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21. Januar 2019
Das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland erhöhte im seit 2010 anhaltenden Konjunkturaufschwung seine realen Bruttoanlageinvestitionen um gut 3% pro Jahr. Der Anteil der Industrie an den gesamten sonstigen Anlageinvestitionen (geistiges Eigentum) in Deutschland lag 2017 bei 51%. Dieser Investitionsanteil verdeutlicht, dass das Verarbeitende Gewerbe der wichtigste Motor für Forschung und Entwicklung und damit für technischen Fortschritt ist. In sektoraler Betrachtung ragen die Automobilindustrie sowie die Pharmaindustrie in vielerlei Hinsicht heraus. Anlass zur Sorge gibt weiterhin der seit Jahren zu beobachtende Trend eines schrumpfenden Kapitalstocks in den energieintensiven Industrien in Deutschland. Die deutsche Industrie steht vor langfristigen Herausforderungen; dennoch halten wir es für wahrscheinlich, dass sie anpassungsfähig genug ist, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. [mehr]
Microsoft Word - 2019_Investitionen_Branchen_SA.docx Deutschland-Monitor Das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland erhöhte im seit 2010 anhaltenden Konjunkturaufschwung seine realen Bruttoanlageinvestitionen um gut 3% pro Jahr. Damit fällt die Wachstumsrate in diesem Zeitraum höher aus als bei den gesamtwirtschaftlichen Bruttoanlageinvestitionen (+2,5% p.a.). Die Industrie steigerte im langfristigen Vergleich ihre sonstigen Anlageinvestitio- nen überdurchschnittlich stark; sie umfassen im Wesentlichen das geistige Ei- gentum (Forschung & Entwicklung). Von 1995 bis 2017 expandierten diese um real 74%, während die gesamten Bruttoanlageinvestitionen des Verarbeitenden Gewerbes „nur“ um 41% stiegen. Inzwischen fließt fast die Hälfte aller Investitio- nen der Industrie in geistiges Eigentum. Investitionen in Maschinen, Ausrüstun- gen sowie in Gebäude haben entsprechend an Bedeutung verloren. Der Anteil der Industrie an den gesamten sonstigen Anlageinvestitionen (geisti- ges Eigentum) in Deutschland lag 2017 bei 51%. Dieser Investitionsanteil ver- deutlicht, dass das Verarbeitende Gewerbe der wichtigste Motor für Forschung und Entwicklung und damit für technischen Fortschritt ist. In sektoraler Betrachtung ragen die Automobilindustrie sowie die Pharmaindus- trie in vielerlei Hinsicht heraus. So sind die Bruttoanlageinvestitionen in der Au- tomobilindustrie (real +4,4% pro Jahr seit 1995) und der Pharmaindustrie (+2,5 p.a.) besonders dynamisch expandiert (Industrie: +1,6% p.a.). Der Anteil der beiden Branchen an den gesamten Bruttoanlageinvestitionen des Verarbei- tenden Gewerbes nahm von 22,5% (1995) auf 38,4% (2016) zu. Als Ergebnis der regen Investitionstätigkeit ist das reale Nettoanlagevermögen in der Automobilindustrie von 1995 bis 2016 um 79% gestiegen. Die Phar- mabranche verzeichnete ein Plus von 43,5%. Der Kapitalstock im Verarbeiten- den Gewerbe nahm in diesem Zeitraum dagegen nur um +2,4% zu. Anlass zur Sorge gibt weiterhin der seit Jahren zu beobachtende Trend eines schrumpfenden Kapitalstocks in den energieintensiven Industrien in Deutsch- land. In der Baustoffindustrie sank das reale Nettoanlagevermögen zwischen 2000 und 2016 um knapp 39%. Die Papierindustrie verzeichnete einen Rück- gang um rd. 31%. Der Kapitalstock in der Metallerzeugung nahm im genannten Zeitraum um 16,1% und in der Chemieindustrie um 12,4% ab. Die deutsche Energiepolitik ist ein wesentlicher Grund für diese negative Entwicklung. Die deutsche Industrie steht vor langfristigen Herausforderungen, die nicht zu- letzt aus dem demografischen Wandel oder der Digitalisierung resultieren. Den- noch halten wir es für wahrscheinlich, dass sie anpassungsfähig genug ist, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Die in internationalen Vergleichen häufig anerkannte Attraktivität Deutschlands als Investitionsstandort ist keine Selbstverständlichkeit. Staatliche Regulierung hat hierauf einen erheblichen Ein- fluss. Sie sollte sich an Fakten und nüchternen Argumenten statt an Ideologie oder politischer und medialer Dauerempörung orientieren. Autor Eric Heymann +49 69 910-31730 eric.heymann@db.com Editor Stefan Schneider Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider 21. Januar 2019 Deutsche Industrie Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 2 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor Anlageinvestitionen in Deutschland verzeichnen überdurchschnitt- lich hohe Wachstumsraten Die Konjunktur in Deutschland verliert aktuell an Schwung. Dennoch dürfte das deutsche BIP 2018 (nach den vorläufigen Jahresergebnissen) mit einem Plus von real rd. 1,5% zum fünften Mal in Folge über der Potenzialrate gewachsen sein, welche die Deutsche Bundesbank auf rd. 1 ¼% pro Jahr schätzt. Es ist so- gar das neunte Jahr nacheinander, in dem das deutsche BIP zunimmt. Mit ei- nem Plus auch im Jahr 2019 (wir erwarten einen Zuwachs um etwa 1%) wäre dies der längste wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland seit den 1950er und 1960er Jahren. Fairerweise muss erwähnt werden, dass die deutsche Wirt- schaftsleistung 2009 um real 5,6% gesunken war; der stärkste BIP-Einbruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zudem sind die letzten zehn Jahre von ei- ner sehr expansiven Geldpolitik geprägt, was einen derart langen Aufschwung begünstigt. In der jüngeren Vergangenheit gab es intensive Diskussionen über die Frage, ob Unternehmen und Staat zu wenig in Deutschland investieren. Ein Blick auf die volkwirtschaftliche Gesamtrechnung zeigt, dass die Bruttoanlageinvestitio- nen 1 von 2010 bis 2018 mit einem jahresdurchschnittlichen Plus von real 2,5% stärker gewachsen sind als das BIP (+1,8% p.a.). Dabei legten die Ausrüstungs- investitionen preisbereinigt ebenfalls um durchschnittlich 2,7%, die Bauinvestiti- onen um 2,2% und die sonstigen Anlageinvestitionen um 3% pro Jahr zu. Investitionen „zu“ gering? Die Frage, ob diese Investitionsdynamik „zu“ gering ausgefallen ist, lässt sich ohne ein von normativen Vorstellungen geprägtes Referenzszenario nicht be- antworten. Ein Blick auf die Nettoanlageinvestitionen (Bruttoanlageinvestitionen abzüglich Abschreibungen) dient hier zumindest als Indikation. Diese nahmen 2017 zwar zum vierten Mal in Folge zu (Zahlen für 2018 noch nicht verfügbar). Allerdings lagen sie von 2010 bis 2015 unter dem langfristigen Mittelwert. Auch die Investitionsquote (Anteil der Investitionen