geburtenrate 0,5 0,4 0,4 0,4 0,5 0,4 0,5 1,0 0,5 0,3 0,5 0,2 0,5 0,4 0,4 0,5 Effektiver Staat 0,9 0,7 0,6 0,7 0,7 0,5 0,7 0,5 1,0 0,8 0,9 0,7 0,5 0,8 0,7 0,8 Demokratieindex 0,7 0,4 0,4 0,9 0,5 0,4 0,6 0,3 0,8 1,0 0,8 0,9 0,4 0,6 0,5 0,5 Korruption (niedrig) 0,8 0,7 0,6 0,7 0,5 0,3 0,6 0,5 0,9 0,8 1,0 0,7 0,3 0,8 0,7 0,7 Toleranz 0,6 0,4 0,4 0,8 0,5 0,2 0,5 0,2 0,7 0,9 0,7 1,0 0,4 0,7 0,5 0,4 Engagement 0,6 0,4 0,2 0,4 0,6 0,5 0,3 0,5 0,5 0,4 0,3 0,4 1,0 0,5 0,3 0,5 Breitbandanschl. 0,7 0,5 0,2 0,7 0,5 0,4 0,5 0,4 0,8 0,6 0,8 0,7 0,5 1,0 0,6 0,5 Innovationsindex 0,6 0,6 0,5 0,5 0,4 0,3 0,5 0,4 0,7 0,5 0,7 0,5 0,3 0,6 1,0 0,6 Kapitalzugang 0,7 0,7 0,6 0,4 0,6 0,5 0,6 0,5 0,8 0,5 0,7 0,4 0,5 0,5 0,6 1,0 Quelle: Deutsche Bank Research * * Aktuelle Themen 426 14 18. August 2008 Besonders deutlicher Fortschritt in Spanien, den Niederlanden und Australien Starke Pfadabhängigkeiten… … und Traditionen Deutsche Prägungen wirken nach Von Erfolgsgeschichten lernen ** *** **** ***** ** * * ***/ ***** * Ausgangspunkt dieser Analyse ist ein Vergleich verschiedener Län- der zu einem festen Zeitpunkt: Welche Gemeinsamkeiten hatten fortschrittliche Länder im Jahr 2005? Ziel der Analyse ist es letztlich, Veränderungen in Richtung Fortschritt aufzuzeigen. Dazu sind Bei- spiele von Ländern hilfreich, die tatsächlich messbaren Fortschritt erreicht haben. Dieser Abschnitt vergleicht daher – soweit die Da- tenbasis das zulässt – Werte von 2005 mit Werten von 1995. Spa- nien weist (von niedrigem Niveau kommend) die deutlichsten Ver- besserungen auf, Dänemark und die Niederlande konnten ihre ho- hen Niveaus weiter ausbauen, während für die USA ein relativer Rückschritt festzustellen ist. Griechenland und Portugal konnten sich von ihren niedrigen Niveaus nicht verbessern. Die Wurzeln reichen tief… Obwohl Veränderungen möglich sind, reichen die Ursachen für heu- tige Strukturen teilweise Jahrhunderte zurück. Max Weber betonte, wie stark das kulturelle Erbe eine Gesellschaft prägt. Pfadabhängig- keiten sind unübersehbar. Das berühmte Beispiel von Robert Putnam analysiert Verwaltungs- reformen in Italien in den 1970er Jahren. Diese waren in den Regio- nen erfolgreicher, die schon in der Renaissance eine Zivilgesell- schaft mit Gilden, Kooperativen, Nachbarschaftshilfen usw. aufge- baut hatten. Auch Hayek wies auf die Bedeutung von Traditionen hin, die gesell- schaftliche Entwicklung entscheidend bestimmen. Heutige Institutio- nen sind das Erbe unserer Vorfahren und Veränderungen sind nur in begrenztem Ausmaß möglich. … auch in Deutschland Die deutsche Geschichte ist reich an Ereignissen, die auch heute noch prägend für Institutionen und Strukturen sind. Sabine Bode weist auf die Erfahrungen der geburtenstarken 1930er Jahrgänge hin, die dann in den 1970er und 1980er Jahren die Entwicklung der Bundesrepublik entscheidend formten. Ihre Kindheit war von Krieg, Hunger und Armut geprägt; viele Väter waren gefallen oder in Ge- fangenschaft. Verständlicherweise versuchten sie später, Institutio- nen zu entwickeln, die ein „nie wieder“ sicherstellen sollten. Der große deutsche Sozialstaat war – auch im Wettbewerb mit der DDR („wer ist der bessere Sozialstaat?“) – eine Folge. Die Erfahrungen Ihrer Kindheit wurden so institutionalisiert und an die folgenden Ge- nerationen weitergegeben. Veränderungen können auf den Weg gebracht werden Die tiefen historischen Wurzeln schließen jedoch nicht aus, dass Veränderungen möglich sind. Manche Länder (oder Regionen) kön- nen sich schneller entwickeln als andere. Teilweise kann dies ge- schehen, indem man von Erfolgsgeschichten anderer lernt – wobei jedoch auch für dieses Lernen eine Grundbereitschaft notwendig ist. Vergleicht man die Werte des Jahres 2005 mit Werten von 1995 (näherungsweise und soweit Daten verfügbar sind), so zeigt sich in allen Ländern eine deutliche Zunahme des Bruttoinlandsprodukts, des Bildungsniveaus und der Beschäftigung älterer Menschen. An- dere Variablen lassen wegen ihrer Konstruktion (Befragung auf fes- ter Skala oder Bewertung eines Landes relativ zum Durchschnitt) keine allgemeine Verbesserung zu. Aber einige Länder haben sich deutlich besser entwickelt als der Durchschnitt. Die Tabelle weist Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 15 Viel Fortschritt in Spanien Deutschland im Mittelfeld daher die Veränderungen des jeweiligen Landes im Vergleich zum Durchschnitt aller 20 Länder aus – sortiert nach der Summe der Ver- änderungen. Spanien mit den deutlichsten Verbesserungen Spanien weist in vielen – aber nicht allen – Bereichen zwischen 1995 und 2005 deutliche Verbesserungen auf. So ist die Lebenszu- friedenheit 1,2-mal so kräftig gestiegen wie die Standardabweichung über alle 20 Länder. Auch die Hochschulabsolventenquote, die Ge- burtenrate und die Korruption haben sich überdurchschnittlich stark verbessert. Allerdings geben die Menschen an, relativ weniger Kon- trolle über ihr Leben zu haben, und laut Weltbank hat die Qualität des Staates abgenommen. Auch in den Niederlanden, in Australien, Dänemark und Finnland haben sich einige Variablen überdurch- schnittlich stark verbessert. Deutschland liegt im Mittelfeld der Tabelle. Deutlichen relativen Verbes- serungen in den Umfragen zur Kontrolle über das eigene Leben und zur Toleranz gegenüber anderen stehen eine relative Verschlechterung des Bildungsniveaus und der Effektivität des Staates gegenüber. Relativer Rückschritt in den USA Die USA zeigen, dass Veränderungen auch relativen Rückschritt bedeuten können. Quer über die 11 hier erfassten Variablen aus verschiedenen Quellen verlieren sie Boden gegenüber den anderen Ländern. Besonders stark ist der Abstieg in der Zufriedenheit und im Vertrauen in die Mitmenschen. Somit verwundert es nicht, dass sich die Sozialkapitalforschung in den USA besonders dynamisch ent- wickelt. ** **** **********5; ; ** **** *!!*<*46*** **** ** Veränderungen relativ zum Durchschnitt der 20 Länder in Anzahl von Standardabweichungen Mittelwert Zufriedenheit Wirtsch. Freiheit Kontrolle Vertrauen Hochschulquote BIP pro Kopf Beschäftigung 55-64 Geburtenrate Effektiver Staat Korruption (niedrig) Toleranz Spanien 0,6 1,2 -0,3 -1,1 0,8 2,2 0,2 0,4 1,5 -1,1 2,9 0,3 Niederlande 0,3 -0,4 -0,6 1,8 1,3 -0,4 -0,3 1,3 1,5 -0,5 -0,3 0,3 Australien 0,3 0,2 -0,2 1,5 -0,5 0,3 0,1 0,7 -1,0 2,7 -0,2 Dänemark 0,2 -0,5 0,7 0,8 1,6 0,0 -0,5 0,8 -0,5 1,6 -0,1 -0,9 Finnland 0,2 0,6 0,6 -1,6 0,0 0,3 0,8 1,8 -0,6 0,8 0,4 -0,4 Belgien 0,1 0,1 -0,4 -0,5 0,2 0,6 -0,4 0,4 1,1 -0,2 0,3 -0,3 Irland 0,1 0,1 -1,6 0,4 -1,2 1,6 3,6 0,7 -0,3 -0,3 -1,7 -0,8 Frankreich 0,0 0,9 0,1 0,3 0,4 0,6 -0,5 -0,2 2,0 -1,2 0,3 -2,2 Norwegen 0,0 2,3 -0,7 -0,6 0,4 0,6 0,0 -1,1 -0,8 0,4 -0,4 -0,1 Griechenland 0,0 -0,4 1,7 -0,7 0,4 0,6 1,1 -1,5 -0,3 0,3 -1,1 Deutschland 0,0 0,1 0,3 1,4 1,0 -1,7 -0,9 -0,1 0,5 -1,1 -0,7 1,2 Schweden 0,0 0,3 0,5 -0,9 0,4 -0,7 0,2 -0,4 0,0 0,4 -0,2 0,2 Österreich -0,1 -1,8 1,9 -0,9 0,8 -1,0 -0,3 -1,2 -0,6 -0,7 1,0 0,9 Kanada -0,2 -0,4 0,5 -0,4 -1,3 0,9 -0,1 0,7 -1,9 0,7 -0,9 -0,1 Italien -0,2 -0,7 1,2 -0,9 0,3 -1,0 -0,9 -1,1 0,9 -1,3 1,6 -0,2 UK -0,2 0,4 -0,3 0,4 -1,5 -0,4 0,0 0,2 0,3 -0,1 -0,1 -1,3 Neuseeland -0,2 -0,4 -1,6 -0,7 0,4 -0,4 -0,5 1,6 -0,6 -0,1 -0,1 Portugal -0,2 -0,6 -0,4 0,3 -1,2 -0,4 -0,4 -0,8 -0,6 0,5 -0,2 1,3 Schweiz -0,2 -0,6 0,2 -0,9 0,1 0,0 -1,0 -1,3 -1,1 -0,1 0,1 2,0 USA -0,7 -1,6 -1,8 1,0 -1,8 -1,7 -0,2 -0,7 0,3 -0,9 -0,8 0,0 Quelle: Deutsche Bank Research * * * Aktuelle Themen 426 16 18. August 2008 *3 ** ** ** * *********#**'***** ** 1. Lebenszufriedenheit Immer öfter wird die Lebenszufriedenheit der Menschen eines Lan- des als oberstes Ziel gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwick- lung definiert. Auch diese Studie setzt hier den Schwerpunkt, be- rücksichtigt dabei jedoch, dass sich viele Variablen gemeinsam ent- wickeln. Die Glücksforschung hat in den letzten Jahren Wege zu mehr Zufriedenheit aufgezeigt und die Variablen, die im Folgenden vorgestellt werden, hängen alle auf der individuellen und/oder ge- sellschaftlichen Ebene eng mit der Lebenszufriedenheit zusammen. Dass sich aus Befragungen von Menschen viele sinnvolle, hilfreiche Informationen über deren tatsächliche Situation ableiten lassen, wird kaum noch bestritten. Ein großes Problem für die Glücksforschung ist, dass die Skala, auf der Menschen Zufriedenheit angeben kön- nen, fixiert ist. Damit gibt es systembedingt eine offensichtliche Obergrenze für Zufriedenheit – Resultat sind die Diskussionen um das Easterlin Paradoxon (Einkommen steigt, aber Lebenszufrieden- heit stagniert). Deshalb liegt der Schwerpunkt der Analyse hier auf Vergleichen zwischen verschiedenen Ländern zu einem Zeitpunkt. Glückliche Skandinavier und Angelsachsen Im Jahr 2005 war Dänemark das Land mit der höchsten Lebenszu- friedenheit, dicht gefolgt von der Schweiz (Grafik 6). Auch Schwe- den und die Niederlande sind mit vorne dabei. Die Vergleichbarkeit der Daten aus den angelsächsischen Ländern ist etwas einge- schränkt, da hier nicht das Eurobarometer, sondern nationale Befra- gungen verwendet werden. Die Analyse der verschiedenen harten und weichen Daten auf den folgenden Seiten deutet aber darauf hin, dass die relativ hohen Niveaus der Lebenszufriedenheit in den an- gelsächsischen Ländern – allen voran Kanada und Australien – fundamental gerechtfertigt ist. Deutschland findet sich auf Platz 16 der 20 Länder. Die Korrelation zwischen der Lebenszufriedenheit und den anderen Variablen ist teilweise sehr hoch, wie Tabelle 7 zeigt, die die erste Spalte aus der großen Matrix auf Seite 13 wiederholt. Ein besonders enger Zusammenhang besteht zur Effektivität des Staates: Glückli- che Länder haben einen effektiven Staat. Eine Kausalität lässt sich nicht klar bestimmen, aber die Vermutung ist, dass die richtigen Strukturen zur Zufriedenheit der Bürger beitragen können. 