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24. Februar 2021
Der Abwärtstrend bei der 7-Tage-Inzidenz hat sich in Deutschland zuletzt nicht fortgesetzt. Ein Grund hierfür dürfte darin liegen, dass sich die ansteckenderen Virusmutationen in Deutschland zunehmend verbreiten. Auch der schleppende Impfprozess drückt auf die Stimmung. Gleichwohl gibt es Gründe für vorsichtigen Optimismus. So sinken die Todesfallzahlen im Zusammenhang mit Corona, die Zahl der Intensivpatienten sowie die Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen als Folge der Impfungen. Zudem sind viele Gesundheitsämter wieder besser in der Lage, Infektionsketten nachzuverfolgen. Auch bei der Behandlung von COVID-19 wird es Fortschritte geben. Die Politik dürfte angesichts der Risiken durch Virusmutationen weiterhin vorsichtig agieren, aber verstärkt auch andere Corona-Indikatoren als die 7-Tage-Inzididenz berücksichtigen. [mehr]
PROD0000000000517021 1   |    24. Februar 2021 Aktueller Kommentar 24. Februar 2021 Corona-Indikatoren Das Glas ist immer noch halb voll Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Eric Heymann +49(69)910-31730 eric.heymann@db.com Der Abwärtstrend bei der 7-Tage-Inzidenz hat sich in Deutschland zuletzt nicht fortgesetzt. Ein Grund hierfür dürfte darin liegen, dass sich die anste ckenderen Virusmutationen in Deutschland zunehmend verbreiten. Auch der schleppende Impfprozess drückt auf die Stimmung. Gleichwohl gibt es Grün de für vorsichtigen Optimismus. So sinken die Todesfallzahlen im Zusammen hang mit Corona, die Zahl der Intensivpatienten sowie die Ausbrüche in Al ten- und Pflegeheimen als Folge der Impfungen. Zudem sind viele Gesund heitsämter wieder besser in der Lage, Infektionsketten nachzuverfolgen. Auch bei der Behandlung von COVID-19 wird es Fortschritte geben. Die Poli tik dürfte angesichts der Risiken durch Virusmutationen weiterhin vorsichtig agieren, aber verstärkt auch andere Corona-Indikatoren als die 7-Tage-Inzidi denz berücksichtigen. Die aktuelle 7-Tage-Inzidenz dient Politik und Medien nach wie vor als wich tigster Indikator für das Ausmaß der Corona-Krise. Den deutschlandweit höchsten Stand erreichte die Inzidenz kurz vor Weihnachten mit einem Wert von 197. Sie tendierte ab der ersten Januarhälfte stetig nach unten und lag Mitte Februar unter der Marke von 60. Dieser Abwärtstrend hat sich in den letzten Tagen jedoch nicht fortgesetzt. Stattdessen pendelte die Inzidenz zu letzt um die 60. Ein Grund für den Trendbruch dürfte darin liegen, dass sich die ansteckenderen Virusmutationen auch in Deutschland weiter verbreiten. So kommt allein die britische Variante (B.1.1.7) inzwischen auf einen Anteil von rd. 30% an allen Neuinfektionen. Ende Januar waren es erst 9%. Aktuell öffnen in vielen Bundesländern die Kitas. In Schulen steigt der Anteil des Präsenzunterrichts, wenngleich dies zumeist für die unteren Jahrgangs stufen gilt und/oder auf Wechselunterricht begrenzt ist. Ab Anfang März dür fen Friseurbetriebe wieder öffnen, in Bayern auch Bau- und Gartenmärkte. Zugleich ist im Corona-Beschluss der Bund-Länder-Konferenz vom 10. Fe bruar festgelegt, dass „der nächste Öffnungsschritt [erst] bei einer stabilen 7- Tage-Inzidenz von höchstens 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerin nen und Einwohner" erfolgen kann. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. In dieser unsicheren Gemengelage ist es wenig überraschend, dass die politi sche Debatte über Zeitpunkt und Umfang weiterer Öffnungsschritte intensi ver wird. Auf der einen Seite sehen manche Politiker Deutschland schon am Beginn der dritten Infektionswelle. Virologen und Mediziner warnen vor zu frühen Lockerungen. Auf der anderen Seite werden verlässlichere Öffnungs perspektiven für die Wirtschaft gefordert. Zudem verteidigen Bildungs- und Impfungen pro Tag noch auf niedri gem Niveau Quelle: RKI Corona-Indikatoren 2   |    24. Februar 2021 Aktueller Kommentar Familienpolitiker die Rückkehr zu mehr Präsenzunterricht nicht zuletzt mit Verweis auf die Nachteile des Distanzunterrichts gerade für Kinder und Ju gendliche aus den so bezeichneten bildungsfernen Schichten. Trotz der Differenzen im Detail gibt es so gut wie keine Stimmen aus Politik und Wirtschaft, die eine schnelle Rückkehr zur Normalität (also eine umfas sende Öffnung) fordern oder in Aussicht stellen. Angesichts des derzeitigen Infektionsgeschehens und des schwer einschätzbaren Risikos der Virusmuta tionen überwiegt offenkundig das Vorsichtsprinzip. Einen abermaligen Lock down nach einer (zu schnellen) Öffnung weiterer Wirtschaftsbereiche will die Politik wohl unbedingt vermeiden. Impfprozess sorgt für Wechselbad der Gefühle Ein weiterer Grund für die vorsichtige Grundhaltung ist der noch immer schleppende Impfstart. Der gesamte Impfprozess sorgte bislang für ein Wechselbad der Gefühle. Dies fing mit der Zulassung der ersten Impfstoffe gegen COVID-19 an. Sie erfolgte Ende 2020 in Großbritannien, den USA und einige Wochen später in der EU und sorgte zunächst für eine Welle der Eu phorie, nicht zuletzt an den Aktienmärkten. Allerdings war schon damals klar, dass Impfstoffe in den ersten Wochen und Monaten nach ihrer Zulassung knapp sein würden. Dies ging in der allgemeinen Begeisterung über den Durchbruch im Kampf gegen Corona aber geflissentlich unter. Auf die anfängliche Euphorie folgte schon bald die große Enttäuschung, vor allem in der EU sowie in Deutschland. So wurden die EU-Kommission und da mit indirekt die Bundesregierung dafür kritisiert, die Impfstoffe bei den einzel nen Herstellern zu spät und in zu geringer Menge bestellt zu haben. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) blieb nicht von Kritik verschont. Sie schloss die Zulassungsverfahren für die Impfstoffe später ab als die entspre chenden Behörden in den USA und UK, die sich für Notfallzulassungen ent schieden hatten. Probleme der Unternehmen beim Hochfahren der Impfstoff produktion verdüsterten zu Jahresbeginn die Aussichten auf eine rasche Ver besserung der Versorgungssituation und schnelle Durchimpfung. Die Bilder von leer stehenden Impfzentren in Deutschland und lange Wartezeiten bei der Vereinbarung von Impfterminen für Menschen über 80 Jahre trugen ihren Teil zur Enttäuschung bei. All das wurde zu einem medialen Dauerthema ohne wesentlichen neuen Erkenntnisgewinn, bei dem sich so mancher Akteur in seiner Empörung gefiel. Beim „nationalen Impfgipfel" Anfang Februar betonte die Bundesregierung, dass es bis in den April hinein bei den Engpässen bleiben werde. In Summe stellte sie für das 1. Quartal die Lieferung von gut 18 Mio. Impfdosen in Aus sicht. Im 2. Quartal seien etwa 77 Mio. Dosen zu erwarten und im 3. Quartal sollen knapp 127 Mio. Impfdosen geliefert werden. Damit wird sich die aktu elle Knappheit erst im Verlauf des 2. Quartals entspannen. Je nach Sichtweise kann man die aktuelle Situation unterschiedlich