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29. Februar 2012
Aktuell wird eine Debatte über Tempo, Ausmaß und Schadenspotenzial des Klimawandels sowie über den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel geführt. Dies mag für den unbedarften Beobachter der Klimawandeldiskussion überraschend kommen, denn in den vergangenen Jahren wurde überwiegend der Eindruck erweckt, die Naturwissenschaft stimme darin überein, dass der Klimawandel erstens schnell voranschreitet, dass zweitens der Mensch durch die von ihm verursachten Treibhausgasemissionen wesentlich hierzu beiträgt und dass der Klimawandel drittens mit großen Schäden verbunden sein wird. Dabei ist dieser „Klimastreit“ nicht neu, sondern so alt wie die Klimadebatte selbst. [mehr]
Der Klimastreit – und seine wirtschaftlichen und politischen Implikationen Seite 1 von 3 Aktueller Kommentar Der Klimastreit – und seine wirtschaftlichen und politischen Implikationen 29. Februar 2012 Aktuell wird eine Debatte über Tempo, Ausmaß und Schadenspotenzial des Klimawandels sowie über den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel geführt. Dies mag für den unbedarften Beobachter der Klimawandeldiskussion überraschend kommen, denn in den vergangenen Jahren wurde überwiegend der Eindruck erweckt, die Naturwissenschaft stimme darin überein, dass der Klimawandel erstens schnell voranschreitet, dass zweitens der Mensch durch die von ihm verursachten Treibhausgasemissionen wesentlich hierzu beiträgt und dass der Klimawandel drittens mit großen Schäden verbunden sein wird. Dabei ist dieser „Klimastreit“ nicht neu, sondern so alt wie die Klimadebatte selbst. Grundsätzlich kann man in der Diskussion über den Klimawandel vier verschiedene „Lager“ identifizieren, wobei die Grenzen zwischen den jeweils vertretenen Positionen nicht trennscharf sind. — Die erste Gruppe negiert einen Einfluss des Menschen auf den Klimawandel komplett oder zumindest weitgehend. — Im zweiten Lager werden menschliche Einflüsse auf den Klimawandel zwar anerkannt, aber insgesamt und/ oder relativ zu anderen Faktoren als sehr gering angesehen. — Die dritte Gruppe vertritt die Auffassung, dass der Mensch zwar einen signifikanten Einfluss auf den Klimawandel hat, dass die Schäden (kurz- und mittelfristig) aber nicht so gravierend sein werden bzw. dass andere Probleme der Menschheit dringlicher sind. — Die vierte Gruppe schließlich nimmt die Position ein, dass der Mensch durch seine Aktivitäten den Klimawandel maßgeblich beschleunigt, dass der Klimawandel mit hohen Schäden verbunden sein wird und dass daher schnell umgesteuert werden sollte. Um das Spektrum der Meinungen abzurunden, sollte erwähnt werden, dass von mancher Seite die Folgen des Klimawandels nicht per se als schädlich für die Menschheit angesehen werden. An der Diskussion ist für den interessierten Laien, aber auch für „Klimaexperten“ der nicht- naturwissenschaftlichen Fachrichtungen (z.B. für Ökonomen) durchaus verwirrend, dass jede Gruppierung für die eigene Meinung mehr oder weniger überzeugende Argumente vorbringt. Beweise für die eigene Theorie (im Sinne eines verlässlich reproduzierbaren Experiments) kann freilich keine Gruppe vorlegen, was auch nicht behauptet wird. Insofern ist die Existenz von Unsicherheit innerhalb der Klimawissenschaften auch gänzlich unbestritten. Welche ökonomischen und politischen Implikationen hat nun dieser Klimastreit? Sollte die Politik ihre Prioritäten grundlegend ändern? Um die Fragen zu beantworten, sollte man sich zunächst vergegenwärtigen, dass Wirtschaftssubjekte – egal ob Staat, Unternehmen oder Privatpersonen – fast immer Entscheidungen unter Unsicherheit treffen müssen. Die Unsicherheiten bezüglich des Klimawandels und der Rolle des Menschen könnte man – bildhaft – auf ein (ökonomisches) Entscheidungsproblem eines Autofahrers übertragen: Man stelle sich vor, ein Autofahrer fahre mit hoher Geschwindigkeit eine Straße entlang. Als am Horizont eine Wand auftaucht, ist er sich nicht sicher, ob er gegen die Wand oder an ihr vorbeifahren wird. Da für den Autofahrer das Vermeiden eines Unfalls (nicht nur) aus ökonomischer Sicht Priorität hat, ist es ratsam, zumindest die Geschwindigkeit zu verlangsamen, bis die Unsicherheit beseitigt ist; das rät übrigens auch der gesunde Menschenverstand. Übertragen auf den Klimawandel hieße das, dass die Menschheit gut beraten ist, ihre CO 2 - Emissionen zu verringern, denn das Risiko massiver Schäden durch den Klimawandel ist zu groß. Mehr Effizienz! Von besonderer Bedeutung ist nun, wie die Menschheit den Ausstoß von Treibhausgasen verringern sollte, oder, um im Bild zu bleiben, wie der Autofahrer bremsen sollte. Und hier gibt zumindest die Ökonomie eine klare Seite 2 von 3 Antwort: Die Emissionen sollten dort verringert werden, wo es am wenigsten kostet. Es sollten also die effizientesten CO 2 -Vermeidungsmaßnahmen ergriffen werden; letztlich entspricht dies der Grundidee des Emissionshandels. Es gibt viele CO 2 -Vermeidungsmaßnahmen, die sich wirtschaftlich lohnen, weil die Einspareffekte etwa bei den Energiekosten höher sind als die vorherigen Investitionen. Die Energieverschwendung auf globaler Ebene ist u.a. daran zu erkennen, dass etwa die USA bei einem im Vergleich zur EU nur moderat höherem Wohlstandsniveau einen mehr als doppelt so hohen CO 2 -Ausstoß pro Kopf aufweisen; oder daran, dass die CO 2 -Intensität z.B. der chinesischen Volkswirtschaft fast doppelt so hoch ist wie jene der EU. Auch die hohen Subventionen für fossile Energieträger, die vor allem in den jeweiligen Förderländern gewährt werden, führen zu einem verschwenderischen Umgang mit knappen Ressourcen. Bei allen genannten Beispielen wäre es auch ohne Klimawandel wirtschaftlich geboten, die Energieverschwendung zu stoppen. Ohnehin resultiert aus der Endlichkeit der fossilen Energieträger – erneut gänzlich unabhängig vom Klimawandel – ein weiterer wirtschaftlicher Grund, die CO 2 -Emissionen (bzw. den Verbrauch jener Ressourcen) zu reduzieren. Denn Öl, Gas und Kohle dürften in den nächsten Dekaden tendenziell teurer werden. Und ihre Förderung ist zunehmend mit lokalen Umweltproblemen verbunden. Man kann das Bild des Autofahrers abermals aufgreifen: Selbst wenn der Autofahrer also an der Wand vorbeifahren sollte, endet seine Straße irgendwann im Nirgendwo oder in einer Sackgasse. Wie fällt nun das Urteil über die bisherigen klimapolitischen Maßnahmen aus? Die EU hat mit dem Emissionshandel CO 2 einen Preis gegeben und in den teilnehmenden Branchen die Basis dafür geschaffen, dass die kostengünstigsten Vermeidungsmaßnahmen ergriffen werden können. Darüber hinaus existiert in den EU- Staaten aber ein ganzer Flickenteppich (auch) klimapolitisch motivierter Maßnahmen, von denen CO 2 -Grenzwerte für Pkw oder die Förderung erneuerbarer Energien nur einige Beispiele sind. Dieser Instrumentenmix führt dazu, dass es für das homogene und in der EU auch handelbare Gut CO 2 faktisch unterschiedliche Preise gibt. Dies ist stets ein Zeichen für ökonomische und ökologische Ineffizienz, aber politische Realität. Durch eine Erweiterung des Emissionshandels auf mehr Branchen könnte das klimapolitische Instrumentarium vereinfacht werden. Letztlich stimmt aus unserer Sicht die grobe Richtung der EU-Klimapolitik, wenngleich Nachjustierungen und Änderungen bei sehr teuren (sicherlich gut gemeinten) Klimaschutzmaßnahmen notwendig sind. Auch das bislang formulierte quantitative CO 2 -Emissionsreduktionsziel der EU (-20% bis 2020 gg. 1990) ist nicht zu ambitioniert gewählt, denn allein die Effizienzpotenziale dürften in der EU beträchtlich sein. Es ist auch gerechtfertigt, die Forschung im Bereich der Klimaschutzmaßnahmen zu erhöhen, damit u.a. durch technischen Fortschritt heute noch teure Vermeidungsmaßnahmen künftig günstiger werden (statische versus dynamische Effizienz von Klimaschutzmaßnahmen). Problematisch ist, dass andere Staaten noch nicht mit quantitativen CO 2 -Emissionsreduktionszielen folgen. Dies verzerrt den internationalen Wettbewerb und reduziert die Effektivität der EU-Klimapolitik massiv, denn letztlich sitzen alle Länder, um erneut das Bild zu bemühen, im gleichen Auto, dessen Geschwindigkeit sich nur wenig verlangsamt, wenn nur einige wenige auf die Bremse treten. In diesen Staaten reichen noch nicht einmal die Preissignale aus, um zumindest der Energieverschwendung Einhalt zu gebieten. Die Abschaffung von Subventionen für fossile Energieträger und/oder höhere Energiesteuern wären dort daher ein guter Anfang.   Die Aktuellen Kommentare im Audio-Format finden Sie hier...     ...mehr zum Research-Bereich Branchen und Ressourcen Aktuelle Kommentare - Archiv Aktueller Kommentar Eric Heymann (+49) 69 910-31730 Seite 3 von 3 © Copyright 2012. Deutsche Bank AG, DB Research, D-60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. 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