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  4. Ausblick Deutschland
9. März 2022
Ukraine-Krieg bremst Konjunkturerholung, beendet sie aber nicht. In einem moderaten Energiepreisszenario (neue Basisprognose) erwarten wir ein Wachstum des deutschen BIP in 2022 zwischen 2 ½% und 3% (vorher 4%). Höhere Staatsausgaben dürften die Wachstumsverluste etwas begrenzen. In einem schwerwiegenderen Szenario könnte die Inflation auf 6 ½% bis 7% steigen, da die Öl- und Gaslieferungen zumindest vorübergehend gestoppt werden. Das jährliche BIP-Wachstum dürfte auf magere 1% bis 1 ½% sinken. [mehr]
Ausblick Deutschland Ukraine - Krieg bremst Konjunkturerholung, beendet sie aber nicht . In einem mo deraten Energiepreisszenario (neue Basisprognose) erwarten wir ein Wachstum des deutschen BIP in 2022 zwischen 2 ½% und 3% (vorher 4%). Höhere Staatsausgaben dürften die Wachstumsverluste etwas begrenzen. In einem schwerwiegenderen Szenario könnte die Inflation auf 6 ½% bis 7% steigen, da die Öl- und Gaslieferungen zumindest vorübergehend gestoppt werden. Das jährliche BIP-Wachstum dürfte auf magere 1% bis 1 ½% sinken. Verbraucherpreise: 5 ½% Inflation in 2022 . Angesichts des massiven Energie preisanstiegs infolge des Ukraine-Krieges haben wir unsere Inflationsprognose abermals deutlich auf 5 ½% hochgesetzt (von zuvor 4,2%). Arbeitsmarkt hält Erholungskurs . Die Arbeitslosenquote strebt zügig auf ihr Re kordtief zu. Dank offener Stellen auf Rekordniveau dürfte die Erwerbstätigkeit weiter zulegen und die Arbeitslosenquote im Jahr 2022 auf 5% zurückgehen. Deutschland vor weiterer Flüchtlingswelle . Die Flüchtlingswelle dürfte kurzfristig die öffentlichen Defizite und auch die Arbeitslosenrate leicht erhöhen. Viele Fak toren sprechen für eine schnelle Integration in die Gesellschaft und den Arbeits markt, sodass langfristig der deutsche Staatshaushalt entlastet werden könnte. V erarbeitendes Gewerbe . Industrieproduktion steigt (nur) um 3%: Höhere Ener giepreise, mögliche Engpässe bei Vorprodukten und eine geringere Investitions tätigkeit dürften das Produktionswachstum im Verarbeitenden Gewerbe auf 3% in 2022 begrenzen (Prognose von 5% nach unten revidiert). Energie politik . Die Bundesregierung setzt auf einen schnelleren Ausbau der Er neuerbaren, mehr LNG, eine größere Diversifikation der Gasimporte, längere Laufzeiten von Kohle- (und ggf. Kern-) Kraftwerken, um die Abhängigkeit von russischen Energieimporten zu verringern. Immobilien markt . Flüchtlingswelle, Niedrigzinsen und Flucht in Sicherheit dürf ten nur kurzfristig positive Impulse setzen. Der Zyklus wird bald zu Ende gehen. Büromarkt: Flüchtlingswelle dürfte Zahl der Bürobeschäftigten erhöhen und hel fen, den Homeoffice-Schock etwas abzufedern. Staatsfinanzen: Die neue Regierung hat die Schuldenbremse weit ausgelegt, um ihre Ausgabenprogramme finanzieren zu können . Aufgrund des Krieges in der Ukraine kommen noch weitere Ausgaben auf den Staat zu. Die deutsche Maastricht-Defizitquote könnte im Jahr 2022 deutlich über 4% des BIP liegen. Unternehmenskredite: Der Krieg könnte die Erholung in der Kreditvergabe ver stärken. Bundesregierung ändert Politikkurs nach russischer Invasion in die Ukraine. Sie hat einen Schwenk in der Verteidigungspolitik vollzogen und ihre Prioritäten in der Energie- und Finanzpolitik entsprechend angepasst. Sicher ist, dass der Ampelkoalition wenig Zeit bleibt, ihre Reformagenda anzugehen. Autor en Stefan Schneider und Team Economics Research, Frankfurt Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider Inhaltsverzeichnis Seite Prognosen ................................................... 2 Ukraine-Krieg dämpft die Konjunkturerholung in Deutschland, beendet sie aber nicht ....... 3 Verbraucherpreise ........................................ 8 Arbeitsmarkt hält Erholungskurs ................ 18 Deutschland vor weiterer Flüchtlingswelle . 23 Verarbeitendes Gewerbe: Höhere Energie preise sind schmerzhafter als Wirtschafts sanktionen ................................................. 26 Energiepolitik: Eine Ära der Energieknapp heit vermeiden ............................................ 30 Immobilienmarkt: Zyklusende trotz positivem Nachfrageimpuls für Wohnungsmarkt ....... 34 Staatsfinanzen ........................................... 36 Unternehmenskredite: Zuletzt erholt wegen Bedarfs an kurzfristigen Mitteln - jetzt noch mehr wegen steigender Energiepreise? .... 43 Bundesregierung ändert Politikkurs nach russischer Invasion in die Ukraine ............ 46 Datenkalender ............................................ 50 Datenmonitor ............................................. 51 Finanzmarktprognosen .............................. 52 Original in englischer Sprache: 04.03.2022 9. März 202 2 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 2 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Wachstum, Inflation, Leistungsbilanz, Budgetsaldo DX BIP - Wachstum Inflation* Leistungsbilanzsaldo Budgetsaldo in % gg. Vj. in % gg. Vj. in % des BIP in % des BIP 2020 2021 2022P 2020 2021 2022P 2020 2021 2022P 2020 2021 2022P Euroland - 6,5 5,2 2.8* 0,3 2,6 6.1* 1,9 2,3 2,2 - 7,2 - 6,7 - 4,1 Deutschland - 4,6 2,9 2,7 0,4 3,2 5.5* 7,0 6,9 5,7 - 4,3 - 3,7 - 4,5 Frankreich - 8,0 7,0 0,5 2,1 - 1,9 - 1,0 - 9,1 - 7,7 Italien - 9,1 6,6 - 0,1 1,9 3,8 3,3 - 9,6 - 8,8 Spanien - 10,8 5,0 - 0,3 3,0 0,8 0,7 - 11,0 - 8,7 Niederlande - 3,8 4,8 1,1 2,8 7,0 8,2 - 4,2 - 5,0 Belgien - 5,7 6,1 0,4 3,2 0,8 0,5 - 9,1 - 7,5 Österreich - 7,0 4,6 1,4 2,8 1,9 0,6 - 8,3 - 5,5 Finnland - 2,3 3,3 0,4 2,1 0,8 0,5 - 5,5 - 4,0 Griechenland - 8,8 8,7 - 1,3 0,6 - 6,6 - 6,0 - 10,1 - 10,0 Portugal - 8,4 4,3 - 0,1 0,9 - 1,1 - 1,1 - 5,8 - 4,5 Irland 5,9 13,4 - 0,5 2,4 - 2,7 14,0 - 4,9 - 3,2 Großbritannien - 9,4 7,5 0,9 2,6 - 2,6 - 2,2 - 15,0 - 7,9 Dänemark - 2,1 4,1 0,3 1,9 8,1 8,4 - 0,2 - 1,5 Norwegen - 1,3 4,1 1,3 3,5 0,7 7,0 - 2,8 - 2,2 Schweden - 3,1 4,6 0,7 2,7 6,1 5,5 - 2,8 - 2,0 Schweiz - 2,5 3,7 - 0,7 0,6 2,8 6,5 - 2,8 - 2,2 Tschech. Rep. - 5,6 3,3 3,2 3,8 3,6 - 0,2 - 5,6 - 7,3 Ungarn - 4,7 7,1 3,3 5,1 0,0 - 0,9 - 8,0 - 6,9 Polen - 2,5 5,7 3,4 5,1 2,9 - 0,9 - 7,0 - 3,0 USA - 3,4 5,7 3,6 1,2 4,7 6,2 - 2,9 - 3,6 - 3,8 - 15,0 - 13,1 - 4,9 Japan - 4,5 1,7 2,3 0,0 - 0,2 1,0 2,9 2,8 3,2 - 8,9 - 7,0 - 4,2 China 2,2 8,1 5,1 2,5 0,9 2,3 1,9 2,2 2,0 - 6,2 - 4,5 - 5,0 Welt - 3,1 6,0 4,2 2,7 4,1 6,0 * P r ognosewerte entsprechen dem moderaten Szenario , wie publiziert im Focus Europe: Russia/Ukraine: Assessing the risks to the European Economy (15. Februar 2022). Quellen: Nationale Behörden, Nationale Zentralbanken, Deutsche Bank Prognosen Deutschland: BIP-Wachstum nach Komponenten, % gg.Vq., Jahresdaten % gg.Vj. 2022 2023 2020 2021 2022P 2023P Q1P Q2P Q3P Q4P Q1P Q2P Q3P Q4P BIP - 4,6 2,9 2,7 3,0 - 0,5 1,4 1,5 1,0 0,5 0,6 0,6 0,5 Privater Konsum - 5,9 0,1 3,9 3,1 - 1,1 1,6 2,1 1,0 0,3 0,5 0,5 0,3 Staatsausgaben 3,5 3,1 2,3 2,3 0,3 1,1 1,0 0,5 0,5 0,6 0,3 0,0 Anlageinvestitionen - 2,2 1,5 2,4 3,9 0,5 1,7 1,4 1,3 1,1 0,8 0,8 0,8 Ausrüstungen - 11,2 3,4 2,5 5,7 0,0 3,0 2,0 2,0 1,5 1,0 1,0 1,0 Bau 2,5 0,7 0,7 2,4 0,8 1,0 1,0 0,8 0,8 0,5 0,5 0,5 Lager, %-Punkte - 0,9 1,0 - 0,2 - 0,1 - 0,1 0,0 - 0,1 - 0,1 0,0 0,0 0,0 0,0 Exporte - 9,3 9,9 7,5 3,6 0,5 2,5 2,0 1,0 0,6 0,7 0,7 0,7 Importe - 8,6 9,3 8,5 3,7 0,7 3,0 2,2 0,7 0,7 0,7 0,5 0,5 Nettoexport, %-Punkte - 0,8 0,8 0,0 0,2 0,5 2,5 2,0 1,0 0,6 0,7 0,7 0,7 Konsumentenpreise (VPI)* 0,5 3,1 5,5 3,4 Arbeitslosenquote, % 5,9 5,7 5,0 4,8 Industrieproduktion** - 9,6 4,2 3,0 7,0 Budgetsaldo, % BIP - 4,3 - 3,7 - 4,5 - 3,0 Öffentlicher Schuldenstand, % BIP 68,7 68,2 70,1 70,4 Leistungsbilanzsaldo, % BIP 7,0 6,9 5,7 5,7 Leistungsbilanzsaldo, EUR Mrd. 234 226 207 200 *Inflationsdaten für Deutschland basieren auf nationaler Abgrenzung (VPI). Dies kann zu Diskrepanzen zu anderen DB Publikatio nen (HVPI) führen. ** Verarbeitendes Gewerbe (NACE C) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbank, Arbeitsagentur, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 3 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Ukraine - Krieg dämpft die Konjunkturerholung in Deutschland, beendet sie aber nicht - In unserem moderaten Szenario (das nunmehr unser Basisszenario ist) prognostizieren wir jetzt ein deutsches BIP-Wachstum von 2 ½ - 3% (zuvor: 4%). Der massive Energiepreisanstieg dürfte die Inflationsrate im Gesamt jahr auf rund 5 ½% nach oben treiben. Der Rückgang der realen Einkom men (-1 ½ %-Punkte), der Exporte (-3 ½ %-Punkte) und der Investitionsaus gaben (-2 %-Punkte) gegenüber den bisherigen Erwartungen wird zum Teil durch höhere Staatsausgaben (1 ¼ -1 ½ %-Punkte) kompensiert, sodass der Wachstumsverlust insgesamt moderater ausfällt. - In unserem negativen Szenario steigt die Gesamtinflationsrate auf 6 ½ - 7% an, weil die Öl- und Gaslieferungen zumindest vorübergehend unterbrochen werden. Die Verluste beim Konsum, bei den Unternehmensinvestitionen und bei den Exporten fallen stärker aus. Obwohl die Staatsausgaben noch stärker erhöht würden, ergäbe sich insgesamt nur ein BIP-Wachstum von 1 - 1 ½%, was angesichts des Wachstumsüberhangs von über 1% zum Jah resende 2021 praktisch eine Stagnation bedeuten würde. Ähnlich wie in der Corona-Krise lassen sich auch jetzt vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine nur sehr grobe Konjunkturszenarien erstellen. Alle Pro gnosen hängen derzeit davon ab, welche Annahmen wir für einzelne Variablen treffen - die aber außerhalb der Expertise von Ökonomen liegen. Selbst Spezia listen müssen ihre Einschätzungen in einem solchen Umfeld häufig revidieren, da tagtäglich neue Informationen eintreffen. Dieses Mal sind der Kriegsverlauf und die Entwicklung der Energie- und Rohstoffpreise als die wichtigsten „be kannten Unbekannten" anzusehen. Beide hängen eng miteinander zusammen. Die beträchtliche Preisvolatilität in den vergangenen Tagen ist wohl eher auf Marktspekulationen, die durch Nachrichten zum Krieg und mögliche Sanktionen ausgelöst wurden, denn auf tatsächliche Nachfrage- und Angebotsveränderun gen zurückzuführen. Dabei ist ein kompletter Ausfall russischer Gas- und Öllie ferungen mittlerweile ein nicht mehr auszuschließendes Szenario. Ähnlich wie die Corona-Lockdowns haben die klaren politischen Reaktionen (Sanktionen, Einfrieren von Vermögenswerten und Sperrung internationaler Routen), die noch nicht am Ende angekommen sind, eine bisher ungekannte Si tuation geschaffen. Ihre Auswirkungen und potenziellen (unbeabsichtigten) Ne benwirkungen lassen sich unmöglich quantifizieren. Die grundlegende Kehrt wende in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik hat uns dazu veranlasst, für diese Ausgabe von „Ausblick Deutschland" den Titel „Neue Realitäten 2.0" zu wählen. Schließlich hatten wir unserem Jahresausblick für 2022 im Dezember den Titel „Neue Realitäten" gegeben, um die Vorhaben der neuen Regierungs koalition - insbesondere die Energiewende - zusammenzufassen. Auswirkungen auf das Wachstum anhand wichtiger Übertragungs kanäle Derzeit ist alles im Fluss. Daher versuchen wir, wichtige Übertragungskanäle zu identifizieren und die entsprechenden, möglichen Auswirkungen auf das BIP grob abzuschätzen. Dabei ermitteln wir anhand der am stärksten betroffenen Komponenten, innerhalb welcher Bandbreiten sich das BIP bewegen könnte. Folgewirkungen wie z.B. Multiplikatoreffekte werden an dieser Stelle außer Acht gelassen. Wir beurteilen dabei die Veränderungen im Vergleich zu unserer vor hergehenden BIP-Wachstumsprognose von 4% (siehe Ausblick 2022: Neue Re alitäten, 17.12.2021). In unserem „moderaten" Szenario, auf das die Situation bisher hindeutet, gehen wir von einem durchschnittlichen Ölpreis von USD -15 -10 -5 0 5 10 15 -10 -6 -2 2 6 10 19 20 21 22 23 % gg. Vq. % gg. Vj. (rechts) Prognose Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research BIP - Wachstum dürfte sich durch Auswir - kungen des Ukraine - Krieges verlangsamen 1 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 4 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland 110/Barrel und einem Erdgaspreis von EUR 115/MWh aus. In einem extreme ren Szenario, das durchaus eine vorübergehende Einstellung der Gas- und Öl lieferungen aus Russland einbezieht, rechnen wir mit jährlichen Durchschnitts preisen von USD 140/Barrel bei Öl und EUR 150/MWh bei Erdgas. 1. Reale Einkommensverluste für die privaten Haushalte Schon im Jahr 2021 haben höhere Energiepreise die Jahresinflationsrate von 3,1% um 1,1 %-Punkte nach oben getrieben. Aktuell sind die Erdgas preise (Future-Kontrakt für April, niederländische ICE-Börse) mit rund EUR 180/MWh mehr als zehnmal so hoch wie vor einem Jahr. Wenn wir also für das Gesamtjahr einen Durchschnittspreis von EUR 110 annehmen, rechnen wir schon mit einem gewissen Rückgang im Jahresverlauf. Der Preis für Rohöl (Sorte Brent Blend) hat sich mit rund USD 110/Barrel im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt. In diesem unserem neuen Basisszenario ergibt sich für 2022 eine durchschnittliche Gesamtinflationsrate von rund 5 ½% für Deutschland. Das bedeutet, dass die Kaufkraft der privaten Haus halte im Vergleich zu unserer vorhergehenden Inflationsprognose von 4,2% um knapp 1 ½% schrumpfen würde. 2023 sollte die Inflationsrate dann auf ca. 3 ½% zurückgehen. Es wäre durchaus plausibel, dass die privaten Haushalte ungeachtet ihrer Neigung zur Glättung des Konsums die wäh rend der Corona-Pandemie angehäufte Überschussersparnis vorsichtiger abbauen. Dies könnte die bisher erwartete Entwicklung des realen Kon sums um einen weiteren halben Prozentpunkt dämpfen. 2. Unsicherheit belastet Investitionen Bei einer allmählichen Normalisierung der Lieferschwierigkeiten und einer voraussichtlich lebhaften globalen und Binnennachfrage hatten wir mit ei nem deutlichen Anstieg der Investitionsausgaben im Jahr 2022 gerechnet. Jetzt könnten Unternehmen Projekte verschieben, sofern der entspre chende Spielraum besteht, oder diese sogar ganz einstellen. Die Ifo-Indizes und die Einkaufsmanagerindizes für Februar deuteten auf eine deutliche Aufhellung des Geschäftsklimas seit Jahresbeginn hin. Allerdings wurden die entsprechenden Umfragen vor dem Ausbruch des Krieges durchgeführt, weshalb ein deutlicher Rückschlag im März zu erwarten ist (sofern es nicht in den nächsten Wochen zu einer wundersamen Deeskalation kommt). Dadurch könnten die Investitionen im Vergleich zu den vorhergehenden Er wartungen um rund 2 %-Punkte geringer ausfallen. 3. Rückgang der Exporte, und zwar nicht nur derjenigen nach Russland Aufgrund der Sanktionen und des Rückzugs internationaler Unternehmen werden die deutschen Exporte nach Russland wahrscheinlich um rund 75% einbrechen. Allerdings war der Anteil der Exporte nach Russland an den ge samten deutschen Exporten bereits nach der Annexion der Krim auf gut 2% geschrumpft. Dementsprechend sollten lediglich rund 1 ¾% des gesamten deutschen Exportvolumens verloren gehen. Exporte in andere MOE-Länder, die einen Anteil von etwa 18% an den gesamten deutschen Exporten ha ben, dürften ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden, da die Region in die Wertschöpfungsketten deutscher Unternehmen integriert ist. Die MOE Länder wurden bereits vom kräftigen Energiepreisauftrieb in Mitleidenschaft gezogen, und jetzt dürfte sich das Inflationsproblem noch verschärfen. Die Kreditrisiken nehmen zu, und die Zentralbanken müssen ihre Leitzinsen weiter anheben, um der Abwertung der jeweiligen Währungen etwas entge -40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 10 12 14 16 18 20 22 Gesamtindex Erwartungen Index Deutschland Quelle: sentix GmbH Sentix-Anlegerstimmung bricht ein, andere Sentiment-Indikatoren dürften folgen 2 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 5 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland genzusetzen. Aufgrund des schwächeren Wachstums und der Wechsel kursabwertung dürften die deutschen Exporte in die MOE-Region sinken. Dies könnte das Exportwachstum insgesamt um rund 1% dämpfen. Die Volkswirtschaften der USA und der asiatischen Länder dürften nur in be grenztem Umfang vom Krieg betroffen sein. Im Rest des Euroraums dage gen dürfte die Expansion um rund 1%-Punkt unter den bisherigen Progno sen liegen. Bei einer Nachfrageelastizität von über 1 könnten Deutschlands Exporte in die EWU (Anteil an den Gesamtexporten: ca. 35%) um etwa 1 ½ % niedriger ausfallen, was das Exportwachstum um weitere 0,5 %-Punkte drücken würde. Daraus ergibt sich insgesamt ein um etwa 3 ½ %-Punkte schwächeres Exportwachstum. Die Auswirkungen auf das BIP dürften et was geringer sein, weil auch die Importe leicht zurückgehen - Deutschlands Exporte haben schließlich einen hohen Importgehalt. 4. Weitere Belastungen der nach wie vor angespannten globalen Liefer ketten Die Einkaufsmanagerindizes für die wichtigen Wirtschaftsregionen der Welt deuteten auf eine moderate Entspannung bei den globalen Lieferengpässen hin. Dafür sprachen auch die Erholung des Welthandels Ende 2021 und der einsetzende, moderate Rückgang der Container-Frachtraten (SCFI) im Feb ruar. Allerdings verschärften sich die Lieferprobleme im Februar laut der entsprechenden Ifo-Umfrage wieder. Die Corona-Pandemie hat uns vor Au gen geführt, dass die Produktion ganz schnell ins Stocken geraten kann, wenn wichtige Bauteile nicht verfügbar sind. Wegen des Krieges in der Uk raine mussten bereits mehrere deutsche Autobauer ihre Produktion dros seln, weil es ihnen an Kabelbäumen von ukrainischen Zulieferern mangelt. Auch die globale Logistik ist betroffen. Durch die Sperrung des russischen Luftraums für europäische Fluggesellschaften verlängern sich die Routen nach Japan, Korea und anderen Ländern in Südostasien. Frachtflugzeuge müssen ihre Beladung um etwa ein Fünftel reduzieren. Ein großer Teil des deutschen Lkw-Frachtverkehrs wird von osteuropäischen Speditionen abge wickelt, die viele ukrainische Fahrer beschäftigen. Diese dürfen ihr Land derzeit nicht verlassen. Logistikunternehmen befürchten, der ohnehin schon problematische Mangel an Fahrern könnte sich so verschärfen, dass Liefer ketten zusammenbrechen. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Pro gnose für die Industrieproduktion in diesem Jahr von 5% auf 3% gesenkt - und das, obwohl die Auftragsbestände ein Rekordniveau erreicht haben. Ein Stopp der russischen Öl- und Gaslieferungen erscheint angesichts des beiderseitigen Interesses am Status quo bisher nach wie vor unwahrschein lich. Wirtschaftsminister Habeck hat zwar zugesichert, dass auch in einem solchen Falle die Versorgung über andere Quellen gesichert sei. Dennoch wäre wohl eine gewisse Rationierung für die Industrie (die rund 25% des gesamten deutschen Gasverbrauchs benötigt) zu erwarten. 5. Höhere Staatsausgaben Die Regierung hat bereits ein Fiskalpaket geschnürt, um die Folgen der hö heren Energiepreise für die privaten Haushalte abzumildern. Die vorgezo gene Abschaffung der EEG-Umlage zur Jahresmitte, höhere Pauschalen und Steuerfreibeträge für abhängig Beschäftigte, weitere Corona-Unterstüt zungsmaßnahmen und eine Verlängerung der Sonderregelungen für Kurz arbeit summieren sich auf EUR 15 Mrd. oder gut 0,4% des BIP. Realisti scherweise ist in diesem Jahr mit ähnlich hohen zusätzlichen Verteidigungs ausgaben im Rahmen des mehrjährigen Bundeswehr-Sondervermögens (insgesamt EUR 100 Mrd.) zu rechnen. Außerdem möchte die Regierung Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 6 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland die Umstellung auf eine CO 2 -neutrale Wirtschaft weiter beschleunigen. An gesichts der bestehenden planerischen und personellen Engpässe dürften die entsprechenden Ausgaben allerdings zumindest kurzfristig nicht deutlich ansteigen. Falls die Energiepreise noch länger auf ihrem aktuellen Niveau verharren, ist mit weiteren Unterstützungsmaßnahmen für die unteren Ein kommensgruppen zu rechnen. Darüber hinaus könnten die Staatsausgaben durch zusätzliche Aufwendungen für Flüchtlinge aus der Ukraine um rund EUR 10 Mrd. ansteigen. Abwärtskorrektur der BIP - Wachstumsprognose für 2022 von 4% auf 2 ½ - 3% Die oben erwähnten, quantitativen Effekte auf die verschiedenen Nachfrage komponenten sind natürlich nur grobe Schätzungen. Wenn der private Konsum um 2 %-Punkte, das Exportwachstum um 3 ½ %-Punkte und die Investitionen in Maschinen und Ausrüstung um 2 %-Punkte niedriger ausfallen, dürfte das BIP Wachstum 2022 um etwa 2 ½ %-Punkte sinken. Diese Belastung wird zum Teil durch die angekündigten und erwarteten zusätzlichen Staatsausgaben (die sich sowohl auf den privaten und staatlichen Konsum als auch auf die staatlichen In vestitionen auswirken) kompensiert, die sich auf 1 ¼ - 1 ½% des BIP belaufen könnten. Dieser Überschlagsrechnung zufolge könnte sich für Deutschland im Jahr 2022 ein BIP-Wachstum von 2 ½ - 3% ergeben. Nach einer technischen Rezession im Winterhalbjahr (Q4 2021/Q1 2022) dürfte die Erholung in Q2 schwächer als bisher erwartet ausfallen. Angesichts der in Punkt 4.) angesprochenen tatsächlichen und potenziellen Probleme und insbesondere der außerordentlich hohen Unsicherheit über den weiteren Verlauf des Krieges in der Ukraine überwiegen ganz klar die Abwärtsri siken. Ungünstiges Szenario: Stagnation und Inflationsrate von 6 ½ - 7% i n 2022 Diese Abwärtsrisiken sind in unserem zweiten, ungünstigen Szenario zumindest zum Teil erfasst, in dem die Energiepreise bei einer zumindest vorübergehen den Unterbrechung russischer Öl- und Gaslieferungen nach Deutschland noch stärker ansteigen und die Inflationsrate in Deutschland auf 6 ½ - 7% nach oben treiben. Dadurch würde die Kaufkraft der privaten Haushalte im Vergleich zu un serer früheren VPI-Prognose (4,2%) um knapp 3% gemindert. Andere Nachfra gekomponenten werden ebenfalls noch stärker in Mitleidenschaft gezogen. In einigen Sektoren, z.B. bei Grundchemikalien, könnte die Produktion beeinträch tigt werden, weil Gas rationiert werden muss. Davon wären vor allem die unte ren Einkommensgruppen betroffen, was den Zusammenhalt der Gesellschaft beeinträchtigen könnte und daher noch umfangreichere staatliche Maßnahmen zur Einkommensstützung erforderlich machen würde. Insgesamt könnte sich das BIP-Wachstum im Jahr 2022 auf 1 - 1 ½% verlangsamen. Bei einem Wachstumsüberhang von 1,1% Ende 2021 entspricht dies praktisch einer Stag nation. Gleichzeitig sind zahlreiche potenzielle Trigger vorhanden, die in einem solchen Falle eine echte Rezession auslösen können. Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 7 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Längerfristig größere (relative) Wohlstandsverluste In den vergangenen Monaten hat sich zunehmend gezeigt, dass der ökologi sche Umbau der deutschen Wirtschaft die Einkommensentwicklung zunächst belasten dürfte. Zugleich wird von den Befürwortern argumentiert, dass die Ver luste nach Abschluss des Umbaus wieder aufgeholt werden könnten. Nach der Kehrtwende in der deutschen Sicherheitspolitik werden die erforderlichen Aus gaben das Volumen des neuen Sondervermögens (EUR 100 Mrd.) sicherlich übersteigen, das laut Finanzminister Lindner nicht in vollem Umfang durch Neukreditaufnahme finanziert werden soll. Langfristig besteht das größte Risiko für Deutschlands Wohlstand jedoch in der Gefahr, dass es zu einer neuerlichen Spaltung der Welt in Ost und West kommt. Dies würde zu einer wirtschaftlichen Desintegration führen, was wiederum die beträchtlichen Wohlstandsgewinne aus der verstärkten globalen Arbeitsteilung der vergangenen Jahrzehnte zum Teil zunichtemachen würde, von denen Deutschland in besonderem Maße profi tiert hat. Stefan Schneider (+49 69 910-31790, stefan-b.schneider@db.com) Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 8 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Verbraucherpreise: Energiepr eisschock lässt MwSt. - Effekt verpuffen - 5 ½% Inflation in 2022 - Die weitverbreitete Hoffnung, dass sich die deutsche Inflationsrate schon zum Jahreswechsel merklich abschwächen würde, hat letztlich getrogen. Denn die stark gestiegenen Preise für Haushaltsenergie und Kraftstoffe ha ben den „inflationsdämpfenden" Mehrwertsteuereffekt fast vollständig ver puffen lassen und steuerten im Februar letztlich fast die Hälfte zur Jahres teuerungsrate bei. In den kommenden Monaten dürften die hohen Energie preise und der anhaltend starke Aufwärtstrend bei den nicht-energetischen Gütern, Dienstleistungen und Nahrungsmitteln die Jahresteuerungsrate deutlich über der 5%-Marke halten. - Im Moment spricht sehr viel für einen anhaltend hohen Inflationsdruck. An gesichts der überraschend hohen Januar/Februar-Inflationszahlen und des anhaltend hohen angebots- und nachfrageseitigen Preisdrucks (Stichworte: hohe Energie-, Rohstoff- und Erzeugerpreise, Lieferkettenprobleme/Mate rialengpässe, „Überersparnisse" der privaten Haushalte, außerplanmäßige Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns) haben wir unsere Prognose für die (jahresdurchschnittliche) VPI-Inflationsrate auf 5 ½% abermals deutlich nach oben revidiert (von zuvor 4,2%). - Insgesamt dürfte die weitere Inflationsentwicklung in den Jahren 2022/2023 sehr stark mit der weiteren - höchst unsicheren und volatilen - Energie preisentwicklung verknüpft sein. Auf der einen Seite könnte eine weitere schockartige Verteuerung von Gas und Öl (z.B. aufgrund zunehmender glo baler Energieangebotsengpässe) die deutsche Inflationsrate - unter Be rücksichtigung der direkten und indirekten Effekte - im Jahresdurchschnitts wert 2022 sogar auf einen Wert in der Größenordnung von bis zu 7% (schwerer Öl- und Gaspreis-Schock) steigen lassen. Darüber hinaus könnte sich im Fall einer vollständigen und dauerhaften Lieferunterbrechung russi scher Energieexporte in den Westen ein kaum abschätzbares Inflations- risiko materialisieren. - Auf der anderen Seite könnten die Gas- und Ölpreise unerwartet nachge ben (z.B. aufgrund erfolgreicher Deeskalationsschritte zwischen Russland und der Ukraine) und damit die deutsche VPI-Inflationsrate im Jahresdurch schnitt 2022 womöglich doch unterhalb von 5% liegen. Schließlich könnte die deutsche Regierung auch dazu übergehen, weitere Maßnahmen zur Minderung des Energiepreisanstiegs zu ergreifen (wie z.B. eine Reduzie rung des Mehrwertsteuersatzes auf Energieprodukte oder eine Absenkung der Stromsteuer), die den erwarteten Inflationsanstieg begrenzen könnten. Inflation: Preisexplosion für Haushaltsenergie … In Deutschland liegt die Verbraucherpreisinflationsrate, die sich im Jahresdurch schnitt 2021 deutlich auf 3,1% (nationaler Verbraucherpreisindex; VPI) bzw. 3,2% (harmonisierter Verbraucherpreisindex; HVPI) erhöhte (z. Vgl. 2020: 0,5% bzw. 0,4%), noch immer auf einem Niveau, das zuletzt Anfang der 1990er Jahre im Zuge des Wiedervereinigungsbooms oder in den frühen 1980er Jahren be obachtet wurde (siehe Grafik 1). Die weitverbreitete Hoffnung, dass sich die deutsche Inflationsrate schon zum Jahreswechsel merklich abschwächen würde, hat letztlich getrogen. Denn allein aufgrund des wegfallenden Mehrwert steuereffekts, der die monatliche Jahresinflationsrate im Dezember 2021 noch um einen guten 1%-Punkt nach oben getrieben hatte, hätte die Headline-Inflati onsrate im Januar 2022 außerordentlich kräftig nachgeben müssen. Zwar ging diese auch von 5,3% (VPI) bzw. 5,7% (HVPI) im Dezember 2021 auf „nur" noch 5,1% bzw. 4,9% im Januar 2022 zurück (siehe auch Statistisches Bundesamt), Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 9 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland allerdings war der damit verbundene Rückgang deutlich geringer ausgeprägt als vorab von den Finanzmarktteilnehmern erwartet worden war (Konsensus-Pro gnose: 4,3% für den VPI bzw. 4,7% für den HVPI) (siehe auch Germany Blog: After the January CPI inflation surge: We now expect 4.2% in 2022 vom 31. Ja nuar 2022). Des Weiteren kletterte die Jahresteuerungsrate im Februar 2022 sogar wieder auf 5,1% (VPI) bzw. 5,5% (HVPI), auch wenn sie zumindest im Rahmen der Erwartungen lag (Konsensus-Prognose: 5,1% bzw. 5,4%). Wie auch im Vormonat ging der im Februar abermals kräftig ausgefallene monatliche VPI-Preisanstieg (von saisonbereinigt +0,5% nach +1,1% im Januar) auf das Konto deutlich höherer Energiepreise (+3,1% nach +7,3%) (siehe auch Statisti sches Bundesamt). Doch auch die Nahrungsmittelpreise zogen weiterhin deut lich an (+0,60% nach +0,86%), wohingegen die Verbraucherpreise ohne Ener gie und Nahrungsmittel weniger stark als im Januar bzw. in den Vormonaten an zogen (+0,09% nach +0,27% im Januar bzw. durchschnittlich +0,25% zwischen Februar und Dezember 2021). … lässt preisdämpfenden Mehrwertsteuereffekt verpuffen Was waren die Ursachen für die überraschend hohen Inflationsraten im Januar und Februar? Im Rahmen der vorläufigen Februar-Inflationsrate wurden bisher nur die groben Preisentwicklungen (wie z.B. für die Gesamtrate oder die aggre gierten Energie- und Nahrungsmittelpreiskomponenten), jedoch noch keine de taillierteren Angaben zu den Preisentwicklungen der verschiedenen VPI Unterkomponenten gemacht (wie z.B. für elektrischen Strom oder Erdgas). Diese werden erst mit der Bestätigung der finalen Februar-Inflationsrate am 11. März 2022 veröffentlicht. Dennoch wissen wir bereits, dass der anhaltende Energiepreisanstieg (+22,5% gg. Vj. nach +20,5% gg. Vj. im Januar) die VPI Inflationsrate um etwa 2,3 Prozentpunkte nach oben gezogen hat und damit ein Hauptinflationstreiber im Februar geblieben ist. Somit haben vor allem die stark gestiegenen Preise für Haushaltsenergie und Kraftstoffe (VPI-Warenkorb gewicht: ca. 10,4%) den „inflationsdämpfenden" Mehrwertsteuereffekt fast voll ständig verpuffen lassen (siehe Grafik 2). So ging allein von dem monatlichen Anstieg der Energiepreise (VPI-Energiekomponente) um 7,3% im Januar bzw. 3,1% im Februar ein monatlicher Inflationsimpuls von rund 0,8 bzw. 0,3 Prozent punkten (Pp.) aus. Basierend auf der Januar-Inflationsrate (zu der es bereits de taillierte Preisangaben gibt) ging der seit Jahresanfang beobachtete Preisan schub zum weit überwiegenden Teil auf die deutlich gestiegenen Preise für Haushaltsenergieprodukte (wie z.B. Strom, Gas oder Heizöl) (Januar: +9,7%; -2 0 2 4 6 8 60 65 70 75 80 85 90 95 00 05 10 15 20 Quellen: WEFA, Deutsche Bundesbank Verbraucherpreisindex, % gg Vj. Die Inflationsrate hat Niveaus erreicht, die zuletzt Anfang der 1980er und der 1990er Jahre beobachtet wurden 1 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 10 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Inflationsimpuls: 0,7 Pp.) und in wesentlich geringerem Ausmaß auf die aber mals gestiegenen Kraftstoffpreise (wie z.B. Superbenzin oder Diesel) (Januar: +3,2%; +0,1 Pp.) zurück. Während sich die Gas- und Strompreise im Vormo natsvergleich aufgrund von kräftigen Tarifanpassungen im Januar um 12,9% bzw. 9% erhöhten - eine zeitverzögerte Folge der bereits zuvor spürbar gestie genen Produzenten- und Börsenpreise für Erdgas und Strom 1 (siehe Grafik 3 und 4) - legten die Preise für feste Brennstoffe (wie z.B. Holzpellets) (+8,5%), Fernwärme u.a. (+7,4%) sowie Heizöl (+5,8%) im Januar ebenfalls spürbar zu. Grundsätzlich hat sich dieser Aufwärtstrend bei den Energiepreisen im Februar weiter verstärkt, auch wenn die Preisdynamik im Monatsvergleich nachgelassen haben dürfte. Auch wenn der Energiepreisanstieg im Wesentlichen auf höhere (Markt-) Preise für Energieprodukte zurückzuführen war, trug auch die zum Jahresanfang 2022 vorgenommene Anhebung des nationalen CO 2 -Preises auf Gas, Heizöl und Kraftstoffe (von EUR 25 auf EUR 30 pro Tonne CO 2 ) einen geringen Teil dazu bei (direkter Inflationseffekt in 2022: ca. 0,1 Pp.). 2 Dem stand jedoch gleichsam ein inflationsdämpfender Effekt durch die zum 1. Januar 2022 vorgenommene Absenkung der EEG-Umlage auf elektrischen Strom gegenüber (direkter Inflati onseffekt in 2022: ca. 0,2 Pp.) 3 , sodass sich in der Summe beider Maßnahmen sogar ein insgesamt leicht dämpfender Effekt von ca. 0,1 Pp. auf die Headline Inflationsrate ergeben hat. 1 Im Januar 2022 lagen die Erzeugerpreise für Erdgas (in der Verteilung) und für elektrischen Strom und Dienstleistungen der Stromversorgung mit +119% bzw. +53,2% noch immer deutlich über ihren entsprechenden Vorjahreswerten (z. Vgl. Dezember 2021: +121,9% bzw. 57,1%). Die Börsennotierungen für Erdgas und elektrischen Strom gaben zwar zuletzt im Monatsvergleich et was nach (d.h. gegenüber Dezember 2021), lagen aber im Vergleich zum Januar 2021 noch im mer um beträchtliche 326% bzw. 196,3% höher. 2 Auch in den kommenden Jahren dürfte die geplante weitere Anhebung des nationalen CO 2 - Preises die jährliche Inflationsrate in der Größenordnung zwischen 0,1 und 0,2 Prozentpunkten erhöhen. Bis zum Jahr 2025 gilt zunächst noch ein Festpreissystem mit folgenden Preisstufen: EUR 35 je Tonne CO 2 (2023), EUR 45 (2024) und EUR 55 (2025). Danach soll das Festpreis- in ein Marktpreissystem überführt werden, wobei sich der Preis je Tonne CO 2 im Jahr 2026 zu nächst noch in einem Korridor von EUR 55 (Mindestpreis) bis EUR 65 (Höchstpreis) bewegen soll. Ab dem Jahr 2027 soll schließlich ein reines Marktpreissystem mit freier Preisbildung etab liert werden. 3 Zum 1. Januar 2022 wurde die EEG-Umlage auf ca. 3,72 Cent/kWh (von 6,5 Cent/kWh im Jahr 2021) abgesenkt, was den Strompreis 2022 im Vergleich zu 2021 rein rechnerisch (ceteris pari bus) um rund 8 ½% gedrückt hat. -1 0 1 2 3 4 5 6 19 20 21 22 VPI ohne Nahrungsmittel und Energie Energie (Haushaltsenergie und Kraftstoffe) Nahrungsmittel Verbraucherpreisindex (VPI) Verbraucherpreisindex, % gg. Vj. bzw. Wachstumsbeiträge (Pp.) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Energiepreisexplosion lässt preisdämpfenden Mehrwertsteuereffekt verpuffen 2 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 11 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Energiepreisexplosion steuert fast die Hälfte zur Inflationsrate bei Angesichts der Preisexplosion für Haushaltsenergie und des erneuten Januar Anstiegs der Kraftstoffpreise tragen die Energiepreise mittlerweile etwas weni ger als die Hälfte zur monatlichen Jahresinflationsrate bei (siehe Grafik 2). In der Zeit zwischen Januar 2021 und Januar 2022 sind unter den VPI-Energie produkten besonders stark die Preise für Heizöl (einschließlich Umlage) (+36,9%), Kraftstoffe (+24,8%), Gas (einschließlich Umlage) (+19,9%) und feste Brennstoffe (+19,3%) geklettert. Doch auch der prozentuale Preisanstieg für Haushaltsstrom (+11,1%) und Fernwärme u.a. (+14,1%) lag im Januar im zwei stelligen Bereich. Angesichts der hohen geopolitischen Risiken im Kontext des Krieges in der Ukraine und der deutlich gestiegenen Rohölpreisnotierungen auf über USD 100 je Fass (Brent) zeichnet sich zumindest für die kurze Frist eine weitere Verteue rung bei den Kraftstoff- und Heizölpreisen ab. Doch auch bei den Strom- und Gaspreisen stehen die Zeichen zunächst noch auf Verteuerung, selbst wenn der Preisdruck auf der Erzeugerseite oder im Börsenhandel in den nächsten Monaten weiter nachgeben sollte (was im Moment aufgrund der hohen geopoli tischen Risiken nicht wahrscheinlich erscheint). Dies liegt daran, dass der auf der Erzeuger- und Versorgerseite aufgetretene Preisdruck noch nicht vollum fänglich an die Verbraucher weitergegeben worden ist (siehe auch Germany Blog: Energy price inflation - this time is different vom 24. Januar 2022). Vor -200 0 200 400 600 800 1.000 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 Gaspreis (einschließlich Umlage) (Verbraucherpreisindex) (links) Gaspreis (in der Verteilung) (Erzeugerpreisindex) (rechts) Gaspreis (Europe Gas Price Index an der EEX) % gg. Vj. Quellen: WEFA, Statistisches Bundesamt EEX: European Energy Exchange (Europäische Energiebörse) Erdgaspreise schießen in die Höhe 3 -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 70 80 -2 0 2 4 6 8 10 12 14 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 Elektrischer Strom (Verbraucherpreisindex) (links) Elektrischer Strom u. DL der Elektrizitätsversorgung (Erzeugerpreisindex) (rechts) Elektrischer Strom (Erzeugerpreisindex) (rechts) % gg. Vj. Quellen: WEFA, Statistisches Bundesamt Die Strompreise gehen durch die Decke 4 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 12 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland diesem Hintergrund erscheint uns ein jahresdurchschnittlicher Preisanstieg in 2022 von mehr als 15% für Strom (unter der Berücksichtigung einer vollständi gen Abschaffung der EEG-Umlage zum 1. Juli 2022) bzw. von über 40% für Gas als nicht unplausibel. Selbst die zum 1. Juli 2022 geplante Vollabschaffung der EEG-Umlage auf den Strompreis dürfte die für 2022 prognostizierte jahresdurchschnittliche VPI Inflationsrate „lediglich" in der Größenordnung von rund 0,15 Prozentpunkten dämpfen (direkter preisdämpfender Effekt). 4 Aber auch die Kerninflationsdynamik ist weiterhin hoch Auch wenn die Energiepreise derzeit ein Haupttreiber der hohen Inflationsdyna mik sind, ziehen auch die Preise für nicht-energetische Güter, Nahrungsmittel und Dienstleistungen (ohne Mieten) schon seit einiger Zeit vergleichsweise stark an. So stiegen die Verbraucherpreise ohne Energie und Nahrungsmittel seit Februar 2021 durchschnittlich um recht hohe 0,24% (saisonbereinigter Wert) und kletterten damit ungefähr doppelt so stark wie in der Vor-Pandemie-Zeit. 5 Während die Preise für Waren ohne Energieprodukte im gleichen Zeitraum um durchschnittlich 0,27% stiegen, nahmen die Preise für Dienstleistungen um et was geringere 0,23% zu. 6 Auf Basis der bis einschließlich Januar 2022 verfüg baren Preisdaten zeigte sich dabei eine besonders kräftige Preisdynamik bei den Dienstleistungen ohne Mieten (+0,35%), wohingegen der monatliche Miet preisanstieg (+0,12%) noch recht moderat ausfiel. 7 Die Nahrungsmittelpreise legten im Januar und Februar im Monatsvergleich mit 0,86% bzw. 0,6% erheb lich stärker zu als in der Vor-Pandemiezeit. 8 Hauptsächlich aufgrund des Wegfalls des Mehrwertsteuereffekts ging die (sai sonbereinigte) Kerninflationsrate im Vergleich zum Vorjahresmonat im Januar/Februar 2022 auf „nur noch" 3,1% bzw. 2,9% zurück (Dezember 2021: 3,7%). Gleichwohl blieb sie im historischen Vergleich damit noch immer relativ hoch (Vor-Pandemie-Mittelwert: ca. 1,4%). Während der Mehrwertsteuereffekt sich dabei recht deutlich bei der monatlichen Jahresteuerungsrate für nicht energetische Waren zeigte (Rückgang auf 3,1%/3,3% im Januar/Februar von 4,8% im Dezember), stagnierte die entsprechende Teuerungsrate für Dienstleis tungen ohne Mieten im Januar mit 4,2% auf hohem Niveau (saisonbereinigte Werte). Allerdings deutet der Rückgang der (saisonbereinigten) Dienstleistungs inflation von 3,1% im Januar auf 2,9% im Februar - zusammen mit dem gleich zeitigen Anstieg der Mietpreisinflation von 1,4% auf 1,5% - darauf hin, dass die Preise von Dienstleistungen ohne Mieten im Februar spürbar gesunken sind (auf schätzungsweise 3 ½%). Die Jahresteuerungsrate für Nahrungsmittel, die im Dezember mit 6% den höchsten Stand seit mehr als acht Jahren erreicht hatte, gab zwar im Zuge des Wegfalls des Mehrwertsteuereffektes auf 5% im Januar nach, zog jedoch im Februar wieder auf 5,3% an. 4 Die Abschaffung der EEG-Umlage zum 1. Juli 2022 dürfte den aktuellen Verbraucherpreis für Strom (ceteris paribus) um knapp 10% drücken. Zusammen mit der bereits zum 1. Januar 2022 vollzogenen EEG-Umlagen-Absenkung (von 6,5 Cent/kWh auf 3,72 Cent/kWh; - 42,7%) entsprä che dies im gesamten Kalenderjahr 2022 einer Strompreissenkung von 14,4% (im Vergleich zum Durchschnittspreis aus dem Jahr 2021). Insgesamt dürften beide Maßnahmen zusammengenom men die Jahresinflationsrate in 2022 um rund 0,35 Pp. dämpfen, wobei davon rund 0,15 Pp. auf die vorgezogene Abschaffung der EEG-Umlage entfielen. Im Jahr 2023 dürfte die jahresdurch schnittliche Inflationsrate nochmals um 0,15 Pp. gedämpft werden. 5 Z. Vgl.: Der Vor-Pandemie-Mittelwert (für den Zeitraum 2015 und 2019) betrug lediglich 0,12%. 6 Z. Vgl.: Die entsprechenden Vor-Pandemie-Mittelwerte lagen bei ca. 0,09% bzw. 0,13%. 7 Z. Vgl.: Die entsprechenden Vor-Pandemie-Mittelwerte lagen bei ca. 0,12% bzw. 0,11%. 8 Z. Vgl.: Der Vor-Pandemie-Mittelwert lag bei ca. 0,17%. Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 13 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Aufwärtsrisiken dominieren den Inflationsausblick in 2022/23 Vor dem Hintergrund der hohen geopolitischen Risiken sowie der unsicheren Pandemielage - und des sich daraus ergebenden volatilen makroökonomischen Umfelds - bleibt die weitere Inflationsentwicklung äußerst unsicher. Insbeson dere könnten weitere Preissprünge an den Rohstoff- und Energiemärkten einen erheblichen zusätzlichen Inflationsschub entfachen - sei es entweder unmittel bar über höhere Konsumentenpreise für Haushaltsenergie und Kraftstoffe und/oder mittelbar über höhere Energie- und Produktionskosten für nicht-ener getische Waren, Dienstleistungen und/oder Nahrungsmittel. In diesem Fall wür den schließlich die höheren Energie-/Rohstoffpreise nach und nach in eine hö here Kern- und Nahrungsmittelinflation münden. „Pipeline" - Inflation dürfte zu höheren Verbraucherpreisen führen Schon jetzt ist der Preisdruck auf der Erzeugerseite („Pipeline"-Inflation) be trächtlich. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die Erzeugerpreise im Januar 2022 im Vergleich zum Vorjahreswert um 25% und damit so stark wie noch nie seit der Erhebung dieser Zeitreihe im Jahr 1949. Auch wenn ein großer Teil die ses Preisanstiegs wiederum auf das Konto der deutlich höheren Energiepreise (+66,7% gg. Vj.) ging, stieg der Erzeugerpreisindex ohne Energie ebenfalls kräf tig (+12% gg. Vj.). So lag z.B. der prozentuale Preisanstieg bei den Metallen (+36,9%), Holz (+33,3%) chemischen Erzeugnisse (+25,6%) oder Gummi- und Kunststoffwaren (+12,3%) deutlich im zweistelligen Bereich (jeweils im Ver gleich zum Vorjahresmonat). Auch die sehr hohen Frachtraten, die sich inner halb des letzten Jahres vervielfacht haben, scheinen zu einem immer größeren Kostenblock der Unternehmen zu werden. Gemessen anhand des „Shanghai Containerized Freight Index" (SCFI) sind die Frachtraten seit Februar 2020 um rund 450% angestiegen (siehe Grafik 5). Vor diesem Hintergrund beklagen mitt lerweile einige Importeure, dass die Stückkosten für den Warentransport in manchen Fällen sogar mehr als die verschiffte Ware selbst betragen würden (siehe z.B. FAZ-Bericht vom 22. Februar 2022). Angesichts des enormen Kostendrucks erstaunt es daher auch nicht, dass zahl reiche Einzel- und Großhändler ebenso wie Unternehmen aus der Verarbeiten den Industrie, dem Dienstleistungssektor sowie dem Baugewerbe ihre Verkaufs preise in der nächsten Zeit anheben wollen. Nach einer ifo-Umfrage (Stand: Februar 2022) planen (im Saldo) aktuell schätzungsweise 63,3% der Einzel händler, 62,4% der Großhändler und 57,4% der im Verarbeitenden Gewerbe tä tigen Unternehmen, ihre Verkaufspreise in den nächsten drei Monaten zu erhö hen. Im Dienstleistungs- und Baugewerbe liegen die Werte zwar etwas niedri ger, allerdings wollen auch in diesen Branchen (im Saldo) 38,6% bzw. 42,9% der Unternehmen ihre Verkaufspreise demnächst nach oben anpassen. Bezo gen auf alle Wirtschaftszweige erwägen derzeit (im Saldo) 47,1% der befragten Unternehmen, ihre Verkaufspreise demnächst zu erhöhen, was einem Rekord wert seit Erhebung der Zeitreihe im Jahr 2005 gleichkommt (siehe Grafik 6). Ein ähnliches Bild ergibt sich sowohl mit Blick auf die Industrieumfrage der EU Kommission (Industry Survey) als auch die Unterkomponenten zum IHS Markit Einkaufsmanagerindex. So erwarten nach der Umfrage der EU-Kommission noch immer sehr hohe 57,3% der Industrieunternehmen einen Preisanstieg in nerhalb der nächsten drei Monate. 