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  4. Ausblick Deutschland
23. April 2007
Deutschland steht vor historischen Herausforderungen. Der anhaltende Strukturwandel hin zu einer wissensbasierten Wirtschaft, neue Konkurrenz aus Asien und anderen Teilen der Welt, die beträchtliche Alterung, knappe öffentliche Haushalte und der globale Klimawandel sind die prominentesten Beispiele. Um zukunftssichere Entscheidungen treffen zu können, müssen Politik und Wirtschaft einen Blick auf das künftige Wechselspiel dieser Kräfte wagen. Wir skizzieren daher mit einer innovativen Szenarioanalyse, welche zukünftigen Entwicklungspfade bis 2020 für Deutschland denkbar sind. Das plausibelste dieser Zukunftsbilder ist die "Expedition Deutschland". [mehr]
Deutschland im Jahr 2020 - Neue Herausforderungen für ein Land auf Expedition Fokus Deutschland 2020 Aktuelle Themen 382 Autor Jan Hofmann Ingo Rollwagen Stefan Schneider +49 69 910-31790 stefan-b.schneider@db.com Editor Stefan Bergheim Publikationsassistenz Pia Johnson Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland Internet: www.dbresearch.de E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 DB Research Management Norbert Walter 23. April 2007 Deutschland steht vor historischen Entscheidungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Um richtig entscheiden zu können, bedarf es zunächst konsistenter Zukunftsbilder. Wir skizzieren daher mit Hilfe einer innovativen Szenarioanalyse, welche zukünftigen Entwicklungspfade für Deutschlands Wirtschaft und Gesell- schaft denkbar sind – und welches Zukunftsbild das plausibelste ist. Die Kernele- mente dieses Szenarios „Expedition Deutschland“ für das Jahr 2020 sind: Die „Projektwirtschaft“ liefert in 2020 15% der Wertschöpfung in Deutschland (in 2007 waren es 2%). „Projektwirtschaft“ steht für zumeist temporä- re, außerordentlich kooperative und oft globale Wertschöpfungsprozesse. Sie fußt auf dem Nährboden klassischen Wirtschaftens und reifer Informationstechnolo- gien. Insbesondere der deutsche Mittelstand profitiert. Mit offenen Innovationsprozessen gelang der Sprung in neue Märkte. Deutschland hat 2020 in Märkten für Spitzentechnologie und wissensintensive Dienstleistungen aufgeholt. Das glückte nicht zuletzt durch das Teilen und Tau- schen von Geheimnissen – sowie enges Einbinden der Generation der „souverä- nen Kunden“. Wissen wird 2020 auf effizienten Märkten gehandelt. Daten- und Wis- sensmärkte sowie (private) Lernmärkte florieren, geistiges Eigentum ist zur breit genutzten Assetklasse geworden und intellektuelles Kapital ist in den Fokus der Unternehmensbewertung gerückt. Der Staat reduziert seine Einmischung und lernt bei der Regulierung gemeinsam mit Bürgern und Unternehmen, gezwungen durch den bis 2020 weiter eingeengten fiskalischen Spielraum und motiviert durch Legitimationsprobleme. Sozialtransfers sind grundsätzlich an Gegenleistungen gebunden. Die deutsche Gesellschaft bildet bis 2020 eine neue Mitte, der untere Rand gerät unter stärkeren Druck. Die Mittelschicht feiert ihr Comeback – sie investiert in Bildung und profitiert so von der Projektwirtschaft. Wie auch gut gebildete Ältere: Sie sind intelligent ins Arbeitsleben eingebunden. Niedrigver- diener haben dagegen nur begrenzt Zugang zu den teils privaten Lernmärkten und stehen, jung wie alt, unter oft erheblichem Druck. Mit diesen Strukturveränderungen erwarten wir für Deutschland bis 2020 ein durchschnittliches BIP-Wachstum von 1,5% p.a. Sie eröffnen Wirtschaft, Gesell- schaft und Politik aus der Perspektive von 2007 außergewöhnliche Chancen, ber- gen jedoch auch erhebliche Risiken. Wir skizzieren die wichtigsten unternehmeri- schen Handlungsfelder – die Gewinner von 2020 schon heute erschließen. * Ein Gemeinschaftsprojekt aller Teams von Deutsche Bank Research www.expeditiondeutschland.de Deutschland im Jahr 2020 Neue Herausforderungen für ein Land auf Expedition Aktu elle Themen 382 2 23. April 2007 Inhalt Sei te 1. Motivation und Ansatz ...................................................................................................................4 Deutschland vor historischen Entscheidungen ..................................................................................... 4 Zukunftsanalyse mit erweiterter Szenariomethode............................................................................... 4 Was Deutschlands Zukunft prägen wird ............................................................................................... 7 2. Ergebnisse .......................................................................................................................................10 Ein Blick über Deutschlands Grenzen bis 2020.................................................................................. 10 Vier Szenarien für Deutschland – in Kürze ......................................................................................... 12 Fokusszenario „Expedition Deutschland“ ........................................................................................... 18 Wertschöpfungsmuster: Flexible Kooperationen von Spezialisten – die Projektwirtschaft ........................................................................................................... 22 Gesellschaftliches Potential: Eigenständige Bürger und Konsumenten – nicht nur in der stabilisierten Mittelschicht ......................................................................... 31 Politisch-rechtlicher Rahmen: Die langsame Entkrustung – zur kooperativen, lernenden Regulierung....................................................................................................... 37 Intellektuelles Kapital: Modulare Bildung und Handel mit bewertetem Wissen............................................................................................................ 40 Digitalisierung: Vernetzte Güter und das neue Internet ............................................................................................................... 42 Energieversorgung: Breiter Energiemix, dezentral erzeugt ............................................................................................................... 44 Globale Integration: Boom deutscher Kreativitätsexporte ............................................................................................................. 46 Unter dem Strich moderates Wachstum ............................................................................................. 50 Warum dieses Szenario im Fokus? .................................................................................................... 52 Ein Szenario bleibt ein Szenario ......................................................................................................... 55 3. Acht Implikationen für Unternehmen .....................................................................................58 4. Ausblick ............................................................................................................................................63 Anhang Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 3 Diese Studie ist – ganz im Sinn ihrer inhaltlichen Kernthese – im Rahmen einer temporären Kooperation von Spezialisten verschie- dener Themenbereiche entstanden. Die Autoren bedanken sich insbesondere bei allen Teams von Deutsche Bank Research für die enge und fruchtbare Kooperation, die dieses gemeinsame Projekt ermöglicht hat. Zudem danken wir unseren Interviewpartnern aus den Geschäftsbereichen der Deutsche Bank AG und Dr. Burkhard Järisch (Society and Technology Research Group, DaimlerChrysler AG) für ihre wertvollen Projektbeiträge, sowie Alexandra Martini und Henrike Meyer (Martini, Meyer – Büro für Gestaltung) für ihre treffsi- chere und ausdrucksstarke Illustrationsarbeit. Aktuelle Themen 382 4 23. April 2007 In 13 Jahren kann sich viel ändern — Erstarken Chindias — Starkes Wachstum des Exportanteils am deutschen Bruttoinlandsprodukt (von 22% 1993 auf 45% 2006) — Vereinigung Deutschlands — Wachstum des deutschen Dienstleistungssektors (Anteil der Brutto- wertschöpfung in Deutschland 1992 65%, 2004 71%) — Entflechtung der „Deutschland AG“ (Kapitalverbindungen zwischen den 100 größten deutschen Unternehmen 1996- 2000 von 168 auf 80 gesunken) 1. Motivation und Ansatz Deutschland vor historischen Entscheidungen Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme wandeln sich fortwährend. Geschwindigkeit, Breite und Tiefe dieses Wandels variieren jedoch stark im Verlauf der Entwicklung einer Gesellschaft. Deutschland steht heute angesichts einer Reihe fundamentaler innerer wie äuße- rer Veränderungen vor historischen Entscheidungen. Wird die deutsche Gesellschaft an ihrer unvermeidlichen Alterung dauerhaft kranken, oder wird sie Wege finden, den Druck der demo- grafischen Entwicklung auf Wirtschaft und Staatsfinanzen abzufe- dern? Wird es Deutschland gelingen, seine Rolle in der sich verän- dernden weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Ordnung, nicht zuletzt verursacht durch den Aufstieg Chinas und Indiens, neu zu definieren? Wird Deutschland Vorreiter oder Nachzügler auf dem Weg in die Wissenswirtschaft sein? Die kommenden Jahre werden entscheidend sein für den Weg, den Deutschland langfristig einschlägt. Dieser Weg wird irgendwo zwi- schen dem Verharren in den bestehenden – zunehmend inadäqua- ten – gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen und ihrer raschen und nachhaltigen Umgestaltung verlaufen. Aber wo? Um uns dieser Frage zu nähern, haben wir mit einer um- fangreichen und innovativen Szenarioanalyse mögliche Pfade ana- lysiert und vier in sich schlüssige Zukunftsbilder für Deutschlands Wirtschaft und Gesellschaft im Jahr 2020 entworfen. Diese Szena- rien helfen, das Wechselspiel der verschiedenen Kräfte besser zu verstehen. Eine solche Analyse alternativer Szenarien erlaubt es zudem, politische und unternehmerische Handlungsimplikationen für die Gegenwart abzuleiten – um sich intelligenter auf den Struktur- wandel einzustellen, aber auch, um seine Richtung zu beeinflussen. Darüber hinaus gibt es jedoch gute Gründe, eine der von uns skiz- zierten Entwicklungsrichtungen als besonders plausibel zu erachten. Das erlaubt es, noch wesentlich konkretere Handlungsimplikationen abzuleiten. Wir werden uns dabei auf einige beispielhafte Implikati- onen fokussieren, die für Unternehmen vieler Branchen in ähnlicher Weise relevant sind – als Denkanstoß für die Entwicklung branchen- oder unternehmensspezifischer Strategien. Zukunftsanalyse mit erweiterter Szenariomethode Im Fokus unserer Szenarioanalyse stehen die Akteure, Strukturen und Prozesse der deutschen Wirtschaft im Jahr 2020. Gesellschaft- liche, politische und technologische Aspekte beziehen wir ein, inso- weit sie relevante Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Wir ha- ben das Jahr 2020 gewählt, weil der Zeitraum bis dahin einerseits lang genug für deutlich beobachtbare strukturelle Veränderungen ist (vgl. Kasten In 13 Jahren kann sich viel ändern). Zum anderen ist er kurz genug, um noch plausible Pfade zu den Szenarien entwickeln zu können. Konsequente methodische Weiterentwicklung… Unsere Methodik basiert auf einem einfachen Szenarioansatz: Man spannt mit den beiden wichtigsten Einflussgrößen auf die Szenario- frage (in unserem Fall: Wie hat sich der Strukturwandel im Jahr 2020 auf die deutsche Wirtschaft ausgewirkt?) ein „Szenariokreuz“ auf. Jeder Quadrant dieses Kreuzes entspricht einer anderen Kom- bination von Ausprägungen (hoch/hoch, hoch/tief etc.) dieser beiden Einflussgrößen, aus deren Zusammenwirken je ein Szenario ent- Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 5 Elemente unserer Szenarioanalyse — „Einflussgröße“. Wichtige Einflussgröße auf den künftigen Strukturwandel in Deutschland, deren eigene künftige Ent- wicklung kaum vorhersehbar ist. — „Trend“ (trendhafte Einflussgröße). Wichtige Einflussgröße auf den künftigen Strukturwandel in Deutschland, deren eigene künftige Entwicklung gut vorher- sehbar ist. — „Dynamik“. Bündel sich thematisch nahestehender und in ihrer Entwicklung korrelierter Einflussgrößen (überwiegend nicht trendhaft). Die künftige Entwicklung einer Dynamik als Ganzes ist (ohne Rück- griff auf zusätzliche Informationen) kaum vorhersehbar. — „Trendhafte Dynamik“. Bündel sich thema- tisch nahestehender und in ihrer Entwick- lung korrelierter, vorwiegend trendhafter Einflussgrößen. Die künftige Entwicklung einer trendhaften Dynamik als Ganzes ist gut vorhersehbar. — „Szenario“. In sich schlüssiges Zukunfts- bild (hier der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft), das sich aus einer bestimm- ten Kombination von Ausprägungen der betrachteten Dynamiken (sowie den erwarteten Ausprägungen der trendhaften Dynamiken) zusammensetzt. „Schlüssig“ bedeutet hier, dass die Interaktion der verschiedenen Elemente beachtet wird. — „Fokusszenario“. Dasjenige unserer vier alternativen Szenarien für Deutschland in 2020, das wir aufgrund der künftigen Wirkung eines Teils der obigen „Trends“ bzw. „trendhaften Dynamiken“ für beson- ders plausibel halten. wickelt wird (siehe Abbildung Szenariokreuz). Neben diesen Ein- flussgrößen, deren zukünftige Entwicklung unsicher ist, wirken auf alle vier Szenarien eine Reihe trendhafter Einflussgrößen – deren zukünftige Entwicklung vergleichsweise gut prognostizierbar ist (im Folgenden der Kürze halber „Trends“ genannt). Diese Trends sind daher in allen vier Szenarien ähnlich ausgeprägt. 1, 2 + + – – Szenario 1 Szenario 4 Szenario 3 Szenario 2 Unsere Szenariofrage ist jedoch sehr facettenreich, die Zahl rele- vanter Einflussgrößen und Trends ist hoch. Um dieser Komplexität Herr zu werden, ohne zuviel Information zu verlieren, haben wir den obigen Ansatz weiterentwickelt: Wir bündeln sich thematisch nahe- stehende und in ihrer Entwicklung korrelierte Einflussgrößen zu „Dynamiken“ (auch die Trends werden zu eigenen „trendhaften Dy- namiken“ gebündelt; vgl. die Abbildung Mit Komplexitätsreduktion zu Szenarien sowie den Kasten Elemente unserer Szenarioanalyse). Statt mit einzelnen Einflussgrößen spannen wir das Szenariokreuz mit den beiden wichtigsten dieser Dynamiken auf. Details sowie weitere Vor- und Nachteile dieses Vorgehens können unter www.expeditiondeutschland.de nachgelesen werden. … eingebettet in fundierte Mehrländer-Analyse Diese Szenarioanalyse für Deutschland baut auf einem Deutsche Bank Research-Projekt von 2005 auf – einer Prognose des Bruttoin- landsprodukts (BIP) für 34 Volkswirtschaften bis zum Jahr 2020. 3 In diesem Projekt hatten wir quantitative und qualitative Analysen ver- knüpft. Wir konnten jedoch ausschließlich solche Einflussgrößen einbeziehen, deren zukünftige Entwicklung wir gut abschätzen konn- ten (quantifizierte Wachstumstreiber und qualitativ beschriebene Trends). Im Gegensatz dazu berücksichtigen wir in der vorliegenden 1 Durch die Interaktion mit den anderen Einflussgrößen können sich die Trends dennoch in jedem Szenario etwas anders bzw. mit anderer Geschwindigkeit entwi- ckeln und auswirken. 2 Diese Einflussgrößen werden in der Szenariomethodik häufig auch als „Determi- nanten“, die Trends als „Prämissen“ bezeichnet. 3 Bergheim, Stefan (2005). Globale Wachstumszentren 2020 – Formel-G für 34 Volkswirtschaften. Aktuelle Themen 313. Deutsche Bank Research. Szenariokreuz mit zwei Einflussgrößen und vier alternativen Szenarien Aktuelle Themen 382 6 23. April 2007 Mehr zur Methodik unter www.expeditiondeutschland.de Szenarioanalyse für Deutschland explizit auch solche Einflussgrö- ßen, deren zukünftige Entwicklung unsicher ist. Aggregation #2: Szenariokreuz Aggregation #1: Dynamiklandkarte Basis: Einflussgrößen/ Trends Dynamik trendhafte Dynamik Einflussgröße Trend Szenario Kerndynamik Die beiden Projekte sind eng miteinander verzahnt: — Zum einen fungiert die Szenarioanalyse Deutschlands als „Tief- bohrung“ für die Wachstumsanalyse im Heimatmarkt der Deut- schen Bank. Die Szenarioanalyse erlaubt einen detaillierteren Blick, z.B. auf die Entwicklung einzelner Branchen und vorherr- schende Kooperationsmuster, und hinterlegt so die BIP-Wachs- tumsprognose des Vorprojekts von 1,5% p.a. für Deutschland im Schnitt der Jahre 2005 bis 2020. — Zum anderen bietet die Mehrländer-Analyse einen Rahmen von Prognosen für das weltwirtschaftliche Umfeld Deutschlands, in den die Szenarioanalyse eingebettet werden kann (vgl. Abschnitt Ein Blick über Deutschlands Grenzen bis 2020). Das ist ein ent- scheidender Vorteil, da einerseits eine Ausweitung der Szenario- analyse über Deutschland hinaus nicht handhabbar wäre, ande- rerseits eine Analyse Deutschlands ohne ein Verständnis der wesentlichen Entwicklungen im Rest der Welt wenig Sinn macht. Die Integration beider Projekte miteinander funktioniert insbesonde- re deshalb, weil sie auf derselben Trendbasis aufbauen. 4 4 Die im Vorläuferprojekt „Globale Wachstumszentren 2020“ (vgl. Bergheim, Stefan (2005), a.a.O.) identifizierten „Trendcluster“ haben wir in der vorliegenden Studie durch Ergänzungen zu „trendhaften Dynamiken“ weiterentwickelt (vgl. Anhang). Mit Komplexitätsreduktion zu Szenarien in zwei Aggregationsstufen Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 7 Das Konzept des „plausibelsten Szenarios“ In der klassischen Szenarioanalyse werden alternative zukünftige Entwicklungen untersucht – ohne dabei eines der entworfenen Sze- narien als das wahrscheinlichste in den Vordergrund zu stellen. Aus gutem Grund: Die Szenariomethode an sich liefert keine (bzw. nicht genug) Hinweise darauf, welches das wahrscheinlichste Zukunfts- bild ist. Wir weichen hier bewusst von dieser Tradition ab: Eine Reihe au- ßerordentlich einflussreicher und in ihrer generellen künftigen Ent- wicklung besonders gut vorhersehbarer Trends bzw. trendhafter Dynamiken treiben die Entwicklung Deutschlands in Richtung eines unserer vier Szenarien, machen es also besonders plausibel. Wir bezeichnen dieses Szenario als Fokusszenario und nennen es „Ex- pedition Deutschland“. Diese Trends beschreiben Entwicklungen in einem breiten Spektrum von Feldern in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Wissenschaft/Technologie und verstärken sich zum Teil gegenseitig, was uns weiter in der Fokussierung auf dieses eine Szenario bestärkt hat. 5 Wir gehen auf diese Trends im zweiten Kapi- tel genauer ein (siehe Abschnitt Warum dieses Szenario im Fokus?). Unsere Fokussierung auf dieses Szenario ist somit keinesfalls als normative Aussage zu verstehen: Unsere Botschaft ist nicht, dass wir dieses Szenario in den Vordergrund stellen wollen, weil es für uns das „wünschenswerteste“ ist. Trotz aller aus unserer Trendana- lyse abgeleiteten Plausibilitätsvorteile dieses Szenarios gegenüber den anderen drei Zukunftsbildern betonen wir jedoch: Unser Fokusszenario kann keine Prognose sein. Deutschland wird im Jahr 2020 wohl nur in Teilbereichen so aussehen wie in unserem Szenario beschrieben. Wahrscheinlich ist vielmehr eine Mischung aus Bestandteilen aller vier (und unter Umständen wei- terer möglicher) Szenarien. Unsere Botschaft ist also: Es ist aus heutiger Sicht plausibel, dass die Zukunft Deutschlands näher an unserem Fokusszenario liegt als an den anderen hier entwickelten Zukunftsbildern. Was Deutschlands Zukunft prägen wird Welches sind nun die beiden wichtigsten Dynamiken (also Bündel von Einflussgrößen) für die zukünftige Entwicklung Deutschlands? Die Abbildung auf der Folgeseite zeigt als Kandidatenpool unsere „DBR-Dynamiklandkarte“. Sie umfasst diejenigen Dynamiken in (und um) Deutschland, die wir grundsätzlich für besonders relevant für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft halten. Die dargestell- ten Dynamiken teilen sich in solche, deren zukünftige Entwicklung wir glauben gut prognostizieren zu können („trendhafte Dynamiken“, äußerer Ring in Abbildung DBR-Dynamiklandkarte) sowie solche, deren künftige Entwicklung unsicher ist (innen). Aus diesem Pool haben wir – analog zum einfachen Szenarioansatz – in einem strukturierten Prozess und gemeinsam mit Themenex- perten die beiden ausgewählt, die die stärkste Wirkung auf den deutschen Strukturwandel haben werden, deren eigene zukünftige Entwicklung jedoch unsicher ist. (Die Auswahl beschränkte sich folglich auf den inneren Kreis in der Abbildung DBR-Dynamik- landkarte.) 5 Wir hatten die Wechselwirkungen vieler dieser Trends untereinander bereits im Vorläuferprojekt „Globale Wachstumszentren 2020“ systematisch analysiert (vgl. Bergheim, Stefan (2005), a.a.O.). Aktuelle Themen 382 8 23. April 2007 Öffnung von Arbeit und Gesellschaft Prozess- virtuali- sierung in Netz- werken Globale Vernetzung von Wirtschaft und Politik Verknappung natürlicher Ressourcen Ausdehnung des Lebens Eroberung kleinster Strukturen Fragmentierung in Gesellschaften Erstarken von Emerging Markets Veränderung von Geschäftskultur und Wertschöpfungsmustern Differenzierung des Konsums Kriminalisierung Entwicklung der Wissensbasis Gestaltung des politisch-rechtl. Rahmens Nutzung des gesellschaftlichen Potentials Dynamik (künftige Entwicklung unsicher) Kerndynamik (künftige Entwicklung unsicher) trendhafte Dynamik (künftige Entwicklung vorhersehbar) Diese beiden „Kerndynamiken“ sind: 6 — Die Gestaltung des politisch-rechtlichen Rahmens und die Nut- zung des gesellschaftlichen Potentials. Wird der Staat Bürger und Unternehmen enger in die Regulierung einbeziehen? Wer- den sich die Deutschen stärker politisch engagieren wollen? Wird die Mittelschicht ausdünnen und an politischer und wirtschaftli- cher Bedeutung verlieren? Wird es in der Wissensgesellschaft noch Chancen für schlechter Gebildete geben? Wird sich unsere Einkommensverteilung weiter spreizen? Was und wie werden wir konsumieren? — Die Veränderung von Geschäftskultur und Wertschöpfungsmus- tern. Werden sich deutsche Unternehmen für neue Partnerschaf- ten und Finanzierungsformen öffnen? Wird der Mittelstand wei- terhin eine herausgehobene Rolle spielen? Wird Deutschland neue, lukrative Märkte für Spitzentechnologie und wissensinten- sive Dienstleistungen erobern können? Werden Unternehmens- gründungen dabei eine tragende Rolle spielen? Welche Qualifi- kationen werden Mitarbeiter brauchen? Aus der Kombination verschiedener Ausprägungen dieser beiden Kerndynamiken entwickeln wir vier Szenarien für Deutschland im Jahr 2020 („Expedition Deutschland“, „Wild West“, „Zugbrücke hoch“ und „Skatrunde beim Nachbarn“; vgl. Abbildung Von Kerndynamiken 6 Unsere Wahl basierte neben diesen beiden wichtigsten auf weiteren Kriterien. Vgl. dazu auch www.expeditiondeutschland.de. DBR-Dynamiklandkarte Die Dynamiken des Strukturwandels Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 9 trendhafte Dynamik Einflussgröße Trend (trendhafte Einflussgröße) Dynamik Kerndynamik Auswahl der Kerndynamiken… … und Verwendung als Achsen des Szenariokreuzes zum Szenariokreuz). Die übrigen Elemente unserer Dynamikland- karte, deren zukünftige Entwicklung ebenfalls unsicher ist, werden „nachgeführt“: Ihre Ausprägungen werden für jedes Szenario einzeln so gewählt, dass sich unter Beachtung ihrer Wechselwirkungen miteinander sowie mit den trendhaften Dynamiken (äußerer Ring in Abbildung DBR-Dynamiklandkarte) ein schlüssiges Gesamtbild er- gibt. Die einzige Ausnahme bildet die Dynamik „Kriminalisierung“, die neue Formen der Kriminalität und die Entwicklung des internationa- len Terrorismus umfasst. Deren künftige Entwicklung ist kaum aus ihrer Interaktion mit den anderen Dynamiken abzuleiten. Wir behan- deln sie daher als sogenannte „Wild Card“, die aus der eigentlichen Szenarioanalyse ausgeklammert wird. Auf Details der Dynamiken gehen wir sowohl in den Szenariobe- schreibungen als auch, in Form einer detaillierteren Dynamikland- karte, im Anhang ein. Von Kerndynamiken zum Szenariokreuz Aktuelle Themen 382 10 23. April 2007 Auch künftig starkes Wachstum insbesondere in Asien 2. Ergebnisse Ein Blick über Deutschlands Grenzen bis 2020 Die Zukunft eines Landes wird heute stärker denn je von den Ent- wicklungen in anderen Ländern bestimmt. Das gilt insbesondere für den „Exportweltmeister“ Deutschland. Die künftige Entwicklung des globalen Umfelds muss daher, soweit prognostizierbar, in unsere Analyse der Entwicklung Deutschlands bis zum Jahr 2020 einflie- ßen. Um den Aufwand hierfür handhabbar zu halten, beschränken wir uns auf wichtige langlaufende und für viele Länder gültige Trends. Wir verwenden hierfür die in der Abbildung DBR-Dynamiklandkarte skizzierten „trendhaften Dynamiken“– ihre Mehrheit gilt nicht nur für Deutschland, sondern für die meisten entwickelten Nationen sowie viele (heutige) Schwellenländer. Sie alle sind in die Entwicklung unserer Szenarien für Deutschland im Jahr 2020 eingeflossen. 