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24. April 2020
Die deutsche Regierung hat schnell und entschieden gehandelt, um die ökonomischen Schäden der Corona-Pandemie zu begrenzen. Sowohl mit Blick auf die betragsmäßigen Volumina als auch auf die Reichweite der ergriffenen Rettungsmaßnahmen hat die fiskalische Antwort des deutschen Staates auf die Corona-Krise ein in der Nachkriegszeit noch nie da gewesenes Ausmaß erreicht. Aufgrund des tiefen und breiten wirtschaftlichen Einbruchs, der drohenden Inanspruchnahme von Teilen der gewährten öffentlichen Garantien und nicht auszuschließender haushaltsbelastender Kreditausfälle und Beteiligungsverluste erwarten wir, dass das Staatsdefizit in unserem Basis-Szenario 2020 etwa 6,7% und 2021 ca. 4,5% vom BIP betragen dürfte. Aus diesem Grund, aber auch mit Blick auf die Finanzierung der umfangreichen öffentlichen Kredit- und Beteiligungsprogramme, dürfte die Staatsschuldenquote bereits bis Ende 2021 auf fast 75% des BIP ansteigen. Sollte sich jedoch unser Risikoszenario materialisieren, könnte das Staatsdefizit im Jahr 2021 auf fast 10% des BIP anschwellen und die Staatsschuldenquote auf 86 ½% hochschießen. [mehr]
PROD0000000000507364 1   |    24. April 2020Aktueller Kommentar 24. April 2020 Corona-Krise Staatsverschuldung dürfte rapide steigen Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Sebastian Becker +49(69)910-21548 sebastian-b.becker@db.com Die deutsche Regierung hat schnell und entschieden gehandelt, um die öko- nomischen Schäden der Corona-Pandemie zu begrenzen. Sowohl mit Blick auf die betragsmäßigen Volumina als auch auf die Reichweite der ergriffenen Rettungsmaßnahmen hat die fiskalische Antwort des deutschen Staates auf die Corona-Krise ein in der Nachkriegszeit noch nie da gewesenes Ausmaß erreicht. Aufgrund des tiefen und breiten wirtschaftlichen Einbruchs, der dro- henden Inanspruchnahme von Teilen der gewährten öffentlichen Garantien und nicht auszuschließender haushaltsbelastender Kreditausfälle und Beteili- gungsverluste erwarten wir, dass das Staatsdefizit in unserem Basis-Szenario 2020 etwa 6,7% und 2021 ca. 4,5% vom BIP betragen dürfte. Aus diesem Grund, aber auch mit Blick auf die Finanzierung der umfangreichen öffentli- chen Kredit- und Beteiligungsprogramme, dürfte die Staatsschuldenquote bereits bis Ende 2021 auf fast 75% des BIP ansteigen. Sollte sich jedoch un- ser Risikoszenario materialisieren, könnte das Staatsdefizit im Jahr 2021 auf fast 10% des BIP anschwellen und die Staatsschuldenquote auf 86 ½% hoch- schießen. Deutsche Regierung hat schnell und entschieden gehandelt Die deutsche Regierung hat schnell und entschieden gehandelt, um die öko- nomischen Schäden der Corona-Pandemie zu begrenzen. Die staatlichen An- tikrisen-Pakete von Bund und Ländern bestehen aus einem breiten Maßnah- menbündel, das darauf abzielt, (a) die Ausgaben der Pandemiebekämpfung zu finanzieren, (b) die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen auf Unterneh- men, Arbeitnehmer und Selbstständige abzufedern und (c) die deutsche Wirt- schaft vor einer unkontrollierten Welle an Unternehmensinsolvenzen zu schützen. Der deutsche Staat setzt dabei nicht nur auf einen Mix aus öffentli- chen Subventionen, zusätzlichen Gesundheitsausgaben, steuerlichen Erleich- terungen (wie z.B. Steuerstundungen) und dem arbeitsmarktpolitischen In- strument der Kurzarbeit, sondern stemmt sich auch mit umfangreichen öf- fentlichen Garantien und