am BIP) unterschritt in den Jahren 2010 bis 2017 das langfristige Niveau. Dies gilt sowohl für die gesamten Brutto- anlageinvestitionen als auch für die Ausrüstungsinvestitionen (siehe Grafik 4). Trotz dieser langfristig leicht rückläufigen Investitionsquote halten wir es gerade hinsichtlich der Investitionen privatwirtschaftlicher Unternehmen für sehr plausi- bel, dass diese im Durchschnitt ihre Investitionen in zeitlicher und regionaler Hinsicht so tätigen, dass es für ihren wirtschaftlichen Erfolg optimal ist. Selbst eine etwaige Fokussierung von Aktiengesellschaften auf ihre jeweiligen Quar- talsberichte (kurzfristige Gewinnmaximierung statt langfristige Investitionspläne) ändert diese Einschätzung nicht wesentlich. Größere Einigkeit herrscht gleichwohl bei der Einschätzung, dass die staatlichen Investitionen in den letzten zwei Jahrzehnten höher hätten ausfallen sollen. Denn die Nachfrage nach bzw. die Beanspruchung von staatlicher Infrastruktur (z.B. Verkehrswege, Forschung und Entwicklung, Bildung und Bildungseinrich- tungen) sind vielerorts schneller gestiegen als das Angebot (z.B. steigende Ver- kehrsleistung, mehr Studierende an inländischen Hochschulen). 2 1 Die Bruttoanlageinvestitionen setzen sich aus den Ausrüstungsinvestitionen (Maschinen, Geräte, Fahrzeuge), den Bauinvestitionen (Wohnbauten und Nicht-Wohnbauten) sowie den sonstigen Anlageinvestitionen (v.a. Forschung und Entwicklung, Software und Datenbanken, Urheber- rechte) zusammen. 2 Vgl. Gräf, Bernhard und Oliver Rakau (2014). Investitionslücke in Deutschland? Vermutlich nur im öffentlichen Bereich! Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen. Frankfurt am Main. -10 -8 -6 -4 -2 0 2 4 6 8 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 BIP Bruttoanlageinvestitionen Investitionen wachsen in den letzten Jahren schneller als BIP 1 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Reales BIP und reale Bruttoanlageinvestitionen in Deutschland, % gg. Vj. -25 -20 -15 -10 -5 0 5 10 15 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 Ausrüstungsinvestitionen Bauinvestitionen Zuletzt relativ stabiles Investitions- wachstum 2 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Reale Ausrüstungs- und reale Bauinvestitionen in Deutschland, % gg. Vj. 0 25 50 75 100 125 150 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Nettoanlageinvestitionen Durchschnitt der Jahre 1995 bis 2017 Nettoanlageinvestitionen tendieren nach oben 3 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Nominale Nettoanlageinvestitionen aller Wirtschaftsbereiche in DE, EUR Mrd. Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 3 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor Aktuelle Dynamik bei Anlageinvestitionen ähnlich hoch wie im langfristigen Durchschnitt, aber geringer als in früheren Aufschwungphasen Für die Ausrüstungsinvestitionen sowie die sonstigen Anlageinvestitionen gilt, dass sich die im aktuellen Konjunkturzyklus erzielten Zuwächse nicht oder nicht wesentlich von den langfristigen Wachstumsraten unterscheiden. Beispiels- weise nahmen die Ausrüstungsinvestitionen auch von 1995 bis 2018 durch- schnittlich um 2,7% pro Jahr zu (also genauso stark wie zwischen 2010 und 2018). Gleichwohl gab es seit der Wiedervereinigung Phasen, in denen die Aus- rüstungsinvestitionen deutlich stärker gestiegen sind als zuletzt: von 1994 bis 2000 um 6,3% pro Jahr sowie von 2003 bis 2008 um 6,8% p.a. Das Urteil hängt also jeweils stark vom gewählten Vergleichszeitraum ab. Die sonstigen Anlageninvestitionen expandierten seit 1995 um jahresdurch- schnittlich 3,2%, also etwas stärker als seit 2010. Lediglich bei den Bauinvestiti- onen weicht die langfristige Veränderungsrate (1995 bis 2018: -0,3% pro Jahr) von der Dynamik im aktuellen Zyklus ab. Diese Diskrepanz ist darauf zurückzu- führen, dass die Bauinvestitionen nach dem Wiedervereinigungsboom zu Be- ginn der 1990er Jahre lange Zeit rückläufig waren. Dieser Anpassungsprozess in der Bauwirtschaft dauerte gut zehn Jahre und lief erst in der zweiten Hälfte der letzten Dekade aus. Zum Vergleich: Das deutsche BIP nahm seit 1995 im Mittel um real 1,4% p.a. zu. Kurzfristig weiterhin moderates Investitionswachstum Wir rechnen damit, dass die deutschen Anlageinvestitionen im Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2020 preisbereinigt um knapp 3% jährlich steigen werden. Ein höheres Investitionswachstum erscheint nicht zuletzt wegen der wirtschaftlichen und geopolitischen Unsicherheiten (z.B. Brexit, fortlaufende Handelskonflikte) sowie des fortgeschrittenen Konjunkturzyklus unwahrscheinlich. Zudem haben die Unternehmen offenkundig aus früheren Krisen gelernt, als sie jeweils kurz vor dem Platzen der New Economy-Blase sowie vor der Wirtschafts- und Fi- nanzkrise (2008/09) ihre Ausrüstungsinvestitionen noch einmal deutlich steiger- ten und anschließend unter Überkapazitäten zu leiden hatten. Aktuell agieren die Unternehmen jedenfalls sehr viel vorsichtiger, was die oben skizzierte gerin- gere Investitionsdynamik im Vergleich zu früheren Aufschwungphasen verdeut- licht. Unter dem Strich würden die Bruttoanlageinvestitionen weiterhin schneller wachsen als das BIP, welches nach unserer aktuellen Prognose im Mittel der genannten drei Jahre um etwa 1,3% pro Jahr steigen dürfte. Verarbeitendes Gewerbe: Zuletzt stetiges Investitionswachstum Im Folgenden beleuchten wir die Investitionstätigkeit des Verarbeitenden Ge- werbes in Deutschland. Zunächst betrachten wird die jüngere konjunkturelle Entwicklung. Anschließend analysieren wir eine Reihe von strukturellen Aspek- ten der Investitionstätigkeit im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt sowie in ein- zelnen Industriebranchen. Diese sind gesamtwirtschaftlich bedeutsam und impli- zieren politischen Handlungsbedarf. Von 2010 bis 2017 nahmen die realen Bruttoanlageinvestitionen des Verarbei- tenden Gewerbes in Deutschland um durchschnittlich 3,2% pro Jahr zu. Damit fällt die Wachstumsrate in diesem Zeitraum höher aus als bei den gesamtwirt- schaftlichen Bruttoanlageinvestitionen (+2,4% p.a.). Auch 2018 dürften die Brut- toanlageinvestitionen der Industrie gestiegen sein. Zwar liegen noch keine un- terjährigen Daten für die Investitionstätigkeit im Verarbeitenden Gewerbe (oder anderen Wirtschaftsbereichen) vor. Gleichwohl lagen die gesamtwirtschaftlichen Bruttoanlageinvestitionen in den ersten drei Quartalen von 2018 um preisberei- 