9 Auch die PMI-Preiskomponenten deuten ei 9 Auch die Preiserwartungen der Verbraucher scheinen gestiegen zu sein. Nach Daten der Ver braucherumfrage der EU-Kommission (EC Consumer Survey) rechnen (im Saldo) 45,4% der be fragten Personen in den nächsten 12 Monaten mit höheren Preisen. 0 1.000 2.000 3.000 4.000 5.000 6.000 16 17 18 19 20 21 22 Shanghai Containerized Freight Index (SCFI) Baltic Exchange Dry Index (BDIY) Index Quellen: Bloomberg Finance LP, Shanghai Shipping Die Frachtraten haben sich vervielfacht 5 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 14 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland nen anhaltend hohen Preisdruck an, denn sowohl die Input- als auch die Out put-Preise lagen auch im Februar 2022 mit 76,5% bzw. 66% noch immer auf sehr hohen Niveaus. Weiterer zusätzlicher Preisdruck dürfte in den kommenden Monaten auch von weiter anziehenden Nahrungsmitteln ausgehen. Dies legen zumindest die jüngsten Entwicklungen bei den Erzeugerpreisen für landwirtschaftliche Pro dukte nahe. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes stiegen die Erzeuger preise in der Landwirtschaft im Dezember 2021 mit 22,1% gg. Vj. so stark wie seit Juli 2011 nicht mehr. Dabei erhöhten sich die Preise für pflanzliche Pro dukte (+28,8%) im Zuge der gestiegenen Getreidepreise (+40,6%) besonders stark. Die höheren Getreidemittelpreise, die im Zuge des Krieges in der Ukraine noch erheblich weiter steigen könnten, dürften sich somit auch bald in höheren Preisen für Backwaren zeigen. Das ifo-Institut geht unterdessen laut Pressebe richten (siehe u.a. Handelsblatt) davon aus, dass die VPI-Nahrungsmittelpreise im Jahresdurchschnitt um 7% ansteigen und damit zu einem maßgeblichen Preistreiber in diesem Jahr werden dürften (2021: 3,2%). Nur leichte Entspannu ng bei den Lieferengpässen und Material knappheiten Eine leichte Verbesserung (aber noch keine nennenswerte Entspannung) wurde dagegen im Verarbeitenden Gewerbe mit Blick auf die derzeit sehr langen Lie ferzeiten von bestellten Waren erzielt: Der entsprechende PMI-Teilindikator ver besserte sich im Februar auf 34,1% (nach 27,1% im Januar). Wenngleich die Dynamik bei den Lieferverzögerungen etwas nachgelassen hat, erwartet die Mehrzahl der befragten Unternehmen noch immer eine weitere Beeinträchti gung bei den Lieferzeiten. Damit steht die für den weiteren Jahresverlauf erwar tete deutliche Entspannung bei den globalen Lieferkettenproblemen wohl noch immer aus. 10 Bei den unter Materialengpässen leidenden Industrieunternehmen scheint die Lage ebenso noch immer angespannt zu sein. Laut Daten der EU 10 Auch auf Basis eines weiteren Indikators - nämlich der Differenz zwischen Auftragseingang und Produktionsniveau im Verarbeitenden Gewerbe - zeichnet sich noch keine nennenswerte Ver besserung bei den Lieferkettenschwierigkeiten deutscher Industrieunternehmen ab: Während der Auftragseingang das Vor-Pandemie-Niveau im Dezember 2021 bereits um 9,8% überstiegen hatte, lag das Produktionsniveau zur gleichen Zeit noch immer 6,5% unter dem Vor-Pandemie Niveau. -40 -20 0 20 40 60 80 95 96 97 98 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 Volkswirtschaft insgesamt Einzelhandel Großhandel Verarbeitendes Gewerbe Dienstleistungen Baugewerbe ifo-Preiserwartungen* 6 Saldo (%) * Saldo der Umfragemeldungen (saisonbereinigt) bezüglich der erwarteten Verkaufspreise in den nächsten drei Monaten. Quellen: ifo, WEFA, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 15 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Kommission für das erste Quartal 2022 (Umfragemonat Januar) klagten noch immer 88,7% der deutschen Industriebetriebe über Knappheiten bei Material und Ausrüstungen (Q4 2021: 85,6%). Darüber hinaus scheinen die deutschen Unternehmen zuletzt auch wieder zunehmend unter dem steigenden Fachkräf temangel zu leiden. So gaben im Januar 2022 mehr als ein Drittel der Unterneh men an, unter Personalengpässen zu leiden (Mittelwert des Vor-Pandemiejah res 2019: ca. 18,9%). Auch nach einer Umfrage des ifo Instituts gibt es bislang noch keine belastba ren Anzeichen für eine Kehrtwende bei den Materialengpässen in der deut schen Industrie. Demnach hat sich der Anteil der Industrieunternehmen, die an gaben, unter Engpässen (bzw. Beschaffungsproblemen) bei Vorprodukten und Rohstoffen zu leiden, im Februar 2022 wieder auf 74,6% erhöht - nach dem sich im Januar (67,3%) eine gewisse Entspannung angedeutet hatte (z. Vgl. De zember 2021: 81,9%). Der nachfrageseitige Preisdruck dürfte tendenziell zunehmen Mit der Normalisierung des Pandemiegeschehens (einschließlich der allmähli chen Rücknahme der meisten Corona-bedingten Einschränkungen) und der er warteten Konjunkturerholung im Sommerhalbjahr 2022 dürfte der nachfragesei tige Preisdruck weiter zunehmen. Angesichts der erheblichen „Überersparnisse" der privaten Haushalte 11 während der Pandemiezeit (von schätzungsweise rund EUR 200 Mrd. oder mehr als 11% der privaten Konsumausgaben des Jahres 2021) - und der damit einhergehenden höheren Zahlungsbereitschaft vieler Konsumenten - dürfte es den krisengebeutelten Dienstleistern und den unter großen Kostendruck stehenden Industrieunternehmen womöglich leichter als in der Vergangenheit fallen, ihre Verkaufspreise anzupassen. Ein gewisser gegen läufiger Effekt könnte aber wiederum durch zusätzliches „Angstsparen" im Rah men der erhöhten geopolitischen Risiken kommen. Und schließlich dürften auch bei einer zunehmenden Verfestigung des gegenwärtigen Inflationsbuckels (und einer weiter voranschreitenden Wirtschaftserholung) die Gewerkschaften auf höhere Tariflohnabschlüsse hinwirken, um zumindest Reallohneinbußen entge genzuwirken. 12 Allerdings zeigt sich zumindest bis dato (Tariflohnsteigerung von 1,5% im Jahresdurchschnitt 2021) noch keine Preis-Lohnspirale. Stattdessen sollte in der kurzen Frist ein wesentlich höherer Lohndruck von der für den 1. Oktober 2022 geplanten Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf dann EUR 12 je Stunde ausgehen, was auf eine deutliche Erhöhung des allgemeinen Mindestlohns um 25% binnen Jahresfrist hinausliefe und von welcher laut dem Bundesarbeitsministerium rund 6,2 Mio. Beschäftigte profitieren würden. Die di rekten Mehrkosten der Mindestlohnerhöhung belaufen sich für die Wirtschaft laut Bundesregierung auf schätzungsweise EUR 5,6 Mrd. im Jahr 2023 (siehe Gesetzesentwurf vom 23. Februar 2022). Die Deutsche Bundesbank hat kürzlich die unmittelbaren (höhere Bezahlung von Mindestlohnempfängern) und mittelbaren (Ausstrahleffekte auf darüber lie gende Lohngruppen) Auswirkungen der Mindestlohnanhebung auf die HVPI Inflationsrate im Rahmen ihres makroökonomischen Modells abgeschätzt (siehe Monatsbericht vom Februar 2022). Auch wenn der von der außerplanmäßigen Anhebung des Mindestlohns ausgehende Preisniveaueffekt laut den Berech nungen der Deutschen Bundesbank im nächsten Jahr noch vernachlässigbar sein dürfte (+0,06 Pp.), würde dieser Effekt mit der Zeit ansteigen, um schon im Jahr 2024 bei geschätzt +0,14 Pp. zu liegen. Nach vier Jahren dürfte sich der 11 Dieser Wert ergibt sich aus der Differenz zwischen der tatsächlichen und der hypothetischen „normalen" Ersparnis (gemessen anhand des langfristigen Vor-Pandemie-Mittelwertes der sai sonbereinigten Sparquote) über den Zeitraum Q1 2020 bis Q4 2021. 12 Laut vorläufigen Ergebnissen der Vierteljährlichen Verdiensterhebung des Statistischen Bundes amtes gingen die Reallöhne im Jahr 2021 geringfügig um 0,1% zurück. Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 16 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Preisniveaueffekt laut Bundesbank schließlich auf rund +0,25 Pp. belaufen. Die Notenbank gibt jedoch gleichsam zu bedenken, dass es aufgrund der frühzeiti gen Ankündigung der Mindestlohnerhöhung zu einer zügigeren Lohn-Preiswei tergabe kommen könnte und die davon betroffenen Unternehmen den (Min dest-) Lohnkostendruck im gegenwärtigen Inflationsumfeld in einem größeren Maße überwälzen könnten als es die Vergangenheit bzw. das makroökonomi sche Modell nahelegen würden. Zusammen mit der rapiden Alterung der Bevöl kerung (demografischer Kipppunkt ab Mitte der 2020er Jahre) dürfte der außer planmäßige Mindestlohnanstieg schließlich auch zu einem mittelfristig höheren Lohn-/Kerninflationstrend führen. Ebenso könnte eine Verfestigung der hohen Inflation schon bald den politischen Druck erhöhen, den Mindestlohn aufgrund der inflationsbedingten Kaufkraftverluste noch weiter nach oben zu schrauben - was schließlich eine breite Signalwirkung für sämtliche darüber liegenden Lohn gruppen hätte - und schlimmstenfalls eine Lohn-Preisspirale in Gang setzen könnte. VPI - Jahresinflationsrate könnte 2022 auf rund 5 ½% hochschießen Im Moment spricht sehr viel für einen anhaltend hohen Inflationsdruck. Ange sichts der überraschend hohen Januar/Februar-Inflationszahlen und des anhal tend hohen angebots- und nachfrageseitigen Preisdrucks (Stichworte: hohe Energie-, Rohstoff- und Erzeugerpreise, Lieferkettenprobleme/Materialeng pässe, „Überersparnisse" der privaten Haushalte, außerplanmäßige Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns) haben wir unsere Prognose für die (jahres durchschnittliche) VPI-Inflationsrate auf 5 ½% abermals deutlich nach oben revi diert (von zuvor 4,2%). Unter der Annahme, dass die hartnäckigen Material knappheiten und globalen Lieferkettenprobleme sich im weiteren Jahresverlauf langsam zurückbilden dürften, erwarten wir nunmehr für 2022 eine Kerninflati onsrate in der Größenordnung von um die 3% (2021: 2,3%). Wie schon in 2021 dürften auch in 2022 stark steigende VPI-Energiepreise (insbesondere für Haushaltsenergie wie Gas, Strom und Heizöl) der Verbraucherpreisinflation kräftigen Auftrieb verleihen. Aufgrund der aktuellen Ölpreisrally auf über USD 100 pro Fass (Brent) sowie der auf der Erzeugerseite stark gestiegenen Erdgas- und Strompreise gehen wir nunmehr davon aus, dass die VPI-Energiepreise im Jahr 2022 mit bis zu 25% insgesamt noch deutlich stärker steigen dürften als im Vorjahr (2021: +10,5%). Dies basiert auf den Annahmen, dass sowohl der Roh ölpreis (Brent) auf dem aktuell hohen Niveau verbleibt als auch bei Gas/Elektri zität der Kostenüberwälzungsprozess von der Produzenten- auf die Verbrau cherpreisebene bei Weitem noch nicht abgeschlossen ist. Auch von den VPI Nahrungsmittelpreisen - die deutlich mehr als 6% steigen könnten - sollten in 2022 ein im Vergleich zum Vorjahr deutlich größerer Effekt auf die Jahresinflati onsrate ausgehen (2021: Preisanstieg von 3,2% bzw. Inflationsbeitrag von 0,27 Pp.). Mit Blick auf das unterjährige (monatliche) Inflationsprofil dürfte die Jahresteue rungsrate (unter den oben beschriebenen Rahmenbedingungen) bis zum Jah resende 2022 bei Werten von deutlich über 5% liegen und erst zum Jahresan fang 2023 wieder unter die 5%-Schwelle fallen. Im Jahresverlauf 2023 dürfte sich die Headline-Inflationsrate wieder allmählich zurückbilden. Angesichts all mählich abnehmender Basiseffekte könnte die Inflationsrate unserer Einschät zung nach bis zum Dezember 2023 wieder auf Werte von um die 2 ½% absin ken. Dies würde aber immer noch auf eine jahresdurchschnittliche Inflationsrate von deutlich mehr als 3% im Jahr 2023 hinauslaufen. Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 17 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Ein weiterer schwerer Gas - /Ölpreisschock könnte die Inflationsrate sogar auf bis zu 7% hochkatapultieren Insgesamt dürfte die weitere Inflationsentwicklung in den Jahren 2022/2023 sehr stark mit der weiteren - höchst unsicheren und volatilen - Energiepreisent wicklung verknüpft sein. Auf der einen Seite könnte eine weitere schockartige Verteuerung von Gas und Öl (z.B. aufgrund zunehmender globaler Energie- angebotsengpässe) die deutsche Inflationsrate - unter Berücksichtigung der di rekten und indirekten Effekte - im Jahresdurchschnittswert 2022 sogar auf ei nen Wert in der Größenordnung von bis zu 7% (schwerer Öl- und Gaspreis Schock) steigen lassen (siehe auch Focus Europe: Russia/Ukraine: Assessing the risks to the European economy vom 15. Februar 2022). Darüber hinaus könnte sich im Fall einer vollständigen und dauerhaften Lieferunterbrechung russischer Energieexporte in den Westen ein kaum abschätzbares Inflationsri siko materialisieren. Auf der anderen Seite könnten die Gas- und Ölpreise unerwartet nachgeben (z.B. aufgrund erfolgreicher Deeskalationsschritte zwischen Russland und der Ukraine) und damit die deutsche VPI-Inflationsrate im Jahresdurchschnitt 2022 womöglich doch unterhalb von 5% liegen. Schließlich könnte die deutsche Re gierung auch dazu übergehen, (weitere) Maßnahmen zur Minderung des Ener giepreisanstiegs zu ergreifen (wie z.B. eine Reduzierung des Mehrwertsteuer satzes auf Energieprodukte oder eine Absenkung der Stromsteuer), die den erwarteten Inflationsanstieg begrenzen könnten. Sebastian Becker (+49 69 910-21548, sebastian-b.becker@db.com) Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 18 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Arbeitsmarkt hält Erholungskurs - Trotz pandemiebedingter Wachstumsdelle im Winterhalbjahr 2021/22 setzte der deutsche Arbeitsmarkt seine Erholung fort. Die saisonbereinigte Arbeits losenquote strebt zügig auf ihr Rekordtief von 4,9% (Apr. 2019) zu. - Der kontinuierliche Beschäftigungsaufbau und die Sicherung von Arbeits plätzen durch die Kurzarbeit sind das Fundament der sehr guten Arbeits marktentwicklung. Dank eines Höchststands offener Stellen, könnte die so zialversicherungspflichtige Beschäftigung im Jahresdurchschnitt 2022 er neut um 1% zulegen und die Arbeitslosenquote auf 5% zurückgehen. - Im Jahr 2022 dürften die Tariflöhne um rund 2,5% zulegen, da die Dynamik von laufenden Verträgen bestimmt wird. Die Effektivverdienste könnten aber knapp 4% zulegen, getrieben durch Sonderleistungen, den Rückgang der Kurzarbeit und die Anhebung des Mindestlohns. Omikron - Welle wirft deutschen Arbeitsmarkt nicht aus der Bahn Trotz der pandemiebedingten Wachstumsdelle im Winterhalbjahr 2021/22 setzte der deutsche Arbeitsmarkt seine Erholung fort. Die saisonbereinigte Arbeitslo senzahl sank bis Februar auf rund 2,312 Mio. und strebt bislang zügig auf ihr Rekordtief von 2,217 Mio. (Apr. 2019) zu. Allein im H2 2021 ergab sich ein Rückgang von knapp 290.000. Eine ähnlich dynamische Phase gab es zuletzt in H1 2008. Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote lag im Februar auch nur noch ein Zehntel %-Pkt. über ihrem Allzeittief von 4,9% (Apr. 2019). Unter vergleichs weise moderaten Annahmen dürfte die Quote im Jahresmittel 2022 auf 5,0% fallen und könnte in 2023 sogar knapp unter diese Marke zurückgehen. Maßgeblich für die gute Entwicklung ist das Zusammenspiel von Beschäfti gungsaufbau und Kurzarbeit. Letztere legte in den zurückliegenden Wintermo naten erneut zu, jedoch fiel die Ausweitung weit geringer aus als im Winter 2020/21. Unter Berücksichtigung der letzten Schätzwerte des ifo Instituts dürfte die realisierte Kurzarbeit zu Jahresbeginn wieder auf knapp 1 Mio. angestiegen sein. Das würde seit Dezember 2021 einem Anstieg von gut 346.000 Personen entsprechen, verglichen mit gut 1,3 Mio. in der Vergleichsperiode. Vor diesem Hintergrund ist die Kritik an der erneuten Verlängerung der pandemiebedingten Sonderregelungen bis Ende Juni 2022 nicht überraschend. Potenzielle Auswirkungen der Kriegshandlungen in der Ukraine auf den deut schen Arbeitsmarkt Kurzfristig könnte sich der Krieg in der Ukraine vor allem auf die Entwicklung der Kurzarbeit in Deutschland auswirken, da Industrieunternehmen mit zusätzlichen Zulieferschwierigkeiten konfrontiert sind. Das Kapitel zur Industrieproduktion widmet sich diesem Kontext ausführlicher. Erste Meldungen zu Produktionsaus fällen und damit verbundener Kurzarbeit kamen bereits von einigen Kfz-Produ zenten. Für die Arbeitslosigkeit und den Beschäftigungsaufbau dürfte in der ersten Jah reshälfte 2022 aber vor allem die Pandemieentwicklung bestimmend sein. Die Lockerung der Beschränkungen in den meist sehr personalintensiven Branchen wird den positiven Trend vorerst weiter stützen. Für Schutzsuchende aus dem Kriegsgebiet wurde am 4. März die EU - Richtlinie für den Fall eines „Massenzustroms von Vertriebenen aus der Ukraine" in Kraft 4,5 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 400 450 500 550 600 650 700 750 800 850 900 15 16 17 18 19 20 21 Offene Stellen (links) Arbeitslosenquote (rechts) '000 % Deutscher Arbeitsmarkt: Anhaltende Erholung, offene Stellen auf Rekordniveau 1 Quelle: Bundesagentur für Arbeit - 1 2 3 4 5 6 Q4 22 Q3 22 Q2 22 Q1 22 Q4 21 Q3 21 Q2 21 Q1 21 Q4 20 Q3 20 Q2 20 Q1 20 Prognose Mio. Kurzarbeit im Winter 2021/22 wieder leicht angestiegen 2 Quellen: Bundesagentur für Arbeit, ifo Institut, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 19 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland gesetzt. 13 Sie müssen als Kriegsflüchtlinge kein Asylverfahren durchlaufen. Zwar verbindet sich damit auch eine unmittelbare Arbeitserlaubnis, da aber zur zeit vor allem Frauen mit z.T. sehr jungen Kindern bzw. ältere Personen aus dem Kriegsgebiet zuwandern, sind kurzfristig wenig Arbeitsmarkteffekte zu er warten. Mittelfristig dürften sich die Zuwanderer aus dem Kriegsgebiet am d eutschen Er werbsleben beteiligen. Angesichts der üblichen Such - und Integrationsfriktionen könnte dies den allgemeinen Rückgang der Arbeitslosigkeit verlangsamen. Die Beschäftigungsquote von bereits in Deutschland lebenden ukrainischen Staats bürgern deutet aber auf eine vergleichsweise gute Arbeitsmarktperspektive hin. Im Kapitel zur Migration werfen wir einen näheren Blick auf diesen Kontext. Langfristig dürfte der deutsche Arbeitsmarkt von den zusätzlichen Arbeitskräften profitieren. Fortgesetzter Beschäf tigungsaufbau im laufenden Jahr Während die Kurzarbeit bestehende Arbeitsplätze sicherte, vollzog sich im ver gangenen Jahr ein nahezu kontinuierlicher Beschäftigungsaufbau. In saisonbe reinigter Rechnung erklomm die sozialversi cherungspflichtige Beschäftigung seit Juni 2021 immer neue Höchstwerte. Im Dezember lag sie bei 34,27 Mio. (akt. Daten) und damit gut 1,3% über dem Vor - Pandemie - Niveau. Im Jahres durchschnitt 2021 dürfte sich ein Zuwachs von etwa 0,9% ergeben. Der Beschäftigungsaufbau dürfte auch im laufenden Jahr voranschreiten. Ein Indiz dafür ist das im Februar erreichte Allzeithoch an gemeldeten offenen Stel len (851.000). Aber auch die gängigen Frühindikatoren von ifo und IAB sowie die entsprechenden Kompone nten der Einkaufsmanagerindizes signalisieren ei nen fortgesetzten Aufwärtstrend. Zudem dürfte das zu erwartende Wegfallen pandemiebedingter Einschränkungen den Stellenaufwuchs vor allem bei Dienst leistungs - und Tourismusunternehmen beleben. Alles in allem könnte die sozial versicherungspflichtige Beschäftigung im Jahresdurchschnitt 2022 um weitere 360.000 Stellen (+1%) zulegen. Dazu dürfte auch die Erholung der Zuwande rung von Arbeitskräften beitragen, die zuletzt durch die Pandemie gedämpft wurde. Der kräf tige Aufwärtstrend in der Beschäftigungsentwicklung geht einher mit ei ner deutlichen Strukturverschiebung. In der Metall - , Elektro - und Stahlindustrie 13 Nach den ansonsten geltenden Regelungen wird Asylbewerbern frühestens nach drei Monaten der Zugang zum Arbeitsmarkt möglich. Die Frist für Eltern beläuft sich auf sechs (minderjährige Kinder) bzw. neun Monate (ältere Kinder). Vgl. Asylgesetz (AsylG) § 61 Erwerbstätigkeit. -0,2 0,3 0,8 1,3 1,8 Wanderungssaldo Fortzüge in das Ausland Zuzüge aus dem Ausland 2021: Summe Monatsmeldungen Ausländerzentralregister Mio. Deutscher Wanderungssaldo in 2021 etwa auf Vor - Pandemie - Niveau 3 Quellen: Statistisches Bundesamt, BVA Ausländerzentralregister -4,5 -2,5 -0,5 1,5 3,5 16 17 18 19 20 21 IAB-Arbeitsmarktbarometer (Komponente A: Arbeitslosigkeit) ifo-Beschäftigungsbarometer PMI Beschäftigungskomponente Standardisierte Werte Arbeitsmarktfrühindikatoren deuten auf anhaltend positive Entwicklung 5 Quellen: ifo Institut, IAB, IHS Markit, Deutsche Bank Research 129 122 118 110 96 91 86 71 61 19 - 62 - 122 -140 -90 -40 10 60 110 Gesundheitswesen Öffentl. Dienst Qualifizierte Unternehmensdienstl. Pflege u. Soziales Handel, Instandhaltung v. Kfz Baugewerbe Information und Kommunikation Erziehung u. Unterricht Verkehr u. Lagerei Arbeitnehmerüberlassung Gastgewerbe Metall-, Elektro- u. Stahlindustrie Verschiebung en in der Beschäftigungsstruktur 4 Quelle: Bundesagentur für Arbeit Veränderung Dez 2021 gg. Jan 2020, in Tausend Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 20 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland entfielen während der Pandemie knapp 120.000 Stellen. Dafür dürfte vor allem der grundlegende Strukturwandel in diesen Bereichen verantwortlich sein. In diesem Kontext ist der Beschäftigungsaufbau bei der Arbeitnehmerüberlassung und den Unternehmensdienstleistern bemerkenswert. Die Stärke dieser Berei che dürfte auch von der notwendigen Flexibilisierung während der Transforma tion in der Industrie herrühren. Der kräftige Zuwachs rund um Gesundheit und Pflege verwundert kaum und dürfte angesichts des demografischen Wandels auch von Dauer sein. Nicht zuletzt, weil die Nachfrage nach Wohnimmobilien auch während der Pandemie stark blieb, konnten im Baugewerbe kräftig Stellen aufgebaut werden, obwohl die Zuwanderung von Arbeitskräften zwischenzeitlich erschwert war. Erwerbstätigkeit mit Aufholpotenzial, Mindestlohn könnte Minijobs bremsen Auch wenn sich die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung kräftig erholt hat, liegt die saisonbereinigte Erwerbstätigenzahl mit 45,3 Mio. (Jan. 2022) noch knapp ¼% unter dem Höchstwert aus dem Februar 2020. Die Lücke ist auf den Rückgang der Zahl der Selbstständigen (21Q4: -4,8% gg. 19Q4) und den pan demiebedingten Einbruch bei den geringfügig entlohnten Beschäftigten (Dez 2021: -8,8% gg. Feb. 2020) zurückzuführen. Trotz der von uns erwarteten Kon junkturerholung wird die Zahl der Selbstständigen kurzfristig kaum steigen. Zum einen dürfte die Pandemie trotz staatlicher Hilfen viele Geschäftsgrundlagen vernichtet haben und zum anderen verstärkte sie einen Abwärtstrend, der be reits seit knapp zehn Jahren anhält. Hier wirkt sich auch der Faktor Demografie aus, denn vielfach mangelt es bereits an personeller Unternehmensnachfolge. Hingegen dürfte die geringfügig entlohnte Beschäftigung - sog. Minijobs - ab dem Frühjahr wieder expandieren. Dem Vorjahresmuster folgend sollten die Verbesserung der Pandemielage und die damit verbundenen Lockerungen ins besondere im Gastgewerbe, im Handel und bei den personenbezogen Dienst leitungen zu mehr Einstellungen führen. Im Jahresdurchschnitt 2022 könnte die Erwerbstätigenzahl um knapp 500.000 Personen zulegen und damit auf gut 45,4 Mio. klettern (+1,1%). Sie würde dann etwa 145.000 über dem bisherigen Höchststand aus dem Jahr 2019 liegen. Die nun beschlossene sprunghafte Anhebung des deutschen Mindestlohns von derzeit EUR 9,82 auf EUR 12 zum 1. Oktober (Zwischenschritt im Juli auf EUR 10,45) dürfte aber die Erholung der Minijobs beschränken. Mit der Erhöhung der monatlichen Entgeltgrenze auf EUR 520 soll einem möglichen Anreiz zur Redu zierung von Arbeitsstunden entgegengewirkt werden. Die höheren Lohnkosten könnten aber dafür sorgen, dass diese Beschäftigungsverhältnisse nicht im sel ben Maße aufgebaut werden, wie sie im Pandemieverlauf verloren gingen. Das dürfte umso eher gelten, wenn (potenzielle) Arbeitgeber den Lohnkostenanstieg nicht umfänglich weitergeben können bzw. nicht auf Marge verzichten wollen. 