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14. Mai 2020
Corona-Krise und Klimawandel unterscheiden sich hinsichtlich der individuell gefühlten Betroffenheit und der Bereitschaft der Menschen, zur Lösung des Problems auf Gewohntes zu verzichten. Gemeinsam haben beide Herausforderungen, dass bessere technologische Lösungen notwendig sind, um hohe volkswirtschaftliche Kosten zu vermeiden. Bei der Corona-Krise zählen wirksame Medikamente und Impfstoffe gegen das Virus zu diesen Technologien. Beim Klimaschutz benötigen wir leistungsfähige, möglichst CO₂-arme, regelbare und kostengünstige Energieträger, die klimaverträgliches Wachstum ermöglichen. Daran sollten die klügsten Köpfe der Welt in den kommenden Jahren forschen. [mehr]
PROD0000000000508192 1   |    13. Mai 2020Aktueller Kommentar 13. Mai 2020 Corona-Krise und Klimawandel Technologische Lösungen notwendig Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Eric Heymann +49(69)910-31730 eric.heymann@db.com Corona-Krise und Klimawandel unterscheiden sich hinsichtlich der individuell gefühlten Betroffenheit und der Bereitschaft der Menschen, zur Lösung des Problems auf Gewohntes zu verzichten. Gemeinsam haben beide Herausfor- derungen, dass bessere technologische Lösungen notwendig sind, um hohe volkswirtschaftliche Kosten zu vermeiden. Bei der Corona-Krise zählen wirk- same Medikamente und Impfstoffe gegen das Virus zu diesen Technologien. Beim Klimaschutz benötigen wir leistungsfähige, möglichst CO₂-arme, regel- bare und kostengünstige Energieträger, die klimaverträgliches Wachstum er- möglichen. Daran sollten die klügsten Köpfe der Welt in den kommenden Jahren forschen. Die Corona-Krise hat den Klimawandel etwas aus dem Fokus der öffentlichen Debatte gerückt. Allerdings zählen die Bekämpfung des Klimawandels und – damit zusammenhängend – die Sicherstellung einer klimaverträglichen Ener- gieversorgung für eine wachsende Weltbevölkerung weiter zu den elementa- ren Herausforderungen dieses Jahrhunderts. Sie werden die Menschheit noch beschäftigen, wenn die Corona-Pandemie längst überwunden ist. Inso- fern ist es zu begrüßen, dass sich viele Politiker und Unternehmen dazu be- kennen, beim Neustart der Wirtschaft den Klimaschutzgedanken nicht nur zu berücksichtigen, sondern zu stärken. Über die Frage, wie Klimaschutz am besten erfolgen sollte, dürfte in den kommenden Jahren weiter intensiv ge- stritten werden. Es lohnt ein vergleichender Blick auf die Corona-Krise sowie das Problem des Klimawandels. Es gibt Parallelen und Unterschiede. Wir glauben, dass man aus der Bekämpfung der Corona-Pandemie Lehren für die Klimaschutzpolitik ziehen kann. Charakteristik in zeitlicher, regionaler und ursächlicher Hinsicht Die Corona-Pandemie ist ohne Zweifel eine akute Bedrohung. Menschen sterben unmittelbar an dieser Krankheit, wobei ältere Menschen und Men- schen mit bestimmten Vorerkrankungen besonders betroffen sind. Das Virus wirkt also selektiv. Dort, wo die Gesundheitssysteme überlastet waren oder sind, kann die Corona-Krise als gesundheitlicher Notstand bezeichnet wer- den. Im Gegensatz dazu lässt sich darüber streiten, wie akut das Problem des Klimawandels ist. Der Begriff „Klimanotstand“, den einige Akteure bemühen, signalisiert eine hohe Dringlichkeit. Ohne diese Frage im Detail diskutieren zu wollen, kann man jedoch festhalten, dass der Klimawandel im Vergleich zur Corona-Krise und Klimawandel 2   |    13. Mai 2020Aktueller Kommentar Corona-Krise weniger akut ist. Auch der Klimawandel selektiert: Er betrifft je- ne Menschen (häufig in ärmeren Ländern) mehr, die sich weniger an seine ne- gativen Folgen anpassen können. Sowohl die Corona-Krise als auch der Klimawandel sind globale Phänomene. Die Wortherkunft des Begriffs „Pandemie“ signalisiert eine Betroffenheit für das „ganze Volk“. Für den Klimawandel ist es unerheblich, wo auf der Welt Treibhausgase emittiert werden. Dennoch gibt es einen erheblichen Unter- schied: Durch Grenzschließungen können einzelne Länder die Corona-Krise innerhalb ihres Staatsgebiets relativ gut durch nationale Maßnahmen beein- flussen. Sicherlich ist die Einstellung des internationalen Reiseverkehrs keine mittel- bis langfristig akzeptable Lösung. Sie hilft aber kurzfristig bei der Ein- dämmung von Neuinfektionen