45678 Dänemark Schweiz Kanada Schweden Australien Niederlande USA Norwegen Irland Finnland Neuseeland UK Belgien Österreich Spanien Deutschland Frankreich Italien Griechenland Portugal 2005 1995 ****** **** *'***********' * *** *** ***********&* *** * Quellen: Eurobarometer & World Database Happiness Lebenszufriedenheit auf Skala von 0 bis 10, sortiert nach Werten für 2005 * * 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: Weltbank, Eurobarometer & World Database of Happiness #*********1**** **** *********** *2** * ******* * Horizontal: Lebenszufriedenheit in 2005; vertikal: Effektivität des Staates in 2006 DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Lebenszufriedenheit CA AU FI Effektivität des Staates IE CH BE AT = * & ***** '** ** ***** ** Korrelationskoeffizienten für 20 Länder (1. Spalte der Matrix auf Seite 13) Zufriedenheit Zufriedenheit 1,0 Effektiver Staat 0,9 Hochschulquote 0,8 Korruption (niedrig) 0,8 Breitbandanschl. 0,7 Vertrauen 0,7 Demokratieindex 0,7 Wirtsch. Freiheit 0,7 Kapitalzugang 0,7 Toleranz 0,6 Engagement 0,6 Innovationsindex 0,6 BIP pro Kopf 0,6 Beschäftigung 55-64 0,6 Kontrolle 0,5 Geburtenrate 0,5 Quelle: Deutsche Bank Research > * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 17 2. Freiheit und Kontrolle Unterschiedliche Theoretiker wie Friedrich August von Hayek und Amartya Sen betonen beide die Bedeutung von Freiheit für den Fortschritt von Wirtschaft und Gesellschaft. Für den einen steht im Vordergrund, dass nur die freien Entscheidungen der Einzelnen zum optimalen wirtschaftlichen Ergebnis führen. Für den anderen ist Freiheit zunächst ein Wert an sich. Ein Widerspruch ergibt sich hier- aus nicht. Auch Hayek betont, dass grenzenlose Freiheit unmöglich ist, da sie an der Freiheit aller anderen scheitern würde. Freiheit ganzer Gesellschaften und des Einzelnen Die Bedeutung von Freiheit ist seit Jahren bekannt und es gibt viele Versuche, diese Freiheit zu messen. Am bekanntesten sind die Freiheitsindizes für ganze Gesellschaften, wie sie beispielsweise das kanadische Fraser Institut berechnet (siehe Grafik 9). Weniger bekannt ist jedoch, dass diese Indizes weitgehend zur gleichen Aussage kommen wie Befragungen einzelner Menschen, wie sie intensiv in der Glücksforschung verwendet werden. Im World Values Survey wird – auf einer Skala von 1 bis 10 – gefragt, wie viel Kon- trolle jemand über sein eignes Leben zu haben meint. Viel Freiheit in den angelsächsischen Ländern Grafik 11 zeigt, dass die angelsächsischen Länder nach beiden Maßen die größte Freiheit aufweisen. Die skandinavischen Länder sowie Deutschland und Österreich liegen im Mittelfeld. Tabelle 10 weist die Korrelationen der beiden Freiheitsmaße zu den anderen Variablen aus. Länder mit großer Freiheit haben tendenziell auch einen relativ effektiven Staat (Details auf Seite 23), niedrige Korrup- tion und eine hohe Lebenszufriedenheit der Menschen. Die Korrela- tion zum Vertrauen in die Mitmenschen ist jedoch eher gering, wor- auf auf der nächsten Seite eingegangen wird. Freiheit stärken – in allen Dimensionen Für die meisten Länder erscheint es ratsam und möglich, ihren Bür- gern mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben zu lassen – und die Menschen sollten dies einfordern und praktizieren. Ein gutes Bil- dungsniveau ist dafür sicherlich hilfreich. Aber die Anstöße müssen von den Menschen selbst kommen: veraltete Regeln hinterfragen, seltener nach staatlicher Hilfe rufen, selbst aktiv werden. 6789 Neuseeland Schweiz UK Kanada USA Irland Australien Finnland Niederlande Dänemark Deutschland Österreich Schweden Norwegen Portugal Belgien Spanien Italien Frankreich Griechenland 2005 1995 ***** ********* *&*** * * * ******** ***** * Quelle: Fraser Institute Index der wirtschaftlichen Freiheit, Skala von 0 bis 10 ; * 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 6,7 6,9 7,1 7,3 7,5 7,7 7,9 8,1 8,3 8,5 Quellen: World Values Survey und Fraser Institute * *******%*************** ********* **** ****** Horizontal: Wirtschaftliche Freiheit 2005 (Skala 0 bis 10); vertikal: Kontrolle über das eigene Leben laut Umfrage ca. Jahr 2000 DK SE NZ US NO NL Großbritannien DE GR FR PT ES IT Wirtschaftliche Freiheit CA AU FI Kontrolle über eigenes Leben BE IE AT CH * 55 * * ***********(** * * *** Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Freiheit Kontrolle Freiheit 1 0,8 Kontrolle 0,8 1 Effektiver Staat 0,7 0,6 Korruption (niedrig) 0,7 0,6 Kapitalzugang 0,7 0,6 Zufriedenheit 0,7 0,5 Beschäftigung 55-64 0,6 0,6 Innovationsindex 0,6 0,5 Hochschulquote 0,5 0,5 Breitbandanschl. 0,5 0,2 Demokratieindex 0,4 0,4 Engagement 0,4 0,2 Geburtenrate 0,4 0,4 Toleranz 0,4 0,4 Vertrauen 0,3 0,3 BIP pro Kopf 0,3 0,3 Quelle: Deutsche Bank Research 5 ! * Aktuelle Themen 426 18 18. August 2008 3. Vertrauen in die Mitmenschen Das soziale Kapital einer Gesellschaft wird immer öfter als entschei- dend für Wohlergehen und Zufriedenheit der Menschen gesehen, ist jedoch noch schwerer zu messen als beispielsweise das Humanka- pital. Mittlerweile hat sich das Vertrauen in die Mitmenschen als bestes verfügbares Maß für Sozialkapital herauskristallisiert. Ver- trauen reduziert Unsicherheit und erlaubt es, mehr Risiken einzuge- hen. Damit werden wohlfahrtssteigernde Kooperationen möglich. Die Projektwirtschaft (siehe Studie „Deutschland im Jahr 2020“) baut auf neuen, flexiblen Kooperationsformen auf, die Unternehmens- und Disziplinengrenzen überschreiten. Vertrauen in die Integrität der Projektpartner ist für den Erfolg unabdingbar. In Skandinavien kann man den Mitbürgern vertrauen Die Stärke des Vertrauens kann mit Hilfe von Umfragen ermittelt werden. Die am häufigsten gestellte Frage, die auch im World Va- lues Survey verwendet wird ist: „Ganz allgemein gesprochen, kann man den meisten Menschen vertrauen oder kann man nicht vorsich- tig genug sein?“ Der Anteil der Menschen, die sich für „vertrauen“ entscheiden, gilt dann als Maß für das Niveau des Vertrauens in einer Gesellschaft. Ganz vorne lagen im Jahr 2000 die skandinavi- schen Länder und die Niederlande (Grafik 12). Hier scheint auch die Demokratie gut zu funktionieren (die Menschen fühlen sich mit ihren Interessen repräsentiert) und die Korruption ist niedrig. Besonders interessant ist, dass es zwischen Freiheit und Vertrauen einen schwierigen Spagat zu geben scheint. Keines der 20 OECD- Länder steht in beiden Indikatoren gut da, und die Korrelationsko- effizienten mit den Freiheitsmaßen betragen nur 0,3. Auf diesen gesellschaftlichen Spagat wies Niklas Luhmann schon 1968 (S. 38) hin: „dass es beim Vertrauen um Reduktion von Komplexität geht,… die durch die Freiheit des anderen Menschen in die Welt kommt.“ Die Herausforderung für moderne Gesellschaften liegt darin, Vertrauen zu fördern, um mit der zunehmenden Komplexität zurecht zu kommen. Die Wurzeln des Vertrauens stärken Vertrauen fällt nicht vom Himmel und kann nicht per Verordnung angehoben werden. Die Sozialkapitalliteratur bietet eine Fülle von Empfehlungen, von denen viele auf den Seiten 4 bis 7 verwendet wurden. Es scheint sich ein Konsens herauszubilden, dass Bildung eine entscheidende Rolle spielt, dass die Basis für Vertrauen in den Familien gelegt wird und dass der institutionelle Rahmen wichtig ist. 0 10 20 30 40 50 60 70 Schweden Norwegen Dänemark Niederlande Finnland Neuseeland Schweiz Australien Kanada USA Irland Spanien Deutschland Italien Österreich Belgien UK Griechenland Frankreich Portugal 2000 1990 4******** *** * * ** * **************** ***** ** * Quelle: World Values Survey Vertrauen in die Mitmenschen in % laut Umfrage 5* * * * * ****?*(* * ** * Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Vertrauen Vertrauen 1,0 Demokratieindex 0,9 Toleranz 0,8 Zufriedenheit 0,7 Breitbandanschl. 0,7 Effektiver Staat 0,7 Korruption (niedrig) 0,7 Beschäftigung 55-64 0,6 Innovationsindex 0,5 Hochschulquote 0,5 BIP pro Kopf 0,5 Geburtenrate 0,4 Kapitalzugang 0,4 Engagement 0,4 Kontrolle 0,3 Wirtsch. Freiheit 0,3 Quelle: Deutsche Bank Research 5 9 * 0 10 20 30 40 50 60 70 7,6 8,0 8,4 8,8 9,2 9,6 10,0 Quellen: World Values Survey und Economist Intelligence Unit *** **** * *** ************** *********** **** Horizontal: Demokratieindex Skala von 0 bis 10 in 2006; vertikal:Vertrauen in die Mitmenschen in % in 2000 DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Demokratieindex CA AU FI Vertrauen IE CH BE AT * 5* * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 19 4. Hochschulausbildung Bildung ist zentral für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fort- schritt. Menschen mit besserer Ausbildung können bessere Produk- te herstellen und sind offener für neue Ideen. Eine besondere Rolle scheint der Hochschulausbildung zuzukommen. Inglehart und Wel- zel weisen darauf hin, dass in nahezu jeder Gesellschaft die Men- schen mit Hochschulausbildung mehr Wert auf Selbstbestimmung legen als die Bevölkerung insgesamt (2005, S. 37). Die Korrelati- onsanalyse in Tabelle 16 zeigt, wie viele Nebenwirkungen eine Hochschulausbildung haben kann. Die besondere Bedeutung der Hochschulausbildung und die Tatsa- che, dass die OECD keine Daten mehr über die durchschnittliche Zahl der Ausbildungsjahre veröffentlicht, lassen einen anderen Indi- kator in den Mittelpunkt der Analyse rücken: den Anteil der Men- schen in einem Land, die eine Hochschulausbildung haben. Hier zeigt sich mit den Daten der OECD in den letzten Jahrzehnten ein Bildungsboom in den meisten Ländern. Fast überall ist die ältere Generation der 55 bis 64-Jährigen schlechter ausgebildet als der Bevölkerungsdurchschnitt. Ausnahmen sind Deutschland und die USA, wo der Anteil kaum gestiegen ist. Den höchsten Anteil von Hochschulabsolventen – und hierzu zählen auch die Fachhochschulen, der Meister und einige technische Aus- bildungsgänge – wiesen im Jahr 2005 Kanada, die USA und drei skandinavische Länder auf. Deutschlands Stärken liegen in der dua- len Ausbildung, die zum Sekundärbereich zählt, nicht aber im Terti- ärbereich. Höchste Zeit für einen Bildungsboom in Deutschland Auch wenn in Deutschland in den letzten Jahren viel in Bewegung gekommen ist, zeigt der internationale Vergleich einen großen Handlungsbedarf – sowohl des Staates, der Einzelnen als auch der Unternehmen. Deutschland sollte sich zum Ziel setzen, 40% eines Jahrgangs zum Hochschulabschluss zu bringen (nicht nur das Stu- dium beginnen). Die Basis dafür wird in der frühkindlichen Erzie- hung gelegt. Veränderungen sind über das ganze Spektrum des Bildungssektors angezeigt. 