14 Angesichts des aktuellen Inflationsumfeldes könnte auch bei den Konsumenten die Akzeptanz von Preisanhebungen begrenzt sein, sodass sie mit Nachfrage einschränkung reagieren würden. Ein solcher Trend dürfte zum Beispiel im Gast- und Tourismusgewerbe schnell sichtbar werden, wie auch bei vielen Handwerksdienstleistungen. Einige Skepsis ist angebracht, wenn zum Vergleich auf die scheinbar geringen Beschäftigungseffekte nach der Mindestlohneinführung im Jahr 2015 15 verwie sen wird. Vielfach wurden entsprechende Arbeitsverhältnisse zwar beibehalten, 14 Link, Sebastian (2018). The price and employment response of firms to the introduction of mini mum wages. CESifo working paper no. 7575. 15 Für einen erörternden Überblick, vgl. Knabe, Andreas, Ronni Schöb und Marcel Thum (2020). Bi lanz nach fünf Jahren: Was hat der gesetzliche Mindestlohn gebracht? ifo Schnelldienst 4 / 2020 73. Jahrgang 15. April 2020. Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 21 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland aber die geleisteten Stunden reduziert 16 oder der Mindestlohn wurde erst einmal gar nicht berücksichtigt. Zum anderen unterscheidet sich die Arbeitsmarktsitua tion, da die deutsche Volkswirtschaft damals erst am Beginn einer längeren Auf schwungphase stand. Lohnentwicklung im Umfeld steigender Verbraucherpreise Vor dem Hintergrund kräftig gestiegener Verbraucherpreise rückt die aktuelle Lohnentwicklung in Deutschland in den Fokus. Neben anderen Faktoren könnte ein Zyklus überdurchschnittlicher Tariflohnabschlüsse eine Lohn-Preis-Spirale einläuten und damit einen dauerhafteren Preisauftrieb befeuern. Angesichts der Kündigungstermine können aber vor allem viele große Tarifbe reiche nicht zeitnah auf die aktuelle Inflationsentwicklung reagieren. Der jahres durchschnittliche Tariflohnanstieg dürfte in 2022 bei rund 2,5% liegen, denn der Löwenanteil der Dynamik wird von bereits laufenden Verträgen bestimmt. Im Umkehrschluss lässt dies aber kräftige Nachholeffekte im Jahr 2023 erwarten. Das verdeutlicht ein Blick auf Gewerkschaftsforderungen in der jüngeren Ver gangenheit, die zwar mit Verzögerung, aber dennoch spürbar auf höhere Inflati onsraten reagierten. Zudem dürfte sich die außerordentliche Anhebung des Mindestlohns auf EUR 12 auch auf das untere Tariflohngefüge auswirken. Da her dürfte in den nächsten Tarifverhandlungen auch der Abstand der unteren Lohngruppen zum Mindestlohn eine Rolle spielen und für zusätzlichen Lohn druck sorgen. Auch wenn aktuell noch keine Lohn-Preis-Spirale wahrnehmbar ist, dürfte schon die mittelfristige Abfolge der Verhandlungen den Lohndruck aufrechterhalten. Hinzu kommt, dass für die Lohnkosten letztendlich die tatsächlich gezahlten Entgelte - die Effektivlöhne - bestimmend sind. Durch übertarifliche Sonderleis tungen sowie den Rückgang der Kurzarbeit und die Anhebung des Mindest lohns dürften die Effektivverdienste im laufenden Jahr knapp 4% zulegen. Die Lohndrift legt deutlich zu. Tarifabschluss in der Chemischen Industrie könnte Signalwirkung haben Die Gewerkschaft IG BCE hat jüngst ihre Forderungen für die rund 580 Tsd. Ta rifbeschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie beschlossen. Auf eine konkrete prozentuale Forderung hat man sich nicht festgelegt, aber ihr Ver handlungsführer strebt ein „…Plus oberhalb der Teuerungsrate…" 17 an. Zudem sollen unter anderem die Nachtschichtzuschläge einheitlich auf 25% erhöht wer den. Ein Verhandlungsergebnis dürfte nicht vor April erreicht werden, da die erste Verhandlungsrunde auf Bundesebene am 21. März stattfinden soll. Die Ar beitgeberseite könnte einen Anreiz für eine vergleichsweise schnelle Einigung haben, um streikbedingte Störungen in der Produktion zu vermeiden, sodass ein Abschluss in Höhe von 4 bis 5% zustande kommen könnte. Andere Tarifbe reiche dürften sich am Ergebnis dieser Verhandlungen orientieren. Gleichwohl dürfte die unterschiedliche Betroffenheit von branchenspezifischen Strukturver änderungen das Thema Arbeitsplatzsicherheit mehr oder weniger in den Vor dergrund rücken. Die hohe Nachfrage nach Fachkräften stärkt die Position der Arbeitnehmer. Ein Trend der sich angesichts der demografischen Entwicklung mittelfristig noch verstärken dürfte. 16 Burauel, Patrick, Marco Caliendo, Markus M. Grabka, Cosima Obst, Malte Preuss und Carsten Schröder (2020). The impact of the minimum wage on working hours. Jahrbücher für National ökonomie und Statistik 240(2-3), 233-267. 17 https://www.zeit.de/news/2022-02/22/gewerkschaft-will-tarifplus-oberhalb-der-teuerungsrate 0 1 1 2 2 3 3 4 2 3 4 5 6 7 8 05 07 09 11 13 15 17 19 21 Gewerkschaftsforderungen (Mittelwert), 1J verzögert VPI Lohnforderungen der Gewerkschaften orientieren sich an Inflationsentwicklung 6 % % Quellen: WSI Tarifarchiv, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 22 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Weitere Schwergewichte der Verhandlungsrunde des laufenden Jahres sind die Metall- und Elektroindustrie (3,8 Mio.), der Öffentliche Dienst von Bund und Ge meinden (2,7 Mio.) und die Zeitarbeitsfirmen (835 Tsd.). In den letztgenannten Tarifbereichen enden die bisherigen Verträge erst im September bzw. Dezem ber. Vor allem im Öffentlichen Dienst und im Bereich der Zeitarbeit ist ein Ab schluss daher erst zu Beginn des kommenden Jahres zu erwarten. Marc Schattenberg (+49 69 910-31875, marc.schattenberg@db.com) Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 23 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Deutschland vor weiterer Flüchtlingswelle - Laut UNHCR sind rund 4 Mio. ukrainische Flüchtlinge zu erwarten. Deutsch land könnte sich aufgrund europäischer Regelungen womöglich bereit erklä ren, rund eine 1 Mio. Schutzsuchende aufzunehmen. - Ukrainische Flüchtlinge treffen in Deutschland auf eine große Zahl an Ukrai nern, da sich bereits seit der deutschen Wiedervereinigung eine nennens werte Zuwanderung aus dieser Region vollzogen hat. Zusammen mit der spürbaren Solidarität in der deutschen Bevölkerung könnte eine Integration in die Gesellschaft und Wirtschaft zügig erfolgen. - Die Arbeitslosenrate könnte temporär steigen. Der hohe Arbeits- und Fach kräftemangel dürfte jedoch zu einer schnellen Absorption des zusätzlichen Arbeitsangebots führen. Langfristig könnte die Erwerbsbevölkerung durch die Zuwanderung aus der Ukraine um rund 250.000 Personen zulegen. - Die öffentlichen Defizite in den Jahren 2022 und 2023 könnten sich auf grund der zusätzlichen Sozialausgaben kurzfristig um 0,2 %-Punkte relativ zum BIP erhöhen. Gelingt eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt, be stehen langfristig gute Chancen, dass die Zuwanderer zur fiskalischen Kon solidierung beitragen. Deutschland könnte wohl in etwa 1. Mio. Flüchtlinge aufnehmen Aktuell sind rund 1 Mio. Menschen aus der Ukraine geflüchtet. Das UNHCR rechnet mit 4 Mio. Flüchtlingen. Davon dürften die meisten versuchen, in die EU zu gelangen. In dieser historischen Stunde signalisieren alle EU-Länder eine hohe Bereitschaft zu helfen. Typischerweise nehmen die direkten Nachbarlän der die meisten Menschen aus einem Kriegsgebiet auf, also in diesem Fall die EU-Staaten Polen, Rumänien, die Slowakei und Ungarn. Hierfür sprechen nicht nur die Nähe zur Heimat, sondern auch geringere sprachliche Hürden als in Westeuropa. Das lässt sich auch deutlich an der Verteilung der erstmaligen Auf enthaltstitel der EU im Jahr 2020 an ukrainische Staatsbürger ablesen. 490.000 der 601.000 Aufenthaltstitel erteilte Polen. Angesichts des zu erwartenden Flüchtlingsstroms dürften die Anrainerstaaten jedoch bald überlastet sein. Auf EU-Ebene wird offenbar diskutiert, die Massenzustrom-Richtlinie aus dem Jahr 2001 zu aktivieren, die eine solidarische Verteilung innerhalb der EU vorsieht. Laut Medienberichten stand diese Richtlinie auf der Agenda des jüngsten EU Innenministertreffens am Donnerstag, 3. März 2022. Eine solidarische Verteilung könnte sich an Einwohnerzahl und Pro-Kopf-Ein kommen orientieren. Auf Deutschland würden demnach in etwa 1 Mio. ukraini sche Flüchtlinge entfallen. Auch im Vergleich zur Flüchtlingswelle während des Syrienkrieges und unter Berücksichtigung der höheren Einwohnerzahl der Ukra ine sowie der großen Nähe erscheint diese Zahl plausibel. Im Zeitraum von 2011 bis 2020 nahm Deutschland rund 680.000 Syrer auf. Syrien hatte zu Kriegsbeginn rund 22 Mio. Einwohner, die Ukraine dagegen mehr als 41 Mio. Auch die deutlich geringere räumliche Distanz der Ukraine im Vergleich zu Sy rien - die ukrainische Grenze ist nur rund 700 km von der deutschen Grenze entfernt - spricht für eine hohe Zuwanderung. 0 100 200 300 400 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 2011 - 2020 Nettozuwanderung aus Syrien 1 in '000 Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 24 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Zuwanderung vor allem von Frauen, Rentnern und Kindern Aufgrund der Mobilmachung der Streitkräfte dürfen 18-60-jährige Männer die Ukraine nicht verlassen. Unter Berücksichtigung dieser Regelung und basierend auf der Bevölkerungsverteilung in der Ukraine dürften 75% der Flüchtlinge weib lich sein. Zum Vergleich: Während der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 lag der An teil der weiblichen Flüchtlinge bei lediglich rund 25%. Die Gruppe der 18- bis 60 Jährigen macht demnach auch ohne Männer mit mehr als 40% den Hauptanteil der Flüchtlinge aus, ein Viertel dürften unter 18-jährige und ein Drittel über 60jährige Personen sein (siehe Grafik 2). Unterstellt man eine Zuwanderung von 1 Mio., dann werden im Jahr 2022 vermutlich rund 200.000 Schüler und Kindergartenkinder und mehr als 300.000 Rentner einwandern. Im arbeitsfähi gen Alter dürfte rund eine halbe Million Menschen sein. Die hohe Zahl der Kin der und Jugendlichen verlangt nach Betreuungs- und Ausbildungsmöglichkei ten, damit den Eltern die Integration in den Arbeitsmarkt gelingen kann. Relativ leichte Integration in deutsche Gesellschaft und Wirtschaft Die Integration der Flüchtlinge aus der Ukraine dürfte angesichts der aktuell ho hen Solidarität in Deutschland gelingen. Eine besonders positive Rolle könnten auch die bereits hier lebenden Ukrainer spielen. Die Nettomigration aus der Uk raine lag in der letzten Dekade bei durchschnittlich rund 6.100 Personen pro Jahr. Aufgrund des Ukraine-Krieges lag der Höhepunkt bei über 10.000 pro Jahr in der Mitte des letzten Jahrzehnts. Als Folge der Spätaussiedlerregelungen lag die Nettozuwanderung Anfang der 2000er Jahre noch höher. Daher lebten in Deutschland im Jahr 2020 mehr als 140.000 Ukrainer und die Zahl der sozial versicherungspflichtig beschäftigten Ukrainer lag bei 54.300. Zudem dürfte es viele weitere Tausende von Deutschen mit ukrainischem Migrationshintergrund geben. Daher könnte in vielen Städten bereits ein Netzwerk von Ukrainern be stehen, sodass die Neuankömmlinge schnell eine Brücke in die deutsche Ge sellschaft und Wirtschaft finden könnten. Gute Arbeitsmarktchancen für ukrainische Flüchtlinge Die Beschäftigtenquote 18 der hier arbeitenden Ukrainer liegt bei über 50% und damit deutlich unter der Quote der Deutschen, die bei knapp 70% liegt. Jedoch liegt die Akademikerquote bei über 40% gemessen an den sozialversicherungs pflichtig und geringfügig Beschäftigten und damit mehr als doppelt hoch wie die 19% der Deutschen. Die hohe Quote spiegelt vermutlich wider, dass Arbeitneh mer aus einem Nicht-EU-Land mit höherem Bildungsabschluss leichter einen Job finden als solche mit niedrigerem Bildungsabschluss. Entsprechend über zeichnet diese Quote vermutlich den durchschnittlichen Bildungsstand der Flüchtlinge. Andererseits lässt sie eine relative zügige und erfolgreiche Integra tion für viele Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt erwarten, wenn diese dauerhaft bleiben. Die positiven Aussichten verdeutlicht auch die Gegenüberstellung der hohen Beschäftigten- und Akademikerquoten von ukrainischen im Vergleich zu den sy rischen Flüchtlingen (Grafik 4). Mit dem Zustrom in den Arbeitsmarkt könnte sich anfangs die Arbeitslosenrate womöglich leicht erhöhen. Angesichts der ho hen Zahl von offenen Stellen dürfte die Arbeitslosenrate vermutlich aber nur ge ringfügig um wenige Zehntelprozentpunkte steigen, bevor sie angesichts der gu ten Binnenkonjunktur wieder fällt und in den nächsten Jahren Vollbeschäftigung erreicht. Unterstellt man für die rund eine halbe Mio. Flüchtlinge im erwerbsfähi 18 sozialversicherungspflichtig, inkl. ausschließl. geringfügig Beschäftigte 0 10 20 30 40 50 -18 60+ -18 18-60 60+ Männlich Weiblich in % aller Flüchtlinge Vermutete Verteilung der ukrainischen Flüchtlinge nach Geschlecht und Altersgruppe 2 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research 0 20 40 60 Syrien Ukraine Beschäftigtenquote: Ukrainer im Vergleich zu Syrern 3 Quellen: Ausländerzentralregister, Deutsche Bank Research in % relativ zur Anzahl der in Deutschland lebenden jeweiligen Gruppe von Ausländern 0 25 50 75 100 Syrien Ukraine Berufliche Ausbildung Akademikerquote ohne Abschluss Ohne Angaben Ausbildung der Ukrainer im Vergleich zu Syrern 4 in % der sozialversicherungspflichtig und der geringfügig Beschäftigten Quellen: Arbeitsagentur, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 25 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland gen Alter eine langfristige Beschäftigtenquote von 50%, dann stünden dem Ar beitsmarkt zusätzlich 250.000 Erwerbstätige oder ein Plus von rund 0,6% relativ zum aktuellen Niveau zur Verfügung. Staatshaushalt: kurzfristig höhere Defizite, langfri stig höhere Über schüsse dank Arbeitsmarktintegration Die relativ guten Arbeitsmarktchancen lassen auch vermuten, dass diese Zu wanderung langfristig einen positiven Effekt auf den Staatshaushalt haben könnte. 19 In den ersten Jahren wird es aber sicherlich zu einer Belastung kom men. Während der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 lagen seriöse Kostenschät zungen zwischen rund EUR 1.000 und EUR 1.700 pro Monat pro Flüchtling. 20 Würden in den nächsten zehn Monaten durchschnittlich 100.000 weitere Flücht linge nach Deutschland kommen, wären somit zusätzliche Sozialausgaben von rund EUR 5,5 Mrd. bis EUR 9,4 Mrd. im Jahr 2022 zu erwarten. Gelingt die In tegration in den Arbeitsmarkt zügig, dann könnte ein ähnlich hoher Betrag im Jahr 2023 fällig werden. In beiden Jahren würden die Defizite relativ zum BIP damit um rund 0,2 %-Punkte steigen. Ohne jegliche Integration in den Arbeits markt lägen die Kosten im Jahr 2023 wohl zwischen EUR 12 Mrd. bis maximal EUR 20 Mrd. und das zusätzliche Defizit bei bis zu 0,5 %-Punkten. Migration aus Russland und Belarus In den letzten zwanzig Jahren folgte das Muster der Zuwanderung aus Russ land und Belarus typischerweise dem der Ukraine. Zudem könnten die Sanktio nen, hohe Inflationsraten, Bank runs sowie die damit verbundenen finanziellen und wirtschaftlichen Engpässe in beiden Ländern Flüchtlingsströme verursa chen. Andererseits könnte die Ausreise aus diesen Ländern erschwert sein. Ebenso ist die Reaktion der EU unklar. So unterscheiden sowohl Politiker in den EU-Staaten als auch die Gesellschaft klar zwischen den Eliten beider Staaten und der Bevölkerung. Somit besteht grundsätzlich wohl eine hohe Bereitschaft zu helfen. Jedoch könnten angesichts der ukrainischen Flüchtlingswelle viele Länder an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Zudem besteht das Risiko, dass mit solchen Flüchtlingsbewegungen die politischen Konflikte in die EU getragen werden. Die Willkommenskultur könnte dann schnell kippen. Wie hoch die Zu wanderung aus beiden Ländern ausfällt, bleibt daher unklar. Marc Schattenberg (+49 69 910-31875, marc.schattenberg@db.com) Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) 19 Bonin, Holger (2016). Gewinne der Integration Berufliche Qualifikation und Integrationstempo ent scheiden über die langfristigen fiskalischen Kosten der Aufnahme Geflüchteter. böll.brief #1, TEILHABEGESELLSCHAFT, April 2016. 20 https://www.iwd.de/artikel/was-kostet-die-fluechtlingshilfe-256373/ 0 10 20 30 40 50 00 05 10 15 20 Ukraine Russland Belarus 2000 - 2020 Nettozuwanderung 5 in '000 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 26 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Verarbeitendes Gewerbe: Höhere Energiepreise sind schmerzhafter als Wirtschaftssanktionen - Die Eskalation des Krieges in der Ukraine hat sich bereits stark auf die welt weiten Energiepreise ausgewirkt. Eine physische Verknappung der Gasver sorgung (bei geringeren Gasimporten aus Russland) würde vor allem die energieintensiven Industrien in Deutschland treffen. Die EU und andere Länder haben bereits wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland verhängt oder werden dies noch tun. Auch die Transportwege sind gestört. Dies wird sich auf das deutsche Verarbeitende Gewerbe auswirken. Dennoch ist die direkte Betroffenheit über das Exportgeschäft relativ gering. Der Maschinen bau hat den höchsten Handelsanteil mit Russland. Im Jahr 2021 gingen 3% aller deutschen Maschinenexporte nach Russland. Höhere Energiepreise und mögliche physische Engpässe bei der Energie- oder Metallversorgung oder andere Unterbrechungen der Lieferketten sowie negative Folgen für die Investitionsneigung und die wirtschaftliche Stimmung sind die weitaus größere wirtschaftliche Belastung für das deutsche Verarbeitende Gewerbe im Vergleich zu Verlusten bei den Exporten nach Russland. - Trotz des Krieges in der Ukraine rechnen wir mit einer Erholung der Indus trieproduktion in Deutschland. Sie wird jedoch im ersten Halbjahr 2022 sehr gedämpft ausfallen. Die Probleme mit Materialengpässen werden durch vo rübergehende Ausfälle der Arbeitskräfte in den Unternehmen aufgrund von Quarantäneauflagen für Mitarbeiter mit einer COVID-19-Infektion und mög licherweise durch Lieferprobleme aufgrund der Sanktionen gegen Russland verschärft werden. Die Dynamik dürfte ab dem 3. Quartal aufgrund abneh mender Lieferengpässe und eines hohen Auftragsbestandes stärker ausfal len. Insgesamt erwarten wir für 2022 einen Anstieg der Produktion des Ver arbeitenden Gewerbes in Deutschland um etwa 3% (Prognose von 5% ge senkt). Für 2023 rechnen wir mit einem Anstieg der Inlandsproduktion um 7%. Steigende Energiepreise waren schon vor der Invasion Russlands in die Ukrai ne die Hauptsorge der Industrien Die jüngste Eskalation des russischen Krieges gegen die Ukraine hat sich be reits auf die weltweiten Energiepreise ausgewirkt. Die Ölpreise haben inzwi schen die Marke von USD 110 überschritten, und die Gaspreise sind in den Ta gen nach der russischen Invasion in die Höhe geschnellt. Auch die Preise für Aluminium und andere Nichteisenmetalle sind gestiegen, da Russland ein wich tiger Akteur auf den internationalen Rohstoffmärkten ist. Deutschland bezieht 6% seiner Metallimporte aus Russland. Ein physischer Engpass bei der Gasver sorgung (im Falle geringerer Gaseinfuhren aus Russland) würde die energiein tensiven Industrien (Chemie, Metallerzeugung, Baustoffe) am stärksten treffen. Bei Metallen und anderen Zwischenprodukten wie Holz könnte der Krieg in der Ukraine die Unterbrechung der Lieferketten verlängern und verschärfen. Einige deutsche Automobilhersteller haben bereits angekündigt, dass die Produktion in einigen europäischen Fabriken für einige Zeit geschlossen werden muss, weil es an in der Ukraine hergestellten Produkten für die Automobilzulieferer man gelt. Dieser militärische Konflikt im Herzen Europas wird sich auch negativ auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen auswirken, obwohl die Bundesre gierung mit einer expansiven Fiskalpolitik (Ausgaben für die Verteidigung sowie für die alternative Energieversorgung) gegensteuern wird. Angesichts der erheblichen Preissteigerungen für Energie und Vorprodukte ver wundert es nicht, dass in einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) 85% der Industrieunternehmen die steigenden 0 20 40 60 80 100 120 140 20 21 22 Ölpreisschock nach der russischen Invasion in die Ukraine 1 Täglicher Ölpreis, Brent, USD pro Barrel Quelle: WEFA 50 100 150 200 250 300 350 20 21 22 Kupfer Aluminium Zinn Nickel Zink Starker Preisanstieg bei NE-Metallen 2 Tägliche Börsenpreise, 01. Januar 2020 = 100 Quelle: LME Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 27 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Energie- und Rohstoffpreise als derzeit größtes Risiko für ihre Geschäftsent wicklung bezeichneten; diese Umfrage wurde sogar noch vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine durchgeführt. In einem solchen Umfeld wird die Nach frage im Vergleich zu geopolitischen und Energiepreisrisiken weniger relevant. Deutsche Exporte nach Russland brechen 2022 ein Die EU und andere Länder haben wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland verhängt oder werden dies tun. Dies wird das deutsche Verarbeitende Gewerbe direkt (bilateraler Handel) und indirekt (Importe aus Drittländern, Investitionsnei gung, negative Auswirkungen auf den europäischen Logistiksektor) treffen. Als die EU 2014 ihre Sanktionen gegen Russland einführte, gingen die deutschen Exporte nach Russland 2014 um 18,4% und 2015 um fast 26% zurück. Der An teil Russlands an den deutschen Gesamtexporten schrumpfte von seinem Höchststand im Jahr 2012 (3,5%) auf 1,8% im Jahr 2016 und blieb danach recht stabil (2021: 1,9%). Die Auswirkungen der neuen Sanktionen auf die bilateralen Handelsbeziehungen sind angesichts der Ungewissheit über die weitere Ent wicklung des Krieges schwer zu quantifizieren. Ein Rückgang der deutschen Ex porte nach Russland um 75% oder mehr im Jahr 2022 wäre jedoch nicht überra schend. Einige Logistikunternehmen haben angekündigt, Transportkapazitäten von und nach Russland auf Eis zu legen. Andererseits könnten die deutschen Importe aus Russland, die von Energie do miniert werden, 2022 nominal sogar steigen, wenn mengenmäßig geringere Im porte durch höhere Energiepreise überkompensiert werden. Die deutschen Im porte aus Russland waren im Jahr 2021 aufgrund höherer Öl- und Gaspreise um 54,2% gestiegen. Ein Stopp der deutschen Gas- und Ölimporte aus Russ land und/oder ein russisches Verbot von Energieexporten nach Deutschland würden allerdings zu einem Rückgang der Gesamtimporte aus Russland führen. Dies ist ein großes Feld der Unsicherheit und hätte historische Dimensionen. Selbst in den heißesten Zeiten des Kalten Krieges hatte die ehemalige Sowjet union ihre vertraglichen Energielieferungen stets erfüllt. Betrachtet man die sektoralen Handelsbeziehungen, so ist die direkte Abhän gigkeit von den Ausfuhren nach Russland relativ gering. Von allen Industrie branchen ist der Maschinenbau am stärksten im Handel mit Russland engagiert. 