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18. Dezember 2013
Deutschland verfolgt ambitionierte energie- und klimapolitische Ziele und ist damit international Vorreiter. Der stockende UN-Klimaschutzprozess zeigt aber, dass andere Länder nicht nachreiten oder ein langsameres Tempo anschlagen. In Deutschland hat bei energieintensiven Branchen bereits ein schleichender Prozess der De-Industrialisierung begonnen. Er führt zu Verlagerungen von CO2-Emissionen von Deutschland in andere Länder. Um diesen schleichenden Prozess zu stoppen, sollte sich Deutschland zusammen mit Europa entweder für ein schnelleres Vorankommen und strengere Ziele im internationalen Klimaschutz einsetzen oder das eigene Tempo drosseln. Als Minimalziel muss die Energiewende in Deutschland effizienter gestaltet werden. Zudem benötigen energieintensive Unternehmen auch künftig Ausnahmeregelungen. [mehr]
Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess Aktuelle Themen Natürliche Ressourcen Deutschland verfolgt ambitionierte energie- und klimapolitische Ziele und ist damit international Vorreiter. Der stockende UN-Klimaschutzprozess zeigt aber, dass andere Länder nicht nachreiten oder ein langsameres Tempo anschlagen. Wir zeigen, dass in Deutschland in energieintensiven Branchen bereits ein schleichender Prozess der De-Industrialisierung begonnen hat. Er führt zu Ver- lagerungen von CO 2 -Emissionen von Deutschland in andere Länder. Die Investitionen in die Energiewende haben in den letzten Jahren zu steigen- den Energiepreisen geführt (vor allem bei Strom). Der deutsche Strompreis für industrielle Kunden übertrifft das EU-Niveau um rd. 26%. Der Kostennachteil gegenüber den USA ist deutlich größer. Seit Anfang 2007 sind die Strompreise in Deutschland um knapp 48% gestiegen; in der EU waren es „nur“ 38%. Unternehmen aus energieintensiven Branchen hielten sich schon in den letzten Jahren mit Investitionen in Deutschland zurück. In nur zwei der letzten 17 Jahre investierten die energieintensiven Branchen mehr in ihre Anlagen, als sie abge- schrieben haben. In der Folge ist das Nettoanlagevermögen bei den energiein- tensiven Industriezweigen zwischen 1995 und 2011 um über 11% gesunken, während es in den übrigen Branchen um knapp 5% zunahm. Steigen die Energiepreise auch künftig in Deutschland überproportional, ist bei energieintensiven Unternehmen nach unseren Schätzungen mit Umsatzverlus- ten zwischen 2 und 6% des Umsatzes zu rechnen. Das entspricht einem abso- luten Verlust zwischen rd. EUR 5 Mrd. und EUR 16 Mrd. pro Jahr. Übertragen auf die CO 2 -Emissionen jener Branchen käme dies einem Rück- gang der Emissionen in einer Größenordnung von gut 3 bis rd. 10 Mio. Tonnen pro Jahr gleich. Dies entspricht etwa 0,4 bis 1,3% der gesamten deutschen CO 2 -Emissionen. Gleichzeitig sprechen steigende Auslandsinvestitionen in den energieintensiven Branchen dafür, dass die CO 2 -Emissionen deutscher Unter- nehmen im Ausland zunehmen. Global steigen die Emissionen ohnehin weiter. Letztlich zeigt sich hier das Dilemma einer national forcierten Klimapolitik. Beim Klimawandel handelt es sich um einen global wirkenden externen Effekt. Über- mäßig hohe Energiepreise oder klimapolitische Regulierungen in einem Land führen aber kurz- und mittelfristig nicht zu global sinkenden CO 2 -Emissionen, sondern lediglich zu deren Verlagerung (Carbon Leakage). Die deutsche Energie- und Klimapolitik sollte diese Zusammenhänge berück- sichtigen. Um den schleichenden Prozess von De-Industrialisierung und Carbon Leakage zu stoppen, sollte sich Deutschland zusammen mit Europa entweder für ein schnelleres Vorankommen und strengere Ziele im internationalen Klima- schutz einsetzen oder das eigene Tempo drosseln. Als Minimalziel muss die Energiewende in Deutschland effizienter gestaltet werden. Zudem benötigen energieintensive Unternehmen auch künftig Ausnahmeregelungen. Autor en Eric Heymann +49 69 910-31730 eric.heymann@db.com Hannah Berscheid Editor Lars Slomka Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresear ch.de DB Research Management Ralf Hoffmann 18. Dezember 2013 Carbon Leakage: E in schlei chender Prozess Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 2 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen 1. Einleitung Deutschland verfolgt im internationalen Vergleich ehrgeizige klima- und ener- giepolitische Ziele. Die in den letzten Jahren gestiegenen Energiepreise in Deutschland haben jedoch zu einer intensiver geführten Kostendebatte rund um die Energiewende geführt. 1 Es wird zunehmend offensichtlich, dass mit dem aktuellen Eifer und Instrumentenmix wirtschaftliche Nachteile für hiesige Unter- nehmen sowie den Industriestandort Deutschland einhergehen können, zumal die Bereitschaft im Rest der Welt nach wie vor gering ist, ein ähnlich hohes Tempo in der Klimaschutz- und Energiepolitik einzuschlagen. Nicht nur sind die Energiekosten gestiegen. Auch die Unsicherheiten bezüglich der allgemeinen energiepolitischen Rahmenbedingungen haben zugenommen. Aufgrund der schwankenden Stromerzeugung durch erneuerbare Energie muss zudem in- zwischen ein größerer Aufwand betrieben werden, um die Versorgungssicher- heit zu gewährleisten. Unter dem Strich sehen wir das Risiko, dass Deutsch- lands Wettbewerbsfähigkeit als Industriestandort mittel- bis längerfristig leidet. Gerade für energieintensive Wirtschafszweige ist mit einer spürbaren Investiti- onszurückhaltung im Inland zu rechnen. Stattdessen dürfte ein steigender Teil der Investitionsströme ins Ausland fließen; beide Trends sind bereits in der Ver- gangenheit zu beobachten, wie wir in diesem Bericht zeigen werden. Insgesamt kann so die industrielle Wertschöpfungskette in Deutschland geschwächt wer- den. Schließlich führt diese Entwicklung auch dazu, dass CO 2 -Emissionen von Deutschland ins Ausland verlagert werden (Carbon Leakage). Unsere Ausgangsthese lautet, dass dieser Prozess – sei er nun Carbon Leakage oder De-Industrialisierung genannt – ein schleichender ist. Wir rech- nen also nicht damit, dass Industrieanlagen in Deutschland als kurzfristige Reaktion auf steigende Energiepreise geschlossen und im Ausland aufgebaut werden. Vielmehr sind wir der Ansicht, dass sich (energieintensive) Unterneh- men bei Erhaltungs- und Erweiterungsinvestitionen künftig häufiger gegen den heimischen Standort entscheiden, was zu einem schleichenden Substanzverlust bei den Produktionsanlagen der betreffenden Branchen führen kann. Gerade weil sich das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland in den letzten Jahren sehr viel erfolgreicher entwickelt hat als die europäische Konkurrenz, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, vor einem möglichen Prozess dieser Art zu warnen. Es ist nämlich keinesfalls garantiert, dass sich die Erfolgsgeschichte deutscher Unter- nehmen bzw. des hiesigen Industriestandorts fortsetzt; vielmehr bedarf es dauerhafter Anstrengungen der Unternehmen und intelligenter rechtlicher Rah- menbedingungen, um die Wettbewerbsfähigkeit auch künftig zu erhalten. 