7 Im Folgenden umreißen wir jedoch nur die beiden unter ihnen, die für Deutschland eine herausgehobene Rolle spielen werden: — Das weitere wirtschaftliche und politische Erstarken vieler Schwellenländer (zum Teil in einem Maß, das den Begriff des „Schwellenlands“ obsolet erscheinen lassen wird), sowie — eine weiter zunehmende globale Vernetzung von Wirtschaft und Politik („Globalisierung“). Diese beiden eng miteinander verwobenen Trends haben wir in früheren Arbeiten bereits detailliert hinterlegt, z.B. in der oben er- wähnten Wachstumsprognose für 34 Länder 8 sowie einer Reihe länder- und themenspezifischer Analysen mit langfristigem Aus- blick 9 . Neben dem hier im Wesentlichen aus Deutschland heraus gerichteten Blick werden wir – als Bestandteil unseres Fokusszena- rios – im Abschnitt Globale Integration konkreter auf die Vernetzung Deutschland mit dem Rest der Welt im Jahr 2020 eingehen. Erstarken vieler Schwellenländer Besonders hohe Wachstumsraten des BIP erwarten wir für den Zeit- raum bis 2020 im asiatischen Raum – vor allem in Indien (5,5% gg. Vj. im Durchschnitt 2005-2020 nach Formel-G / DB Research), Ma- laysia (5,4%), China (5,2%) und Thailand (4,5%, vgl. Abbildung 1). Aber auch lateinamerikanische Länder – insbesondere Mexiko, Chi- 7 Aufgrund ihres trendhaften Charakters sind diese Dynamiken in alle vier Szenarien auf ähnliche Weise eingegangen. Zum einen kann die trendhafte Dynamik jedoch selbst je nach Szenario etwas unterschiedlich ausgeprägt sein, zum anderen kann sich ihre Wechselwirkung mit den anderen Einflussgrößen von Szenario zu Szena- rio unterscheiden. 8 Bergheim, Stefan (2005), a.a.O. 9 Vgl. u.a. Jäger, Markus (2005). Türkei 2020: Auf Konvergenzkurs. Aktuelle The- men 315. Deutsche Bank Research; Mund, Jennifer (2005). Indien im Aufwind: Ein mittelfristiger Ausblick. Aktuelle Themen, Indien Spezial. Deutsche Bank Research; Voss, Silja (2006). Mexiko 2020: Tequila Sunrise – Ein mittelfristiger Wachstums- ausblick. Aktuelle Themen 344. Deutsche Bank Research; Bergheim, Stefan und Jan Schmitz (2006). Japan 2020 – ein steiniger Weg. Aktuelle Themen 365. Deut- sche Bank Research; Bergheim, Stefan (2005). Humankapital wichtigster Wachs- tumstreiber – Erfolgsmodelle für 2020. Aktuelle Themen 324. Deutsche Bank Re- search; Neuhaus, Marco (2005). Vorsprung durch Öffnung – Integration in Welt- wirtschaft lässt Wachstumsrate steigen. Aktuelle Themen 325. Deutsche Bank Re- search; Heymann, Eric (2005). Dynamische Branchen begünstigen globale Wachstumszentren. Aktuelle Themen 332. Deutsche Bank Research; Bergheim, Stefan (2006). Hurra, wir leben länger! Gesundheit und langes Leben als Wachs- tumsmotoren. Aktuelle Themen 345. Deutsche Bank Research. Hofmann, Jan und Marion König (2006). Technology boosts trade boosts migration – On the interplay of three key globalisation phenomena. Current Issues. Deutsche Bank Research. 0246 Spanien USA Irland Thailand China Malaysia Indien BIP-Wachstum pro Jahr 2005-2020 % gegenüber Vorjahr Quelle: Deutsche Bank Research, Formel-G 1 Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 11 Schwellenländer werden Investitionen in Deutschland verstärken Mehr Rückmigration in aufstrebende Schwellenländer Uncle Sam wird die Nase weiter vorn haben Internationaler Handel mit Dienstleis- tungen wächst und wird vielfältiger le und Argentinien – sowie Länder Mittel- und Osteuropas und des Nahen Ostens holen auf. Während diese Länder derzeit noch hauptsächlich das Ziel von Investitionen aus den entwickelten Län- dern sind, werden einige von ihnen auch ihre Auslandsinvestitionen in Deutschland, anderen entwickelten Nationen und anderen (z. B. afrikanischen) Schwellenländern weiter deutlich verstärken. 10,11 In Deutschland erwarten wir vorwiegend Investitionen dieser Länder in lokale Forschungs- und Entwicklungs-(FuE-)Kapazitäten, in Wissen über lokale Märkte sowie in Konsumgüter- und Dienstleistungsmar- ken. 12 Aber nicht nur das Muster der internationalen Kapitalströme, auch das der Migrationsströme wird sich wandeln. Wir erwarten, dass die Zahl der Migranten aus aufstrebenden Schwellenländern weiter steigen wird, die nach einer Ausbildung oder ersten Berufsjahren in einem entwickelten Land in ihre Heimat zurückkehren. Sie werden die Wirtschaft ihrer Heimatländer beträchtlich stärken. 13 Und schließlich werden gerade die großen unter den Aufholländern, ge- tragen von ihrer guten wirtschaftlichen Entwicklung, erheblichen Einfluss auf der politischen Weltbühne gewinnen. Die höchsten Wachstumsraten entwickelter Länder erwarten wir in Irland, den USA und Spanien (vgl. Abbildung 1). Ihr Wachstum bleibt mit 3,8%, 3,1% und 2,8% zwar deutlich hinter dem der Spitzenreiter der Schwellenländer zurück, ist im Vergleich mit dem Rest der ent- wickelten Welt aber beachtlich. Wir erwarten, dass der wirtschaftli- che Einfluss und die Innovationskraft der USA auch bis 2020 der weltweite Vergleichsmaßstab bleiben wird. 14 Globale Vernetzung von Wirtschaft und Politik Ein zentraler Treiber des Erstarkens der Schwellenländer ist das Auslagern von Wertschöpfungsschritten aus entwickelten Volkswirt- schaften dorthin, vorwiegend aufgrund niedrigerer Arbeitskosten in den Schwellenländern. Zwar ist die Verlagerung von Güterprodukti- on ein altbekanntes Phänomen – tatsächlich erwarten wir hier bis 2020 eine Abschwächung der in den letzten zwei Dekaden ange- wachsenen Verlagerungswelle aus Nordamerika, Japan und Euro- pa. Die Verlagerung von Dienstleistungen wird jedoch weiter stark zu- nehmen. 15 Die heute hohen Wachstumsraten des sogenannten 10 In 2005 beliefen sich die deutschen Auslandsdirektinvestitionen (FDI) auf 9% des globalen FDI-Bestands von USD 10 Bill. Auf ausländische FDI in Deutschland ent- fielen 5%. 11 Vgl. Mühlberger, Marion (2007). Afrika: Von Konflikt, Korruption und Krise hin zu Kapitalzufluss, Konjunkturaufschwung und Kaufrausch Chinas. Aktueller Kommen- tar. Deutsche Bank Research (www.dbresearch.de). Mühlberger, Marion (2007). Africa’s natural resources in the spotlight again. Präsentation. Deutsche Bank Re- search (www.dbresearch.de). 12 Vgl. Neuhaus, Marco (2006). Inshoring-Ziel Deutschland: Globale Vernetzung ist keine Einbahnstraße. Aktuelle Themen 346. Deutsche Bank Research. 13 Zum anderen werden die erfolgreichen Schwellenländer allerdings auch für Migranten aus sich schwächer entwickelnden Schwellenländern als Alternative zu den klassischen Migrationsmagneten immer attraktiver. Ob sich dieser Zufluss von Arbeitskräften in die aufstrebenden Schwellenländer mittelfristig wachstumsför- dernd oder -hemmend auswirkt, müsste länderspezifisch untersucht werden, was den Rahmen der vorliegenden Studie sprengen würde. 14 Zum Vergleich der Innovationskapazitäten verschiedener Länder siehe auch: Hofmann, Jan (2003). Innovationsstandort D: Mind the gap! Aktuelle Themen 275. Deutsche Bank Research. Hofmann, Jan (2006). Innovationsstandort D 2012: Vier Szenarien – und Navigationspunkte auf dem Weg dorthin. Präsentation. Deutsche Bank Research (www.dbresearch.de). 15 Vgl. Meyer, Thomas (2007). Offshoring ist kein Jobkiller. E-conomics 61. Deutsche Bank Research; Meyer, Thomas (2006). Offshoring an neuen Ufern: Nearshoring nach Mittel- und Osteuropa. E-conomics 58. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 382 12 23. April 2007 Neue Akteure auf der politischen Weltbühne... … werden den Abstimmungsaufwand in internationalen Organisationen… Bildsprache der Szenarioplakate Die auf den folgenden Doppelseiten gezeigten Visualisierungen der Szenarien benutzen eine durchgängige Bildsprache: — Die Personen verkörpern sowohl Unter- nehmen als auch Bürger (kooperie- rend/aktiv vs. verschlossen/passiv), — die direkte Umgebung der Personen und das weitere Terrain skizzieren das Spiel- feld der Märkte (bekannt/begrenzt/ verflochten vs. unerforscht/offen/frei) — Himmel und Wetter vermitteln einen Eindruck der regulatorischen Rahmen- bedingungen (transparent/schlüssig vs. undurchsichtig/inkonsistent). Dienstleistungs-Offshorings werden durch neue Zielländer (mit noch vergleichsweise niedrigen Arbeitskosten), Skaleneffekte, sinkende Transaktionskosten sowie stetiges Ausweiten des Spektrums an auslagerbaren Dienstleistungen gestützt werden. Mit steigendem Bildungsgrad der Bevölkerung der Zielländer sowie besseren und im Zielland weiter verbreiteten Kommunikationskanälen werden immer komplexere Dienstleistungen handelbar. Dazu zählen auch fortge- schrittene FuE-Tätigkeiten. Zudem werden die erfolgreichen Schwellenländer selbst immer mehr niederkomplexe Produktion und Dienstleistungserstellung in Schwellenländer mit noch niedrigeren Arbeitskosten auslagern. In der politischen Arena erhöht das Erstarken der Schwellenländer den Druck, sie eng in internationale Abstimmungsprozesse einzu- binden. Da viele Unterschiede zu den entwickelten Nationen in Be- zug auf Wohlfahrt, Gesellschaftsmodell und Kultur fortbestehen werden, erwarten wir wachsende Spannungen in internationalen Organisationen wie der UNO, der World Trade Organization (WTO), dem International Monetary Fund (IMF) und der World Intellectual Property Organization (WIPO). Darüber hinaus erwarten wir steigenden internationalen Abstim- mungs- und Handlungsbedarf aufgrund des globalen Klimawandels, des Verknappens fossiler Rohstoffe sowie der wachsenden Zahl und schnelleren Verbreitung globaler Epidemien. Wir betrachten alle drei Phänomene als gut vorhersehbare Trends im Rahmen des hier be- trachteten Zeithorizonts bis 2020 (sowie darüber hinaus). 16 In allen drei Fällen ist der Handlungsdruck international erkannt – und alle drei können nur in international konzertierten Aktionen wirkungsvoll adressiert werden. Trotz der absehbar wachsenden innerorganisati- onalen Spannungen erwarten wir daher einen generellen Bedeu- tungsgewinn internationaler Institutionen. Ohne ihre Rolle als Ver- mittler bzw. Verhandlungsplattform wäre multilateral koordiniertes Vorgehen deutlich schwieriger. Vier Szenarien für Deutschland – in Kürze Auf den folgenden beiden Doppelseiten fassen wir – in sehr knapper Form – unsere vier Szenarien für Deutschland im Jahr 2020 zu- sammen, um einen Vergleich der jeweiligen Kernaussagen zu er- möglichen. Wir beschreiben nicht nur die Situation im Jahr 2020, sondern formulieren die Szenarien auch aus der Perspektive von 2020. Wie in Kapitel 1 dargestellt spannen wir mit den beiden wich- tigsten Dynamiken (Bündeln von Einflussgrößen) als Achsen ein Szenariokreuz auf, dessen vier Quadranten den vier Szenarien ent- sprechen. Die Kerndynamik — „Gestaltung des politisch-rechtlichen Rahmens / Nutzung des gesellschaftlichen Potentials“ variiert dabei, von einem Achsen- ende zum anderen, zwischen „kohärent“ und „inkohärent“, die Kerndynamik — „Veränderung von Geschäftskultur und Wertschöpfungsmustern“ variiert zwischen den Entwicklungsrichtungen „offen“ und „ge- schlossen“ 16 Klimawandel: siehe z.B. Intergovernmental Panel on Climate Change (2007). Climate Change 2007: The Physical Science Basis. Summary for Policymakers. Paris. Rohstoffverknappung: siehe z.B. Auer, Josef (2004). Energieperspektiven nach dem Ölzeitalter. Aktuelle Themen 309. Deutsche Bank Research. Epidemien: Zentrale Treiber für die Zunahme global auftretender Epidemien sind die zuneh- mende internationale Reisetätigkeit und Migration sowie der wachsende internati- onale Handel. … sowie die Bedeutung dieser Orga- nisationen erhöhen Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 13 (siehe Abschnitt Was Deutschlands Zukunft prägen wird für inhaltli- che Erläuterungen). In der Beschreibung der vier Szenarien „Expe- dition Deutschland“, „Wild West“, „Zugbrücke hoch“ und „Skatrunde beim Nachbarn“ spalten wir die erste der beiden Kerndynamiken zwecks transparenterer Darstellung in ihre Bestandteile Politik und Gesellschaft auf. Zudem skizzieren wir jeweils die Entwicklung der Wissensbasis Deutschlands („Intellektuelles Kapital“). Die Entwick- lung der trendhaften Dynamiken beschreiben wir in dieser kurzen Übersicht nicht, da sie sich zwischen den vier Szenarien weniger deutlich unterscheiden. Wir unterstützen die sprachliche Darstellung der Szenarien mit Visualisierungen in Form je eines „Szenarioplakats“ (vgl. den Kasten auf S. 12 für eine Erläuterung der verwendeten Bildsprache). Aktuelle Themen 382 14 23. April 2007 Vier Szenarien für Inflexible, überkommene Regulierung und viel Kompetenzgerangel politischer Akteure verhindern unternehmerische Initiative und gesellschaftliches Engagement. Unternehmenskooperationen sind rar, Besitzstandswahrung ist allgegenwärtig. Die Regulierung ist inflexibel, sie hält nicht mit der wirtschaftlichen Dynamik Schritt – oder wird von konzertiertem Lobbying diktiert. Unter- nehmerische Initiative, vielfach vorhanden und meist in Kooperation, wird so zum riskanten Abenteuer. inkohärent offen geschlossen © Martini, Meyer ©Martini, Meyer Geschäftskultur und… … Wertschöpfungsmuster Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 15 Flexible Koregulierung ebnet den Weg zu neuen Märkten. Spezialisierte Unternehmen erobern diese Märkte in oft temporären Projektkooperationen – auf dem Fundament klassischer Wertschöpfungsprozesse. Gesellschaftliches Potential und… … politisch-rechtlicher Rahmen Flexible Regulierung und eine aktive Gesellschaft würden das Erobern neuer Märkte erlauben. Unternehmen verharren jedoch in ihren gewohnten Strukturen und Märkten, sie kooperieren wenig oder nur „mit alten Bekannten“ kohärent © Martini, Meyer © Martini, Meyer Deutschland im Jahr 2020 Aktuelle Themen 382 16 23. April 2007 Vier Szenarien für Szenario „Zugbrücke hoch“ Anno 2020 +++ Wertschöpfungsmuster +++ Wertschöpfung findet in etablierten Branchengrenzen, selten in Kooperation und meist in vertikal integrierten und alteingesessenen Konzernen statt. Eigenständige mittelgroße Unternehmen verlieren an Bedeutung. Mangelnder Wagemut und fehlende Kooperationsbereitschaft hat die Konzerne technologisch zurückfallen lassen – die Komplexität ist für Einzelgänger zu groß geworden. Die wenigen Innovationen optimieren i. W. margenschwache Produktlinien. +++ Gesellschaftliches Potential +++ Die Kooperation von Staat und Bürgern stockt – der Fokus der Bürger liegt oft auf den Ansprüchen gegen den Staat. Für den Einzelnen ist zudem intransparent, was der Staat leistet und wo Eigenverantwortung gefragt ist. Die Oberschicht hat sich vom Rest der Gesellschaft abgekoppelt; die Mittelschicht erodiert stark, da sie in Sunset-Industrien gefangen ist. Viele in der Unterschicht bleiben mangels Unterstützungsleistungen sich selbst überlassen, vom letzten verbliebenen Kanal für sozialen Aufstieg – Konzernkarrieren – sind sie weitgehend ausgeschlossen. Discountermentalität dominiert den Konsum. +++ Politisch- rechtlicher Rahmen +++ Kompetenzstreitigkeiten der politischen Akteure haben zu einer starren, unübersichtlichen und vielfach inadäquaten Regulierung geführt. Für die oft risikoaversen Konzerne wird das Erobern neuer Märkte so zusätzlich erschwert und verteuert. Einige von ihnen investieren viel in Lobbying, aufgrund der unübersichtlichen Regulierung jedoch mit wenig Erfolg. +++ Intellektuelles Kapital +++ Die öffentlichen Bildungsausgaben sinken, private Lernangebote entwickeln sich schleppend. Die univer- sitäre Ausbildung verliert international an Ansehen, mangelnde Forschungsinvestitionen lassen den Wissensstock schrumpfen. Das verlangsamt das Entstehen neuer Wachs- tumsfelder – von Datenmärkten bis Spitzentechnologie. Konzerne übernehmen einen Teil der Ausbildung selbst, fokussieren dabei jedoch auf unternehmens- und funktionsspezifische Qualifikationen. Szenario „Wild West“ Anno 2020 +++ Wertschöpfungsmuster +++ Ein großer Teil der Wertschöpfung findet in oft adhoc gebildeten und meist unbeständigen Unternehmensallianzen statt. Gemeinsam dringen sie in unbekanntes wirtschaftliches Terrain vor, selten jedoch tief – für radikale, investitionsträchtige Innovationen fehlt die Beständigkeit. Die neue Risikobereitschaft äußert sich auch in der hohen Zahl von Gründungen und freigebigen Risikokapitalfonds (deren Erträge volatil sind). +++ Gesellschaftliches Potential +++ Inkonsistente Steuergesetzgebung hat die Staatskassen geleert, viele Sicherungs- und Umverteilungsmechanismen sind außer Kraft. Viele Niedrigqualifizierte sind in prekärer Lebenslage. Gut qualifizierten Mutigen und Findigen bieten sich dagegen viele Geschäftschancen und (riskante) Aufstiegsmöglichkeiten. Eigenmotivation und unternehmerische Initiative sind wichtiger denn je für Einkommen und Status. Gesellschaftliches Engagement zeigen nur Erfolgreiche – um soziale Spannungen abzumildern. +++ Politisch-rechtlicher Rahmen +++ Die inflexible und lückenhafte Regulierung hält nicht mit der wirtschaftlichen Dynamik Schritt. Diese Freiräume treiben zwar die wirtschaftliche Aufbruchstimmung. Versteckte regulatorische Fallstricke und der oft zügellose Wettbewerb verurteilen jedoch viele unternehmerische Initiativen zum Scheitern. Zudem ist die Regulierung anfällig für das erratische Lobbying unbeständiger Unternehmensallianzen. Die Folge sind marktverzerrende Rahmenbedingungen und erodierende Rechtssicherheit. +++ Intellektuelles Kapital +++ Private Lernmärkte blühen, dominiert vom Angebot kleiner Lernmodule. Sie dienen mehr der Vorbereitung auf temporäre Engagements denn der langfristigen Qualifikationsentwicklung. Das öffentliche Bildungssystem ist verkommen. Ebenso das öffentliche Forschungssystem – für vorausschauende Wissenschaft zahlt heute niemand mehr. Geistiges Eigentum ist uneinheitlich reguliert und Gegenstand ständiger juristischer Auseinandersetzungen. inkohärent © Martini, Meyer ©Martini, Meyer offen geschlossen Geschäftskultur und… … Wertschöpfungsmuster Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 17 Szenario „Expedition Deutschland“ Anno 2020 +++ Wertschöpfungsmuster +++ Kooperationsprojekte spezialisierter Akteure sind ein essentieller Bestandteil der Wirtschaft geworden – allein ihre organisatorisch und rechtlich eigenständige Variante liefert 15 % der Wertschöpfung. Mit dieser neuen Kooperationsmentalität hat Deutschland bei Spitzentechnologien und wissensintensiven Dienstleistungen Boden gut gemacht, unterstützt von vielen Unternehmensgründungen und mit Innovationsprozessen, die Kunden eng integrieren. Diese „Projektwirtschaft“ gedeiht auf dem Nährboden klassischer Wertschöpfungsprozesse. +++ Gesellschaftliches Potential +++ Die Mittelschicht hat sich stabilisiert: Sie besetzt viele der lukrativen, wissensintensiven Jobs in der Projektwirtschaft, profitiert von den neuen privaten Lernanbietern und konsumiert „souverän“. Die fachlichen und sozialen Anforderungen ihrer neuen, oft unbeständigen Arbeitsplätze sind hoch. Unter stärkerem Druck stehen jedoch die Niedrigverdiener. Ihnen fehlt oft der Zugang zum Lernmarkt und damit zur Projektwirtschaft. Für staatliche Unterstützung müssen soziale Gegenleistungen erbracht werden. +++ Politisch-rechtlicher Rahmen +++ Gezwungen durch knappe Finanzen hat der Staat viele Aufgaben ganz oder teilweise abgegeben. Zum einen bezieht er Unternehmen und Bürger in die Gestaltung neuer Regulierung ein, zum anderen überlässt er einen wachsenden Teil der Daseinsvorsorge privaten Akteuren. Das neue Patent- und Urheberrecht fördert die Innovationsleistung von Bürgern, Projekten und Unternehmen. +++ Intellektuelles Kapital +++ Bildung wurde in breiten Teilen der Bevölkerung als wichtigste persönliche Zukunftsinvestition erkannt. Die privaten Dienstleister bieten kombinierbare Bildungsmodule und ergänzen die staatlichen, effizienter gewordenen Bildungseinrichtungen komplementär. Der deutsche Lernmarkt ist international attraktiv und floriert – wie auch der Handel mit Daten und geistigem Eigentum. Validiertes, bewertetes Wissen ist zum zentralen Produktionsfaktor geworden. Gesellschaftliches Potential und… … politisch-rechtlicher Rahmen Szenario „Skatrunde beim Nachbarn“ Anno 2020 +++ Wertschöpfungsmuster +++ Wertschöpfungsketten verlaufen selten über die Grenzen etablierter „Clubs“ von Unternehmen hinaus. Kleine und mittlere Unternehmen agieren i. W. als Zulieferer von Konzernen. Kreativitätskultur und Risikobereitschaft sind schwach ausgeprägt, Kunden spielen im Innovationsprozess kaum eine Rolle. Innovationen erobern daher selten wirklich neue Technologiefelder oder Märkte, der wirtschaftliche Fokus liegt auf etablierten Industrien, die ihren Zenit überschritten haben. +++ Gesellschaftliches Potential +++ Ein großer Teil der Mittelschicht arbeitet in wachstumsschwachen Industrien. Dort abgebaute Arbeitsplätze werden nicht durch solche in neuen Märkten ersetzt, die Folge ist oft sozialer Abstieg. Allerdings wird die Erosion der Mittelschicht durch einige neue Beschäftigungsmöglichkeiten im moderat wachsenden Markt für soziale Dienstleistungen gebremst. Die verbliebene Fürsorge des Staates verhindert ein weiteres soziales Abrutschen vieler Niedrigverdiener. +++ Politisch-rechtlicher Rahmen +++ Durch die engere Kooperation des Staates mit Unternehmen und Bürgern sind die regulativen Rahmenbedingungen recht flexibel und zukunftsorientiert (wenn auch durch Lobbying starker Unternehmensclubs verzerrt), die Rechtssicherheit ist hoch: eine ungenutzte Chance für Unternehmen, neue Märkte zu erobern. Dem Individuum gegenüber ist der Staat im Rahmen seiner verbliebenen Möglichkeiten fürsorglich. +++ Intellektuelles Kapital +++ Qualifikationen und Wissen werden durch solide staatliche Bildungs- und Forschungspolitik weiterentwickelt, die staatlichen Bildungsangebote sind verbessert worden. Wegen ihrer fehlenden Kultur der Neuerung nutzen die Unternehmen dieses Potential jedoch kaum. Zudem wächst der private Bildungsmarkt nur schwach. So werden die neuen, ausgewogenen rechtlichen Schutzmechanismen für geistiges Eigentum nicht mit Leben gefüllt. kohärent © Martini, Meyer Deutschland im Jahr 2020 © Martini, Meyer Aktuelle Themen 382 18 23. April 2007 Öffnung von Arbeit und Gesellschaft Prozess- virtuali- sierung in Netz- werken Globale Vernetzung von Wirtschaft und Politik Verknappung natürlicher Ressourcen Ausdehnung des Lebens Eroberung kleinster Strukturen Fragmentierung in Gesellschaften Erstarken von Emerging Markets Veränderung von Geschäftskultur und Wertschöpfungsmustern Differenzierung des Konsums Kriminalisierung Entwicklung der Wissensbasis Gestaltung des politisch-rechtl. Rahmens Nutzung des gesellschaftlichen Potentials Dynamik (künftige Entwicklung unsicher) Kerndynamik (künftige Entwicklung unsicher) trendhafte Dynamik (künftige Entwicklung vorhersehbar) Zusammenfassung zu Beschreibungsdimensionen Fokusszenario „Expedition Deutschland“ Mit Hilfe der klassischen Szenariomethode lässt sich im Allgemei- nen nicht ableiten, welches der (in unserem Fall vier) alternativen Szenarien die höchste Eintrittswahrscheinlichkeit hat. Die Analyse einer Reihe besonders einflussreicher und gut vorhersehbarer Trends (bzw. „trendhafter Dynamiken“) hat uns jedoch davon über- zeugt, dass eine Entwicklung in Richtung des Szenarios „Expedition Deutschland“ besonders plausibel ist. Wir diskutieren die Wirkung dieser Trends auf die Entwicklung Deutschlands im Abschnitt Wa- rum dieses Szenario im Fokus. Im Folgenden beschreiben wir das Szenario „Expedition Deutsch- land“ – aus der Perspektive des Jahres 2020 – entlang der sieben Dimensionen — Wertschöpfungsmuster (die vertikale Achse des Szenariokreuzes auf den Seiten 14-17), — gesellschaftliches Potential (der erste Aspekt der horizontalen Achse des Szenariokreuzes), — politisch-rechtlicher Rahmen (der zweite Aspekt der horizontalen Achse), sowie — intellektuelles Kapital, — Digitalisierung, — Energieversorgung, und — globale Integration. Beschreibungsdimensionen für das Fokusszenario Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 19 2020 Diese sieben Beschreibungsdimensionen sind so zugeschnitten, dass sie alle Dynamiken unserer DBR-Dynamiklandkarte in thema- tisch sinnvoller Gruppierung erfassen (vgl. die Abbildung Beschrei- bungsdimensionen auf der vorherigen Seite). 17 Die politischen und gesellschaftlichen Aspekte der horizontalen Achse des Szenario- kreuzes stellen wir dabei getrennt dar, um der komplexen Natur der Dimension „gesellschaftliches Potential“ gerecht werden zu können. Wir fokussieren in der Darstellung des Szenarios auf die wirtschaftli- che Situation im Jahr 2020 (Akteure, Strukturen, Prozesse und Er- folg). Die Beschreibung von Gesellschaft, Politik und dem Stand der technologischen Entwicklung beschränken wir auf diejenigen Aspek- te, die besonders eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung Deutsch- lands bis und in 2020 interagieren. 