und ist ohne Abstimmung mit anderen Län- dern wirksam. Beim Klimawandel sind nationale Klimaschutzmaßnahmen da- gegen weitgehend wirkungslos, wenn der Rest der Welt keinen ambitionier- ten Klimaschutz betreibt. Nationale Alleingänge sind für den Klimawandel umso unbedeutender, je geringer der Anteil des Landes an den globalen Treibhausgasemissionen ausfällt. Der Unterschied wird beim Extrembeispiel eines kleinen Inselstaates deutlich: Dieser könnte durch Abschottung gegen- über der Außenwelt das Coronavirus in kurzer Zeit in seinem Territorium eli- minieren. Für einen wirksamen Klimaschutz kann ein solches Land aber kei- nen messbaren Beitrag liefern. Bezüglich der Ursachen der beiden Probleme ist festzuhalten, dass der Klima- wandel zu einem großen Teil auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist. Es gibt Unsicherheiten, wie groß dieser Anteil genau ausfällt. Dass aber der Mensch durch die Verbrennung fossiler Kraftstoffe nennenswert zum Klima- wandel beiträgt, gilt als sicher. Aus ökonomischer Sicht ist der Klimawandel ein globaler negativer externer Effekt: Die negativen externen Effekte von Treibhausgasemissionen, die den anthropogenen Anteil des Klimawandels verursachen, werden nicht (ausreichend) bepreist. Die Ursache der Corona- Pandemie lässt sich weniger direkt auf menschliche Aktivitäten zurückführen. Man kann argumentieren, dass es durch das Vordringen des Menschen in die natürlichen Lebensbereiche von Wildtieren wahrscheinlicher wird, dass Viren von Tieren auf den Menschen überspringen. Dies gab es aber bereits in frü- heren Zeiten, als deutlich weniger Menschen die Erde bevölkerten. Charakteristik der staatlichen Maßnahmen und Akzeptanz der Bevölkerung Nicht nur die umweltökonomische Theorie, sondern auch der gesunde Men- schenverstand raten, dass bei einer akuten Bedrohung gravierende Maßnah- men für die Gefahrenabwehr ergriffen werden sollten. Dies zeigt sich in der Corona-Krise. Hier setzen die Regierungen der Welt derzeit harte ordnungs- rechtliche Instrumente ein. Dazu zählen Verbote vieler wirtschaftlicher und privater Aktivitäten – der ökonomische und gesellschaftliche Lockdown. Ein Nachteil des Ordnungsrechts liegt in aller Regel in den hohen wirtschaftlichen Kosten. Um diese volkswirtschaftlichen Kosten des Lockdown abzumildern, gewährt der Staat umfangreiche Subventionen und Hilfsprogramme für die betroffenen Wirtschaftssubjekte; diese sind also das zweite wichtige Instru- ment in der Corona-Krise. Abgesehen von den Kosten sind die staatlichen Maßnahmen ein erheblicher Eingriff in die freiheitlichen Grundrechte der Menschen und ein Verzicht auf gewohnte Lebensqualität. Aktuell werden die- Corona-Krise und Klimawandel 3   |    13. Mai 2020Aktueller Kommentar se Einschränkungen noch von einer Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert. Es dürfte aber niemand so naiv sein zu glauben, dass dies über eine längere Frist der Fall sein würde. Die Politik betont jedenfalls, dass die aktuellen Einschrän- kungen einen absoluten Ausnahmezustand darstellen. Beim Klimaschutz setzen die Regierungen auf einen Mix verschiedener In- strumente. Auch hier spielt das Ordnungsrecht eine große Rolle (Gebote, Ver- bote, Quoten, Grenzwerte etc.). Viele Technologien werden subventioniert; man denke an erneuerbare Energien. Zugleich werden marktwirtschaftliche Instrumente eingesetzt. Dazu zählen Energie- und CO-Steuern oder der Emissionshandel. Mit ihnen sollen die negativen Effekte von Treibhausgas- emissionen internalisiert werden. Eine solche „Bepreisung der Ursache“ ist bei CO und anderen Treibhausgasen grundsätzlich möglich. Das Coronavi- rus zu bepreisen ist jedoch keine umsetzbare Idee. Die Akzeptanz der Klimaschutzpolitik ist in vielen Ländern ebenfalls noch hoch. Häufig sprechen sich die Menschen in Umfragen sogar für mehr Klima- schutz aus. Die Akzeptanz ist bislang auch deshalb noch hoch, weil die Kos- ten der Klimaschutzpolitik wenig transparent sind und über einen längeren Zeitraum anfallen. Sie werden von den Menschen über viele Preise im Alltag sowie über Steuern (oder ausbleibende Steuersenkungen) getragen. Zudem fallen klimapolitische motivierte Einschränkungen im Alltagsleben bislang ge- ring aus. Wenn die Menschen es sich finanziell leisten