2. Internationale und nationale Energie- und Klima- schutzpolitik unterschiedlich ambitioniert Bei der jüngsten UN-Klimakonferenz in Warschau hat sich zum wiederholten Male bestätigt, dass die Fortschritte in der internationalen Klimaschutzpolitik sehr begrenzt und für Außenstehende kaum wahrnehmbar sind. Einigermaßen greifbare Fortschritte erfolgten in den letzten Jahren vor allem in Detailfragen (z.B. Waldschutz, Finanzierung von Maßnahmen zur Anpassung an den Klima- wandel in Entwicklungsländern). Das übergeordnete Ziel, rechtlich verbindliche und zugleich anspruchsvolle CO 2 -Emissionsreduktionsziele für möglichst viele Länder zu vereinbaren, ist zwar nicht aus dem Blickfeld geraten. Aber der Weg dorthin ist zweifelsfrei mühsam. Letztlich hat die internationale Staatengemein- schaft in Warschau erneut bestätigt, bis 2015 eine „Vereinbarung mit Rechts- kraft“ zu schließen, die Emissionsreduktionsziele für alle Länder umfassen und 1 Vgl. Auer, Josef et al. (2013). Energiewende 2.0 – Wettbewerbsfähigkeit nicht riskieren. Deutsche Bank Research. Standpunkt Deutschland. Frankfurt am Main. NACE-Codes für Industriebranchen 1 NACE - Code Branche C Verarbeitendes Gewerbe 10 Ernährungsgewerbe 11 Getränkeherstellung 12 Tabakverarbeitung 13 Textilindustrie 14 Bekleidungsindustrie 15 Leder, Lederwaren und Schuhe 16 Holz - , Flecht - , Korb - und Kor k- waren 17 Papierindustrie 18 Druckereien 19 Kokerei und Mineralölverarbe i- tung 20 Chemieindustrie 21 Pharmaindustrie 22 Gummi - und Kunststoffindustrie 23 Baustoffindustrie 24 Metallerzeugung und - bearbeitung 25 Metallerzeugnisse 26 Datenverarbeitungsgeräte 27 Elektrische Ausrüstungen 28 Maschinenbau 29 Automobilindustrie 30 Sonstiger Fahrzeugbau 31 Möbelindustrie 32 Sonstige Waren Quelle: Statistisches Bundesamt 10 13 16 19 22 25 28 31 34 71 74 77 80 83 86 89 92 95 98 01 04 07 10 Globale CO 2 -Emissionen steigen 2 Energiebedingte CO 2 - Emissionen, Mrd. Tonnen Quelle: IEA Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 3 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen wie verbindlich sie sein werden, sind nur zwei von vielen offenen Fragen, die in den nächsten Jahren noch geklärt werden müssen. Es bleibt also abzuwarten, wieviel Substanz das angestrebte Klimaabkommen haben wird. EU ist Vorreiter im internationalen Klimaschutz Angesichts der skizzierten Entwicklung in der Klimaschutzpolitik ist bei nüchter- ner Betrachtung festzustellen, dass die EU im internationalen Vergleich noch immer die ehrgeizigsten Klimaschutzziele verfolgt. Bis zum Jahr 2020 will sie ihre CO 2 -Emissionen gegenüber dem Basisjahr 1990 um 20% reduzieren. Das Ziel kann zwar durch die europäische Wirtschaftskrise leichter erreicht werden, als dies noch vor wenigen Jahren erwartet wurde, weil die Rezession mit einem geringeren CO 2 -Austoß einherging. Gleichwohl verursacht jene Krise immense volkswirtschaftliche Kosten, weshalb die daraus resultierende CO 2 -Einsparung sicherlich nicht als kostenfreier „Windfall-Profit“ einzuschätzen ist. Außerhalb der EU haben sich nur wenige Länder zu ambitionierten, quantitati- ven CO 2 -Reduktionszielen bekannt. Die USA haben im viel beachteten Climate Action Plan von US-Präsident Obama vom Sommer 2013 zwar ihr bereits zuvor formuliertes Ziel bestätigt, ihre CO 2 -Emissionen bis 2020 um 17% im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bezogen auf das in der internationalen Klimapolitik übli- che Basisjahr 1990 entspricht das Ziel der USA jedoch lediglich einer ange- strebten Reduktion um knapp 2%. 2005 war nämlich das Jahr mit den höchsten CO 2 -Emissionen in den USA. Seit Ende des letzten Jahrzehnts sinkt der abso- lute CO 2 -Ausstoß der USA. Dies ist u.a. auf das Erschließen unkonventioneller Erdgasvorkommen zurückzuführen ist, was dazu geführt hat, dass Kohle in der Stromerzeugung durch Gas substituiert wurde. Zudem ist der durchschnittliche Verbrauch der US-amerikanischen Fahrzeugflotte in den letzten Jahren gesun- ken – und damit auch der Kraftstoffverbrauch. China setzt auf Effizienzziele China verfolgt bislang mit dem berechtigten Hinweis auf die im Vergleich zu den Industrieländern geringere Wirtschaftskraft pro Kopf lediglich – oder immerhin – Effizienzziele: China möchte seinen spezifischen CO 2 -Ausstoß pro Einheit Brut- toinlandsprodukt bis 2020 um 40 bis 45% gegenüber 2005 reduzieren. Freilich verfügt das Land über enorme kostengünstige Möglichkeiten, die CO 2 -Intensität des Landes zu reduzieren bzw. die Energieeffizienz zu erhöhen. So emittiert China – trotz erheblicher Fortschritte in den letzten Jahren – noch immer rd. dreimal so viel CO 2 für jede erzeugte Einheit BIP wie Deutschland. Die Energie- intensität des Landes ist mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. China handelt also in erster Linie ökonomisch rational, wenn es künftig weniger ver- schwenderisch mit Energie umgeht. Letztlich werden in China die absoluten CO 2 -Emissionen und auch die CO 2 -Emissionen pro Kopf vorerst weiter steigen; China hat bei den Emissionen pro Kopf inzwischen Frankreich überholt und erreicht fast zwei Drittel des deutschen Niveaus. Ist ein Durchbruch in der Klimapolitik in Sicht? Nicht nur die Klimakonferenz von Warschau hat gezeigt, dass die internationa- len Klimaschutzverhandlungen relativ festgefahren sind. Letztlich spiegelt sich in den nur marginalen Fortschritten auch die Realität wider. Denn die globalen CO 2 -Emissionen sind allein im letzten Jahrzehnt um mehr als 28% und damit deutlich stärker als in den beiden Jahrzehnten zuvor gestiegen; Treiber dieser Entwicklung waren vor allem die Emissionen der Schwellenländer. So hat China seit 2006 die USA als größten Emittenten von Treibhausgasen abgelöst und kommt inzwischen auf einen Anteil von mehr als 25%. Der deutsche Anteil an 0 5 10 15 20 25 30 35 80 84 88 92 96 00 04 08 12 CN US DE Energieintensität sinkt weltweit 3 * British thermal unit Quelle: Energy Information Administration Energieverbrauch pro Einheit BIP (basierend auf realen USD und Kaufkraftparitäten), '000 Btu* 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 71 74 77 80 83 86 89 92 95 98 01 04 07 10 Welt US DE CN CO 2 - Intensität in China etwa dreimal so hoch wie in Deutschland 4 CO 2 - Emissionen pro Einheit BIP (basierend auf realen USD und Kaufkraftparitäten), kg Quelle: IEA 0 5 10 15 20 25 71 74 77 80 83 86 89 92 95 98 01 04 07 10 Welt US DE CN China holt auf 5 CO 2 - Emissionen pro Kopf, Tonnen Quelle: IEA Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 4 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen den globalen energiebedingten CO 2 -Emissionen schrumpfte dagegen in den letzten Jahren kontinuierlich und lag 2011 nur noch bei 2,4%. Aus heutiger Sicht spricht wenig dafür, dass es bei den nächsten Klimakonfe- renzen auf UN-Ebne zu einem fundamentalen Durchbruch kommen wird. Wirk- lich ambitionierte, absolute und rechtlich verbindliche CO 2 -Reduktionsziele sind etwa von den USA und China vorerst kaum zu erwarten. Wie in der Vergangen- heit dürften die beiden Länder auf die jeweilige Verantwortung des anderen verweisen und ihre Ziele pragmatisch am wirtschaftlich Machbaren ausrichten. Einerseits investieren beide Länder – unabhängig vom Fortschritt der internatio- nalen Klimapolitik – in erneuerbare Energien und Effizienztechnologien. So ent- fielen 2012 rd. 58% der neu installierten Kapazitäten im Bereich der Windkraft auf diese beiden Länder. Andererseits greifen sie auf günstige und lokal vor- handene fossile Energieträger zurück (in den USA derzeit zunehmend Gas, in China noch immer dominierend Kohle). 