17 Nur die Dynamik „Kriminalisierung“ wird als „Wild Card“ behandelt und aus der Szenarioanalyse ausgeklammert, vgl. Abschnitt Was Deutschlands Zukunft prägen wird. Aktuelle Themen 382 20 23. April 2007 © Martini, Meyer Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 21 Szenario „Expedition Deutschland“ Szenario „Expedition Deutschland“ Szenario „Expedition Deutschland“ Szenario „Expedition Deutschland“ Ein Rundumblick in Deutschland im Jahr 2020 entlang der sieben Beschreibungsdimensionen Digitalisierung Vernetzte Güter und das neue Internet Energieversorgung Breiter Energiemix, dezentral erzeugt Globale Integration Boom deutscher Kreativitätsexporte Wertschöpfungsmuster Flexible Kooperationen von Spezialisten – die Projektwirtschaft Gesellschaftliches Potential Eigenständige Bürger und Konsumenten – nicht nur in der stabili- sierten Mittelschicht Politisch-rechtlicher Rahmen Die langsame Entkrustung – zur kooperativen, lernenden Regulierung Intellektuelles Kapital Modulare Bildung und Handel mit bewertetem Wissen © Illustrationen Martini, Meyer Aktuelle Themen 382 22 23. April 2007 Kompetenz- und Wissensanforderun- gen selten allein zu stemmen Kooperationsprojekte oft organisato- risch und rechtlich eigenständig Erfolg durch neue, flexible Koopera- tionen von Spezialisten Wertschöpfungsmuster Flexible Kooperationen von Spezialisten – die Projektwirtschaft Anno 2020. In den vergangenen 15 Jahren haben immer mehr deutsche Unternehmen erkannt, dass sie, um erfolgreich zu sein oder schlicht um zu überleben, mit neuen, flexiblen Kooperations- formen auf die rapide gestiegenen Anforderungen ihrer Umfelder und Märkte reagieren müssen: Die akademische Welt produziert immer schneller immer komplexeres Wissen; ehemals separate Wissensfelder konvergieren; der Erfolg von Wachstumsbranchen basiert zunehmend auf diesem konvergierenden Wissen; die Nach- frage nach komplexen Systemprodukten und Güter-Dienstleistungs- paketen steigt; und das weitere Erstarken der Schwellenländer in- tensiviert den Druck auf die deutschen Unternehmen, sich auf Inno- vation zu fokussieren. Das Erzeugen und erfolgreiche Vermarkten von Spitzentechnolo- gie 18 und innovativen, wissensintensiven Dienstleistungen erfordert daher heute eine Kompetenz- und Wissensbreite, die von einem Unternehmen nur noch selten allein bereitgestellt werden kann – zumal nicht in der Geschwindigkeit, mit der die Märkte die nächste Produktgeneration verlangen. Zwar gibt es auch zu Beginn des drit- ten Jahrzehnts noch viele Reibungsverluste, wenn Spezialisten ver- schiedener Felder eng kooperieren. Nach einer Phase des Experi- mentierens der Unternehmen hat sich dennoch in vielen dieser Märkte eine flexible, oft temporäre Kooperation spezialisierter Un- ternehmen als das effizientere und – in einigen Bereichen – sogar als das einzig praktikable Modell erwiesen. Diese Kooperationsprojekte sind meist organisatorisch und oft auch rechtlich eigenständig. Die Mutterunternehmen verleihen ihre spezi- alisierten Organisationsteile an das Projekt (und stellen oft Kapital zur Verfügung). 19 Ein wachsender Teil der deutschen Wirtschaft ist heute daher als Folge eigenständiger Projekte mit nach Bedarf wechselnden Teilnehmern organisiert. Dieses Wertschöpfungsmus- ter passt sich der gestiegenen (Wissens-)Dynamik der Wirtschaft flexibler an, beschleunigt den Prozess der „schöpferischen Zerstö- rung“ und hilft, unnötige Fixkosten zu vermeiden. Zudem reduziert 18 Unter „Spitzentechnologie“ werden im engeren Sinn solche Produkte verstanden, deren Forschungs- und Entwicklungskosten mehr als 8,5% des Umsatzes ausma- chen. Bei „Hochtechnologie“ – einem Bereich, der Deutschland Anfang des Jahr- tausends noch zum „Exportweltmeister“ machte – liegt dieser Anteil bei nur 3,5- 8,5%. Beide zählen zu den sogenannten „forschungs- und entwicklungsintensiven“ Technologien. 19 Es gibt verschiedene Akteurstypen in Projekten: (1) Einzelne (oft selbständige) Individuen; (2) proto-korporative Akteure, also Teile von Unternehmen wie For- schungs- und Entwicklungsabteilungen oder Personalabteilungen (oder Teile die- ser); (3) korporative Akteure, also ganze Unternehmen, die sich als Teil ihrer Ge- schäftsstrategie in Projekte einbringen. -8 -4 048 Nicht F&E-int. Technologie Hochwertige Technologie Nicht-Wissensint. Dienstleistungen Spitzentechnologie Wissensint. Dienstleistungen Wissen gewinnt Veränderung der Anteile an der deut- schen Bruttowertschöpfg., in %-Punkten Quellen: Stat. Bundesamt, OECD, Deutsche Bank Research 2 Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 23 Diese „Projektwirtschaft“ liefert in Deutschland 15% der Wertschöpfung Deutschland hat Vorreiterrolle in projektwirtschaftlicher Wertschöpfung Projektwirtschaft verkürzt Marktphasen Anhand der von Ernst Heuß entwickelten Marktphasentypologie kann die Beschleuni- gung der Entwicklungs- und Produktzyklen in der Projektwirtschaft sowie der temporäre Charakter einzelner Projekte verdeutlicht werden. Heuß unterteilt den Produktionsverlauf eines neuen Produktes bzw. die Entwicklung eines neuen Marktes in vier Phasen, die durch die Form der Konkurrenz, die Nutzung der unternehmerischen Aktionsparameter sowie spezifische Umsatz- und Kostenverläufe cha- rakterisiert sind. Die Dauer der Experimentierphase (1), der Phase, in der das Produkt oder die Dienst- leistung kreiert wird, kann durch FuE-Koope- rationen deutlich verkürzt werden. In der Expansionsphase (2) gelingt es durch Ein- binden entsprechender Dienstleister (Pro- zessoptimierung, Qualitätsmanagement) schneller, das Produkt und den Produktions- prozess zu optimieren, durch Produktions- ausweitung Kostendegression zu erreichen und damit die Pioniergewinne zu erhöhen. In der Ausreifungsphase (3) lohnt es sich für diese Pioniere aufgrund des intensiven Wett- bewerbs durch imitierende Unternehmer kaum noch, kurzfristige Wettbewerbsvorteile durch Produktdifferenzierung zu suchen. Angesichts abnehmender Gewinnmargen ziehen sich innovative Projektakteure in dieser Phase schon wieder aus dem Markt zurück. Sie ver- kaufen Rechte und Technologien an Produ- zenten z.B. aus Ländern mit niedrigeren Kosten oder an solche, die sich auf die Kostenminimierung etablierter Produktions- prozesse spezialisiert haben. Im Durchschnitt wird auch die Stagnations- und Rückbildungs- phase (4), in der vermehrte Substitutions- konkurrenz zum Tragen kommt, schneller eintreten, da souveräne und anspruchsvolle Kunden ihr Interesse schneller auf neue Produkte und Dienstleistungen verlagern. Quellen: Ernst Heuß, (1965), Allgemeine Markttheorie, Tübingen 1965. es die Markteintrittsbarrieren für den einzelnen Projektpartner: Die Kapitalkosten können geteilt werden. Die Projektwirtschaft – neues Netz auf klassischem Nährboden Diese „Projektwirtschaft“, wie die Wirtschaftspresse seit einigen Jahren den verstärkten Einsatz eigenständiger Kooperationsprojek- te tituliert, wächst dabei auf dem Nährboden des „klassischen“ Wirt- schaftens, beide entwickeln sich in enger Symbiose. Gemäß aktuel- len statistischen Schätzungen werden in der Projektwirtschaft im engeren Sinn – also in organisatorisch und rechtlich eigenständigen Projektgesellschaften – heute in 2020 bereits ca. 15% der gesamt- wirtschaftlichen Wertschöpfung Deutschlands erbracht. 20 In 2007 waren es nur 2% (die damals jedoch so nicht erfasst wurden). Damit nimmt Deutschland in Sachen Projektwirtschaft heute eine Vorreiterrolle ein. Zwar gibt es in vielen anderen Ländern (z.B. den USA) ähnliche Entwicklungen, und natürlich leben viele Projekte gerade von internationaler Beteiligung. Die Wertschöpfungsanteile der Projektwirtschaft sind dort jedoch zum Teil erheblich niedriger. In Deutschland reüssiert die projektwirtschaftliche Wertschöpfung vor allem aus vier Gründen. Erstens hat der deutsche Gesetzgeber, in enger Kooperation mit der Wirtschaft, frühzeitig adäquate Rechts- formen und Besteuerungsgrundlagen für Projektgesellschaften ent- wickelt und eingeführt. Ein wichtiger Impuls ging – gerade für die Finanzierung innovationslastiger Projekte – von dem 2008 in Kraft getretenen Beteiligungsfinanzierungsgesetz 21 („Private Equity- Gesetz“) aus. Zweitens fördern Bund und Länder mittlerweile seit Dekaden lokale Innovationscluster vergleichsweise stark – eine wichtige Zutat für eine erfolgreiche Projektwirtschaft. 22 Viele Impulse gingen und gehen z.B. vom Biotech-Cluster bei München sowie dem Cluster für optische und Solartechnologien in Thüringen aus. Drittens können gerade mittelgroße Unternehmen in der Projektwirt- schaft ihre Innovationskapazität ressourcenschonend ausbauen. Sie können im Rahmen rechtlich eigenständiger Projekte zudem kapi- talmarktorientierte Finanzierungsinstrumente testen, ohne dabei Kontrolle über das Unternehmen selbst an den Kapitalmarkt ab- zugeben. 23, 24 Und in keiner anderen Volkswirtschaft spielt der Mit- telstand eine derart tragende Rolle wie in Deutschland. Das erhöhte auch die Motivation der deutschen Regierung und des deutschen Gesetzgebers, sich für adäquate neue Rechtsformen zu engagie- ren. Viertens schließlich bietet das in Deutschland besonders breite Spektrum technologischer Nischenkompetenzen ein schier uner- schöpfliches Repertoire für die Rekombination zu neuen „System- produkten“. Erfolge wurden hier u.a. im Bereich des energiebewuss- ten Bauens mit Kombinationen von Smart Home-, Solarenergie- und Dämmlösungen erzielt. 20 Die genaue Erfassung ist nach wie vor schwierig, da eine Projektgesellschaft auf Basis von Gewerbeanmeldung, Rechtsform, Bilanz oder Gewinn- und Verlustrech- nung kaum von einem „normalen“ Unternehmen zu unterscheiden ist. 2013 und 2017 wurden daher Sonderuntersuchungen durchgeführt, um eine standardisierte Erfassung vorzubereiten. 21 Weiterentwicklung des Unternehmensbeteiligungsgesellschaftsgesetzes (UBGG). 22 Hofmann, Jan (2005): Europas heißeste FuE-Region ist... Braunschweig! Aktueller Kommentar. Deutsche Bank Research (www.dbresearch.de). 23 Natürlich impliziert auch nicht jede Art der kapitalmarktorientierten Finanzierung des Unternehmens selbst einen Kontrollverlust an den Kapitalmarkt. 24 Zudem ist die mittlere Größe an sich in der Projektwirtschaft ein Vorteil, siehe Abschnitt Spezialisierte Akteure, oft mittelständisch. Aktuelle Themen 382 24 23. April 2007 Die Projektwirtschaft reüssiert auf dem Nährboden der „klassischen Wirtschaft“ Projektwirtschaftsakteure meist funktional spezialisiert Mittlere Unternehmensgröße in der Projektwirtschaft oft vorteilhaft Projektwirtschaft und Wachstumskrisen In der Organisationstheorie wird auf Basis von Erfahrungen modellhaft angenom- men, dass Organisationen in bestimmten Phasen ihres Wachstums typische Krisen durchlaufen. Organisationen scheitern an Krisen, wenn sie nicht dazu fähig sind, ihr Management an neue Anforderungen anzupassen. Larry Greiner hat fünf Wachstumsphasen und dazugehörige Krisen identifiziert Ist eine Organisation am Anfang auf Kreativität getrimmt, führt eben diese Krea- tivitätsexplosion oft zur Pionierkrise. Schafft es ein Unternehmen Kreativität durch professionelles Management zu kanalisieren, droht der Verlust von Freiraum für Mitarbeiter (Autonomiekrise). Schafft ein Unternehmen durch Delegation wieder Freiräume, droht Kontrollverlust (Kontrollkrise). Wird Kontrolle durch Verfahren zurückerobert, droht sie im Staub der Bürokratie zu ersticken (Bürokratiekrise). Wenn ein Unternehmen bürokratische Fesseln mit Motivationsinitiativen sprengt, droht die Desintegration durch zu viele Aktivitäten motivierter Mitarbeiter (Syn- chronisationskrise). Wachstum scheint eine unlösbare Aufgabe zu sein! Neben bewährten Methoden haben Unternehmen bis 2020 gelernt, Krisen durch „projektwirtschaften“ zu vermeiden. Pioniere verkaufen ihre Projekte, bevor sie an Krisen scheitern. Ge- gängelte Mitarbeiter können durch Projekte Morgenluft schnuppern. Projekte führen bei richtiger Kartierung und Synchronisation nicht zu Unübersichtlichkeit. Bürokratie entsteht in Projekten mit vielen gleich berechtigten Partnern erst gar nicht. Und Motivationkrisen können umgangen werden, wenn man motivierten Mitarbeitern durch Corporate Venturing und Projekte Experimentierfelder bietet. Quellen: Larry E. Greiner 1972, Georg Schreyögg 1996, Deutsche Bank Research 2007 Im weiteren Sinn werden heute zur Projektwirtschaft auch solche Kooperationen zwischen Unternehmen sowie von Unternehmen mit Universitäten oder öffentlichen Forschungseinrichtungen gerechnet, die nicht in rechtlich eigenständige Projektgesellschaften münden. Deren Zahl ist in den letzten beiden Dekaden kontinuierlich weiter gestiegen. Im „klassischen“ Teil der Wirtschaft erzeugen und vertrei- ben aber auch heute noch sehr viele Unternehmen ihre Güter und Dienstleistungen im Alleingang oder in klassischen Produzent- Zulieferer-Strukturen – und integrieren dazu eine große Zahl von Wertschöpfungsstufen und Overhead-Funktionen. Viele von ihnen sind dabei zunehmend auf bestimmte Güter- oder Dienstleistungs- märkte bzw. Marktnischen spezialisiert. Spezialisierte Akteure, oft mittelständisch Der typische Akteur in der Projektwirtschaft ist dagegen heute meist auf einen bestimmten Teil der Wertschöpfungsstufen bzw. Funktio- nen, die in der klassischen Wirtschaft vorwiegend innerhalb eines Unternehmens integriert sind, spezialisiert: auf Forschung und Ent- wicklung (FuE), automatisierte Produktion, auf Qualitäts-, Marken- oder das immer wichtigere Kooperations- und Nahtstellenmanage- ment. Zudem findet innerhalb dieser Segmente eine weitere Spezia- lisierung statt. Arbeitsintensive Produktion ist dagegen, wie auch viele standardisierte (und eine wachsende Zahl spezialisierter) FuE- Dienstleistungen, in den vergangenen Jahren weiter nach Asien sowie Mittel- und Osteuropa verlagert worden. Das gilt für in Pro- jektwirtschaft und klassischer Wirtschaft gleichermaßen. Viele der typischen Projektwirtschaftsakteure sind zudem Mittel- ständler. Sie sind zum einen groß genug, um trotz ihrer starken Spezialisierung ihre Risiken ausreichend diversifizieren zu können (verschiedene Teams des Unternehmens können parallel in ganz unterschiedlichen Projekten arbeiten). Zum anderen sind sie klein genug, um in der dynamischen Projektwirtschaft nicht von dem für viele Konzerne typischen Flexibilitätsmangel gebremst zu werden. Eine im Vergleich zu früheren Verhältnissen offenere, weniger Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 25 Deutschland hat in Spitzentechnolo- gien Boden gut gemacht… … unterstützt von intelligenterer Regulierung Die Wirtschaft scheut langfristige FuE- Vorhaben – auch anwendungsnahe 3%-Ziel für FuE-Ausgaben erst 2018 erreicht Aus der Mitte an die Spitze durch wissenschaftliche Weiterbildung… … z.B. zur „Öko-Exzellenz“ hierarchische Managementkultur, neue Corporate Governance- Strukturen 25 , dezentralere Entscheidungsprozesse sowie bessere Mitarbeiterbeteiligung haben ihre Flexibilität weiter erhöht. (Auch dies gilt sowohl für die Projektwirtschaft als auch für die Bereiche, in denen klassische Wertschöpfungsmuster dominieren.) Neben mit- telständischen beteiligen sich aber auch Kleinst- wie Großunter- nehmen an der Projektwirtschaft. Gerade in aufwändigen Infrastruk- turprojekten sind oft die Ressourcen eines Konzerns gefragt. 26 Erfolge mit Spitzentechnologien, Zurückhaltung bei lang- fristiger FuE Die neue, offenere Kooperationskultur hat Deutschland geholfen, im Strukturwandel hin zu einem stärkeren Fokus auf Spitzentechnolo- gien wieder Boden gegenüber der internationalen Konkurrenz gut zu machen. In der akademischen Forschung war Deutschland in eini- gen Spitzentechnologiefeldern nach Jahren und teils Jahrzehnten intensiver Forschung schon 2007, vor 13 Jahren, auch im internati- onalen Vergleich gut positioniert. Man denke nur an Mikrosystem- technik, Umwelttechnik, Optronik und Biotechnologie. Zudem war Deutschland traditionell in den mittleren Qualifikationen, dem Be- reich der Facharbeiter, stark. Viele dieser Facharbeiter wurden in den vergangenen Jahren durch Weiterbildung, zum Teil an Universi- täten, für Aufgaben in Spitzentechnologiesektoren qualifiziert. Auf diesen Stärken basierend haben die offenere Kooperationskultur der Unternehmen im Allgemeinen und die Projektwirtschaft im Spe- ziellen geholfen, anwendungsorientierte Spitzentechnologie-FuE voranzutreiben und schließlich attraktive Produkte auf die Weltmärk- te zu bringen. Dieser Weg wurde seit dem zweiten Jahrzehnt von einer sich beschleunigenden De- bzw. intelligenten Neuregulierung der Arbeits- und Produktmärkten erleichtert: Auch in der Politik hatte sich langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass Flexibilität das Ge- bot der Stunde ist. Erste Ansätze waren schon 2007 in den zuneh- menden Anstrengungen zum Bürokratieabbau erkennbar. Ein Wermutstropfen ist, dass die hohe Flexibilität, ja teils Volatilität der neuen Kooperationsmuster in den letzten Jahren sehr langfristig angelegte FuE-Vorhaben für die Wirtschaftsakteure erschwert hat. Grundlagenforschung war schon zur Jahrtausendwende fast aus- schließlich die Domäne staatlicher Universitäten und Forschungs- einrichtungen; in der letzten Dekade hat sich jedoch auch ein we- sentlicher Teil der längerfristigen anwendungsorientierten FuE in Richtung Staat verschoben, wenn auch zum Teil in Form von Public- Private-Partnership-Projekten. Aufgrund der knappen Mittel des Staates wird diese Verschiebung seit einigen Jahren zunehmend von Politik und Wissenschaft be- klagt. Das Ziel eines 3%-igen Anteils der FuE-Ausgaben am BIP, das sich Deutschland wie die EU für 2010 gesetzt hatten, hat Deutschland erst vor zwei Jahren in 2018 erreicht. Die EU ist nach wie vor weit davon entfernt. Man fürchtet in Deutschland (sowie in Europa insgesamt) langfristig eine Verlangsamung des Ausbaus des grundlagenorientierten Teils der Wissensbasis – eine Entwicklung, 25 Z.B. im Bereich Aufsichtsrat und Mitbestimmung 26 Ein Beispiel ist die Suche nach erfolgversprechenden Geschäftsmodellen im Zuge der Konvergenz von Internet, Telefonie und Fernsehen. In der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts haben die Unternehmen hier in vielfältigen flexiblen Kooperatio- nen experimentiert. Aktuelle Themen 382 26 23. April 2007 Intelligentere Regulierung trägt zu gesundem Wachstum der Risikokapi- talinvestitionen bei Spin-Offs waren Keimzellen der neuen Kooperationskultur Gründungen wachsen meist innerhalb ihres Spezialisierungsfeldes... … und partizipieren über verschie- dene Modelle an Projekterfolgen Kooperationen von Spezialisten auch …vorteilhaft für wissensintensive Dienstleistungen die auch in den USA Anfang des zweiten Jahrzehnts bereits viel diskutiert wurde. 27 Gründer – die Avantgarde der Projektwirtschaft Deutlich positiver ist das Bild heute jedoch im Bereich weniger lang- fristig orientierter, marktnäherer FuE. Hier hat die intelligentere Re- gulierung die mit den Aktienmärkten zur Jahrtausendwende einge- brochenen Risikokapitalinvestitionen in junge deutsche Unterneh- men gefördert: Sie stiegen seit 2004 leicht, seit Ende des ersten Jahrzehnts wieder in gesundem Maß. Auch in die sogenannte Seedphase, in der die Gründung eines Unternehmens unterstützt wird, wurde wieder verstärkt investiert. Zum einen wurden 2008 Investitionen in Risikokapitalfonds steuerlich attraktiver gestaltet (Beteiligungsfinanzierungsgesetz), zum anderen konnten Entrepre- neure nach der Beseitigung einiger regulativer Hürden (z.B. im Be- reich der Gentechnik) wieder leichter in neue Technologiefelder vor- dringen. Mit diesem Risikokapital unterstützte Ausgründungen aus Universi- täten, aber auch solche aus Forschungs- und Entwicklungs- Abteilungen großer Unternehmen, waren im Rückblick Keimzellen und Avantgarde der neuen Kooperationskultur. 28 Die Gründer brach- ten Spezialwissen mit, das sie für die Entwicklung am Markt erfolg- reicher Produkte mit dem Spezialwissen Anderer verschmelzen mussten. Dies war zum einen nötig, weil erfolgreiche Produkte im- mer häufiger komplexe Systeme aus unterschiedlichen Technolo- gien wurden (wie z.B. im Fall der neuen biometrischen Sensoren), zum anderen basierten die Erfolgsprodukte immer öfter auf konver- gierenden Forschungsfeldern (wie Bioinformatik, Neuroinformatik oder synthetischer Biologie). War diese Kooperation erfolgreich und wollten die Gründer das nächste Produkt entwickeln, stellten sie häufig fest, dass sie hierfür neues externes Spezialwissen benötig- ten. Um das Wachstum ihres Unternehmens zu forcieren, entschieden sich viele der Gründer daher für Wachstum innerhalb ihres Speziali- sierungsfeldes und gegen die Integration immer neuer Wissens- und Qualifikationsfelder in ihre eigene Organisation. So konnten sie mit wachsender Organisationsgröße ihre spezielle Kompetenz parallel in mehrere Projekte einbringen und ihre Risiken diversifizieren. Aus vielen dieser Gründungen sind heute ertragskräftige mittelständi- sche FuE- und Produktionsdienstleister geworden. Sie agieren dabei teils als reiner Dienstleister (Umsatz bei Projekt- beteiligung nur durch Dienstleistungsgebühren), teils partizipieren sie am Projekterfolg über Lizenzgebühren für im Projekt gemeinsam entwickeltes und gemeinsam geschütztes geistiges Eigentum, gele- gentlich sogar über Eigenkapitalbeteiligungen. Und auch als reiner Dienstleister ist ein erfolgreicher Projektverlauf für sie wichtig. Ihre Reputation steht auf dem Spiel – und damit ihre Teilnahme an den nächsten Projekten sowie ihre Rollen darin. Daneben erwiesen sich flexible Kooperationen von Spezialisten oft bei der Entwicklung und Vermarktung neuer, wissensintensiver 27 Die US National Science Foundation warnte schon 2005 eindringlich vor einer solchen Entwicklung in den USA. Die wirtschaftlichen Erfolge der USA im Techno- logiesektor insbesondere in den 1990er Jahren würden auf Anstrengungen der Vergangenheit beruhen, die schon zur Zeit dieser Erfolge nicht mehr in diesem Maß unternommen wurden. 28 Zur Rolle von Risikokapital bei Unternehmensgründungen vgl. Meyer, Thomas (2006). Venture Capital in Europa. Mehr Pep für Europas Wirtschaft. E-conomics 60. Deutsche Bank Research. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 27 Komparativer Vorteil Deutschlands in bedürfnisorientierter Innovation… … durch enge Integration des Kunden in den Innovationsprozess… So konnten neue Märkte geschaffen werden … und international erfolgreiche Innovationsdienstleister Dienstleistungen als effizient. In diesem Feld haben Staat wie Wirt- schaft ihre FuE-Anstrengungen in den letzten 15 Jahren verstärkt. Dabei verläuft heute wie damals, in 2007, natürlich nur ein Teil die- ser FuE-lastigen, oft riskanten Projekte erfolgreich. Auch die Koope- rationsformen der Projektwirtschaft können nicht verhindern, dass einige technologische Entwicklungen fehlschlagen, oder dass Kon- sumenten so manche neue Technologie oder Dienstleistung ignorie- ren. Markteroberung mit den Kunden Weit mehr Unternehmen als noch 2007 – Projektgesellschaften sowie klassische Unternehmen, in Deutschland und anderen entwi- ckelten Ländern – haben ihren komparativen Vorteil heute in der frühen Phase der Produktentwicklung: Dort, wo es gilt, die tatsächli- chen Bedürfnisse der Kunden zu verstehen und schnell in marktfä- hige Produktkonzepte zu übersetzen (für Güter wie Dienstleistun- gen). Und das gelingt immer noch dem am besten, der räumlich und kul- turell nah an anspruchsvollen Kunden ist und sie in offenen Innova- tionsprozessen in der Produktentwicklung systematisch mitreden lässt. Um auch die Bedürfnisse anspruchsvoller Konsumenten an- derer Länder einbeziehen zu können, kooperieren deutsche Unter- nehmen zudem verstärkt mit dortigen Innovationsakteuren (und vernetzen deren Wissen über die lokalen Gegebenheiten häufig mit ihren hiesigen Innovationszentren, die die besonders wissensinten- siven Anteile einbringen). Im Rahmen dieser Fokussierung auf die frühen Innovationsphasen hat die Rolle kreativer bzw. kreativitätsunterstützender Dienstleister massiv an Bedeutung gewonnen: Neben klassischen FuE-Dienst- leistern sind Designagenturen, Trendscouts und Frühaufklärungsex- perten, Ethnografieagenturen und allgemeine Moderations- und Kreativitätsdienstleister (sowie neue Akteure, die deren Angebote intelligent verknüpft haben) auf Erfolgskurs. Dieser Fokus auf die frühe Phase der Produktentwicklung hat auch dazu geführt, dass Unternehmen bzw. Projekte mit deutscher Betei- ligung neben rein technologischen Neuerungen (eine alte Stärke Deutschlands 29 ) auch immer mehr solche Innovationen hervorbrin- gen, die tatsächlich neue Märkte schaffen: Diese Innovationen be- friedigen nicht eine bestehende Nachfrage besser, sondern schaffen Nachfrage in neuen Bereichen; sie adressieren Bedürfnisse, für deren Befriedigung es vorher keine adäquaten Lösungen gab und die dem Konsumenten vorher unter Umständen nicht einmal be- wusst waren (ehemals eine Schwäche Deutschlands). In der Ent- wicklung von Gütern geschieht dies oft ohne technische Revolution, sondern mit Hilfe bestehender Technologien in neuer Konfiguration und besserer Kundenschnittstelle. Ein Beispiel ist der 3D-Keramik- druck, der heute „individualisierte Massenproduktion“ erlaubt. Aber auch auf kleine Bevölkerungsgruppen zugeschnittene Medikamente hatten nur durch neue Prozesse in der (hier medizinischen) Analyse von Kundenbedürfnissen Erfolg. 