können, dürfen sie un- begrenzt verreisen, in größeren Wohnungen oder Häusern leben und diese nach ihren Präferenzen beheizen, immer mehr elektronische Konsumgüter nutzen, unbegrenzt im Internet surfen, Filme und Musik herunterladen, Autos ihrer Wahl kaufen, Fleisch und Südfrüchte essen usw. Die gleichen Umfragen, in denen sich die Menschen für mehr Klimaschutz aussprechen, zeigen häufig aber auch, dass die Bereitschaft, (deutlich) höhere Kosten für den Klima- schutz zu tragen, weniger stark ausgeprägt ist. Die Lehre aus der Corona-Krise für den Klimaschutz: Technologie und Anpas- sung statt Verzicht Die Corona-Krise zeigt: Starke ordnungspolitische Eingriffe werden akzep- tiert, wenn es eine akute Bedrohung gibt. Gleichwohl ist an der globalen Lo- ckerungsdebatte zu erkennen, dass diese Akzeptanz im Zeitablauf (und mit Abnahme der Bedrohung) schwindet. Wir halten klimapolitisch motivierte Ein- griffe in das Alltagsleben der Menschen in der Art, wie wir sie derzeit in der Corona-Krise sehen, in den kommenden Jahren für demokratisch nicht mehr mehrheitsfähig. Dafür ist erstens die individuell gefühlte Bedrohung nicht akut genug, zweitens gibt es Anpassungsmöglichkeiten an den jeweils erleb- ten Klimawandel und drittens ist der Beitrag jedes einzelnen Bürgers und selbst ganzer Volkswirtschaften für den Klimaschutz zu wenig spürbar. Selbst Verzicht zu üben, wenn viele andere das nicht tun, wird sich aus unserer Sicht als Lebensentwurf nicht durchsetzen. 2 2 Corona-Krise und Klimawandel 4   |    13. Mai 2020Aktueller Kommentar Man könnte natürlich argumentieren, dass eine Änderung des Lebenswan- dels im Sinne des Klimaschutzes nicht durch Ordnungsrecht, sondern durch höhere Preise für CO erreicht wird. Und in der Tat sind marktwirtschaftliche Instrumente gegenüber dem Ordnungsrecht sowie technologiespezifischen Subventionen in puncto ökonomische Effizienz und ökologische Effektivität deutlich überlegen. Nur so besteht überhaupt eine einigermaßen realistische Chance, die ambitionierten langfristigen Klimaschutzziele zu erreichen. Den- noch: Wird ein gewisses Preisniveau für CO überschritten, sodass sich die Menschen im Alltag lieb gewonnene Dinge nicht mehr leisten können (z.B. Urlaubsreisen), dürften die demokratischen Mehrheiten schrittweise kippen. Wir sehen eine enorme Gefahr, dass ein zu strenger Klimaschutz (entweder über Energie- und CO-Preise oder über Ordnungsrecht) zu einer Stärkung der politischen Ränder führen würde. Die Corona-Krise zeigt auch: An den vielen vermeintlich unnötigen Dingen des Alltags, auf die die Menschen aktuell verzichten müssen, hängen Millio- nen von Arbeitsplätzen. Wegen der hohen volkswirtschaftlichen Kosten lässt sich die Corona-Krise daher dauerhaft nicht mit pauschalem Verzicht, son- dern nur mit Technologien lösen. Solche Technologien sind wirksame Medi- kamente und Impfstoffe gegen das Virus, an denen Wissenschaftler derzeit weltweit forschen. Solange diese noch nicht verfügbar sind, müssen wir durch Hygienemaßnahmen, Abstandsregeln usw. versuchen, eine Verbrei- tung des Virus einzudämmen. Zudem müssen wir uns an die Existenz des Co- ronavirus anpassen. Gewissermaßen ist die Corona-Krise daher eine Blaupause für die Klima- schutzpolitik. Auch hier brauchen wir bessere Technologien als die heute ver- fügbaren. Wir benötigen leistungsfähige, möglichst CO-arme, regelbare und kostengünstige Energieträger, die klimaverträgliches Wachstum ermöglichen. Daran sollten die klügsten Köpfe der Welt in den kommenden Jahren for- schen. Ein dauerhafter massiver Verzicht auf Wachstum und/oder eine Ein- schränkung individueller Konsum- und Produktionsfreiheiten für den Klima- schutz würde dagegen demokratisch dauerhaft nicht akzeptiert und führte zu hohen Kosten. Auch hier gilt: Solange solche Technologien noch nicht verfüg- bar sind, müssen wir versuchen, den Klimawandel durch den Einsatz der be- reits heute und kurzfristig verfügbaren Technologien zu verlangsamen. Fer- ner wird auch beim Klimawandel in den kommenden Jahren ein gewisses Maß an Anpassung notwendig sein. 2 2 2 2 Corona-Krise und Klimawandel 5   |    13. Mai 2020Aktueller Kommentar © Copyright 2020. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. 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