2 Gemessen an den offiziellen Klimazie- len (absolute CO 2 -Reduktion) dürfte die EU künftig dennoch der Vorreiter in der internationalen Klimaschutzpolitik bleiben. An dieser Einschätzung ändert sich auch dadurch nichts, dass es innerhalb der EU sehr kontroverse Meinungen über die künftige Ausrichtung der Klimapolitik gibt; dies gilt etwa hinsichtlich einer Reform des EU-Emissionshandels, des Tempos beim Ausbau der erneu- erbaren Energien oder einer Verschärfung aktueller und künftiger Klimaschutz- ziele, die u.a. von NGOs als nicht ambitioniert genug eingeschätzt werden. Deutschland geht mit der Energiewende einen Sonderweg in der EU Innerhalb der EU schlägt Deutschland mit der Energiewende einen Sonderweg ein. Kein anderes Industrieland verfolgt derart ambitionierte Energie- und Klima- schutzziele. Der nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2022 ist dabei nur eines von vielen zumeist anspruchsvollen Zielen. So will Deutschland seine CO 2 -Emissionen bis 2020 um 40% gg. 1990 und bis 2050 um mindestens 80% senken. Dies Ziel soll unter anderem durch den Ausbau der erneuerbaren Energien erreicht werden: — Der Anteil der Erneuerbaren am Endenergieverbrauch soll auf mindestens 18% im Jahr 2020 und 60% im Jahr 2050 steigen (2012: rd. 12%). — Im Stromsektor soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Brutto- stromerzeugung auf 40 bis 45% im Jahr 2025, 55 bis 60% im Jahr 2035 und mindestens 80% im Jahr 2050 zunehmen (2012: etwa 22%). Diese Klimaziele können nicht ohne eine Steigerung der Energieeffizienz reali- siert werden können. Daher verfolgt Deutschland auch viele Effizienzziele: — Der Primärenergieverbrauch soll bis 2050 um 50% (gg. 2008) verringert werden; der Stromverbrauch soll bis dahin um 25% zurückgehen. — Die Sanierungsquote für Gebäude im Bestand soll von aktuell etwa 1% auf 2% pro Jahr erhöht werden. In der Folge soll der Primärenergiebedarf von Gebäuden bis 2050 um 80% sinken. — Im Verkehr soll der Endenergieverbrauch bis 2050 um 40% (gg. 2005) schrumpfen. Anders, als häufig in den Medien suggeriert wird, ist die deutsche Energiewen- de also mehr als der Ausstieg aus der Kernenergie und der Ausbau der Erneu- erbaren im Stromsektor. Auffällig ist, dass fast alle klima- und energiepolitischen Ziele aus der Zeit „vor Fukushima“ stammen und seither nicht oder nicht we- sentlich geändert wurden. Die Energiewende ist also kein neues Thema. Inter- 2 Vgl. Auer, Josef (2013). Globaler Kraftwerkspark. Wandel durch unkonventionelle und grüne Energien. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen. Frankfurt am Main. 0 5 10 15 20 25 30 35 71 74 77 80 83 86 89 92 95 98 01 04 07 10 Deutschland OECD Europa USA China China hat höchsten Anteil an globalen CO 2 -Emissionen 6 Anteile an globalen energiebedingten CO 2 - Emissionen, % Quelle: IEA 12,1 8,0 11,6 33,1 21,6 12,2 1,4 Braunkohle Kernenergie Erneuerbare* Mineralöl Erdgas Steinkohle Sonstige Öl, Kohle und Gas dominieren 7 * Gut 60% der Erneuerbaren entfallen auf Bioenergien Quelle: AG Energiebilanzen Anteile am Primärenergieverbrauch, DE, 2012, % 11,3 22,0 25,7 16,1 19,1 5,7 Erdgas Erneuerbare Braunkohle Kernenergie Steinkohle Sonstige Erneuerbare schon auf Platz 2 8 Abweichung von 100% rundungsbedingt Quelle: AG Energiebilanzen Anteile an Bruttostromerzeugung, DE, 2012, % Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 5 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen national wird der deutschen Energiewende viel Aufmerksamkeit geschenkt. Gleichwohl nehmen die meisten Länder bislang eher die Rolle eines abwarten- den Beobachters ein und folgen bislang (noch) nicht dem deutschen Modell. Deutschland ist also Vorreiter im Klimaschutz, aber es mangelt an Nachreitern. 3. Energiewende führt zu steigenden Energiekosten Mit seiner anspruchsvollen Energie- und Klimapolitik folgt Deutschland einer gewissen Tradition. Denn es ist hierzulande durchaus üblich, dass Umweltziele und ökologische Standards strenger und Energiesteuern höher ausfallen als in anderen Ländern. In der Vergangenheit konnte die deutsche Wirtschaft hiervon häufig profitieren. Denn wenn andere Länder mit einer ähnlichen Regulierung zeitverzögert folgten, standen deutsche Unternehmen mit Technologien bereit, um sich erfolgreich in den neuen Märkten zu positionieren. Dies führte in vielen Fällen zu positiven Netto-Effekten für die lokale Wertschöpfung und den Ar- beitsmarkt. Nicht umsonst zählen deutsche Unternehmen in den Bereichen Umwelttechnologie oder Ressourcen- und Energieeffizienz zur Weltspitze. 3 Deutschland verfolgt mit seiner Energie- und Klimapolitik ebenfalls mehrere Ziele. So erhofft man sich, durch die Entwicklung innovativer Produkte und den technischen Fortschritt, etwa bei erneuerbaren Energien, Arbeitsplätze und Wertschöpfung im Inland zu schaffen oder Exportmärkte zu erschließen. Zudem wird eine größere Unabhängigkeit von Energieimporten bzw. endlichen fossilen Energieträgern angestrebt, deren Preise voraussichtlich hoch bleiben und lang- fristig steigen werden; diese Unabhängigkeit soll mit einer höheren Autarkie bzw. Versorgungssicherheit Hand in Hand gehen. Die Reduktion von CO 2 - Emissionen bzw. Deutschlands Beitrag zum Klimaschutz bilden dabei gewis- sermaßen die Klammer für die Energie- und Klimapolitik. Diese per se erstrebenswerten Ziele wurden bislang nur mit mäßigem Erfolg erreicht. Die zur Verfügung stehenden energie- und klimapolitischen Instrumen- te werden nicht effizient genug eingesetzt und sind zu wenig aufeinander abge- stimmt. So stehen das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und der EU- Emissionshandel im Konflikt. Grundsätzlich spielen marktwirtschaftliche Prinzi- pien oder Wettbewerbsgedanken aus unserer Sicht eine zu geringe Rolle. 4 Die Effizienzpotenziale im Gebäudebereich werden von der Politik vernachlässigt. Brutto-Kosten der Energiewende liegen über EUR 30 Mrd. pro Jahr, … Um die genannten Ziele zu erreichen, sind Investitionen in erneuerbare Ener- gien, konventionelle Kraftwerke, Energienetze und -speicher, energieeffiziente Gebäude und alternative Antriebstechnologien erforderlich. Wir haben diese in einem Bericht aus 2012 auf mindestens EUR 30 Mrd. pro Jahr geschätzt. 