29 Deutschland hat traditionell Stärken im Bereich technisch inkrementeller wie auch technisch revolutionärer Neuerungen – solange sie sich weiter entlang des schon vorher beschrittenen „Leistungspfades“ bewegen, sprich der von ihnen erzeugte Fortschritt weiter in derselben Maßeinheit erfasst wird (Airbags waren zum Zeit- punkt ihrer Einführung technisch revolutionär, verbessern aber letztlich nur den in den vorangegangenen Jahrzehnten bereits massiv verbesserten Parameter „pas- sive Fahrersicherheit bei Fahrzeugaufprall“). Aktuelle Themen 382 28 23. April 2007 Kurz: „Expedition Deutschland“ Vertragliche Absicherung von Pro- jektbeiträgen und Erfolgsbeteiligung wichtiger denn je Projektwirtschaft senkt Transaktionskosten und stärkt den Markt Ob wirtschaftliche Transaktionen auf dem Markt oder innerhalb eines Unterneh- mens durchgeführt werden, hängt entscheidend von den anfallenden Transakti- onskosten ab. Unter Transaktionskosten fasst man Informations-, Aushandlungs- und Durchsetzungskosten zusammen. Marktkontrakte werden immer dann in unternehmensinterne Kontrakte umgewandelt, wenn dadurch Kosten eingespart werden. Diese Substitution findet so lange statt, bis die entstehenden Transakti- onskosten innerhalb des Unternehmens gleich den Transaktionskosten am Markt sind. Nach diesem von Ronald Coase entwickelten Ansatz sinken Transaktionskosten mit der Zahl der Transaktionen. Transaktionskostensenkend wirken in der Projekt- wirtschaft neben der Zahl der Projekte die Digitalisierung, z. B. durch die Vernet- zung von Datenbanken oder die Entwicklung von virtual collaborative environ- ments. Transaktionskostensenkend wirken auch der Handel mit bewertetem Wissen (Informationskosten), das Interesse Standards zu etablieren und mit Blick auf die Aushandlungs- und Durchsetzungskosten insbesondere die intelligente Koregulierung. Der temporäre Charakter der Projekte reduziert die gegenseitige Abhängigkeit der Projektakteure und damit den Anreiz, sich durch opportunistisches Verhalten Quasi-Renten anzueignen. Der Anreiz zu opportunistischem Verhalten wird für die Projektakteure auch durch die hohe Bedeutung von Reputation als spezifischem Kapital in der Projektwirtschaft vermindert. Hohe Reputation wiederum senkt die Informations- und Verhandlungskosten und fördert damit die Projektwirtschaft. Quelle: Ronald Coase 1937 Das Analogon in der Entwicklung von Dienstleistungen ist die Neu- kombination bestehender Prozesse, wobei die Schnittstelle zum Kunden auch hier meist entscheidend ist. Besonders gefragt sind heute z.B. intermodale, personalisierte Mobilitätsdienstleistungen. Sie verknüpfen situationsgerecht verschiedene Verkehrsmittel und integrieren geschickt Möglichkeiten sozialer Interaktion. Ein anderes erfolgreiches Beispiel sind Q-Inno-Services (Quality-Innovation- Services). Diese neuen wissensintensiven Dienstleistungen kombi- nieren Qualitäts- und Innovationsmanagement noch effizienter als schon im Jahre 2007. 30 Dieses Erobern neuer Märkte wurde, wie das Erforschen und ver- mehrte wirtschaftliche Verwerten von Spitzentechnologien, durch eine langsame, aber stetige Entwicklung in Richtung einer intelligen- teren Regulierung von Arbeits- und Produktmärkten erleichtert. Der renommierte Nachrichtendienst WikiNewsflash titelte kürzlich gar „Expedition Deutschland“, um dem explorativen Charakter der deut- schen Projektwirtschaft – sowie der gestiegenen Risikobereitschaft der deutschen Gesellschaft insgesamt – Ausdruck zu verleihen. Alte Erfolgskriterien hochaktuell Die Expeditionsteilnehmer vernetzen sich heute in wechselnden Kooperations- und Rechtsformen mit anderen, oft internationalen Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft, um Produkte schnell und effizient auf den Markt bringen zu können. Eine adäquate vertragli- che Absicherung der Kooperation entscheidet daher stärker denn je über den Projekterfolg. Zu klären sind dabei u.a. die Verteilung der Verantwortlichkeiten in der Leistungserstellung, die Gewinnvertei- lung, die Verteilung der Rechte an gemeinsam entwickeltem geisti- 30 Diese Dienstleistungen helfen im Jahr 2020, Qualitätsaspekte noch stärker als schon 2007 in den Innovationsprozess zu integrieren. U.a. können Unternehmen so regulatorischen Auflagen bzgl. Produkthaftung schon im Entwicklungs- und De- signprozess nachkommen. Dadurch werden Iterationsschleifen vermieden und bessere Produkte schneller auf den Markt gebracht. „Q-Inno-Services“ haben so auch geholfen, in ihrer Produktpolitik bislang konservative Unternehmen zu Inno- vatoren und bisher wenig aufgeschlossene Kunden („Innovationsmuffel“) zu früh- zeitigen Anwendern (early adopter) zu machen. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 29 Hohe Ansprüche an soziale und fach- liche Fähigkeiten der Mitarbeiter Bedeutung juristischer Beratung weiter gestiegen Lokales Cluster weiterhin wichtig Kürzere Projekte leihen stabile Marken gen Eigentum 31 , sowie die Aufteilung der langfristigen Produkthaf- tung auf die Projektteilnehmer. Deutschlands deutliche Fortschritte in Richtung intelligenterer, einfa- cherer Regulierung haben zwar das deutsche „Projektrecht“ nicht nur zu einem Begriff, sondern auch zu einem wichtigen Standortfak- tor gemacht. Dennoch sind die für jedes Projekt nötigen individuel- len Verträge nach wie vor umfangreich. Das gilt aufgrund der bis- lang nur moderaten internationalen Konvergenz rechtlicher Stan- dards (die u.a. vom regulatorischen Wettbewerb zwischen den Nati- onen gebremst wurde) insbesondere für grenzüberschreitende Ko- operationen. Die Bedeutung juristischer Beratung als integralem Bestandteil der Wertschöpfungskette ist deutlich gestiegen. Ein anderes, weiterhin hoch aktuelles Erfolgskriterium ist eine inten- sive und vertrauensvolle Vernetzung im lokalen Cluster (mit Wert- schöpfungspartnern aus Wissenschaft und Wirtschaft, mit Kunden, mit Finanziers und Förderern sowie dem Arbeitsmarkt). Die interna- tionale Vernetzung eines Unternehmens bzw. Projekts liefert zwar Ideen, besondere Kompetenzen, Wissen über ferne Märkte oder schlicht günstigere Faktorkosten. Die meisten Projektgesellschaften wie klassischen Unternehmen profitieren aber weiterhin von der Verwurzelung im lokalen Cluster. Das gilt insbesondere, wenn Inno- vation im Fokus steht – hier waren lokale Spill-Over-Effekte schon immer eine wichtige Zutat für Erfolg. Durch die immer neuen Konstellationen von Akteuren haben außer- dem Marken weiter an Bedeutung gewonnen. Oft erlauben nur sie noch einen konstanten, verlässlichen Auftritt gegenüber dem Kon- sumenten. Der schätzt zwar die konkurrenzfähigen Preise und inno- vativen Angebote der Projektwirtschaft, sucht aber dennoch nach klaren und beständigen Qualitäts- und Stilsignalen. In längeren Pro- jekten werden Marken zum Teil von den Projektteilnehmern gemein- sam entwickelt und gemeinsam rechtlich geschützt – sie gehören damit der Projektgesellschaft. In kürzeren Projekten werden ver- stärkt etablierte Marken „geliehen“, also von anderen lizensiert. Kein Pappenstiel für die Mitarbeiter Den Mitarbeitern der Projektteilnehmer – und den vielen Selbständi- gen, die man gern in Projekte einbindet – wird viel abverlangt: Die Arbeit in immer neuen Projekten bringt oft wechselnde Kollegen und Einsatzorte mit sich, das soziale Umfeld ist unstet. Diese häufigen Veränderungen des Arbeitsumfeldes haben Sozialkompetenzen für viele zu einer Kernqualifikation werden lassen. Zudem müssen die Mitarbeiter der Projektwirtschaft nicht nur generell fachlich immer aktuell informiert sein, die spezifischen fachlichen Ansprüche kön- nen sich auch mit jedem Projekt verändern. Der Qualitätsmanage- ment-Ingenieur, der heute noch die Güte der Produktion einer nah- 31 Es hat sich schon in den Anfängen der Projektwirtschaft schnell herauskristallisiert, dass die Projektteilnehmer die Rechteverteilung an geistigem Eigentum, das im Rahmen des Projektes entwickelt wird, schon bei Projektbeginn vertraglich festle- gen müssen (wie es auch für die Gewinnverteilung üblich ist). Das gilt für rechtlich eigenständige Projektgesellschaften und weniger formale Kooperationen glei- chermaßen. Diese Rechteverteilung orientiert sich heute zum Teil an Eigentums- bzw. Eigenkapitalanteilen; gerade in FuE-lastigen Projekten wird sie jedoch oft vom zu erwartenden Innovationsbeitrag der einzelnen Teilnehmer bestimmt. Zur besseren Abschätzung dieses grundsätzlich unsicheren Faktors wird, neben dem Gewicht der eingebrachten Expertise im geplanten Projekt, hierfür häufig eines der in 2020 gängigen Innovationskapazitätsratings herangezogen. Bestimmt wird das Innovationskapazitätsrating eines Projektakteurs u.a. von seiner bisherigen Betei- ligung an der Entwicklung geistigen Eigentums, von dessen bisherigem Markter- folg sowie vom Qualifikationsprofil und den Weiterbildungsmaßnahmen des Pro- jektakteurs. Aktuelle Themen 382 30 23. April 2007 Professionelle Hintergrundnetze haben an Bedeutung gewonnen Die Finanzbranche: konsolidiert, spe- zialisiert, modularisiert, industrialisiert Projektwirtschaft ist attraktives Finan- zierungs- und Investitionsfeld Bewertungsobjekte sind immer häufiger „bewegliche Ziele“ Bewertung immateriellen Kapitals gewinnt rasch an Bedeutung rungsergänzenden Flüssigkeit überwacht, könnte in einigen Mona- ten in einem Projekt zur Leitungswasserreinigung eingesetzt wer- den. Familie und Freundschaften werden in diesem volatilen Umfeld strapaziert, sind gleichzeitig jedoch als Ruhepol und verlässliches Fundament besonders wichtig. Für zusätzlichen sozialen Rückhalt und kontinuierlichen fachlichen Austausch sorgen zudem eine Viel- zahl unternehmensübergreifender professioneller Hintergrundnetz- werke (wie z.B. die 2010 gegründete European Society of Chartered Quality Management Professionals). Dort werden nicht selten auch neue Projektideen geboren. Diese uralte Form des Austauschs und der Interessenbündelung hat in der Projektwirtschaft massiv an Be- deutung gewonnen. Banken auf neuen Pfaden – auch in der Projektwirtschaft Zeitgleich mit dem Aufkommen der Projektwirtschaft hat sich auch die deutsche (und europäische) Finanzbranche radikal verändert. Sie hat sich in mehreren Wellen konsolidiert, vermehrt auch über Landesgrenzen hinweg; viele Banken und andere Akteure haben sich auf bestimmte Marktnischen spezialisiert, ihre Produkte modu- larisiert und einen wachsenden Teil ihrer Wertschöpfungsketten ausgelagert; und zunehmender Kostendruck hat zu einer starken Standardisierung der Finanzmarktprodukte und damit zur „Industria- lisierung“ ihrer Produktion geführt. Diese Veränderungen wurden nicht vom Aufkommen der Projekt- wirtschaft getrieben. Aber natürlich finanziert die Finanzbranche die Projektwirtschaft und nutzt sie als Investitionsfeld für sich und ihre Kunden. Zur Finanzierung von Projekten setzt sie, wie auch in der übrigen Wirtschaft, ein stetig wachsendes Spektrum innovativer Finanzprodukte ein. Der klassische Kredit rückt schon seit Jahren in den Hintergrund. Schon seit der Jahrtausendwende ist in Deutsch- land der Anteil der Kredite an Nicht-Banken am BIP rückläufig. (Auch die Finanzierungen selbst erfolgen immer öfter im Rahmen rechtlich eigenständiger Projekte, das heißt über eigens für die ein- zelne Finanzierung konzipierten und gegründeten Finanzierungsge- sellschaften.) Sowohl die Finanzierung der Projektwirtschaft als auch ihre Nutzung als Investitionsziel stellt die Finanzdienstleister dabei vor neue Her- ausforderungen. Zum einen ist für sie die Bewertung der heute so erfolgreichen innovationsorientierten Unternehmen generell schwie- riger, sei es im Rahmen einer klassischen Kreditvergabe oder eines komplexen Verbriefungsgeschäfts. Denn der künftige Erfolg dieser Unternehmen hängt stärker als der des klassischen Industrieunter- nehmens um die Jahrtausendwende von immateriellem, schlechter „greifbarem“ Kapital ab. Zum anderen wird dadurch, dass sich immer mehr Akteure zu tem- porären bzw. flexiblen eigenständigen Projekten zusammen- schließen, ein Teil der Wirtschaft in Sachen Bewertung zum beweg- lichen Ziel. Immer öfter sind heute Projekte (und nicht die an ihnen beteiligten Unternehmen) die von Finanzdienstleistern und Kapital- markt zu bewertenden Einheiten. Umfangreiche Bewertungs- historien und über Jahre gewachsene Kontakte zwischen Banken und Management sind in dieser Projektbewertung selten. Und in der Bewertung der Unternehmen, die an den Projekten beteiligt sind, hat wiederum ein neues Bewertungskriterium massiv an Gewicht gewonnen: das „Kooperationsrating“, das die Verlässlichkeit und Effizienz bei der Entsendung von Teams in Projekte misst. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 31 Projektwirtschaft stabilisiert Teile der Mittelschicht Chancen durch Bildung (und Risiken durch Bildungsmangel) heute transparenter Markt für private Lerndienstleistungen floriert Gesellschaftliches Potential Eigenständige Bürger und Konsumenten – nicht nur in der stabili- sierten Mittelschicht Die Projektwirtschaft hat nicht nur den Strukturwandel in Deutsch- land hin zu einer flexibleren, wissensintensiven, auf Innovation ba- sierenden Wirtschaft beschleunigt. Durch diesen Wandel ist auch eine neue soziale Aufstiegsdynamik möglich geworden, die dazu beigetragen hat, Teile der deutschen Mittelschicht zu stabilisieren. Die Bezieher mittlerer Einkommen stehen zwar durch die nach wie vor hohen Umverteilungslasten und (wie die anderen Bevölkerungs- gruppen) durch wachsende Aufwendungen für Gesundheit, Alters- vorsorge und Bildung unter Druck. 32 Sie konnten jedoch weit stärker als die Einkommensschwächeren und Geringqualifizierten vom Wachstum der wissensintensiven, oft projektwirtschaftlich organisierten Sektoren profitieren. Die Mittel- schicht partizipierte zum einen durch abhängige Beschäftigung, zum anderen durch Projekt- und Unternehmensgründungen. Das wie- derum hat es der Mittelschicht finanziell ermöglicht, die von privaten Akteuren angebotenen Lerndienstleistungen (Bildung und Weiterbil- dung) stärker in Anspruch zu nehmen. Ein wachsender Teil der Mittelschicht hat Anfang der zweiten Deka- de des 21. Jahrhunderts begonnen, Bildung als Investition in die Zukunft zu verstehen und, auf der Basis differenzierter Finanzie- rungslösungen (von Studienkrediten bis zu Lernkonten), Lerndienst- leistungen nachzufragen. Die Nachfrage wurde weiter dadurch for- ciert, dass die Chancen für den künftigen persönlichen Wohlstand durch Bildung – sowie die Risiken des sozialen Abstiegs bei Bil- dungsmangel – für den Einzelnen heute deutlich transparenter sind als noch vor 20 Jahren. Dazu tragen Medienberichte über die „Neu- en Erfolgreichen“ der wissensintensiven Wirtschaft und über die, die den Anschluss nicht geschafft haben, bei. Aber auch der Termin mit dem Bankberater öffnet den Blick: Für ihn spielt die Bildungshistorie seines Kunden heute für die Berechnung der individuellen Kredit- konditionen eine entscheidende Rolle. Infolgedessen ist der Markt für Lerndienstleistungen in Deutschland dramatisch gewachsen. Die neuen privaten Anbieter auf diesem Markt konnten sich stärker als die staatliche „Bildungsgrundversor- gung“ an den Bedürfnissen derer orientieren, die in der Projektwirt- schaft arbeiten. Diese Anbieter sind parallel mit der Projektwirtschaft entstanden – auf der Basis von Projekten wie Ausgründungen aus staatlichen Bildungsanbietern oder Kooperationen von öffentlichen 32 Vgl. auch Gräf, Bernhard (2006): Die demografische Herausforderung. Simulatio- nen mit einem überlappenden Generationenmodell. Aktuelle Themen 343. Deut- sche Bank Research. Aktuelle Themen 382 32 23. April 2007 Mehr Zuwanderung Hochqualifizierter nach Deutschland Viele Niedrigverdiener haben keinen Zugang zu privaten Lerndienstleis- tungen und Projektwirtschaft… … und ihre Löhne leiden unter globaler Arbeitsteilung Mittelschicht verdient gut in der Projektwirtschaft und privaten Lerndienstleistern. Der Regulierer hat hier durch schnellere und verlässlichere Zertifizierungs- und Akkreditierungs- verfahren den Weg bereitet. Die Anbieter reagieren dabei meist flexibel auf die Bedürfnisse einzelner Mitarbeiter oder Unternehmen. Zudem haben sie dazu beigetragen, dass ihre staatlichen Konkur- renten dynamischer und effizienter geworden sind. Mit Hilfe dieser verbesserten Lernangebote konnten sich viele Bür- ger mit mittleren Einkommen weiterqualifizieren. Auch Ältere können heute länger adäquat qualifiziert bleiben. Die Mittelschicht stellt so heute das Gros der Mitarbeiter im wissensintensiven Teil der deut- schen Wirtschaft. Sie profitieren zudem von Beteiligungsmodellen, mit denen ihre Kompetenzen in Zeiten globaler Arbeitsmärkte für Hochqualifizierte dauerhafter an das Unternehmen gebunden wer- den sollen. Solche Modelle sind für Unternehmen wichtiger denn je, da in der Projektwirtschaft die Hürden für den Schritt in die Selbst- ständigkeit niedriger geworden sind. Migrationsmagnet Deutschland Diese Beteiligungsmodelle haben auch dazu beigetragen, dass Deutschland in den letzten Jahren einen starken Aufschwung der Zuwanderung Hochqualifizierter erlebt. Anziehend auf ausländische Hochqualifizierte hat zudem die in Deutschland (trotz dieser Model- le) hohe Personalfluktuation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gewirkt. Sie erweitert das Spektrum der Karriereperspektiven für helle Köpfe beider Seiten. Auch die Vorteile des deutschen Lern- dienstleistungsmarkts haben sich unter potentiellen Immigranten herumgesprochen. Und schließlich ist ganz allgemein die im interna- tionalen Vergleich kräftige Dynamik der deutschen wissensintensi- ven Wirtschaft attraktiv. Diese Zuwanderer verstärken die deutsche Mittelschicht weiter. Viele der Zugezogenen machen Deutschland nicht zuletzt wegen seiner politischen und gesellschaftlichen Stabilität, garantierten Frei- heitsrechte und guten Umweltbedingungen dauerhaft zu ihrem Le- bensmittelpunkt. Gerade bezüglich seiner gesellschaftlichen Stabili- tät steht Deutschland im Vergleich zu anderen entwickelten Län- dern, die wesentlich stärker in den Verteilungskämpfen des 20. Jahrhunderts gefangen waren und sind, besser da. Niedrigverdiener unter Druck… Die Gruppe der Niedrigverdiener profitiert dagegen wenig von der Projektwirtschaft. Zwar ist ihre Bildungsbeteiligung in den letzten 15 Jahren im sekundären wie tertiären Bereich langsam ausgedehnt worden. Der Mehrzahl reicht diese Ausbildung aber nicht für einen Sprung in die besonders wissensintensiven Beschäftigungen der Projektwirtschaft, zumal ihnen oft der Zugang zu den teils kostspieli- gen Angeboten privater Lerndienstleister fehlt. Eine positive Ent- wicklung ist hier allerdings das mittlerweile stark zunehmende En- gagement von Stiftungen. Sie erkennen immer deutlicher, dass die Bildungs- und Weiterbildungsförderung finanziell schlechter gestell- ter Talente nicht nur wünschenswert, sondern eine gesamtgesell- schaftlich zwingende Notwendigkeit ist. Die Löhne des nicht unbeträchtlichen Teils derer unterhalb der Mit- telschicht, die nach wie vor keinen Zugang zu höherer Bildung hat- ten und haben, stehen zudem weiterhin durch internationale Arbeits- teilung, technischen Fortschritt und weitere Immigration Niedrigqua- lifizierter unter Druck. Das gilt auch für den schlechter gebildeten, unteren Teil der Mittelschicht. Auch sie schaffen meist nicht den Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 33 Staatliche Unterstützung nur noch bei Gegenleistung für die Gesellschaft… … die sich jedoch als Sprungbrett ins Berufsleben erweisen kann… Expedition – mehr Chancen zur Verwirklichung In der EU wird 2007 die Armutsgrenze bei 60% des Nettoäquivalenzeinkommens gezogen. In der Armutsforschung werden dagegen nach Sen Menschen dann als arm bezeichnet, wenn sie nicht die Chancen haben, ein Leben führen zu können, für das sie sich mit guten Gründen entscheiden konnten und das die Grundlagen der Selbstachtung nicht in Frage stellt. Zu den Verwirklichungschancen gehören dabei individuelle Potentiale und gesellschaftliche Freiheiten. Die individuellen Potentiale – das Einkommen oder Vermögen, der Gesundheits- zustand oder die eigene Bildung – sind ebenso wichtig wie gesellschaftliche Frei- heiten. Zu diesen zählen sowohl der Zugang zum Bildungs- und Gesundheits- system sowie zu angemessenem Wohnraum als auch ökonomische Chancen wie die Integration ins Erwerbsleben. Ferner zählen zu den gesellschaftlichen Frei- heiten ein ausreichendes Maß an sozialer und ökologischer Sicherheit, Schutz vor Kriminalität, Chancen zur politischen Beteiligung sowie eine garantierte Trans- parenz im Hinblick auf staatliche Unterstützungsleistungen und Gesetze. Die Strukturveränderungen durch Deutschlands Expedition – vor allem die Projekt- wirtschaft – sorgen für besseren Zugang zu Arbeitsmärkten und Bildungsange- boten. Durch den veränderten politisch-rechtlichen Rahmen werden Chancen zur politischen Beteiligung eröffnet, die Transparenz von Gesetzen und Sozialleistun- gen sowie die soziale und ökologische Sicherheit verbessert. In der Expedition bietet sich so mehr Menschen die Chance, sich selbst zu verwirklichen und sich nach ihren Kräften einzubringen: In Projekten ganz unterschiedlicher Art, unter- stützt und gefordert durch den Staat und die Gemeinschaft zählt dabei neben der Selbstverwirklichung auch die Verwirklichung einer funktionierenden, integrativen Tätigkeitsgesellschaft. Quellen: Arndt et al. 2006, Sen 2000, Deutsche Bank Research Sprung in wissensintensivere Tätigkeiten, einige rutschen bezüglich Einkommen und sozialer Stellung aus der Mittelschicht ab. … aber Tätigkeitsgesellschaft bietet neue Chancen Unterhalb der Mittelschicht sind heute mehrere parallele Arbeitsver- hältnisse zum Bestreiten des Lebensunterhalts keine Seltenheit mehr. Zudem hat der schmale, seit langem beständig schrumpfende fiskalische Handlungsspielraum Deutschland zu einer Tätigkeitsge- sellschaft gemacht: Fast jeder, der staatliche Unterstützungsleistun- gen erhält, muss dafür eine Gegenleistung für die Gesellschaft erbringen. Ein Beispiel sind soziale Dienstleistungen wie die Unter- stützung der stark wachsenden Gruppe der Älteren beim Erhalt ihrer selbständigen Lebensführung (von Einkaufen über Hausreinigung bis zu gemeinsamen Freizeitaktivitäten). 33 Für einige dieser Niedrigverdiener erweisen sich diese sozialen Dienstleistungen als Sprungbrett zurück ins Berufsleben. Denn in diesem Segment ist in den letzten Jahren in der Privatwirtschaft durch den Rückzug des Staates und die alternde Bevölkerung ein schnell wachsender Markt entstanden, der Mitarbeiter mit einschlä- gigen praktischen Erfahrungen aufnimmt und weiterbildet. Das Prin- zip der Tätigkeitsgesellschaft und der Markt für soziale Dienstleis- tungen ermöglichen einigen so wieder eine Art sozialen Aufstiegs aus unteren Schichten, die vor 15 Jahren noch selten war. Das heu- te differenzierte Angebot sozialer Dienstleistungen trägt darüber hinaus dazu bei, die unter oft hohem beruflichen Druck stehenden Mitarbeitern der Projektwirtschaft von vielen privaten Aufgaben – wie z.B. Kinder- oder Altenbetreuung – gegen adäquate Bezahlung zu- mindest teilweise zu entlasten. 33 Bergheim, Stefan (2006). Hurra, wir leben länger! Gesundheit und langes Leben als Wachstumsmotoren. Aktuelle Themen 345. Deutsche Bank Research: Aktuelle Themen 382 34 23. April 2007 … in das auch viele Ältere heute intel- ligent eingebunden sind Viele Ältere machen „Projektkarrieren“ Vielfalt im Alter „Gesetzliches Renteneintrittsalter“? Der Anteil der älteren Bürger, die in der Projektwirtschaft – sowie im Rest der Wirtschaft – engagiert sind, ist heute weit höher als noch vor 20 Jahren. (An die Stelle der Elternbetreuung rückt bei ihnen oft die Partnerbetreuung.) Das offizielle Renteneintrittsalter wurde 2013 nach heftigen Debatten auf 69 Jahre angehoben. Die Vertragswerke vieler rechtlich eigenständiger Projekte umgehen diese Altersgrenze jedoch, sie verliert an Bedeutung. Als wichtigerer Treiber für den längeren Verbleib Älterer im Erwerbs- leben haben sich die neuen Integrationsmodelle erwiesen. Die bes- ten verknüpfen ein ganzes Portfolio von Maßnahmen, an deren An- fang meist eine umfassende Wissensevaluierung steht. Sie erlaubt es dem Arbeitgeber, die bestehenden komparativen Vorteile der älteren Arbeitnehmer wie Erfahrung und Vernetzung zu erkennen und punktgenau einzusetzen. Oft folgen Weiterbildungsmodule, zudem gehen Arbeitgeber heute weit intelligenter auf spezifische Bedürfnisse wie Mobilitätseinschränkungen und Belastungsgrenzen ein. Und schließlich haben immer mehr Arbeitgeber erkannt, dass Pro- jekte eine gute Möglichkeit bieten, ältere Arbeitsnehmer temporär und zeitlich flexibler einzubinden. Das hat die Vorbehalte der Arbeit- geber gegenüber der Rekrutierung Älterer reduziert und vielen älte- ren Bürgern neue „späte Chancen“ eröffnet. Auch weniger qualifi- zierten Älteren können so heute häufiger Bewährungsmöglichkeiten gegeben werden. All dies hat sich in Zeiten verknappender junger Arbeitskräfte als vergleichsweise geringer Preis für den Zugang zu dringend benötigtem Humankapital erwiesen. Die „demografische Misere“ konnte so abgemildert werden. Noch kurz nach der Jahrtau- sendwende fürchteten viele, Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit würde weit stärker unter seiner alternden Bevölkerung leiden. Im Gegenteil hat die aktive Teilnahme der Älteren an der „Expedition Deutschland“ diese Bevölkerungsgruppe bezüglich ihres wirtschaft- lichen Engagements zu einem internationalen Vorbild werden las- sen. Und auch außerhalb des Erwerbslebens schaffen es heute in 2020 mehr Ältere als noch um die Jahrtausendwende, ihre Ideen und Träume zu verwirklichen. Natürlich gibt es heute wie damals viele Ältere, die daran von physischen oder psychischen Einschrän- kungen gehindert werden. Schon damals gab es aber viele ver- schiedene Altersformen und Altersnormen, deren Spektrum heute noch vielfältiger geworden ist. Dazu haben nicht zuletzt die aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Babyboomer beigetragen. Damit ist auch das Spektrum der persönlichen Ziele Älterer breiter geworden. Zu diesen Zielen gehört heute neben vielen Freizeitaktivitäten, die früher Jüngeren vorbehalten schienen, oft auch Engagement für das direkte soziale Umfeld (in Vereinen, Kirchen etc.) sowie für die Ge- sellschaft als Ganzes (z.B. immer häufiger in NGOs). 