0 10 20 30 40 50 Kanada USA Finnland Dänemark Norwegen Australien Belgien Niederlande Schweden UK Irland Schweiz Spanien Neuseeland Frankreich Deutschland Griechenland Österreich Portugal Italien 25-64 Jahre 55-64 Jahre 0***** *************** Quelle: OECD Anteil der Menschen mit Hochschulaus- bildung im Jahr 2005 in % 5* * 10 15 20 25 30 35 40 45 50 5,0 5,3 5,6 5,9 6,2 6,5 6,8 7,1 7,4 7,7 8,0 8,3 Quellen: World Database of Happiness und OECD @ ********** ******* *****A* *** ** *** *** Horizontal: Lebenszufriedenheit laut Umfrage ca. 2005; vertikal: Anteil der Menschen mit Hochschulausbildung in 2005 in % DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Zufriedenheit CA AU FI Hochschul- ausbildung AT BE CH IE 5 > * 0** *********** ****** Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Hochschulquote Hochschulquote 1,0 Zufriedenheit 0,8 Effektiver Staat 0,7 Kapitalzugang 0,6 Engagement 0,6 BIP pro Kopf 0,6 Korruption (niedrig) 0,5 Kontrolle 0,5 Breitbandanschl. 0,5 Toleranz 0,5 Wirtsch. Freiheit 0,5 Geburtenrate 0,5 Beschäftigung 55-64 0,5 Vertrauen 0,5 Demokratieindex 0,5 Innovationsindex 0,4 Quelle: Deutsche Bank Research 5 * * Aktuelle Themen 426 20 18. August 2008 5. Mehr Einkommen öffnet Möglichkeiten Ein hohes Einkommen ist in jeder der auf den Seiten 8 bis 11 skiz- zierten Theorien ein Ausweis wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts. Für Sen bietet Einkommen die Freiheit zu entscheiden, ob man z. B. nichts essen möchte (Fasten). Und für Inglehart und Welzel ist materieller Wohlstand die Voraussetzung, sich anderen Themen zuzuwenden. Wie in anderen Bereichen auch, ist hier die Kausalität nicht immer eindeutig: drängen Menschen mit hohem Ein- kommen z. B. den Staat zu mehr Effektivität oder erlaubt ein effekti- ver Staat ein höheres Einkommen? Auf jeden Fall gehen viele Indi- katoren gesellschaftlichen Fortschritts nicht nur theoretisch, sondern auch in den 20 OECD Ländern Hand in Hand, wie Tabelle 19 zeigt. Das einfachste Maß für Einkommen ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, bewertet zu vergleichbaren Preisen (Kaufkraftparitäten). Bes- ser wäre das Nettonationaleinkommen aus dem Abschreibungen und Einkommensströme an das Ausland herausgerechnet wurden (siehe „BIP allein macht nicht glücklich“ Deutsche Bank Research, Aktuelle Themen 367), aber dafür sind keine Daten zu Kaufkraftpari- täten verfügbar. Die Grafik links illustriert die großen Einkommens- unterschiede, die es selbst innerhalb der 20 betrachteten OECD Länder gibt – und den deutlichen Zuwachs an materiellem Wohl- stand in den letzten 10 Jahren. Es verwundert somit nicht, dass die OECD zurzeit Wohlfahrtsmaße erstellen lässt, die über das BIP hinausgehen. Verbesserungen sind nur indirekt möglich Das Bruttoinlandsprodukt lässt sich nicht direkt durch politische Maßnahmen anheben. Veränderungen müssen immer bei den di- rekten und indirekten Einflussfaktoren für Wirtschaftswachstum an- setzen: Arbeitseinsatz, Humankapital und Offenheit, aber auch staatliche Institutionen und zwischenmenschliches Vertrauen. Ver- suche, direkt am Sachkapital anzusetzen sind langfristig nicht er- folgversprechend, wenn nicht gleichzeitig die Bedingungen für des- sen Profitabilität geschaffen werden. Die Erfahrungen in vielen Ent- wicklungsländern und in Ostdeutschland zeigen, dass ein sehr brei- ter Ansatz notwendig ist. Alle der hier aufgeführten Indikatoren ge- hen nicht nur mit einer höheren Lebenszufriedenheit einher, sondern auch mit höherem Einkommen. 0 10 20 30 40 50 Norwegen USA Irland Schweiz Australien Kanada Niederlande Österreich Dänemark Schweden Belgien UK Finnland Deutschland Frankreich Italien Spanien Griechenland Neuseeland Portugal 2005 1995 # ************** ** * ***** Quelle: GGDC Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zu Kauf- kraftparitäten in Tausend Dollar 5= * 10 15 20 25 30 35 40 45 50 15 20 25 30 35 40 45 50 55 Quellen: GGDC und OECD @ ****6************** *B* **** *** * *** Horizontal: Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Tausend KKP Dollar in 2005; vertikal: Anteil der Menschen mit Hochschulausbildung in % in 2005 DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT BIP pro Kopf CA AU FI Hochschulausbildung AT BE CH IE * *! * #*** ********* *** * Korrelationskoeffizienten für 20 Länder BIP pro Kopf BIP pro Kopf 1,0 Zufriedenheit 0,6 Hochschulquote 0,6 Effektiver Staat 0,5 Kapitalzugang 0,5 Engagement 0,5 Vertrauen 0,5 Geburtenrate 0,4 Demokratieindex 0,4 Breitbandanschl. 0,4 Kontrolle 0,3 Korruption (niedrig) 0,3 Beschäftigung 55-64 0,3 Wirtsch. Freiheit 0,3 Innovationsindex 0,3 Toleranz 0,2 Quelle: Deutsche Bank Research 5 ; * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 21 6. Beschäftigung tut gut Das Arbeiten selbst rangiert Umfragen zufolge nicht weit oben auf der Skala der glücksfördernden Aktivitäten. Aber die Erfüllung, die damit einhergehen kann, das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und die über die Arbeit (und nach der Arbeit) geknüpften zwischen- menschlichen Kontakte, sind für die Lebenszufriedenheit der Men- schen sehr wichtig. Längeres Arbeiten und niedrige Arbeitslosigkeit Die besten Maße für die Funktionsfähigkeit der Arbeitsmärkte sind die Arbeitslosenquote und die Beschäftigungsquote älterer Men- schen, wie sie von der OECD veröffentlicht werden. In beiden Ma- ßen liegen die angelsächsischen Länder weit vorne, sowie die Schweiz und die „Flexicurity“-Länder Dänemark und die Niederlande (Grafik unten). Sie alle zeigen, dass es einen – in Deutschland oft behaupteten – Zusammenhang zwischen frühem Renteneintrittsal- ter und guten Beschäftigungschancen für Jüngere nicht gibt. Die Korrelationsanalyse in Tabelle 22 deutet darauf hin, dass in Ländern mit flexiblen Arbeitsmärkten der Staat seine Aufgaben ef- fektiv erfüllt, die demokratische Kontrolle gut funktioniert, wenig Korruption herrscht und der Einzelne relativ viel Kontrolle über sein Leben hat. Somit muss eine deutliche Verbesserung des deutschen Arbeitsmarktes vermutlich mit einer Vielzahl von Veränderungen in anderen Bereichen einhergehen – was nicht von heute auf morgen zu erreichen sein wird. Neue Kommunikation von Arbeitsmarktreformen Die Empfehlungen für flexiblere Arbeitsmärkte und niedrigere Ar- beitslosigkeit liegen seit Jahren auf dem Tisch und Erfolgsgeschich- ten aus anderen Ländern sind mittlerweile reichlich vorhanden. In Deutschland sind einige Maßnahmen jedoch aus verschiedenen Gründen unpopulär. Viele Menschen sehen noch immer einen frü- hen Ruhestand als glücksfördernd – was auch mit der nicht mehr zeitgemäßen Organisation mancher Unternehmen zu tun haben mag. Ein niedriger Kündigungsschutz wird in Deutschland selten als Weg zu mehr Freiheit und Flexibilität gesehen. Und härtere Zumut- barkeitskriterien in der Arbeitslosenversicherung werden als Sozial- abbau, statt als Chance zum raschen Neuanfang gesehen. Die Er- kenntnisse der Glücksforschung und die hier aufgeführten internati- onalen Vergleiche können eventuell die Kommunikation der not- wendigen Veränderungen erleichtern. 20 30 40 50 60 70 Neuseeland Schweden Norwegen Schweiz USA Dänemark UK Kanada Australien Finnland Irland Portugal Deutschland Niederlande Spanien Griechenland Frankreich Belgien Österreich Italien 2005 1996 3 *** **** *C*** * * ** ** ** Quelle: OECD Beschäftigungsquote der 55 bis 64-Jährigen in % *5 * 20 30 40 50 60 70 80 2 4 6 8 10 12 Quellen: World Database of Happiness und OECD # **** ****** * ****** *** *** * ** ***** **** &** ** * Horizontal: Arbeistlosenquote in 2005 in %; vertikal: Beschäftigungsquote der 55 bis 64-Jährigen in 2005 in % DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Arbeitslosenquote (invertiert) CA AU FI Beschäftigung 55-64 AT BE CH IE *9 * &* ** * * ******** **D Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Beschäftigung 55-64 Beschäftigung 55-64 1,0 Effektiver Staat 0,7 Kontrolle 0,6 Kapitalzugang 0,6 Korruption (niedrig) 0,6 Wirtsch. Freiheit 0,6 Demokratieindex 0,6 Zufriedenheit 0,6 Vertrauen 0,6 Geburtenrate 0,5 Hochschulquote 0,5 Toleranz 0,5 Innovationsindex 0,5 Breitbandanschl. 