interpre tieren. Für die einen dominiert die vorerst unzureichende Verfügbarkeit an Impfstoffen. Für andere überwiegen die positiven Aussichten, weil bereits ein knappes Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie schon mehrere Impfstof Über 5 Mio. Impfdosen verabreicht Quelle: RKI Corona-Indikatoren 3   |    24. Februar 2021 Aktueller Kommentar fe gegen das Virus zugelassen sind und weitere auf den Markt kommen wer den. Impfstoffknappheit im 2. Halbjahr kein Thema mehr Die Knappheit an Impfstoffen wird im Laufe des Jahres nachlassen und ver mutlich in der 2. Jahreshälfte kein Problem mehr sein. Selbst für den Fall, dass bereits geimpfte Menschen nach einiger Zeit eine Auffrischung benöti gen, dürften dann genügend Impfstoffe verfügbar sein. Die Bundesregierung will bis zum Ende des Sommers (21. September) jedem Menschen in Deutschland ein Impfangebot machen. Dies gilt auch für den Fall, dass kein weiterer Impfstoff mehr auf den Markt kommt und „lediglich" die bereits zu gelassenen Präparate von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca ge nutzt werden können. Positiv ist, dass die bislang erfolgten Impfungen bei den Hochrisikogruppen Wirkung zeigen. So geht die Zahl der Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen seit einigen Wochen zurück. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis alle Be wohner solcher Einrichtungen geimpft sein werden, wenn sie dies möchten. Auch bei Pflegekräften, medizinischem Personal und anderen Personen, die der Prioritätsstufe 1 angehören (z.B. Menschen über 80), schreiten die Imp fungen voran. Bis Ende Februar dürften etwa 6 Mio. Impfdosen verabreicht worden sein. Schon die erste Impfung reduziert das Risiko schwerer Krank heitsverläufe. Im gesamten 1. Quartal sollen etwa 10 Mio. Menschen in Deutschland geimpft werden. Weniger COVID-19-Patienten in in tensivmedizinischer Behandlung Quellen: RKI, DIVI Andere Indikatoren werden in den Fokus rücken Dennoch verstummt die generelle Kritik noch immer nicht (zu spät, zu lang sam, zu wenig). Und natürlich sind Berichte über „Vordrängler" bei Impfun gen oder verfügbare Impfstoffe, die aus welchen Gründen auch immer nicht verabreicht werden können, nicht hilfreich für das Vertrauen in die zuständi gen Institutionen. Es mag jeder für sich entscheiden, ob solche Einzelfälle ge nug Anlass für erneute Empörung bieten. Konstruktiver sind dagegen konkre te Verbesserungsvorschläge (z.B. Änderung der Impfreihenfolge zugunsten von Beschäftigen in Kitas und Schulen). Trotz aller Kritik zeigt sich im Ergebnis, dass durch die steigende Zahl an Imp fungen bei älteren Menschen der Druck auf die Intensivstationen der Kran kenhäuser sinkt. Die Zahl der Intensivpatienten in Deutschland ist seit dem Höhepunkt von 5.762 Menschen Anfang Januar inzwischen auf knapp über 3.000 gesunken. Es ist tragisch, dass ein Teil dieses Rückgangs auf den CO VID-19-Tod von Intensivpatienten zurückzuführen ist. Allerdings sinkt die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Corona inzwischen auch seit Wo chen. Bei einer dritten Infektionswelle wären große Teile der Hochrisikogrup pen durch Impfungen geschützt. Die gegenüber Ende 2020 insgesamt deut lich niedrigere 7-Tage-Inzidenz reduziert ebenfalls den Druck auf die Kran kenhäuser. Zudem gelingt es den Gesundheitsämtern inzwischen wieder bes ser, Infektionsketten nachzuverfolgen. Das sind ebenfalls wichtige Corona-In dikatoren, die sich positiv