5 Das DIW hat vor wenigen Monaten die Investitionen auf EUR 31 bis 38 Mrd. pro Jahr (ohne Verkehrssektor) beziffert. 6 Unter dem Strich ist die Energiewende also mit enormen Kosten verbunden, die letztlich von den Energieverbrauchern getragen werden müssen. Wenig verwunderlich ist es daher, dass die Kostendebatte rund um die Energiewende zuletzt intensiver geführt wurde. 3 Vgl. Roland Berger Strategy Consultants (2012). GreenTech made in Germany 3.0. Umwelttech- nologie-Atlas für Deutschland. Herausgegeben vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Berlin. 4 Eine kritische Analyse der Ziele der Energiewende sowie der eingesetzten Instrumente findet sich in Weimann, Joachim (2013). Rettet die Energiewende? Warum eigentlich? In Wirtschaftsdienst. Heft 11. November 2013. Hamburg. 5 Vgl. Auer, Josef und Eric Heymann (2012). Energiewende fordert Kommunen und Stadtwerke. Deutsche Bank Research. Aktuelles Thema. Frankfurt am Main. 6 Vgl. Blazejczak, Jürgen et al. (2013). Energiewende erfordert hohe Investitionen. In DIW- Wochenbericht 26/2013. Berlin. 0 10 20 30 DK DE IE IT ES BE SE AT PT EU NL UK SK SI FI GR CZ PL FR HU RO Inklusive Steuern und Gebühren Ohne Steuern und Gebühren Quelle: Eurostat Strompreis (inkl. Steuern) in Dänemark und Deutschland besonders hoch 9 Strompreise für priv. Haushalte, 2013, Cent/kWh 0 2 4 6 8 10 SE DK FI GR SI DE AT HU PT EU NL FR ES BE IT PL SK IE UK CZ RO Quelle: Eurostat Hohe Gaspreise in Skandinavien 10 Erdgaspreis für Industriekunden, 2013, Cent/kWh Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 6 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen … aber Netto-Effekte entscheidend Für eine Gesamtbeurteilung ist es notwendig, den Kosten der Energiewende auch mögliche positive wirtschaftliche Effekte gegenüberzustellen. Im Folgen- den skizzieren wir einige Wechselwirkungen: — So kann die Energiewende in der Tat die Abhängigkeit von fossilen Energie- trägern bzw. deren Importen verringern. Allerdings ist die Handelsbeziehung mit den Lieferanten fossiler Energieträger keine Einbahnstraße, denn Deutschland exportiert z.B. Maschinen oder Fahrzeuge in diese Staaten. Wenn zudem Erdgas – zumindest als Brückentechnologie für eine Über- gangszeit – künftig eine größere Rolle in der Energieversorgung spielen soll, zugleich das Erschließen unkonventioneller Gasvorkommen im Inland (Stichwort Fracking) aber kritisch gesehen wird, bleibt Deutschland für die- sen Energieträger von Importen abhängig. Freilich dürfte die Zahl der po- tenziellen Lieferländer von Erdgas künftig steigen. 7 — Zu berücksichtigen ist auch, dass die Energierechnung für Unternehmen und private Haushalte verringert werden kann, wenn die Energiesparmaß- nahmen ergriffen werden und die oben genannten Effizienzziele auch tat- sächlich erreicht werden. Aber auch dieses Argument wird dadurch abge- schwächt, dass die Energierechnung nach erfolgten Effizienzmaßnahmen noch niedriger ausfiele, würden nicht gleichzeitig die Energiepreise (z.B. durch staatliche Eingriffe) steigen. Zutreffend ist dagegen ohne Zweifel, dass (nicht nur) in Deutschland erhebliche wirtschaftlich sinnvolle Energie- einsparpotenziale schlummern. Höhere Energiepreise können dabei ein An- reiz sein, diese Potenziale zu heben. — Ein weiteres richtiges Argument ist, dass die Stromgestehungskosten bei den erneuerbaren Energien aufgrund des technischen Fortschritts in den letzten Jahren zum Teil deutlich gesunken sind. Aber auch hier gibt es ei- nen Haken, denn eine effiziente Integration der Erneuerbaren erfordert zu- sätzliche Investitionen in neue und intelligentere Netze, flexible, grundlast- fähige Kraftwerke und perspektivisch auch Speicher. 8 Die hier anfallenden Kosten sind letztlich zu einem großen Teil dem Ausbau der Erneuerbaren anzurechnen. Hinzu kommt, dass die gesunkenen Stromgestehungskosten durch immer noch sehr niedrige Volllaststunden der Erneuerbaren relativiert werden; so kommen Photovoltaik-Anlagen in Deutschland – trotz des Einspeisevorrangs – nur auf eine jahresdurchschnittliche Auslastung von gut 10%. Richtig ist jedoch, dass erneuerbare Energien durch die gesunke- nen Stromgestehungskosten für viele Länder mit günstigeren klimatischen Bedingungen zu einer attraktiven Alternative geworden sind; solche Länder profitieren also indirekt vom Fördersystem in Deutschland. — Ein weiteres Preisargument bezieht sich auf die Preise an den Strombör- sen. Die Stromerzeugung auf Basis erneuerbarer Energien erfolgt zu sehr niedrigen Grenzkosten. Zugleich bildet sich der Strompreis an der Strom- börse nach dem Grenzkostenprinzip. Durch den steigenden Anteil der Erneuerbaren werden Kraftwerke mit höheren Grenzkosten zunehmend aus dem Markt gedrängt. Dies hat in den letzten Jahren zu einem Preisverfall an der Strombörse geführt; in Deutschland sanken die Börsenstrompreise laut Statistischem Bundesamt seit 2007 um etwa 65%. Da aber die Investitions- kosten für die Erneuerbaren über die EEG-Umlage finanziert werden, die vom überwiegenden Teil der Stromkunden über den Strompreis zu zahlen ist, ist für die meisten Kunden der niedrigere Börsenpreis kaum relevant. 7 Vgl. Auer, Josef (2010). Gasschwemme erreicht Europa. Starke Effekte auf Preise, Sicherheit und Marktstruktur. Deutsche Bank Research. EU-Monitor 75. Frankfurt am Main. 8 Vgl. Auer, Josef (2012). Moderne Stromspeicher. Unverzichtbare Bausteine der Energiewende. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen. Frankfurt am Main. 11 31 24 23 11 DE RU NO NL DK, UK und Sonstige Erdgas: Importe dominieren 11 Anteil der Herkunftsländer am Erdgasaufkommen in Deutschland, 2012*, % Quelle: BDEW * Vorläufig, teilweise geschätzt 0 2.000 4.000 6.000 8.000 Kernenergie Braunkohle Biomasse Steinkohle Wasserkraft** Erdgas Wind Öl Pumpspeicher Photovoltaik 2010 2011 2012*** Gravierende Unterschiede 12 Jahresvolllaststunden* in der Elektrizitäts - wirtschaft nach Kraftwerkstypen, DE Quelle: BDEW * Bedeutsame unterjährige Leistungsveränderungen sind entsprechend berücksichtigt ** Lauf - und Speicherwasser *** Vorläufige Werte Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 7 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen — Schließlich sind die häufig angeführten positiven Beschäftigungseffekte aufgrund von Investitionen in die Energiewende dadurch zu relativieren, dass sie zu nennenswerten Teilen auf staatliche Subventionen zurückzufüh- ren sind. Man muss sich also stets fragen, welche Beschäftigungseffekte man anderer Stelle mit den eingesetzten Mitteln hätte erzielen können. Da bei den Arbeitsplatzeffekten zudem häufig die Brutto-Effekte ausgewiesen werden, müsste zudem berücksichtigt werden, in welcher Höhe Beschäfti- gung in anderen Branchen verlorengegangen ist. Empirische