3% aller deutschen Maschinenexporte gingen im Jahr 2021 nach Russland. Im Jahr 2012 lag der Anteil noch bei 5,1%. Damals war Russland der viertgrößte Exportmarkt für den deutschen Maschinenbau. Im Jahr 2021 liegt das Land nur noch auf Platz 10 und wird weiter an Boden verlieren. Letztlich sind höhere Energiepreise und mögliche physische Engpässe in der Energie- oder Metallversorgung die weitaus größere wirtschaftliche Belastung für das deutsche Verarbeitende Gewerbe im Vergleich zu den Exportverlusten nach Russland. Historische Lücke zwischen Aufträgen und Inlandsproduktion Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland ist 2021 real um 4,2% gestiegen. Damit sind die Verluste von 2020 (-9,6%) und 2019 (-4,2%) bei Weitem nicht aufgeholt. Die Produktionstätigkeit wird nach wie vor durch Unter brechungen der Lieferketten und Engpässe bei Vorleistungsgütern beeinträch tigt, die sich auf alle Industriebranchen ausgewirkt haben. Gleichzeitig hat sich die Nachfrage in den ersten drei Quartalen 2021 von dem Corona-Schock er holt. Trotz eines Rückschlags im 4. Quartal übertrafen die Gesamtaufträge das Vorkrisenniveau vom Februar 2020 um 6,5%. Im Gegensatz dazu war die Pro duktion im 4. Quartal um 7% niedriger als im Februar 2020. Damit war die Dis 60 70 80 90 100 110 120 16 17 18 19 20 21 22 Produktion Aufträge Verarbeitendes Gewerbe in DE, 2015=100 Quelle: Statistisches Bundesamt Lücke zwischen Produktion und Aufträgen noch immer groß 4 0 1 2 3 4 Maschinenbau Pharma Chemie Automobil Metallerzeugnisse Eletrotechnik Metalle Geringe Exportanteile Russlands 3 Anteil Russlands an deutschen Exporten nach Branchen, 2021, % Quelle: Statistisches Bundesamt 0 10 20 30 40 50 60 70 80 91 95 99 03 07 11 15 19 Quelle: ifo Institut Index* für Knappheit von Vorprodukten im Verarb. Gewerbe, DE, Anteil der Nennungen, % Materialknappheit nahe Rekordniveau 5 * Q4=Durchschnitt Januar u. Februar Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 28 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland krepanz zwischen den Aufträgen im Verarbeitenden Gewerbe und der inländi schen Produktion seit der Wiedervereinigung noch nie so groß wie in den letz ten 1 ½ Jahren. Angesichts der Störungen auf der Angebotsseite und der steigenden Nachfrage hat der Auftragsbestand in den letzten Monaten ein neues Rekordhoch nach dem anderen erreicht. Dieser Nachfrageüberhang wird die Produktionstätigkeit stützen, sobald die Störungen der Lieferkette nachlassen. Eine schnelle und umfassende Entspannung über alle Industriesektoren hinweg erwarten wir je doch nicht. Viele Vorleistungsgüter werden auch im ersten Halbjahr 2022 knapp bleiben, nicht zuletzt aufgrund des Krieges in der Ukraine, der zu weiteren Un terbrechungen der Handelsströme führt, z B. bei Lieferungen von China nach Europa über die „Neue Seidenstraße". In einigen Fällen (z.B. bei Halbleitern) könnten die Engpässe sogar noch länger andauern. Jüngste ifo-Erhebungen zeigen zudem, dass das Schlimmste in Bezug auf Lieferengpässe möglicher weise noch nicht überstanden ist. Im Februar 2022 stieg der Anteil der Unter nehmen des Verarbeitenden Gewerbes, die unter Engpässen bei Vorleistungs gütern leiden, auf 74,6%, nach 67,3% im Januar. Dies ist im historischen Ver gleich ein sehr hohes Niveau, auch wenn die Zahl unter dem Höchststand liegt, der im Dezember 2021 mit 81,9% erreicht wurde. Ein positives Zeichen ist, dass die Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe zu Beginn des Q1 2022 leicht gestiegen ist. Gedämpfte Erholung in H1 - stärkere Dynamik in H2 Wir gehen davon aus, dass die Erholung der Industrieproduktion in H1 2022 sehr gedämpft bleiben wird. Die Probleme mit Materialengpässen werden durch vorübergehende Störungen der Arbeitskräfte in den Unternehmen aufgrund von Quarantäneverpflichtungen für Mitarbeiter mit einer COVID-19-Infektion und möglicherweise durch Lieferprobleme aufgrund der Sanktionen gegen Russland noch verschärft werden. Ab dem 3. Quartal dürfte die Dynamik aufgrund der nachlassenden Lieferengpässe und des hohen Nachholbedarfs stärker sein. Voraussetzung dafür ist eine Deeskalation in der Ukraine. Insgesamt erwarten wir für das Jahr 2022 einen Anstieg der Produktion des Ver arbeitenden Gewerbes in Deutschland um etwa 3% (Prognose von 5% ge senkt). Für 2023 zeichnet sich ein Anstieg der Inlandsproduktion um 7% ab. Dieser basiert zu einem großen Teil auf dem statistischen Überhang Ende 2022. Da die Auftragseingänge, die im Verlauf von 2022 gezeichnet werden, zu den aktuellen Auftragsbeständen hinzukommen und die Lieferengpässe teilweise bestehen bleiben, könnte der statistische Auftragsbestand während des gesam ten Jahres 2022 hoch bleiben. Dies würde die Produktion bis weit in das Jahr 2023 hinein stützen. Auch höhere öffentliche Ausgaben in den Bereichen Vertei digung und Infrastruktur (alternative Energieversorgung und Klimaschutz, Digita lisierung) dürften dem Verarbeitende Gewerbe in Deutschland Impulse verlei hen. Jüngste Stimmungsindikatoren wie das ifo-Geschäftsklima zeigen, dass das Verarbeitende Gewerbe optimistischer geworden sei. Sowohl die Beurteilung der aktuellen Lage als auch die Geschäftserwartungen sind im Februar gestie gen. Die Exporterwartungen stabilisierten sich im positiven Bereich. Allerdings erfolgten die jüngsten ifo-Umfragen noch vor der Invasion Russlands in die Ukraine. Daher ist im März mit einem deutlichen Rückschlag des Geschäftskli mas zu rechnen. 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160 15 16 17 18 19 20 21 22 Index des Auftragsbestandes, Statistisches Bundesamt Auftragsbestand gegenüber dem Vormonat, ifo Institut Auftragsbestand wächst 6 Verarbeitendes Gewerbe in Deutschland, Jan. 2015=100 Quellen: ifo Institut, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research -60 -40 -20 0 20 40 60 16 17 18 19 20 21 22 Erwartungen Lage Verarbeitendes Gewerbe, Saldo aus positiven und n egativen Firmenmeldungen Quelle: ifo Institut Positives Geschäftsklima - vor dem Krieg in der Ukraine 7 50 60 70 80 90 100 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 Kapazitätsauslastung Mittelwert seit 1992 Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland, % Quelle: ifo Institut Kapazitätsauslastung in Q1 wieder leicht gestiegen 8 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 29 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Höhere Kosten, höhere Erzeugerpreise - Nettobilanz für Margen unklar Aufgrund der steigenden Nachfrage und der weltweiten Störungen der Lieferket ten war das Jahr 2021 durch steigende Import- und Erzeugerpreise gekenn zeichnet. Die Importpreise stiegen im Durchschnitt um 13,5%, die Erzeuger preise um 10,5%. Dies waren die höchsten jährlichen Wachstumsraten seit Jahrzehnten, wobei die Preise für Energie und typische Vorleistungsgüter wie Metalle, Holz oder Papier die Haupttreiber waren. Sowohl die Import- als auch die Erzeugerpreise werden zumindest im ersten Halbjahr 2022 weiterhin hohe Wachstumsraten im Jahresvergleich aufweisen. Die jüngste ifo-Umfrage zur künftigen Preisentwicklung zeigt einen Rekordanteil von 55,8% der Unterneh men des Verarbeitenden Gewerbes, die in den nächsten drei Monaten Preiser höhungen planen. Der Anstieg der Erzeugerpreise zeigt, dass die Unternehmen bisher in der Lage waren, die höheren Kosten zumindest teilweise an ihre Kunden weiterzugeben. Der Anstieg der Verbraucherpreise lag unter dem Anstieg der Import- und Er zeugerpreise. Allerdings haben die Preise für einige Konsumgüter zuletzt deut lich angezogen. Dies gilt insbesondere für Strom und Gas für Endverbraucher, da diese Preise in der Regel mit einer gewissen Zeitverzögerung auf höhere Weltmarkt- oder Großhandelspreise reagieren (Jahresverträge zwischen Ver sorgungsunternehmen und privaten Haushalten und vielen gewerblichen Kun den). Wie sich steigende Kosten auf der einen Seite und höhere Erzeugerpreise auf der anderen Seite auf die Gewinnspannen der Unternehmen auswirken, hängt von der spezifischen Markt- und Preissetzungsmacht in den verschiedenen Sek toren ab. Während die deutschen Automobilhersteller, die sich auf die Produk tion margenstarker Fahrzeuge konzentrieren und auf der Kostenseite von der Kurzarbeiterreglung profitieren, 2021 in der Lage waren, recht zufriedenstel lende Ergebnisse zu erwirtschaften (trotz rückläufiger inländischer Automobil produktion und rückläufiger Pkw-Neuzulassungen), hatten einige Automobilzu lieferer größere Probleme mit ihren finanziellen Ergebnissen. Wir sehen auch, dass die kleinen und mittleren energieintensiven Unternehmen ihre Klagen über höhere Energiekosten verschärfen. Dieses Thema wird uns auch im kommen den Jahrzehnt begleiten. Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com) -10 -5 0 5 10 15 20 25 30 05 07 09 11 13 15 17 19 21 Quelle: Statistisches Bundesamt Hohe Dynamik bei Erzeugerpreisen 9 Erzeugerpreise für gewerbliche Produkte in Deutschland, % gg. Vj. Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 30 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Energiepolitik: Eine Ära der Energieknappheit ver meiden - Der größte Teil des Energieverbrauchs in Deutschland basiert immer noch auf fossilen Energieträgern. Zudem ist Russland der mit Abstand wichtigste Energielieferant für Deutschland. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel ge setzt, beide Abhängigkeiten zu verringern. Sie setzt auf einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien, mehr Flüssiggas (LNG) und eine stär kere Diversifizierung der Gasimporte, längere Laufzeiten für Kohle- (und vielleicht auch Kern-) Kraftwerke, mehr Energieeffizienz und andere Maß nahmen. - Alle Initiativen auf der Angebots- und Nachfrageseite zielen darauf ab, eine Ära der physischen Energieknappheit in Deutschland zu vermeiden, was eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe wäre. Viele dieser Maßnahmen bedürfen jedoch eines umstrittenen Ordnungsrechts (z.B. Quoten für erneu erbare Energien oder Effizienzstandards im Wohnungsmarkt) oder einer öf fentlichen Förderung (direkte Subventionen, Steuerabschreibungen, CO 2 - Differenzverträge, Preisgarantien usw.). Die geplanten und angestrebten Veränderungen in der Energieversorgung und im Energieverbrauch werden also höhere Staatsausgaben erfordern und die öffentlichen Haushalte und - zumindest zu einem gewissen Grad - die Wirtschaftstätigkeit in den kom menden Jahren belasten. Die Energiewende könnte einem Realitätscheck unterzogen werden, was Engpässe auf der Angebotsseite, finanzielle Be lastbarkeit, das verfügbare Zeitbudget sowie die politische und gesellschaft liche Machbarkeit betrifft. Deutschland abhängig von fossilen Energieträgern und Energieim porten aus Russland Der Krieg Russlands gegen die Ukraine könnte zu einer historischen Wende in der Energieversorgung Deutschlands führen. Zwei politische Ziele könnten mit einander verbunden werden: Die Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern (Klimaschutz) und die Reduktion der Abhängigkeit von Energie importen aus Russland. Dass dies keine leichte Aufgabe sein wird, zeigen die folgenden Zahlen: - Im Jahr 2021 basierten 76,4% des Primärenergiebedarfs in Deutschland auf fossilen Energieträgern, wobei Erdöl (31,8%) vor Erdgas (26,7%) liegt. - Flüssige Kraftstoffe auf Mineralölbasis (Benzin und Diesel für die Mobilität, Heizöl) und Erdgas (Heizung, industrielle Prozesse) hatten 2020 einen An teil von 60% am gesamten Endenergieverbrauch in Deutschland. - Bei der Stromerzeugung sind Erdgas (Anteil 2021: 15,2%) und Steinkohle (9,3%) weiterhin wichtige Energieträger. Erdgas soll die Lücke überbrücken, bis die erneuerbaren Energien die Hauptlast der deutschen Energieversor gung tragen können. Mit einer weiteren Elektrifizierung der Wirtschaft wird der jährliche Strom- und Gasbedarf in Deutschland steigen. Zudem dürfte die Spitzenlast in den Wintermonaten steigen, wenn mehr Häuser mit Elek trowärmepumpen ausgestattet werden, mehr Industrieprozesse elektrifiziert werden und mehr Elektroautos auf den Straßen unterwegs sind. Die Ampel koalition erkennt an, dass neue Gaskraftwerke notwendig sind, die auch mit Wasserstoff betrieben werden können. Unsere Kollegen vom Aktien-Rese arch schätzen, dass bis 2030 mindestens 25 GW neue Gaskraftwerkskapa zität notwendig sind (Bestand 2020: rd. 30 GW). 31,8 26,7 9,3 8,6 6,2 16,1 1,3 Mineralöl Erdgas Braunkohle Steinkohle Kernenergie Erneuerbare Sonstige* Quelle: AG Energiebilanzen Öl bleibt wichtigster Energieträger 1 Anteil einzelner Energieträger am Primärenergie - verbrauch in Deutschland, 2021, % * Abzüglich Stromaustauschsaldo Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 31 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland - Nahezu 50% des derzeitigen Wohnungsbestands in Deutschland werden mit Erdgas beheizt. Angesichts der Langlebigkeit der Gebäude, des Fach kräftemangels (Handwerk), der technischen Hürden bei älteren Häusern und der finanziellen Limits der Hausbesitzer ist eine schnelle Umstellung von Erdgas auf alternative Heizquellen (elektrische Wärmepumpen) un wahrscheinlich. - Deutschland importiert mehr als 50% seines Erdgases, etwa ein Drittel sei nes Mineralöls (2020) und 57% seiner Steinkohle (2021) aus Russland. Für den russischen Anteil an den deutschen Gasimporten liegen unterschiedli che Zahlen vor, aber „mehr als 50%" gilt als sicher. Insgesamt ist Russland der mit Abstand wichtigste Energielieferant für Deutschland. Mehr erneuerbare Energien, mehr LNG, mehr Diversifizierung der Gasimporte, längere Laufzeiten für Kohle - (und Kern - ?) Kraftwerke und mehr Energieeffizienz Die Bundesregierung setzt auf verschiedene Maßnahmen, um die oben ge nannten Ziele zu erreichen. - Im Stromsektor soll der Anteil der erneuerbaren Energien im Jahr 2035 100% erreichen (80% im Jahr 2030). Zum Vergleich: Alle erneuerbaren Energien zusammen hatten im Jahr 2021 einen Anteil an der Bruttostromer zeugung von 40,5%, wobei die Windkraft (On- und Offshore) mit 20% die wichtigste Quelle war. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ein massiver Ausbau der installierten Kapazität erforderlich: mehr als 100 GW Onshore-Windkraft bis 2030 (2020: 54 GW), 30 GW Offshore-Windkraft bis 2030 (2020: rund 8 GW) und mehr als 200 GW Solar-PV (2020: 54 GW). Die Botschaft ist klar: Die erneuerbaren Energien sollen massiv ausgebaut werden. Diesem Ziel stehen jedoch viele Hürden im Weg. Dazu zählen Kapazitäts- und Fachkräf temangel im Handwerk, im Baugewerbe und bei den Investitionsgüterher stellern, finanzielle Ressourcen als limitierender Faktor, der Zeitbedarf für Planungs- und Genehmigungsverfahren oder lokale Widerstände z.B. ge gen Windparks. - Die Regierung will auch in die nationale LNG-Infrastruktur investieren und plant den Bau von zwei LNG-Terminals an Deutschlands Küste. Da Deutschland derzeit den größten Teil seines Erdgases über Pipelines be zieht (aus Russland, den Niederlanden oder Norwegen), ist LNG für Deutschland noch nicht von großer Bedeutung. LNG hat jedoch sowohl in Europa als auch weltweit an Bedeutung gewonnen und könnte sich zur am schnellsten wachsenden Energiequelle nach den erneuerbaren Energien entwickeln. Nach Angaben von BP machte LNG im Jahr 2020 etwa 35% der gesamten europäischen Gasimporte aus. Ein Ausbau der LNG-Infrastruktur in Deutschland und anderen EU-Ländern könnte auch zu einer Diversifizie rung der Versorgung führen und würde die Gasimporte aus anderen Län dern als Russland stärken. Dieser Prozess wird natürlich einige Zeit in An spruch nehmen, aber LNG wird an Bedeutung gewinnen. So waren die LNG-Exporte der USA im Jahr 2020 mehr als 60-mal höher als 2015. Die gesamten LNG-Exporte der USA entsprechen bereits etwa 25% der gesam ten russischen Gasexporte. Länder mit reichen Gasreserven werden in die Infrastruktur für den LNG-Export investieren, da Gas im Energiesektor Kohle ersetzen kann. Weltweit wird die Nachfrage nach LNG wahrscheinlich schneller wachsen als das Angebot. - Die Bundesregierung will ein Gesetz einführen, das zu Beginn des Winters höhere Füllstände der nationalen Gasspeicherkapazitäten festlegt. Deutsch land verfügt über Gasspeicherkapazitäten von rund 24 Mrd. m³. Dies ent 0 100.000 200.000 300.000 400.000 500.000 600.000 700.000 95 99 03 07 11 15 19 Mehr Gasimporte 2 Deutsche Gasimporte, Terajoule Quelle: BAFA 0 2.000 4.000 6.000 8.000 10.000 12.000 14.000 16.000 95 99 03 07 11 15 19 Teures Importgas 3 Grenzübergangspreis für Erdgas, DE, Euro pro Terajoule* * Ohne Erdgassteuer Quelle: BAFA 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 20 Braunkohle Steinkohle Erdgas Kernenergie Erneuerbare Sonstige Quelle: AG Energiebilanzen Anteil einzelner Energieträger an der Brutto - stromerzeugung in Deutschland, % Erster Rückgang für Erneuerbare 4 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 32 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland spricht etwa 950 Petajoule Gasspeicherkapazität oder 25 bis 30% des ge samten jährlichen Erdgasverbrauchs. Deutschland könnte also mit seinen Speicherkapazitäten die Gasversorgung für einige Monate sicherstellen, wenn sie vollständig gefüllt wären. Allerdings waren die Speicherkapazitä ten zu Beginn der Heizperiode 2021/22 leerer als üblich und befinden sich noch immer auf einem niedrigen Niveau. - Die Politik diskutiert bereits über längere Laufzeiten für Kohlekraftwerke. Das zeigt, dass die Versorgungssicherheit im Zweifel Vorrang hat, auch wenn die Regierung sehr ambitionierte Klimaziele verfolgt. Laut Koalitions vertrag soll der Ausstieg aus der Kohle im Stromsektor idealerweise bis 2030 erfolgen. Während dieses Ziel im Falle eines Ausbaus von Gaskraft werken bis dahin weiterhin nicht unrealistisch ist, dürfte eine vorzeitige Ab schaltung von Kohlekraftwerken kurzfristig vom Tisch sein. Bei der Stein kohle ist Deutschland vollständig von Importen abhängig (mit Russland als wichtigstem Importeur). Braunkohle hingegen ist ein reiner heimischer Ener gieträger im Stromsektor und dient der Stromerzeugung im Grundlastbe reich. Ein großer Nachteil der Braunkohle liegt aber in den hohen CO 2 - Emissionen pro kWh. Es gibt auch eine Diskussion, ob die letzten drei ver bliebenen Kernkraftwerke länger in Betrieb bleiben sollen. Die jeweiligen Betreiber dieser Kraftwerke hatten zunächst signalisiert, dass eine Verlän gerung der Laufzeiten für sie keine Option ist. Ihre Planungen sind auf einen endgültigen Ausstieg Ende 2022 ausgerichtet (u.a. Bestellung von Kern brennstäben, Instandhaltungsmaßnahmen, Personal etc.) Inzwischen ha ben sich die Betreiber aber gesprächsbereit zu diesem Thema gezeigt. Letztlich können nur sie die Frage beantworten, inwieweit sie in der Lage sind, den Kurs kurzfristig zu ändern. Die Kernenergie liefert ebenfalls Grundlaststrom. Im Jahr 2021 erzeugten die damals noch sechs Kernkraft werke 41% mehr Strom als die gesamte installierte Kapazität an Fotovoltaik in Deutschland zusammen. Letztlich zeigt die Diskussion um Kohle und Kernenergie die historische Dimension der aktuellen Energiekrise. Sie ist ein Beispiel dafür, dass es „keine Tabus" gibt, wie Wirtschaftsminister Ha beck (Grüne) angesichts der Krise sagte. Zusätzlich zu diesen Maßnahmen wird die Regierung weitere Initiativen unter stützen, die darauf abzielen, den Gesamtenergie- und speziell den Gasver brauch zu senken. Dazu gehören eine schnellere Umstellung auf erneuerbare Energien im Wohnungsmarkt (65% Anteil für neue Heizungsanlagen ab 2025, keine Heizungsanlagen auf fossiler Basis in Neubauten), ehrgeizigere Energie effizienzstandards für Gebäude oder ein geringerer Einsatz von Erdgas für die Fernwärmeerzeugung. Alle Maßnahmen auf dem Wohnungsmarkt sind politisch hochsensibel. Es gibt auch Pläne für Steuerabschreibungen für Investitionen in die Energieeffizienz von Industrieprozessen oder Investitionen in die (grüne) Wasserstoffinfrastruktur sowie die Infrastruktur für den Import von Ammoniak. Anhaltende Energieknappheit wäre eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe Alle Initiativen auf der Angebots- und Nachfrageseite zielen darauf ab, eine Ära der physischen Energieknappheit in Deutschland zu vermeiden, die eine wirt schaftliche und soziale Katastrophe für das Land wäre. Viele dieser Maßnah men bedürfen jedoch umstrittener ordnungsrechtlicher Maßnahmen (z.B. Quo ten für erneuerbare Energien oder Effizienzstandards im Wohnungsmarkt) oder einer Form der staatlichen Förderung (direkte Subventionen, Steuerabschrei bungen, CO 2 -Differenzverträge, Preisgarantien etc.) So werden die geplanten Veränderungen in der Energieversorgung die öffentlichen Haushalte und die Wirtschaftstätigkeit in den kommenden Jahren belasten, da nicht alle Kosten steigerungen und Investitionserfordernisse vollständig vom Staat subventioniert 0 50 100 150 200 250 300 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 20 Pipeline Flüssiggas Flüssiggas holt auf 5 Europäische Gasimporte, Mrd. m3 Quelle: BP 49,5 25 14,1 5,2 6,2 Erdgas Heizöl Fernwärme Elektro-Wärmepumpen und Strom Andere Erdgas führend im Wärmemarkt 6 Anteil der Heizsysteme und Energieträger am Wohngebäudebestand, DE, 2020, % Quelle: BDEW Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 33 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland werden können. Die Energiewende könnte einem Realitätscheck unterzogen werden, was Engpässe auf der Angebotsseite, finanzielle Belastbarkeit, das verfügbare Zeitbudget sowie die politische und gesellschaftliche Machbarkeit betrifft. Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com) Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 34 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Immobilienmarkt: Zyklusende trotz positivem Nachfrageimpuls für Wohnungsmarkt - Temporär niedrigeres Zinsniveau und Flucht in Sicherheit dürften Nachfrage nach Immobilien erhöhen. - Die vermutlich rund 1 Mio. Flüchtlinge könnten Wohnungsnachfrage ankur beln. Allerdings dürfte die Verteilung der Flüchtlinge zum Großteil in Gebiete mit relativ hohen Leerständen erfolgen. Daher dürfte dort der Einfluss auf Mieten und Preise eher gering sein. - Wir gehen weiterhin davon aus, dass der Preiszyklus im Wohnungsmarkt trotz dieses positiven Nachfrageimpulses in den nächsten Jahren enden wird. - Eine schnelle Aufnahme der Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter in den Ar beitsmarkt dürfte die Büroflächennachfrage leicht erhöhen. Der Einfluss auf die anderen Gewerbeimmobilienmärkte sollte dagegen relativ gering ausfal len. Immobilienmarkt: Temporär höhere Nachfrage durch Zinsrückgang und Flucht in Sicherheit Der Krieg in der Ukraine hat vielfältige Auswirkungen auf den deutschen Immo bilienmarkt. Aktuell dürften die wieder rückläufigen Bundrenditen die Nachfrage nach Immobilien ankurbeln. Ebenso dürften viele Investoren aufgrund der ho hen wirtschaftlichen Unsicherheit Immobilieninvestitionen als attraktiv betrach ten. Vor dem Hintergrund eines weiteren Globalisierungsschocks nach dem COVID-Schock von vor zwei Jahren könnten viele Exportgeschäfte überdacht oder zumindest adjustiert werden. So verdeutlicht der jüngste Abverkauf am Ak tienmarkt die hohen kurzfristigen Risiken von Unternehmensbeteiligungen im Vergleich zu vielen Teilmärkten des Immobilienmarkts, die typischerweise eine geringe Volatilität aufweisen. Viele Immobilieninvestoren insbesondere im Woh nungsmarkt dürften aktuell ihre relativ sicheren und stabilen Mieterträge zu schätzen wissen. Wohnungsmarkt: Leerstand in infrastrukturschwachen Regionen könnte sinken, etwas höhe rer Preis - und Mietdruck in Metropolen Coronabedingt war die Zuwanderung nach Deutschland in den letzten beiden Jahren niedrig, sodass die Einwohnerzahl bei 83,2 Mio. stagnierte. Deutschland könnte wohl rund 1 Mio. ukrainische Flüchtlinge aufnehmen. Dies würde die Nachfrage nach Wohnraum kräftig erhöhen. Die zusätzliche Nachfrage dürfte aufgrund bestehender Netzwerke von in Deutschland lebenden Ukrainern teil weise auf Metropolen und Ballungsgebiete entfallen. Angesichts des knappen Wohnraums dort dürfte der Druck auf Preise und teilweise auch auf Mieten wei ter zunehmen. Ein Großteil der zusätzlichen Nachfrage dürfte zumindest an fänglich auf infrastrukturschwache Regionen entfallen. Deutschland hat rund 2 Mio. leerstehende Wohnungen, sodass die zusätzliche Nachfrage dort ohne große Wirkung auf Preise und Mieten absorbiert werden kann. Diese zusätzliche Nachfrage ändert nicht unsere strukturelle Einschätzung. Wir erwarten weiterhin ein Ende des Preiszyklus innerhalb der nächsten Jahre. Auf grund der regen Bauaktivität dürfte die fundamentale Angebotsknappheit in vie len Städten weiter abgebaut werden. Zudem erwarten wir auch aus Bewer tungssicht ein Ende des Preiszyklus. Darauf haben wir bereits im März 2021 auch ohne Zinserhöhungen hingewiesen. Die aktuell hohen Inflationsraten von -0,400 -0,200 0,000 0,200 0,400 Dez 21 Jan 22 Feb 22 Mrz 22 Dez 2021 - März 2022: Renditen der 10-jährigen Bundesanleihen 1 Quellen: Bloomberg Finance LP, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 35 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland rund 5% sprechen für deutlich höhere Bundrenditen. Zudem dürften sich die Hy pothekenzinsen durch die von der Bafin avisierte Einführung eines antizykli schen Kapitalpuffers von 0,75% der risikogewichteten Aktiva und eines sektora len Systemrisikopuffers von 2,0% der risikogewichteten Aktiva auf mit Wohnim mobilien besicherte Kredite verteuern. Ein höheres Zinsniveau dürfte das Preis wachstum bremsen und schließlich zum Zyklusende beitragen. Zu guter Letzt kommen auf die Investoren weitere Belastungen durch die Klimapolitik hinzu. Im Koalitionsvertrag der Ampelkoalition wurde beschlossen, dass ab 1. Januar 2025 jede neue Heizung auf der Basis von 65% erneuerbaren Energien betrie ben werden muss. Zudem soll ab 1. Januar 2024 bei Aus-, Um- und Anbauten der Effizienzhausstandard 70 erfüllt sein, was Investitionen tendenziell weiter verteuert. Des Weiteren müssen Vermieter ab 1. Juni 2022 den CO 2 -Preis auf Heizkosten wohl teilweise mittragen. Diese drei Entwicklungen, geringere Ange botsknappheit, weniger attraktive Bewertungen und regulatorisches Umfeld, im plizieren unseres Erachtens ein baldiges Ende des Preiszyklus. Gewerbeimmobilienmarkt: Positiver Impuls für Büromärk te Wir erwarten angesichts der vielen offenen Stellen eine relativ schnelle Auf nahme der erwerbsfähigen Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. Das Erwerbsperso nenpotenzial könnte durch die Flüchtlingswelle um rund 250.000 Personen zule gen. Basierend auf dem aktuellen Verhältnis von Bürobeschäftigten zu allen Be schäftigten in Deutschland, das in etwa bei 1 zu 3 liegt, wären darunter rund 80.000 Bürobeschäftigte. Bei einem Flächenverbrauch von 23 Quadratmetern pro Person würde die Büroflächennachfrage damit um rund 1,8 Mio. Quadrat meter oder rund 0,5% relativ zum aktuellen bundesweiten Büroflächenver brauch zunehmen. Die zusätzliche Nachfrage könnte daher einen kleinen Bei trag leisten, den Homeoffice-Schock besser zu verarbeiten. Der Einfluss auf die anderen Gewerbeimmobilienmärkte dürfte dagegen sehr gering ausfallen. Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) -0,60 -0,30 0,00 0,30 0,60 0,90 1,20 21 22 5-10J Hypothekenzinsen 10J Bundrenditen Einlagensatz 10J EUR Swap Quellen: EZB, Deutsche Bank Research Jan 2021 - Mär 2022: Zinsumfeld 2 in %, Monatsdurchschnitte Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 36 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Staatsfinanzen: Ampel hat riesige Spielräume mo bilisiert, aber neuer Ausgabendruck entsteht - Um enorme zusätzliche Finanzspielräume zu mobilisieren, hat die neue Re gierung die Schuldenbremse weit ausgelegt. Konkret hat sie nicht in An spruch genommene (pandemiebedingte) Notkreditermächtigungen in Höhe von EUR 60 Mrd. in den außerbudgetären „Energie- und Klimafonds" ver schoben sowie die Abrechnungsverfahren der Schuldenregel rückwirkend so geändert, dass die künftige Inanspruchnahme vergangener „überhöhter" pandemiebedingter Kreditermächtigungen nicht mehr als Nettokreditauf nahme des Bundes im Sinne der Schuldenbremse gezählt wird. - Neben den bereits bekannten Ausgabenplänen der neuen Regierung (für Digitalisierung, Dekarbonisierung und Soziales) entsteht derzeit zusätzlicher Ausgabendruck durch die Pläne der Bundesregierung, a) die steigenden so zioökonomischen Kosten des energiepreisbedingten Verbraucherpreisan stiegs abzumildern, b) die Militärausgaben auf über 2% des BIP zu erhöhen oder c) der Ukraine humanitäre Hilfe zu leisten sowie ukrainischen Flüchtlin gen zu helfen und sie zu unterstützen. - Obwohl die weiteren wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine auf die deutsche Volkswirtschaft und den Staatshaushalt nur schwer abgeschätzt werden können, ist es plausibel anzunehmen, dass sich das deutsche Maastricht-Defizit im Jahr 2022 wieder erhöhen könnte - möglicherweise auf deutlich über 4% des BIP (2021: 3,7% des BIP). Zum jetzigen Zeitpunkt - und angesichts der Tat sache, dass der überarbeitete Haushaltsentwurf für 2022 noch aussteht - sollte die obige Zahl daher nur als grober Orientierungswert bzw. als indika tive Größenordnung verstanden werden. Haushaltsvollzug 2021: Massive Ausgaben haben dem Staats haushalt einen weiteren Schlag versetzt ... Im Jahr 2021 waren die öffentlichen Finanzen erneut stark von den negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen, da sich das BIP weit weniger stark erholte als ursprünglich erwartet - vor allem wegen der hart näckigen Lieferkettenprobleme in der deutschen Industrie - und weil die Delta/ Omikron-Infektionswellen weiterhin umfangreiche (und insgesamt steigende) fis kalische Unterstützungsmaßnahmen für Arbeitnehmer und Unternehmen erfor derten. Dennoch wies der deutsche Gesamtstaat - bestehend aus Bund, Län dern und Gemeinden sowie den Sozialversicherungsträgern (d.h. Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung) - nach der zweiten Schätzung des Statistischen Bundesamtes (Stand: 25. Februar 2022) ein konsolidiertes Fi nanzierungsdefizit von EUR 132,5 Mrd. oder 3,7% des BIP auf (siehe Grafik). Das gesamtstaatliche Haushaltsdefizit im Jahr 2021 war das drittgrößte seit der deutschen Wiedervereinigung und wurde nur von den Finanzierungsdefiziten der Jahre 2020 (EUR 145,3 Mrd.; 4,3% des BIP) sowie 1995 (EUR 178,7 Mrd.; 9,4% des BIP) übertroffen (damals wurden die Finanzschulden der Treuhandge sellschaft in der VGR in den Staatssektor integriert). Während die öffentlichen Ausgaben 2021 weiter anstiegen (+7,4% nach +9,6% im Jahr 2020; Anstieg auf 51,5% von zuvor 50,8% des BIP), verhinderte die deutliche Erholung bei den Staatseinnahmen - das Vor-Pandemie-Niveau von 2019 wurde übertroffen - ein noch größeres Haushaltsdefizit (+8,9% nach -2,9% im Jahr 2020; Anstieg auf ein Rekordhoch von 42,2% von zuvor 41,0% des BIP) (siehe Grafik). Der ausgeprägte Aufschwung bei den Einnahmen wurde durch stark steigende Steuereinnahmen (+12,9% nach -6,5% im Jahr 2020) begünstigt, die im letzten Jahr das Vorkrisenniveau deutlich übertrafen. In absoluten Zahlen übertrafen -200 -150 -100 -50 0 50 100 Sozialversicherungen Gemeinden Länder Bund Gesamtstaat Finanzierungssaldo nach Staatsebene (VGR), EUR Mrd. Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Der Staatshaushalt wies abermals ein deutliches Defizit in 2021 aus 1 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 37 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland die Steuereinnahmen des Staates das Vor-Pandemie-Niveau von 2019 um be trächtliche 5 ½%. Auch relativ gesehen kletterten die staatlichen Steuereinnah men auf ein neues Allzeithoch von 24,4% des BIP (2019: 23,8% des BIP) (siehe Grafik). ... wobei der Bundeshaushalt die fiskalischen Hauptlasten der Krise zu tragen hatte Im Jahr 2021 wurde das riesige Staatsdefizit ausschließlich vom Bund verur sacht, dessen Finanzlücke sich drastisch auf EUR 143,4 Mrd. oder 4,0% des BIP vergrößerte (2020: EUR 86,4 Mrd. oder 2,6% des BIP) (siehe Gr). Diese gravierende Verschlechterung der Bundesfinanzen ist darauf zurückzuführen, dass der Löwenanteil der öffentlichen Pandemiebekämpfungsmaßnahmen - einschließlich massiver nicht rückzahlbarer Subventionen an betroffene Unter nehmen oder die finanziell angeschlagenen Sozialversicherungen - entweder direkt oder indirekt über den Bundeshaushalt gestemmt wurde. 21 Im Gegensatz zum Bund hat sich die Finanzlage der Länder, der Gemeinden und der Sozial versicherungsträger im Jahr 2021 spürbar verbessert (d.h. alle staatlichen Ebe nen wiesen Haushaltsüberschüsse auf). Bei den Sozialversicherungsträgern täuscht die spürbare Haushaltsverbesserung (in konsolidierter Betrachtung) - ausgehend von einem hohen Defizit von EUR 35 Mrd. (1,0% des BIP) im Jahr 2020 auf einen moderaten Überschuss von EUR 4,4 Mrd. (0,1% des BIP) im Jahr 2021 - jedoch auf dem ersten Blick darüber hinweg, dass sie im Wesentli chen nur durch einen weiteren drastischen Anstieg der Bundeszuschüsse bzw. zulasten des Bundeshaushaltes erreicht werden konnte. 22 Auch die deutschen 21 Seit Pandemiebeginn hat die Bundesregierung nach Angaben des Bundesministeriums für Wirt schaft und Klimaschutz (Stand: 14. Januar 2022) für Unternehmen, Selbstständige und Arbeit nehmer finanzielle Unterstützungsleistungen in Höhe von fast EUR 170 Mrd. oder fast bis zu 5% des BIP gewährt. Während rund EUR 60 Mrd. dieser Hilfen aus nicht rückzahlbaren Finanzhilfen für Unternehmen/Selbstständige bestanden, entfielen rund EUR 55 Mrd. auf die Gewährung öf fentlicher Darlehen. Darüber hinaus wurden über die Bundesagentur für Arbeit mehr als EUR 42 Mrd. an staatlichen Hilfen in Form von Kurzarbeitergeld (einschließlich der Erstattung von Sozial versicherungsbeiträgen) an betroffene Arbeitnehmer gezahlt. 22 Die Zuschüsse des Bundes an das Sozialversicherungssystem stiegen im Jahr 2021 um 38 Mrd. EUR (oder 1,1% des BIP). Maßgeblich dafür waren laut Deutscher Bundesbank deutlich höhere Zahlungen des Bundes an die Krankenversicherung sowie an die Bundesagentur für Arbeit (siehe auch Monatsbericht vom Februar 2022). 36 38 40 42 44 15 17 19 21 23 25 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 Abgaben Steuern Sozialbeiträge % BIP (Gesamtstaat nach VGR) Abgaben: Steuern und Sozialbeiträge Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Die Steuer - und Abgabenquoten sind auf neue Rekordstände gestiegen 2 Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 38 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Gemeinden konnten nur aufgrund der weiterhin massiven finanziellen Unterstüt zung durch Bund und Länder insgesamt einen kleinen Finanzierungsüber schuss von EUR 1,4 Mrd. (2020: EUR 6,3 Mrd.) erzielen. Die Ampelregierung hat sich durch eine weite Auslegung der Schuldenbremse enorme zusätzliche Finanzspielräume verschafft Angesichts (a) großer struktureller Lücken im bestehenden Finanzplan (der Vor gängerregierung) und (b) offener Finanzierungsfragen (im Spannungsfeld zwi schen dem Vorhaben der Regierung, die Schuldenbremse bis 2023 wieder ein zuhalten, und dem Bekenntnis, auf höhere Steuern/Sozialausgaben zu verzich ten und die öffentlichen Investitionsausgaben zu erhöhen) sollte dem überarbei teten Haushaltsentwurf 2022, dem Eckwertebeschluss für 2023 sowie der aktu alisierten mittelfristigen Finanzplanung (bis 2026) besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die aktualisierten Haushaltsplanungen der neuen Regie rung, deren Bekanntgabe ursprünglich für den 9. März 2022 vorgesehen war, dürften sich aufgrund der aktuellen Ereignisse um eine Woche verzögern (der voraussichtlich neue Termin ist laut Nachrichtenmeldungen der 16. März). Mit Blick auf die ersten finanzpolitischen Maßnahmen der neuen Ampelregie rung (wie z.B. der Verabschiedung des zweiten Nachtragshaushalts für 2021) ist offensichtlich, dass ein erheblicher Teil der benötigten Finanzmittel für die kom menden Haushaltsjahre durch eine weite Auslegung der Regelungen zur Bun desschuldenbremse generiert werden soll. Entsprechend ihren Ankündigungen im Koalitionsvertrag hat die neue Regierung bereits nicht in Anspruch genom mene (pandemiebedingte) Notkreditermächtigungen in Höhe von 60 Mrd. Euro (aus dem Haushalt 2021) in den außerbudgetären „Energie- und Klimafonds" (EKF) umgeschichtet. 23 Darüber hinaus hat die Regierung rückwirkend die Ab rechnungsverfahren der Schuldenregel dahingehend geändert, dass die künf tige Inanspruchnahme vergangener „übermäßiger" pandemiebedingter Krediter mächtigungen (d.h. in den Haushaltsjahren 2023 und später) nicht mehr als Nettokreditaufnahme des Bundes im Sinne der Schuldenbremse angerechnet wird. Im Rahmen der Schuldenbremse hat die Änderung des Rechnungslegungsver fahrens damit auch eine rückwirkende Neuberechnung der bisherigen Haus haltsergebnisse für die strukturelle Nettokreditaufnahme für den Zeitraum 2016 20 erforderlich gemacht. Unter dem bisherigen Bilanzierungsregime führte die Zuführung von (kreditfinanzierten) Bundesüberweisungen in außerbudgetäre Vehikel bzw. Sondervermögen des Bundes (wie dem EKF) per se nicht zu einer Erhöhung der Nettokreditaufnahme des Bundes im Sinne der Schuldenbremse. Stattdessen wurden diese Bundestransfers erst bei der tatsächlichen Verausga bung auf der Ebene der außerbudgetären Sondervermögen auf die Kreditauf nahme des Bundes - bestehend aus dem Kernhaushalt und den relevanten Sondervermögen - angerechnet. 24 Nach den neuen Buchungsregeln wirken sich jedoch nunmehr bereits die ausgabenseitigen Transfers aus dem Kern haushalt des Bundes - seien es tatsächliche Kassenmittel oder Kreditaufnah meermächtigungen - und nicht erst die außerbudgetären Ausgaben der Son dervermögen auf die Nettokreditaufnahme im Sinne der Schuldenbremse aus (siehe auch Monatsbericht Januar 2022 des Bundesfinanzministeriums). Im Rahmen der Schuldenbremse hat die Bundesregierung offenbar mit dem obigen Schritt erhebliche zusätzliche Finanzspielräume in der Größenordnung 23 Die Regierung strebt an, den EKF in einen „Klima- und Transformationsfonds" (KTF) umzuwandeln, welcher die Transformation der Wirtschaft (Stichworte: Digitalisierung und Dekarbonisierung) mit finanzieren soll (siehe auch Monatsbericht Februar 2022 des Bundesfinanzministeriums). 24 Aus diesem Grund stieg die Nettokreditaufnahme des Bundes im Sinne der Schuldenbremse üb licherweise erst zu einem späteren Zeitpunkt an. Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 39 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland von EUR 112 Mrd. (oder fast 3% des für 2022 prognostizierten BIP) mobilisiert, die zu einer allgemeinen Kreditreserve von EUR 48 Mrd. (1,3% des BIP) hinzu kommen (vgl. die Berechnungen der Deutschen Bundesbank im Monatsbericht Februar 2022). 25 Obwohl die oben genannten fiskalischen Maßnahmen erheb lich dazu beitragen könnten, die bestehenden strukturellen Haushaltslücken in den nächsten Jahren zu schließen (ohne unpopuläre Einnahmenerhöhungen und/oder Ausgabenkürzungen in anderen Bereichen vornehmen zu müssen), bergen sie nicht unerhebliche verfassungsrechtliche Risiken. Die CDU/CSU Opposition hat deshalb bereits angekündigt, vor dem Bundesverfassungsgericht zu klagen. 26 Da diese Puffer möglicherweise immer noch nicht ausreichen, um die ehrgeizi gen Ausgabenpläne im nächsten Jahrzehnt zu finanzieren, beabsichtigt die Re gierung zudem, den Tilgungsplan für die „übermäßige" Nettokreditaufnahme während der außerordentlichen Pandemiejahre auf dreißig Jahre zu verlängern (von zuvor 20 Jahren). Außerdem soll die Tilgungsfrist erst im Jahr 2028 begin nen (und nicht schon in den Jahren 2023 und 2026, wie von der Vorgängerre gierung geplant). Insgesamt könnten dadurch die mittelfristigen Tilgungsleistun gen spürbar sinken, möglicherweise auf rund EUR 12 Mrd. (von rund EUR 20 ½ Mrd. auf Basis des bisherigen Tilgungsplanes). 