0 20 40 60 80 1999 2004 2010 2015 2020 nicht engagiert, aber zu Engagement bereit engagiert Stärker engagiert Gesellschaftlich Engagierte, in % der deutschen Bürger Quellen: Freiwilligen-Survey BMFSFJ, Deutsche Bank Research 3 Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 35 Schlecht Gebildete helfen sich in „Subsistenz-Hintergrundnetzwerken“ Gewinner der Wissensgesellschaft nehmen Einfluss auf die Politik Politikverdrossenheit unterhalb der Mittelschicht… … und neues Elitenverständnis bei den Vielverdienern Ohne Bildung nur gemeinsam Aber weder gelang oder gelingt mehr als einer Minderheit der Jün- geren der soziale Aufstieg, noch ist die Mehrheit der älteren Bürger heute wie skizziert ins Erwerbsleben eingebunden. In beiden Fällen war und ist mangelnde Bildung das zentrale Hin- dernis. Viele von ihnen sind heute gezwungen, sich in „Subsistenz- netzwerken“ selbst zu organisieren. Diejenigen, die Maler und Klempner nicht mehr bezahlen können, müssen sich gegenseitig helfen. Parallel blüht, in der Grauzone zwischen offiziellem Markt und gegenseitiger unentgeltlicher Hilfe, die Schattenwirtschaft. Polarisiertes politisches Engagement Aufgrund des hohen gesellschaftlichen Drucks hat sich unterhalb der Mittelschicht Politikverdrossenheit breit gemacht. Gerade in wirtschaftlich wenig prosperierenden Gebieten sind Radikalisie- rungstendenzen zu beobachten. Neben diesen vereinzelten radika- len Entwicklungen gibt es verschiedene Formen neuer sozialer Be- wegungen (grass root movements). Im Unterschied zu früheren neuen sozialen Bewegungen sind diese aber aufgrund der fort- schreitenden Fragmentierung 34 der Gesellschaft oft keine Massen- bewegungen mehr. Dafür sind diese Bewegungen zu stark an den Bedürfnissen bzw. Interessen ihrer Mitglieder orientiert. Dennoch gibt es mehr Bewegung in der Gesellschaft durch Engagement für stärkere Umverteilung auf lokaler Basis, Verbraucherschutz, besse- re Bildungschancen, die Verbesserung der Stellung Älterer und mehr kulturelle Integration. Bevölkerungsgruppen mit hohen Einkommen engagieren sich heute besonders intensiv. Sie wollen ihre gesellschaftliche Verantwortung stärker wahrnehmen als noch vor 15 Jahren und tragen so zu einer Veränderung des Selbstverständnisses der Eliten bei. Eliten organi- sieren sich heute zum Teil über neue, oft internationale Netzwerke, die weit über die tradierten Familien- und Funktionsträgerzugehörig- keiten hinausgehen. Über den Zugang zu diesen Netzen entschei- det oft wiederum Bildung – der Abschluss an einer der öffentlichen oder privaten deutschen Spitzenhochschulen, die sich mittlerweile auch international einen Namen machen konnten, ist neben dem eines etablierten ausländischen Instituts immer häufiger die Ein- trittskarte. Wieder engere Wechselwirkung von Staat und Bürgern Diese sozialen Netze sind es auch, über die viele der in der Wis- sensgesellschaft Erfolgreichen in konzertierter Form und auf breite- rer Front Einfluss auf das politische Geschehen nehmen. Sichtbare Zeichen sind zunehmende Seitenwechsel zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik auf oberer Ebene, der weiter gewachsene Einfluss privater Berater auf politische Strategien und Entscheidun- gen sowie neue Formen des Lobbyismus 35 . Dieser Einfluss hat in den letzten Jahren zu einer intensiveren Leistungsbeurteilung und generellen kritischen Reflexion des staatlichen Handelns durch die Medien und interessierte gesellschaftliche Gruppen geführt. Das hat 34 Rollwagen, Ingo (2007): Der Zukunft des Konsums auf der Spur: Fragmentierungs- tendenzen und deren Folgen für Geschäftsstrategien (Original engl.: Tracing the Future of Consumption: The Fragmentation of Societies and its Implications for Business Strategies). Präsentation. Deutsche Bank Research (www.dbresearch.de). 35 Z.B. die intensivere Nutzung wissenschaftlich basierter Indikatoren zur Untermaue- rung der vertretenen Interessen sowie die Bündelung großer Zahlen von Akteuren (auch von Individuen) mit ähnlichen Interessen über neue mediale Kanäle. … aber auch viel gesellschaftliche Bewegung… Aktuelle Themen 382 36 23. April 2007 NGOs unterstützen die Erweiterung des Elitenbegriffs Konsumenten informieren und organisieren sich stärker Verbraucherschutz wird forciert Die neue Konsumentensouveränität ist vom Bildungsstand abhängig Deutschland ist Leadmarket für seniorengerechte Produkte wiederum viel zur weiteren Professionalisierung des „politischen Geschäfts“ beigetragen. Auch der Einfluss von Nichtregierungsorganisationen (Non- Governmental Organisations oder NGOs) auf die nationale und in- ternationale Politik ist gewachsen. Zwar haben auch hier die gut Gebildeten das stärkste Gewicht, generell rekrutieren die neuen sozialen Bewegungen ihre Mitglieder jedoch aus allen Gesell- schaftsschichten. Insbesondere viele Ältere haben hier ein neues Betätigungsfeld entdeckt. Und tatsächlich hat der Machtzuwachs der NGOs zur einer Erweiterung des Elitenbegriffs beigetragen: Ihre zentralen Protagonisten genießen heute oft hohes gesellschaftliches Ansehen und Zugang zu den höchsten Kreisen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik – und setzen Impulse in der „Expedition Deutschland“. Konsumenten lernen von Konsumenten Darüber hinaus hat sich in allen Gesellschaftsschichten das Kon- sumverhalten nachhaltig verändert. 36 Konsumenten informieren und organisieren sich in weit größerer Zahl als noch vor 15 Jahren in Gemeinschaften, die oft auf Internet- oder Mobilfunkplattformen basieren. Sie tauschen sich über Vorzüge und Nachteile bestimmter Angebote aus, geben sich gegenseitig Anregungen, belohnen konti- nuierlich hilfreiche Beiträge mit sozialem Status und Meinungsfüh- rerschaft in der Community. Ansätze dafür waren bereits um die Jahrtausendwende beobachtbar, zum Teil sogar auf den Internetsei- ten der Einzelhändler selbst. (Es verwundert nicht, dass diese Ge- meinschaften zu einem neuen Betätigungsfeld der Marketingstrate- gen geworden sind.) Gefördert wurde dieses Verhalten durch gesunkene Transaktions- kosten aufgrund vereinfachter und verbilligter Kommunikation, durch die staatliche Forcierung des Verbraucherschutzes sowie durch eine zwischenzeitlich deutliche Zunahme von Produktfälschungen und Betrug im Internet. Profitiert haben, neben den Konsumenten, die Betreiber einschlägiger Gemeinschaftsforen, professionelle Pro- duktbewerter, sowie natürlich Unternehmen, die auf hohe Produkt- qualität und Verlässlichkeit im Umgang mit ihren Kunden setzen. Diese neue Konsumentensouveränität ist zwar in der gesamten Bevölkerung beobachtbar, wächst aber mit dem Bildungsstand. An- bieter von Gütern und Dienstleistungen müssen daher heute nicht nur dem immer besser informierten Kunden adäquat begegnen. Sie müssen nach wie vor auch der weniger souveränen Kundschaft die Vorteile ihres Angebots vermitteln können. Hier sind unterschiedli- che Produkte, Kommunikationskanäle, Ansprachen und Qualifikati- onen des Vertriebspersonals nötig. Auch immer mehr gebildete Ältere gehören zu den souveränen Konsumenten – nicht zuletzt, weil viele von ihnen sich heute, in 2020, behände in interaktiven Informationsmedien bewegen kön- nen. Die ältere Generation ist zudem (noch) sehr kaufkräftig. Immer mehr Anbieter berücksichtigen daher die Bedürfnisse Älterer bei der Gestaltung ihrer Güter und Dienstleistungen mittlerweile intensiv 37 . Tatsächlich ist Deutschland so zu einem der Leadmarkets für seni- orengerechte Produkte geworden: Deutschland setzt Trends und 36 Rollwagen, Ingo (2007), a.a.O. 37 Schaffnit-Chatterjee, Claire (2007). How will senior Germans spend their money? The interplay of demography, growth and changing preferences. Current Issues, Demography Special. Deutsche Bank Research. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 37 Die Einkommensschere öffnet sich weiter „EU-Mitgliedschaft Light“ Deutschland ist Teil der EU- Kerngruppe exportiert diese Produkte erfolgreich in alle Welt, insbesondere in die USA. Der einzige nennenswerte Konkurrent ist Japan. Und schließlich hat sich – ebenso wie das Spektrum der Konsum- souveränität – die Einkommensverteilung in Deutschland weiter ausgedehnt. Das hat auch in den expandierenden Dienstleistungs- sektoren zu einem wachsenden Bedarf an preislich breit differen- zierten Angeboten geführt (z.B. im Gesundheitsmarkt, bei sozialen Dienstleistungen und im Bildungsmarkt). Herausgefordert werden die Marketing-Abteilungen zusätzlich dadurch, dass die Konsumen- ten häufiger als früher bewusst aus ihren schicht- bzw. milieutypi- schen Konsummustern ausbrechen. Politisch-rechtlicher Rahmen Die langsame Entkrustung – zur kooperativen, lernenden Regulierung Optionsvielfalt in europäischer Kooperation Europa ist im Jahr 2020 ein „offener Gravitationsraum“ geworden. Während die Mitgliederzahl der Europäischen Währungsunion wei- ter gewachsen ist, ist die EU nach der weitgehend erfolgreichen Erweiterung Anfang des Jahrtausends auf einen integrationspoliti- schen Konsolidierungskurs eingeschwenkt. Mit einem überzeugen- den Konzept unterhalb der EU-Vollmitgliedschaft werden die Länder der Peripherie wirtschaftlich und politisch an die EU gebunden. EU- Mitgliedsländer, die an einer weitergehenden Integration interessiert waren, haben Freiräume genutzt, um ihre Zusammenarbeit zu ver- tiefen. Deutschland versteht sich im Jahr 2020 als Teil dieser Avantgarde, die in vielen Belangen untereinander enger als mit den übrigen EU- Mitgliedern integriert ist. Generell ist die Aufgabenteilung zwischen EU und Nationalregierungen heute in vielen, aber keinesfalls allen Politikfeldern subsidiärer als noch vor 15 Jahren. Die Zusammenar- beit der Nationalstaaten untereinander und mit den europäischen Institutionen ist deutlich effizienter geworden. Dazu hat nicht zuletzt beigetragen, dass sich die EU im zweiten Anlauf auf einen Grundla- genvertrag einigen konnte, der zwar hinter den Wünschen der da- maligen Befürworter einer europäischen Verfassung zurückblieb, aber wichtige institutionelle Reformen brachte. Aktuelle Themen 382 38 23. April 2007 Gesellschaftliche Aufgaben werden neu verteilt Koregulierung erhöht die Transparenz staatlichen Handelns Unternehmen erkennen Standardset- zung als zentralen Wettbewerbsfaktor Kohärenz in der Politik – von konfrontativen zu kooperativen Kompromissen Politik erscheint oft undurchschaubar. Die politikwissenschaftliche Unterscheidung zwischen Institutionen (polity), den Kompromissbildungsprozessen (politics) und den politischen Handlungsprogrammen und Entscheidungen (policy) hilft, die Kerndynamik „Gestaltung des politisch-rechtlichen Rahmens“ detaillierter zu ver- stehen. In der Politikwissenschaft geht man modellhaft davon aus, dass policies typische Stadien durchlaufen. Zuerst nehmen Medien, Verbände und Parteien ein Thema auf, setzen eine Agenda und definieren es so als politisches Problem. Dann folgen meist konfrontative Auseinandersetzungen um das Ziel und die Ausgestaltung politischer Vorhaben, woraus im Kompromiss eine * Politik formuliert wird. Über die Politik wird entschieden, dann setzt die Verwaltung getroffene Entscheidungen um. Nach einer gewissen Zeit wird das Ergebnis einer Politik bewertet, was Politiker veranlasst, diese neu zu formulieren oder den Policy-Zyklus zu beenden. Im Jahre 2007 wähnten sich die Deutschen oft in einer nicht enden wollenden Tretmühle. Politische Prozesse wurden ständig aufgerollt – kein Kompromiss und keine Entscheidung schien von langer Dauer. Bis 2020 haben jedoch mehr Koope- ration bei Kompromissen, aktivere, moderierte Diskussionen statt Konflikte um Agenden, veränderte Verwaltungsverfahren und strukturierter zusammenarbei- tende Institutionen politische Prozesse strukturiert und die Tretmühle weniger mühselig gemacht. Abgeschlossene Politikprozesse werden nicht ständig wieder aufgerollt, was politische Entscheidungen transparenter, verlässlicher, zugäng- licher, besser umsetzbar – kurz kohärenter – macht. Quellen: Héritier 1993, Schubert/Bandelow 2003 Der Staat delegiert und koreguliert Effizienz ist denn auch das Wort der Stunde in der politischen Auf- gabenteilung innerhalb Deutschlands. Der fiskalische Handlungs- spielraum war schon zur Jahrtausendwende eng. In den folgenden zwei Dekaden ist er jedoch – auch wegen der Alterung der deut- schen Gesellschaft – trotz vorübergehender zyklischer Verbesse- rungen noch deutlich knapper geworden. Das hat den deutschen Staat gezwungen, seine Aufgaben neu, also in vielen Bereichen restriktiver zu definieren. In der Folge werden zunehmend Aufgaben an Bürger und Unternehmen abgegeben, was gerade die Bürger zu mehr Eigenverantwortung zwingt. Die prägnantesten Beispiele sind die staatliche Gesundheits- und Altersvorsorge, beide sind auf eine Grundversorgung reduziert worden, darüber hinaus gehende Absi- cherungen muss der Bürger privat regeln. Auch in der Regulierung der Produkt- und Arbeitsmärkte setzt der deutsche Staat seit Beginn des zweiten Jahrzehnts zunehmend auf Kooperation, Koregulierung genannt. Zwar entscheidet der Staat auch heute noch über die Regulierung. Im Vorfeld werden Bürger und Unternehmen mittlerweile jedoch immer öfter und auf geübte Weise in den Entwicklungsprozess für neue Regulierung eingebun- den. Zum einen hat dieses Vorgehen die Wissens- und Erfahrungs- basis für die Entscheidungsfindung verbreitert. Das ist heute eine Notwendigkeit, da die zu regulierenden Sachverhalte immer kom- plexer geworden sind. Zum anderen hat Koregulierung die Transpa- renz und Prognostizierbarkeit von Regierungshandeln und Regulie- rung für Bürger und Unternehmen spürbar erhöht, deren Informati- onskosten also spürbar gesenkt. Immer mehr deutsche Unternehmen engagieren sich heute zudem in dem Bereich der Standardsetzung unterhalb der Ebene staatlicher und supranationaler Regulierung (vorwiegend brancheninterne Standards und Normen). Sie haben erkannt, dass sie Standardset- zung aktiv als Wettbewerbsfaktor einsetzen können: Sie gestalten Standards, soweit das in konsensualen Prozessen von Konkurren- ten möglich ist, ihren Kompetenzen entsprechend. Im nächsten Schritt versuchen sie, diese Standards an den internationalen Märk- Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 39 Europäische Regulierung geistigen Eigentums ist innovationsfreundlicher geworden… Europäische Regulierung geistigen Eigentums dient international als Vorbild ten durchzusetzen. Ein Beispiel ist die breite und erfolgreiche Stan- dardisierung in der Umwelttechnik (Schadstofffiltertypen und -qualitäten, Solarpanelmaße etc. 38 ). Diese Praxis wird immer mehr zur notwendigen Bedingung für Erfolg im globalen Wettbewerb. Neue Regeln für geistiges Eigentum – mit Vorbildcharakter Das deutsche Modell der Koregulierung war es schließlich auch, das Europa noch im ersten Jahrzehnt eine nachhaltig innovationsför- dernde Regulierung geistigen Eigentums beschert hat. Das alte Schutzmodell für diese in der Wissenswirtschaft so wichtigen Assets schien nicht mehr adäquat. Die Patenterteilung war langwierig, die Schutzzeiten und -mechanis- men für alle Technikbereiche gleich. Die Wissensproduktion in For- schung und Technik wurde jedoch schneller, ihre Formen volatiler, kooperativer und offener (ein frühes Beispiel war Open Source Soft- ware). Auch das Urheberrecht hatte nur eine „One size fits all“- Lösung parat, Produktion und Distribution in der Kultur verbilligten sich jedoch dramatisch und wurden so vielfältiger. Das hat Nischen- angebote zulasten des Mainstream gefördert. Für diese Felder wurde – nach langem Kampf der verschiedenen Interessengruppen – ein neuer, wohlfahrtsfördernder Ausgleich zwi- schen der Möglichkeit zur zügigen Diffusion neuen Wissens in der Gesellschaft einerseits und dem Innovationsanreiz durch rechtlichen Schutz geistigen Eigentums andererseits gefunden (schnellerer und kürzerer Schutz in ausgewählten Technikfeldern, ein Verbot der Patentierung evolutorisch entstandener Gene etc.). Zudem ent- wickelten deutsche Unternehmen gemeinsam mit dem Staat Rah- menbedingungen für den Schutz und die Verwertung geistigen Ei- gentums, das in Projekte eingebracht bzw. dort entwickelt wurde. Beide Fortschritte haben inzwischen Vorbildcharakter für entspre- chende europäische Regulierung. Und nicht nur für Europa: Tatsächlich konnten um 2015 einige wich- tige Aspekte auch in internationale Vereinbarungen der World Intel- lectual Property Organisation (WIPO) übertragen werden. Das ge- lang nicht zuletzt, weil durch zunehmende eigene FuE-Aktivitäten der Schwellenländer deren Anreiz für globalen Schutz ihres geisti- gen Eigentums gestiegen war. (Der erste Einigungsversuch 2009 scheiterte noch, eine umfassende Harmonisierung ist nun für 2021 ist Sicht). Leider können diese neuen Regeln allerdings – wie auch andere internationale Harmonisierungen, u.a. solche zur allgemei- nen Sicherheit von Auslandsinvestitionen – in vielen Ländern bis- lang nur unzureichend durchgesetzt werden. 38 Vgl. auch Heng, Stefan (2007). Harmonisierung der Kommunikationsbranche zwischen der EU und den USA. In B. Böttcher und K. Deutsch (Hrsg.): Vom Frei- handel zur tiefen Integration: Perspektiven für die Wirtschaftsbeziehungen von EU und USA, EU-Monitor 45, S. 35-37. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 382 40 23. April 2007 Lernanbieter agieren mit kundenge- rechten Angeboten auf effizienten Märkten Modulare Lernangebote werden zu lebensbegleitenden Ketten kombiniert („Bildungsan- statt -abschlüsse“) Schwache Signale für eine bessere Zusammenarbeit von Staat und Bürgern – schon in 2007 In den meisten OECD-Staaten beginnen Regierungen und Verwaltungen ihre Leistungen genauer zu messen und zu evaluieren. Vor allem die Entwicklung von Gesetzen und die Qualität der Regelsetzung werden verbessert, Gesetzgebungs- prozesse werden offener. Dabei ist ein wichtiger Trend, dass Bürger besser infor- miert werden: Im Jahr 2004 haben 90% der OECD-Länder Informationsrechte für Bürger gesetzlich verankert. Auch die Wahrnehmung von Bürgeranliegen und die Vermittlung in Streitfällen durch Ombudsmänner ist in 2006 in 90% der OECD-Länder verbreitet. Listen mit Gesetzen, die in absehbarer Zeit vorbereitet, modifiziert oder novelliert werden, werden veröffentlicht. Und es findet ein Qualitätsmanagement der Regelsetzung statt: So haben viele Staaten Fristen eingeführt, in denen sich Bürger und Interes- sengruppen in Konsultationen zu geplanten Gesetzen äußern können. Daneben erhöhen wie in Dänemark Standards für Verwaltungsverfahren die Transparenz. Außerdem haben 2005 zwei Drittel aller OECD-Länder eine formale Verpflichtung zur Abschätzung von Gesetzesfolgen oft speziell im Hinblick auf kleinere und mittlere Unternehmen sowie gesellschaftliche Gruppen eingeführt. Programme zur Vereinfachung und dem Abbau von Bürokratie bestehen 2005 in 25 Ländern. Diese Papiertiger erhalten mit quantitativen Zielen nun Klauen. Diese und ähnliche Maß- nahmen haben bereits in 2007 die Zusammenarbeit zwischen Staat und Bürger verbessert. Quelle: OECD 2007 Intellektuelles Kapital Modulare Bildung und Handel mit bewertetem Wissen Effizienter Schutz geistigen Eigentums ist gut – aber es muss auch etwas zu schützen geben. Und das entsteht auf der Basis von Bil- dung. Effizientes Lernen und breite Bildung waren nicht nur die Grundlage für das Entstehen der Projektwirtschaft, sie differenzieren seit Jahren auch immer stärker die Gesellschaft als Ganzes. Gedränge auf privaten Lernmärkten Dieses zentrale, gestaltende Element „Lernen“ wird in Deutschland heute auf effizienten Märkten gehandelt. Der Markt für Lerndienst- leistungen ist einer der am schnellsten wachsenden Sektoren der deutschen Wirtschaft geworden, die Nachfrage steigt schnell und kontinuierlich. Die privaten Anbieter haben massiv dazu beigetra- gen, indem sie gelernt haben, sich weit stärker als noch vor 15 Jah- ren als wahre Dienstleister zu verstehen. Ihre Angebotspalette um- fasst dabei sowohl Dienstleistungen zur Wissensvermittlung (primä- rer Lernmarkt) als auch lernunterstützende Leistungen wie Lernmit- telerstellung, Lernreisen oder Bildungsberatung (sekundärer Lern- markt). Ihre Bildung- und Weiterbildungsangebote sind zudem modularisiert: Oft können die Produkte auch unterschiedlicher Anbieter zu zielfüh- renden Bildungs- und Weiterbildungswegen mit vielfältigen An- Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 41 Staatliche Universitäten sind reorganisiert und effizienter Deutsche Tertiärbildung attraktiv für deutsche und ausländische Studenten Lernanbieter mit Profil Hochqualifizierte bleiben dennoch knapp schlussmöglichkeiten kombiniert werden. 39 Dauerhaftes internetba- siertes Lernen wird durch Tagesseminare oder mehrmonatige Sab- baticals ergänzt. Diese Lernerfahrungen ziehen sich heute immer öfter und zum Teil systematisch durch den gesamten Berufs- und Lebensweg. Durch standardisierte Bewertung, internationale Ver- gleiche und weithin anerkannte Zertifizierungen ist die Dienstleis- tung Lernen dabei für die Konsumenten trotz wachsenden Angebots transparenter geworden. Zudem können Arbeitgeber die Qualifikati- onen ihrer Mitarbeiter besser abschätzen. Staatliche Alma Mater gestärkt Die privaten Angebote sind dabei zum Teil komplementär, zum Teil in wettbewerblicher Beziehung zur staatlichen Bildung. Anfang des Jahr- tausends wurden im Rahmen einer Konsolidierungswelle viele Bil- dungseinrichtungen zusammengelegt oder schlicht geschlossen, Viele Universitäten haben sich damals auf ihre fachlichen komparati- ven Vorteil im nationalen und oft internationalen Vergleich fokussiert. Andere konzentrieren sich heute auf die tertiäre Grundausbildung. Zudem müssen Studenten seit 2012 in allen Bundesländern Stu- diengebühren zahlen. Das hat, gemeinsam mit der wettbewerbli- chen Orientierung und fachlichen Fokussierung der Bildungseinrich- tungen, dazu geführt, dass die Mehrzahl der deutschen staatlichen Universitäten heute effizienter geführt und besser ausgestattet sind also noch vor zehn Jahren. Auch im Schulbereich haben Evaluie- rungen und andere Initiativen die Schulen, den Unterricht und das Zusammenspiel von Schule, Eltern und lokaler Wirtschaft verbes- sert. Beliebt bei Bildungskunden nah und fern So fallen auch die seit bald 15 Jahren langsam, aber kontinuierlich gestiegenen Bildungsausgaben des Staates auf zunehmend frucht- baren Boden. Allmählich zeigen darüber hinaus die öffentlichen Ausgaben für Bildungsberatung erste Erfolge: Die Zahlen der Schul- und Studienabbrecher gehen zurück, Umfragen zeigen hohe Zufrie- denheitswerte unter Studenten. Zur Zufriedenheit der Absolventen trägt auch bei, dass der Vermittlung von soft skills wie interkulturel- len Fähigkeiten, Projekt- und Konfliktmanagement oder dem „Ler- nen zu Lernen“ heute wesentlich mehr Raum im universitären Stu- dium eingeräumt wird. All diese Kompetenzen fragt die globalisierte Wirtschaft heute zunehmend nach. Tatsächlich haben die deutsche universitäre Bildung sowie die beruf- liche und wissenschaftliche Weiterbildung durch diese positive Ent- wicklungen heute wieder einen hohen internationalen Marktwert. Immer mehr begabte junge Ausländer kommen trotz der zum Teil beträchtlichen Studiengebühren für ihre tertiäre Ausbildung nach Deutschland. Allerdings noch bei weitem nicht ausreichend viele: Hochqualifizierte, insbesondere Absolventen der naturwissen- schaftlich-technischen Studiengänge, sind in Deutschland nach wie vor knapp. Da sie die wesentlichen Träger der deutschen Wirt- schaftsleistung sind und die demografische Entwicklung den Nach- schub an jungen Arbeitskräften verknappt, besteht weiterer Hand- lungsbedarf. 