0 5 10 15 20 25 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Anteil ges. Bruttoanlageinv. am BIP Anteil Ausrüstungsinv. am BIP Investitionsquote in den letzten Jahren relativ stabil 4 Anteil der Investitionen am BIP in Deutschland (Investitionsquote), % Quelle: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research 80 90 100 110 120 130 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Gesamte Volkswirtschaft Verarbeitendes Gewerbe Höhere Investitionsdynamik in der Industrie 5 Reale Bruttoanlageinvestitionen in DE, 2010=100 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research 50 60 70 80 90 100 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Kapazitätsauslastung Mittelwert seit 1992 Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland, % Quelle: ifo Institut Kapazitätsauslastung gibt leicht nach 6 Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 4 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor nigt 2,9% über dem entsprechenden Vorjahresniveau. Nicht zuletzt die Investiti- onsumfrage des ifo Instituts vom August 2018 spricht dafür, dass die Industrie- unternehmen hierzu einen wesentlichen Beitrag geleistet und ihre Investitionen 2018 erhöht haben. 3 Zudem lag die Kapazitätsauslastung im Jahresdurchschnitt von 2018 um rd. 4%-Punkte über dem langjährigen Mittelwert. Nettoanlageinvestitionen in der Industrie ziehen 2016 und 2017 deutlich an Positiv ist zu erwähnen, dass die nominalen Nettoanlageinvestitionen, also die Bruttoanlageinvestitionen abzüglich der Abschreibungen, im deutschen Verar- beitenden Gewerbe in den Jahren 2016 (EUR 12,2 Mrd.) und 2017 (EUR 13,1 Mrd.) so hoch ausgefallen sind wie seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr. Seit einschließlich 2011 verzeichnete die Industrie in jedem Jahr positive Netto- anlageinvestitionen; die Bruttoinvestitionen übertrafen also in jedem Jahr die Abschreibungen. Das ist insofern bemerkenswert, als in der Zeit von 1994 bis 2010 die Nettoanlageinvestitionen in der deutschen Industrie nur in zehn von 17 Jahren positiv waren. Die positive Entwicklung der Nettoanlageinvestitionen hat dazu geführt, dass das reale Nettoanlagevermögen im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen ist; es lag 2017 um knapp 5% über dem Niveau von 2010 und dürfte auch 2018 gestiegen sein. Das reale Nettoanlagevermögen ist quasi das Ergebnis früherer Investitionstätigkeit unter Berücksichtigung des Wertverlustes der jeweiligen Anlagen (Abschreibungen) und der Inflationsent- wicklung. Modernitätsgrad in der deutschen Industrie leicht gestiegen Dank der positiven Entwicklung der Nettoanlageinvestitionen in den letzten Jah- ren nahm ferner der Modernitätsgrad im Verarbeitenden Gewerbe in Deutsch- land zu. Er entspricht dem Quotienten aus dem jeweils nominalen Nettoanlage- vermögen und dem Bruttoanlagevermögen und gibt somit an, welcher Anteil des Anlagevermögens zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht abgeschrie- ben ist. 2017 lag der Modernitätsgrad in der deutschen Industrie bei 50,4% und damit um 2%-Punkte höher als 2010. Es war zudem der höchste Wert seit 1995. Zugleich fällt der Modernitätsgrad im Verarbeitenden Gewerbe aber niedriger aus als im Durchschnitt aller Dienstleistungen (2017: 57%). Ein Grund hierfür ist, dass viele Dienstleistungsbranchen jünger sind als traditionelle Industriesek- toren und der Aufbau des Kapitalstocks bei jenen Dienstleistungen erst spät er- folgte. Gleichwohl nimmt der Modernitätsgrad bei den Dienstleistungen seit Jah- ren stetig ab, weil der Anteil der Abschreibungen an den Bruttoanlageinvestitio- nen mit fortschreitender Reife eines Sektors tendenziell zunimmt. Industrie wichtigste Säule für F&E-Investitionen Das Verarbeitende Gewerbe leistet einen nennenswerten Beitrag zur Investiti- onstätigkeit in Deutschland. Der Anteil der Bruttoanlageinvestitionen der Indust- rie an den gesamten Bruttoanlageinvestitionen schwankt seit 2010 zwischen 18% und gut 19% (2017: 18,8%). Damit liegt der Investitionsanteil der Industrie unter ihrem Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung. Hier kam das Verarbeitende Gewerbe 2017 nämlich auf 23,4%. Der Investitionsanteil der Industrie mag auf den ersten Blick überraschend niedrig sein. Zu berücksichti- gen ist hierbei jedoch, dass die Industrie ein wichtiger Auftraggeber für viele 3 Vgl. Weichselberger, Annette (2018). Deutsche Industrie: Für 2018 spürbarer Investitionsanstieg geplant. In: ifo Schnelldienst 16/2018. München. -10 -5 0 5 10 15 95 99 03 07 11 15 Nettoanlageinvestitionen in der Industrie seit 2011 positiv 7 Quelle: Statistisches Bundesamt Nominale Nettoanlageinvestitionen im Verarb. Gewerbe in DE, EUR Mrd. 70 80 90 100 110 120 130 140 00 02 04 06 08 10 12 14 16 Anlagen Ausrüstungen Bauten Sonstige Anlagen Anteile am industriellen Kapitalstock verschieben sich 8 Reales Nettoanlagvermögen im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland, 2000=100 Quelle: Statistisches Bundesamt 45 50 55 60 65 70 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Verarbeitendes Gewerbe Dienstleistungen Anteil des nom. Nettoanlagevermögens am nom. Bruttoanlagevermögen in Deutschland, % Modernitätsgrad bei Dienstleistungen sinkt, Industrie zuletzt aufwärts 9 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 5 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor Dienstleistungsbranchen ist, die ihrerseits Investitionen tätigen, um die Anforde- rungen der Industrie erfüllen zu können. Zudem wurden in den letzten Jahr- zehnten durch Outsourcing bestimmter Glieder der (vormals) industriellen Wert- schöpfungskette (z.B. Logistik, IT, Forschung & Entwicklung, wissenschaftliche und technische Dienstleister) viele Investitionsaktivitäten in statistischer Hinsicht vom Verarbeitenden Gewerbe in den Dienstleistungssektor verschoben. Bei- spielswiese vereinten die Branchen Verkehr und Lagerei sowie Unternehmens- dienstleister 2017 zusammen 17,5% der gesamten Bruttoanlageinvestitionen auf sich (zum Vergleich 1995: 13,8%). Industrie investiert vor allem in F&E, Software usw. – Bauinvestitionen unwichtig Bezüglich der Bedeutung der industriellen Investitionstätigkeit lohnt sich zudem ein differenzierter Blick auf die einzelnen Investitionsarten: So erreichte das Ver- arbeitende Gewerbe bei den Ausrüstungsinvestitionen zuletzt einen Anteil von 24,4% und liegt damit knapp über seinem Bruttowertschöpfungsanteil. Wenig