Evidenz: Deutsche Energiekosten überdurchschnittlich hoch Geht man von dieser eher theoretischen Betrachtung über zu einer Analyse der Entwicklung der Energiepreise, dann ist das Ergebnis eindeutig: Die Energie- preise in Deutschland zählen zu den höchsten in der Welt und sind in den letz- ten Jahren überdurchschnittlich schnell gestiegen. Dies gilt vor allem für die Strompreise. Eindeutig ist auch der Befund, dass der Strompreis in den letzten Jahren überwiegend aufgrund staatlicher Maßnahmen gestiegen ist. Maßgeb- lich sind hier nicht europäische Instrumente wie der EU-Emissionshandel, der aufgrund des Preisverfalls für Emissionszertifikate 9 aktuell nicht zu wesentlichen Belastungen für Industrieunternehmen führt. Dominierend sind vielmehr natio- nale Maßnahmen. Hervorzuheben ist die Förderung der erneuerbaren Energien über das EEG, die sich allein 2014 auf über EUR 23 Mrd. belaufen dürfte. Die EEG-Umlage wird für Stromkunden, die nicht in den Genuss von Ausnahmereg- lungen kommen, dann auf mehr als 6 Cent/kWh steigen. Unter dem Strich überwiegen daher aktuell und wohl auch in den nächsten Jahren die Kostenbe- lastungen für die deutsche Volkswirtschaft. Einige Fakten zeigen dies deutlich: — Die Strompreise inklusive Steuern und Gebühren für Haushaltskunden la- gen laut Eurostat im 1. Halbjahr 2013 in Deutschland bei gut 29 Cent/kWh. Nur in Dänemark sind die Strompreise leicht höher (30 Cent/kWh). Der Ab- stand zum dritten Platz (Irland) beträgt bereits mehr als 6 Cent/kWh oder rd. 27%. Die Haushaltsstrompreise sind in Deutschland fast doppelt so hoch wie in Frankreich und liegen um 46% über dem EU-Durchschnitt. — Industriekunden in Deutschland mussten im 1. Halbjahr 2013 knapp 19 Cent/kWh für Strom zahlen (Sondervertragskunden zahlen niedrigere Prei- se). Damit belegt Deutschland den dritten Platz innerhalb der EU. Auch hier nimmt Dänemark den Spitzenplatz ein, gefolgt von Italien. Der deutsche Strompreis übertrifft das EU-Niveau um rd. 26% und jenes von Frankreich um 64%. Seit Anfang 2007 sind die Strompreise inklusive Steuern und Ge- bühren in Deutschland um knapp 48% gestiegen; in der EU waren es „nur“ 38%. Interessant ist dabei, dass der Strompreis vor Steuern und Gebühren in Deutschland im genannten Zeitraum sogar um 9% gesunken ist. — Auch im Vergleich zu außereuropäischen Ländern sind die Strompreise in Deutschland für Industriekunden hoch. Nach einer (von Eurostat abwei- chenden) Abgrenzung der Internationalen Energieagentur (IEA) übertrafen die Strompreise in Deutschland das US-Niveau 2012 um etwa 150%. — Bei Erdgas liegt der Preis für industrielle Kunden in Deutschland zwar auch über dem EU-Durchschnitt. Hier ist der Aufschlag mit knapp 16% aber mo- derater als im Strombereich. Deutlich gravierender ist der Preisunterschied gegenüber den USA. Dank der unkonventionellen Gasvorkommen ist der Gaspreis – trotz gestiegener Nachfrage – in den USA seit Ende des letzten 9 Drei wesentliche Gründe spielen für den Preisverfall eine Rolle: Erstens hat die europäische Wirtschaftskrise zu einer geringeren Nachfrage nach CO 2 -Zertifikaten geführt. Zweitens war der Zufluss an Zertifikaten aus internationalen Projekten größer als erwartet. Drittens ist in der Ver- gangenheit die Zuteilung von Zertifikaten großzügig ausgefallen. Als Resultat kommt es zu einem Überangebot an Zertifikaten und entsprechend niedrigen Preisen. 0 5 10 15 20 25 DK IT DE SK IE EU ES PT GR UK RO AT BE CZ HU SI NL FR PL SE FI Inklusive Steuern und Gebühren Ohne Steuern und Gebühren * Jahresstromverbrauch zwischen 500 und 2.000 MWh Quelle: Eurostat Deutsche Industriestrompreise in der europäischen Spitzengruppe 13 Strompreis für Industriekunden*, 2013, Cent/kWh 5 10 15 20 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 EU (inklusive Steuern und Gebühren) DE (inklusive Steuern und Gebühren) EU (ohne Steuern und Gebühren) DE (ohne Steuern und Gebühren) Quelle: Eurostat * Jahresstromverbrauch zwischen 500 und 2.000 MWh Strompreis für Industriekunden*, Cent/kWh Steuern und Gebühren treiben Strom - preise vor allem in Deutschland 14 0 1 2 3 4 5 6 7 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 Quelle: BMU EEG - Umlage steigt stark 15 Cent/kWh Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 8 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen Jahrzehnts tendenziell gesunken. Nach Statistiken des Internationalen Währungsfonds (IWF) liegt der Preis für Erdgas in Deutschland um über 200% über dem US-Niveau. Dieser Preisunterschied ist natürlich auch dar- auf zurückzuführen, dass bei Erdgas – anders als bei Öl – noch kein funk- tionierender Weltmarkt existiert, auf dem solche Differenzen nicht wahr- scheinlich wären. Aufgrund der niedrigen Preise sind die USA sowohl für energieintensive Unternehmen als auch für Unternehmen, für die Erdgas ein wichtiger stofflicher Einsatzfaktor ist, derzeit ein attraktiver Standort. Als Folge steigender Energiepreise stehen privaten Haushalte weniger Mittel für andere Konsumzwecke zur Verfügung; dieser Kaufkraftentzug geht z.B. zu Las- ten des Einzelhandels. Bei Unternehmen sinkt der finanzielle Spielraum etwa für Investitionen, Gewinnausschüttungen oder Lohnerhöhungen. 4. Investitionszurückhaltung, Verlust an Wertschöpfung und Carbon Leakage durch hohe Energiepreise Angesichts der steigenden Energiekosten ist es wenig verwunderlich, dass die deutsche Wirtschaft die Energiewende überwiegend als Belastung empfindet. Dies geht aus verschiedenen Umfragen hervor. Beispielsweise waren laut einer Umfrage des DIHK im Jahr 2013 knapp 33% aller Unternehmen der Meinung, dass sich die Energiewende negativ oder sehr negativ auf ihre Wettbewerbsfä- higkeit auswirkt. Dagegen schätzten nur 15,6% der Unternehmen die Energie- wende als positiv oder sehr positiv für die eigene Wettbewerbsfähigkeit ein. Bei Industrieunternehmen ist das Bild eindeutiger: Hier waren über 50% der Unter- nehmen der Auffassung, die Energiewende wirke negativ oder sehr negativ. Dagegen hielten nur 11,6% den Einfluss der Energiewende auf die Wettbe- werbsfähigkeit für positiv oder sehr positiv. 10 Gerade energieintensive Branchen 11 würden unter weiter steigenden Energie- preisen leiden. Zu berücksichtigen ist dabei, dass viele Unternehmen aus die- sen Wirtschaftszweigen aktuell noch in den Genuss von Ausnahmereglungen kommen. Diese werden nicht zuletzt mit dem Erhalt der internationalen Wettbe- werbsfähigkeit begründet. Zu den Vergünstigungen und Ausnahmereglungen zählen eine reduzierte EEG-Umlage, Befreiungen von den Netzentgelten, eine geringere KWK-Umlage, Steuerermäßigungen sowie der Spitzenlastausgleich bei der Strom- und Energiesteuer (Ökosteuer), die kostenlose Zuteilung von CO 2 -Zertifikaten und eine Kompensation von emissionshandelsbedingten Mehr- kosten. Es mehren sich jedoch die politischen Signale, dass die Sonderregelun- gen künftig zurückgefahren werden dürften. So dürfte die neue Bundesregie- rung einige Ausnahmen abschaffen. Zudem hat die EU ein Beihilfeverfahren wegen der Vergünstigungen bei der EEG-Umlage eingeleitet. Unter dem Strich wird es also wahrscheinlicher, dass die Ausnahmeregelungen künftig zumindest nicht mehr so großzügig ausfallen. Letztlich konnten sie schon in der Vergangenheit nicht verhindern, dass die Energiepreise auch für energieintensive Unternehmen in Deutschland schneller gestiegen sind als im Durchschnitt der EU. Und da diese Branchen mit Exportquoten zwischen 30% (Baustoffindustrie) und 57% (Chemieindustrie) ohne Zweifel im internationalen 10 Vgl. DIHK (2013). Unternehmen packen‘s an – Skepsis bleibt. IHK-Energiewende-Barometer 2013. Berlin. Differenz zu 100%: Neutrale Einschätzung oder Einschätzung nicht möglich. 