0,5 BIP pro Kopf 0,3 Engagement 0,3 Quelle: Deutsche Bank Research * * * Aktuelle Themen 426 22 18. August 2008 7. Geburtenrate – Vertrauen über Generationen In evolutionären Theorien macht sich der Erfolg eines Gens (bzw. einer Routine) daran fest, ob es zum Erhalt oder sogar der Vermeh- rung der Spezies beiträgt. Hayek widmet dem Bevölkerungswachs- tum in „The fatal conceit“ sogar ein ganzes Kapitel. Zuwanderung und Geburtenraten können also Hinweise auf den Erfolg eines Ge- sellschaftsmodells geben. In der Sozialkapitalforschung ist die Fami- lie als Kern der Gesellschaft auch der Ort, an dem Vertrauen an die nächste Generation weitergegeben wird. Besonders prägend sind hier die ersten Lebensjahre. Allerdings wirken auf Zuwanderung und Geburtenrate auch verschie- dene andere, teilweise historische oder geografische Faktoren. Die niedrige Kindersterblichkeit in den reichen Ländern hat mit dazu bei- getragen, dass hier deutlich weniger Kinder geboren werden als frü- her. Während sich die Kindersterblichkeit zwischen den reichen Län- dern kaum unterscheidet, gibt es deutliche Unterschiede in den Ge- burtenraten. Auch hier liegen die angelsächsischen und die skandi- navischen Länder mit Raten von zwei oder knapp darunter vorne, wie die Grafik links zeigt. Einzige Ausnahme ist Frankreich, wo eine lang- jährige aktive Familienpolitik die Rate auf 1,9 angehoben hat. In der Tendenz ist die Geburtenrate im letzten Jahrzehnt leicht gestiegen. Gemeinsamkeiten der geburtenstarken Länder Auch wenn die Korrelationen der Geburtenrate mit den anderen Variablen nicht hoch sind, lassen sich dennoch einige relevante Gemeinsamkeiten der geburtenstarken Länder erkennen, wie Tabel- le 25 zeigt: Sie haben einen recht effektiven Staat, der anscheinend die richtigen politischen Prioritäten setzt; ein hoher Bildungsstand dämpft mit Blick auf die 20 OECD-Volkswirtschaften die Geburtenra- te nicht; ältere Menschen arbeiten länger; die Korruption ist eher niedrig und das Vertrauen in die Mitmenschen eher hoch. All das zusammen scheint ein Umfeld zu ergeben, in das die Menschen gerne Nachwuchs setzen. Das Beispiel Frankreichs zeigt zwar, dass eine hohe Geburtenrate auch in einem insgesamt nicht so idealen Umfeld möglich ist. Bes- ser dürfte aber ein umfassender Politikansatz sein, der zusätzlich konkrete Familienförderung, wie z.B. die Familienberater in Skandi- navien, beinhaltet. 1,0 1,3 1,6 1,9 2,2 USA Neuseeland Frankreich Irland Norwegen Dänemark Finnland UK Australien Schweden Belgien Niederlande Kanada Schweiz Österreich Portugal Spanien Deutschland Griechenland Italien 2005 1995 - *** *** **** Quelle: Eurostat und Weltbank Kinder pro Frau ** * -*** * **' *** ******* D Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Geburtenrate Geburtenrate 1 Kapitalzugang 0,5 Engagement 0,5 Effektiver Staat 0,5 Hochschulquote 0,5 Zufriedenheit 0,5 Beschäftigung 55-64 0,5 Korruption (niedrig) 0,5 BIP pro Kopf 0,4 Vertrauen 0,4 Breitbandanschl. 0,4 Wirtsch. Freiheit 0,4 Innovationsindex 0,4 Kontrolle 0,4 Demokratieindex 0,3 Toleranz 0,2 Quelle: Deutsche Bank Research * * * 1,0 1,2 1,4 1,6 1,8 2,0 2,2 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Quellen: Eurostat, Weltbank und OECD 0* **** *** **** * * *********** ******6*** Horizontal: Anteil der Menschen mit Hochschulausbildung in 2005 in %; vertikal: Geburtenrate (Kinder pro Frau) in 2005 DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Hochschulausbildung CA FI Geburtenrate AT BE CH IE * ** * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 23 8. Effektiver Staat setzt Prioritäten Gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fortschritt werden von Indivi- duen, Gruppen und Unternehmen geprägt. Letztlich entscheiden sie auch über die Aufgaben des Staates. Wichtig ist dann, ob das Er- gebnis den Fortschritt fördert und die richtigen, zukunftsgerichteten Prioritäten gesetzt werden. Maße für die Qualität staatlichen Handelns sind schwer zu finden, zumal regelmäßig unterschiedliche Werturteile über die Prioritäten des Staates einfließen. Im Theorierahmen, der auf Seite 9 graphisch dargestellt wurde, wäre ein guter Staat also einer, der Bildung, Be- schäftigung, Freiheit, Vertrauen usw. zulässt oder fördert. Weltbank misst Effektivität von Staaten Die Weltbank betont seit Jahren die Bedeutung eines guten Staates für die Entwicklung. Die „Worldwide Governance Indicators“ bewer- ten für 212 Länder für die Jahre 1996 bis 2006 sechs staatliche Auf- gaben. Sie verwenden eine Vielzahl von Quellen aus Umfragen, von staatlichen Einrichtungen, von kommerziellen Anbietern und Nicht- Regierungsorganisationen. Der Indikator der Effektivität oder Leistungsfähigkeit der Staaten ist für die reichen Länder eine Zusammenfassung von 10 Quellen und soll die Qualität der politischen Entscheidungsfindung und der öf- fentlichen Dienstleistungen messen. Er wird für jedes Jahr für alle Länder auf einer Skala von -2,5 bis +2,5 standardisiert, gibt also eine Abweichung vom Durchschnitt des jeweiligen Jahres an. Im Jahr 2006 lagen die skandinavischen Länder hier ganz vorne, gefolgt von der Schweiz, den angelsächsischen Ländern und den Niederlanden. Deutschland erreichte nur Platz 15 von den 20 hier betrachteten Ländern. Relativ zum angestiegenen weltweiten Durchschnitt haben fast alle OECD-Länder – aufgrund der rapiden Verbesserung in vielen ärmeren Ländern – seit 1996 etwas an Bo- den verloren. Ausnahmen sind Australien und Dänemark, die ihren Indexstand sogar verbessern konnten. Am deutlichsten relativ zu- rückgefallen sind Italien, Deutschland und Frankreich. Die Effektivität des Staates korreliert sehr stark mit fast allen hier betrachteten Aspekten gesellschaftlichen Fortschritts, wie Tabelle 28 zeigt. Veränderungen müssen vermutlich an vielen Faktoren anset- zen, was sich im breiten Spektrum von Handlungsempfehlungen auf den Seiten 4 bis 7 widerspiegelt. 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 Dänemark Schweiz Norwegen Finnland Kanada Schweden Australien Neuseeland Niederlande UK Belgien USA Österreich Irland Deutschland Frankreich Spanien Portugal Griechenland Italien 2006 1996 4 * ** **** ** *4*** ****** * ** **** ********* * Quelle: Weltbank Effektivität des Staates, Skala -2,5 bis +2,5 über 212 Länder *> * 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 6,7 6,9 7,1 7,3 7,5 7,7 7,9 8,1 8,3 8,5 Quellen: Weltbank und Fraser Institute #* ********1 *** * *********** ****** * ****** Horizontal: Wirtschaftliche Freiheit in 2005; vertikal: Effektivität des Staates in 2006 DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Wirtschaftliche Freiheit CA AU FI Effektivität des Staates IE CH BE AT * ; * # ******** *4 * * Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Effektiver Staat Effektiver Staat 1,0 Korruption (niedrig) 0,9 Zufriedenheit 0,9 Breitbandanschl. 0,8 Demokratieindex 0,8 Kapitalzugang 0,8 Wirtsch. Freiheit 0,7 Hochschulquote 0,7 Toleranz 0,7 Vertrauen 0,7 Innovationsindex 0,7 Beschäftigung 55-64 0,7 Kontrolle 0,6 Geburtenrate 0,5 BIP pro Kopf 0,5 Engagement 0,5 Quelle: Deutsche Bank Research * = * Aktuelle Themen 426 24 18. August 2008 9. Funktionierende Demokratien im Vorteil Eine gut funktionierende Demokratie ist einerseits langfristig Ergeb- nis gesellschaftlichen Fortschritts (Inglehart und Welzel), anderer- seits scheint sie Voraussetzung für einen effektiven Staat zu sein, der die richtigen Prioritäten setzt. Ihre Vorteile erstrecken sich aber auf sehr viele Bereiche. Effektive, direkte Beteiligung macht Men- schen unmittelbar zufrieden, wie Frey und Stutzer gezeigt haben. Zudem scheint eine effektive Partizipation zu mehr Vertrauen unter den Menschen beizutragen, da man weniger Sorge haben muss, dass unter der Hand Wohltaten verteilt werden. Großer Abstand zwischen Skandinavien und den USA Die Qualität einer Demokratie ist sehr schwer zu messen. Die Welt- bank berechnet einen Index zu „Voice and accountability“ (Stimme und Rechenschaft) mit dem der Grad der freien Meinungsäußerung und der Partizipation der Wähler gemessen wird. Dieser Index kor- reliert sehr stark mit dem hier verwendeten Demokratieindex der Economist Intelligence Unit für 2006. Die EIU kombiniert 60 harte und weiche Indikatoren aus verschiedenen Quellen, einige stammen aus dem World Values Survey. Besonders gut scheint die Demokratie demnach in Skandinavien und den Niederlanden zu funktionieren. Die angelsächsischen Län- der zeigen hier kein einheitliches Bild: Während Australien und Ka- nada eine qualitativ hochwertige Demokratie haben, liegen die USA und vor allem Großbritannien deutlich zurück. Diese Ergebnisse decken sich mit den Daten der Weltbank. In Ländern mit gut funktionierender Demokratie ist – nicht überra- schend – der Staat effektiver und die Korruption niedriger. Zudem ist das Vertrauen in die Mitmenschen höher, die Toleranz gegenüber anderen größer und die Menschen sind allgemein zufriedener. Druck in Richtung besserer Demokratien Eine gute Demokratie lässt sich nicht auf dem Reißbrett kreieren, sondern erfordert jahrzehntelange Verbesserungen. Einige Grund- tendenzen lassen sich aber skizzieren (und spiegeln sich in den Empfehlungen auf den Seiten 4 bis 7): Funktionierende Demokra- tien sind weniger hierarchisch von einer kleinen Elite bestimmt, son- dern geben jedem Bürger effektive Mitsprache, z.B. über Elemente der direkten Demokratie auf lokaler Ebene. Der Druck in diese Rich- tung kommt von gut gebildeten Bürgern und einer freien Presse. 7,0 7,5 8,0 8,5 9,0 9,5 10,0 45678910 Quellen: Transparency International und Economist Intelligence Unit - *** ****** ** **************(* *6* *** Horizontal: Wahrnehmung der Korruption in 2006 (hoher Wert entspricht niedriger Korruption); vertikal: Demokratieindex in 2006 DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Korruptionswahrnehmung CA AU FI Demokratieindex . IE CH BE AT 9* * 5678910 Schweden Niederlande Norwegen Dänemark Finnland Australien Kanada Schweiz Irland Neuseeland Deutschland Österreich Spanien USA Portugal Belgien Griechenland UK Frankreich Italien * * *** * ************* ** * ** 4* **** ** **** ** Quelle: Economist Intelligence Unit Demokratieindex 2006, Skala von 0 bis 10 9! * * * * *** ***** **** *** Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Demokratieindex Demokratieindex 1,0 Vertrauen 0,9 Toleranz 0,9 Effektiver Staat 0,8 Korruption (niedrig) 0,8 Zufriedenheit 0,7 Breitbandanschl. 