relevant sind die dagegen die Bauinvestitionen der Industrie (Anteil 2017: 2,4%). Die hohe volkswirtschaftliche Bedeutung des Verarbeitenden Gewerbes wird dagegen vor allem beim Anteil an den sonstigen Anlageinvestitionen deut- lich: Dieser lag 2017 bei gut 51% und damit doppelt so hoch wie der Anteil an der Bruttowertschöpfung. Wie wir bereits erwähnt haben, werden die sonstigen Anlageinvestitionen in besonderem Maße vom geistigen Eigentum & Co. ge- prägt. Dieser Investitionsanteil verdeutlicht, dass das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland der wichtigste Motor für Forschung und Entwicklung und damit für technischen Fortschritt ist. Es ist zudem ein wichtiger Arbeitgeber für hochquali- fizierte Arbeitskräfte. Diese immense Bedeutung der Industrie für den For- schungsstandort Deutschland wird auch durch die Zahlen des Stifterverbands bestätigt: Danach entfielen 2016 gut 86% alle internen und externen F&E-Auf- wendungen in Deutschland auf Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes (neuer Zahlen liegen noch nicht vor). Deutsche Industrie: Alles andere als Old Economy – Digitalisierung erfordert hö- here Investitionen Die hohe und seit Jahren tendenziell steigende Exportquote der Industrie zeigt ferner, dass die Erzeugnisse hiesiger Unternehmen international gefragt sind. Von Old Economy kann also keine Rede sein. Zugleich erhöhen die Unterneh- men ihre Investitionen im Bereich Industrie 4.0, z.B. um die Vernetzung von Mit- arbeitern, Maschinen und Bauteilen bzw. Zwischenprodukten voranzutreiben und die eigenen Produktionsprozesse zu optimieren, zu flexibilisieren und zu automatisieren. Zudem dürften die Produkte dadurch fitter für das digitale Zeital- ter gemacht werden (z.B. vernetzte und intelligente Maschinen, Anlagen und Fahrzeuge). 4 Die Digitalisierung der Wertschöpfungskette (Stichwort: Industrie 4.0) wird in den nächsten Jahren erhebliche Investitionen der Industrieunternehmen in Deutschland erfordern. Wir erwarten, dass hiermit grundsätzlich ein höheres Wertschöpfungspotenzial einhergeht. Allerdings werden nicht alle Unternehmen die Chancen der Digitalisierung nutzen können, was zum Ausscheiden aus dem Markt führen kann. Diese schöpferische Zerstörung dürfte insgesamt zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit des industriellen Standorts führen. Wir erwarten zudem, dass mit digitalen Technologien die Lasten aus der demografischen Entwicklung in den kommenden Jahren besser abgemildert werden können (sinkendes Erwerbspersonenpotenzial). Nicht zu verhehlen ist gleichwohl, dass 4 Vgl. Auer, Josef (2018). Industrie 4.0 – Digitalisierung mildert demografische Lasten. Deutsche Bank Research. Deutschland-Monitor. Frankfurt am Main. 15 17 19 21 23 25 95 99 03 07 11 15 Anteil an ges. Bruttowertschöpfung Anteil an ges. Bruttoanlageinvestitionen Industrie: Wertschöpfungsanteil größer als Investitionsanteil 10 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Anteil des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland, % 0 10 20 30 40 50 60 95 99 03 07 11 15 Anteil an ges. Ausrüstungsinvestitionen Anteil an ges. Bauinvestitionen Anteil an ges. sonst. Anlageinvestitionen Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Industrie vor allem bei sonstigen Anlageinvestitionen wichtig 11 Anteil des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland, % 40 42 44 46 48 50 52 05 07 09 11 13 15 17 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Exportquote inzwischen über 50% 12 Anteil des Auslandsumsatzes am Gesamtumsatz im Verarb. Gew. in Deutschland, % Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 6 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor Deutschland bei vielen digitalen Technologien und Anwendungen (z.B. künstli- che Intelligenz, digitale Plattformökonomien) gegenüber der Konkurrenz aus den USA und zunehmend auch China rückständig ist. 5 Insgesamt dürfte der Anteil der sonstigen Anlageinvestitionen an den gesamten Bruttoanlageinvestitionen des Verarbeitenden Gewerbes in den kommenden Jahren weiter zunehmen, auch wegen des Digitalisierungstrends. Er lag 1995 bei knapp 38% und stieg bis 2017 auf 49%. Die Ausrüstungsinvestitionen im Verarbeitenden kamen 2017 dagegen „nur“ auf einen Anteil von 45% (1995: gut 53%) an den Bruttoanlageinvestitionen, während auf die Bauinvestitionen ledig- lich 6% entfielen (1995: 9%). Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene sind die sonstigen Anlageinvestitionen sehr viel weniger bedeutsam. Ihr Anteil an den Bruttolageinvestitionen der deutschen Volkswirtschaft erreichte 2017 knapp 19%, wenngleich hier ebenfalls ein deutli- cher Anstieg gegenüber 1995 (11,5%) zu verzeichnen ist. Hersteller von Investitionsgütern und Pharmaindustrie besonders investitionsfreudig Es ist wenig überraschend, dass die klassischen deutschen Exportbranchen ei- nen überdurchschnittlich hohen Anteil an den Bruttoanlageinvestitionen des Verarbeitenden Gewerbes haben. An der Spitze liegt die Automobilindustrie mit einem Anteil von gut 31% im Jahr 2016 (neuere Daten liegen noch nicht vor). Mit großem Abstand folgen die Elektrotechnik (13,6%), der Maschinenbau (10,7%), die Metallindustrie (7,7%), die Pharmaindustrie (7,3%) sowie die Che- mieindustrie (7,1%). Diese fünf Branchen machen also 77,5% der gesamten Bruttoanlageinvestitionen der Industrie aus. Gemessen an den sonstigen Anla- geinvestitionen (geistiges Eigentum) kommen sie sogar auf 87%; dies entspricht knapp 45% der gesamtwirtschaftlichen sonstigen Anlageinvestitionen. Mit Aus- nahme der Metallindustrie haben alle genannten Sektoren eine überdurch- schnittlich hohe Exportquote gemeinsam. Die Exporterfolge der betreffenden Branchen, die international und zum Teil auch national häufig kritisiert werden (deutscher Handelsbilanzüberschuss), sind also nicht zuletzt das Ergebnis um- fangreicher Investitionen in moderne Maschinen und Anlagen sowie in For- schung und Entwicklung. Sie basieren jedenfalls nicht auf einer spezifisch deut- schen Industriepolitik, die heimische Unternehmen systematisch vor ausländi- schen Wettbewerbern schützen würde. Autoindustrie und Pharma: Bruttoanlageinvestitionen sehr dynamisch … In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Bruttoanlageinvestitionen in der Auto- mobilindustrie (real +4,4% pro Jahr seit 1995) und der Pharmaindustrie (+2,5 p.a.) besonders dynamisch expandiert. Unter den großen Industriebran- chen verzeichnete in diesem Zeitraum lediglich noch der Maschinenbau mit +2% jährlich ein Investitionswachstum, welches über dem Durchschnitt des Ver- arbeitenden Gewerbes lag (+1,6% p.a.). In der Folge nahm der Anteil der Auto- mobil- sowie der Pharmaindustrie an den gesamten Bruttoanlageinvestitionen des Verarbeitenden Gewerbes von 22,5% im Jahr 1995 auf 38,4% (2016) zu. Ihr Anteil an den sonstigen Anlageinvestitionen liegt mit 49% noch höher – Ten- denz steigend. 