11 Wenn wir im Folgenden von „energieintensiven Branchen“ sprechen, dann sind folgende Wirt- schaftszweige gemeint: Papierindustrie (NACE-Code 17), Chemieindustrie (20), Baustoffindustrie (23) sowie die Metallerzeugung und -bearbeitung (24). Auf sie entfielen 2011 knapp 16% der in- dustriellen Bruttowertschöpfung in Deutschland (in Grafiken 18 und 19 rot markiert). Den Sekto- ren gemeinsam ist, dass bei ihnen der Anteil der Energiekosten am Bruttoproduktionswert mehr als doppelt so hoch ist wie im Mittel des Verarbeitenden Gewerbes. Dieses Kriterium trifft zwar auch auf Untergruppen aus anderen Industriebranchen zu (z.B. Teile des Ernährungsgewerbes, der Textilindustrie, der Holzindustrie oder der Kunststoffindustrie). Aufgrund der besseren Daten- verfügbarkeit beschränken wir uns jedoch auf die zuvor genannten vier Industriesektoren. 0 50 100 150 200 250 300 NO US SE NL PL FR GR GB PT DE JP IT USD pro MWh, 2012 Quelle: IEA Elektrizitätskosten für die deutsche Industrie relativ hoch 16 0 2 4 6 8 10 12 14 92 96 00 04 08 12 Preis für Erdgas aus Russland an deutscher Grenze Spot - Preis für Erdgas am US - Terminal Henry Hub USD pro Million metrische BTU Quelle: IWF Erdgas in den USA viel billiger als in Deutschland 17 0 2 4 6 8 23 17 24 20 13 16 11 22 18 10 25 C 31 21 26 27 28 15 19 30 29 14 12 Baustoff - und Papierindustrie besonders energieintensiv 18 Anteil Energiekosten am Bruttoproduktionswert nach Branchen*, 2011, Deutschland, % Quelle. Statistisches Bundesamt * Nach NACE - Code; in einzelnen Untergruppen sind die Energiekostenanteile zum Teil deutlich höher Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 9 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen Wettbewerb stehen, sinkt durch steigende Energiekosten – ceteris paribus – die Konkurrenzfähigkeit gegenüber Unternehmen aus dem Ausland. Dass die Prei- se für Energie für den wirtschaftlichen Erfolg gerade der Unternehmen mit ho- hem Energieverbrauch von großer Bedeutung sind, zeigt eine Umfrage der KfW und des ZEW unter Unternehmen, die in Deutschland Anlagen betreiben, die dem EU-Emissionshandel unterliegen. Auf die Frage „Welche Faktoren sind für die Wirtschaftlichkeit der Fertigung Ihrer umsatzstärksten Produktgruppe am wichtigsten?“ nannten 76% der befragten Unternehmen die Energiekosten; die- se wurden damit als wichtigster Einflussfaktor eingeschätzt. 12 Investitionsverhalten schon in der Vergangenheit beeinflusst Investitionsentscheidungen hängen von Erwartungen über die Zukunft ab. Mit Blick auf die Ziele der Energiewende und etwaige Anpassungen bei den Aus- nahmeregelungen dürften die meisten Unternehmen mit steigenden Stromprei- sen in Deutschland rechnen. Gerade bei langfristigen Investitionsentscheidun- gen sind zudem die Erwartungen über die Versorgungssicherheit sowie die Ver- lässlichkeit energiepolitischer Rahmenbedingungen entscheidend; auch hier hat sich Deutschland in den letzten Jahren eher verschlechtert. Natürlich sind da- neben auch Faktoren wie die Lohnkosten, die Höhe der Steuersätze, das Er- schließen von Absatzmärkten, Zölle und nicht-tarifäre Handelshemmnisse, Local-Content-Vorschriften oder verminderte Wechselkursrisiken wichtig für Investitionsentscheidungen und nicht selten bedeutsamer als die Energie- kosten. Doch letztere sind für energieintensive Branchen häufig der entschei- dende Faktor. Unter dem Strich rechnen wir damit, dass sich Unternehmen aus jenen Branchen mit inländischen Investitionen zurückhalten werden. Schon in der Vergangenheit, als die Energiepreise in Deutschland niedriger waren, hat sich gezeigt, dass sich energieintensive und nicht-energieintensive Branchen in ihrem Investitionsverhalten deutlich unterscheiden. Schaut man sich z.B. das Verhältnis der Netto- zu den Bruttoanlageinvestitionen an, so ist festzustellen, dass die Nettoanlageinvestitionen in den energieintensiven Bran- chen seit 1995 nur zweimal positiv waren. Im Klartext: In nur zwei von 17 Jahren investierten die energieintensiven Branchen in Deutschland mehr in ihre Anla- gen, als sie abgeschrieben haben. Hier werden Anlagen also allmählich auf Verschleiß gefahren. Bei den nicht-energieintensiven Branchen waren es dage- gen sechs Jahre, in denen netto mehr investiert als abgeschrieben wurde. Auffällig ist dabei, dass sogar in den Jahren 2010 und 2011, als das BIP in Deutschland um insgesamt 7,5% expandierte, die energieintensiven Sektoren negative Nettoanlageinvestitionen verzeichneten. Auch für diese divergierende Entwicklung sind natürlich mehr Gründe als nur die Energiekosten maßgeblich (z.B. die jeweilige Kapazitätsauslastung und Nachfragesituation). Gleichwohl ist die Differenz zwischen den beiden Gruppen augenfällig. Als Folge der geringen Investitionstätigkeit ist das Nettoanlagevermögen bei den energieintensiven Industriezweigen zwischen 1995 und 2011 um über 11% gesunken, während es in den übrigen Branchen um knapp 5% zunahm. Die unterschiedliche Entwicklung spiegelt sich auch im Modernitätsgrad wider, also dem Verhältnis des Nettoanlagevermögens zum Bruttoanlagevermögen. Dieses lag 2011 bei den energieintensiven Sektoren um rd. 2%-Punkte unter dem Ni- veau der nicht-energieintensiven Branchen. Zudem war der Modernitätsgrad 2011 um 4%-Punkte niedriger als 1995. Unter dem Strich gibt es für Industrie- branchen in Deutschland einen negativen Zusammenhang zwischen der Ener- gieintensität und der Investitionstätigkeit. Hätten energieintensive Branchen genausoviel in heimische Anlagen investiert wie der Durchschnitt der Industrie, wären die inländischen CO 2 -Emissionen 12 Vgl. KfW und ZEW (2012): KfW/ZEW CO 2 Barometer 2012. Frankfurt am Main. 0 20 40 60 80 21 30 29 28 26 20 27 C 13 17 22 14 24 25 23 15 31 16 12 10 19 11 Quelle: Statistisches Bundesamt Anteil Auslandsumsatz am Gesamtumsatz nach Branchen (NACE - Codes), 2012, DE Exportquoten unterscheiden sich deutlich 19 - 30 - 20 - 10 0 10 20 95 98 01 04 07 10 Verarbeitendes Gewerbe Energieintensive Branchen Nicht - energieintensive Branchen Energieintensive Branchen fahren Anlagen auf Verschleiß 20 Quelle: Statistisches Bundesamt Anteil der