39 U.a. haben die Universitäten ihre Zusammenarbeit mit Lerneinrichtungen im Be- reich der dualen Ausbildung ausgeweitet und Module zur wissenschaftlichen Wei- terbildung entwickelt. Das half vielen der vormals „nur“ im dualen Ausbildungssys- tem qualifizierten Facharbeiter, die vom Rückgang der industriellen Wertschöpfung besonders hart getroffen wurden. Sie konnten sich für die neu entstehenden Dienstleistungsberufe qualifizieren bzw. im Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen eigene Unternehmen gründen. Aktuelle Themen 382 42 23. April 2007 Akteure neuer „Wissensbranchen“ treiben die Projektwirtschaft Vernetzung von Datenbanken ist wichtig für die Projektwirtschaft Neue Mensch-Maschine-Schnittstellen unterstützen globale Projektteams Die neuen Daten- und Wissensmärkte Mit dem Wissen, das die neuen Hochqualifizierten in Wissenschaft und Wirtschaft erzeugen, wird heute in Deutschland (wie in vielen anderen Ländern) systematischer und effizienter umgegangen als noch vor 15 Jahren. Daten, Information und Wissen werden heute in weit größerem Umfang validiert, effizient verwaltet, monetär oder nach anderen Maßstäben bewertet, rechtlich geschützt (in Form der neuen Urheberrechte und Patente) – und schließlich auf immer liquideren Märkten gehandelt. Denn diese Entwicklungen haben Unternehmen veranlasst, internes Wissen stärker unter Opportuni- tätsgesichtspunkten zu betrachten. Damit wächst der Anreiz, profi- table Nutzungsgelegenheit für ihr intellektuelles Kapital ausfindig zu machen und damit dessen Wert zu erhöhen. Aus all diesen Kompetenzen sind eigene Branchen hervor gegan- gen. Ihre Akteure spielen entscheidende Rollen in den heutigen Wertschöpfungsprozessen: Wenn einerseits Wissen das zentrale Produktionsmittel ist, andererseits viele Akteure mit unterschiedli- chen Wissensbeiträgen (wie Kundenwissen, technischem Wissen, Prozesswissen etc.) an einem Projekt beteiligt sind, dann ist die Nachfrage nach dem effizientem Umgang mit Wissen groß. Digitalisierung Vernetzte Güter und das neue Internet Gut verbunden ist halb gewonnen Neben intellektuellem Kapital erwies sich für eine effiziente Koope- ration in flexiblen, oft temporären Projekten auch technologische Unterstützung an verschiedenen Fronten als zwingend notwendig. Zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor wurden u.a. die unkompli- zierte und sichere Vernetzung von Datenbanken, sei es zum Aus- tausch von Kunden- oder von Konstruktionsdaten. Eine Standardi- sierung der entsprechenden IT-Schnittstellen (Hardware, Datenfor- mate, Web Services 40 ) wurde unumgänglich und setzte sich schon ab 2010 rapide durch. Immer häufiger sind die an einem Projekt beteiligten Expertenteams zudem räumlich weit verteilt. Das kann gerade in FuE aufgrund der komplexen Daten und auf Visualisierung basierenden Arbeitsmetho- den zu Kommunikationsproblemen führen. Hier helfen heute neue Mensch-Maschine-Schnittstellen, die es z.B. Entwicklern von unter- schiedlichen Kontinenten aus erlauben, in sogenannten Virtual Col- laborative Environments gemeinsam und zeitgleich am selben drei- dimensionalen Objekt zu arbeiten. 40 Vgl. auch Heng, Stefan (2005). Software-Häuser: Wandel vom Produkthersteller zum Solution-Provider. E-conomics 50. Deutsche Bank Research. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 43 RFID-Chips erlauben automatisches Verfolgen einzelner Güter Viele IuK-Technologien haben die Reifephase erreicht Für den Nutzer wird die Art des Über- tragungskanals immer unwichtiger Netzkonvergenz war frühes Beispiel für projektwirtschaftliches Agieren Darüber hinaus kommen diese Visualisierungsmethoden, die zur Familie der Virtual Reality- bzw. Augmented Reality-Systeme gehö- ren, aber auch ohne räumliche Verteilung der Mitarbeiter immer häufiger zum Einsatz (z.B. zur Darstellung komplexer geologischer Datensätze in der Ölindustrie, zur Beschleunigung und Kostenre- duktion in Produktentwicklung und Architektur sowie zur Unterstüt- zung medizinischer Eingriffe). Vernetzte Güterströme Für Projekte mit einem starken Fokus auf die Produktion oder den Vertrieb von Gütern erwies sich die 2010 langsam einsetzende Dif- fusion von Waren-Identifikationschips („RFID-Chips“) als segens- reich. Diese Projekte müssen ihre komplexen Logistikketten zwi- schen den kooperierenden Akteuren stückgutgenau, kostengünstig und weltweit überwachen können, um effizient zu sein. Die Verbrei- tung der RFID-Chips verlief in den ersten Jahren allerdings aufgrund der noch hohen Kosten und wegen Datenschutzbedenken der Kon- sumenten insbesondere im Point-of-Sale-Bereich schleppend. Erst Mitte des zweiten Jahrzehnts hat sie sich beschleunigt. 41 Heute, in 2020, ist bereits ein signifikanter Anteil der weltweit ge- handelten Waren mit RFID-Chips ausgestattet. Das erlaubt ihre automatische, berührungsfreie Identifikation – und damit ihre Verfol- gung im „Internet der Dinge“. Diese elektronische Vernetzung von Gütern hat, gemeinsam mit der oben skizzierten Standardisierung von Datenbankschnittstellen, die Transaktionskosten in weit ver- zweigten und güterlastigen Wertschöpfungsprozessen deutlich ge- senkt. All dies sind Beispiele für die allgemeinen Produktivitätssteigerun- gen durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstech- nologien (IuK-Technologien) in den vergangenen Jahren. Der Ein- satz vieler IuK-Technologien hat im Lauf der letzten zwei Dekaden die Reifephase erreicht. Die Technologien selbst sind zuverlässiger, ihr Einsatz ist effizienter geworden. Übertragungskanäle wachsen zusammen Parallel dazu haben sich zudem die Netzinfrastrukturen, auf denen diese Technologien aufsetzen, gewandelt und damit einen weiteren Beitrag zur Produktivitätssteigerung geleistet. Zum einen konvergie- ren die Infrastrukturen der Festnetztelefonie, der Mobiltelefonie, des Internets und des Fernsehens immer stärker. Große Teile von Tele- fonie und Fernsehen werden heute über Internetprotokolle übertra- gen. Wo die Konvergenz noch nicht so weit fortgeschritten ist, helfen intelligente Endgeräte, die die „Sprachen“ aller gängigen Infrastruk- turen sprechen („Always best connected“-Prinzip). 42 Dieses Zusammenwachsen um die Jahrtausendwende noch im Wesentlichen separater Strukturen erleichtert heute nicht nur den besonders mobilen Arbeitnehmern das Leben – es hilft auch, Infra- strukturkosten zu senken. Die für diese Konvergenz von Netzen und Endgeräten nötigen Kooperationen verschiedener Akteure wurden, insbesondere in der früheren „Experimentierphase“, vielfach in Form von Projekten organisiert. So konnte die nötige Flexibilität gesichert werden. 41 Vgl. Heng, Stefan (2006). RFID-Funkchips: Zukunftstechnologie in aller Munde. E-conomics 55. Deutsche Bank Research. 42 Vgl. Stobbe, Antje und Tobias Just (2006). IT, Telekom & Neue Medien: Am Beginn der technologischen Konvergenz. E-conomics 57. Deutsche Bank Research. 0 50 100 150 200 2002 2008 2014 2020 Simulation wird real Weltweite Umsätze mit Simulations- technologien, in Mrd. Euro Quellen: CyberEdge Information Services, Deutsche Bank Research 4 Aktuelle Themen 382 44 23. April 2007 Die Gene des Internets werden um neue Sicherheitsstrukturen ergänzt Öl- und Gaspreis treibt Investitionen in erneuerbare Energien… … und Windenergie ist heute wettbe- werbsfähig – ohne Subventionen Ein schlaueres Internet Zum anderen findet, von der Öffentlichkeit anfangs kaum wahrge- nommen, eine schleichende, aber revolutionäre Umstrukturierung des Internet selbst statt. Die Verbreitung von Viren und Spam- E-Mails, sowie Web-Kriminalität im Allgemeinen, wurden zwar in den vergangenen 15 Jahren mit immer ausgeklügelteren Schutzmecha- nismen bekämpft (u. a. mit digitalen Signaturen und resistenteren Betriebssystemen). Die Rufe nach einer grundlegenden Erneuerung der Funktionsweise des Internet – hin zu einem „intelligenten“ Netz, das Viren, Spam und anderen ungewollten Internetverkehr gar nicht erst passieren lässt – wurden dennoch immer lauter. Zudem wurde die Dominanz der USA in der Internet-Governance von den erstarkenden Schwellenländern und einigen entwickelten Ländern zunehmend in Frage gestellt. Nach einer Reihe erfolgloser internationaler Einigungsbemühungen kamen Vertreter von Regie- rungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft 2012 überein, die Internet- Infrastruktur schrittweise umzustellen und seine Governance einem internationalen Gremium zu übertragen. Die Umwandlung ist bei weitem nicht abgeschlossen. Aber schon die ersten Neuerungen haben die Netzsicherheit in einigen Bereichen wahrnehmbar erhöht. So ist es heute z.B. deutlich schwieriger, eine große Zahl fremder Computer für gemeinsame Angriffe auf die IT-Herzen großer Orga- nisationen zu „kapern“. Energieversorgung Breiter Energiemix, dezentral erzeugt Zu breitem Energiemix… Seit Beginn des Jahrtausends haben sich fossile Brennstoffe, insbe- sondere Öl und Gas, weiter deutlich verteuert. Schon Ende des ersten Jahrzehnts hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich dieser Trend kaum mehr umkehren würde. Das hat, gemeinsam mit der verstärkten öffentlichen Diskussion über globale Klimaverände- rungen, nicht nur die Entwicklung neuer Energiespar-Technologien vorangetrieben und den neuen Energiespar-Dienstleistern einen kräftigen Schub gegeben. Es hat auch bei Staat, Wirtschaft sowie Bürgern zu erhöhten Investitionen in die Erforschung und Nutzung alternativer Energiequellen geführt. Seit Mitte des zweiten Jahrzehnts ist die in Deutschland über viele Jahre massiv staatlich geförderte Energiequelle Wind ohne Subven- tionierung preislich konkurrenzfähig mit Kohle und Erdgas. Dieser medial stark beachtete Meilenstein hat das Investitionsklima noch einmal verbessert. Auch der Bereich Solarenergie wird, in Deutsch- land und vielen anderen Märkten, zunehmend wettbewerbsfähig. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 45 Laufzeiten der deutschen Atomkraft- werke wurden verlängert Insbesondere die Erneuerbaren trei- ben dezentrale Energiegewinnung Dezentrale Erzeugung wird vom „Energie-Internet“ koordiniert Energiemarkt fördert Mentalitätswan- del in der Kreditrisikobewertung Vom Landwirt zum „Energiewirt“ Die Hersteller von Windkraftanlagen profitieren seitdem nachhaltig, wie auch die so genannten „Energiewirte“. Diese innovativen Land- wirte produzieren nachwachsende Rohstoffe, die zu Kraft- und Brennstoffen weiterverarbeitet werden. Die Veredelung und Distribu- tion ihrer Produkte überlassen sie Spezialisten (mit denen einige der Energiewirte erfolgreiche Projektgesellschaften gegründet haben). Daneben haben aber auch Kohle und Atomenergie wieder günstige- re Perspektiven bekommen. Kohle profitiert von den heute deutlich emissionsärmeren Kraftwerken 43 , und die Laufzeiten der neueren Atomkraftwerke wurden nach intensiver politischer Diskussion ver- längert. (Dennoch hat sich der Anteil der Atomkraft am deutschen Primärenergieverbrauch zwischen 2005 und 2020 halbiert.) Dank großer Einspareffekte in allen Gliedern der Energiekette und fortge- setzten dynamischen Ausbaus der Erneuerbaren sowie der Verlän- gerung der Kraftwerkslaufzeiten ist die Sicherheit der Energiever- sorgung in Deutschland gewährleistet. Zudem wurde das Ziel der EU von 2007 erreicht, den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2020 um 20% zu reduzieren. Deutschland hat dazu den größten Beitrag ge- leistet. … und dezentraler Erzeugung Insgesamt haben diese Entwicklungen zu einem breiten Energie- mix geführt, der sich momentan stetig, aber langsam weiter in Rich- tung erneuerbarer Energien verschiebt. Neben dieser Diversifizie- rung der Energieversorgung hat der Anstieg der Öl- und Gaspreise aber einen weiteren Trend in Bewegung gesetzt: die Dezentralisie- rung der Versorgung. Sie nimmt zum einen zwangsläufig mit dem Anteil von Biomasse, Wind- und Sonnenenergie zu. Diese Gewin- nungsarten brauchen viel Fläche, eine breite räumliche Verteilung ist unumgänglich. Zum anderen haben sich kleine, nur eine Sied- lung oder einen Stadtteil versorgende Kraftwerke als wirtschaftlich sinnvoll erwiesen. Um diese Vielzahl neuer, dezentraler Energieerzeuger effizient or- chestrieren zu können (Ausgleich lokaler Engpässe, nachfragege- rechte Abrechnung von Einspeisungen etc.), entstand über den Umweg eines Flickenteppichs inkompatibler, regionaler Steuerungs- netze in den letzten Jahren ein überregionales „Energie-Internet“. Diversifizierung, Dezentralisierung und überregionale Steuerung haben so schließlich gemeinsam die Sicherheit der Energieversor- gung deutlich erhöht. Energiesektor treibt Projektwirtschaft Der Aufbau vieler der neuen Windkraftfelder und Kraftwerke ge- schah im Rahmen finanziell umfangreicher und risikobehafteter Pro- jekte – Initiatoren und Finanzierer glaubten zwar an weiter steigende Öl- und Gaspreise, es blieb jedoch ein nicht unerhebliches Restrisi- ko. Banken und Kapitalmarkt vergaben, angesteckt von der „Dauer- euphorie“ für den Energiemarkt, dennoch viel Fremd- und Eigenka- pital – obwohl Fremdkapital-Projektfinanzierung generell kein einfa- ches Thema ist. Die Attraktivität des Energiemarktes trug so Anfang des zweiten Jahrzehnts in der Finanzbranche zu einem schleichenden Mentali- tätswechsel in der Kreditrisikobewertung bei. Tangible Sicherheiten (die bei Ausfall des Kredits in den Besitz des Kreditgebers überge- hen) verloren an Bedeutung zugunsten noch intensiverer Cashflow- 43 Auer, Josef (2007). Technologie macht Kohle fit für Zeit nach dem Öl. Aktuelle Themen 375, Energie Spezial. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 382 46 23. April 2007 Aufstieg der „bamboo countries“ hat globale Integration Deutschlands verändert Spitzentechnologien und… … kreative Dienstleistungen: Die neuen deutschen Exportschlager Prognosen (die helfen, die Wahrscheinlichkeit des Ausfalls abzu- schätzen). Auf diese Weise waren die Entwicklungen im Energiesek- tor ein Motor der Projektwirtschaft. Denn auch in der Projektwirt- schaft sind, durch die Projektstruktur an sich sowie die hohe Wis- sensintensität der Projekte, tangible Sicherheiten selten geworden. Globale Integration Boom deutscher Kreativitätsexporte Der massive interne Strukturwandel, den Deutschland in den ver- gangenen 15 Jahren durchlebt hat, wurde von Entwicklungen for- ciert, die ihr Epizentrum zum Teil weit außerhalb Deutschlands hat- ten bzw. haben. Ein heute in 2020 viel zitiertes Beispiel ist der Auf- stieg Chinas und Indiens, sowie von Ländern wie Malaysia, Thailand und Südkorea. Ihr Aufstieg war, trotz einiger temporärer Rückschlä- ge, über viele Jahre nahezu kometenhaft. (Diese Länder nennen sich heute, stolz auf ihr rapides Wachstum und ihre asiatische Iden- tität gleichermaßen, bamboo countries – „Bambusländer“.) Neben den internen deutschen Strukturen haben diese Entwicklungen je- doch auch Deutschlands wirtschaftlicher, politischer und gesell- schaftlicher Integration in den Rest der Welt einen neuen Charakter gegeben. „Created in Germany“ Tatsächlich hat Deutschland im Jahr 2009 den Titel des Güter- Exportweltmeisters an China verloren. Die Wachstumsrate der klas- sisch starken deutschen Exporte von „Hochtechnologie“ wie Autos, Werkzeugmaschinen und Chemikalien ist lange schon hinter die der Dienstleistungsexporte gefallen. Stark gewachsen sind dagegen, wenn auch von deutlich niedrige- rem Niveau, die Exporte von „Spitzentechnologie“ (Mikrosystem- technik, weite Bereiche der Umwelttechnik, Biotechnologie etc.) sowie die virtueller Güter wie Software, Patente und Lizenzen, Mu- sik, Filme und Computerspiele (vgl. auch Abbildung 5). Unter den deutschen Computerspielproduzenten finden sich sogar einige Weltmarktführer ihrer „Nische“. (Und dieser Markt ist groß. Das Vo- lumen des wichtigen US-Markts für Computerspiele hatte bereits 2001 die Umsätze an den US-Kinokassen überholt und ist seitdem weiter rapide gewachsen). Dennoch: Der Anteil der Güter an den deutschen Exporten, vor 15 Jahren noch bei rund 85%, liegt heute nur noch bei gut 75%. Das übrige Viertel sind Dienstleistungen. Besonders erfolgreich exportieren heute die deutschen Anbieter wissensintensiver Dienst- leistungen. In der Projektwirtschaft schwimmen sie wie Fische im Wasser, zudem profitieren sie von den Exporterfahrungen und -netz- werken des Ex-Güterexportweltmeisters. Ein zentraler Motor dieses 0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1980 1990 2000 2010 2020 Einnahmen Ausgaben Patente und Lizenzen im internationalen Zahlungsverkehr, in % des BIP Deutschland ist Netto- Wissensexporteur Quellen: IWF, Deutsche Bank Research 5 Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 47 Alte Tugenden neu genutzt: deutsches „Dienstleistungstüfteln“ Bamboo countries investieren in deutsche Kunden, Innovatoren und Marken Mit Petrodollars in den Club der innovativen Länder Standort Afrika neuen Exportbooms sind die kreativen bzw. kreativitätsunterstüt- zenden Dienstleister (aus den Feldern FuE, Design, Frühaufklärung, Ethnografie etc.). Sie haben es geschickt verstanden, die den Deut- schen vom Ausland seit langem zugeschriebenen Tugenden der künstlerischen Neugier, des systematischen Forschens und beharr- lichen Tüftelns sowie des intelligenten und funktionsorientierten Gestaltens in ein exportförderndes Image zu verdichten: Created in Germany ist – insbesondere in Asien und im Nahen Osten – heute oft erste Wahl. 44 Von Deutschlands Innovatoren fasziniert Parallel mit ihren Exporten haben die deutschen Dienstleistungsun- ternehmen – wie die der anderen „altreichen“ Länder USA, Japan etc.– ihre Direktinvestitionen (foreign direct investments) in den bamboo countries und anderen (zum Teil ehemaligen) Schwellen- ländern in den vergangenen Jahren weiter massiv erhöht. Zu den Investitionszielen gehörten auch osteuropäische und GUS-Länder. 45,46 Bemerkenswerter ist jedoch, dass insbesondere die bamboo countries heute selbst massiv in Deutschland und anderen altrei- chen Volkswirtschaften investieren. Ein beliebtes Investitionsziel in Deutschland sind lokale Marktforschungsagenturen und Unterneh- men mit umfangreichen Datenbanken über lokale Kunden, um den Zugang zu herausfordernden Konsumenten zu ebnen. Daneben investieren die bamboo countries in etablierte deutsche Konsumgü- ter- und Dienstleistungsmarken (die oft langwierige Markenentwick- lung ist noch keine Kernkompentenz der bamboo countries), sowie in lokale FuE-Kapazitäten. 47 Neben den bamboo countries haben allen voran zwei andere Welt- regionen deutsche Innovationskapazitäten als spannendes Investiti- onsziel ausgemacht. US-amerikanische Private Equity-Fonds, für die Deutschland bis 2009 aufgrund seiner unterbewerteten Mit- telstands- und Großunternehmen ein Investitionseldorado war, sind in Deutschland auf der Suche nach neuen, hoch rentierenden (und riskanten) Assetklassen bei innovationslastigen Projektgesellschaf- ten fündig geworden. Die US-Fonds waren die Pioniere dieser neu- en Investitionsform, haben jedoch schnell die Ölkassen des Nahen Ostens nach Deutschland gelockt. Viele ölreiche arabische Länder haben rechtzeitig damit begonnen, ihren Strukturwandel weg von der Ölförderung einzuleiten. Sie haben sich mit privaten und öffentli- chen Mitteln Zugang zu innovativen Technologien und Dienstleis- tungsideen gekauft – oft in Deutschland. Und wohin fließen heute die deutschen „öffentlichen ausländischen Direktinvestitionen“ (public FDI), früher Entwicklungshilfe genannt? Noch bis 2010 waren auch die bamboo countries Nutznießer deut- scher Steuergelder. Sie wurden jedoch zunehmend nach Afrika um- gelenkt – in lokales Humankapital, vorwiegend im nördlichen Teil des Kontinents. Die deutsche Politik hatte frühzeitig erkannt, dass mehr Investitionen in die Bildung junger Afrikaner zum einen den Bildungsstand einiger derer hebt, die später nach Deutschland im- migrieren. Zum anderen ist Afrika heute ein attraktives Offshoring- 44 Prof. Dr. W. Wahlster, seinerzeit Geschäftsführer des Deutschen Forschungszent- rums für Künstliche Intelligenz, war einer der ersten, die die neue Marke Created in Germany populär machten – bereits vor 16 Jahren. 45 Gemeinschaft unabhängiger Staaten, Zusammenschluss von Nachfolgestaaten der Sowjetunion. 46 Nestmann, Thorsten (2007). Russia 2020. Current Issues. Deutsche Bank Re- search. Im Erscheinen. 47 Vgl. Neuhaus, Marco (2006). Inshoring-Ziel Deutschland: Globale Vernetzung ist keine Einbahnstraße. Aktuelle Themen 346. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 382 48 23. April 2007 Telekooperation ist gereift, … … Zusammenarbeit im lokalen Cluster bleibt jedoch wichtig Deutschland internationaler politi- scher Impulsgeber – im Projektrecht… … sowie in der innovations- und entwicklungsfördernden Regulierung geistigen Eigentums ziel. 48 Deutschlands frühzeitige Investitionen haben nicht nur gehol- fen, das Bildungsniveau der nicht ausgewanderten lokalen Arbeit- nehmer zu heben (wovon, im Sinne klassischer Spill-Over-Effekte, heute natürlich nicht nur Deutschlands Offshorer profitieren); diese Investitionen haben deutsche Unternehmen auch zu gern gesehe- nen Arbeitgebern und Geschäftspartnern gemacht. Multinationale Projekte, lokal und virtuell geerdet Deutschland ist heute aber nicht nur durch Handel und Kapitalströ- me noch enger als um die Jahrtausendwende mit dem Ausland ver- netzt. Auch die projektartige Organisation vieler Teile der Wertschöp- fung in Deutschland (und anderswo) trägt zur Vernetzung bei: Die Teilnehmer eines Projekts kommen häufig aus verschiedenen Län- dern zusammen, sei es physisch an einem Ort oder virtuell, durch neue Kommunikationstechnologien unterstützt. Letztere Art der „Te- lekooperation“ ist noch nicht völlig ausgereift, aber bereits deutlich effizienter als noch vor 20 Jahren. 49 Dabei kommen die Impulse für neue Projekte in Deutschland oft aus dem Ausland (insbesondere aus den USA und Asien, aber auch aus dem Nahen Osten). Wie bei den ausländischen Direktinvestitionen sind häufig Zugang zu deutschen Kunden und Innovationskapazitä- ten die Motivation. Bei aller Internationalität ist jedoch auch heute noch lokale Vernetzung, meist sogar innerhalb eines eng begrenz- ten regionalen Clusters, ein entscheidender Erfolgsfaktor in Wert- schöpfungsprozessen. Politischer Mittelgewichtsmeister Auf der politischen Weltbühne ist Deutschland heute, trotz seiner guten wirtschaftlichen Entwicklung, kein Schwergewicht. Zu stark haben die großen Newcomer China, Indien und zum Teil Russland die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich gelenkt. Aber Deutschland hat sich in den letzten 15 Jahren als vorausschauender Impulsgeber etabliert. Zum einen konnte die deutsche Regierung, mit der florierenden Projektwirtschaft im Rücken, in internationalen Handelsorganisationen ihren Vorschlag einheitlicherer und adäqua- terer Rechtsformen und Besteuerungsgrundlagen für Projektgesell- schaften vorantreiben. Zum anderen hat es Deutschland mit dem Vorbild seiner im ersten Jahrzehnt eingeführten, breit und nachhaltig innovationsfördernden Regulierung geistigen Eigentums geschafft, in der World Intellectual Property Organisation (WIPO) die lange verhärteten Fronten aufzu- weichen. Sowohl die entwickelten Nationen als auch die damaligen Schwellenländer ließen sich in Teilbereichen durch praktische Er- folgsbeispiele, die von einer Ausgewogenheit von Erfinderschutz und Wissensdiffusion profitiert hatten, überzeugen. Das hat zum einen den Technologietransfer in Schwellenländer erleichtert, der angesichts des vermehrten Auftretens von Epidemien und des ver- schärften Klimawandels immer dringlicher wurde. Zum anderen hat diese neue Ausgewogenheit auch Innovationskooperationen inner- halb der entwickelten Länder neuen Schub gegeben. (Ein Beispiel für Letzteres war das erfolgreiche FuE-Aufholrennen im Bereich alternativer Fahrzeugantriebe, das viele noch 2009 für die europäi- 48 Vgl. Mühlberger, Marion (2007). a.a.O. 49 Heng, Stefan (2004). Standortwahl in einer zunehmend vernetzten Welt – Evoluti- on statt Revolution. In: Räumlicher Strukturwandel im Zeitalter des Internets – Neue Herausforderungen für Raumordnung und Stadtentwicklung, S. 169-186. Wüstenrot Stiftung. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 49 Niedrig- und hochqualifizierte Immigranten gesucht Mehr persönliche internationale Vernetzung Gleich und Gleich gesellt sich gern: Gemeinschaften liegen im Trend… … und liefern Ideen für neue Projekte 2007 schen Automobilhersteller gegen ihre asiatischen Konkurrenten verloren glaubten. 