0,6 Beschäftigung 55-64 0,6 Kapitalzugang 0,5 Innovationsindex 0,5 Hochschulquote 0,5 Wirtsch. Freiheit 0,4 Kontrolle 0,4 Engagement 0,4 BIP pro Kopf 0,4 Geburtenrate 0,3 Quelle: Deutsche Bank Research 9 5 * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 25 10. Korruption bremst Fortschritt Für Sen ist Korruption eine der größten Hürden auf dem Pfad erfolg- reicher wirtschaftlicher Entwicklung. Wenig diskretionäre staatliche Systeme, ein korruptionsfeindliches Wertesystem und kluge Strafen sind für ihn Schritte zur Überwindung dieser Hürde. Korruption ent- steht, indem eine Machtposition zum eigenen Vorteil ausgenutzt wird. Inglehart und Welzel konzentrieren sich in ihrer Analyse auf die Personen mit besonders viel Macht – die Eliten. Für sie ist das Aus- maß der Korruption ein Gradmesser für die Integrität der Eliten und damit für die Effektivität der Demokratie. Korruption – eigene Interessen unrechtmäßig verfolgen Maße für Korruption versuchen zu erfassen, wie stark Macht miss- braucht wird, um sich materiell zu bereichern. Diese Korruption lässt sich durch Befragungen von Bürgern („Finden Sie, dass es gerecht- fertigt ist Schmiergelder anzunehmen?“ wie im World Values Survey gemacht) oder von Geschäftsleuten erfassen. Den zweiten Weg geht Transparency International mit dem „Corruption Perceptions Index“, der die wahrgenommene Korruption abbilden soll. Hohe Werte in ihrem Index bedeuten niedrige Korruption. Im Jahr 2006 wiesen die skandinavischen Länder, Neuseeland und die Schweiz eine besonders niedrige Korruption auf. Interessant ist die hohe Korrelation des Korruptionsindex mit der Effektivität des Staates und mit der Qualität der Demokratie. Für Inglehart und Wel- zel läuft die Kausalität hier primär von der Korruption (als Maß für die Integrität der Eliten) zur Qualität von Staat und Demokratie. Zu- dem sind Vertrauen und Toleranz dort höher, wo die Korruption nied- riger ist. Von 1996 bis 2006 ist die wahrgenommene Korruption in den meisten Ländern leicht gesunken, besonders deutlich in Spa- nien, Italien und Österreich. Korruption in allen Formen auf allen Ebenen bekämpfen Niedrige Korruption und wenig Machtmissbrauch zum eigenen Vorteil sind Zeichen hoher gesellschaftlicher Entwicklung. Gut durchdachte gesetzliche Regeln, wie z.B. asymmetrische Sanktionen, nach denen nur der Bestechende bestraft wird, können sinnvolle Hilfestellung in der Korruptionsbekämpfung liefern. Wichtig ist aber auch, ob sich die Eliten vor allem um sich selbst sorgen oder sich um die Entwicklung der gesamten Gesellschaft kümmern, z.B. indem sie hohe Bildung für breite Schichten der Bevölkerung zulassen und fördern. 246810 Finnland Neuseeland Dänemark Schweden Schweiz Norwegen Australien Niederlande Österreich UK Kanada Deutschland Frankreich Irland Belgien USA Spanien Portugal Italien Griechenland 2006 1996 (* *6**** ** ***** * ******%** *** **** *** ** 46**** Quelle: Transparency International Wahrnehmung der Korruption im Jahr 2006 (hoher Wert = wenig Korruption) 99 * 4 5 6 7 8 9 10 70 75 80 85 90 95 100 Quellen: World Values Survey und Transparency International *** * *' *****(* *6**** Horizontal: Toleranz laut Umfrage in 2000; vertikal: Korruptionswahrnehmung (Skala 0 bis 10, 10 ist niedrigste Korruption) in 2006 DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Toleranz CA AU FI Korruption (Abwesenheit) BE IE AT CH 9 * * B** ***(* *6* *******D* Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Korruption Korruption (niedrig) 1,0 Effektiver Staat 0,9 Breitbandanschl. 0,8 Zufriedenheit 0,8 Demokratieindex 0,8 Wirtsch. Freiheit 0,7 Innovationsindex 0,7 Toleranz 0,7 Kapitalzugang 0,7 Vertrauen 0,7 Beschäftigung 55-64 0,6 Kontrolle 0,6 Hochschulquote 0,5 Geburtenrate 0,5 Engagement 0,3 BIP pro Kopf 0,3 Quelle: Deutsche Bank Research 9 * * Aktuelle Themen 426 26 18. August 2008 11. Toleranz – Talente – Technologie Moderne Gesellschaften werden tendenziell immer bunter und hete- rogener. Offenheit gegenüber Neuem und Toleranz gegenüber an- deren ist wichtig für wirtschaftlichen Erfolg, kann aber auch ein wich- tiger Wert an sich sein. Richard Florida hat den Dreiklang Technolo- gie-Talent-Toleranz populär gemacht: in Städten mit hoher Toleranz gegenüber Homosexuellen scheint die Lebensqualität höher zu sein, was gut ausgebildete Talente anzieht, die dann wiederum hochwertige Technologien voranbringen. Ähnliches lässt sich auch für Länder sagen – und die Variablen lassen sich ergänzen um Ver- trauen, Zufriedenheit, Demokratie und viele andere. Deutsche sind relativ tolerant Auch die Toleranz einer Gesellschaft lässt sich nicht direkt messen, sondern nur über Umfragen erfassen. Im World Values Survey wer- den die Menschen gefragt, wen sie aus einer Liste von 14 Möglich- keiten lieber nicht als Nachbarn hätten. Als besonders tolerant gel- ten in der hier verwendeten Abgrenzung die Menschen, die nicht „Ausländer/Migranten“, „Homosexuelle“ oder „AIDS-Kranke“ an- kreuzen. Auch in diesem Maß – was momentan wie alle Befragungen aus dem World Values Survey nur für die Jahre um 2000 vorliegt – zeigen sich erhebliche und vorhersehbare Unterschiede zwischen den 20 betrachteten Länder. Besonders tolerant sind die Menschen in Skandinavien, den Niederlanden und Kanada (Grafik 36). Deutschland erreicht mit 89% einen – auch im Vergleich zu den anderen hier betrachteten Variablen – überdurchschnittlich hohen Wert. Die Verbesserung gegenüber dem gesamtdeutschen Wert für 1990 geht vor allem auf die gestiegene Toleranz gegenüber Homo- sexuellen zurück. Enger Zusammenhang zu Vertrauen, Korruption & Innovation Hohe Toleranz geht einher mit hohem Vertrauen in die Mitmenschen (Grafik 38), guter Demokratie, niedriger Korruption, aber auch einer hohen Innovationsfähigkeit (Tabelle37). Dies zeigt einmal mehr, wie breit gesellschaftliche Entwicklung definiert sein muss. Die Literatur über Sozialkapital zeigt viele Wege auf, wie insbesondere Toleranz und Vertrauen in die Mitmenschen gestärkt werden können. Einige davon sind auf den Seiten 4 bis 7 erwähnt. Deutschland hat hier eine gute Ausgangsbasis, auf der es aufzubauen gilt. 50 60 70 80 90 100 Schweden Niederlande Dänemark Deutschland Kanada Finnland Norwegen Schweiz Neuseeland Australien Spanien Belgien USA Portugal Österreich Irland UK Frankreich Griechenland Italien 2000 1990 * * ** *** *4******** Quelle: World Values Survey Durchschnitt % der Menschen, die kein Problem mit Ausländern, Homosexuellen oder AIDS-Infizierten als Nachbarn haben 9* * 70 75 80 85 90 95 100 10 20 30 40 50 60 70 Quelle: World Values Survey und DBR Berechnungen * *** *'*** **** * ** ********@******@** Horizontal: Vertrauen in die Mitmenschen in %; vertikal: Toleranz gegenüber Ausländern, Homosexuellen und AIDS-Infizierten DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Vertrauen CA AU FI Toleranz IE CH BE AT 9 = * * *** *'* *** ** Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Toleranz Toleranz 1,0 Demokratieindex 0,9 Vertrauen 0,8 Breitbandanschl. 0,7 Effektiver Staat 0,7 Korruption (niedrig) 0,7 Zufriedenheit 0,7 Hochschulquote 0,5 Innovationsindex 0,5 Beschäftigung 55-64 0,5 Engagement 0,4 Wirtsch. Freiheit 0,4 Kapitalzugang 0,4 Kontrolle 0,4 BIP pro Kopf 0,2 Geburtenrate 0,2 Quelle: Deutsche Bank Research 9 > * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 27 12. Engagement für die Allgemeinheit Zivilgesellschaft, bürgerliches Engagement, dritter Sektor. Diese Begriffe werden seit einigen Jahren immer prominenter. Eine Viel- zahl von Aktivitäten der Menschen ergänzt und kontrolliert, was Unternehmen und Staat tun. Vom Trainer im Sportverein über Ver- braucherschutzorganisationen bis hin zu global vernetzten Think Tanks setzen sich Menschen für die Entwicklung der Gesellschaft ein. Beispiele wie Ashoka, die soziale Unternehmer fördern, oder Common Purpose, die Menschen das Wissen, die Fähigkeiten und die Kontakte für echte Veränderungen eröffnen, zeigen, wie hier Fortschritt unterstützt wird. Viel Engagement und hohes Ausbildungsniveau Natürlich ist es sehr schwierig, diesen breiten und bunten Sektor in Zahlen zu fassen. Offizielle Statistiken gibt es kaum, sodass ver- schiedene Quellen kombiniert werden müssen. Das „Comparative Nonprofit Sector Project“ an der Johns Hopkins University addiert die Zahl der Menschen, die in privaten, selbst gesteuerten und nicht nach Gewinn strebenden Organisationen freiwillig oder gegen Ent- gelt tätig sind. Besonders viele von ihnen engagieren sich in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziales. Die Aussagefähigkeit dieser Daten ist jedoch nicht sonderlich hoch, da sich die Strukturen stark unterscheiden. Besonders groß ist der dritte Sektor nach diesen Daten in den Nie- derlanden, in Kanada und – etwas überraschend – in Belgien (Gra- fik 39). Mit einem Mitarbeiteranteil von knapp 6% liegt Deutschland deutlich zurück. Die Korrelationstabelle zeigt, dass hohe Lebenszu- friedenheit Hand in Hand mit hohem gesellschaftlichem Engage- ment geht. Zudem scheinen Länder mit vielen Hochschulabsolven- ten einen großen dritten Sektor zu haben – und einen effektiven Staat sowie eine gut funktionierende Demokratie. Wachstumsbranche dritter Sektor Die Theorien gesellschaftlicher Entwicklung legen nahe, dass der dritte Sektor eine Wachstumsbranche ist. Die Veränderungen der letzten Jahre scheinen das zu untermauern. In Deutschland entste- hen immer mehr Organisationen, der Staat fördert bürgerliches En- gagement immer stärker und er überlässt immer mehr Bereiche dem dritten Sektor. Diese Entwicklung dürfte für die Lebenszufrie- denheit und das Vertrauen der Menschen förderlich sein – und da- mit langfristig auch für das Wirtschaftswachstum. 