Nettoanlageinvestitionen an den Brutto - anlageinvestitionen, % 85 90 95 100 105 110 95 97 99 01 03 05 07 09 11 Verarbeitendes Gewerbe Energieintensive Branchen Nicht - energieintensive Branchen Quelle: Statistisches Bundesamt Nettoanlagevermögen, 1995=100 Nettoanlagevermögen sinkt in energie - intensiven Branchen 21 Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 10 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen höher ausgefallen, als es tatsächlich der Fall war. Unterlassene Investitionen führen demnach über einen „schleichenden Prozess“ zu sinkenden CO 2 - Emissionen im Inland. Gleichzeitig spricht die Entwicklung der ausländischen Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in energieintensive Branchen dafür, dass die CO 2 -Emissionen im Ausland aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten deutscher Unternehmen gestiegen sind: Seit 1995 ist der Bestand an ausländi- schen Direktinvestitionen in den energieintensiven Wirtschaftszweigen zum Teil deutlich gestiegen; die empirischen Zahlen deuten also schon in der Vergan- genheit auf Carbon Leakage hin. Daran ist ferner zu erkennen, dass Unterneh- men aus energieintensiven Branchen nicht per se als weniger attraktive Investi- tionsobjekte eingeschätzt werden als Unternehmen aus anderen Sektoren. Na- türlich spielen auch hier für die Investitionsentscheidungen viele Gründe eine Rolle, und niedrigere Energiepreise im Ausland waren in der Vergangenheit keine Garantie dafür, dass die Engagements wirtschaftlich erfolgreich waren. Verlust an Umsatz und inländischer Bruttowertschöpfung wahrscheinlich Weiter überdurchschnittlich steigende Energiepreise in Deutschland dürften bei energieintensiven Unternehmen künftig zu Verlusten bei Umsatz und Brutto- wertschöpfung führen (absolute Rückgänge oder geringeres Wachstum). Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die höheren Kosten – ceteris paribus – auch zu höheren Produktpreisen führen, was eine geringere Nachfrage zur Folge hätte (preiselastische Nachfrage unterstellt). Wir haben basierend auf einer Überschlagsberechnung und drei verschiedenen Annahmen/Szenarien mögli- che Umsatzverluste für die energieintensiven Branchen geschätzt. 13 Dabei ha- ben wir unterstellt, dass die Umsatzverluste in allen Branchen im Ausland höher ausfallen als im Inlandsgeschäft, weil die preisliche Wettbewerbsfähigkeit im Ausland stärker beeinträchtigt wird als im Inland (geringere Energiekostenan- stiege bei ausländischen Konkurrenten). Im ersten Szenario (Energiekostenan- stieg absolut und relativ zum Ausland gering) haben wir angenommen, dass 1% des Inlandsumsatzes und 3% des Auslandsumsatzes verlorengehen. Im zwei- ten Szenario liegen die Verluste laut unserer Annahme bei 2% bzw. 7,5%. Im dritten Szenario (Energiekostenanstieg absolut und relativ zum Ausland hoch) haben wir für das Inland Umsatzverluste von 3% und für das Ausland von 10% kalkuliert. Wir haben uns nicht auf ein genaues Jahr festgelegt, bis zu dem die Umsatzverluste eintreten würden; es ist wahrscheinlich, dass sie sich nach eini- gen Jahren einstellen (Stichwort: schleichender Prozess). Bezieht man diese relativen Verluste auf den absoluten Umsatz der vier Bran- chen im Jahr 2012, würde dies im ersten Szenario einem gesamten Umsatzver- lust von rd. EUR 5 Mrd. und im dritten Szenario von rd. EUR 16 Mrd. entspre- chen. In der Summe entspräche dies einer Spanne von knapp 2 bis gut 6% des Gesamtumsatzes. In der Chemieindustrie dürfte der prozentuale Umsatzverlust aufgrund der hohen Bedeutung des Auslandsumsatzes am größten ausfallen (gut 2% im ersten Szenario und 7% im dritten Szenario). Die geringste Anfällig- keit wäre in der Baustoffindustrie zu erwarten (zwischen 1,6% und 5,1%); die Umsatzverluste wären freilich auch hier signifikant. Die Aussagekraft dieser Berechnung wird freilich dadurch beeinträchtigt, dass sie auf vereinfachten Annahmen basiert und Rückkopplungseffekte bzw. Zweit- rundeneffekte sowie Auswirkungen auf andere Wirtschaftszweige ausblendet. Gleichwohl schätzen wir die möglichen Umsatzverluste – je nach energie- und klimapolitischer Regulierung – als durchaus wahrscheinlich ein. Zumindest ge- 13 Wir beschränken uns dabei auf Umsatz- und Bruttowertschöpfungsverluste für die in Fußnote 11 erwähnten energieintensiven Branchen, wohl wissend, dass derartige Verluste auch bei vor- und nachgelagerten Industrie- und Dienstleistungsbranchen zu Veränderungen der wirtschaftlichen Aktivität führen (z.B. geringere Nachfrage nach Vorleistungsgütern und Transportdienstleistun- gen; eventuell höhere Nachfrage nach Substitutionsgütern). R² = 0,27 - 40 - 30 - 20 - 10 0 10 20 30 0 2 4 6 8 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research X - Achse: Energiekostenanteil* 2011, % Y - Achse: Verhältnis Netto - zu Bruttoinv.**, % * Anteil der Energiekosten am Bruttoproduktionswert in Industriebranchen ** Durchschnitt der Jahre 1995 bis 2011 Energieintensive Industriebranchen in Deutschland investieren weniger 23 45 46 47 48 49 50 51 95 97 99 01 03 05 07 09 11 Verarbeitendes Gewerbe Energieintensive Branchen Nicht - energieintensive Branchen Quelle: Statistisches Bundesamt Anteil Nettoanlagevermögen an Bruttoanlage - vermögen, % Modernitätsgrad bei energieintensiven Branchen stärker gesunken 22 0 100 200 300 400 500 600 700 800 95 97 99 01 03 05 07 09 11 17 20 23 24 C Ausländische Direktinvestitionen steigen 24 Bestand an ausländischen Direktinvestitionen dt. Unternehmen nach Branchen*, 1995=100 * Basierend auf NACE - Codes; die NACE - Codes beziehen sich auf die Branchenzugehörigkeit der ausländischen Unternehmen, in die investiert wird Quelle: Deutsche Bundesbank Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 11 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen ben sie einen Anhaltspunkt, über welche Größenordnungen grundsätzlich zu diskutieren ist. In einzelnen Untersparten der Branchen (z.B. jenen mit beson- ders hoher Energieintensität) könnten die Umsatzverluste noch höher ausfallen. Würden die potenziellen relativen Verluste (knapp -2% bis gut -6%) auf die Brut- towertschöpfung angewendet, gingen in den betreffenden Wirtschaftszweigen nach der oben skizzierten Kalkulation zwischen EUR 1,5 und EUR 4,7 Mrd. an inländischer Bruttowertschöpfung verloren. Auch hier sind Zweitrundeneffekte und Wechselwirkungen zu anderen Branchen nicht berücksichtigt. Sinkende CO 2 -Emissionen im Inland Eine interessante Frage ist nun, in welchem Ausmaß die CO 2 -Emissionen durch einen möglichen Verlust an inländischer Bruttowertschöpfung in den vier unter- suchten energieintensiven Branchen sinken könnten. Um in dieser Frage eine grobe Orientierung geben zu können, haben wir die in den Szenarien geschätz- ten Rückgänge der Wertschöpfung auf die CO 2 -Emissionen der einzelnen Bran- chen übertragen. Da uns keine offiziellen Daten zu den CO 2 -Emissionen gemäß unserer Branchenabgrenzung