großvolumigen Beteiligungs- und Kreditprogram- men gegen den wirtschaftlichen Abwärtstrend. So hat die Bundesregierung z.B. einen Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) gegründet, der über eine fi- nanzielle Schlagkraft von EUR 600 Mrd. (ca. 17,5% vom BIP des Jahres 2019 oder das rund 1,75-Fache des letztjährigen Bundeshaushalts) verfügt und da- mit in der Lage versetzt werden soll, gezielt große Unternehmen zu unterstüt- zen. Des Weiteren hat die Bundesregierung z.B. für kleine Unternehmen und Solo-Selbstständige ein „Soforthilfeprogramm“ von EUR 50 Mrd. (1,5% vom Corona-Krise 2   |    24. April 2020Aktueller Kommentar BIP) aufgelegt und das Kurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit (BA) ausgeweitet. Staat kann über Anti-Krisenpakete bis zu EUR 1,9 Billionen mobilisieren Sowohl mit Blick auf die betragsmäßigen Volumina als auch auf die Reichwei- te der ergriffenen Rettungsmaßnahmen hat die fiskalische Antwort des deut- schen Staates auf die Corona-Krise ein in der Nachkriegszeit noch nie da ge- wesenes Ausmaß erreicht. Unseren Berechnungen nach kann der deutsche Staat über die aufgelegten Anti-Krisenpakete des Bundes und der Bundes- länder – die von zusätzlichen Staatsausgaben über Steuererleichterungen bis hin zu der Gewährung von Garantien[1] und öffentlichen Kredit- und Beteili- gungsprogrammen[2] reichen – auf eine schwindelerregende Summe von bis zu EUR 1,9 Billionen (weit mehr als 50% des deutschen BIP) zurückgreifen. Auch wenn ex ante ungewiss ist, ob letztlich alle der oben erwähnten Mittel bzw. Programme vollständig beansprucht werden (müssen), ist schon jetzt klar, dass die öffentliche Hand dieses Jahr ein großes Staatsdefizit ausweisen und die öffentliche Verschuldung stark ansteigen dürfte. Auf Basis einer ein- fachen Daumenregel kostet jede zusätzliche Woche des wirtschaftlichen „Lockdowns“ ca. 0,6 Prozentpunkte an Wachstum und erhöht das öffentliche Defizit um ca. 0,3 Prozentpunkte vom BIP. Deutschland geht mit besseren Startvoraussetzungen in die Krise als vor über zehn Jahren Auch wenn die Staatsverschuldung rapide steigen dürfte, bleibt positiv fest- zuhalten, dass der deutsche Staat unter besseren finanziellen Startvorausset- zungen in die gegenwärtige Krise geht als dies vor über 10 Jahren zu Zeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise der Fall war. Dies legt zumindest ein Blick auf den staatlichen Finanzierungssaldo und die öffentliche Verschul- dungsquote nahe: Während der deutsche Gesamtstaat 2019 einen großen Haushaltsüberschuss von 1,4% vom BIP erzielte und die Schuldenstandquote unter der Maastricht-Grenze von 60% lag, erzielte Deutschland 2008 einen le- diglich annähernd ausgeglichenen Haushalt bei einer gleichzeitig höheren Schuldenquote von rund 65 ½%. Auch die Zinsausgaben im Verhältnis zum BIP betrugen damals noch mehr als das Dreifache der letztjährigen Zinsaus- gabenquote (2,7% des BIP 2008 vs. 0,8% 2019). Staatsschuldenquote dürfte bis Ende 2021 auf knapp unter 75% steigen – im Risikoszenario droht sogar ein Anstieg auf deutlich über 85%  In unserem Basis-Szenario, in welchen wir davon ausgehen, dass die Lock- down-Maßnahmen weitestgehend deutlich vor dem Ende des ersten Halbjah- res zurückgenommen werden, erwarten wir für 2020 ein negatives Wirt- schaftswachstum von 5,3%, gefolgt von einer schnellen V-förmigen Erholung in 2021 (BIP-Prognose: +5,4%). In einem Risikoszenario, in dem die Bekämp- fung der Pandemie mehr Zeit und