5 Vgl. Körner, Kevin et al. (2018). Digitale Wirtschaft. Wie künstliche Intelligenz und Robotik unsere Arbeit und unser Leben verändern. Deutsche Bank Research. EU-Monitor. Frankfurt am Main. 0 10 20 30 40 50 60 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Anteil der Ausrüstungsinvestitionen Anteil der Bauinvestitionen Anteil der sonst. Anlageinvestitionen Industrie investiert vor allem in geistiges Eigentum 13 Anteil der Investitionsarten an ges. Brutto- anlageinvestitionen des Verarb. Gew. in DE, % Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research 31,1 13,6 10,7 7,7 7,3 7,1 22,5 Automobil Elektrotechnik Maschinenbau Metallind. Pharma Chemie Sonstige Anteil einzelner Branchen an den ges. Brutto- anlageinv. im Verarb. Gew. in DE, 2016, % Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Investitionsgüterbranchen dominieren 14 Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 7 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor … und Nettoanlageinvestitionen nur selten negativ Auffällig ist ferner, dass die Automobilindustrie und die pharmazeutische Indus- trie in den meisten Jahren seit 1995 mehr in neue Maschinen, Bauten und geis- tiges Eigentum investieren, als sie Abschreibungen auf diese Anlagen vorneh- men. In der Automobilindustrie waren die Nettoanlageinvestitionen lediglich in den Jahren 1995, 2006 und 2009 jeweils leicht im Minus. In der Pharmaindus- trie überstiegen die Abschreibungen der Branche sogar nur einmal (2011) ihre Bruttoanlageinvestitionen. Die Zahlen verdeutlichen, dass die beiden Sektoren ihre Investitionen relativ unabhängig vom Konjunkturzyklus tätigen. In vielen Jahren (z.B. von 2011 bis 2014) waren die Nettoanlageinvestitionen des gesam- ten Verarbeitenden Gewerbes nur aufgrund des Beitrags der Automobilindustrie und der Pharmabranche positiv. Als Ergebnis der regen Investitionstätigkeit ist das reale Nettoanlagevermögen in der Automobilindustrie sowie in der Pharmaindustrie in den letzten Jahren deutlich schneller gestiegen als im Durchschnitt des gesamten Verarbeitenden Gewerbes. So nahm es in der Automobilindustrie von 1995 bis 2016 um 79% zu, die Pharmabranche verzeichnete ein Plus von 43,5% (Verarbeitendes Ge- werbe: +2,4%). Hoher Anteil langfristig ausgerichteter Investitionen in der Automobil- und Phar- maindustrie Eine weitere Besonderheit der Automobilindustrie und der Pharmaindustrie liegt schließlich darin, dass ihr Anteil an den gesamten Bruttoanlageinvestitionen des Verarbeitenden Gewerbes deutlich höher ausfällt als ihr Anteil an der Brutto- wertschöpfung. Diese Diskrepanz ist darauf zurückzuführen, dass die Kapitalin- tensität in den beiden Branchen (gemessen am Verhältnis des nominalen Brut- toanlagevermögens pro Erwerbstätigem) über dem Durchschnitt des gesamten Verarbeitenden Gewerbes liegt. Sie deutet aber auch darauf hin, dass die bei- den Branchen mehr als andere Sektoren in Produktbereichen investieren, in de- nen es noch keinen großen Markt gibt. Der besonders hohe Anteil an F&E-In- vestitionen spricht ebenfalls dafür. Konkret treibt z.B. die Automobilindustrie die Entwicklung alternativer Antriebstechnologien intensiv voran. Auch für das auto- nome und vernetzte Fahren wenden die Unternehmen hohe Summen auf. 6 In beiden Fällen sind die jeweiligen Absatzmärkte aber noch klein. Beispielsweise vereinen batterieelektrische Autos aktuell weltweit einen Anteil von weniger als 1% an den gesamten Fahrzeugverkäufen auf sich. Die Pharmaindustrie inves- tiert stetig in neue Medikamente. Allerdings vergehen von der Grundlagenfor- schung bis zum zugelassenen Präparat im Durchschnitt deutlich mehr als zehn Jahre. Hinzu kommt, dass ein nennenswerter Teil der Forschungsaktivitäten nicht erfolgreich abgeschlossen werden kann bzw. nicht zu einem Medikament führt, dass sich tatsächlich vermarkten lässt. Die Beispiele verdeutlichen, dass viele F&E-Investitionen in den beiden Sektoren langfristig ausgerichtet und da- mit besonders risikobehaftet sind. Für den unternehmerischen Erfolg sind sol- che Investitionen gleichwohl unverzichtbar. Ein ähnliches Muster – hoher Anteil der Branche an den Bruttoanlageinvestitio- nen im Vergleich zu ihrem Anteil an der industriellen Bruttowertschöpfung – fin- det sich noch in Teilen der Elektrotechnik (DV-Geräte, elektronische und opti- sche Geräte) sowie im sonstigen Fahrzeugbau (Flugzeuge, Schiffe, Schienen- fahrzeuge). 6 Siehe hierzu Heymann, Eric und Janina Meister (2017). Das digitale Auto. Mehr Umsatz, mehr Konkurrenz, mehr Kooperation. Deutsche Bank Research. Deutschland-Monitor. Frankfurt am Main. 10 15 20 25 30 35 40 45 50 95 99 03 07 11 15 Anteil an Bruttoanlageinvestitionen Anteil an Ausrüstungsinvestitionen Anteil an Bauinvestitionen Anteil an sonstigen Anlageinvestitionen Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Anteil der Automobil- u. Pharmaindustrie an den Investitionen des Verarbeit. Gewerbes in DE, % Automobil- und Pharmaindustrie werden bedeutsamer 15 -15 -10 -5 0 5 10 15 95 99 03 07 11 15 Verarbeitendes Gewerbe ohne Automobil- und Pharmaindustrie Automobil- und Pharmaindustrie Nominale Nettoanlageinvestitionen in Deutschland, EUR Mrd. Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Positive Nettoanlageinvestitionen in der Automobil- und Pharmaindustrie 16 80 100 120 140 160 180 95 99 03 07 11 15 Verarbeitendes Gewerbe Automobilindustrie Pharmaindustrie Quelle: Statistisches Bundesamt Reales Nettoanlagevermögen in Deutschland, 1995=100 Kapitalstock in der Automobil- und Pharmaindustrie wächst stark 17 Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 8 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor Kapitalstock in energieintensiven Sektoren schrumpft weiter Anlass zur Sorge gibt weiterhin der seit Jahren zu beobachtende Trend eines sinkenden Kapitalstocks in den energieintensiven Industrien in Deutschland. Zu diesen zählen wir die Papierindustrie (NACE-Code 17), die Chemieindustrie (20), die Baustoffindustrie (23) sowie die Metallerzeugung und -bearbeitung (24). Sie verzeichnen einen Anteil der Energiekosten am Bruttoproduktionswert, der mindestens doppelt so hoch wie im Durchschnitt des Verarbeitenden Ge- werbes ausfällt. In der Baustoffindustrie sank das reale Nettoanlagevermögen zwischen 2000 und 2016 um knapp 39%. Die Papierindustrie verzeichnet einen Rückgang um rd. 31% im genannten Zeitraum. Weniger dramatisch, aber nennenswert schrumpfte der Kapitalstock in der Metallerzeugung und -bearbeitung (-16,1%) sowie in der Chemieindustrie (-12,4%). Wir halten es für besonders alarmierend, dass dieser Kapitalstock nicht nur Maschinen, Anlagen und Gebäude umfasst, sondern auch die aktivierten F&E-Investitionen der betreffenden Branchen. Für die rückläufige Entwicklung des realen Nettoanlagevermögens bei den energieintensiven Sektoren sind mehrere Gründe maßgeblich. Offenkundig ist beispielsweise, dass die Baustoffindustrie in den ersten Jahren der letzten De- kade unter der schlechten Baukonjunktur in Deutschland gelitten hat. So lag das Produktionsniveau in dieser Branche 2016 unter dem Niveau von 2000. Alle an- deren energieintensiven Sektoren verzeichneten zwischen 2000 und 2016 je- doch eine steigende Produktionstätigkeit im Inland, trotz des sinkenden Kapital- stocks. Dies gilt auch für die Metallerzeugung, die auf globaler Ebene seit vielen Jahren mit strukturellen Überkapazitäten zu kämpfen hat. Angesichts der positi- ven Produktionsentwicklung kann die Nachfrageseite jedenfalls nicht der Haupt- grund für das sinkende Nettoanlagevermögen sein. Investment Leakage findet statt Wir vertreten die These, dass die anhaltenden Unsicherheiten bezüglich der deutschen Energie- und Klimapolitik die Investitionen der energieintensiven Sektoren in Deutschland hemmen. Zwar profitieren viele Unternehmen aus den genannten Sektoren von Ausnahmeregelungen etwa im Rahmen des Erneuer- bare-Energien-Gesetzes (EEG) oder des EU-Emissionshandels. Allerdings kön- nen sich die Akteure nicht sicher sein, wie lange sie in den Genuss solcher Ver- günstigungen kommen werden. Da die Anlagen in den energieintensiven Sekto- ren häufig für eine Nutzungsdauer von mehreren Jahrzehnten ausgelegt sind, wirkt diese Unsicherheit dämpfend auf die Investitionstätigkeit in Deutschland. Zugleich haben Unternehmen aus den betreffenden Sektoren in den letzten Jahren zum Teil umfangreiche Investitionen im Ausland getätigt, die mitunter ex- plizit mit den niedrigeren Energiekosten begründet wurden. Dieser Prozess des Investment Leakage, also des Verlagerns von Investitionen ins Ausland, ist nicht von der Hand zu weisen, wenngleich er nicht monokausal ist. Weitere Indikatoren verdeutlichen die Investitionszurückhaltung der energiein- tensiven Industriezweige in Deutschland: — Die nominalen Nettoanlageinvestitionen der energieintensiven Branchen waren zwischen 1995 und 2016 nur in vier von 22 Jahren positiv. Bei den nicht-energieintensiven Branchen waren sie dagegen in 15 von 22 Jahren positiv. — Das nominale Nettoanlagevermögen der energieintensiven Branchen (inklu- sive aktivierter F&E-Aufwendungen sowie Preissteigerungen) lag 2016 le- diglich um knapp 3% über dem Niveau von 1995. Die nicht-energieintensi- ven Sektoren verzeichneten einen Zuwachs um 39%. 50 60 70 80 90 100 110 95 99 03 07 11 15 Verarbeitendes Gewerbe Papierindustrie Chemieindustrie Baustoffindustrie Metallerzeugung Reales Nettoanlagevermögen sinkt in energieintensiven Branchen spürbar 18 Reales Nettoanlagevermögen in Deutschland, 1995=100 Quelle: Statistisches Bundesamt -10 -5 0 5 10 15 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 Verarbeitendes Gewerbe Nicht-energieintensive Branchen Energieintensive Branchen Nominale Nettoanlageinvestitionen in Deutschland, EUR Mrd. Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Energieintensive Industriebranchen investieren weniger 19 90 100 110 120 130 140 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Verarbeitendes Gewerbe Nicht-energieintensive Branchen Energieintensive Branchen Nominales Nettoanlagevermögen in Deutschland, 1995=100 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Nominaler Kapitalstock energieinten- siver Industriezweige stagniert in etwa 20 Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 9 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor — Der Modernitätsgrad der energieintensiven Industriezweige betrug 2016 47,5%; dies entspricht einem Rückgang um 3%-Punkte im Vergleich zu 1995. In den nicht-energieintensiven lag der Modernitätsgrad zuletzt bei 50,6%, was annähernd dem Niveau von 1995 entspricht. Ein Vorteil des Industriestandorts Deutschland ist die vertikal integrierte industri- elle Wertschöpfungskette. Dieser Vorteil kann durch unzureichende Investitio- nen in den energieintensiven Branchen geschmälert werden, denn sie wirken negativ auf deren Innovationskraft und Produktivität. Nachgelagerte Wirtschafts- zweige aus der Investitionsgüterindustrie sind jedoch auf möglichst innovative Vorprodukte (auch) aus den energieintensiven Sektoren angewiesen; häufig existieren enge Beziehungen zwischen Lieferanten und Kunden, die bis in den F&E-Bereich reichen. Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist es also fatal, die nach- lassende Investitionstätigkeit der energieintensiven lediglich mit einem Schulter- zucken zur Kenntnis zu nehmen. Energiewende auch für nicht-energieintensive Branchen eher eine Belastung Für jene Industrieunternehmen, die nicht in den Genuss von energie- und klima- politischen Ausnahmeregelungen kommen, wirken sich die im internationalen Vergleich hohen Stromkosten in Deutschland negativ auf die Wettbewerbsfähig- keit aus. Im Jahr 2016 zahlten beispielsweise 96% aller Industrieunternehmen in Deutschland die volle EEG-Umlage; der Anteil dürfte seither kaum gesunken sein. Laut Energiewende-Barometer des DIHK werden die Folgen der Energie- wende für das hiesige Verarbeitende Gewerbe mehrheitlich negativ einge- schätzt. Viele Investitionshemmnisse nur schwer zu beheben Die Investitionstätigkeit der Industrie hängt selbstredend von den jeweiligen wirt- schaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. In der regelmäßigen DIHK-Konjunkturumfrage nennt die deutsche Exportindustrie den Fachkräftemangel seit längerer Zeit als das wichtigste Geschäftsrisiko. Inzwi- schen ist das Thema prominent auf der politischen Agenda angekommen, wie das Fachkräftezuwanderungsgesetz zeigt, welches Ende 2018 von der Bundes- regierung beschlossen wurde. Zwar gibt es grundsätzlich viele Maßnahmen, die den Fachkräftemangel abmildern können. Dazu zählen mehr Weiterbildung, län- gere Betreuungszeiten für Kinder, sodass Eltern ihre Arbeitszeiten erhöhen kön- nen, oder die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Allerdings wirken diese Maßnahmen in der Regel nicht kurzfristig und/oder verursachen zunächst Kosten. Während das Fachkräftezuwanderungsgesetz die Problematik adres- siert, wirken Entscheidungen der Bundesregierung, die die Flexibilität am Ar- beitsmarkt reduzieren, kontraproduktiv (z.B. Einschränkungen bei befristeten Ar- beitsverträgen). 