0 2 4 6 8 10 12 14 16 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Quellen: Johns Hopkins University und Boje (2006) und OECD # ********** *** ** * *****0** *****' ***** Horizontal: Anteil der Menschen mit Hochschulausbildung in 2005 in %; vertikal: Tätige in NGOs und Freiwillige in % der Erwerbstätigen in 2003 DK SE AU, NZ, GR, CH: n/a US NO NL UK DE FR PT ES IT Hochschulquote CA FI Engagement IE BE AT * 5 * 04812 16 20 Niederlande Kanada Belgien Irland Schweden USA UK Norwegen Frankreich Dänemark Deutschland Finnland Österreich Spanien Portugal Italien Australien Griechenland Neuseeland Schweiz * **** *4**** *** ** *** ** Quelle: Johns Hopkins University und Boje (2006) Tätige in Non-Profits und Freiwilligen- sektor in % der Erwerbstätigen, 2003 n/a #************* **** *** * n/a n/a n/a 9; * # *** **** ** * *** **** Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Engagement Engagement 1,0 Zufriedenheit 0,6 Hochschulquote 0,6 Geburtenrate 0,5 Kapitalzugang 0,5 Effektiver Staat 0,5 BIP pro Kopf 0,5 Breitbandanschl. 0,5 Demokratieindex 0,4 Wirtsch. Freiheit 0,4 Toleranz 0,4 Vertrauen 0,4 Korruption (niedrig) 0,3 Innovationsindex 0,3 Beschäftigung 55-64 0,3 Kontrolle 0,2 Quelle: Deutsche Bank Research * ! * Aktuelle Themen 426 28 18. August 2008 13. Vernetzung: Technologie hilft Im 21. Jahrhundert ist angesichts der Globalisierung und Digitalisie- rung eine Vernetzung mit anderen Menschen rund um den Globus immer wichtiger und gleichzeitig immer leichter. Netzwerke sind der wichtigste Pfad zu neuen Arbeitsplätzen, neuen Mitarbeitern, neuen Aufträgen, neuen Ideen und können auch in der Freizeit neue Per- spektiven eröffnen. Die Bedeutung von Netzwerken lässt sich aber schon für das Flo- renz im 15. Jahrhundert belegen, wo der Aufstieg der Medici auf einem eng gesponnenen Netzwerk aufbaute. Für Hayek ist mensch- liche Kooperation nichts weniger als die Basis der Zivilisation und des Kapitalismus. In der Sozialkapitalliteratur ist die Vernetzung der Menschen das zweite Maß neben dem Vertrauen in die Mitmen- schen, mit dem versucht wird, die Höhe des Sozialkapitals zu mes- sen. Eigentlich müssten alle persönlichen Interaktionen mit anderen Menschen erfasst werden. Da solche Daten nicht verfügbar sind, soll der Fokus hier auf den technologischen Möglichkeiten liegen. Vernetzung immer öfter digital und in Breitband Der technische Fortschritt erlaubt immer schnellere Vernetzung über des Internet, ob per E-Mail, in global aufgestellten virtuellen sozialen Netzwerken wie Xing, LinkedIn, Facebook und ecademy, oder über das elektronische Schwarze Brett der Stadtverwaltung. Der Zugang zu diesen Netzwerken erfolgt immer öfter über Breitbandanschlüsse. Die Versorgung der Menschen mit Breitbandanschlüssen unter- scheidet sich in den hier untersuchten Ländern ganz erheblich. Während 2006 in Dänemark und den Niederlanden schon knapp 30% einen solchen Anschluss hatten, waren es in Deutschland nur halb so viele und in Griechenland sogar nur 3%. Es lässt sich nicht sagen, ob die Menschen in diesen Ländern eine hohe Nachfrage nach diesen Vernetzungstechnologien haben, oder ob eine kluge Regulierung dort für das entsprechende Angebot gesorgt hat. Politik für mehr Vernetzung In Deutschland sollten schnell Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, die die Breitbandvernetzung auf ein ähnlich hohes Niveau bringen wie in Skandinavien. Auch hier gilt, dass vermutlich ein brei- ter Politikansatz notwendig ist. Qualität der Demokratie, Bildungsni- veau und Offenheit gegenüber anderen scheinen alle auch mit der Vernetzung zusammen zu hängen. 0510 15 20 25 30 Dänemark Niederlande Schweiz Finnland Norwegen Schweden Kanada Belgien UK Frankreich USA Australien Österreich Deutschland Spanien Italien Portugal Irland Griechenland Neuseeland - * **** ***'***4******** Quelle: EC Innovation Scoreboard Breitbandanschlüsse 2006 in % n/a ** * 0 5 10 15 20 25 30 35 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 Quellen: Weltbank und EC Innovation Scoreboard #* ********4 ********** *** ** * ***'*** Horizontal: Effektivität des Staates in 2006; vertikal: Breitbandanschlüsse 2006 in % DK SE NZ: n/a US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Effektivität des Staates CA AU FI Breitbandanschlüsse IE CH BE AT * * * * * ***'***E* ** * ***D* Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Breitbandanschl. Breitbandanschl. 1,0 Korruption (niedrig) 0,8 Effektiver Staat 0,8 Zufriedenheit 0,7 Toleranz 0,7 Vertrauen 0,7 Demokratieindex 0,6 Innovationsindex 0,6 Hochschulquote 0,5 Kapitalzugang 0,5 Wirtsch. Freiheit 0,5 Beschäftigung 55-64 0,5 Engagement 0,5 Geburtenrate 0,4 BIP pro Kopf 0,4 Kontrolle 0,2 Quelle: Deutsche Bank Research * 9 * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 29 14. Innovation braucht passendes Umfeld Fortschritt und Innovation sind nahezu Synonyme. Beide meinen eine Veränderung, die zu einem besseren, bevorzugten Ergebnis führt. Gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fortschritt sind ohne technische, organisatorische Neuerungen nicht möglich. In der evo- lutionären Theorie von Nelson und Winter bieten ein effektiver Staat und hohe Ausbildung die Grundlage, auf der Neues entstehen kann und zu höheren realen Einkommen führt. Für Inglehart und Welzel ist Innovation entscheidend für den Zu- wachs an materiellen Möglichkeiten. In der modernen Projektwirt- schaft ist Vertrauen in neue Kooperationspartner entscheidend für den unternehmerischen Erfolg und die Zufriedenheit der beteiligten Mitarbeiter. Innovationsindikator sieht Deutschland in Spitzengruppe Somit sollte es eigentlich nicht überraschen, dass die Innovationsfä- higkeit in den Ländern besonders hoch ist, wo die Korruption niedrig ist, der Staat relativ effektiv ist, große wirtschaftliche Freiheit herrscht und sich die Menschen gegenseitig eher vertrauen. Der Innovationsindikator der Europäischen Kommission sieht Schweden, die Schweiz und Finnland als innovationsstärkste Län- der. Der Indikator fasst eine große Zahl verschiedener Variablen über das Innovationssystem (Voraussetzungen, Ergebnisse usw.) zusammen. Andere Innovationsindizes kommen zu leicht abwei- chenden Ergebnissen, die Grundtendenzen sind aber einheitlich. Deutschland lag 2007 auf Platz 5 noch vor Großbritannien und den USA. Ähnlich wie im Bezug auf die Toleranz gegenüber anderen, liegt Deutschlands Innovationsfähigkeit höher, als die anderen hier betrachteten Variablen nahe legen würden. Die Grafik unten zeigt beispielsweise eine hohe Innovationskraft trotz des eher mittelmäßi- gen Vertrauens in die Mitmenschen. Offensichtlich hat eine zielge- richtete Innovationspolitik in Deutschland Erfolge gebracht. Mittelfris- tig erscheint es jedoch sinnvoll – ähnlich wie im Bereich der Famili- enpolitik – das gesamte Umfeld für Innovation zu stärken. Weniger Korruption, mehr Vertrauen, ein effektiverer Staat, ein besserer Ka- pitalzugang und mehr Hochschulabsolventen würden vermutlich zu einer nachhaltig hohen Innovationskraft Deutschlands beitragen – und zudem zu mehr Lebenszufriedenheit. 0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 Schweden Schweiz Finnland Dänemark Deutschland UK USA Irland Österreich Niederlande Belgien Frankreich Kanada Australien Norwegen Italien Spanien Griechenland Portugal Neuseeland - *,** U*** ***** ** Quelle: EC Innovation Scoreboard Innovationsindikator für 2007 n/a ***** *3 ********** ** ** * 0,0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0 10 20 30 40 50 60 70 Quellen: World Values Survey und EC Innovation Scoreboard ** * ********3** *** ** * Horizontal: Vertrauen in die Mitmenschen ca. 2000 laut Umfragen; vertikal: Innovationsindex 2007 DK SE NZ: n/a US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Vertrauen in die Mitmenschen CA AU FI Innovationsindex IE CH BE AT *> * 3 ********* * ** **D Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Innovationsindex Innovationsindex 1,0 Korruption (niedrig) 0,7 Effektiver Staat 0,7 Zufriedenheit 0,6 Kapitalzugang 0,6 Breitbandanschl. 0,6 Wirtsch. Freiheit 0,6 Toleranz 0,5 Vertrauen 0,5 Demokratieindex 0,5 Beschäftigung 55-64 0,5 Kontrolle 0,5 Hochschulquote 0,4 Geburtenrate 0,4 Engagement 0,3 BIP pro Kopf 0,3 Quelle: Deutsche Bank Research * * * Aktuelle Themen 426 30 18. August 2008 15. Zugang zu Kapital Auch ein leichter Zugang zu Kapital ist für wirtschaftlichen Fortschritt wichtig – und hat viel mit den anderen hier betrachteten Variablen zu tun. Innovation benötigt immer auch Kapital, damit Neues wirklich auf den Markt kommen kann. Auch Amartya Sen betont, dass Zu- gang zu Kapital entscheidend dafür sein kann, welche wirtschaftli- chen Möglichkeiten die Menschen realisieren können. Da auf dem Kapitalmarkt eine Zahlung heute gegen mehr oder we- niger unsichere Zahlungen in der Zukunft eingetauscht wird, ist ein hohes Vertrauen in die Gegenseite entscheidend. Niedriges Ver- trauen kann dazu führen, dass eine Transaktion nicht vorgenommen wird. Effiziente staatliche Regeln helfen den beteiligten Parteien, Sicherheit zu geben. Index des Zugangs zu Kapital Das Milken Institute errechnet jährlich einen Index, mit dem abgebil- det werden soll, wie leicht Unternehmen Zugang zu Kapital bekom- men bzw. wie hoch entwickelt der Kapitalmarkt eines Landes ist. In den „Capital Access Index“ werden Aktien- und Anleihemärkte, al- ternative Finanzierungsquellen wie „Venture Capital“ und der Zu- gang zu internationalen Kapitalmärkten ebenso bewertet, wie die Qualität der Finanzinstitutionen und des Regelwerkes. Der Index für das Jahr 2007 sah Großbritannien, Kanada und Schweden unter den führenden Ländern (Grafik 48). Deutschland belegt Platz 17. Da sich die Zusammensetzung des Index im Laufe der Jahre stark verändert hat, lässt sich leider keine Entwicklung über mehrere Jahre verfolgen. Tabelle 49 zeigt, wie eng der Kapitalzugang mit einem effektiven Staat und hoher wirtschaftlicher Freiheit zusammenhängt. Niedrige Korruption erleichtert Finanztransaktionen und Innovationen. Breite Basis für eine bessere Kapitalversorgung Auch ein besserer Kapitalzugang lässt sich am besten über eine breit angelegte Veränderung erreichen: Ein höheres Bildungsniveau, mehr wirtschaftliche Freiheit, mehr Vertrauen in die Mitmenschen und eine wirksame Korruptionsbekämpfung dürften vermutlich auch positive Auswirkungen auf den Kapitalmarkt eines Landes haben. Eine effiziente Kapitalmarktregulierung ist natürlich essenziell. 