vorliegen, mussten wir uns mit einer Näherungs- lösung begnügen. So war der von der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) veröffentlichte Endenergieverbrauch unser Ausgangspunkt, da dieser für die vier energieintensiven Wirtschaftszweige vorliegt. Diesem Endenergie- verbrauch haben wir die gesamten CO 2 -Emissionen Deutschlands gegenüber- gestellt und vereinfachend unterstellt, dass unabhängig von der wirtschaftlichen Aktivität bzw. Energiequelle jede Einheit Endenergieverbrauch zu den gleichen CO 2 -Emissioen führt, was im Durchschnitt zutreffend ist. Das heißt, auf die energieintensiven Branchen entfallen 2011 laut AGEB 21,6% des Endenergie- verbrauchs und damit – grob überschlagen – auch 21,6% der CO 2 -Emissionen in Deutschland; dies waren im Jahr 2011 gut 172 Mio. Tonnen CO 2 . Ein Rückgang der inländischen Wertschöpfung durch höhere Energiekosten um 2% würde nach dieser vereinfachenden Kalkulation einer Reduktion der CO 2 - Emissionen um 3,4 Mio. Tonnen pro Jahr entsprechen. Bei einer 6%-igen Ver- ringerung der Wertschöpfung wären es über 10 Mio. Tonnen weniger CO 2 . Be- zogen auf die gesamten deutschen CO 2 -Emissionen entspräche dies einer Re- duktion um 0,4 bis 1,3% (Zweitrundeneffekte nicht berücksichtigt). Wie oben ausgeführt wurde, ist es wahrscheinlich, dass durch entsprechende Investitions- tätigkeiten deutscher Unternehmen im Ausland die dortigen CO 2 -Emissionen steigen werden. Die zuletzt angekündigten Investitionsvorhaben deutscher Chemiekonzerne in den USA sind hierfür eine gewisse empirische Evidenz. Die globalen CO 2 -Emissionen dürften also zumindest nicht sinken (und unter Be- rücksichtigung eines höheren Transportaufkommens sogar eher steigen). 5. Fazit und Ausblick Steigen die Energiekosten für die deutsche Industrie auch in den nächsten Jah- ren schneller als in anderen Staaten, setzt sich die empirisch belegbare Investi- tionszurückhaltung von Unternehmen aus energieintensiven Branchen fort. Gleichzeitig dürften die Investitionen dieser Unternehmen im Ausland tendenzi- ell zulegen 14 , weshalb Wertschöpfung und CO 2 -Emissionen in Deutschland – ceteris paribus – sinken, im Ausland aber steigen. Deutschland zeichnet sich durch eine vertikal integrierte industrielle Wertschöp- fungskette aus. Energieintensive Unternehmen stehen häufig am Anfang dieser Kette. Sie liefern Vorprodukte z.B. an den Maschinenbau, die Elektrotechnik oder den Fahrzeugbau, die selbst nicht energieintensiv produzieren. Vorteilhaft sind häufig die große räumliche Nähe zwischen den Unternehmen sowie ein 14 Vgl. DIHK (2013). Auslandsinvestitionen in der Industrie 2013. Berlin. 9,5 23,0 10,4 28,9 28,1 17 20 23 24 Sonstige Energieintensive Sektoren kommen auf über 70% am Endenergieverbrauch 25 Anteil* am Endenergieverbrauch von Bergbau und Verarbeitendem Gewerbe, 2011, DE, % * Basierend auf NACE - Codes; auf den gesamten Bereich Bergbau und Verarbeitendes Gewerbe entfallen 21,6% des Endenergieverbrauchs in Deutschland Quelle: AG Energiebilanzen 10 12 14 16 18 90 94 98 02 06 10 Quelle: Bureau of Economic Analysis Anteil des Verarbeitenden Gewerbes am BIP, % Industrie gewinnt in den USA zuletzt wieder an Bedeutung 26 Carbon Leakage: Ein schleichender Prozess 12 | 18. Dezember 2013 Aktuelle Themen enger Forschungsverbund, der durch die Einbindung von Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen ergänzt wird. Diese integrierte Wertschöp- fungskette ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor des hiesigen Industriestandorts. 15 Wird ein Teil der Kette geschwächt, wirkt dies belastend auf die anderen Glie- der. Sinken z.B. die Investitionen energieintensiver Unternehmen, kann mittel- fristig deren Innovationskraft leiden, was negative Folgen für die Abnehmer hät- te. Ferner können aufgrund steigender Energiekosten die Einkaufspreise ener- gieintensiver Vorprodukte für die Kunden ebenfalls zunehmen. Eine hohe Belas- tung energieintensiver Betriebe hätte damit auch negative Auswirkungen auf nachgelagerte Branchen. Zudem sind auch solche Erzeugnisse von steigenden Energiekosten betroffen, von denen man sich positive Impulse für das Gelingen der Energiewende oder eine höhere Energieeffizienz erhofft (z.B. die Herstel- lung von kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffen, die sehr energieintensiv ist). Alles in allem zeigt sich an der in diesem Bericht dargestellten Entwicklung das Dilemma einer lediglich national oder regional forcierten Klimapolitik: Beim Kli- mawandel handelt es sich um einen global wirkenden externen Effekt. Übermä- ßig hohe Energiepreise oder klimapolitische Regulierungen in einem Land füh- ren aber kurz- und mittelfristig nicht zu global sinkenden CO 2 -Emissionen, son- dern lediglich zu Verschiebungen – zumindest in internationalisierten Branchen. Die deutsche Energie- und Klimapolitik sollte diese Zusammenhänge berück- sichtigen. Um den schleichenden Prozess von De-Industrialisierung und Carbon Leakage zu stoppen, sollte sich Deutschland zusammen mit Europa entweder für ein schnelleres Vorankommen und strengere Ziele im internationalen Klima- schutz einsetzen oder das eigene Tempo drosseln. Hinsichtlich der deutschen Energiewende gilt es zumindest, mehr marktwirtschaftliche Instrumente einzu- setzen, bei denen die jeweilige Wechselwirkung stärker zu berücksichtigen ist. Ferner bedarf es mehr europäischer Abstimmung. Der Fokus muss stärker auf die Effizienzpotenziale gerade im Gebäudebereich gerichtet werden. Ohne Zweifel müssen für energieintensive Unternehmen, die im internationalen Wett- bewerb stehen, auch künftig Ausnahmeregelungen gelten. Die neue Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag einige dieser Aspekte adressiert. Die angekündigten Maßnahmen dürften jedoch nicht ausreichen, um einen weiteren Anstieg der Energiepreise in Deutschland zu stoppen. Der Ziel- konflikt zwischen anspruchsvollen energie- und klimapolitischen Vorgaben und „bezahlbaren“ (sprich: stabilen oder nur moderat steigenden) Energiepreisen lässt sich ganz offensichtlich vorerst nicht lösen. Eric Heymann (+49 69 910-31730; eric.heymann@db.com) Hannah Berscheid ______________________________ 15 Vgl. Bardt, Hubertus und Hanno Kempermann (2013). Folgen der Energiewende für die deutsche Industrie. Institut der deutschen Wirtschaft Köln. IW-Positionen Nr. 58. Köln. © Copyright 2013. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations- zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste- henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis der Bundesanstalt für Fi- nanzdienstleistungsaufsicht verfügt. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG London, Mitglied der London Stock Ex- change, genehmigt und/oder verbreitet, die in Bezug auf Anlagegeschäfte im Vereinigten Königreich der Aufsicht der Financial Services Authority unter- liegt. 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2.4.6