entwickeln. Abwärtstrend bei Fallzahlen gestoppt Quelle: RKI Corona-Indikatoren 4   |    24. Februar 2021 Aktueller Kommentar Durch den medialen und politischen Fokus auf die Impfstoffknappheit ist zu dem in den Hintergrund gerückt, dass die EMA mit der Prüfung eines Antikör per-Medikaments gegen COVID-19 begonnen hat. Dieses Medikament hat in den USA bereits eine Notfallzulassung erhalten. Es soll schwere Krankheits verläufe bei Risikopatienten verhindern oder abmildern. Weiterer Fortschritt bei der Medikation ist in den kommenden Monaten zu erwarten. Berechtigte Hoffnungen ruhen auf den wärmeren Temperaturen ab März/ April. Die erste Corona-Welle brach im April 2020, als die damaligen Lock down-Maßnahmen ihre Wirkung entfalteten. Trotz der anschließenden Öff nungen blieben die Neuinfektionen über den gesamten Sommer auf einem niedrigen Niveau. Sie lagen von Mitte Mai bis Anfang August durchweg unter 1.000 pro Tag. Erst im Verlauf des Septembers und stark beschleunigt im Ok tober tendierten die Fallzahlen wieder merklich nach oben. Im Sommer waren über Wochen weniger als 300 Corona-Patienten in intensivmedizinischer Be handlung. Mit den Impfungen sowie der einsetzenden Herdenimmunität auch durch die bereits infizierten und für eine gewisse Zeit immunen Menschen dürften die relevanten Zahlen im Sommer 2021 sogar noch günstiger ausfal len als im letzten Jahr. Dazu könnte auch beitragen, dass im Einzelhandel und ÖPNV das Tragen von medizinischen Masken (statt Alltagsmasken) vorerst Pflicht bleiben wird und dass viele Gesundheitsämter technologisch und per sonell aufgerüstet haben. Zudem sollen ab dem Frühjahr Schnelltests für den Eigengebrauch verfügbar sein, wenn auch später, als die von Gesundheitsmi nister Spahn zunächst angekündigt wurde (Vorsicht: Empörungspotenzial). Mutationen als Unsicherheitsfaktor Die Corona-Mutationen sind aktuell wohl der größte Risikofaktor. Sie haben dazu beigetragen, dass die 7-Tage-Inzidenz zuletzt nicht weiter gesunken ist. Es ist jedoch ein positives Signal, dass die täglichen Neuinfektionen auch in jenen europäischen Ländern seit einigen Wochen sinken bzw. auf relativ nied rigem Niveau stagnieren, in denen die Mutationen weiter verbreitet sind als in Deutschland (z.B. UK, Irland, Dänemark, Portugal). Zudem sieht es danach aus, dass die Impfstoffe auch gegen die neuen Mutationen wirken und zumin dest das Risiko von schweren Krankheitsverläufen vermindert wird. Andere Corona-Indikatoren entwickeln sich dagegen positiver. Das gilt vor al lem für die Auslastung der Intensivstationen sowie die Todesfallzahlen. Diese und andere Indikatoren dürften und sollten in den kommenden Wochen stär ker in den Fokus rücken, wenn die Politik über Öffnungsstrategien berät. Auch das RKI hält die Kopplung von Öffnungsschritten an einen Indikator wie die Inzidenz nicht für ausreichend. Es gibt keine Gründe für Euphorie, jedoch für vorsichtigen Optimismus. Für mich ist beim Blick auf die verschiedenen Corona-Indikatoren das Glas jedenfalls immer noch halb voll. Todesfälle sinken mit Zeitverzöge rung Quelle: RKI   Corona-Indikatoren 5   |    24. Februar 2021 Aktueller Kommentar © Copyright 2021. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research" gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ih rer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumen ten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. 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