456789 UK Kanada Schweden Irland Schweiz Australien Finnland Norwegen USA Dänemark Niederlande Deutschland Neuseeland Belgien Frankreich Österreich Portugal Italien Griechenland Spanien 2 ** ***'**(6********** Quelle: Milken Institute Index des Kapitalmarktzugangs für 2007, Skala von 0 bis 10 4 ** * *6* *** **** ** *= * 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 6,5 7,0 7,5 8,0 8,5 Quellen: Milken Institute und Fraser Institute * ** ****** * ****2**** *' **(6* ** Horizontal: Wirtschaftliche Freiheit in 2005; vertikal: Index des Kapitalmarktzugangs in 2007 DK SE NZ US NO NL UK DE GR FR PT ES IT Wirtschaftliche Freiheit CA AU FI Kapitalzugang IE CH BE AT * ! * 2 *** **'**(6*** Korrelationskoeffizienten für 20 Länder Kapitalzugang Kapitalzugang 1,0 Effektiver Staat 0,8 Wirtsch. Freiheit 0,7 Korruption (niedrig) 0,7 Zufriedenheit 0,7 Beschäftigung 55-64 0,6 Innovationsindex 0,6 Hochschulquote 0,6 Kontrolle 0,6 Geburtenrate 0,5 Engagement 0,5 BIP pro Kopf 0,5 Breitbandanschl. 0,5 Demokratieindex 0,5 Toleranz 0,4 Vertrauen 0,4 Quelle: Deutsche Bank Research * ; * Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 31 *33**** *** *** * * ***** * Neben den oben analysierten Variablen gibt es eine Vielzahl weite- rer Größen, die für das Wohlergehen der Menschen und für die Ent- wicklung eines Landes wichtig sein könnten. Hier soll kurz einge- gangen werden auf (i) Variablen, die in die beschriebene Systematik passen, aus Platzgründen oder wegen unsicherer Datenbasis aber nicht näher berücksichtigt wurden, (ii) Variablen, die vermutlich sehr wichtig sind, aber nicht in die Systematik passen und (iii) Variablen, die oft diskutiert werden, aber empirisch und/oder theoretisch keinen Zusammenhang aufweisen. (i) Auch in die Systematik passend Auch der Arbeitsplatzschutz, wie er von der OECD regelmäßig be- rechnet wird, passt in die Systematik. In fortschrittlichen Ländern ist er eher gering, was flexible Anpassungen und eine niedrige Arbeits- losenquote erlaubt. Der Global Gender Gap Index des World Economic Forum deutet darauf hin, dass Frauen in den fortschrittlichen Ländern eine größe- re Rolle spielen als in anderen Ländern. Die Unsicherheit über die Datenqualität ist hier jedoch recht groß. Die Transaktionskosten eines Immobilienkaufs sind in fortschritt- lichen Ländern niedrig, was die Flexibilität erhöht und ein Zeichen für Offenheit und Wettbewerb auf dem Immobilienmarkt sein könnte. (ii) Zusätzliche wichtige Variablen Die Lebenserwartung (siehe Grafik) ist sicherlich enorm wichtig für die Menschen, aber die Daten für 20 Länder weisen keinen Zusam- menhang mit anderen hier vorgestellten Variablen auf. Vermutlich hängt die Lebenserwartung stark von den Ernährungsgewohnheiten und dem Klima eines Landes ab und weniger von der Qualität staat- licher Regulierung. Somit sind Maße wie die glücklichen Lebensjah- re (happy life years) von Ruut Veenhoven oder der Human Develop- ment Index gute Wege, um die Lebenserwartung mit anderen rele- vanten Variablen zu verbinden. Auch die Qualität des Umweltschutzes ist wichtig für die Menschen. Jedoch zeigt der Umweltindex der Universität Yale (Environmental Protection Index) keinen signifikanten Zusammenhang zu den ande- ren Variablen auf. Die Verbindung von menschlichem Wohlergehen und Umweltschutz ist Aufgabe der Nachhaltigkeitsstrategien. (iii) Kein klarer Zusammenhang Eine große Zahl von Variablen zeigt in der Glücks- und Fortschritts- forschung keinen systematischen Zusammenhang zur Lebenszu- friedenheit der Menschen. Diese Größen sind weder in Mikro- noch in Makrostudien signifikant, noch im hier vorgestellten Datensatz: — Die Staatsquote (Schlussfolgerung: es kommt nicht darauf an, wie viel Geld der Staat ausgibt, sondern wofür), — die Bevölkerungsgröße, — der Nationalstolz (aus Befragungen „Sind Sie stolz ein Bürger ihres Landes zu sein?“), — der Anteil an Migranten in der Bevölkerung (homogene Gesell- schaften sind nicht leichter zu regieren als heterogene), — die heutige Religiosität (im Unterschied zu den historischen Wur- zeln, die teilweise durch Religionen bestimmt wurden). Stefan Bergheim (+49 69 910-31727, stefan.bergheim@db.com) 76 78 80 82 84 Spanien Schweiz Frankreich Australien Italien Schweden Kanada Norwegen Finnland Österreich Deutschland Irland Griechenland Neuseeland Belgien Niederlande Portugal UK USA Dänemark & ** **** * ******** * + *** ******** -** * * 2005, in Jahren Quelle: OECD ** * 0612 18 Norwegen Schweiz Schweden Finnland Dänemark Neuseel. USA Deutschl. Spanien Kanada Belgien Portugal Australien Niederl. Österreich UK Irland Frankr. Italien Griechenl. * *****2******** *** * 4 **** ***** Anzahl der Titel pro Mio. Einwohner Quelle: UNESCO *5 * Aktuelle Themen 426 32 18. August 2008 Zu den Handlungsempfehlungen Zu den Theorien gesellschaftlichen Fortschritts Vorarbeiten von Deutsche Bank Research &*** ** ** * *** * * Die vorliegende Studie baut auf diesen Vorarbeiten auf: Bergheim, Stefan (2007). Die glückliche Variante des Kapitalismus. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 380. Frankfurt am Main. Bergheim, Stefan (2008). Long-run growth forecasting. Springer. Hofmann, Jan, Ingo Rollwagen und Stefan Schneider (2007). Deutschland im Jahr 2020. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 382. Frankfurt am Main. Rollwagen, Ingo (2004). Sozialkapital und Dienstleistungen. In Deutsch, Klaus et al. Perspektiven Ostdeutschlands. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 306. Frankfurt am Main. Die Sozialkapitalliteratur hat in den letzten Jahren viele Empfehlun- gen entwickelt, auf die hier Bezug genommen wurde, insbesondere die Ideen aus der Strategy Unit des britische Premierministers und der institutionelle Ansatz von Hooghe und Stolle: Halpern, David (2005). Social capital. Polity Press. Hooghe, Marc and Dietlind Stolle, Hrsg. (2003). Generating social capital. Palgrave Macmillan. Während Halpern sich stark auf Putnam bezieht, sehen Hooghe und Stolle dessen Ideen eher kritisch: Putnam, Robert D. (2000). Bowling alone. Simon and Schuster. Putnam, Robert D. (2000). Better together. Simon and Schuster. Auch die Weltbank widmet sich der Sozialkapitalanalyse: go.worldbank.org/C0QTRW4QF0 Nyberg zeigt, dass aufgrund externer Effekte in Netzwerken eine Unterversorgung mit vertrauensfördernden und –sichernden öffentli- chen Gütern wahrscheinlich ist. Nyberg, Sten (1997). The honest society: Stability and policy consi- derations. Journal of Public Economics 64. Seiten 83-99. Zur offenen Unternehmenskultur siehe z.B.: Common Purpose (2008). Trusting times. A report into the skills and attitudes of future leaders. Zum Fernsehkonsum: Benesch Christine, Bruno S. Frey und Alois Stutzer (2007). TV channels, self control and happiness. Institute for Empirical Re- search in Economics Working Paper No. 301. Wie systematische Befragungen aussehen können zeigen: Harper, Rosalyn und Maryanne Kelly (2003). Measuring social capi- tal in the United Kingdom. Office of National Statistics. 150 Ideen, wie jeder Einzelne Sozialkapital aufbauen kann, schlägt das Saguaro Seminar vor: www.bettertogether.org/150ways.htm Standardwerke zur evolutionären Theorie sind: Nelson, Richard R. und Sidney G. Winter (1982). An evolutionary theory of economic change. The Belknap Press of Harvard University Press. Witt, Ulrich (2003). The evolving economy. Essays on the evolutio- nary approach to economics. Edward Elgar. Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 33 Freiheit Lebenszufriedenheit Zu den Veränderungen Datenquellen und Hintergründe zu den einzelnen Variablen Nelson und Sampat schlagen eine Brücke zwischen Volkswirt- schaftslehre und Soziologe. Institutionen sind soziale Technologien, die sich gemeinsam mit physischen Technologien entwickeln. Nelson, Richard R. und Bhavan Sampat (2001). Making sense of institutions as a factor shaping economic performance. Journal of Economic Behavior & Organization. 