27 Insgesamt wird die beabsich tigte Verlängerung bzw. Streckung der Tilgungsleistungen für die „übermäßigen" Pandemie-Kredite den fiskalischen Konsolidierungsdruck genau in jener Zeit er heblich vergrößern, in der erstens die negativen Demografie-bedingten Auswir kungen auf die Volkswirtschaft und Staatsfinanzen zunehmend spürbar werden und zweitens die Bundesregierung auch die von Deutschland im Rahmen des EU-Wiederaufbaufonds eingegangenen Rückzahlungsverpflichtungen leisten muss (geschätzte jährliche Tilgungssumme von rund EUR 3 Mrd.). Aber sowohl der aktuelle Energiepreisschock ... Obwohl die Haushaltslage auch im Jahr 2022 noch von der Pandemie geprägt sein wird, dürfte sich das gesamtstaatliche Finanzierungsdefizit (ceteris paribus) aufgrund der wirtschaftlichen Erholung und des allmählichen Auslaufens der au ßerordentlichen pandemiebezogenen Finanzhilfen der Regierung weiter verrin gern. 28 Allerdings wird im Gegenzug der Ausgabendruck durch die ehrgeizigen Vorhaben der neuen Bundesregierung in den Bereichen Klimaschutz/ökologi sche Transformation, Digitalisierung und Soziales spürbar zunehmen. Darüber hinaus deuten sich weitere Haushaltsbelastungen an, die sich u.a. daraus erge ben, dass die Regierung bzw. der Staat a) die steigenden sozialwirtschaftlichen Kosten des energiepreisbedingten Anstiegs der Verbraucherpreise abfedern möchte, b) die Militärausgaben Deutschlands auf über 2% des BIP erhöhen will und c) humanitäre Hilfe und finanzielle Unterstützung für die Ukraine bzw. für die Unterbringung und Versorgung der ukrainischen Flüchtlinge notwendig wer den wird. 25 Dieser zusätzliche Finanzspielraum ergibt sich nicht nur aus der Übertragung der in der Vergan genheit nicht genutzten Kreditermächtigungen an die außerbudgetären Sondervermögen (rund 69 Mrd. Euro), sondern umfasst auch die in diesen Nebenhaushalten gehaltenen fiskalischen Re serven, die über die vergangenen Haushaltsjahre angesammelt wurden (rund 43 Mrd. Euro). 26 Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit bestehen insbesondere deshalb, weil die Regierung die „übermäßigen" Kreditermächtigungen aus den Pandemiejahren - die für Maßnahmen der Pande miebekämpfung genehmigt bzw. vorgesehen waren - nunmehr zur Finanzierung künftiger Bun desausgaben in anderen Ausgabenbereichen (wie z.B. für den Klimaschutz) verwenden möchte. 27 Die Tilgungsleistungen beziehen sich auf die „übermäßige" Nettokreditaufnahme von EUR 69,6 Mrd. (Haushaltsjahr 2020) bzw. EUR 192,5 Mrd. (Haushaltsjahr 2021) sowie auf die geplante „übermäßige" Nettokreditaufnahme des Haushaltsjahres 2020, die womöglich bis zu EUR 100 Mrd. betragen könnte. 28 Zunächst aber hat die Bundesregierung einige wichtige Finanzhilfen wie die gelockerten Regeln für den Bezug von Kurzarbeitergeld oder die nicht rückzahlbaren Zuschüsse an Unternehmen und Selbstständige noch einmal (bis Ende Juni 2022) verlängert. Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 40 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland So hat die Bundesregierung erst kürzlich den Weg für ein 10-Punkte-Entlas tungsprogramm mit einem Finanzvolumen von mehr als EUR 13 Mrd. (bzw. 0,35% des für 2022 prognostizierten BIP) geebnet, um die betroffenen Privat haushalte (und Unternehmen) finanziell zu entlasten. Im Rahmen dieses finanzi ellen Unterstützungspakets will die Bundesregierung den Aufwärtsdruck auf die Strompreise lindern, indem sie die vollständige Abschaffung der EEG-Umlage (um sechs Monate) auf den 1. Juli 2022 vorziehen will (geschätzte Entlastung: EUR 6,6 Mrd.). Darüber hinaus plant die Regierung eine ganze Reihe weiterer steuerlicher Entlastungsmaßnahmen (u.a. eine Anhebung des Grundfreibetrags im Einkommensteuertarif und eine Erhöhung der steuerlich absetzbaren Pend lerpauschale für Berufstätige) sowie steigende Subventionen für bestimmte (ein kommensschwache) Haushaltsgruppen (wie z.B. die Einführung eines soge nannten Heizkostenzuschusses). Aber auch die Regierung bzw. der Staat selbst dürfte die höhere Inflation direkt zu spüren bekommen, wie z.B. über hö here (Bau-)Preise und damit höhere Ausgaben für öffentliche (Bau-) Investitio nen. 29 Darüber hinaus könnte die Normalisierung der Geldpolitik, die die Rendi ten deutscher Bundesanleihen letztlich aus dem negativen Bereich herausfüh ren dürfte, in den nächsten Jahren wieder zu einem Anstieg der staatlichen Zinsausgaben führen (2021: EUR 21 Mrd.; 0,6 % des BIP). Doch auf der anderen Seite dürften die öffentlichen Haushalte auch auf ver schiedene Weise vom Anstieg der Inflation profitieren: Da die Mehrwertsteuer (MwSt.) an den Nominalwert gekoppelt ist, würde ein Anstieg der Inflationsrate um 1 %-Punkt rund 2½ Mrd. EUR an zusätzlichen Mehrwertsteuereinnahmen in die öffentlichen Kassen spülen. 30 Darüber hinaus würde der Staat aufgrund des progressiven Einkommensteuertarifs über die sogenannte „kalte Progression" 31 profitieren, sofern die künftige Lohndynamik der höheren Inflation folgt. Aller dings sei dazu einschränkend gesagt, dass der Staat - wie bereits in der Ver gangenheit geschehen - zu einem späteren Termin die von der „kalten Progres sion" belasteten Einkommenssteuerzahler rückwirkend entschädigen könnte. Dies würde die Staatskasse dann entsprechend in der Zukunft belasten. 32 ... als auch der russische Angriffskrieg in der Ukraine haben den Ausgabendruck auf die Bundesregierung weiter erhöht Neue Unsicherheiten für die wirtschaftlichen und damit auch fiskalischen Aus sichten ergeben sich derzeit aus dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine, der das Potenzial hat, nicht unerhebliche Auswirkungen auf die deutschen Staatsfinanzen zu haben - entweder durch einen Rückgang des BIP und der Steuereinnahmen (z.B. aufgrund der hohen wirtschaftlichen Anfälligkeit des Energiesektors gegenüber ausbleibenden Energieimporten aus Russland) und/oder durch zusätzliche Ausgaben (z.B. aufgrund der Notwendigkeit, a) die 29 Da die öffentlichen Investitionen im Jahr 2021 etwa 90 Mrd. EUR oder 2 ½% des BIP auf gesamt staatlicher Ebene ausmachen, würde ein Anstieg der Inflationsrate um einen vollen Prozentpunkt die öffentlichen Investitionsausgaben um fast EUR 1 Mrd. erhöhen. 30 Die Mehrwertsteuereinnahmen beliefen sich im Jahr 2021 auf EUR 250,8 Mrd. (rund 7% des BIP). 31 Die Steuereinnahmen aus der kalten Progression ergeben sich aus dem Anstieg des durch schnittlichen Einkommensteuersatzes und aus dem Anstieg der Löhne/Gehälter, der nur die hö here Inflation ausgleicht. Wie in der Vergangenheit kann der Staat jedoch die Einkommenssteuer zahler zu einem späteren Zeitpunkt rückwirkend entschädigen, was die öffentlichen Finanzen in Zukunft belasten wird. 32 Alle zwei Jahre veröffentlicht die Bundesregierung einen Bericht über die Auswirkungen der „kal ten Progression" (auf der Grundlage des Preisdeflators für den privaten Verbrauch). Im Vierten Steuerprogressionsbericht für die Jahre 2020 und 2021 schätzt die Bundesregierung die Auswir kungen der „kalten Progression" auf EUR 2,1 Mrd. bzw. EUR 7,7 Mrd. (siehe auch Monatsbericht Dezember 2020 des Bundesministeriums der Finanzen). Aufgrund des starken Anstiegs der Infla tion ab Anfang 2021 dürften die anstehenden Steuertarifanpassungen, die zum Ausgleich der „kalten Progression" erforderlich wären, jedoch in den kommenden Jahren deutlich höher ausfal len. Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 41 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Verteidigungsausgaben massiv zu stärken, b) die von den Sanktionen betroffe nen deutschen Unternehmen finanziell zu unterstützen, c) der Ukraine humani täre Hilfe zu leisten und d) ukrainische Flüchtlinge unterzubringen und zu ver sorgen. Aufgrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine - und der offensichtlich gewordenen russischen Bedrohung für den Westen - hat sich ein Paradigmen wechsel in der deutschen Verteidigungspolitik vollzogen, der dazu geführt hat, dass die deutschen Militärausgaben in Zukunft spürbar (und dauerhaft) höher liegen dürften als bislang (siehe auch unseren Germany Blog: Paradigm shift in defense policy is set to drive fiscal deficits noticeably higher vom 28. Februar 2022). Um die Qualität und Quantität der Bundeswehr deutlich zu steigern, hat sich die Bundesregierung dazu bekannt, die jährlichen Verteidigungsausgaben auf über 2% des nationalen (nominalen) BIP zu erhöhen (NATO-Zielwert). 33 Zur Finanzierung dieser Mehrausgaben plant die Bundesregierung die Einrichtung eines schuldenfinanzierten militärischen Modernisierungsfonds in Höhe von EUR 100 Mrd. („Sondervermögen Bundeswehr"). 34 Wie viel von diesem zusätzlichen Ausgabenvolumen bereits im laufenden Haus haltsjahr 2022 verausgabt werden könnte, ist schwer zu beurteilen. Um die Lü cke zu schließen und das Ausgabenziel von 2% bereits im Jahr 2022 zu errei chen, wären jedoch ab sofort mehr als EUR 25 Mrd. (0,7% des BIP) an zusätzli chen Verteidigungsausgaben erforderlich. Dies käme einem drastischen Anstieg von über 50% gegenüber den tatsächlichen Verteidigungsausgaben des Jahres 2021 gleich. Aufgrund der strukturell bedingten Beschaffungsprobleme bei der Bundeswehr kann jedoch realistischerweise nicht davon ausgegangen werden, dass die Verteidigungsausgaben schon im Haushaltsjahr 2022 um EUR 25 Mrd. oder mehr erhöht werden könnten. Unserer Einschätzung nach dürfte das oben erwähnte Ausgabenplus bei der Verteidigung wahrscheinlich erst mittelfristig er reicht werden. 2022 - 23: Hausha ltsausblick durch hohe Unsicherheiten getrübt Unsere bisherigen Prognosen zur weiteren Entwicklung des Staatsdefizits (von -2,2% des BIP in 2022 bzw. -0,3% des BIP in 2023) sind mittlerweile offenkun dig von den dynamischen Entwicklungen der letzten Monate und Wochen über holt worden - und zwar nicht nur, weil sie noch auf den alten Haushaltsplänen der Vorgängerregierung basieren, sondern auch, weil sie die Mehrausgaben aufgrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine noch nicht berücksichti gen. So deuten schon allein die Investitions- und Sozialausgabenpläne der neuen Regierung für sich genommen auf einen stark expansiven fiskalpolitischen Kurs hin (der durch eine starke Inanspruchnahme früherer Kreditreservepuffer finan ziert werden könnte). Darüber hinaus baut sich ein spürbarer zusätzlicher Aus gabendruck aufgrund der steigenden Energiepreise auf. Und schließlich dürften auch die kurz- und langfristigen Auswirkungen des russischen Einmarsches in 33 Die Verteidigungsausgaben des Bundes machten 2021 „nur" EUR 46,6 Mrd. (1,3% des BIP) aus, wie aus dem vorläufigen Haushaltsergebnis 2021 für den Bund hervorgeht (finanzstatistische Be trachtung). Eine Erhöhung der Militärausgaben auf „über 2 %" erfordert also zusätzliche Bundes verteidigungsausgaben von mehr als EUR 25 Mrd. (oder 0,7% des BIP) pro Haushaltsjahr. 34 Haushaltstechnisch betrachtet wird dieses Sondervermögen als Nebenhaushalt außerhalb des regulären Kernhaushalts der Bundesregierung eingerichtet. Zur Finanzierung wesentlicher Teile der im Jahr 2022 sowie in den folgenden Haushaltsjahren anfallenden zusätzlichen Militärausga ben könnte das Sondervermögen mit Kreditermächtigungen in Höhe von EUR 100 Mrd. ausge stattet werden, die es dann zu einem späteren Zeitpunkt zur Finanzierung der zusätzlichen Ver teidigungsausgaben verwenden kann, nämlich dann, wenn diese tatsächlich anfallen. Wie genau dieses Sondervermögen im Rahmen der in der Verfassung verankerten Schuldenbremse aufge setzt werden soll, bleibt noch abzuwarten. -5 -4 -3 -2 -1 0 1 2 Sozialversicherung Gemeinden Länder Bund Gesamtstaat Im Jahr 2021 schlug das drittgrößte Staatsdefizit seit der deutschen Wiedervereinigung zu Buche 3 Finanzierungssaldo, % des BIP (Gesamtstaat nach VGR) Quellen: WEFA, Statistisches Bundesamt, Bundesfinanzministerium, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 42 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland der Ukraine den Staatshaushalt in erheblichem Umfang belasten (z. B. über hö here Verteidigungsausgaben oder Mehrausgaben für die Aufnahme ukraini scher Flüchtlinge). Obwohl die weiteren wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen (des russi schen Angriffskrieges in der Ukraine) auf die deutsche Makroökonomie und die Staatsfinanzen noch im Detail analysiert werden müssen, scheint es plausibel davon auszugehen, dass sich die deutsche Maastricht-Defizitquote im Jahr 2022 erneut ausweiten könnte - auf möglicherweise deutlich über 4% des BIP (2021: 3,7% des BIP). Zum jetzigen Zeitpunkt - und angesichts der Tatsache, dass der überarbeitete Haushaltsentwurf für 2022 noch aussteht - sollte die obige Zahl daher nur als grober Orientierungswert bzw. als indikative Größen ordnung verstanden werden. Sebastian Becker (+49 69 910-21548, sebastian-b.becker@db.com) Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 43 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Unternehmenskredite: Zuletzt erholt wegen Be darfs an kurzfristigen Mitteln - jetzt noch mehr wegen steigender Energiepreise? - Der Krieg in der Ukraine könnte die Erholung in der Kreditvergabe verstär ken, weil Unternehmen und Selbstständige aus Vorsichtsgründen und ange sichts weiter stark steigender Energiepreise ihre Liquidität erhöhen. - Die Unternehmenskredite waren bereits im Schlussquartal 2021 in die Höhe geschnellt, parallel zur Inflation, weswegen mit früheren Zinserhöhungen gerechnet wurde. Gleichzeitig nahm der Bedarf an kurzfristigen Mitteln zu, weil die Energiekosten kräftig stiegen und die Unternehmen ihre Lager wie der auffüllten, die sich wegen der Lieferengpässe geleert hatten. - Die geopolitische Eskalation dürfte sich vor allem in einer Zunahme der kurzfristigen Kredite bemerkbar machen und damit die Entwicklung von Q4 anhalten, als die Kredite mit einer Laufzeit von bis zu fünf Jahren auf den Wachstumspfad zurückgekehrt waren. Bei längeren Laufzeiten waren dage gen keine Auswirkungen zu spüren. Gleichermaßen dürften die Kredite an das Verarbeitende Gewerbe am stärksten zulegen, nachdem sie sich be reits in Q4 erholt hatten. Im Dienstleistungssektor setzte sich die kräftige Expansion fort. - Im Gesamtjahr 2021 gewannen Genossenschaftsbanken, Großbanken und Sparkassen zulasten staatlicher Förderbanken und ausländischer Banken Marktanteile hinzu. Der Krieg in der Ukraine wird wahrscheinlich die Entwicklungen der letzten Mo nate in der Kreditvergabe an Unternehmen in Deutschland nochmals verstär ken, zumindest kurzfristig. Schon im Schlussquartal 2021 war die Kreditvergabe an Unternehmen und Selbstständige in Deutschland wieder deutlich angestie gen. Der Zuwachs von 2,1% ggü. Vq. (EUR 30,9 Mrd.) war der zweithöchste in den vergangenen 20 Jahren; er lag nur knapp unter dem Wert für Q1 2020, wo rin sich die Sorgen über den Ausbruch der Corona-Pandemie niedergeschlagen hatten. Die Wachstumsrate ggü. Vj., die sich bis zum vergangenen Sommer deutlich verringert hatte, kletterte infolgedessen wieder kräftig auf 4,6%. Die Er holung kam etwas unerwartet und fiel zusammen mit einer sich beschleunigen den Inflation in Deutschland und dem Euroraum insgesamt (sowie noch höhe ren Inflationsraten in den USA), die eine sehr viel raschere Straffung der Geld politik einschließlich Zinsanhebungen erwarten ließ. 35 Daher könnten einige Un ternehmen ihre Finanzierungspläne ebenfalls vorgezogen haben, um sich sehr günstige Kreditbedingungen zu sichern, solange es noch geht. In der Tat kletter ten die Renditen von Bundesanleihen während des Quartals auf den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie, auch wenn sich die tatsächlichen Kreditzinsen kaum veränderten. Angesichts des hohen Auftragsbestands erhöhte sich zudem der Bedarf an kurzfristigen Mitteln zur Finanzierung des laufenden Betriebs („Working Capital"), weil die Unternehmen ihre aufgrund der Lieferengpässe ge schrumpften Lagerbestände wieder auffüllen mussten. Zugleich waren die stei genden Energie- und Rohstoffpreise nicht nur Treiber der Inflation, sondern sorgten auch direkt dafür, dass manche Unternehmen vor dem Winter ihre Li quiditätspuffer erhöhten. Aktuell herrscht zwar wegen der geopolitischen Eskalation größere Unsicherheit hinsichtlich des geldpolitischen Ausblicks (einerseits dürften die schwächeren 35 Noch vor sechs Monaten wurde für die USA eine einzige Zinsanhebung um 25 Bp. bis Ende 2023 erwartet (und zwar in H2 2023) und keinerlei Änderung bei den Leitzinsen im Euroraum. Jetzt er warten wir bis Ende 2023 Zinserhöhungen um insgesamt 2,5 bzw. 1,25 %-Punkte - eine drasti sche Veränderung der Prognosen. -1 0 1 2 3 4 5 6 16 17 18 19 20 21 ggü. Vorjahr ggü. Vorquartal Kredite an inländische Unternehmen und Selbstständige* 1 % * ohne sonstige Finanzinstitute Quellen: Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 44 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Wachstumsaussichten den Inflationsdruck reduzieren, andererseits gibt es ei nen starken gegenteiligen Effekt durch die höheren Energiepreise). Ziemlich si cher dürfte jedoch die enorme Unsicherheit aufgrund des Krieges, der beispiel losen Sanktionen gegen einen Handelspartner und wichtigen Energielieferanten für Europa und der möglichen Vergeltungsmaßnahmen den Bedarf an Liquidität weiter erhöhen, vor allem kurzfristig. Um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein und aufgrund des ungebremsten Anstiegs der Öl- und Gaspreise (sowie möglicherweise in der Breite steigender Kosten auch für andere Produktionsfak toren). Die Finanzmärkte reagierten sofort risikoscheu, was den vorhergehen den Anstieg der langfristigen Renditen wieder rückgängig machte. Dennoch nimmt die Wahrscheinlichkeit einer generellen Neubepreisung von Risiken am Anleihemarkt zu, aufgrund der zu erwartenden höheren Staatsdefizite und der Sorgen über beträchtliche Zweitrundeneffekte angesichts der stark steigenden Inflationsraten. Schon in Q4 dürfte die hohe Inflationsdynamik (und die sich abzeichnenden Zinserhöhungen) zahlreiche Unternehmen überrascht haben. Gleichzeitig wurde kurzfristig das Wiederauffüllen der Lagerbestände erforderlich. Die Beschleuni gung der Kreditvergabe konzentrierte sich daher insbesondere auf kurze Lauf zeiten von bis zu einem Jahr (nun wieder +5,8% ggü. Vj.) und in etwas geringe rem Umfang auf Laufzeiten von 1-5 Jahren (+5,4%). Bei längeren Laufzeiten (+4,4%) war kein Effekt erkennbar. Ebenso wird sich die gegenwärtige Lage voraussichtlich stärker im Verarbeiten den Gewerbe niederschlagen als bei Dienstleistern oder Selbstständigen, we gen der größeren Abhängigkeit vom Konjunkturzyklus, von Exporten sowie von Energie und anderen Rohstoffen. Daher wird sich die Erholung der Kredite an Industrieunternehmen (ebenso wie das Kreditwachstum bei Versorgern/Berg bau) wohl fortsetzen, während die Auswirkungen auf den Dienstleistungssektor wesentlich geringer sein dürften. In Q4 hatte es einen Anstieg auf breiter Front gegeben. Selbst im Verarbeiten den Gewerbe, wo die Kreditvergabe in diesem Quartal in der Regel schwach ist, erhöhten sich die ausstehenden Volumina kräftig und lagen wieder fast auf Vor jahresniveau (-0,4%), nachdem sie zuvor deutlich geschrumpft waren. Im Dienstleistungssektor wurde mit 6% ggü. Vj. die kräftigste Expansion seit Be ginn der Corona-Krise verzeichnet. Das Wachstum der Kredite an Selbststän dige blieb praktisch unverändert auf dem höchsten Niveau seit zwei Jahrzehn ten (+4,3%). Für viele Branchen des Verarbeitenden Gewerbes war 2021 eine wahre Achterbahnfahrt und die Unterschiede sind weiterhin enorm. Die Kredit vergabe an Maschinenbau/Auto und die Chemie schrumpfte erneut deutlich (je weils -8% ggü. Vj.), die Kredite an Elektrotechnik und Ernährung stiegen dage gen kräftig an, um 13% bzw. 8%. Im Dienstleistungssektor erlebten die Kredite an Beteiligungsgesellschaften und Wohnungsunternehmen einen Boom (+18% bzw. +8%), was bei Letzteren unter anderem auf das baldige Auslaufen staatli cher Subventionen für neue energieeffiziente Gebäude zurückzuführen war. In den meisten anderen Dienstleistungsbranchen war der Zuwachs dagegen sehr viel geringer. Unter den übrigen Wirtschaftsbereichen stach der Bau mit einem Plus von 15% hervor, während es bei Versorgern/Bergbau, Handel und Land wirtschaft nur einen moderaten Anstieg gab, und im Verkehr mit -7% einen deut lichen Rückgang, da einige große Unternehmen staatlich geförderte Notfallkre dite teilweise zurückzahlten. Die Kreditvolumina stiegen im vergangenen Quartal bei allen großen Banken gruppen merklich an. Bei Genossenschaftsbanken und Sparkassen (sowie den staatlichen Förderbanken) setzte sich damit der bisherige Trend fort. Bei Groß banken, ausländischen Banken und Landesbanken (wobei sich die beiden Erst genannten ein Stück weit überschneiden) war der Anstieg insbesondere für ein Q4 recht ungewöhnlich. Dank des starken Schlussspurts waren die Kreditbü cher aller Bankengruppen zum Jahresende größer als zu Jahresbeginn. Die -15 -10 -5 0 5 10 15 16 17 18 19 20 21 Kurzfristige Kredite Mittelfristige Kredite Langfristige Kredite ... nach Fristigkeit* 2 * ohne sonstige Finanzinstitute Quellen: Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research % ggü. Vorjahr -15 -10 -5 0 5 10 15 16 17 18 19 20 21 Verarbeitendes Gewerbe Dienstleistungssektor Selbstständige ... nach Branche 3 % ggü. Vorjahr Quellen: Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research -15 -10 -5 0 5 10 15 20 16 17 18 19 20 21 Kreditbanken darunter Großbanken darunter Auslandsbanken Landesbanken Sparkassen Kreditgenossenschaften ... nach Bankengruppe* 4 * ohne sonstige Finanzinstitute Quellen: Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research % ggü. Vorjahr Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 45 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Kreditgenossenschaften lagen weiterhin an der Spitze (+7,4% ggü. Vj.), gefolgt von den Großbanken (6,4%), Sparkassen (5,1%) und Landesbanken (4,6%). Förderbanken (2,1%), die 2020 sehr erfolgreich gewesen waren, und Auslands banken (1,1%) verloren Marktanteile an ihre Wettbewerber. Bei Letzteren ist ähnlich wie in der Finanzkrise eine prozyklische Kreditvergabe zu beobachten. Dies ist zum Teil auf den spezifischen Branchenmix zurückzuführen und daher eher ein Problem der Nachfrage als des Angebots: Die Auslandsbanken haben eine besonders starke Stellung im (derzeit unter Druck stehenden) Verarbeiten den Gewerbe und machen relativ wenig Geschäft mit Wohnungsunternehmen und Baufirmen, die sich im Moment sehr dynamisch entwickeln. Aber zum einen haben sie auch eine starke Position in anderen, rasch expandierenden Bran chen wie Beteiligungsgesellschaften. Vor allem weisen sie sehr ähnliche Stär ken und Schwächen auf wie die Großbanken - deren Kreditvolumina jedoch kräftig ansteigen. Das zuletzt schwache Abschneiden der ausländischen Ban ken im Kreditgeschäft dürfte also zum Teil auch auf ein begrenztes Kreditange bot zurückzuführen sein. Die aktuellen Verwerfungen werden daran kaum etwas ändern. Jan Schildbach (+49 69 910-31717, jan.schildbach@db.com) Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 46 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Bundesregie rung ändert Politikkurs nach russi scher Invasion in die Ukraine - Da die Dauer und das letztendliche Ausmaß des Krieges in der Ukraine der zeit nicht einzuschätzen sind, bleibt die wirtschaftliche und politische Unsi cherheit sehr hoch. Wir konzentrieren uns im Folgenden daher auf die be reits erfolgten oder noch zu erwartenden Antworten der Bundesregierung. Sicher ist, dass der neuen Regierung in diesem Umfeld wenig Zeit bleibt, ihre Reformagenda für Deutschland anzugehen. - Die russische Invasion in der Ukraine bedeutet eine Zeitenwende in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Die Verteidigungsausgaben wer den massiv erhöht und das Prinzip, keine Waffen in militärische Konfliktregi onen zu liefern, aufgegeben. Zudem wurden geänderte Prioritäten in der Energiepolitik (Aufbau von strategischen Kohle- und Gasreserven, neue LNG-Häfen) angekündigt, weitere Anpassungen dürften folgen. - In der anstehenden Haushaltsdebatte werden die neuen Ausgabenprioritä ten für das Budget 2022 und der mittelfristige fiskalische Kurs klarer wer den. Das Vorhaben der Regierung, die grüne Transformation bei gleichzei tig soliden öffentlichen Finanzen voranzutreiben, wird ohne eine Repriorisie rung der Ausgaben kaum gelingen - nun umso mehr angesichts der stei genden Mittel für die Verteidigung. Mit Blick auf die Debatte um die EU Fiskalregeln erscheint angesichts des Ukraine-Krieges zwar die weitere Verlängerung der Ausnahmeklausel bei dem Budgetdefizit wahrscheinlich, ein weiterer institutioneller Schritt in der fiskalischen Integration aber wohl aus heutiger Sicht eher nicht. Hohe Unsicherheit prägt politisches und wirtschaftliches Umfeld. Die Auswirkun gen der russischen Invasion in die Ukraine auf Energiesicherheit und -preise, die Stimmung bei Wirtschaft und Verbrauchern oder Migration ist abhängig vom weiteren Verlauf des Krieges - was wiederum derzeit nicht einzuschätzen ist. Neben der Zeitenwende in der Außen- und Sicherheitspolitik sind deutliche An passungen in der Energiepolitik, im Vergleich zu der ursprünglich im Koalitions vertrag vorgesehenen, angekündigt. Auch die Finanzplanung dürfte nun ent sprechend neu ausgerichtet werden. Angesichts der enormen Unsicherheiten hinsichtlich Dauer und Schwere der kriegerischen Handlungen dürfte die Bun desregierung einen flexiblen (wirtschafts-)politischen Kurs fahren (müssen). Zeitenwende in Außen - und Sicherheitspolitik . In einer Sondersitzung des Bun destags am 27. Februar hat Bundeskanzler Scholz angekündigt, die Bundes wehr werde 100 Milliarden Euro als Sondervermögen für Investitionen und Rüs tungsvorhaben erhalten. Das Geld werde mit dem Bundeshaushalt 2022 bereit gestellt. Zudem soll das 2%-Ziel der NATO in Zukunft jedes Jahr erfüllt werden sowie Waffenlieferungen an die Ukraine erfolgen. Dieser Politikschwenk war vermutlich auch der deutlichen Kritik der westlichen Verbündeten an Deutsch lands bisheriger Haltung geschuldet. Umso mehr kann gerade bei der SPD und den Grünen die Abkehr von langjährigen Überzeugungen, wie Frieden und Si cherheit in Europa gewährleistet werden können, als historischer Moment gese hen werden - was auch von der Mehrheit der Bevölkerung als der Lage ange messen gesehen wird (s. Grafik). Die geänderte Haltung der Bundesregierung verleiht auch den Äußerungen von Bundeskanzler Scholz auf der Münchner Si cherheitskonferenz Mitte Februar mehr Gewicht, wo er Präsident Macron in sei ner Forderung nach stärkerer strategischer Souveränität der EU und der Bünde lung gemeinsamer Ressourcen unterstützte. Die neue deutsche Sicherheitspoli tik sollte der europäischen Verteidigungskooperation (PESCO) und einer besse ren Abstimmung in der öffentlichen Beschaffungspolitik zusätzliche Impulse ge ben. Auf jeden Fall dürfte die eigene proaktivere Außen- und Sicherheitspolitik Meilensteine der Ampelkoalition für 2022 laut Koalitionsvertrag 1 64 18 10 6 4 3 14 20 48 59 55 72 66 53 10 27 24 37 22 29 27 AfD Linke FDP CDU/CSU SPD Grüne Gesamt geht zu weit angemessen nicht weit genug Mehrheit hält Reaktion der Regierung auf russ. Einmarsch in Ukraine für angemessen 2 Quelle: infratest dimap März 2022, Deutsche Bank Research Parteianhänger Quelle: Deutsche Bank Research, auf Basis des Koalitions vertrags Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 47 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland auch für eine ausgewogenere Balance im deutsch-französischen Tandem sor gen, als dies zum Start der neuen Bundesregierung möglich schien. Öffentliche Meinung: Ein Mix aus Sicherheitssorgen, steigenden Energiepreisen und Aufhebung der Corona - Restriktionen. Einerseits dämpfen die Sorgen um die nationale Sicherheit und die wirtschaftliche Entwicklung die Stimmung, selbst wenn mehr als zwei Drittel der Deutschen die Maßnahmen gegen Russ land trotz möglicher Kosten und Nachteile befürworten (s. Grafik). Gleichzeitig dürfte die Aussicht auf eine weitgehende Aufhebung der Pandemie Beschränkungen (in drei Stufen bis 20. März) die Stimmung etwas aufhellen. Si cherlich dürfte die Arbeit der Regierung aber auch am Umgang mit den hohen und weiter steigenden Energiepreisen und deren negativen Effekten auf die ver fügbaren Einkommen gemessen werden (s. Grafik). Die Regierungskoalition hat dazu am 24. Februar ein Maßnahmenpaket vorgelegt, wonach u.a. die EEG Umlage ab Mitte 2022 abgeschafft wird (geplant Anfang 2023). Die Debatte über ein monatliches pro-Kopf-„Energiegeld" dürfte trotz dieser Erleichterungen weiterlaufen. Allerdings dürfte der Trade-off zwischen dem Vorantreiben der Energiewende (bei nun nochmal gestiegener Bedeutung der Gewährleistung von Versorgungssicherheit) und dem Abfedern der damit verbundenen Vertei lungseffekte zu anhaltenden Diskussionen innerhalb der Regierung führen, zu mal die Energiepreise wegen des Ukraine-Krieges weiter steigen dürften. Anstehende Haushaltsdebatte wird Priorisierung der Ausgaben für 2022 zeigen . Die sich verzögernde Aufstellung des Haushalts 2022 und die mittelfristige Fi nanzplanung dürfte den geänderten Prioritäten in den Ausgaben Rechnung tra gen. Dies hätte sich bis vor Kurzem v.a. auf die Finanzierung der Energiewende bezogen. Nun geht es (auch) um die zusätzliche finanzielle Ausstattung für den neuen sicherheitspolitischen Kurs, die durch ein „Sondervermögen Bundes wehr" von EUR 100 Mrd - kreditfinanziert - erfolgen soll (s. Beitrag S. 36 zur Fi nanzpolitik). Die Aufstockung der Verteidigungsausgaben auf 2% des BIP p.a. soll aus dem laufenden Haushalt erfolgen. Allerdings hat Finanzminister Lindner in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen, dass die Verbesserung der Verteidigungskapazitäten nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch von Strukturreformen, u.a. im Beschaffungswesen, sei. Die Etatverhandlungen dürften angesichts der Ausgabenwünsche auch der anderen Ressorts nicht ein facher werden. Dazu passt auf EU-Ebene, dass die Debatte über die Reform der Fiskalregeln als Reaktion auf die geopolitische Lage wohl nochmals ver schoben werden dürfte. Zudem dürfte die EU-Kommission im Mai vorschlagen, die Ausnahmeregel für die Einhaltung des Budgetdefizits ein weiteres Jahr an zuwenden, um den Mitgliedsländern mehr finanziellen Spielraum zur Abfede rung wirtschaftlicher Konsequenzen aus dem Ukraine-Krieg zu ermöglichen. Darüber hinausgehende fundamentale fiskalische Integrationsschritte scheinen 68 66 65 25 26 26 es dadurch bei uns zu Engpässen in der Energieversorgung kommt dadurch bei uns die Energiepreise und Lebenshaltungskosten steigen dadurch deutsche Firmen und Betriebe Nachteile erleiden Ja Nein Unterstützung der Maßnahmen gegen Russland auch, wenn … 3 Quelle: infratest dimap März 2022, Deutsche Bank Research 0 5 10 15 20 25 30 35 40 ein sehr großes ein großes ein nicht so großes gar kein "Die steigenden Energiepreise sind für mich persönlich ... Problem 4 in % Quelle: ZDF Politbarometer, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 48 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland aus heutiger Sicht eher weniger wahrscheinlich. Im Kontext der generellen Re formdebatte des Wirtschafts- und Stabilitätspakts hat die Ernennung des ordoli beralen Prof. Lars Feld zum „Persönlichen Beauftragten des Bundesministers der Finanzen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung" zu Befürchtungen in der EU geführt, Deutschland werde eine sehr orthodoxe Haltung dazu einnehmen. Allerdings spricht der Koalitionsvertrag sehr viel offener von einer „Weiterent wicklung der fiskalpolitischen Regeln". Wirtschafts - u nd Klimapolitik: Versorgungssicherheit im Fokus. Vor dem Hinter grund des Krieges in der Ukraine hat Wirtschaftsminister Habeck angekündigt, u.a. ein Gesetz für den Aufbau einer nationalen Gasreserve vorzulegen und ei nen schnelleren Ausbau der Ökostromerzeugung bis 2035 statt 2050 anzustre ben. Er schließt zudem längere Laufzeiten für Kohle- und Kernkraftwerke nicht mehr aus (s. Beitrag zur Energiepolitik S. 30). Ungeachtet dieser tagesaktuellen Antworten dürften die längerfristigen Überlegungen zu einem modifizierten Wachstumsmodell für Deutschland wichtig bleiben. So bezog Habeck bei der Vorlage des Jahreswirtschaftsberichts Position in der Frage, wie Wohlstand jen seits von BIP-Kennzahlen zu messen sei und schlug ein Set von weiteren Indi katoren wie CO 2 -Emissionen, Schulabbruchraten oder Wohnkosten vor. In ei nem jüngeren Interview (Spiegel, 22.1.2022) sagte Habeck auch, dass er die Vorstellung der Ökonomin Mariana Mazzucato von einer „Mission Economy" teile. Danach geht es darum, dass der Staat für die Wirtschaft ein Ziel definiert, den Weg dorthin aber nicht vorschreibe und damit Innovationen ermöglicht. In wiefern er diesen Weg verfolgt, muss man sehen. In seiner "Eröffnungsbilanz Klimaschutz" kündigt er kurzfristig verschiedene Maßnahmen einschl. der Über arbeitung des Gesetzes für Erneuerbare Energien, einem rechtlichen Rahmen werk für „Carbon contracts for differences" (Differenzverträge) oder der ver pflichtenden Nutzung von Solarpanels für neue Gewerbebauten an. Erste Ge setzesvorschläge waren bisher für Ende April angekündigt (s. Tabelle 4). Track record der ersten 100 Tag e im Amt: Umgang mit geopolitischem Schock dürfte Bild der Regierung vorerst dominieren. Am 17. März wird die Ampelregie rung 100 Tage im Amt sein (Vereidigung von Bundeskanzler Scholz am 8. De zember 2021). Normalerweise würde man dann darauf schauen, welche Geset zesvorhaben und Projekte der nationalen Reformagenda die Koalition bisher auf den Weg gebracht hat. Nun dürfte es vor allem eine Rolle spielen, wie die Re gierung ihre politischen Prioritäten an die neue geopolitische Situation anpasst. Neuere Umfragen zeigen, dass sich die Popularitätswerte von Bundeskanzler Scholz nach anfänglicher Ernüchterung im politischen Tagesgeschäft deutlich verbessert haben, 56% der Deutschen sind nun mit seiner Arbeit zufrieden, ein Plus von 13% ggü. Februar. Auch die Zufriedenheit mit anderen Mitgliedern der Regierung ist gestiegen (s. Grafik). Politische Landschaft: Wird die Krise die Parteien der Mitte stär ken? CDU übernimmt konstruktive Oppositionsrolle. Friedrich Merz hat seine Macht als wichtigster Oppositionsführer konsolidiert, nachdem er mit beeindruckenden Ergebnissen zum CDU-Parteivorsitzenden und zum CDU/CSU-Fraktions vorsitzenden gewählt wurde. Merz Führung dürfte länger dauern als die seiner in dieser Hinsicht weniger glücklichen Vorgänger (AKK zwei Jahre, Laschet ein Jahr). Mit Merz an der Spitze dürfte die CDU ein klareres konservatives und wirtschaftsliberales Profil entwickeln. Während sich dies dann auch in kontrover seren inhaltlichen Debatten im Bundestag niederschlagen könnte, hat Merz der Regierung in der Sondersitzung des Bundestags eine konstruktive Begleitung des neuen Kurses zugesagt. Es bleibt abzuwarten, ob die angesichts der geo 56 50 49 47 Scholz +13% Baerbock +14% Lindner +6% Habeck +8% SPD Grüne FDP Grüne Politikerzufriedenheit gestiegen 5 Veränderungen in % zu Februar 2022 Sehr zufrieden/Zufrieden Quelle: infratest dimap März 2022, Deutsche Bank Research 0 5 10 15 20 25 30 35 40 Jan. 20 Apr. 20 Jul. 20 Okt. 20 Jan. 21 Apr. 21 Jul. 21 Okt. 21 Jan. 22 CDU/CSU SPD Grüne FDP Linke AfD Pandemie % der Stimmen, wöchentlicher Durchschnitt der aktuellen Umfrageergebnisse* * Umfragen der führenden Meinungsforschungs - institute (Allensbach, Kantar, Forsa, FG Wahlen, Infratest, INSA). Quellen: Wahlrecht.de, Deutsche Bank Research Nominierung Baerbock Werden die Parteien der politischen Mitte von der geopol. Krise profitieren? 6 Wahl Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 49 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland politischen Krise großer Geschlossenheit über die Parteigrenzen hinweg mittel fristig zu einer Stärkung der politischen Mitte und einem Bedeutungsverlust der politischen Ränder (AfD oder Linkspartei) führen werden. SPD hat einen guten Lauf, aber die CDU holt auf . Auch wenn Landtagswahlen verständlicherweise derzeit nicht im Vordergrund stehen, lohnt ein Blick darauf dennoch. Die Landtagswahlen in diesem Jahr dürften besonders wichtig für die CDU werden, da sie nicht nur in drei der vier Länder den Ministerpräsidenten stellt (s. Grafik 5), sondern damit auch in drei der nur noch sechs CDU geführten Länder Veränderungen anstehen könnten. Derzeit führt die SPD im Saarland und in NRW in den Umfragen. Ob sich der Amtsbonus für die derzeiti gen Ministerpräsidenten positiv auswirkt, wird man noch sehen müssen. Beson ders wichtig wird die Landtagswahl in NRW werden, wo Hendrik Wüst im Herbst den Posten des Ministerpräsidenten übernommen hat. Möglich ist, dass Wüst von seiner Rolle als derzeitiger Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz und der damit verbundenen stärkeren öffentlichen Sichtbarkeit profitieren könnte. Was würde aus mehr SPD - regierten Ländern folgen? Mögliche Auswirkungen der Landtagswahlen könnten sich in zweierlei Hinsicht ergeben. Zum einen könnten sich die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat denen auf Bundesebene annähern, sollte die CDU in einem der Länder verlieren. Dies könnte es dann zwar der Ampelkoalition erleichtern, zustimmungspflichtige Gesetzesvorhaben durch den Bundesrat zu bekommen. Freilich sollte man nicht vergessen, dass Länderinteressen nicht notwendigerweise parteipolitisch gefärbt sind. Zum an deren könnten Wahlkampagnen in den Ländern abweichende Positionen zwi schen den Regionalverbänden und der jeweiligen Bundespartei offenlegen, z.B. wenn (unpopuläre) Entscheidungen der Bundesregierung nicht unbedingt mitge tragen wurden. Alles in allem: Die Ampelkoalition beginnt ihre Regierungsarbeit in unsicheren und herausfordernden Zeiten: Erstens muss sie die richtigen Antworten auf die wirtschaftlichen, humanitären und geostrategischen Folgen des Krieges in der Ukraine finden; zweitens muss sie die grüne Transformation vorantreiben ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden oder angesichts steigender Energie preise die Zustimmung der Bevölkerung zu verlieren; und drittens gilt es, die fö deralen Abstimmungsprozesse ungeachtet der anstehenden Landtagswahlen zu verbessern. Barbara Böttcher (+49 69 910-31787, barbara.boettcher@db.com) Marion Mühlberger (+49 69 910-31815, marion.muehlberger@db.com) Anstehende Landtagswahlen 7 Quellen: Wahlrecht.de, Deutsche Bank Research Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 50 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Marc Schattenberg, Sebastian Becker & Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) Deutschland: Datenkalender DX Datum Uhrzeit Daten Berichtszeitraum DB Schätzung Letzter Wert 24.03.2022 9:30 PMI Verarbeitendes Gewerbe (Flash) März 52,0 58,4 24.03.2022 9:30 PMI Dienstleistungssektor (Flash) März 53,0 55,8 25.03.2022 10:00 ifo Geschäftsklima (Index, sb.) März 92,0 98,9 30.03.2022 14:00 Vorläufiger VPI (% gg. Vj.) März 4,8 5,5 31.03.2022 8:00 Einzelhandelsumsätze (Index, sb.), % gg. Vm.* Februar 1,5 2,0 31.03.2022 9:55 Arbeitslosenrate (%, sb.) März 5,0 5,0 04.04.2022 8:00 Handelsbilanz (EUR Mrd., sb.) Februar 9,3 9,4 04.04.2022 8:00 Warenexporte (% gg. Vm., sb.) Februar - 1,0 - 3,1 04.04.2022 8:00 Warenimporte (% gg. Vm., sb.) Februar - 1,0 - 4,3 0 6 .0 4 .2022 8:00 Auftragseingang im Ver. Gewerbe (% gg. Vm., sb.) Februar 1,0 2,0 0 7 .0 4 .2022 8:00 Industrieproduktion (% gg. Vm., sb.) Februar 1,0 1,3 *lt. Statistischem Bundesamt auch früherer Veröffentlichungstermin möglich Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit, ifo, IHS Markit Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 51 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland Deutschland: Datenmonitor DX Q1 2021 Q2 2021 Q3 2021 Q4 2021 Q1 2022 Sep 2021 Okt 2021 Nov 2021 Dez 2021 Jan 2022 Feb 2022 Konjunkturumfragen Gesamtwirtschaft ifo Geschäftsklima 93,6 99,2 99,9 96,4 99,1 97,9 96,6 94,8 96,0 98,9 ifo Geschäftserwartungen 96,0 101,3 98,8 94,1 97,6 95,5 94,1 92,7 95,8 99,2 Produzierendes Gewerbe ifo Verarbeitendes Gewerbe 101,4 106,0 104,9 101,6 103,0 101,8 101,4 101,7 102,9 104,5 Produktion (% gg. Vp.) - 0,1 - 1,2 - 2,3 2,2 - 1,0 3,2 0,5 2,1 1,3 Auftragseingang (% gg. Vp.) 2,6 3,2 1,2 - 4,2 2,4 - 5,8 3,6 3,0 1,8 Grad der Kapazitätsauslastung 80,4 86,7 87,0 85,1 85,5 Bauhauptgewerbe Produktion (% gg. Vp.) - 0,3 2,7 - 1,6 0,9 3,1 0,9 0,2 - 3,0 6,3 Auftragseingang (% ggü. Vp.) - 2,0 - 4,1 7,0 1,8 5,2 - 5,5 - 8,0 24,1 ifo Bauhauptgewerbe 100,8 103,0 105,6 106,9 106,8 108,1 107,2 105,3 105,5 105,7 Konsumentennachfrage EC Konsumentenbefragung - 11,4 - 4,5 - 2,2 - 3,7 - 1,1 - 1,5 - 3,9 - 5,8 - 4,2 - 5,6 Einzelhandelsumsätze (% gg. Vp.) - 5,8 5,0 0,5 - 0,3 - 1,0 0,9 1,2 - 4,6 2,0 Neuzulassungen PKW (% gg. Vj.) - 6,4 44,2 - 24,6 - 31,0 - 25,7 - 34,9 - 31,7 - 26,9 8,5 3,2 Außenhandel Auslandsaufträge (% gg. Vp.) 3,3 1,4 4,5 - 6,7 7,8 - 11,3 6,5 - 2,4 9,4 Exporte (% gg. Vp.) 3,4 2,5 0,8 4,5 - 0,7 3,9 1,6 1,5 - 3,1 Importe (% gg. Vp.) 3,7 7,0 0,1 9,3 0,9 4,4 3,5 4,0 - 4,3 Nettoexporte (EUR Mrd.) 52,7 41,6 43,8 31,7 12,6 12,6 10,8 8,3 9,4 Arbeitsmarkt Arbeitslosenquote (%) 6,0 5,9 5,5 5,3 5,5 5,4 5,3 5,2 5,1 Veränderung Arbeitslosigkeit (Tsd. gg. Vp.) - 64,7 - 36,0 - 177,7 - 116,7 - 34,0 - 41,0 - 37,0 - 29,0 - 48,0 - 33,0 Beschäftigung (% gg. Vj.) - 1,5 0,0 0,6 0,9 0,6 0,7 0,9 1,1 1,4 ifo Beschäftigungsbarometer 95,9 100,7 103,4 103,5 104,3 103,7 103,9 103,0 102,5 104,3 Preise, Löhne und Arbeitskosten Preise HVPI (% gg. Vj.) 1,7 2,2 3,5 5,4 4,1 4,6 6,0 5,7 5,1 5,5 Kern - HVPI (% gg. Vj.) 1,8 1,3 2,1 3,6 2,5 2,8 4,1 3,9 2,8 3,0 Harmonisierter PPI (% gg. Vj.) Rohstoffe ohne Energie (% gg. Vj.) 28,1 54,9 39,2 33,4 29,9 34,4 33,8 32,1 29,2 31,1 Rohöl, Brent (USD/Bbl) 61,2 69,0 73,3 79,6 75,0 83,7 81,0 74,5 85,5 93,7 Inflationserwartungen EC Haushaltsumfrage 33,4 38,3 44,1 46,3 43,6 48,4 48,3 42,1 45,4 44,2 EC Unternehmensumfrage 14,9 37,1 47,7 55,9 49,5 52,6 58,0 57,0 57,3 59,3 Lohnstückkosten (gg. Vj.) Lohnstückkosten 2,5 - 4,5 2,1 2,7 Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer 0,9 5,1 4,0 3,4 Arbeitnehmerentgelt je Stunde 3,7 - 0,9 2,7 0,9 Monetärer Sektor (gg. Vj.) M3 7,1 6,4 6,3 5,6 6,3 5,8 5,5 5,6 5,7 Trend von M3* 6,6 6,3 5,9 5,6 5,6 Kredite an Unternehmen und Privatpersonen 4,2 3,8 4,4 5,3 4,4 4,8 5,2 5,3 0,0 Kredite an öffentliche Haushalte 6,8 9,9 6,3 2,6 6,3 8,8 10,4 2,6 17,5 % gg. VP = Veränderung gegenüber der Vorperiode; * zentrierter 3M - Durchschnitt Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Bundesbank, Europäische Kommission, Eurostat, Statistisches Bundesamt, HWWI, ifo Institut , IHS Markit Krieg in der Ukraine - Neue Realitäten 2.0 52 | 9. März 2022 Ausblick Deutschland © Copyright 2022. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Ver fassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen kön nen ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis zur Erbringung von Bankge schäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleis tungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Inc. genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen. Druck: HST Offsetdruck Schadt & Tetzlaff GbR, Dieburg ISSN (Print): 2512 - 2371; ISSN (Online): 2568 - 1079 Finanzmarktprognosen DX US JP EWU GB CH SE DK NO PL HU CZ Leitzinssatz, % Aktuell 0,125 - 0,10 0,00 0,50 2,75 5,89 4,50 Mrz 22 0,375 - 0,10 0,00 0,75 3,25 4,90 5,00 Jun 22 0,875 - 0,10 0,00 1,00 4,00 5,50 5,00 Sep 22 1,375 - 0,10 0,25 1,25 4,00 5,50 5,00 3M Geldmarktsatz, % Aktuell 0,64 - 0,05 Mrz 22 0,50 - 0,03 Jun 22 0,85 - 0,03 Sep 22 1,10 - 0,03 Rendite 10J Staatsanleihen, % Aktuell 1,78 0,16 - 0,02 1,30 Mrz 22 2,30 0,20 0,45 1,63 Jun 22 2,40 0,25 0,65 1,83 Sep 22 2,50 0,25 0,80 1,93 Wechselkurse EUR/USD USD/JPY EUR/GBP GBP/USD EUR/CHF EUR/SEK EUR/DKK EUR/NOK EUR/PLN EUR/HUF EUR/CZK Aktuell 1,09 115,65 0,83 1,31 1,01 10,88 9,84 4,98 393,50 25,78 Mrz 22 1,15 115,00 0,85 1,36 1,04 10,50 10,25 Jun 22 1,15 114,00 0,85 1,35 1,02 10,25 10,50 Sep 22 1,18 114,50 0,86 1,37 1,01 10,25 10,50 Quellen: Bloomberg Finance LP, Deutsche Bank Research
29.10.8