7 Als weitere Geschäftsrisiken nannte die Industrie im Herbst 2018 die Arbeitskos- ten, wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (ohne weitere Spezifikation) so- wie die Energie- und Rohstoffpreise. Hier verweist der DIHK neben den damals deutlich höheren Notierungen für Rohöl auch auf spezifisch deutsche regulatori- sche Sonderlasten wie die EEG-Umlage. Angesichts des erwarteten geringeren Wirtschaftswachstums dürfte die Konjunktur bei künftigen Umfragen wieder als größeres Geschäftsrisiko eingeschätzt werden und das Investitionswachstum der Industrie bremsen. 7 Vgl. Heymann, Eric und Constantin Pracht (2018). Fachkräftemangel in der Industrie hemmt Wachstum. Deutsche Bank Research. Aktueller Kommentar. Frankfurt am Main. 46 47 48 49 50 51 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Verarbeitendes Gewerbe Nicht-energieintensive Branchen Energieintensive Branchen Quelle: Statistisches Bundesamt Modernitätsgrad der energieintensiven Branchen unterdurchschnittlich 21 Anteil des nom. Nettoanlagevermögens am nom. Bruttoanlagevermögen, Deutschland, % 20 40 60 80 100 120 140 10 12 14 16 18 Quelle: HWWI Ölpreis hat wieder nachgegeben 22 Monatsdurchschnitte der Sorten Brent, WTI und Dubai, USD pro Barrel Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 10 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor Politische Wertschätzung der Industrie ändert sich im Zeitablauf Die politische Wertschätzung der Industrie hat sich in Deutschland im Verlauf der letzten Jahre geändert. In der Hochphase der New Economy zur Jahrtau- sendwende wurde das Verarbeitende Gewerbe durchaus abschätzig mit dem gegenteiligen Etikett der Old Economy versehen. Im Anschluss an die globale Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 erlebte die Industrie in der politischen und öffentlichen Wahrnehmung jedoch eine Renaissance, nicht zuletzt im Ausland. Denn die international wettbewerbsfähigen deutschen Industrieunternehmen – viele aus dem Mittelstand – haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Deutschland die Folgen der Krise besser und schneller gemeistert hat als viele andere westeuropäische Länder, denen eine solche industrielle Basis fehlt; der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes liegt in Deutschland mit gut 23% deutlich über dem EU-Durchschnitt (16,4%). Gerade die Friktionen am Arbeitsmarkt fie- len in Deutschland recht milde aus, was auch auf die großzügigen Regelungen zur Kurzarbeit in den Krisenjahren zurückzuführen ist. Dies ermöglichte es den Industrieunternehmen, ihre Stammbelegschaften weitgehend zu halten. Aktuell scheint das Pendel jedoch zurückzuschlagen. Gerade die Automobilin- dustrie steht seit Monaten im Kreuzfeuer der Kritik. Zwar ist die Branche nicht zuletzt wegen des Diesel-Skandals zu einem nennenswerten Teil selbst für den politischen und medialen Dauerbeschuss und den damit verbundenen Image- schaden verantwortlich. Diesen heizen einzelne NGOs (aus nicht immer klaren Motiven und ohne demokratische Legitimation) zusätzlich an. Schädlich für den Industriestandort Deutschland ist eine solche Entwicklung jedoch dann, wenn eine inhaltlich notwendige Debatte mehr von Ideologie, Hysterie sowie von poli- tischer und medialer Dauerempörung statt von Fakten und nüchternen Argu- menten geprägt ist. Verstöße sind ohne Frage zu sanktionieren. Aber Maß und Ziel von Regulierung sollten dennoch ausgewogen bleiben und umweltpolitische Instrumente sollten hinsichtlich ihrer ökologischen Treffsicherheit, ihrer ökonomi- schen Effizienz sowie ihrer sozialen Folgen beurteilt werden. Das ist leider nicht immer der Fall. Maß und Ziel von Regulierung nicht immer ausgewogen Ein Beispiel sind die strengeren CO 2 -Grenzwerte für neue Pkw, die die Automo- bilhersteller – nicht nur die deutschen – bis zum Jahr 2030 einhalten müssen. Die EU hatte sich Ende 2018 darauf geeinigt, dass die CO 2 -Emissionen neuer Pkw bis 2030 im Durchschnitt um 37,5% gegenüber dem für 2021 angestrebten Wert sinken sollen; im Vergleich zum Niveau von 2017 bedeutet dies in etwa eine Halbierung des CO 2 -Grenzwertes. Die Klage der Automobilindustrie, dass diese Grenzwerte sehr streng seien und dass heute niemand wissen könne, wie diese einzuhalten seien, verhallte in der öffentlichen Diskussion oder wurde viel- fach als Lobbyismus abgetan. Die politische und mediale Kommentierung kon- zentrierte sich vor allem darauf, dass die Automobilindustrie nun endlich mehr Elektroautos anbieten müsse. Vernachlässigt wurde jedoch, dass Elektrofahr- zeuge bislang nur dort erfolgreich sind (also einen nennenswerten Marktanteil aufweisen), wo sie subventioniert werden. Die Verantwortung der Autokäufer, die sich bislang (und aus nachvollziehbaren Gründen) zumeist für ein Auto mit Verbrennungsmotor entscheiden, wurde also weitgehend ausgeblendet. Ohne eine massive Verhaltensänderung der Konsumenten werden die CO 2 - Grenzwerte für das Jahr 2030 allerdings verfehlt. Kaum diskutiert wurde ferner die Frage, ob denn CO 2 -Grenzwerte für Pkw überhaupt eine ökologisch treffsi- cheres und ökonomisch effizientes Klimaschutzinstrument sind. Beides trifft nämlich nicht zu. Solche Fragen sind besonders relevant, weil sie einen erhebli- chen Einfluss darauf haben, in welchen Bereichen die Automobilindustrie inves- 0 1 02 03 0 CZ DE HU PL AT IT EU BE ES NL FR UK Quelle: Eurostat Hoher Industrieanteil in Deutschland 23 Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Bruttowertschöpfung, 2017, % Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 11 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor tiert. Natürlich muss staatliche Regulierung negative externe Effekte adressie- ren. Kritisch wird es jedoch immer dann, wenn sie nicht technologieneutral er- folgt, sondern bestimmte Technologiepfade vorgibt, deren langfristiger Erfolg (auch in Auslandsmärkten) unsicher ist. Ein solches Urteil kann man prinzipiell auf die gesamte deutsche Klima- und Energiepolitik übertragen. Auch sie ist in weiten Teilen nicht technologieneutral und orientiert z.B. zu wenig daran, wo CO 2 zu möglichst geringen Kosten redu- ziert werden kann. Sollte dieses Grundproblem nicht gelöst werden, dürften die meisten ökologischen Ziele der Energiewende – wie bereits absehbar – verfehlt werden. Ein Scheitern an zu hohen Kosten (Subventionen), am Widerstand ge- gen (zu erwartende) strengere ordnungspolitische Maßnahmen und/oder am engen Zeitplan ist ebenfalls absehbar. 