44, Seiten 31-54. Das letzte große Werk von Hayek, aus dem hier zitiert wurde, ist: Hayek, Friedrich August von (1988). The fatal conceit. The errors of socialism. University of Chicago Press. Die Theorie von Sen ist ausführlich in seinem Buch dargestellt, das in Deutsch unter dem treffenden Titel „Ökonomie für den Menschen“ erschienen ist: Sen, Amartya (1999). Development as freedom. Anchor Books. Die Darstellung der Theorie gesellschaftlicher Entwicklung verwen- det zwei Werke von Inglehart und Welzel: Welzel, Christian, Ronald Inglehart und Hans-Dieter Klingemann (2003). The theory of human development: a cross-cultural ana- lysis. European Journal of Political Research, 42, S. 341-379. Inglehart, Ronald und Christian Welzel (2005). Modernization, cultu- ral change and democracy. Cambridge University Press. Das Papier der Autoren von BEPA und CRELL der Europäischen Kommission ist: Canoy, Marcel, F. Lerais, M. Mascherini, A. Saltelli, D. Vidoni (2008). The importance of social reality for Europe’s economy: An appli- cation to civil participation in OECD (2008), Statistics, Knowledge and Policy 2007: Measuring and Fostering the Progress of Socie- ties. OECD Publishing, Paris. Die Unterschiede zwischen der Standard-Wohlfahrtsökonomie, dem Ansatz von Sen und der Glücksforschung hat Leite-Mota systema- tisch dargestellt: Leite-Mota, Gabriel (2007). Why should happiness have a role in welfare economics? Happiness versus orthodoxy and capabili- ties. Putnams Beispiel aus Italien ist in jedem Buch zu Sozialkapital zi- tiert. Das Buch der Journalistin Sabine Bode ist: Putnam, Robert (1993). Making democracy work. Civic traditions in modern Italy. Princeton University Press. Bode, Sabine (2006). Die deutsche Krankheit – German Angst. Klett-Cotta. Die Aussagen zu den einzelnen Variablen bauen natürlich auf den oben angegebenen theoretischen Arbeiten auf. Viele Daten stam- men aus dem World Values Survey: www.worldvaluessurvey.org Primär wurde das Eurobarometer verwendet, da hier relativ aktuelle Daten verfügbar sind. Die Korrelation mit den Daten aus dem World Values Survey ist 0,8: ec.europa.eu/public_opinion Die Daten zur wirtschaftlichen Freiheit stammen vom Fraser Institut: www.fraserinstitute.org. Beurteilt werden u.a. das Steuersystem, das Rechtssystem, internationale Verflechtungen und die Regulierung von Märkten. Die Daten zur Kontrolle über das eigene Leben sind aus dem World Values Survey. Aktuelle Themen 426 34 18. August 2008 Effektiver Staat Bildung Geburtenrate Vertrauen Verme hat den Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und Kontrolle über das eigene Leben quer durch alle Kulturen ausführ- lich dargestellt: Verme, Paolo (2007). Happiness and freedom in a world of hetero- geneous values. Paper presented at the International Conferen- ce on Policies for Happiness, Siena, Italy. Vertrauen ist die zentrale Größe in der o.a. Sozialkapitalliteratur. Heinemann und Koautoren analysieren die Verbindung zwischen Vertrauen und Reformen. Schmitz betont die Verbindung zu Wirt- schaftswachstum. Zur Rolle des Wohlfahrtsstaates und zu den ver- schiedenen Typen von Institutionen haben Rothstein und Stolle pub- liziert. Sennett weist auf die Vertrauensdefizite im neuen Kapitalis- mus hin: Luhmann, Niklas (1968). Vertrauen. 4. Auflage (2000). Lucius & Lucius. Heinemann, Friedrich, Eva Traut-Mattausch, Michael Förg, Eva Jo- nas und Dieter Frey (2007). Vertrauen und die Durchsetzbarkeit von Reformen. Wirtschaftspsychologie 2007-4. Schmitz, Jan (2008). Social trust and economic growth. Im Erschei- nen. Rothstein, Bo und Dietlind Stolle (2002). How political institutions create and destroy social capital. Mimeo. Rothstein, Bo und Dietlind Stolle (2003). Social capital, impartiality and the welfare state: an institutional approach. In Hooghe und Stolle a.a.O. Seiten 191-209. Sennett, Richard (2006). The culture of the new capitalism. Yale University Press. Die Literatur zu Humankapital wurde zusammengefasst in: Bergheim, Stefan (2005): Humankapital wichtigster Wachstumstrei- ber. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 324. Frankfurt am Main. Die Bedeutung der Familie für die Entwicklung des Vertrauens von Kindern betonen: Stolle, Dietlind und Marc Hooghe ( 2004) The roots of social capital. Acta Politica, 39. S. 422-441. Das „Governance Matters”-Projekt der Weltbank versucht seit Mitte der 90er Jahre, die Qualität von Institutionen zu messen. Unter www.govindicators.org sind die Daten und die Erklärungen verfüg- bar. Hier wird der Unterindex „Government effectiveness“ verwen- det. Heipertz und Warm-Weidinger kommen über einen ganz ande- ren Weg zu ähnlichen Ergebnissen. Auf einen engen Zusammen- hang zu Lebenszufriedenheit weisen Helliwell und Huang hin. Geoff Mulgan bietet eine internationale und historische Perspektive. Heipertz, Martin und Melanie Ward-Warmedinger (2007). Economic and social models in Europe and the importance of reform. Ar- beitspapiere des Bundesministeriums der Finanzen. Helliwell, John und Haifang Huang (2006). How’s your government? International evidence linking good government and well-being. NBER Working Paper 11988. Mulgan, Geoff (2006). Good and bad power. The ideals and betray- als of government. Allen Lane. Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts 18. August 2008 35 Demokratie Engagement Toleranz Korruption Die Economist Intelligence Unit hat im Jahr 2007 versucht, den Entwicklungsstand der Demokratie in 167 Ländern zu erfassen. Er setzt sich aus 60 Unterindikatoren zusammen und ist beschrieben: www.economist.com/media/pdf/Democracy_Index_2007_v3.pdf Die positiven Wirkungen direkter Demokratie haben Bruno Frey und Koautoren belegt. In Deutschland engagieren sich Mehr Demokratie e.V. und das Deutsche Institut für Sachunmittelbare Demokratie e.V. in diese Richtung. Frey, Bruno S. und Alois Stutzer (1999). Happiness prospers in de- mocracy. Journal of Happiness Studies 1. Seiten 79-102. Frey, Bruno S. und Alois Stutzer (2000). Happiness, economy and institutions. Economic Journal 110. Seiten 918-938. Zur Weisheit der Vielen hat Surowiecki eine interessante Debatte angestoßen: Surowiecki, James (2004). The wisdom of crowds. Doubleday. Die Quellen von Daten und Analysen sind Transparency Internatio- nal (www.transparency.org) und die Studien des wissenschaftlichen Leiters wie z.B.: Lambsdorff, Johann Graf und Mathias Noll (2005). Korruption in Deutschland. Wirtschaftsdienst, S. 783-790. Toleranz gegenüber anderen hat Vorteile, aber auch Herausforde- rungen, die von vielen Autoren thematisiert werden. Putnam weist vor allem auf die Herausforderungen hin. Sen betont, dass jeder Mensch mehr als eine Identität besitzt: Florida, Richard (2001). Technology and Tolerance: The Importance of diversity to high-technology growth. Brookings Survey Series. Putnam, Robert (2007). E Pluribus Unum: Diversity and community in the twenty-first century. Scandinavian Political Studies, 30. S. 137-174. Sen, Amartya (2006). Identity and Violence. W. W. Norton. Der heterogene und sich schnell entwickelnde Bereich der Zivil/Bürgergesellschaft kann hier unmöglich umfassend beschrie- ben werden. Für Deutschland sei verwiesen auf die Enquete- kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“, das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (www.b-b-e.de), die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (www.bagfa.de) und die Initiative „für mich, für uns, für alle“ (www.buerger-engagement.de). Boje, Thomas P. (2006). Civil society, volunteering, and provision of welfare services – what is the relationship? Mimeo. ********** * *** ISSN 1430-7421 Unsere Publikationen finden Sie kostenfrei auf unserer Internetseite www.dbresearch.de Dort können Sie sich auch als regelmäßiger Empfänger unserer Publikationen per E-Mail eintragen. Für die Print-Version wenden Sie sich bitte an: Deutsche Bank Research Marketing 60262 Frankfurt am Main Fax: +49 69 910-31877 E-Mail: marketing.dbr@db.com © Copyright 2008. Deutsche Bank AG, DB Research, D-60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informationszwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorstehenden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanz- dienstleistungsaufsicht verfügt. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die in Bezug auf Anlagegeschäfte im Vereinigten Königreich der Aufsicht der Financial Services Authority unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Limited, Tokyo Branch, genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privat- kunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen. Druck: HST Offsetdruck Schadt & Tetzlaff GbR, Dieburg Print: ISSN 1430-7421 / Internet: ISSN 1435-0734 / E-Mail: ISSN 1616-5640 Russland gewinnt durch Auslandsinvestitionen Nr. 425 ....................................................................................................................................................3. Juli 2008 Emissionshandel im Amerika Die US-Klimapolitik am Scheideweg Nr. 424 .................................................................................................................................................27. Juni 2008 Chemieweltmarkt: Asiatische Länder auf dem Vormarsch Nr. 423 .................................................................................................................................................20. Juni 2008 Wie intellektuelles Kapital Werte schafft Schritte zum strategischen Management von Immateriellem Nr. 422 .................................................................................................................................................18. Juni 2008 Transatlantische Integration – jetzt oder nie Nr. 421 .................................................................................................................................................17. Juni 2008 Musikindustrie: Kein Ende vom Lied Aber Rhythmuswechsel in der Branche Nr. 420 ................................................................................................................................................. 16. Mai 2008 Frauen auf Expedition – in das Jahr 2020 Das Wechselspiel zwischen Strukturwandel und Frauen: Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung in Deutschland Nr. 419 ................................................................................................................................................... 5. Mai 2008
1.0.10