50 ) Nahe Fremde und entfernte Bekannte Und schließlich sind die Deutschen auch auf der persönlichen Ebe- ne internationaler geworden. Zwar ist die gesellschaftliche Integrati- on von Immigranten nach wie vor keine leichte Aufgabe – gerade unterhalb der Mittelschicht, wo viele Deutsche und Immigranten unter erheblichem Druck stehen. Dieser Druck ist für niedrigqualifi- zierte Einwanderer oft besonders hoch. In breiteren Teilen der deut- schen Mittel- und Oberschicht ist jedoch aufgrund der gesund wachsenden Wirtschaft die Botschaft angekommen, dass niedrig- wie hochqualifizierte Immigranten in Deutschland dringend benötigt werden. Daneben ist auch die persönliche Vernetzung der Deutschen ins Ausland stärker geworden. Gerade die Eliten in Wissenschaft und Wirtschaft waren schon um die Jahrtausendwende global vernetzt, professionell wie privat. Diese Vernetzung haben die Deutschen in den letzten zwei Dekaden jedoch in drei Dimensionen ausgedehnt. Erstens gibt es heute ein noch breiteres Spektrum von Gemein- schaften als schon 2007, die, oft internetbasiert, weltweit Menschen gleicher Interessen zusammenbringen. Einige sind Orte informellen Gedankenaustauschs, andere sind professionelle Gemeinschaften (communities of practice). Zweitens sind diese Netze keinesfalls mehr den Wissenseliten vor- behalten. Auch der deutsche Wissensfacharbeiter beginnt, von den Erfahrungen seiner Fachkollegin in Südkorea zu profitieren (wenn auch manchmal mit Hilfe elektronischer Übersetzung). Und drittens hat sich diese Vernetzung räumlich weiter ausgedehnt: Immer mehr Länder und Regionen sind mit elektronischen Medien erreichbar. Hier schließt sich der Kreis. Aus solchen professionellen wie priva- ten Kontakten sind in den vergangenen Jahren viele Ideen und Im- pulse für neue Projekte hervorgegangen, groß und klein, in Deutschland und anderswo, lokal und international. Im Mittelpunkt der Projektwirtschaft – ja, der ganzen „Expedition Deutschland“ – steht die Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit des Einzelnen. Pars pro toto. 50 Die europäischen Automobilhersteller konnten jedoch wieder Anschluss gewinnen. Das gelang nicht zuletzt durch mutige Kooperationsprojekte mit innovativen Pa- tentvereinbarungen und das Ausschreiben mehrerer Innovationspreise, in deren Rahmen sie ihren Innovationsprozess für die Fachgemeinde partiell geöffnet hat- ten. Aktuelle Themen 382 50 23. April 2007 Trotz massiven Strukturwandels nur moderates Wachstum von 1,5% p.a. bis 2020 Unter dem Strich moderates Wachstum Unser Szenario „Expedition Deutschland“ zeichnet – je nach Per- spektive – ein aufregendes, anstrengendes oder auch beunruhigen- des Bild des Lebens und Wirtschaftens in Deutschland im Jahr 2020. Unabhängig von der Perspektive des Betrachters beschreibt es zudem einen Zustand von Deutschlands Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, der nicht durch „mehr (oder weniger) desselben“, son- dern nur durch einen nachhaltigen und teilweise radikalen Struktur- wandel erreicht wird. Trotz des gerade in wirtschaftlicher Hinsicht insgesamt positiven Bildes in der „Expedition Deutschland“ erwarten wir auf dem Weg in dieses Szenario nur ein durchschnittliches jährliches Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts von 1,5%. 51 Dieser Wert erscheint angesichts der im Szenario skizzierten strukturellen Veränderungen in so vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft niedrig. Deutschland wird in den kommenden Jahren jedoch massiven de- mografischen Belastungen sowie den stärker spürbaren Folgen des Klimawandels ausgesetzt sein. Zudem hat Deutschland jahrelang nur zögerlich reformiert. Wir sind daher davon überzeugt, dass Deutschland bis zum Jahr 2020 überhaupt nur durch einen derart massiven Strukturwandel das moderate durchschnittliche Wachstum von 1,5% wird erreichen können. (Allerdings dürfte dieser Struktur- wandel – nachdem ab 2025 die demografischen Belastungen leicht nachlassen – eine etwas höhere Potenzialrate erlauben.) Unsere Prognose bis zum Jahr 2020 wird von den Ergebnissen unseres Vorläuferprojekts „Globale Wachstumszentren 2020“ ge- stützt. 52 Dort hatten wir mit einer Kombination aus ökonometrischem Wachstumsmodell und qualitativer Trendanalyse quantitative Wachstumsprognosen für 34 Länder abgeleitet. Unser Szenario „Expedition Deutschland“ sowie die ihm zugrunde liegende DBR- Dynamiklandkarte (vgl. S. 8 sowie den Anhang) sind in Einklang mit den Annahmen dieses Vorläuferprojekts, detaillieren sie und ma- chen so die dort einkalkulierten Strukturbrüche transparent. 51 Von 1992-2006 waren es im Jahresdurchschnitt ebenfalls 1,5 %. 52 Bergheim, Stefan (2005), a.a.O. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 51 Viel Strukturwandel, mäßiges Wachstum Viel Strukturwandel, mäßiges Wachstum Viel Strukturwandel, mäßiges Wachstum Viel Strukturwandel, mäßiges Wachstum Durchschnittliches BIP-Wachstum bis 2020 auf dem Weg in die „Expedition Deutschland“ Digitalisierung Vernetzte Güter und das neue Internet Energieversorgung Breiter Energiemix, dezentral erzeugt Globale Integration Boom deutscher Kreativitätsexporte Wertschöpfungsmuster Flexible Kooperationen von Spezialisten – die Projektwirtschaft Gesellschaftliches Potential Eigenständige Bürger und Konsumenten – nicht nur in der stabili- sierten Mittelschicht Politisch-rechtlicher Rahmen Die langsame Entkrustung – zur kooperativen, lernenden Regulierung Intellektuelles Kapital Modulare Bildung und Handel mit bewertetem Wissen Durch diesen Strukturwandel erreicht Deutschland 2005-2020 ein mittleres BIP-Wachstum von (gg. Vj.) 1,5 % © Illustrationen Martini, Meyer Aktuelle Themen 382 52 23. April 2007 2007 2020 2007 2020 Warum dieses Szenario im Fokus? Der Weg in das Szenario „Expedition Deutschland“ ist angesichts des bis dorthin zu meisternden Strukturwandels sicherlich nicht der des geringsten Widerstands. Dennoch sind wir überzeugt, dass dieses Szenario das plausibelste unserer vier Bilder für die mittel- fristige Zukunft Deutschlands ist: Eine Reihe langlaufender, beson- ders einflussreicher und in ihrer generellen künftigen Entwicklung besonders gut vorhersehbarer Trends weist klar in Richtung „Expe- dition Deutschland“. Alle diese Trends sind Bestandteile der DBR- Dynamiklandkarte. 53 Die wesentlichen Charakteristika unserer vier Szenarien – und da- mit insbesondere die Unterschiede zwischen ihnen – folgen aus den verschiedenen Ausprägungen der beiden Kerndynamiken, die ihnen zugrunde liegen. Wir umreißen daher im Folgenden, warum die beiden Kerndynamiken von den langlaufenden, gut vorhersehbaren Trends wahrscheinlich eher in den rechten oberen Quadranten un- seres Szenariokreuzes getrieben werden. Zur Vereinfachung be- trachten wir jede Kerndynamik einzeln. In Richtung kohärenterer Politik und engagierterer Bürger Die Kerndynamik „Gestaltung des politisch-rechtlichen Rahmens / Nutzung des gesellschaftlichen Potentials“ wird von folgenden Trends in die Ausprägungsrichtung kohärent getrieben (also in Rich- tung einer stärkeren Koregulierung des Staates mit Bürgern und Unternehmen; in Richtung einer zunehmenden Abgabe von Aufga- ben durch den Staat an Bürger und Unternehmen; sowie damit in Richtung eigenständigerer und engagierterer Bürger und Konsu- menten; vgl. Abbildung Warum „Expedition Deutschland“ im Fokus auf S. 57. — Trend „Gesellschaftliche Alterung“. Die Alterung der deutschen Gesellschaft verringert das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentnern bzw. Pensionären und belastet so die Staatsfinan- zen – heute in 2007 und in den kommenden Dekaden. 54 Um die- sen demografischen Kostendruck zu mindern, muss die Politik die Rahmenbedingungen des Arbeitsmarkts so umgestalten, dass Ältere länger und intelligenter ins Arbeitsleben eingebunden werden können. Eine solche Neuregulierung erscheint jedoch unrealistisch, wenn künftig nicht verstärkt Wissen und Engage- ment von Bürgern und Unternehmen in den Prozess einfließen. Und dafür gibt es auch bei den Bürgern viel Potential. Gerade Äl- tere engagieren sich schon heute in kirchlicher Gemeindearbeit, in der kommunalen Politik, in Entwicklungshilfeprojekten und Sportvereinen. 55 Zudem wird der trotz erfolgreicher Koregulie- rung verbleibende (wenn auch etwas schwächere) demografi- sche Druck auf die öffentlichen Kassen den Staat zwingen, seine Kosten zu senken. Er wird folglich Aufgaben an Bürger und Un- ternehmen abgeben müssen (von Kinderbetreuung über Bildung 53 Z.T. komplette „trendhafte Dynamiken“, z.T. Subelemente davon („trendhafte Ein- flussgrößen“), hier zur sprachlichen Vereinfachung beides „Trends“ genannt. 54 Gräf, Bernhard (2003). Deutsches Wachstumspotenzial: Vor demografischer Her- ausforderung. Aktuelle Themen 277. Deutsche Bank Research. 55 Der Anteil der „engagierten Älteren“ über 60 Jahre ist zwischen 1999 und 2004 von 26 auf 30% gestiegen, der Anteil der engagierten jüngeren Senioren von 31 auf 37%. Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2005). Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Ergebnisse der reprä- sentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Durchgeführt von TNS Infratest Sozialforschung, München. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 53 und Bildungsberatung, Arbeitsvermittlung und Gesundheitsvor- sorge bis zu Altenpflege). — Trend „Globalisierung“. Die grenzüberschreitenden Handels-, Kapital- und Wissensströme werden weiter wachsen (für die his- torische Entwicklung vgl. Abbildung 6). Sie werden daher den in- ternationalen Standortwettbewerb um die attraktivsten Unter- nehmen und Köpfe verschärfen. In diesem Wettbewerb können nur die Länder vorn sein, die attraktive Rahmenbedingungen bie- ten und sie künftig gemeinsam mit international agierenden Wirt- schaftsakteuren ständig weiterentwickeln. — Trend „Wandel des globalen Klimas“. Der globale Klimawandel ist eine Herausforderung von einer Größenordnung, die ohne weitere zwischenstaatliche Kooperation nicht zu bewältigen sein wird. In dieser Kooperation werden neue Instrumente erprobt und eingeführt, die nachfolgend die Formen der ebenfalls dringend nötigen innerstaatlichen Kooperation verbessern helfen. Denn auch innerhalb der einzelnen Länder wird weder der Staat ohne engagierte Beteiligung von Bürgern und Unternehmen noch wer- den letztere ohne den Staat ausreichend große Schritte machen können. Hier ist Koregulierung schon in naher Zukunft unum- gänglich, schon angesichts der Vielzahl der zu bewertenden technischen Lösungsansätze. Zudem werden zur Eindämmung des Klimawandels – ebenfalls bereits in den kommenden Jahren – FuE-Investitionen nötig, die dem privaten Sektor zu unrentabel erscheinen werden. Auch Deutschland wird sich hier weiterhin und noch stärker als bisher engagieren müssen und wollen. 56 Diese Investitionen werden folglich die Belastung der öffentlichen Kassen verstärken und den Staat drängen, an anderer Stelle Auf- gaben an Bürger und Unternehmen abzugeben. Ähnliche finan- zielle Zusatzlasten für den Staat können auch in Deutschland durch extreme Wettersituationen entstehen, die mit fortschreiten- dem Klimawandel wahrscheinlicher werden (z.B. Überflutungen). — Trend „Energieverknappung“. Aufgrund des Verknappens fossiler Energiequellen müssen in den kommenden zwei Dekaden zügig alternative (primäre und sekundäre) Energiequellen erschlossen werden, soll die Energieversorgung nicht der Flaschenhals wirt- schaftlichen Wachstums werden. Zudem werden dringend die passenden, energiesparenderen Maschinen, Fahr- und Flug- zeuge, Heizungen etc. benötigt. Die entsprechenden Investi- tionen der Wirtschaft – z.B. in Wind-, Sonnen-, Bio- und Wasser- stoffenergie – werden weiterhin durch Subventionen gefördert werden müssen, um das aus Wohlfahrtssicht nötige Maß zu er- reichen („Marktversagen“). Auch hier werden also die öffentlichen Kassen zusätzlich belastet werden, was wiederum starke Anreize für den Staat schaffen wird, zwecks Ausgabenbegrenzung ande- re Aufgaben abzugeben. In unserem Szenariokreuz treiben diese vier Trends Deutschland also in den kommenden Jahren nach rechts („kohärent“, vgl. Abbil- dung Warum „Expedition Deutschland“ im Fokus). 56 Einige Bereiche der Umwelttechnik sind bereits ökonomisch attraktiv genug, um ausreichend private FuE-Mittel anzuziehen. Andere sind von staatlicher Seite zwar als zukünftige, gesellschaftlich gewünschte Wachstumsfelder identifiziert, für viele Unternehmen jedoch noch nicht interessant. 100 150 200 250 300 350 400 450 500 80 83 86 89 92 95 98 01 04 Deutschland Welt Wachsende Handelsströme Exportvolumen von Gütern und Dienstleistungen, 1980 = 100 Quellen: IWF, Statistisches Bundesamt 2007 6 Aktuelle Themen 382 54 23. April 2007 2007 2020 In Richtung einer offeneren Geschäftskultur Diese und andere, ebenso gut vorhersehbare Trends werden in den kommenden Jahren unsere zweite Kerndynamik „Veränderung von Geschäftskultur und Wertschöpfungsmustern“ in die Ausprägungs- richtung offen treiben (also in Richtung intensiverer Kooperation zwischen Unternehmen in Innovation und Wertschöpfung allgemein; in Richtung neuer und damit riskanterer Technologie- und Ge- schäftsfelder; in Richtung neuer Finanzierungsformen; vgl. Abbil- dung Warum „Expedition Deutschland“ im Fokus auf Seite 57). — Trend „Globalisierung“. Das Wachstum der internationalen Han- dels-, Kapital- und Wissensströme ist Ausdruck der künftig weiter zunehmenden internationalen Arbeitsteilung (vgl. Abbildung 7). Getrieben von günstigeren Faktorpreisen oder Rahmenbedin- gungen und oft ermöglicht durch neue Kommunikationstechnolo- gien werden weiterhin zum einen komplette Wertschöpfungsket- ten bzw. Produktbereiche von Land zu Land migrieren, zum an- deren werden Unternehmen weiterhin einzelne Wertschöpfungs- schritte in andere Länder auslagern (Offshoring). 57 Damit muss auch die Kommunikation bzw. Kooperation, die vor der Auslage- rung unternehmensintern geschah, zunehmend zwischen Unter- nehmen stattfinden. — Trend „Erstarken der Schwellenländer“. Einen Großteil dieses künftig weiter zunehmenden Offshorings macht die Verlagerung niederkomplexer Wertschöpfungsschritte aus den entwickelten Ländern in Schwellenländer aus. Der komparative Vorteil der entwickelten Nationen wird daher künftig noch stärker in den wissensintensiven, frühen Phasen der Wertschöpfung liegen müssen: in FuE bzw. allgemeiner im Bereich Innovation. Das Aufbrechen in neue, riskantere Technologie- und Geschäftsfelder wird in Deutschland und anderen entwickelten Ländern dabei stärker in den Fokus rücken, weil lukrative Innovationserfolge in den etablierten, ausgereiften Feldern immer schwieriger werden. — Trend „Beschleunigung der Wissensentwicklung“. Zudem werden Innovationsvorhaben künftig weiterhin komplexer und damit teu- rer und riskanter werden. Die Belohnungssysteme von Wissen- schaft und Wirtschaft – sowie die menschliche Neugier an sich – führen zu einer ständigen Beschleunigung der Entwicklung neu- en Wissens. 58 Getrieben vom Wettbewerb in Güter- und Dienst- leistungsmärkten erhöht diese Entwicklung fortwährend die Wis- senstiefe und -breite, die für ein am Markt erfolgreiches Produkt nötig ist. Dazu gehören neben technologischem Wissen auch Er- kenntnisse direkt aus der Grundlagenforschung (z.B. in der Bio- technologie) sowie Wissen über Bedürfnisse und Eigenarten der Kunden (von individualisierten Dienstleistungen bis zu pharma- 57 Die Zunahme dieses grenzüberschreitenden Outsourcings (auch Offshoring ge- nannt) halten wir für einen auch in den kommenden Jahren anhaltenden Trend (vorwiegend im Dienstleistungssektor). Daneben werden natürlich auch viele un- ternehmensinterne Wertschöpfungsschritte an andere inländische Unternehmen ausgelagert. Ob jedoch auch hier langfristig mit weiteren Zunahmen zu rechnen ist, ist aus heutiger Sicht unklar. 58 Ein weiterer Treiber ist die Tendenz der Wissenschaft, ihre Erkenntnisse zum Erhöhen der Effizienz der eigenen Wissensproduktion einzusetzen. Ein histori- sches Beispiel ist die Erforschung der Lichtverstärkung durch stimulierte Emission. Sie ermöglichte 1960 die Konstruktion des ersten Lasers, mit dessen Hilfe ein neues Kapitel der optischen Erforschung von Festkörpern (z.B. Supraleitern), le- benden Zellen etc. aufgeschlagen werden konnte. 0 2000 4000 6000 8000 10000 12000 80 83 86 89 92 95 98 01 04 0 5 10 15 20 25 30 Mrd. USD (links) % BIP (rechts) Kapital global in Bewegung Weltweiter Bestand an Direkt- investitionen Quelle: UNCTAD 2006 7 Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 55 zeutischen Produkten für spezifische Genpools). 59 Um Kosten und Risiken auf mehrere Schultern zu verteilen, werden Unter- nehmen künftig diese Wissenshürde noch häufiger als heute gemeinsam nehmen. Zudem werden sie neue Finanzierungs- formen nutzen müssen, da (die insbesondere in Deutschland be- liebte) Fremdkapitalfinanzierung für riskante Innovationsprojekte meist nicht geeignet ist. — Trend „Spezialisierung der Wissensträger“. Die Beschleunigung der Wissensentwicklung und damit exponentielle Zunahme des Wissensbestandes macht stärkere Spezialisierung unumgäng- lich. Das wird für Universitäten, Forschungsinstitute und Unter- nehmen gleichermaßen gelten – sie alle werden sich auf engere Wissenssegmente als heute fokussieren müssen, um in ihrem Feld mit der Entwicklung Schritt zu halten. Gleichzeitig wird je- doch, wie oben skizziert, die Entwicklung erfolgreicher Produkte den Einsatz immer breiteren Wissens erfordern. Die Speziali- sierung der einzelnen Innovationsakteure wird daher, neben der Verteilung von Kosten und Risiken, ein weiterer wichtiger Treiber für mehr Kooperation zwischen Unternehmen und Wissenschaft, aber auch von Unternehmen (sowie Wissenschaftlern) unterein- ander sein. — Trend „Energieverknappung“. Oben haben wir argumentiert, dass der Staat einen Teil der Kosten der Entwicklung alternativer Ener- giequellen und energiesparenderer Maschinen und Geräte wird übernehmen müssen. Auch die Unternehmen vieler Branchen werden jedoch in diesen Sektor investieren müssen, um erfolg- reich zu bleiben (neben der Energiebranche selbst u. a. die Mo- bilitätsbranche). Die Größe und Risiken dieser Investitionen wer- den viele Unternehmen dazu veranlassen, ihre Ressourcen zu bündeln. Heutige Beispiele sind die Entwicklung von Wasser- stofftanks, neuen Batterietechnologien und Hybridantrieben in Kooperationsprojekten mehrerer Automobilhersteller. Diese fünf Trends bewegen Deutschland in unserem Szenariokreuz in den kommenden Jahren stark nach oben („offen“, vgl. Abbildung Warum „Expedition Deutschland“ im Fokus). Insgesamt gehen wir also davon aus, dass die skizzierten Trends die Entwicklung Deutschlands in Richtung des oberen rechten Quadranten (kohärent/offen) treiben werden. Ein Szenario bleibt ein Szenario Viele zentrale Eigenschaften des Fokusszenarios „Expedition Deutschland“ haben wir in der obigen Diskussion der Trends explizit abgeleitet. Andere ergeben sich erst durch die Kombination von Kohärenz (in Politik und Gesellschaft) und Offenheit (in der Wirt- schaft). Diese Eigenschaften sind damit indirekte, aber vielfach ebenfalls gut absehbare Folgen der im vorigen Abschnitt diskutier- ten Trends. Auch im Abschnitt Fokusszenario „Expedition Deutsch- land“ hatten wir bereits einige Kernaspekte in Form kurzer Rückbli- cke – sowohl direkt als auch indirekt – abgeleitet. Eine solche Plausibilisierung aller Einzelaspekte unseres Szenarios durch Ableitung aus gut vorhersehbaren Trends würde jedoch zum einen den Rahmen dieser Publikation sprengen. Zum anderen wäre sie unredlich, denn: 59 Eine vergleichbare Entwicklung ist auch in der Wissenschaft beobachtbar. Hier konvergieren verstärkt ehemals separate Forschungsfelder (vgl. z.B. Bioinformatik, Neuroinformatik, synthetische Biologie, Affective Computing etc.). Aktuelle Themen 382 56 23. April 2007 Ein Zukunftsszenario kann immer nur eine mögliche Zukunft be- schreiben. Die oben skizzierten Trends machen zwar in vielen der Themenfelder, die wir im Rahmen unseres Szenarioprozes- ses analysiert haben, bestimmte künftige Zustände plausibler als andere. Eine solche direkte Ableitung war jedoch bei weitem nicht für alle analysierten Themenfelder möglich. Unser Fokus- szenario kann somit natürlich keine gesamthafte Prognose sein. Das für die „Expedition Deutschland“ entworfene Zukunftsbild muss jedoch in sich konsistent sein. Die Entwicklungen der Themenfelder unseres Fokusszenarios (wie auch die der Alternativszenarien), die nicht mit Hilfe unserer Trends zu plausibilisieren waren, mussten sich konsistent in das Gesamtbild einfügen: Jedes Szenario muss ein in sich logisches und mögliches Zukunftsbild sein, um nutzbrin- gend eingesetzt werden zu können. Mit Hilfe dieses Leitsatzes konnten wir unsere Szenarien zu der Form vervollständigen, die wir in Kapitel 2 vorgestellt haben. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 57 Warum „Expedition Deutschland“ im Fokus? Gut vorhersehbare Trends treiben entlang der Achsen des Szenariokreuzes gut vorhersehbare Trends Klimawandel Alterung Energieverknappung Globalisierung Politisch-rechtlicher Rahmen / Gesellschaftliches Potential „kohärent“= • Koregulierung • Aufgaben von Staat abgegeben • souveräne Bürger → zwischenstaatliche Kooperation mit neuen Instrumenten notwendig → dort erprobte Instrumente verbessern innerstaatliche Kooperation → höhere staatliche Investitionen in alternative Energien (Marktversagen) → Zwang zu Ausgaben- senkungen des Staates → Belastung der Sozialkassen, Einbindung Älterer in Erwerb nötig → nur mit Bürgern und Unternehmen intelligente Arbeitsmarktregulierung → Standortwettbewerb um Köpfe und Unternehmen → Rahmenbedingungen nur gemeinsam mit int‘len Unternehmen weiter entwickelbar gut vorhersehbare Trends „inkohärent“ Wertschöpfungsmuster „offen“= • intensivere Kooperation zwischen Unternehmen • riskantere Geschäftsfelder, neue Finanzierungsformen Beschleunigung Wissensentwicklung Spezialisierung Wissensträger Erstarken Schwellenländer Globalisierung gut vorhersehbare Trends → Zunahme von Dienstleistungs-Offshoring → mehr Kooperationsbedarf → Auslagerung (vorwiegend) einfacherer Wertschöpfungsschritte in Schwellenländer → Fokus in DE auf Innovation → Verteilung von Kosten und Risiken auf mehrere Schultern → Wissensgehalt erfolgreicher Produkte steigt → nötige Wissensbreite für erfolgreiche Angebote nur durch Kooperation → Spezialisierung unumgänglich wegen schnell wachsenden Wissensbestands gut vorhersehbare Trends „geschlossen“ Aktuelle Themen 382 58 23. April 2007 3. Acht Implikationen für Unternehmen Der Strukturwandel auf dem Weg zu unserem Szenario „Expedition Deutschland“ hat tiefgreifende Folgen für die deutsche Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Die Gesellschaft als Ganzes muss Wege fin- den, die unvermeidlichen Spannungen zwischen den Bürgern, die von der Projektwirtschaft profitieren, und denen, die nicht Schritt halten können, abzumildern. Die Politik muss, in Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Akteuren, einen schwierigen regulatori- schen Balanceakt meistern: Sie muss Rahmenbedingungen setzen, die dieses Abmildern gesellschaftlicher Spannungen unterstützen, die gleichzeitig aber die dynamische wirtschaftliche Entwicklung fördern. Unternehmen schließlich müssen sich für neue Tätigkeits- felder und Geschäftsmodelle, neue Kernkompetenzen und Partner, neue Organisationsmuster und Prozesse öffnen. Wir beschränken uns in dieser Studie auf eine Skizze von Implikati- onen für die Wirtschaft. Sie werden für Unternehmen vieler Bran- chen auf dem gesamten Expeditionsweg nach 2020 relevant sein. Und dieser Weg beginnt heute. Implikation 1: Kooperation als strategische Managementaufgabe verstehen Die temporäre Kooperation von Spezialisten ist das definierende Element der im Szenario „Expedition Deutschland“ beschriebenen Projektwirtschaft. Dass Kooperation eine immer effizientere Form der Wertschöpfung wird, folgt bereits aus den Trends der immer schnelleren Wissenserzeugung sowie zwangläufig zunehmenden Spezialisierung der Unternehmen und anderer Wissensakteure. Es gibt jedoch eine Vielzahl möglicher Kooperationstypen für Unter- nehmen: Von losen Verbünden zum Informationsaustausch bis zu rechtlich eigenständigen Projektorganisationen; von Projekten mit gleichberechtigten Partnern bis zu Gruppen, die sich um einen foka- len Akteur scharen; von Clubs mit hohen Zugangsbarrieren bis zu offenen, „atmenden“ Strukturen. Je nach Teilnehmerzahl, Markt, Projektphase etc. werden andere Projektformen die optimale Wert- schöpfungsstruktur bieten. Zudem hat sich das Spektrum der Ko- operationstypen in den vergangenen Jahren verändert und erwei- tert. Damit sind auch die Ansprüche an erfolgreiches Kooperations- management gewachsen. 60 In jedem Fall sollten Unternehmen da- her: — das volle Spektrum möglicher Kooperationstypen kennen und auf Passung zu den spezifischen Anwendungsfeldern ihrer Branche untersuchen, — die Anreizstrukturen, juristischen Besonderheiten sowie mögli- chen Koordinations- und Prozessfallen der verschiedenen Ko- operationstypen analysieren, — potentielle Kooperationspartner daraufhin prüfen, ob sie sich für die avisierte Kooperationsform eignen (bzgl. finanziellem Spiel- raum, Offenheit und Fähigkeiten von Management und Mitarbei- tern, personeller Kapazität, organisationaler Flexibilität etc.). 60 Roehl, Heiko und Ingo Rollwagen (2004). Club, Syndikat, Party – wie wird morgen kooperiert? Zeitschrift für Organisationsentwicklung 2004(3), S. 30-41. Hagedoorn, John (2004). Inter-firm R&D partnerships – an overview of major trends and pat- terns since 1960. In G. Grabher und W. Powell (Hrsg.). Networks – Critical studies in economic institutions, S. 664-679. Cheltenham, Edward Elgar. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 59 Implikation 2: Die eigene Rolle in Kooperationen klar definieren Weitgehend unabhängig von der gewählten Kooperationsform kön- nen die beteiligten Unternehmen (bzw. Einzelpersonen) unter- schiedliche Rollen in einer Projektkooperation einnehmen: — Eines der beteiligten Unternehmen kann Ideengeber bzw. An- bahner des Projekts gewesen sein. (Diese Rolle kann jedoch auch ein im Projekt selbst nicht mehr beteiligter Akteur, z.B. eine Behörde oder NGO, spielen.) — Unternehmen können sich als reine Dienstleister, also Auftrags- nehmer, im Projekt engagieren. — Unternehmen können sich auf das Einbringen einzelner Produk- tionsfaktoren fokussieren (Management, Mitarbeiter, Kapital, Wissen bzw. geistiges Eigentum). — Ein Unternehmen kann als fokaler Akteur einen Großteil der Wertschöpfung erbringen oder wesentlicher Kapitalgeber sein – und über entsprechende Machtfülle verfügen. Die jeweilige Rolle ist zudem ein wichtiges Kriterium für die Art der Gewinnbeteiligung der Akteure. Deren Spektrum reicht von der Be- zahlung über fixe Dienstleistungsgebühren oder Kreditzinsen, über Lizenzeinnahmen für eingebrachtes geistiges Eigentum bis zu Divi- dendenausschüttungen und Kurssteigerungen bei Eigenkapitalein- satz. Implikation 3: Innovationsprozesse für Partner und Kunden öffnen Die schnell wachsende Komplexität und Konvergenz von Wissen macht Kooperation insbesondere in FuE und anderen Innovations- prozessen zunehmend unentbehrlich. Projekte mit Innovationsfokus können auf dasselbe Repertoire von Kooperationstypen und -rollen wie allgemeine Projekte zurückgreifen. Eine Besonderheit vieler Innovationsprojekte ist jedoch, dass das Ergebnis der Kooperation nicht monetärer Ertrag, sondern Wissen ist – oft geschützt in Form von Patenten oder Urheberrechten. Dieses geistige Eigentum wurde gemeinsam erzeugt, es „gehört“ den Projektteilnehmern daher auch gemeinsam. Die Transparenz des Verteilungsschemas, das bestimmt, wem wel- che Anteile zugestanden werden, ist dabei ein entscheidendes Er- folgskriterium. Die große Bedeutung impliziten, nicht kodifizierten Wissens für Innovationsprozesse – z.B. die Erfahrungen und Fähig- keiten der eingebrachten Mitarbeiter – macht es besonders schwie- rig, ein solches Verteilungsschemata aus Sicht aller Projektteilneh- mer gerecht zu gestalten. Darüber hinaus könnte es sich in be- stimmten Themenfeldern für die Projektteilnehmer sogar als effizient erweisen, ihr entwickeltes Wissen zu Gemeingut zu machen – um einen breiteren Kreis von Forschern oder Entwicklern einzubinden. Ein besonders erfolgreiches Bespiel ist die sogenannte Open Sour- ce Software (siehe Abbildung 8). 61 Neben dieser Öffnung von Innovationsprozessen für andere Anbie- ter wird eine Öffnung für die Nachfrageseite immer entscheidender für den Markterfolg. Die enge und systematische Integration von 61 Im Bereich der Open Source Software ist der Gemeingutansatz heute bereits üblich und wird nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch Unternehmen prakti- ziert. Hier kann jeder die von anderen entwickelten Softwareprodukte frei verwen- den und weiterentwickeln. Weiterentwicklungen müssen allerdings wieder der All- gemeinheit zur Verfügungen gestellt werden. Vgl. Hofmann, Jan (2002). Free soft- ware, big business? E-conomics 32. Deutsche Bank Research. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 95 96 97 98 99 00 01 02 03 04 05 06 0 10 20 30 40 50 60 70 80 Globale Anzahl Apache Server in Mio. (rechts) Globaler Marktanteil Apache (links) Offen auf dem Vormarsch Web Server mit Open Source Software Quellen: Netcraft 2007; Deutsche Bank Research 8 Aktuelle Themen 382 60 23. April 2007 Kunden in den Innovationsprozess ist in einigen Unternehmen heute bereits üblich, in vielen jedoch nicht oder nur in Ansätzen eingeführt. Jede Branche wird hier ihre eigenen Methoden entwickeln müssen. Implikation 4: Mit Konsumentengemeinschaften kommunizieren Aufgrund vereinfachter und verbilligter Kommunikation, wachsender Bedeutung von Verbraucherschutz und einer zunehmenden Zahl von Produktfälschungen und Betrug im Internet sind in unserem Szenario „Expedition Deutschland“ viele Konsumenten in Gemein- schaften organisiert, die auf Internet- bzw. Mobilfunkplattformen basieren. Diese „souveränen“ Konsumenten informieren sich ge- genseitig über Stärken und Schwächen von Produkten und Anbie- tern. Neben diesen konsumorientierten Gemeinschaften haben in unserem Szenario solche Plattformen besonders viele engagierte Nutzer, die soziale Interaktion zwischen den Teilnehmern erlauben. Zudem hat sich das Spektrum interessenorientierter Foren massiv verbreitert. Ein klarer Trend in diese Richtung ist bereits heute beobachtbar – und eine große Herausforderung für Marketing- und Vertriebsstrate- gen. Einerseits bieten diese Foren die Chance, oft sehr gut definier- te Zielgruppen ohne große Streuverluste anzusprechen. Anderer- seits verbreiten sich schon einzelne Negativmeinungen über ein Gut oder eine Dienstleistung aufgrund der guten Vernetzung der Kon- sumenten rasant. Zudem ist für Anbieter die Versuchung eines En- gagements in diesen Foren über schlichte Werbung hinaus groß – und gefährlich: Vermutete „Unterwanderung“ wird hart geahndet. Implikation 5: Wissensbewertung zur Kernkompetenz machen Neben Mitarbeiterqualifikationen, Managementkompetenzen, Kun- denwissen, Patenten, Urheberrechten, Marken sowie unveröffent- lichtem Technologie- und Prozesswissen ist in unserem Fokus- szenario die Kooperationsfähigkeit einer Organisation ein zentraler Bestandteil ihres intellektuellen Kapitals. Dazu zählt insbesondere auch ihre Kompetenz, die juristischen Aspekte von Projektkoopera- tionen zu analysieren und steuern. Dieses Wissen bzw. diese Fähigkeiten müssen aber nicht nur vor- handen sein. Sie müssen auch bewertet werden: Zum einen, um die eigene Allokation von Ressourcen effizienter zu steuern, zum ande- ren, um sich gegenüber Kunden, Kapitalgebern, öffentlichen Förde- rern, dem Arbeitsmarkt sowie (potentiellen) Partnern adäquat dar- stellen zu können. Neben einer detaillierteren Erfassung des eige- nen Wissens als heute üblich sind Unternehmen gut beraten, sich an der Entwicklung brancheneigener Bewertungs- und Kommunika- tionsstandards für ihr intellektuelles Kapital zu beteiligen. In Deutschland und anderen Ländern gibt es heute bereits eine Reihe von Initiativen, die auf die Standardisierung und Verbreitung soge- nannter „Wissensbilanzen“ abzielen. 62 62 Vgl. z.B. Hofmann, Jan (2005). Bewertet Immaterielles! Immaterielles Kapital kann und muss bewertet werden – Eigentümer wie Bewerter werden profitieren. Aktuelle Themen 331. Deutsche Bank Research; European Federation of Financial Analyst Societies, Commission on Intellectual Capital (www.effas.com/en/cic.htm); sowie Arbeitskreis Wissensbilanz (www.akwissensbilanz.org). Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 61 Implikation 6: Mehr Weiterbildung wagen Die Bedeutung von Weiterbildung steigt seit einigen Jahren, wobei Personen in anderen Ländern heute mehr Lerneifer an den Tag legen als die Deutschen (siehe Abbildung 9). Um im Szenario „Ex- pedition Deutschland“ den sich häufig wandelnden Ansprüchen an ihre Mitarbeiter gerecht zu werden, müssen Unternehmen kontinu- ierlich und inhaltlich flexibel weiterbilden. Das gilt gerade auch für ältere Arbeitnehmer. Ebenso müssen sich Privatpersonen unabhän- gig von ihrem aktuellen Beschäftigungsverhältnis selbständig wei- terbilden. Ein zentraler Weiterbildungsinhalt ist markt- und bran- chenspezifisches Wissen. Daneben gewinnt aber auch Wissen über Bewertungsmethoden für Technologien und allgemeines intellektuel- les Kapital an Bedeutung. Und schließlich werden soziale und inter- kulturelle Kompetenzen (inklusiv Sprachen) für die Arbeit in Projek- ten und globalen Sourcing- und Absatzstrukturen immer wichtiger. In unserem Fokusszenario profitieren Unternehmen (sowie Privat- personen) von den gut entwickelten Lernmärkten mit breitem und modular kombinierbarem Weiterbildungsangebot. Auf diesen Märk- ten engagieren sich zunehmend auch private und öffentliche Uni- versitäten. Im Szenario „Expedition Deutschland“ erweist sich daher das Outsourcing von Weiterbildung als besonders effizient. Die Be- deutung von Weiterbildung steigt jedoch generell, ist also auch in unseren Alternativszenarien hoch. 63 Die Devise lautet daher: Mehr Weiterbildung wagen! Implikation 7: Für Standards engagieren In der Projektwirtschaft spielen Standards ganz unterschiedlicher Art eine zentrale Rolle. Aufgrund der häufig wechselnden Projektpartner ist die Standardisierung von Prozessen in Projekten unabdingbar – vom Personal- bis zum Informationsmanagement. Technologische Schnittstellenstandards sind wichtig, um die projektrelevanten Da- tenbanken wechselnder Kooperationsteilnehmer effizient zu ver- knüpfen (Kundendaten, Konstruktionsdaten, Prozessparameter etc.) oder die Zusammenarbeit geografisch weit verteilter Teams mit Te- learbeitssystemen zu erleichtern (von Videokonferenzsystemen bis zu Augmented Reality-Umgebungen, die verteilten Teams parallele Arbeit an dreidimensionalen Modellen erlauben). Unabhängig davon, ob Wertschöpfung in Projekten oder anderen Strukturen stattfindet, werden zudem technische Standards für Schnittstellen, Übertragungsprotokolle, Testspezifikationen etc. im- mer wichtiger. Die von Geschäfts- und Privatkunden immer stärker nachgefragten, komplexen Systemprodukte (von Kombinationen aus Musikabspielgerät und passendem Onlineshop bis zu modula- ren Produktionsanlagen) sind ohne einen hohen Standardisierungs- grad nicht effizient zu entwickeln oder zu benutzen. Diese Standardisierungen an vielen Fronten bestimmen nicht nur in unserem Fokusszenario im Jahr 2020 die Wirtschaftssphäre, sie sind bereits heute als klarer Trend beobachtbar (siehe Abbildung 10). Umso wichtiger ist es für Unternehmen, diese Standards nicht 63 Verschiedene trendhafte Dynamiken weisen in Richtung einer steigenden Bedeu- tung beruflicher wie allgemeiner Weiterbildung: die „Ausdehnung des Lebens“, das heißt die Alterung und damit einhergehende Zeit zur beruflichen und persönlichen Verwirklichung; die zunehmende „Eroberung kleinster Strukturen“, also die wach- sende Bedeutung von Spitzentechnologien und wissensintensiven Dienstleistun- gen; sowie die zunehmende „Öffnung von Arbeit und Gesellschaft“ mit flexibleren Erwerbsbiographien und einer stärken Erwerbsbeteiligung der Frauen. 0 5 10 15 20 25 30 35 99 00 01 02 03 04 05 EU 25 Deutschland UK Schweden Quellen: Eurostat 2006, Deutsche Bank Research Mehr Lerneifer Teilnehmer an lebenslangem Lernen, in % der erwachsenen Bevölkerung 9 0 4000 8000 12000 16000 20000 92 95 98 01 04 07 ISO Standards (international) CEN Standards (europäisch) Standards im Trend Anzahl internationaler Standards Quellen: ISO, CEN, Deutsche Bank Research 10 Aktuelle Themen 382 62 23. April 2007 nur zu kennen und zu beherzigen, sondern sich auch aktiv in die Entwicklung neuer Standards einzubringen: So können die eigenen Stärken im Standard verankert werden. 64 Große Unternehmen sind schon heute in der Standardentwicklung engagiert. Kleine und mit- telständische Unternehmen verfügen oft nicht über ausreichende Ressourcen, hätten jedoch viel zu gewinnen – insbesondere in der Projektwirtschaft. Implikation 8: Neue Finanzierungsquellen und -ziele erschließen Wir erwarten unabhängig davon, in Richtung welches Szenarios sich Deutschland entwickeln wird, dass Unternehmen ein wachsen- des Spektrum an Instrumenten für ihre Finanzierung nutzen werden. Zum einen wird die in Deutschland traditionell große Bedeutung des Bankkredits zugunsten heute bereits verfügbarer, stärker kapital- marktorientierter Finanzierungsinstrumente rückläufig sein. Zum anderen werden neue Instrumente das Spektrum weiten. Aufgrund der wachsenden Bedeutung immateriellen Kapitals als Produktionsfaktor werden dabei auch solche Instrumente eine wich- tige Rolle spielen, die auf dem geistigen Eigentum der kapitalsu- chenden Unternehmen basieren. Ein Beispiel sind Verbriefungen geistiger Eigentumswerte (IP-backed securities), die seltener und meist in kleineren Transaktionen auch heute schon eingesetzt wer- den. 65 Künftig wäre es u.a. denkbar, dass junge Unternehmen ihr geistiges Eigentum verbriefen, um ihr Wachstum zu finanzieren. Teile des deutschen Mittelstandes stehen kapitalmarktorientierter Finanzierung heute noch kritisch gegenüber. Für sie könnte sich die Projektwirtschaft als gutes „Testfeld“ für neue Finanzierungsinstru- mente erweisen. Sind sie an einem rechtlich eigenständigen Projekt beteiligt, könnten sie für dessen Finanzierung Kapitalmarktinstru- mente einsetzen – und so Erfahrungen mit dieser Finanzierungs- form machen, die ihre eigene Organisation nicht oder nur ver- gleichsweise schwach beeinflussen. Für Mittelständler und Großunternehmen erhöht sich in der Projekt- wirtschaft schließlich auch der Anreiz, selbst als Wagnisfinanzierer junger Unternehmen aufzutreten (Corporate Venturing). Mit dem wachsenden Erfolg deutscher Gründungen in den Bereichen der Spitzentechnologie und der wissensintensiven Dienstleistungen auf dem Weg zum Szenario „Expedition Deutschland“ ergeben sich nicht nur attraktive Renditemöglichkeiten. Investitionen von Risiko- kapital in aufstrebende junge Unternehmen sind immer auch Investi- tionen in Wissen über relevante Entwicklungen und in die Einbin- dung in Netzwerke. Und just diese Einbindung ist für kleine wie gro- ße Unternehmen in der Projektwirtschaft eine Grundvoraussetzung für Erfolg. 64 Zudem wird in technische Standards oft geistiges Eigentum der an ihrer Entwick- lung beteiligten Unternehmen integriert. 65 Vgl. z.B. Hofmann, Jan (2006). Es ist etwas unsichtbar im Staate Deutschland. Aktueller Kommentar. Deutsche Bank Research. Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 63 4. Ausblick Wertschöpfung in temporären, organisatorisch und oft auch rechtlich eigenständigen Projekten wird an Bedeutung gewinnen. Das ist nicht nur das Kernthema unseres Fokusszenarios „Expedition Deutschland“, das umreißt, welche wirtschaftlichen, gesellschaftli- chen und politischen Veränderungen damit einhergehen könnten. Vielmehr hat uns die eingehende Analyse einer Reihe gut vorher- sehbarer Trends davon überzeugt, dass diese „Projektwirtschaft“ generell in Deutschland wie anderen Ländern an Bedeutung gewin- nen wird. In einer ersten Übersicht haben wir daher skizziert, wie sich Unter- nehmen auf diesen Strukturwandel schon heute vorbereiten sollten. Einige dieser Aspekte werden wir in den kommenden Monaten in Vertiefungsstudien detaillierter beleuchten (siehe auch www.expeditiondeutschland.de). Projektwirtschaftliche Wertschöp- fung hat jedoch auch tiefgreifende Folgen für die Politik und jeden Einzelnen. Wir möchten daher mit dieser Studie einen inspirieren- den Denkrahmen zur Verfügung stellen und Anstöße geben, auf deren Basis jeder aus seiner Perspektive geeignete Handlungsopti- onen ableiten kann. Das verstehen wir als Kernaufgabe jeder Zu- kunftsanalyse und strategischen Frühaufklärung. Brechen wir auf – zur Expedition. Jan Hofmann (49 69 910-31752, jan-p.hofmann@db.com) Ingo Rollwagen (49 69 910-31814, ingo.rollwagen@db.com) Stefan Schneider (49 69 910-31790, stefan-b.schneider@db.com) Publikationsreihe „Fokus Deutschland 2020“ D 2020 Aktuelle Themen 382 64 23. April 2007 Aggregation zu Dynamiken/ trendhaften Dynamiken Basis: Einflussgrößen/ Trends Dynamik (künftige Entwicklung unsicher) trendhafte Dynamik (künftige Entwicklung vorhersehbar) Einflussgröße (künftige Entwicklung unsicher) Trend (trendhafte Einflussgröße, künftige Entwicklung vorhersehbar) Kerndynamik (künftige Entwicklung unsicher) Anhang Das Spektrum der relevanten Einflussgrößen auf unser Szenario- thema, den Strukturwandel Deutschlands in den kommenden ein- einhalb Dekaden, ist breit. Zudem ist die künftige Entwicklung eini- ger dieser Einflussgrößen gut vorhersehbar („trendhafte Einfluss- größen“ oder kurz „Trends“), die Entwicklung anderer ist jedoch unsicher. Um diese Komplexität handhabbar und kommunizierbar zu machen, haben wir sich thematisch nahestehende und in ihrer Entwicklung korrelierte Einflussgrößen (sowie einige Trends) zu „Dynamiken“ gebündelt, die Trends (sowie einige nicht-trendhafte Einflussgrößen) zu „trendhaften Dynamiken“ (vgl. auch die Box Elemente unserer Szenarioanalyse in Kapitel 1 sowie die Abbildung Von Einflussgrö- ßen zu Dynamiken unten). Zwei der Dynamiken haben wir daraufhin als sogenannte „Kerndynamiken“ unserer Szenarioanalyse gewählt, sie spannen unser Szenariokreuz auf (vgl. Seiten 14-17). Auf den folgenden Seiten zeigen wir 1. zum Überblick noch einmal die komplette DBR-Dynamikland- karte, jedoch ohne die einzelnen Einflussgrößen und Trends, 2. die nicht-trendhaften Dynamiken mit den zugehörigen (zumeist nicht-trendhaften) Einflussgrößen, und 3. die trendhaften Dynamiken mit den zugehörigen (zumeist trend- haften) Einflussgrößen bzw. Trends. Weitere Details zur Methodik können unter www.expeditiondeutschland.de nachgelesen werden. Von Einflussgrößen zu Dynamiken Jeweils trendhaft und nicht trendhaft Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 65 Öffnung von Arbeit und Gesellschaft Prozess- virtuali- sierung in Netz- werken Globale Vernetzung von Wirtschaft und Politik Verknappung natürlicher Ressourcen Ausdehnung des Lebens Eroberung kleinster Strukturen Fragmentierung in Gesellschaften Erstarken von Emerging Markets Veränderung von Geschäftskultur und Wertschöpfungsmustern Differenzierung des Konsums Kriminalisierung Entwicklung der Wissensbasis Gestaltung des politisch-rechtl. Rahmens Nutzung des gesellschaftlichen Potentials Die DBR-Dynamiklandkarte Dynamiken des Strukturwandels Dynamik (künftige Entwicklung unsicher) Kerndynamik (künftige Entwicklung unsicher) trendhafte Dynamik (künftige Entwicklung vorhersehbar) Aktuelle Themen 382 66 23. April 2007 Dynamiken des Strukturwandels (nicht trendhaft) mit vorwiegend nicht trendhaften sowie einige trendhaften Einflussgrößen Gestaltung des politisch-rechtlichen Rahmens Nutzung des gesellschaftlichen Potentials Größe und Vertiefung EU Föderalismus- neuordnung Int‘le Durchsetzbarkeit von Regeln Effiziente Kooperation Staat-Bürger Fiskalischer Handlungsspielraum Neues Politikverständnis Finanzprobleme der Sozialsysteme Gesellschaftl. Engagement Angebot, Effizienz sozialer Dienstleistungen Arbeitslosigkeit Vertikale soziale Mobilität Finanzielle Unsicherheit Zukunftszuversicht Bedienungsmentalität Leistungsorientierung Subjektives Wohlbefinden Veränderung von Geschäftskultur und Wertschöpfungsmustern Gründungsaktivität Internation. netzgebundener Sektoren Fokussierung auf Kernkompetenzen Offenheit von Unternehmensprozessen Neue Finanzierungsmöglichkeiten Investitionsbereitschaft Integration der Finanzmärkte Veränderung der Finanzdienstleistungsbranche Vernetzung von Unternehmen Communities of practice Kreativitätskultur in Organisationen Risikofreude Mehr Qualifiizierung Mehr Systemprodukte Standardisierte Produkte/Prozesse Auflösung von Branchengrenzen Kriminalisierung internationaler Terrorismus Mehr Kriminalität / neue Formen Differenzierung des Konsums Neue Formen der Kontakte / Vernetzung von Individuen Spezialisierung des Angebots / Nischenbildung in Märkten Konsumentensouveränität Hybride Kunden Konsum wird vielfältiger Konsumspreizung Höherqualitative Produkte Technikaffinität / Technologisierung des Alltags Usability von Dienst- leistungen, Gütern geogr. Ballung Hochqualifizierter Demokratisierung des Inter net Beschleunigung Wissensgenerierung Höhe, Effizienz der F&E-Ausg aben Automatisierung 2.0 Nachwuchsmangel Hochqualifizi erter Bildungsausgaben, -effizienz steigen Ökonomisierung der Bildung Mediale Inhalte wichtiger Wissensintensive Dienstleistungen Validierung von Informationen, Wissen und Identitäten Gefährdung der Informations- verarbeitung, Datensicherheit Konzentration von Informationen über Bürger Bewertung von Immateriellem Mehr Handel mit geistigem Eigentum Gestaltung geistiger Eigentumsrechte Entwicklung der Wissensbasis Standards gewinnen an Bedeutung Forschungswettbewerb Neue Kultur der Grundlagenforschung Deutschland im Jahr 2020 23. April 2007 67 Erstarken von Emerging Markets Bedeutung Chinas und Indiens wächst massiv Bedeutung der Emerging Markets wächst Internationale ökonomische Ungleichheit wächst Verknappung natürlicher Ressourcen Klimawandel Umweltschutz Umweltbewusstsein Umweltdienstleistungen Verknappung hochqualitativen Trinkwassers Vom Landwirt zum Energiewirt Energiediversifizierung Verknappung fossiler Energieträger Verknappung produktionskritischer Rohstoffe mehr regenerative Energien Eroberung kleinster Strukturen Konvergenz von FuE-Feldern Biotechnologie Mikro- und Nanotechnologie Globale Vernetzung von Wirtschaft und Politik Dienstleistungen grenzüberschreitend Ausdifferenzierung internationaler Arbeitsteilung Präsenz ausländischer Dienstleister Bedeutung transnationaler Unternehmen wächst Unternehmenskonzentration in globalen Branchen Einfluss globaler Institutionen wächst mehr int. Koordination Märkte national dereguliert Fragmentierung in Gesellschaften Pluralisierung von Werten Einkommensschere Differenzierung Mobilität Flexibler Zeitumgang Veränderte Lebensformen, Familienstrukturen Kompetenzkluft Mehr Religiösität Polarisierung Kind vs. kein Kind Neue Wahlverwandtschaften Ausdehnung des Lebens Gesundheitsbewusstsein/ Körperbewusstsein Sport wächst als Markt Lebensmittelqualität Gesundheitssektor wächst Body Tech Ökonomisierung des Gesundheitssektors medizinische Versorgung Bevölkerungen altern Öffnung von Arbeit und Gesellschaft Urbanisierung steigt Arbeitsmigration nimmt zu Flexiblere Karrierewege Frauen gewinnen im Erwerbsleben an Bedeutung Prozess- virtuali- sierung in Netz- werken Annäherung Mensch-Maschine Interaktivität im Medienkonsum steigt Ausgaben für Kommunikation Virtualisierung von Organisations- und Marktprozessen e-Disintermediation Prozessorleistung/ Speicherkapazität Vernetzung von Netzen u. Datenbanken Elektronische Vernetzung breiter und besser Grid Computing Ambient Intelligence breitbandige Infrastrukturen Always on Dynamiken des Strukturwandels (trendhaft) mit vorwiegend trendhaften sowie einigen nicht trendhaften Einflussgrößen Aktuelle Themen Globale Wachstumszentren Unsere Publikationen finden Sie kostenfrei auf unserer Internetseite www.dbresearch.de Dort können Sie sich auch als regelmäßiger Empfänger unserer Publikationen per E-Mail eintragen. Für die Print-Version wenden Sie sich bitte an: Deutsche Bank Research Marketing 60262 Frankfurt am Main Fax: +49 69 910-31877 E-Mail: marketing.dbr@db.com © Copyright 2007. Deutsche Bank AG, DB Research, D-60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. 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Druck: HST Offsetdruck Schadt & Tetzlaff GbR, Dieburg ISSN Print: 1430-7421 / ISSN Internet: 1435-0734 / ISSN E-Mail: 1616-5640 Fundierte, langfristige Wachstumsprognosen stehen nach der New Economy-Euphorie und einigen Krisen in Schwellenländern wieder im Blickpunkt. Deutsche Bank Research analysiert mit einer innovativen Verzahnung von moderner Wachstumstheorie, neuesten Methoden der Wachstumsempirie und systematischer Trend- analyse die langfristigen Wachstumsperspektiven von 34 Ländern. Wir identifizieren Wachstumsstars, erklären die Ursachen der Erfolge und ziehen Schlussfolgerungen für Unternehmen, Anleger und Politiker. Die glückliche Variante des Kapitalismus … charakterisiert durch ein Bündel von Gemeinsamkeiten Nr. 380 .................................................................................................................................................2. April 2007 BIP allein macht nicht glücklich Wohlergehen messen ist sinnvoll, aber schwierig Nr. 367 ........................................................................................................................................... 4. Oktober 2006 Japan 2020 – ein steiniger Weg Schrumpfende Bevölkerung und langsame Öffnung bremsen das Wirtschaftswachstum Nr. 365 .................................................................................................................................... 18. September 2006 Inshoring-Ziel Deutschland Globale Vernetzung ist keine Einbahnstraße Nr. 346 ......................................................................................................................................... 28. Februar 2006 Hurra, wir leben länger! Gesundheit und langes Leben als Wachstumsmotoren Nr. 345 ......................................................................................................................................... 21. Februar 2006
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