8 Es fehlen derzeit die politischen Impulse für eine wirkliche Neuorientierung der deutschen Klima- und Energiepolitik bzw. für eine Abkehr von nationalen Sonderwegen, die im Konflikt zu europäischen Lösungen stehen können. Eine Trendwende beim Investitionsverhalten der energieintensiven Industrien ist somit sehr unwahrscheinlich. Natürlich lösen die Subventionen, die im Zuge der Energiewende gewährt werden, Investitionen in begünstigten Sektoren aus. Allerdings sollten Technologien im Idealfall auch ohne staatliche Zuschüsse wirtschaftlich erfolgreich sein – oder sich eben am Markt nicht durchsetzen. Dass eine Subventionierung bestimmter Technologien nicht risikolos bzw. ein schmaler Grat ist, zeigt z.B. die Förderung der Solar- energie in Deutschland. Dem anfänglichen Aufbau von Produktionsstätten für Solarzellen folgte die Ernüchterung in Form vieler Firmenpleiten, weil Anbieter aus China im Laufe der Zeit immer konkurrenzfähiger wurden. Seit geraumer Zeit wird in Deutschland und Europa über eine staatliche Förderung einer Batte- riezellenproduktion diskutiert. Ob eine solche Förderung langfristig erfolgreich sein würde, ist derzeit offen. Denn die Konkurrenz in Fernost ist hier ebenfalls gut positioniert. Nüchterne Beurteilung der Industrie wünschenswert Es wäre wünschenswert, wenn „die Industrie“ von politischer und medialer Seite nüchterner beurteilt würde. Industrielle Wertschöpfung ist nicht ohne Nebenwir- kungen zu haben. Auch die Nutzung vieler Industrieerzeugnisse verursacht ne- gative externe Effekte, wobei die Schadstoffbelastungen z.B. von Luft und Was- ser nicht nur in Deutschland in den letzten Jahrzehnten stetig gesunken sind. Zugleich ist die Industrie aber auch der wichtigste Innovationstreiber in Deutsch- land und eine wesentliche Stütze des hiesigen Wohlstands. Sie zahlt überdurch- schnittliche hohe Löhne und Gehälter und behauptet sich (weitgehend) ohne schützende Industriepolitik im internationalen Wettbewerb. Trotz aller langfristi- ger Herausforderungen, die nicht zuletzt aus dem demografischen Wandel oder der Digitalisierung resultieren, halten wir es für wahrscheinlich, dass die deut- sche Industrie anpassungsfähig genug ist, sodass auch in zehn Jahren noch ein solches Urteil über sie gefällt werden kann. Das industrielle Erfolgsmodell Deutschland lässt sich jedenfalls nicht so leicht von anderen Staaten kopieren. Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland sind ein ganz normaler Teil ei- ner international arbeitsteiligen Welt und aus verschiedenen Gründen für den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen notwendig. Höhere Auslandsinvestitio- nen können sich dabei sogar positiv auf die Investitionen im Inland auswirken. 9 Allerdings hat staatliche Regulierung einen erheblichen Einfluss auf Investitions- 8 Vgl. Heymann, Eric (2016). Deutsche Energiewende: Zielverfehlungen in Sicht. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen. Frankfurt am Main. 9 Vgl. hierzu z.B. Goldbach, Stefan et al. (2017). Höhere Investitionen im Ausland lassen Investitio- nen im Inland steigen. Deutsche Bundesbank. Research Brief. 16. Ausgabe – November 2017. Frankfurt am Main. Keine Impulse für Neuorientierung der deutschen Klima- und Energie- politik in Sicht Industrielle Wertschöpfung ist mit negativen externen Effekte verbun- den, sorgt aber auch für Wohlstand Konkurrenz zwischen Investitions- standorten wird tendenziell intensiver Deutsche Industrie: Wenige Sektoren tragen Investitionswachstum 12 | 21. Januar 2019 Deutschland-Monitor entscheidungen und sollte daher stets berücksichtigen, dass der Investitions- standort Deutschland mit anderen Volkswirtschaften konkurriert und der Wettbe- werb eher intensiver wird. Dies ist explizit keine Forderung nach staatlichem Protektionismus, einer Abkehr von der traditionell eher zurückhaltenden deut- schen Industriepolitik oder nach einem „Race to the Bottom“ bei Sozial- oder Umweltstandards. Es ist jedoch nicht verwunderlich, dass Investitionsströme ins Ausland fließen, wenn sich die wirtschaftspolitischen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland für bestimmte Sektoren verschlechtern. Mehr staatliches Engagement ist in Teilbereichen nötig. Beispielsweise könnte dem Schutz geistigen Eigentums bei grenzüberschreitenden Investitionen, Fusi- onen und Übernahmen eine höhere Priorität beigemessen werden. Dies gilt be- sonders dann, wenn die beteiligten ausländischen Unternehmen von ihren Re- gierungen geschützt oder gefördert werden. In einem Hochlohnland wie Deutschland sind zudem flexible Arbeitsmärkte besonders bedeutsam. Eine wichtige Aufgabe auf EU-Ebene ist es, sich für mehr Freihandel einzusetzen bzw. gegen die jüngsten protektionistischen Tendenzen anzugehen. Insgesamt ist die in internationalen Vergleichen häufig anerkannte Attraktivität Deutschlands als Investitionsstandort keine Selbstverständlichkeit, sondern muss von Politik (z.B. Bildung, Infrastruktur, Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik) und Unternehmen (z.B. Innovationskraft, Produktivität, Fachkräftesicherung) immer wieder neu erkämpft werden. Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com ) © Copyright 2019. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Ver- fassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen kön- nen ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations- zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste- henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis zur Erbringung von Bankge- schäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleis- tungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. 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2.4.6