damit auch einen längeren Lockdown erfor- dert, könnte das reale BIP in diesem Jahr sogar um 10% schrumpfen. Die Er- holung dürfte dann 2021 nur U-förmig sein, d.h. das BIP-Wachstum mit 2% nur sehr schwach zulegen. Die Corona-Krise dürfte 2020/21 zu großen gesamtstaatlichen Haushalts- defiziten ... Quellen: Destatis, Deutsche Bank Research Corona-Krise 3   |    24. April 2020Aktueller Kommentar Aufgrund des tiefen und breiten wirtschaftlichen Einbruchs, der drohenden Inanspruchnahme von Teilen der gewährten öffentlichen Garantien und nicht auszuschließender haushaltsbelastender Kreditausfälle und Beteiligungsver- luste erwarten wir, dass das Staatsdefizit im Basis-Szenario 2020 etwa 6,7% und 2021 ca. 4,5% vom BIP betragen dürfte.[3] Aus diesem Grund, aber auch mit Blick auf die Finanzierung der umfangreichen öffentlichen Kredit- und Be- teiligungsprogramme – diese wirken bereits bei der Mittelbeschaffung schul- denerhöhend – dürfte die Staatsschuldenquote bereits bis Ende 2021 auf fast 75% des BIP ansteigen. Sollte sich jedoch das Risikoszenario materialisieren, könnte das Staatsdefizit im Jahr 2021 auf fast 10% des BIP anschwellen und die Staatsschuldenquote auf 86 ½% hochschießen. Die Szenario-Analyse zeigt, dass die deutsche Schuldenquote zum Ende des nächsten Jahres fast 20 (Basis-Szenario) bzw. mehr als 30 Prozentpunkte vom BIP (Risikoszenario) höher liegen könnte als wir noch vor Ausbruch der Pandemie prognostiziert hatten. Im Falle des Basis-Szenarios dürfte sie Ende 2021 um knapp 15 Pro- zentpunkte vom BIP höher liegen als 2019. Es dürfte viele Jahre dauern – wenn nicht sogar mehr als ein Jahrzehnt –, den fiskalischen Spielraum zurückzugewinnen, den Deutschland jetzt wegen Co- rona verliert. Auch wenn negative Zinsen bzw. Staatsanleiherenditen dabei helfen dürften, die Tragfähigkeit der deutschen Staatsverschuldung in den kommenden Jahren unter Kontrolle zu halten, werden das spürbar sinkende Potenzialwachstum, die rapide Alterung der Gesellschaft und die hohen Transformationskosten auf dem Weg zu einer digitalen und ökologisch sau- beren Wirtschaft den finanziellen Druck auf die Regierung spürbar erhöhen und die nach der Krise gebotene fiskalische Konsolidierung erschweren.   1.) Öffentliche Garantien wirken zunächst weder schulden- noch defiziterhöhend. Nur im Fall einer späteren Beanspruchung des Garantiegebers entfalten sie eine haushaltsbelas- tende und schuldenerhöhende Wirkung. 2.) Öffentliche Kredit- und Beteiligungsprogramme erhöhen bereits bei der Mittelbeschaf- fung (Kreditaufnahme) die Staatsschulden, wirken jedoch (zunächst) nicht defiziterhöhend. Nur im Falle von späteren Kreditausfällen und/oder Beteiligungsverlusten entfalten sie eine defiziterhöhende Wirkung. 3.) Zum Vergleich: Die Regierung erwartet auf Basis eines realen Wirtschaftseinbruchs von 6% in diesem Jahr eine gesamtstaatliche Defizitquote von 7 ¼% des BIP und einen Anstieg der Schuldenquote auf 75 ¼%. Siehe Deutsches Stabilitätsprogramm 2020 vom 22. April 2020. Der Aktuelle Kommentar basiert auf unserer in englischer Sprache erschiene- nen Studie „ Quantifying the fiscal costs from corona virus “ vom 17. April 2020. ... und einem spürbaren Anstieg der deutschen Staatsverschuldungs- quote führen Quellen: Destatis, Deutsche Bank Research Corona-Krise 4   |    24. April 2020Aktueller Kommentar © Copyright 2020. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. 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